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Weh dem, der lügt!

Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt! - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleWeh dem, der lügt!
authorFranz Grillparzer
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004381-6
titleWeh dem, der lügt!
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Leon.
Ei, klug nun oder unklug, wahr bleibt's doch.
Den Braten nur vom Hirschkalb, gestern noch,
Zurück mußt ich ihn schicken, ihn verkaufen,
Ein Stückchen Fleisch, wie keins Ihr je gesehn.

Gregor.
Er war zu kostbar, Freund, für mich.

Leon.
     Zu kostbar?
Für so 'nen Herrn? Ei seht! Warum nicht gar?
Dann hätt' er Euch so viel als nichts gekostet;
Ja, wirklich nichts. Wollt Ihr ihn heute, Herr?
Er ist noch da und kostet nichts; denn seht
's ist so – 's ist ein Geschenk von frommen Leuten.
Wahrhaftig ein Geschenk.

Gregor.
     Lügst du?

Leon.
          Ei was!

Gregor.
Weh dem, der lügt!

Leon.
     Nu, nu!

Gregor.
          Verwegener!

Leon.
Hab ich gelogen, war's zu gutem Zweck.

Gregor.
Was weißt du schwacher Wurm von Zweck und Enden?
Der oben wird's zu seinem Ziele wenden.
Du sollst die Wahrheit reden, frecher Bursch!

Leon.
Nun also: ich hätt's, Herr, bezahlt für Euch.
Wozu so viel Geschrei? Ich tu's nicht wieder.
Hätt' ich mein Tag geglaubt, daß so was Sünde!

Gregor.
Geh jetzt!

Leon.
     So lebt denn wohl!
(Er geht, kehrt aber gleich wieder um.)
          Doch noch ein Wort!
Zürnt nicht, ich kann wahrhaftiglich nicht anders.
So 'n Herr, so brav, daß selbst die kleinste Lüge,
Ein Notbehelf ihn aufbringt – Zürnet nicht!
Ich rede ja den Lügen nicht das Wort,
Ich meine nur – Daß so ein wackrer Herr –
Es muß heraus! daß so ein Herr – pfui geizig!
Was hat denn Geld so Schön's, daß Ihr's so liebt?

Gregor.
Wie kommst du darauf?

Leon
     Würd'ger Herr, mit Gunst!
Ich sah Euch einen Sack mit Pfennig' küssen,
Der oben steht im Winkel Eurer Truhe,
Und hier spart Ihr Euch ab, um dort zu sammeln?
Nennt Ihr das recht? Seht Ihr, so sind wir wett.

Gregor.
Das also war's?

Leon.
     Ja das. Und nicht bloß ich,
Auch andre Leute nehmen das Euch übel,
Und seht, das kränkt mich, Euern treuen Diener.

Gregor.
Da, seh ich, wird Rechtfertigung zur Pflicht.
Ein Seelenhirt soll gutes Beispiel geben,
Und nimmer komme Ärgernis durch mich.
Setz dich und höre, wie ich mich verteid'ge.

Leon.
Je Herr!

Gregor.
     Ich sage: setze dich!

Leon.
          Nun, hier denn.
(Er setzt sich auf die Erde vor dem Bischof nieder.)

Gregor.
Dich hat geärgert, daß ich Spargut häufe,
Das Geld geküßt, das ich mir abgedarbt.
Hör zu! Vielleicht, daß du mich dann entschuldigst.
Als man, es ist jetzt übers Jahr, den Frieden,
Den langersehnten, schloß mit den Barbaren
Jenseits des Rheins, da gab und nahm man Geisel,
Sich wechselseits mißtrauend, und mit Recht.
Mein Neffe, meiner einzigen Schwester Sohn,
Mein Atalus, war in der Armen Zahl,
Die, aus dem Kreis der Ihren losgerissen,
Verbürgen sollten den erlognen Frieden.
Kaum war er angelangt bei seinen Hütern
Im Rheingau, über Trier weit hinaus,
Wo noch die Roheit, die hier Schein umkleidet,
In erster Blöße Mensch und Tier vermengt,
Kaum war er dort, so brach der Krieg von neuem,
Durch Treubruch aufgestachelt, wieder los,
Und beide Teile rächen an den Geiseln,
Den schuldlos Armen, ihrer Gegner Schuld.
So liegt mein Atalus nun hart gefangen,
Muß Sklavendienst verrichten seinem Herrn.

