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Weh dem, der lügt!

Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt! - Kapitel 13
Quellenangabe
typecomedy
booktitleWeh dem, der lügt!
authorFranz Grillparzer
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004381-6
titleWeh dem, der lügt!
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Fünfter Aufzug

Vor den Wällen von Metz. Im Hintergrunde ein großes Tor, die daran fortlaufenden Seitenmauern zum Teile von Bäumen verdeckt. Rechts im Vorgrunde eine Art Scheune mit einer Flügeltüre. Es ist vor Tag und noch dunkel.

Leon (öffnet die Tür der Scheune und tritt, jene hinter sich zuziehend heraus).
Die Sonne zögert noch, 's ist dunkle Nacht,
Und dunkel wie das All ist meine Brust.

(Zurückblickend.)
Da liegen sie und schlafen wie die Kinder,
Ich aber, wie die Mutter, bin besorgt.
O daß ein Teil doch jenes stillen Glücks,
Der Freudigkeit am Werk mir wär' beschieden.

(Nach vorn kommend.)
So weit gelang's. Der Strom ist überschritten,
Wir sind im Jenseits, das so fern uns schien.
Zwar wohnen Feind' auch hier, doch weiß ich nicht,
Die Gegend, sonst belebt und menschenvoll,
Ist öd und leer, und der Begegner flieht.
Zwar sichert das vor allem unsern Weg,
Doch fehlt auch, der den Weg uns deutend künde.

Die Stadt hier deucht mich Metz, der Feinde Burg,
Wo sie die Wache halten übers Land.
Ist die im Rücken, nähert sich die Heimat.
Ich wünschte Flügel unserm Zauderschritt,
Doch wag ich's nicht, das Schläferpaar zu wecken,
Sie sind ermüdet bis zum bleichen Tod.
Trag du allein, Leon, trag du für alle.

Und wenn wir nun vor meinem Herren stehn!
Wie tritt mit eins sein ehrfurchtheischend Bild
Durch Nacht und Dunkel vor mein irres Auge!
Sein letztes Wort war Mahnung gegen Trug,
Und nun, wie bunt, was alles wir vollführt.
Die Tochter aus dem Vaterhaus geraubt.
Geraubt! Gestattet mindstens, daß sie folge.
Wie werd ich stehn vor meines Herren Blick?

Und dann, was wird aus ihr, die uns gefolgt
In kinderhaft unschuldigem Beginnen,
Vertrauen schöpfend aus dem Gaukelspiel,
Des Zweck war, zu entfernen das Vertrauen?
Ich kann nicht glauben, daß sie jenen liebt,
Den Jüngling Atalus, ist gleich sein Wesen
Verändert und gebessert seit der Zeit,
Als er hinweg schied aus der wilden Fremde.
Erst schien sie mir mit Neigung zugetan,
Doch trieb mein Weigern, achtlos ernstes Mahnen
Von mir sie fort zu ihm. – Sie liebt ihn nicht,
Und doch geht jedes Wort, das sie ihm gönnt,
Wie Neid und Haß durch meine trübe Seele.

Nur in der Nachtruh' erst, da fiel ihr Haupt
Im Schlaf herabgesenkt an meine Brust,
Ein stärkrer Atemzug klang wie ein Seufzer,
So warm das Haupt, so süß des Atems Wehn,
Mir drang es fröstelnd bis ins tiefste Mark:
Vielleicht denkt sie an ihn. – Da stand ich auf,
Gab einem andern Kissen ihre Schläfe
Und ging heraus und plaudre mit der Nacht.

Der Osten graut, der Tag, scheint's, will erwachen.
Vielleicht erkenn ich nun des Weges Spur,
Vielleicht, daß in der sonderbaren Öde
Ein Wanderer – Horch, war das nicht ein Schritt?
Was soll die Vorsicht da, wo Vorsicht hemmt?

(An der linken Seite leise rufend.)
Ist hier ein Mann? Geht jemand diese Wege?
Nun wieder still. – Doch nein. Wer geht? Gebt Antwort!

Knecht Kattwalds (der hinter ihm auftritt und ihn rückwärts faßt).
Die Antwort hier!

Leon.
     Verrat.

Erster Knecht.
          Du selbst Verräter!

Zweiter Knecht (links im Vorgrunde auftretend).
Ist er's?

Erster Knecht (mit Leon ringend).
     Er macht sich los!

Zweiter Knecht.
          Ich komme.

Leon (hat sich losgerungen).
               Fort!
Eh' nicht mein Amt vollendet, fängt mich niemand.
(Er geht wieder nach der andern Seite.)

