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Weh dem, der lügt!

Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt! - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleWeh dem, der lügt!
authorFranz Grillparzer
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004381-6
titleWeh dem, der lügt!
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Leon.
Husch, husch!

Kattwald (zusammenfahrend).
     Was ist?

Leon.
          Dort lief ein Marder,
Gerad ins Hühnerhaus.

Kattwald.
     Daß dich die Pest!
Nun hab ich's satt. Die Peitsche soll dich lehren

Leon (singt).

Trifft die Peitsche den Koch,
So rächt er sich doch,
Mag die Peitsche auch kochen,
Solang er im Loch.

Kattwald.
Sing nicht!

(Leon pfeift die vorige Melodie.)

     Und pfeif auch nicht!

Leon.
          Was sonst denn?

Kattwald.
               Reden.

Leon.
Nun also: Euer Drohen acht ich nicht.
Ihr könnt mich plagen; ei, ich plag Euch wieder.
Ihr laßt mich hungern, ich laß Euch desgleichen;
Denn Euer Magen ist mein Untertan,
Mein untergebner Knecht von heute an,
Wir stehn als Gleiche gleich uns gegenüber.
Drum laßt uns Frieden machen, wenn Ihr wollt.
Ich bleib bei Euch, solang es mir gefällt,
Bin Euer Koch, solang ich mag und will.
Mag ich nicht mehr, gefällt's mir fürder nicht,
So geh ich fort, und all Eu'r Drohn und Toben
Soll mich nicht halten, bringt mich nicht zurück.
Ist's Euch so recht, so gebt mir Eure Hand.

Kattwald.
Die Hand! Was glaubst du denn?

Leon.
     Ihr fallt schon wieder
In Euern alten Ton. – He, Knechte, ho!
Kommt her und bindet mich! Bringt Stricke, Pflöcke!
Sonst geh ich fort, fast eh' ich dagewesen.
He, holla, ho!

Kattwald.
     So schweig nur, toller Bursch!
Hier hast du meine Hand, auf daß du bleibst –

Leon.
Und fortgeh, wenn –

Kattwald.
     Du kannst. Und wenn du willst,
Setz ich hinzu und weiß wohl, was ich sage.
Besorgst du mir den Tisch, wie ich es mag,
So soll dir Kattwalds Haus wohl noch gefallen.
Und nun geh an dein Amt und zeig mir Proben
Von dem, was du vermagst.

Leon.
     Wo ist die Küche?

Kattwald.
Nun, dort.

Leon.
     Das Hundeställchen? Ei, Gott walt's!
Das hat nicht Raum, nicht Fug, nicht Schick.

Kattwald.
     Nu, nu!
Begnüg dich nur für jetzt, man wird ja sehn.
Was gibst du heute mittags?

Leon.
     Heute mittags?
(Ihn verächtlich messend.)
Rehbraten etwa.

Kattwald.
     Gut.

Leon.
          Gedämpftes. – Aber nein.

Kattwald (eifrig).
Warum nicht?

Leon.
     Ihr müßt erst essen lernen,
Erst nach und nach den Gaum, die Zunge bilden,
Bis Ihr des Bessern wert seid meiner Kunst.
Für heute bleibt's beim Braten, und aufs höchste –
Wir wollen sehn.

Kattwald.
     Nun sieh nur, sieh!

Leon (rufend).
          Nun Holz
Und Fett und Mehl und Würze! Tragt zusammen,
Was Hof und Haus vermag. He, Knechte, Mägde!

(Diener sind gekommen.)

Du feg den Estrich! Du bring Holz herbei!
Ist das Gerät? Habt Ihr nicht schärfte Messer?
Das Fleisch mag angehn. Pfui, was trockne Rüben!
(Er wirft sie weit weg.)
Der Pfeffer stumpf.
(Er schüttet ihn auf den Boden.)
     Was knaupelst du da 'rum?
Du Tölpel, willst du gehn?
(Er jagt ihn mit einem Fußtritt aus der Küche.)
     Verfluchtes Volk!
(Er nimmt einem die Schürze und bindet sie um.)
Hat man nicht seine Not mit all den Tieren?

Edrita (kommt).
Was ist denn hier für Lärm?

Kattwald.
     Pst, pst! Der neue Koch.

Edrita.
Für den Ihr so viel Geld –?

Kattwald.
     Ja wohl. Sei still!
Er weist uns sonst noch beide vor die Tür.

Edrita.
Doch wer erlaubt ihm, so zu lärmen?

Kattwald.
     Je!
Ein Künstler, Kind! Ein großer Mann, dem's rappelt.
Man muß das Volk wohl dulden, will man's brauchen.
Ich schleiche fort; bleib du mal da und schau,
Ob du was absehn kannst. Doch stör ihn nicht.
Hörst du? Nur still! Und mittags in der Halle.
(Er geht.)