Leon.
Ach je, daß Gott!

Gregor.
     Ich hab um Lösung mich verwendet.
Doch fordern seine Hüter hundert Pfund
An guter Münze fränkischen Geprägs.
Und so viel hab ich nicht.

Leon.
     Ihr scherzt doch nur,
Denn dreimal hundert Pfund, und wohl noch drüber,
Zinst ihrem Vorstand Langres' Kirchgemeine.

Gregor.
Das ist das Gut der Armen und nicht meins.
Dem Bischof gab man, daß er geben könne,
Des Kirchenguts Verwalter, nicht sein Herr.
Doch Kleidung, Nahrung und des Leibes Notdurft,
Das mag der Bischof fordern, wie ein andrer,
Und was er dran erspart, ist sein vielleicht.
Vielleicht; vielleicht auch nicht. Ich hab's gewagt zu deuten.
Sooft ich nun ein armes Silberstück
Von meinem Teil erspart, leg ich's beiseite,
Wie du gesehn, und mag's auch manchmal küssen,
Wie du mir vorwirfst; denn es ist das Lösgeld
Für meinen Atalus, für meinen Sohn.

Leon (aufspringend).
Und ist schon viel im Sack?

Gregor.
     Schon bei zehn Pfund.

Leon.
Und hundert soll er gelten? Herr, mit Gunst!
Da mögt Ihr lange sparen, bis es reicht.
Indes quält man den armen Herrn zu Tod.

Gregor.
Ich fürchte, du hast recht.

Leon.
     Je, Herr, das geht nicht.
Das muß man anders packen, lieber Herr.
Hätt' ich zehn Bursche nur gleich mir, beim Teufel! –
Bei Gott! Herr, wollt' ich sagen – ich befreit' ihn.
Und so auch, ich allein. Wär' ich nur dort,
Wo er in Haft liegt! – Herr, was gebt Ihr mir? –
Das ist 'ne Redensart, ich fordre keinen Lohn. –
Was gebt Ihr mir, wenn ich ihn Euch befreie?
Wär' ich nur dort, ich lög' ihn schon heraus.

Gregor.
Weh dem, der lügt!

Leon.
     Ja so? Nu, Herr, mit Gunst!
Um Gotteswillen gibt man ihn nicht frei.
Da bleibt nichts übrig, als: wir reden Wahrheit,
Und er bleibt, wo er ist. Verzeiht! und Gott befohlen!
Ich hab's nicht schlimm gemeint. (Er geht.)

Gregor.
     Du Vater aller,
In deine Hand befehl ich meinen Sohn!

Leon (umkehrend).
Ach Herr, verzeiht! es fuhr mir so heraus.
Weiß man doch kaum, wie man mit Euch zu sprechen.
Ich hatte fast ein Plänchen ausgedacht,
Den dummen Teufeln im Barbarenland,
Des Neffen Hütern, seht, eins aufzuheften
Und ihn wohl gar, wenn's gut geht, zu befrein.
Doch Wahrheit, Herr –

Gregor.
     Du sollst nicht fälschlich zeugen,
Hat Gott der Herr im Donnerhall gesprochen.

Leon.
Allein bedenkt –!

Gregor.
     Weh dem, der lügt!

Leon.
Und wenn nun Euer Neffe drob vergeht?

Gregor.
So mag er sterben, und ich sterbe mit.

Leon.
Ach, das ist kläglich! Was habt Ihr gemacht?
Ich bin nun auch in Haft, geplagt, geschlagen,
Kann nimmer ruhn, nicht essen, trinken, schlafen,
Solang das zarte Herrlein Euch entwandt.
Bei Trier, sagt Ihr, liegt er; war's nicht so?

Gregor.
Ja wohl!

Leon.
     Wie, Herr, wenn eins zum Feinde ginge,
Statt Atalus sich stellte dem Verhaft?

Gregor.
Zu Geiseln wählt man mächt'ger Leute Kinder;
Leon bürgt kaum für sich, wie denn für andre?

Leon.
Hm, das begreift sich. – Doch wenn Atalus
Ersäh' den Vorteil, seiner Haft entspränge?

Gregor.
Er möcht' es ohne Sünde, denn der Krieg
Zählt ihrer Bürgschaft los des Friedens Geiseln,
Und nur mit Unrecht hält man ihn zurück.
Allein wie könnt' ein Jüngling, weich erzogen,
Vielleicht zu weich, in solcher Not sich helfen,
Durch wüste Steppen wandern, Feinden trotzen,
Der Not, dem Mangel? – Atalus kann's nicht.