Kattwalds Schaffer (kommt).
So habt ihr sie?

Erster Knecht.
     Dort einer.

Schaffer.
          Nu, wo der,
Dort sind die andern auch. Kommt nur heran!

Galomir (tritt auf).
Ha du! Das Mädchen wo? Eh, oh, mein Schwert.
(Er zieht sein Schwert.)

Schaffer.
Seid ruhig nur, sie können nicht entrinnen.

Leon.
Lechzt ihr nach meinem Blut, wohl denn, hier bin ich;
Die Rache sucht des Schadens Stifter ja.
Wollt ihr das Mädchen, eures Herren Tochter?
Ich will sie bitten, daß sie mit euch zieht,
Und geht sie, gut; wenn nicht, so steht mein Blut
(die Hand an ein dolchartiges Messer legend, das er im Gürtel trägt)
Für sie auch ein, wie ganz für jenen andern.

Schaffer.
Wo sind die beiden, sprich! Hier hilft kein Leugnen.

Leon.
Ich leugne nicht und habe nicht geleugnet.
Hier sind sie, schaut, doch haltet euch entfernt.

(Er hat die Türe der Scheune geöffnet, man sieht Atalus und Edrita in halb sitzender Stellung auf Strohbündeln schlafend.)

Rührt euch die Unschuld nicht ob ihrem Haupt?
Wie Gottes Atem weht des Schlafes Atem
Aus ihrer Brust, indes sie dort bei ihm.
O Schlaf, du Anfang unsrer Seligkeit,
Nur unterbrochen noch von trübem Wachen!
Sprecht sachte, leise, daß ihr sie nicht weckt.
(Er schließt die Türe.)
Nun aber noch. Der erste, der sich naht,
Er fällt, ein Opfer seines raschen Eifers.
(Noch einmal die Hand am Messer.)
Ist's einer auch nur, droht's doch allen gleich.

Schaffer (da Galomir auf Leon eindringen will).
Wozu auch ohne Not? er hat ein Waffen,
Und jener andre steht, erwacht, ihm bei.
Hier ist ja Metz, der Unsern starke Feste.
Da drin sind Fesseln, Bande, sichre Kerker
Und Helfer der gefahrlos lust'gen Jagd.
Poch einer dort ans Tor, wir stehn und wachen.

(Einer geht hin.)

Leon.
Nun denn, sie haben mich umstellt mit Netzen,
Da hilft denn einer nur und der bist du!
(Mit aufwärts gestreckten Armen.)
In deinem Auftrag ging ich in dies Land,
Durch meines Herren Mund hast du gesprochen.
Aus seiner frommen Werke reichem Schatz
Gab er mir deinen Beistand auf die Reise,
O nimm die Hilfe nicht, bevor sie half.
Ich weiß, Unmögliches schein ich zu heischen.
Doch ist ja möglich das nur, was du willst,
Und was du nicht willst, das nur ist unmöglich.
Um mich nicht fleh ich, nein, für ihn, um sie.
Ein Menschenleben, ach, es ist so wenig,
Ein Menschenschicksal aber ist so viel.
Beschirm sie gegen Feinde, gegen sich.
Das Mädchen, zu den Ihren heimgekommen,
Wird im Gewöhnen wild und arg wie jene.
Und Atalus – Wir wissen's beide, Herr!
Er ist nur schwach; kehrt er in neue Haft,
Fällt er verzweifelnd ab von deinen Wegen;
Sein Oheim aber segnet sich und stirbt.
Das soll nicht sein, das darf nicht. – Nicht wahr, nein?
(Er fällt auf die Knie.)

Schaffer.
Er ist verwirrt und spricht mit Luft und Wolken.
(Nach rückwärts.)
Kommt niemand noch?

Leon.
     Horch! Welch bekannter Klang!

(Aus der Stadt tönt der entfernte Laut einer kleinen Glocke.)

So tönen ja der Christen fromme Zeichen,
Die Gläubigen versammelnd zum Gebet.

Schaffer.
Du irrst, da drin sind keine Christenvölker,
Da ehrt man Wodan und den starken Teut.
Man kommt.

Leon.
     Wohlan, so gilt es denn das Letzte?
Ich bitte nicht mehr Hilfe, nein, ich fordre –
Ich bitte immer noch, ich bitte, Herr!
Als ich von deinem frommen Diener schied,
Da leuchtete ein Blitz in meinem Innern;
Von Wundern sprach's, ein Wunder soll geschehn.
Und so begehr ich denn, ich fordre Wunder!
Halt mir dein heilig Wort! – Weh dem, der lügt!
(Er springt auf.)

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