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Weh dem, der lügt!

Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt! - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleWeh dem, der lügt!
authorFranz Grillparzer
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004381-6
titleWeh dem, der lügt!
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Zweiter Aufzug

Innerer Hof in Kattwalds Hause. Die rechte Seite schließt eine Lehmwand mit einem großen Tor. Links im Mittelgrunde eine Art Laube von Brettern, als Vorküche, deren Fortsetzung durch die Kulisse verdeckt ist. Im Hintergrunde, bis in die Mitte der Bühne hineinreichend, von einem Graben umgeben, die große Halle des Hauses, deren Fenster nach vorn gehen. Die Verbindung wird durch eine hölzerne Brücke hergestellt, die von der seitwärts angebrachten Tür der Halle an, parallel mit der Bühne laufend, durch eine Seitenabdachung sich nach vorn wendet.

Der Pilger und Leon kommen.

Pilger.
Nun seht denn, mein Versprechen ist erfüllt.
Wir sind im Hause Kattwalds, Graf im Rheingau.
Die Wand hier schließt sein inneres Gehöft,
Und jene Halle herbergt seine Gäste.
Geladne Gäste nämlich, denn, mein Freund,
Mit ungeladnen fährt er nicht gar sanft.
Ich sag Euch das voraus, daß Ihr Euch vorseht.

Leon.
Ich werde wohl. Habt Dank!
     So hieß es: Kattwald,
Der Graf im Rheingau, da liegt er gefangen.

Pilger.
Ihr wart so munter auf der ganzen Reise,
Nun seid Ihr ernst.

Leon.
     Man wird's wohl ab und zu!
Doch mahnt Ihr recht. Nur froher Mut vollbringt.
Leon, sei erst Leon. Und eins bedenke:
Weh dem, der lügt! – So mindstens will's der Herr.
(Achselzuckend.)
Man wird ja sehn. – Nun, Freund, zwei Worte noch!

Pilger.
Ein Wort auch noch zu Euch, so schwer mir's fällt.
Ich hab Euch her in dieses Haus geleitet,
Wich drum von meiner Straße weithin ab
Und muß zurück nun manche lange Meile.
Die Reisezehrung ist zu Ende.

Leon.
     Recht!
Gerade davon wollt' ich sprechen.

Pilger.
     Auch
Habt Ihr wohl selbst, da wir die Fahrt begannen,
Mir zugesichert –

Leon.
     Reichliche Belohnung.

Pilger.
Und nun –

Leon.
     Seh ich dir nachgerad nicht aus,
Als ob von Lohn gar viel zu holen wäre?

Pilger.
In Wahrheit fürcht ich –

Leon.
     Fürchte nicht!
Geld oder Geldeswert, das ist dir gleich?

Pilger.
Ja wohl.

Leon.
     Nun, Geld hab ich auch wirklich nicht;
Doch Ware, Ware, Freund.

Pilger.
     Ei, etwa leichte?

Leon.
Nicht leichter als ein Mensch von unserm Schlag.
Kurz, einen Sklaven, Freund!

Pilger.
     Wo wär' denn der?

Leon.
Ei, hier.

Pilger (sich rings umsehend).
     Wo denn? Wir sind ja ganz allein.

Leon.
Das macht, der Sklav' ist eben unter uns.

Pilger (zurückweichend).
Ich bin ein freier Mann.

Leon.
     Nu also denn!
Wir sind zu zwei. Ist einer nun der Sklave,
Und du bist's nicht, so kann nur ich es sein.

Pilger.
Ei, plumper Scherz!

Leon.
     Der Scherz, so plump er ist,
Ist fein genug für etwas plumpe Leute.
Kurz, Freund, ich schenke mich als Sklaven dir,
Auf die Bedingung, daß du mich verkaufst,
Und zwar im Hause hier. Der Preis ist dein,
Und ist der Lohn, den damals ich versprochen.
(Er geht gegen das Haus zu.)
Heda, vom Haus! Herbei!

Pilger.
     So hört doch nur!

Leon.
Niemand daheim?

Kattwald (im Innern des Hauses).
     Hurra! Packan! Hallo!

Leon.
Die Antwort ist uns etwas unverständlich.
Kommt erst und seht!

Kattwald (auf der Brücke erscheinend).
     Was also soll es?

