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Weh dem, der lügt!

Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt! - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleWeh dem, der lügt!
authorFranz Grillparzer
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004381-6
titleWeh dem, der lügt!
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Kurze Gegend, mit Bäumen besetzt.

Der Schaffer kommt, vor ihm her Atalus.

Schaffer.
Bist du schon wieder müßig, wie du pflegst?
Dort gehn die Pferde weiden. Hier dein Platz.
Und wenn sich eins verliert, so wär' dir besser,
Du hättst dich selbst verloren, als das Tier.

(Atalus setzt sich im Vorgrunde rechts auf die Erde. Der Schaffer geht. Nachdem dieser fort ist.)

Atalus.
Geh nur, du grober Bauer, geh! Ich wollt',
Vergiften könnt' ich sie mit einem Blick.
(Er schnitzt an einem Stock.)
Hab ich den derben Stock erst zugeschnitzt,
Dann nah' mir einer nur.
     Verwünschtes Volk!
Und auch das grobe Hemd kratzt mir die Haut,
Und nichts als Brot und grüne Kost zur Nahrung.
Wär' ich erst wieder heim bei meinem Ohm!
Der denkt nicht mein und läßt sich's wohl ergehn,
Indes ich hier bei diesen Heiden schmachte.

(Edrita und Leon kommen.)

Edrita (Kräuter pflückend).
Sich, hier ist Salbei, blaues Kerbelkraut.
Und dort dein Landsmann, schau nur, Atalus.
Der brummt in seinen Bart und schwingt den Stock,
Damit vermeint er, all uns zu erschlagen.
Ei, Gott zum Gruß, mein hochgestrenger Herr!
Das ärgert ihn. – Verweile hier ein wenig!
Ich will zum Garten noch des Schaffers gehn;
Dort wächst am Zaune schöner Majoran,
Davon stibitz ich etwa dir ein Händchen.
(Sie setzt das Körbchen nieder.)
Bleib nur indes!

Leon.
     Ja wohl.

Edrita.
          Bald komm ich wieder.
(Sie geht.)

(Leon setzt sich links im Vorgrunde auf den Boden nieder und legt den Inhalt des Körbchens aus.)

Leon.
Das hier ist Kraut und das gesprengter Kohl –
He, Atalus!

Atalus (gerade über sich blickend).
     Ruft's da?

Leon.
          Hier gelbe Möhren –
Eu'r Oheim sendet mich.

Atalus.
     Wie nur? Mein Ohm?

Leon.
Bleibt dort und schweigt! Man darf uns nicht gewahren.

Atalus (aufstehend).
Du sprachst von meinem Ohm.

Leon.
     Dort Euer Platz!

Atalus.
Er selbst –

Leon.
     Wenn Ihr nicht bleibt, so geh denn ich.
(Er steht auf und entfernt sich nach dem Hintergrunde.)

Atalus (der sich wieder gesetzt hat).
Das ist denn auch so einer wie die andern!
Sie necken mich und haben ihre Lust.
Dem Mädchen, nun, dem steht's noch artig an;
Doch diese groben Bursche – Gottes Wort!
(Mit seinem Stock auf den Boden schlagend.)
Ich wollt', ein Streich genügte für sie alle.

Leon (wieder nach vorn kommend und sich setzend).
Noch einmal, Atalus, bleibt still und hört.
Eu'r Oheim sendet mich, Euch zu erretten.

Atalus.
Wie fingst du das nur an?

Leon.
     Mit Gott gelingt's.
Schon fand den Eingang ich in dies Gehöft.
Ich bin hier Koch.

Atalus.
     Da bist du schon was Rechts!

Leon.
Ist alles gut doch, was zum Ziele führt.
Der Herr des Hauses ist mir hold gesinnt,
Ich will erbitten Euch mir zum Gehilfen.

Atalus.
Mich zum Gehilfen? In der Küche?

Leon.
     Wohl!

Atalus.
Da such du einen andern nur als mich.

Leon.
Und wenn Ihr sonst gefangen bleibt, wie dann?

Atalus.
Weit lieber hier gefangen oder sonst,
Als also schänden meiner Väter Namen.

(Der Schaffer geht im Hintergrunde beobachtend vorüber.)

Leon (im Korbe kramend).
Hier Sellerie und das hier Pastinak.
Die Zwiebel beißt. Zu wenig von der Kresse.

(Der Schaffer geht ab.)

Leon.
Gält' es nur Euch, so wär' ich nun am Ende.
Doch Euer Oheim will's, und, junger Herr,
Da werdet Ihr wohl müssen.

Atalus.
     Müssen, ich?

Leon.
Ja, Herr! und huckpack trag ich Euch hinüber,
Wenn Ihr Euch sträubt.

Atalus.
     Ei, wag's nur, grober Bauer!

(Edrita kommt.)

Edrita.
Hier hast du noch. Nun ist's wohl denn genug?
(Sie schüttet Kräuter aus ihrer Schürze in den Korb.)
Und sprachst du auch zu deinem Landsmann dort?
Das ist ein wunderlicher Bursch, nicht wahr?

Atalus (aufstehend).
Sprächt Ihr mit mir, Euch stünd' ich etwa Rede;
Doch jener dort ist albern und gemein.

Edrita.
Ei, klüger wohl als du.

Atalus.
     Ja, überhaupt
Tut Ihr nicht gut, mich also zu verschmähn.
Kehr ich einst heim, wer weiß? ich nähm' Euch mit.

Edrita.
Du reichtest wohl die Hand mir gar?

Atalus.
     Vielleicht.

Edrita.
Ei sieh!

Atalus.
     Vorausgesetzt, der König, unser Herr,
Erkennt' Eu'r Haus zu fränk'schem Helm und Schild.

