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Weh dem, der lügt!

Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt! - Kapitel 12
Quellenangabe
typecomedy
booktitleWeh dem, der lügt!
authorFranz Grillparzer
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004381-6
titleWeh dem, der lügt!
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Veränderung

Offene Gegend am Strom, der im Hintergrunde sichtbar ist. Am Ufer die Hütte des Fährmanns.

Der Fährmann und sein Knecht.

Fährmann.
Die ganze Herde, sagst du, trieb er fort?

Knecht.
Der Kattwald, ja. Wir waren auf der Weide,
's ist nun der zweite Tag. Und als er schied,
Befahl er grinsend mir, Euch nur zu sagen:
So treib' er Schulden ein, sobald sie fällig.

Fährmann.
Die ganze Herde für so kleine Schuld?
So sag ich mich denn auch für immer los,
Der Wilden Trutz ist nicht mehr zu ertragen.
Die Franken zahlen besser, sind auch besser.
(Auf einen Baum zeigend, in den ein Bild eingefügt ist.)
Sie schenkten dort mir jenes fromme Bild,
Und wenn die Frucht man kennet aus der Saat,
Gilt mehr ihr Gott als Wodan oder Teut.

Doch früher räch ich mich an jenen Argen.
Dem Kattwald fang ich nur ein Liebstes weg,
Ein Kind, ein Weib, den Nächsten seines Stamms,
Und das soll bluten, zahlt er nicht mit Wucher,
Was ungerecht er meiner Habe stahl.

Nun rüste mir den Kahn, ich will hinüber.
Man sagt, die Franken brechen wieder los
Und wollen jenes Ufer sich gewinnen,
Das streitig ohnehin, bald des, bald jenes,
Und spärlich nur bewohnt, zwei Tag' im Umkreis.
Sie zielen wohl auf Metz, wo jene Teufel
Ob ihrem Land die plumpe Wache halten.
Doch wird's wohl nicht so bald; drum noch Geduld,
Bis dahin heißt's verbeißen seinen Ärger.
Nur jenem Kattwald tu ich's früher an.
(Er geht in den Hintergrund, wo er sich am Flusse beschäftigt.)

Edrita (tritt von der linken Seite kommend rasch auf).
Wir sind am Strom!
(In die Szene sprechend.)
     Verbergt die Waffen nur,
Im Notfall nehmt ihr leicht sie wieder auf.

(Die Jünglinge kommen.)

Hab ich mein Wort gehalten oder nicht?

(Leon eilt mit schnellen Schritten dem Ufer zu, von dort zurückkehrend, erblickt er den Baum mit dem Heiligenbilde und kniet betend davor nieder.)

Edrita (zu Atalus).
Wie unvorsichtig! Jetzt dorthin zu knien.

Atalus.
Da hat er recht. Man muß wohl also tun.
(Er kniet auch hin.)

Edrita (zum Fährmann, der, die beiden betrachtend, vom Ufer nach vorn gekommen).
Seid Ihr der Fährmann?

Fährmann.
     Wohl, ich bin's.

Edrita.
          Dem Grafen
Im Rheingau ob nicht hörig, doch verpflichtet?

Fährmann.
Dem guten Grafen Kattwald, ja.

Edrita.
     Nun denn!
Die beiden, die du siehst, sind Knechte Kattwalds,
Sie tragen seine Botschaft in das Land.
Drum rüste schnell ein Schiff, ein gutes, rasches,
Das sie hinüberführt und mich mit ihnen.

Fährmann.
Des Grafen Kattwald?

Edrita.
     Wohl. Damit du glaubst,
(leiser)
Das Wort heißt: Arbogast.

Fährmann.
     Ja wohl, so heißt's.
Das kommt mir recht gelegen, o fürwahr.
(Seinen Knecht rufend.)
He, Notger, hier! Die wackern Leute da,
Sie tun für Grafen Kattwald ihre Reise,
Des frommen Manns, der unsre Herden schützt.
Mach immer nur das Schiff bereit.
(Die Kappe ziehend, zu Edrita.)
     Verzeiht!
Ich muß dem Knecht da Auftrag geben.
(Leise zum Knecht.)
Führ sie zum Schein in Strom. Dann suche Säumnis,
Indes versamml' ich Freunde, Fischersleute –

Leon (der aufgestanden ist).
Wo ist der Fährmann?

Fährmann.
     Hier.

Leon.
          Wir wollen über.