Leon.
Doch wenn ein tücht'ger Bursch zu Seit' ihm stände,
Ihn zu Euch brächte, lebend und gesund?
Entlaßt mich Eures Diensts!

Gregor.
     Was sinnest du?

Leon.
Ich geh nach Trier.

Gregor.
     Du?

Leon.
          Bring Euch den Neffen.

Gregor.
Dünkt dir zu scherzen Zeit?

Leon.
     Vergeb' Euch's Gott!
Ich scherzte nicht, drum sollt auch Ihr nicht scherzen.
In vollem Ernst, ich stell Euch Euern Sohn.

Gregor.
Und wenn du's wolltest, wenn du's unternähmst,
Ins Haus des Feinds dich schlichest, ihn betrogst,
Mißbrauchtest das Vertraun, das Mensch dem Menschen gönnt,
Mit Lügen meinen Atalus befreitest;
Ich würd' ihn von mir stoßen, rück ihn senden
Zu neuer Haft; ihm fluchen, ihm und dir.

Leon.
Topp! Herr, auf die Bedingung. – Aber seht,
Wenn nicht ein bißchen Trug uns helfen soll,
Was hilft denn sonst?

Gregor (stark).
     Gott! Mein, dein, aller Gott!

Leon (auf die Knie fallend).
O weh, Herr!

Gregor.
     Was?

Leon.
          Es blitzte.

Gregor.
               Wo?

Leon.
                    Mir schien's so.

Gregor.
Im Innern hat des Guten Geist geleuchtet,
Der Geist des Argen fiel vor seinem Blitz.
Was dir in diesem Augenblicke recht erscheint,
Das tu! Und sei dir selber treu und Gott.
Weh dem, der lügt!

Leon (der aufgestanden ist).
     So gebt Ihr mir Vergünst'gung?

Gregor.
Tu, was dir Gott gebeut; vertrau auf ihn!
Vertraue, wie ich's nicht getan, ich nicht,
Ich schwacher Sünder nicht.
     Hier, nimm den Schlüssel
Zum Säckel, der in meiner Truhe liegt.

(Er zieht ihn aus der Brust und will ihn Leon geben, gibt ihn aber dem Hausverwalter, der zur Seite sichtbar geworden ist und sich damit entfernt.)

Er hält zehn Pfund, des Neffen Lösegeld,
Das ich gespart, den Darbenden entzogen,
Vom Golde hoffend, was nur Gott vermag.
Verteil's den Armen, hilf damit den Kranken.
Es soll der Bischof nimmer Spargut sammeln;
Den Hirten setzt man um der Herde wegen,
Der Nutzen ist des Herrn. Leb wohl, mein Sohn!
Den Winzer ruft der Herr in seinen Garten,
Die Glocke tönt, und meine Schafe warten. (Ab.)

(Leon steht unbeweglich. Ein Pilger naht.)

Pilger (die Hand ausstreckend).
Ein armer Pilgersmann.

Leon.
     Was ist? Wer bist du?

Pilger.
Ein armer Mann, von Kompostella pilgernd
Zur Heimat weit.

Leon.
     Wohin?

Pilger.
          Ins Rheingau, lieber Herr.

Leon. Ins Rheingau?

Pilger.
     Hinter Trier.

Leon.
          Trier?

Pilger.
               Noch zwei Meilen.

Leon.
Nach Trier? – Gott! Nimmst du mich mit, mein Freund?

Pilger.
Wenn Ihr nicht Wegeslast und Mangel scheut.

(Herr Sigrid ist mit dem Säckel gekommen; Leon nimmt ihn.)

Leon.
Ha, Mangel? Sieh den Säckel! – Aber halt!
Den Armen hat's der gute Herr beschieden,
Den Armen sei's. Hier, Freund, für dich ein Stück,
Arm bist du ja doch auch!
     Das andre euch!

(Arme und Bresthafte, die sich am Gittertor gesammelt hatten, sind nach und nach eingetreten.)

Ich ziehe fort mit Gott und seinem Schirm.
(Er verteilt das Geld unter sie.)
Er wird vollenden, was mit ihm begonnen.
(Zum Pilger, der dem Gelde nachsieht.)
Du hast dein Teil. Nach Trier fort, mit Gott!
(Er zieht ihn fort.)

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