(Leon beschäftigt sich in der Küche. Edrita steht entfernt und sieht ihm zu.)

Leon (singt).

Den Wein, den mag ich herb,
Der Tüchtige sei derb.

(Sprechend.)
Pfui Süßes! Hol' der Teufel das Süße!

Edrita.
Ein schmuckes Bursch; doch vorlaut, wie es scheint.
Ich will mir ihn ein wenig nur betrachten.

Leon (singt).

Der Reiter reitet ho, ho!
Da ruft sie vom Fenster he, he!
Er aber lächelt ha, ha!
Bist du da?

(Sprechend.)
Nun freilich da, wo sollt' ich auch sonst sein?

Edrita.
Bemerkt er mich in Wahrheit nicht, wie, oder
Stellt er sich an? Ich will nur zu ihm sprechen.
He, guter Freund!

Leon (ohne aufzusehen).
     He, gute Freundin. Ei,
Ich mag die guten Freundinnen wohl leiden!

Edrita.
Was macht Ihr da?

Leon (der Fleisch auslöst, ohne aufzusehen).
     Ihr seht, ich spalte Holz.

Edrita (sich zurückziehend).
Nun, das war grob.

Leon (singt).

Wer Augen hat, ohne zu sehn,
Wer Ohren hat und nicht hört,
Ist Ohren, beim Teufel,
und Augen nicht wert.

Edrita.
Ich sah wohl, was Ihr tut, doch sah ich auch,
Daß Ihr das Gut verderbt, das Ihr bereitet,
Und darum fragt' ich Euch. Seht einmal selbst!
Ihr schneidet ab die besten Stücke. Hier!

(Sie hat hinweisend den Finger dem Hackbrette genähert. Leon schlägt mit dem Messer stärker auf. Sie zieht schreiend den Finger zurück.)

Ei Gott! das ist ein grober Bursch. Bewahr'!
Nun sprech ich nicht mehr, gält' es noch so viel.

Leon.
Es geht nicht! Nur daheim ist Arbeit Lust,
Hier wird sie Frone. Da lieg du und du!
(Er legt Messer und Schürze weg.)
Sie mögen zusehn, wie sie heut sich nähren.
Ich will mal eins spazierengehn. – Ja dort,
Dort geht der Weg ins Freie. Laßt doch sehn!

Edrita.
Das wird dir schlimm bekommen, grober Mensch!
Denn kaum im Freien, packen dich die Knechte
Und führen dich mit manchem Schlag zurück.

Leon.
Ja so! Ihr fürchtet, daß man sich verkühle.
Die freie Luft ist ungesund. Recht gut!
So laß denn du uns miteinander plaudern.
Ein feines Mädchen! Je, mein gutes Kind,
Kann man dir nahen, ohne viel zu wagen?

Edrita.
Wie meinst du das?

Leon.
     Je, trifft man ein Geschöpf
Von einer neuen, niegesehnen Gattung,
So forscht man wohl, ob es nicht kneipt, nicht sticht,
Nicht kratzt, nicht beißt; zum mind'sten will's die Klugheit.

Edrita.
So hältst du uns für Tiere?

Leon.
     Ei bewahre!
Ihr seid ein wackres Völkchen. Doch verzeih!
Vom Tier zum Menschen sind der Stufen viele.

Edrita.
Armseliger!

Leon.
     Sieh, Mädchen, du gefällst mir!
Das läßt sich bilden, ich verzweifle nicht.

Edrita.
Weißt du auch, wer ich bin?

Leon.
     Ja doch, ein Mädchen.

Edrita.
Und deines Herrn, des Grafen Kattwald, Tochter.

Leon.
Ei, liebes Kind, da bist du nicht gar viel.
Ein fränk'scher Bauer tauschte wahrlich nicht
Mit Eures Herren Herrn. Denn unter uns:
Ein Mensch ist um so mehr, je mehr er Mensch.
(Mit einem Blick auf die Umgebung.)
Und hier herum mahnt's ziemlich an die Krippe.
Doch bist du hübsch, und Schönheit war und ist
So Adelsbrief als Doktorhut den Weibern.
Drum laß uns Freunde sein!
(Er will sie umfassen.)

Edrita.
     Verwegener!
Man rühmt die feinen Sitten deines Volks,
Du aber bist entartet und gemein.
Was sahst du wohl an mir, was sprach, was tat ich,
Das dich zu solcher Dreistigkeit berechtigt?
Und wenn denn auch –

Leon.
     Mein Kind, wohl gar ein Tränchen?
Hörst du? Das Köpfchen hübsch zu mir gewandt!
Ich bitte dich: verzeih! Bist nun zufrieden?

