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Weh dem, der lügt!

Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt! - Kapitel 10
Quellenangabe
typecomedy
booktitleWeh dem, der lügt!
authorFranz Grillparzer
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004381-6
titleWeh dem, der lügt!
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Vierter Aufzug

Waldige, dicht bewachsene Gegend. Links im Vorgrunde ein großer Baum mit einem natürlichen Moossitze. Auf derselben Seite im Hintergrunde dickes Gestrüpp und Steinmassen, höhlenartig ein Versteck bildend. Es ist Tag.

Leon und Atalus kommen.

Leon.
Hier ist der rechte Weg.

Atalus.
     Nein, dort!

Leon.
          Nein, hier!

Atalus.
Dort, hat das Mädchen selber mir gesagt.

Leon.
Euch sagte sie's?

Atalus.
     Ja mir, und war besorgt,
Weil ich durchnäßt, und rührte meinen Arm.

Leon.
So lebt denn fort in Eurer süßen Täuschung!
Doch läuft der Fußsteig hier.

Atalus.
     Ich geh nicht weiter.
Soll alles denn nach deinem Dünkel nur?
Auch bin ich müd.
(Er setzt sich rechts auf einen Stein.)

Leon.
     Und holen sie uns ein?

Atalus.
Wenn sie uns fangen, ei, dann geht's dir schlimm,
Mich kauft der Oheim etwa dennoch los.

Leon.
Er kauft Euch los? Weil er nicht kann, nicht mag,
Drum eben kam ich her.

Atalus.
     Er mag nicht, sagst du?
Das ist recht schlecht von ihm.

Leon.
     Schmäht Ihr den Ohm?
Den frommen Mann, der fehllos bis auf eins,
Nicht daß er geizig, wie ich einst ihn hielt,
Nein, daß, beschäftigt wohl mit höhern Dingen,
Den Neffen er nicht besser sich erzog.
Weil er Euch liebt, drum sandt' er mich hieher,
Wär's nicht um ihn, ich ließ Euch längst in Stich.

Atalus.
Das wär' mir eben recht! du bist mir widrig.

Leon.
Ihr säßt noch bei den Pferden ohne mich.

Atalus.
Dort war mir wohl, auch hatt' ich Essen satt.
(Aufstehend.)
Nun denn, weil du für gar so klug dich hältst,
Weißt du hier Pfad und Steg und Ziel und Richtung?
Hast du bedacht, was sonst dem Menschen not?
Was nützt es uns, daß wir im Freien sind,
Wenn wir vor Mangel grausamlich verschmachten?
Der Wald dehnt sich wohl etwa tagelang,
Und eher findet sich ein reißend Tier,
Das uns verzehrt, als wir, wovon wir zehren.

Leon.
Vertraut auf Gott, der uns so weit geführt,
Er wird die Hungernden mit Nahrung trösten,
Wie den Gefangnen er die Freiheit gab.
Und nun –

Edritas Stimme (hinter der Szene).
     Leon!

Leon.
          Man kommt. Nur schnell von hinnen!

Atalus.
Hör erst!

Edrita (näher).
     Leon!

Atalus.
          Das ist des Mädchens Stimme.

Leon.
Wes immer auch! Hier sind nur wir und Feinde.
Auch ist sie kaum allein.

Atalus.
     Sie ist's. Ich seh's.

Leon.
Nun, so verplaudern wir die Zeit der Rettung.

Atalus.
Sie hilft uns wohl mit einem neuen Fund.
Geh immer, wenn du willst, ich harr auf sie.

Leon.
Nun denn, so streck ich wehrlos meine Hände;
Wenn's doch mißlingt, ich trage nicht die Schuld.

(Edrita kommt.)

Edrita.
Hier seid ihr ja. Nun, das ist recht und gut.

Atalus.
Sei mir gegrüßt!

Edrita (zu Leon).
     Was wendest du dich ab?
Du fürchtest, ich verzögre eure Flucht?
Doch umgekehrt. Jetzt tut euch Zaudern not.

Atalus.
Siehst du?

Edrita.
     Was soll er sehn?

Atalus.
          Ich wollte weilen,
Er trieb zu gehn.