Pilger.
          Er ist toll.

Kattwald (herabkommend).
Und wer hat euch erlaubt?

Leon.
     Ei was, erlaubt!
So was erlaubt sich selbst. Wen's schmerzt, der schreit.
Wer seid Ihr denn?

Kattwald .
     Potz Blitz! und wer bist du?

Leon.
Und wer seid Ihr?

Kattwald.
     Man wird dir Beine machen.
Ich bin Graf Kattwald.

Leon.
     Kattwald? Eben recht.
Seht nur, an Euch will mich mein Herr verkaufen.

Kattwald.
An mich?

Leon.
     Im Grund ist's lächerlich. Ja wohl!
Ein schmuckes Bursch aus fränkischem Geblüt,
Am Hof erzogen, von den feinsten Sitten,
Und den in ein Barbarennest verkauft,
Halb Stall, halb Gottes freier Himmel. Pah!
Doch ist's einmal beschlossen, und so bleibt's.

Kattwald.
Was hält mich ab, die Knechte 'rauszurufen
Und dich samt deinem Herrn mit Hieb und Stoß –?

Leon (zum Pilger).
Seht Ihr? nun bricht er los. Es geht nicht, fürcht ich.
Verkauft mich unter Menschen, doch nicht hier.

Kattwald.
Wer ist der tolle Bursch?

Pilger.
     Je, Herr –

Leon.
          Mit Gunst!
Ich bin sein Sklav', man hat mich ihm geschenkt,
Er will mich Euch verkaufen, das ist alles.

Kattwald.
Dich kaufen? Ei, du stählest wohl dein Brot.

Leon.
Wie Ihr's versteht! Ich schaffe selbst mein Brot
Und schaff's für andre auch.
(Zum Pilger.)
     Erklärt ihm das,
Und wer ich bin, und meine Qualitäten.

Pilger.
Er ist ein Koch, berühmt in seinem Fach.

Kattwald.
So kannst du also kochen?

Leon (zum Pilger).
     Hört Ihr wohl?
(Zu Kattwald.)
Ja, kochen, Herr. Doch nur für fränk'sche Gaumen,
Die einer Brühe Reiz zu schmecken wissen,
Die Zutat merken und die feine Würze.
Die, seht Ihr? so das Haupt zurückgebogen,
Das Aug' gen Himmel, halb den Mund geschlossen,
Die Luft gezogen schlurfend durch die Zähne,
Euch fort und fort den Nachgeschmack genießen,
Entzückt, verklärt.

Kattwald .
     Ei je, das kann ich auch.

Leon.
Die rot Euch werden, wenn der Braten braun,
Und blaß, wenn er es nicht.

Kattwald.
     Braun, braun, viel lieber braun.

Leon.
Doch, Herr, zu braun –

Kattwald .
     So recht die Mitte.

Leon.
Die Euch vom Hirsch den schlanken Rücken wählen,
Das andre vor die Hunde.

Kattwald.
     Ah, die Schenkel –

Leon.
Ich sag Euch: vor die Hunde. Doch was red ich?
Hier nährt man sich, der Franke nur kann essen.

Kattwald.
Ei, essen mag ich auch, und gern was Gutes.
Wie teuer haltet Ihr den Burschen da?

Leon.
Am Ende paß ich wirklich nicht für Euch.

Kattwald.
Du sollst gehalten sein nach Wunsch und Willen.

Leon.
Ein Künstler lebt und webt in seiner Kunst.

Kattwald.
Ei künstle zu, je mehr, um desto lieber.
Längst hätt' ich mir gewünscht 'nen fränk'schen Koch,
Man sagt ja Wunder, was sie tun und wirken.
Wie teuer ist der Mann? Und grade jetzt,
An meiner Tochter Hochzeittag; da zeige,
Was du vermagst. An Leuten soll's nicht fehlen,
Die vollauf würdigen, was du bereitet.
Wie teuer ist der Mann?

Leon.
     Wenn Ihr versprecht,
Zu halten mich, nicht wie die andern Diener;
Als Hausgenoß, als Künstler.

Kattwald.
     Je, ja doch.

Leon.
Euch zu enthalten alles rohen Wesens
In Worten, Werken.