Edrita.
Dann aber meinst du?

Atalus.
     Dann, o ja!

Edrita.
          O nein!
Der hier gefällt mir, weil er leicht und froh,
Du aber bist beschwerlich und zur Last.

Leon.
Er soll in meine Küch'.

Atalus.
     So wiederholst du's?

Leon.
Mir als Gehilf'.

Edrita.
     Er ist wohl ungeschickt.

Leon.
Wenn auch! Er ist ein Frank' und läßt sich bilden.

Atalus.
Ich aber will nicht, sag ich noch einmal.
Die Pferde hüt ich endlich, weil ich muß,
Und weil's ein edles, ritterliches Tier.
Doch in der Küche? Eher hier am Platz
Laß ich mein Leben, gliederweis zerstückt.
(Er hat den Stock ergriffen.)

(Kattwald und Galomir kommen.)

Kattwald.
Die streiten, ho!

(Da Galomir mit einer heftigen Bewegung nach der Gruppe hinweist.)

     Nun ja, ich sehe schon.
Was treibt ihr hier?

Edrita.
     Wir suchten Küchenkräuter.
Hier dieser kennt sie, und ich pflückte sie.

Leon.
Auch dacht' ich, 'nen Gehilfen mir zu dingen,
Hier, da mein Landsmann stand mir eben an;
Allein er will nicht.

Atalus.
     Nein.

Kattwald.
          Nur eben nein?
Du willst nicht, so? und all dein Grund ist: nein?
Ich aber sage dir: wenn er in meinem Namen
Dich folgen heißt, so folgst du ohne Nein;
Sonst dürften meine Knecht' an dir versuchen,
Ob fest das Eisen noch an Beil und Spieß.

Edrita.
Nun stehst du da und weißt nicht, was du sollst,
Und mußt gehorchen doch. Ich wußt' es ja.

Kattwald.
Merk wohl: wenn er dir's heißt in meinem Namen;
Doch vorderhand bleibst du hier außen noch.
(Zu Leon.)
Mein Freund, du schnüffelst mir zuviel herum
Und spionierst, merk ich, nach allen Seiten.
Du suchst wohl den Genossen nur der Flucht.

Leon.
Erraten, Herr! Zu zweien läuft sich's besser.

Kattwald.
Nun denn! du hast mich scherzhaft nur gesehn,
Da duld und geb ich wohl ein lustig Wort.
Doch preß ich meine Finger in den Mund
Und ruf mein Schlachtgeschrei, dann, guter Freund,
Setzt's Blut.

Edrita.
     Du, das ist wahr.

Leon.
          Ich zweifle nicht.
Blut auch bei mir. von Hühnern, Tauben, Enten,
Von allem, was nicht beißt und fromm sich fügt.
(Er fängt an, das Grünzeug aus dem Korbe zu werfen.)

Kattwald (eifrig).
Was machst du da?

Leon.
     Was soll das viele Zeug?
Ist niemand hier doch, der's zur Küche trägt.

Kattwald.
Nimm du den Korb und geh!

Leon.
     Ei, in der Tat?
Bin ich als Träger denn in Euerm Dienst?

Edrita.
Laß mich –

Leon.
     Wärt Ihr bemüht an meiner Statt?

Kattwald.
Am Ende soll ich selbst –?

Leon.
     Wer's tut, mir gleich.

Kattwald (umherblickend).
Da hilft denn wirklich nur ein tücht'ger Stock.

Atalus (auf seinen Knüttel gelehnt, vergnügt vor sich hin).
Bricht's einmal los? Er ist auch gar zu frech.

Kattwald (zu Atalus).
Zu frech? Und du zu albern, leerer Bursch!
Wer etwas kann, dem sieht man etwas nach,
Das Ungeschick an sich ist schon ein Ungemach.
Du nimmst den Korb und gehst und dienst ihm hilflich,
Und führt er Klag', gedenk an meinen Arm.
Für ihn wird sich wohl auch der Meister finden.
Du widersprichst?

Edrita.
     Er sagt ja nicht ein Wort.

Kattwald.
Nun denn, hierher! und fort!
(Zu Galomir.)
     Mach ihnen Beine!

(Da dieser mit hastiger Übertreibung das Schwert ziehen will.)

Oho! Du spießest etwa mir den Koch
Und brätst ihn endlich gar! Brauch deine Hände!

Leon (zu Edrita).
Indes sie hier sich liebenswürdig machen,
So machen wir uns fort. Nicht So?

Edrita.
     Mir recht!

Leon.
Und wer am besten läuft, erhält – Nun was?

Edrita.
     Nun nichts!

(Sie laufen Hand in Hand fort.)

Kattwald.
Holla, das läuft! Die sind schon sehr bekannt!
Und was denkst du dazu, mein armer Galomir?

Galomir.
Ich?

Kattwald.
     Nun, ich weiß, du denkst nicht gar zuviel.
Doch sei getrost! Nur noch ein Tage zwei,
So ist sie deine Frau, und ihr zieht fort.
Da nimmst du diesen Burschen etwa mit,
(auf Atalus zeigend)
Und macht der andre hier sich gar zu unnütz,
So tun wir ihm, wie er den Hühnern tut,
Und schlachten ihn mal ab. Für jetzt, Geduld!
Zum Festschmaus ist er uns ja doch vonnöten.
(Zu Atalus.)
Du dort, voran!
     Uns laß nur immer heim,
Die Gäste fanden etwa auch sich ein.
(Gehend, dann stehenbleibend.)
Mir wässert schon der Mund nach leckern Bissen!

(Indem Atalus, den Korb in der Linken tragend und den Stock auf der rechten Schulter, widerwillig vorausgeht und die beiden folgen, fällt der Vorhang.)

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