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Weh dem, der lügt!

Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt! - Kapitel 14
Quellenangabe
typecomedy
booktitleWeh dem, der lügt!
authorFranz Grillparzer
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004381-6
titleWeh dem, der lügt!
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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(Die Tore gehen auf, Gewaffnete treten heraus, unter ihnen ein Anführer, glänzend geharnischt.)

Schaffer (der sich dem Tore genähert, zurückweichend).
Die sind der Unsern nicht.

Anführer.
     Hier Feinde, greift!

Schaffer (immer zurückweichend).
Ist das nicht Metz, der Unsern starke Feste?

Anführer.
Noch ehegestern war's der Euern Stadt,
Ein Überfall bei Nacht gab sie uns eigen,

(Glockentöne von neuem)

Und schon tönt heller Klang der frommen Glocken,
In Eile aufgerichtet, zum Gebet
Und lockt zu glauben, die da liebend hoffen.

Leon (zu Atalus und Edrita, die aus der Hütte getreten).
Hört ihr?

(Chorknaben kommen aus dem Tore.)

Anführer.
     Der fromme Kirchenvogt, er selber,
Des Sprengel überall, wo Hilfe not,
Er kam herbei in seines Herren Dienst,
Zu streuen Aussaat christlicher Gesittung.
Dort kommt er, seht! ergebt euch Gott und uns.

(Gregor tritt heraus.)

Leon (zu Atalus).
Dort Euer Ohm! Lauft hin!

Atalus (auf ihn zueilend).
     O Herr! Mein Herr!

Gregor.
Mein Atalus! Mein Sohn! – Gott, deine Gnade.

(Sie halten sich umarmt.)

Leon (Edritas Gesicht zwischen beide Hände fassend).
Edrita, schau! Da sind wir bei den Unsern.
(Sie loslassend.)
Ja so, du bist im Ganzen doch der dunkle Fleck.

Edrita (sich von ihm abwendend).
Bin ich? Da muß ich mich denn selber reinen.

Gregor.
So halt ich dich in diesen meinen Armen!

(Atalus will sich vor ihm auf die Knie niederlassen, er hebt ihn auf.)

Ich habe viel um dich gesorgt, mein Sohn,
Nicht nur, wie du der Haft wohl frei und ledig,
Nein, um dich selbst, um all dein Sein und Tun.
Ein Schleier fiel von dem bestochnen Auge.
Du bist nicht, wie du sollst. Wir wollen sehn,
Ob wir durch Sorgfalt künftig das ersetzen.
Nun aber sag, kamst du allein hierher,
War nicht ein andrer bei dir, den ich sandte?

Atalus (auf Leon zugehend).
Dort steht er, dem ich's danke. Dort mein Schutz.

Gregor.
Ha, du, mein toller Bursch. Mein Wackrer, Treuer!
Hier meine Hand! Nicht küssen, drücken – So.
Nu, hübsch gelogen? Brav dich was vermessen?
Mit Lug und Trug verkehrt? Ei ja, ich weiß.

Leon.
Nu, gar so rein ging's freilich denn nicht ab.
Wir haben uns gehütet, wie wir konnten.
Wahr stets und ganz war nur der Helfer: Gott!

Gregor. Das ist er auch in allen seinen Wegen.
(Zum fränkischen Anführer.)
Und so, in seinem Namen, bitt ich Euch,
Laßt los die Männer hier, gönnt ihnen Heimkehr.
(Auf Galomir und die Seinen zeigend.)
Es wäre denn, es fühlte einer Trieb,
Im Schoß der Kirche – Nun, sie wollen nicht,
Geht immer nur mit Gott. Hier ist kein Zwang.
Am Ende zwingt die Wahrheit jeden doch,
Sie braucht nicht äußre Helfer und Beschützer.
Wär' sie auch Wahrheit sonst? Zieht hin in Frieden.

Galomir (auf Edrita zeigend).
Die dort?

Schaffer.
     Benützt die Freiheit, die sie gönnen,
Eh' sie's gereut. Sie sind wohl töricht g'nug.

(Er zieht ihn nach sich. Die Seinigen folgen, von einigen Gewaffneten geleitet.)

Gregor (der einige Schritte nach der Stadt gemacht hat).
Ihr steht noch immer da, folgt nicht zur Stadt?

Atalus.
Hier ist noch eine, Herr, die deiner harrt.

(Edrita tritt vor.)

Sie ist des Kattwald, meines Hüters, Tochter.

Gregor (stark).
Leon, tatst du mir das?

Leon.
     Verzeiht, o Herr –

Edrita.
Er wird Euch sagen, daß nicht er es war,
Daß wider seinen Willen fast ich folgte.
Auch ist es so.

Gregor.
     Was brachte dich dazu?

Edrita.
Was mich zuerst zu diesem Schritt bewog,
Ich wußt' es damals nicht, nun aber weiß ich's,
Doch sei's vergessen auch für jetzt und stets.
Der zweite Grund, der edlere, der reine,
Er bleibt, wie damals, also jetzt und immer.
Du botst nur erst den Männern unsres Volks
Der Kirche Heil, sie aber wollten nicht;
Schau eine hier, die wollte und die will,
Nimm auf mich in die friedliche Gemeine.

Gregor.
Und ohne deines Vaters Willen denn?