Edrita.
Wohlan, ich bin's. Ich mag nicht gerne grollen.
Auch nahm ich es wohl minder schmerzlich auf,
Ja, wies den Kühnen früher schon zurück,
Wenn du mir nicht gefielst, fürwahr gleich anfangs.
Sie sprechen viel von Euern fränk'schen Leuten,
Von ihren Sitten, Künsten; und der erste nun,
Auf den ich stieß, so ungeschlacht und roh –

Leon.
Verzeih! noch einmal, und: ich tu's nicht wieder.
Wir haben unsre Weise nun erkannt
In Zukunft soll kein Zank uns mehr betrüben.

Edrita.
In Zukunft? Ja, was nennst du Zukunft denn?
Mein Bräutigam ist hier, und morgen schon
Gibt man ihm meine Hand drin in der Halle.
Dann noch zwei Tage höchstens oder drei,
Und wir ziehn fort auf seine ferne Hube.

Leon.
So bist du Braut? Je sieh, das tut mir leid.
Wer ist dein Bräutigam? Wie heißt, was treibt er?

Edrita.
Ich nenn ihn nur den dummen Galomir.

Leon.
Den dummen Galomir? O weh!

Edrita.
     Ja wohl!
Doch ist er unser nächster Stammverwandter,
Und so gebührt ihm meine Hand.

Leon.
     Je freilich!
Und was die Klugheit, die ihm fehlt, betrifft:
Mein Kind, die dummen Männer sind die besten.

Edrita.
So dacht' ich auch.

Leon.
     Sie lassen sich was bieten.

Edrita.
Und fordern alles nicht nach ihrem Kopf.
Doch siehst du, manchmal, wenn auch nicht so oft,
Spricht man doch gern einmal ein kluges Wort.

Leon.
Kommt dir die Lust, ein kluges Wort zu sprechen,
So geh in Wald hinaus und sag's den Bäumen,
Dann kehr erleichtert in dein Haus zurück.
Denn was dir selber nützt, taugt nicht für viele.
Was vielen frommt, das wächst mit Gras und Kraut.

Edrita.
Ganz faß ich's nicht, doch will ich's also halten.
Nur freilich wünscht man Antwort, wenn man spricht.

Leon.
Das findet sich, eh man's gedacht. Doch nun
Laß uns den Tag benützen, der uns bleibt.
Führ mich ins Feld hinaus, zeig mir die Gegend.
Auch möcht ich, wie's erfordert mein Geschäft,
Nach Wurzeln etwa suchen, Würze, Kräutern.
O Atalus!

Edrita.
     Wie sagst du?

Leon.
          Atalus.

Edrita.
Ist das ein Kräutlein auch?

Leon.
     Wie du's nun nimmst.

Edrita.
Ein nährendes?

Leon.
     Mir nährt es Herz und Sinn.
Doch will ich dich nicht eben nur betrügen.
Der Name eines Freunds ist's, den ich suche.
Du lachst?

Edrita.
     Ei, eines Atalus gedenk ich,
Der hier bei uns.

Leon.
     Ein Franke?

Edrita.
          Ja, vom Rhein.

Leon.
Der Neffe –?

Edrita.
     Sieh, ich weiß nicht, was er ist,
Doch liegt er hier als Geisel unsrer Herrn.
Das ist ein trockner Bursch und gut zu necken.
Wenn du versprichst, recht fromm zu sein und artig,
Und etwa zu entfliehen nicht versuchst –

Leon.
Sorgst du um mich?

Edrita.
     Denk nur, das viele Geld,
Das kurz nur erst für dich der Vater gab.

Leon.
Ei, geizig, wie die Weiber alle sind!

Edrita.
Doch weißt du ja, unmöglich ist die Flucht.
Ich nehme denn das Körbchen, und du folg.

Leon.
Doch naht dort jemand.

Edrita.
     Ei, wer immer!

Galomir (der auf der Brücke erscheint).
          Eh!

Edrita.
Was kümmerst du mich, dummer Galomir!

Galomir (poltert die Brücke hinan, ins Haus zurück).

Edrita.
Ei, sag's dem Vater nur, mich stört das wenig.
Nun komm, eh' man uns hindert. Folg mir rasch,
Ich zeige dir den Garten und die Gegend.
Dann unsern Atalus, der auch, wer weiß?
Der deine wohl. Zum mindsten ist's ein Landsmann,
Des Anblick dich entschädigt für den unsern.
Verstell dich nicht, so ist's. Willst du, so komm!
(Sie geht gegen das Tor zu.)

Leon.
Das geht ja rascher, als ich dacht' und hoffte.
Der Himmel, scheint's, kürzt ab mir mein Geschäft.
Ich nehm es dankbar an. – Sieh nur, hier bin ich!

(Er folgt ihr. Beide gehen ab.)

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