Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Grillparzer >

Weh dem, der lügt!

Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt! - Kapitel 7
Quellenangabe
typecomedy
booktitleWeh dem, der lügt!
authorFranz Grillparzer
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004381-6
titleWeh dem, der lügt!
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
Schließen

Navigation:

Dritter Aufzug

Vorhof in Kattwalds Hause wie im zweiten Akte. Die Halle ist erleuchtet, und man sieht Gäste an einem langen Tische sitzen. Im Vorgrunde Leon beschäftigt. Atalus vor der Küche auf einem Steine sitzend und mit seinem Stocke spielend.

Leon (einem Knechte einen großen Braten reichend).
Trag nur hinauf und sag, es sei das letzte.
Sie mögen ihre Lust am Weine büßen.

(Knecht über die Brücke in die Halle.)

Leon (nachdem er Atalus eine Weile betrachtet).
Nun habt Ihr überlegt?

Atalus.
     Was nur?

Leon.
          Was ich Euch sagte.

Atalus.
Was sagtest du mir denn?

Leon.
     Du meine Zeit!
Das hält auch gar zu schwer. So hört denn zu.
Warum ich Euch hierher gebracht, Ihr wißt's.
Der alte Werwolf aber schöpft Verdacht.
Ich hört' ihn sagen, zieh' die Tochter fort,
Wollt' er mit ihr Euch senden, weit ins Land.

Atalus.
Das wär' mir eben recht.

Leon.
     So? In der Tat!

Atalus.
Das Mädchen ist gar hübsch.

Leon.
     Das merkt' ich auch.

Atalus.
Sie will mir wohl.

Leon.
     Das merkt' ich nicht.

Atalus.
          Seit lange.

Leon.
Doch schien es mir, als lacht' sie über Euch.

Atalus (aufstehend).
Mein Ohm hat mich den Studien bestimmt,
Deshalb verkehrt' ich wenig nur mit Weibern,
Doch sagt man: was sich neckt, das liebt sich auch.

Leon.
Doch Necken und Verlachen, Herr, sind zwei.

Atalus.
Ich glaub es nun einmal.

Leon.
     Ei, immer denn!
Doch zieht mit der Euch liebenden Geliebten
Ihr weiter fort ins Land, wie steht's dann, Herr,
Mit Eures Oheims Wunsch und unsrer Flucht?

Atalus.
Da hast du wieder recht.

Leon.
     So hört denn weiter.

(Geschrei und Lärm von zusammengestoßenen Bechern im Hause.)

Leon (nach rückwärts).
Nur zu! nur zu! Das paßt in meinen Plan!
Mein Anschlag ging zuerst ins Ferne, Weite,
Nach Wochen dacht' ich möglich erst die Flucht.
Doch trennt man uns, welkt alle Hoffnung hin.
Auch ist Gelegenheit ein launisch buhlend Weib,
Die nicht zum zweiten Male wiederkehrt,
Fand sie beim erstenmal die Tür verschlossen.
Nun hoff ich, daß der Wein, die fremden Speisen,
Die ich zumal gepfeffert und gewürzt,
Daß sie zum Trunk, wie Sommerwärme, laden;
Davon hoff ich die Herren so bewältigt –
Die Diener ahmten treulich ihnen nach. –
(Auf die große Pforte zeigend.)
Seht Ihr den Schlüssel dort in jenem Schloß?
Vergißt man den, wenn's Abend, abzuziehn,
Ist frei der Weg, und – halt noch! Geht zur Seite!

(Sie treten auseinander. Ein Diener kommt schwerfälligen Ganges, ein Lied mißtönig vor sich hinbrummend. Er geht zur Pforte, schließt sie ab und zieht dann den Schlüssel aus. Leon macht eine Bewegung gegen ihn, tritt aber gleich wieder zurück. Der Diener geht über die Zugbrücke ins Haus.)

Atalus (lachend).
Ha, ha! Damit ging's schief.

Leon.
     Freut Ihr Euch drüber?

Atalus.
's ist nur, weil du für gar so klug dich hältst.