Fährmann.
Ich weiß, ich weiß, in hohem Auftrag, ja!

Leon.
Was spricht der Mann?

Edrita.
     Ich sagt' ihm, was du weißt,
Daß ihr, die beiden, mit Graf Kattwalds Botschaft –

Fährmann.
Und da gehorcht ein niedrer Mann, gleich mir.

Leon.
Wenn Ihr's nur deshalb tut, und nicht für Lohn,
Um dessen willen nicht, der prangt dort oben,
(auf das Heiligenbild zeigend)
So wißt: nicht in Graf Kattwalds Auftrag gehn wir,
Und nicht mit seinem Willen sind wir hier.

Edrita.
Leon.

Leon.
     Es ist so, und ich kann nicht anders.

Fährmann.
Gehört ihr nicht zu Kattwalds Freunden?

Leon.
     Nein.

Fährmann.
Ihr habt nur erst vor jenem Bild gekniet.
Seid ihr vielleicht von jenen fränk'schen Geiseln?
Es ward um einen kurz nur angefragt.

Leon.
Wer fragte?

Fährmann.
     Wie es hieß, von seiten dessen,
Der ihren Gläub'gen vorsteht in Chalons.

Atalus.
Leon!

Fährmann.
     Ihr seid erwartet drüben; doch
Liegt feindlich Land dazwischen weit und breit.

Leon.
Nun, Gott wird helfen. Wer wir immer sei'n,
Willst du den Strom uns nicht hinüberbringen,
Versuchen wir denn anderwärts das Glück.

Fährmann.
Halt noch! Und habt ihr Geld?

Leon (Münzen vorweisend).
     Wenn das genügt.

Fährmann.
Nun denn, ich führe selber euch hinüber.
Nicht weil ihr Kattwalds, nein doch, weil ihr's nicht.
Denn wärt ihr's, lägt inmitten ihr des Stroms.
Er ist mein Feind, und Rache lechzt die Brust.

Leon (zu Edrita).
Siehst du, man ist nicht klug, wenn man nur klügelt.

Edrita (sich von ihm entfernend und auf Atalus zeigend).
Ich geh mit dem. Was soll es weiter nun?

Fährmann (zu dem sein Knecht gesprochen hat, der sogleich wieder abgeht).
Nun kommt, denn Reiter streifen durch die Gegend.
Seid ihr entflohn, verfolgen sie wohl euch.
Seht dort! – Folgt rasch! – Und dankt dem droben,
(auf das Bild am Baume zeigend)
Der euern Fuß, der euer Wort gelenkt.

(Sie gehen.)

Ein Krieger (der im Vorgrund auftritt).
Halt da!

Fährmann.
     Halt selber du! Es liegt ein Wurfspieß
Und auch wohl zwei im Kahn. Willst sie versuchen?

(Sie gehen ab.)

Krieger (zurückrufend).
Hallo!

Zweiter Krieger (der im Hintergrunde links aufgetreten).
     Dort sind sie.
(Er ist vorgeprellt, jetzt zurückweichend und sein Haupt schirmend.)
          Blitz! Sie haben Waffen.

Kattwald (auftretend).
Wo da! Wo da?

Zweiter Krieger.
     Sie sind schon, seht, im Strom.

Kattwald.
Verfolgt sie!

Zweiter Krieger.
     Ja, da ist ringsum kein Kahn.
Doch an der Sandbank müssen sie vorüber,
Dort rechts, da reichen wir mit unsern Pfeilen.

Kattwald.
Schießt immer, schießt! Und träft ihr auch mein Kind,
Weit lieber tot – verwundet wollt' ich sagen –,
Als daß entkommen sie, mein Kind mit ihnen.

(Knechte haben sich rechts am Ufer aufgestellt.)

Knecht.
Es ist umsonst. Sie staun mit Macht den Strom
Und halten ihren Kahn scharf nach der Mitte.

Kattwald (wieder hineilend).
Nicht also sie! Nicht sie? Nicht Rache! Rache!
So werf ich mich denn selber in den Strom,
Und kann ich sie nicht fassen, mag ich sterben.

Knecht (ihn zurückhaltend).
Laßt ab! Vielleicht erreicht sie Galomir.
Am Ende seines Wegs ist eine Furt,
Da kommen dann noch drüben sie zu Schaden.

Kattwald (an seinem ausgestreckten Arm die Stellen bezeichnend).
Die Hand, den Arm in ihrem Blute baden.

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