Edrita.
Holt er sie selbst, gib ihm zurück die Christin,
Dem Christen nur, vertrau ich, gibst du sie.
So pflanzt sich fort des Guten schwacher Same,
Und künftig Heil entsprießet für mein Volk.

Gregor.
Mir ziemt's zu kargen nicht mit dem, was aller,
Und deinen Vorsatz weis ich nicht zurück.

Atalus.
Und dann noch eins! Ich will ihr wohl, o Herr,
Und wenn –

Gregor.
     Was nur?

Atalus.
          Wenn du's gestattest, wollt, ich –

Gregor.
Was Neues denn? das war sonst nicht dein Sinn.

Atalus.
Als ich gefangen lag in harten Banden,
War sie die einz'ge, die nicht rauh und wild.
Dann auf der Reise hielt sie sich an mich,
Nahm meinen Arm, und sonst auch – Herr, du siehst.

Gregor.
Ich sehe, daß sie hold und wohlgetan.

Atalus.
Auch stammt sie von dem Grafen her im Rheingau.

Gregor.
Und also, meinst du? auch dir ebenbürtig?
Gib nicht für einen Ahn, so alt er ist,
Den ältsten auf, den ersten aller Ahnen,
Ihn, der da war, eh' noch die Sonne war,
Der niedern Staub geformt nach seinem Bild.
Des Menschen Antlitz ist sein Wappenschild.
Ich hatte andre Absicht wohl mit dir,
Doch wenn es Gottes Willen nun –
(Zu Edrita.)
Und du?

Edrita.
Ich denk vorerst in Einsamkeit zu leben,
Was du sodann gebeutst, das will ich tun.

Gregor.
Die Zukunft mag denn lehren, was sie bringt.
Vorerst reich ihm als Schützer deine Hand.

Leon (da Atalus die Hand ausstreckt und Edrita im Begriff ist, die ihre zu heben).
O Herr!

Gregor.
     Was ist? – Warum stehst du so fern?

Leon.
Ich nahe denn, um Urlaub zu begehren.

Gregor.
Urlaub, warum?

Leon.
     Das Reisen wird Gewohnheit,
Reist einer nur ein Stück mal in die Welt.
Und dann, Ihr wißt, mich trieb wohl stets die Lust,
Im Heer des Königs –

Gregor.
     Das wär's?

Leon.
          Ja, das ist's.

Gregor.
Dich treibt ein andrer Grund.

Leon.
     Fürwahr, kein andrer.

Gregor.
Weh dem, der lügt!

Leon.
     Man sollte ja doch meinen –

Gregor.
Noch einmal weh! dem Lügner und der Lüge.

Leon.
Nun, Herr, das Mädchen liegt mir selbst im Sinn.
Will sie mich nicht, mag sie ein andrer haben.
Doch zusehn eben, wie man sie vermählt –

Edrita (auf ihrem Platze bleibend).
Leon.

Leon.
     Ja, du.

Edrita.
          Leon, und ich –

Leon.
               Wie nur?

Edrita.
War ich gleich anfangs dir nicht denn geneigt?

Leon.
Doch in der Folge kam's gar bitter anders.
Du gingst mit Atalus.

Edrita.
     Ei, gehen mußt' ich,
Du aber stießest grausam mich zurück.

Leon (auf Gregor zeigend).
Es war ja wegen dem. Er litt es nicht.
Sollt' ich mit Raub und Diebstahl zu ihm kehren?

Edrita.
Du aber stahlst mein Inneres und hast's.

Leon.
Und willst dich doch vermählen?

Edrita.
     Ich?
(Mit gefalteten Händen den Bischof vertrauensvoll anblickend.)
          O nein.

Gregor.
Wer deutet mir die buntverworrne Welt!
Sie reden alle Wahrheit, sind drauf stolz,
Und sie belügt sich selbst und ihn; er mich
Und wieder sie; der lügt, weil man ihm log –
Und reden alle Wahrheit, alle. Alle.
Das Unkraut, merk ich, rottet man nicht aus,
Glück auf, wächst nur der Weizen etwa drüber.
(Zu Atalus.)
Es steht nicht gut für uns; was denkst du, Sohn?

Atalus (nach einer Pause).
Ich denke, Herr, das Mädchen dem zu gönnen,
Der mich gerettet, ach, und den sie liebt.

Gregor.
So recht, mein Sohn, und daß dir ja kein Zweifel
Ob ihres Gatten Rang und Stand und Ansehn;
Von heut an, merk! Hab ich der Neffen zwei.
Der König tut mir auch wohl was zuliebe,
Da frei' er immer denn das Häuptlingskind.

Du bist betrübt. Heb nur dein Aug' vom Boden,
Du wardst getäuscht im Land der Täuschung, Sohn!
Ich weiß ein Land, das aller Wahrheit Thron;
Wo selbst die Lüge nur ein buntes Kleid,
Das schaffend Er genannt: Vergänglichkeit,
Und das er umhing dem Geschlecht der Sünden,
Daß ihre Augen nicht am Strahl erblinden.
Willst du, so folg, wie früher war bestimmt,
Dort ist ein Glück, das keine Täuschung nimmt,
Das steigt und wächst bis zu den spätsten Tagen.
Und diese da
(mit einer Bewegung der verkehrten Hand sich umwendend)
                  sie mögen sich vertragen.

(Da Leon und Edrita sich in die Arme stürzen und Gregor eine Bewegung fortzugehen macht, fällt der Vorhang.)

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