Leon.
Ob klug, ob nicht, das soll die Folge lehren.
Den Schlüssel schaff ich wieder, drauf mein Wort.
Ich hab erkundigt, daß er nachts im Zimmer
Des Alten hängt, zu Häupten seines Betts;
Dort holt man ihn, tun Wein und Schlaf das ihre.

(Neuer Lärm in der Halle.)

Hört Ihr? Doch klingt's schon schwächer. Sie sind matt.
Was heut getan, ersparst du dir für morgen,
Ein Helfer wie dies Fest kommt nicht im Jahr.
Auch ist der Weg mir, den ich hergemacht,
Teils noch bekannt, teils stellt' ich Zeichen,
Die längre Zeit verwirret und verwischt,
So daß der Anschlag heut, wie nie, gelingt.
Kommt dann der Tag, und sind sie spät erwacht,
So sichert uns der Vorsprung, will es Gott.
(Die Lichter in der Halle sind nach und nach verlöscht.)
Seht, es wird dunkel oben in der Halle,
Bald haben Wein und Schlaf ihr Amt vollbracht.

Doch wird man unsre Flucht vor Tag gewahr,
So ist noch eins zu tun. Seht dort die Brücke,
So roh wie alles hier und schlecht gefügt,
Mit Pflöcken eingerammt die Tragepfähle.
Gräbt nun ein Mann der Pfeiler einen ab,
So stürzt die Brücke, wenn man sie betritt,
Und der Verfolger liegt im sumpf'gen Graben.
Das sichert uns vor jenen drin im Haus;
Und auch die Knechte werden früher eilen,
Zu ziehen den Gestürzten aus dem Grund,
Als daß sie uns verfolgen, die wir fliehen.
Bis man den Zugang herstellt, sind wir weit.
So ist nun zwei zu tun, doch sind wir zwei:
Der eine schleicht ins Haus, indes der andre
Die Stützen losgräbt, wie ich Euch gesagt,
Wozu hier das Gerät schon in Bereitschaft.

Atalus.
Ich dring ins Haus.

Leon.
     Ei wahrlich! in der Tat!

Atalus.
Hätt' ich ein Schwert, der Schlüssel wäre mein.

Leon.
Hätt' ich, so würd' ich! – Possen! Wenn und Aber
Sind, wie das Sprichwort sagt, der Pferde schlechtster Haber.
Ich will Euch nicht bestreiten andre Gaben,
Doch schlauer, Herr, bin ich. Ich schleich ins Haus.
Ihr mögt indes nach Lust im Boden wühlen.

Atalus.
So fällt das Schwerste immer denn auf mich?

Leon.
So nennt Ihr das das Schwerste? in der Tat!

Atalus (Spaten und Haue mit dem Fuße wegstoßend).
Nicht rühr ich an dies niedrige Gerät.
Ich bin der Beßre, darum muß das Kühnre
Mir anvertraut sein, mir! Ich dring ins Haus.

Leon.
Und wenn Euch einer in den Gängen trifft?

Atalus.
So pack ich ihn am Hals –

Leon.
     Und er schreit Zeter.
Herr, kämpft mit Löwen, aber Vögel fangen,
Das laßt nur mir. Es sei, wie ich gesagt.
Mir hat's Eu'r Ohm vertraut, ich steh ihm ein,
Drum muß es gehn nach meinen klaren Sinnen.
Sonst send ich Euch zu Euern Pferden wieder,
Da mögt Ihr denn an Euerm Unmut kaun,
Indes ich selbst die raschen Beine brauche.
Was sie für mich bezahlt, ist dann wohl wett
Durch manchen Dienst, den etwa ich geleistet.
Eu'r Oheim harret Eurer – hört Ihr wohl?
Leis mit den Abendwinden, deucht mich, dringt
Zu uns her sein Gebet, das schützt, das sichert,
Und Engel mit den breiten Schwingen werden
Um uns sich lagern, wo wir wandelnd gehn.
Ich möcht Euch schmeicheln, wie man Kindern schmeichelt.
Glaubt, Graben ist ein adelig Geschäft!
Was Ihr auch Großes wirkt und Großes fördert,
Der Euch einst eingräbt, er besiegt doch alles,
Was in Euch siegt und wirkt und prangt und trachtet.
Hier ist der Spaten, tragt ihn wie ein Schwert,
Und hier die Haue – doch noch nicht, noch jetzt nicht.