Kattwald.
     Bin ich denn ein Bär?
Wie teuer ist der Mann?

Leon.
     Wenn Ihr –

Kattwald.
          Zu tausend Donner!
Wie teuer ist der Mann? frag ich noch einmal.
Könnt' Ihr nicht reden, oder wollt Ihr nicht?

Pilger.
Je Herr –

Kattwald.
     Nu, Herr?

Pilger.
          Es ist –

Kattwald.
               Nu was?

Pilger.
                    Ich dächte –

Kattwald.
Wenn Ihr den Preis nicht auf der Stelle nennt,
So hetz ich Euch mit Hunden vom Gehöfte.
Bin ich Eu'r Narr?

Pilger (gegen Leon).
     Wenn ich denn reden soll.

Leon.
Ei, redet nur.

Pilger.
     So mein ich: zwanzig Pfund.

Kattwald.
Edrita! Zwanzig Pfund aus meiner Truhe!

Leon.
Was fällt Euch ein? Um zwanzig Pfund? Ei, schämt Euch!
Ein Künstler, so wie ich.

Kattwald.
     Was geht das dich an?

Leon.
Ich tu's wahrhaftig nicht. Ich geh mit Euch.

Kattwald.
Du bleibst.

Leon.
     Nein, nicht um zwanzig Pfund. Macht dreißig!

Kattwald.
Ein Sklave, der sich selbst verkaufen will!

Leon.
Nicht unter dreißig.

Kattwald (zum Pilger).
     Wir sind handelseins.

Leon.
Ich aber will nicht.

Kattwald.
     Ei, man wird dich zwingen.

Leon.
Mich zwingen? Ihr? Wenn Ihr nicht dreißig zahlt,
Lauf ich beim ersten Anlaß Euch davon.

Kattwald.
Versuch es!

Leon.
     Stürze mich vom höchsten Giebel.

Kattwald.
Man bindet dich.

Leon.
     Versalz Euch alle Brühen.

Kattwald.
Halt ein, verwegner Bursch! – Nu, fünfundzwanzig.
Mit fünfundzwanzig Pfund –

Leon.
     Herr, dreißig, dreißig.
Es geht um meine Ehre.

Kattwald.
     Sollt sie haben.
Geht in mein Haus, laßt Euch das Geld bezahlen.
Ich kann nicht mehr. Der Ärger bringt mich um.

Pilger.
So soll ich denn –?

Leon.
     Geht hin, holt Euern Lohn!

Pilger.
Ihr aber bleibt?

Leon.
     Ich bleibe hier, mit Gott.

Pilger.
Nun, er behüt' Euch, wie er Euch versteht.
(Pilger geht.)

Kattwald (der sich gesetzt hat).
Nun bist du mein, nun könnt' ich dir vergelten,
Was du gefrevelt erst mit keckem Wort.

Leon.
Wenn Ihr schon wollt, tut's bald; denn, wie gesagt,
Ich lauf davon.

Kattwald (aufspringend).
     Daß dich! – Und doch, 's ist töricht.
Schau, hier entkommst du nicht. Ich lache drob.
Weißt du, wie's einem Burschen jüngst erging,
Der uns entspringen wollte? einem von den Geiseln
Jenseits des Rheins.

Leon.
     Ach, Herr!

Kattwald .
          Man fing ihn wieder,
Und –

Leon.
     Und?

Kattwald.
          An einem Baumstamm festgebunden,
Ward seine Brust ein Ziel für unsre Pfeile.

Leon.
Ein Franke, Herr? Ein fränk'scher Geisel?

Kattwald.
     Wohl.
Der Neffe –

Leon.
     Neffe?

Kattwald.
          Von des Königs Kämmrer
Klotar.

Leon (aufatmend).
     Verzeih mir meine Sünde!
Ich kann nur sagen: Gott sei Dank!

Kattwald.
Doch bist du klug; du wirst es nicht versuchen.
Sieh nur, das weiß ich, sprich auch, was du willst.
Am Ende wirst du finden, daß dir's wohlgeht,
Und lust'ge Leute kennen ihren Vorteil,
Nur Grämlichen wird's ewig nirgends wohl.
Auch mag ich dir den kecken Ton erlauben,
Wenn wir allein sind; doch vor Leuten, Bursche –

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