(Edrita erscheint auf der Brücke.)

Edrita.
Seid Ihr noch wach?

Leon.
     Wir sind's.

Edrita.
          So geht zur Ruh'!

Leon.
Wir werden's.

Edrita.
     Habt ihr euch nun satt geplaudert?

Leon.
Man ist nicht satt, solang noch Hunger bleibt.

Edrita.
Wenn's euch erfreut, mir recht. Ich geh nun schlafen.

Leon.
Und schließest du dort oben wohl die Tür?

Edrita.
Das ist des Vaters abendlich Geschäft,
Der selbst vor Schlafengehn die Runde hält.
Doch heute, denk ich, unterläßt er's wohl.
Er hat des Weins zuviel in sich gegossen
Und liegt nun schon und schläft. Da mag er sehn.
Ich tu nur, was mein eignes Amt. Nicht wahr?

Leon.
Das sollte jeder tun.

Edrita.
     So geh denn schlafen.
Das ist zu Nacht der Müden süße Pflicht.
Und Träume wachen auf, so wie wir schlafen.
Wirst du auch träumen heut?

Leon.
     Weiß ich's?

Edrita.
          Ich weiß.
Fast schlummr' ich schon. Gut' Nacht!

Leon.
     Schlaf wohl!

Edrita.
          Ich will.
(Sie geht ins Haus.)

Leon (nachdem er ihr eine Weile nachgesehen).
Nun geht ans Werk mit Gott! Hier das Gerät,
Doch braucht es leise, daß das Ohr der Nacht
Nicht aufhorcht Eurem Ton. Vorsicht vor allem.
(Er hat ihn nach rückwärts geführt.)
Steigt in den Graben nur. Seht zu, hier geht's.
Die Füße setzend in des Abhangs Rasen
Gelangt Ihr leicht zum Grund, der seicht genug,
Zur Not erreichbar mit 'nem tücht'gen Sprung.

(Atalus ist in den Graben gestiegen.)

So geht's. Schon recht. Nun das Gerät.
(Er reicht ihm die Werkzeuge.)
Und jenen Pfeiler rechts dort grabt mir an,
Er scheint am losesten befestigt und verrammt.
Der Grund ist weich, es geht so leicht wie Essen.
(Nach vorn kommend.)
Nun will denn ich mich rüsten an mein Werk.
(Sich an den Hals fühlend.)
Sitzt denn der Kopf noch fest? Ja, noch zur Hand,
Doch für demnächst möcht ich darauf nicht borgen.
Ob ich sie schon mit derber Unverschämtheit
So sehr an jedes Äußerste gewöhnt,
Daß Scherz und Ernst in einem Topfe quirlt
Und die Beleid'gung zur Entschuld'gung wird.
Mut denn, Leon, es geht nicht gleich ans Leben.
(Halblaut singend.)
Es war einmal! –
     Ja so, es gilt zu schweigen.
Und dann, wenn's endlich wirklich nun gelingt
Und er, der gute alte Herr – Habt acht!
Es geht zum Sturm! Den Schild hoch! Doppelschritt!
(Er eilt die Brücke hinan, hinabsehend.)
So recht, mein Maulwurf, wühl dich in den Grund!
Doch laß ein Restchen Pflockes nur noch stehn,
Sonst droht beim Rückweg selber mir die Falle.

(Man hört unten einen lautern Schlag.)

Halt doch! zu laut! – Doch leise nur auch ich.
(Er geht ins Haus.)

Atalus (unten).
Leon!
(Er wird sichtbar.)
     Er ist schon fort! Der freche Bursch
Läßt mich hier fronen, während er – Geduld!
Er soll mir's seinerzeit mit Wucher zahlen.
(Er verschwindet wieder.)

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.