Edrita.
     Da hatt' er recht, du nicht,
Da ihr nicht wußtet, was nur ich kann wissen.
Die Unsern gehn zu Roß die andre Straße,
Insoweit ist es gut. Doch dieser Pfad,
Er trifft am Saum des Walds mit jenem andern,
Und da ihr Pferde doch nicht überholt,
So wär' euch schlimm, kämt ihr zu früh dahin.
Im Rücken ihrer aber geht ihr sicher.

Leon.
Nun aber noch um aller Himmel willen:
Wie kommst du her?

Edrita.
     Ich, meinst du? Ei, ja so!
Ihr habt es gut gemacht, bis nur auf eins.

Atalus.
Ei, er macht alles klug.

Edrita.
     Ja, alles andre.
Ihr wart kaum fort, da wollten sie mich töten,
Der Vater hob den Spieß in seiner Hand.
Da lief ich fort, ein Endchen in den Wald,
Bei Tagesanbruch wollt' ich wiederkehren.
Doch kam der Tag, da sah ich euern Fußtritt
Im weichen Boden kenntlich eingedrückt;
Das, dacht' ich, das verrät sie; und am Saum
Des Rasens gehend, wo kein Fußtritt haftet,
Bestreut' ich eure Spur mit Sand und Erde.
So kam ich weiter, weiter und bin hier.
Und nun ich da, kehr ich nicht mehr zurück.

Leon.
Was fällt dir ein?

Atalus.
     Ja ja, bleib nur bei uns.

Edrita.
Bedenk nur selbst. Kehrt nun mein Vater heim
Und fing euch nicht, was euer Gott verhüte!
So schlägt er mich und wirft mich in den Erker,
Wo ich schon einmal lag, wie einst die Mutter.
Und dann wird jener Galomir mein Mann.
Ich will ihn nicht. Ich sag euch's nun, ich will nicht.
Nehmt mich mit euch, ich bin euch wohl noch nütz.
Die Wege kenn ich hier und alle Schliche.
Ihr seid noch nicht so sicher, als ihr glaubt.
Sie führen Hunde mit, ich hört' es wohl,
Die wittern euch und schlagen bellend an,
Mich aber kennen sie und jeder schweigt,
Und streichl' ich ihn, legt er sich auf die Pfoten.
Ich will zu deinem Herrn, zu seinem Ohm,
Und dort den frommen Lehren horchend lauschen,
Die er wohl weiß von Gott und Recht und Pflicht.
Will mich mein Vater, soll er auch nur kommen
Und lernen auch, ist er gleich grau und alt.
Das ist ihm nütz. Sie sind auch gar zu wild.

Leon.
Ich aber duld es nicht!

Edrita.
     Wie nur, Leon?

Leon.
Ich habe meinem frommen Herrn versprochen.
Nichts Unerlaubtes, Greulichs soll geschehn
Bei diesem Schritt, den nur die Not entschuldigt.
Hab ich den Sklaven seinem Herrn entführt,
Will ich dem Vater nicht die Tochter rauben
Und mehren so den Fluch auf unserm Haupt.

Edrita.
So hör doch nur!

Leon.
     Es soll, es darf, es kann nicht.

Atalus.
Er ist nicht klug.

Edrita.
     Ei, klüger, als du glaubst.
Er ist der Mann des Rechts, des trocknen, dürren,
Das eben nur den Gegner nicht betrügt.
Allein durch ungekünstelt künstliches Benehmen
Vertraun erregen, Wünsche wecken, denen
Sein wahres Wort dann polternd widerspricht,
Das mag er wohl und führt es wacker aus.
(Zu Atalus.)
So nimm denn du mich mit.

Atalus.
     Ja doch, wie gerne.

Leon.
Ich duld es nicht.

Edrita.
     Wir fragen dich auch nicht.
Wir sind zu zweit, da gilt denn unsre Meinung.

Leon.
So trenn ich mich von diesem Augenblick.

Edrita.
Auch das! Wir helfen ohne dich uns weiter.
Die Wege kenn ich alle bis zum Strom,
Von dort an weiß sie der.

Atalus.
     Ich weiß sie nicht.

Edrita.
Nun denn, dann sind wir nahe deinem Land,
Und jeder bringt uns auf die sichre Fährte.

Leon.
Viel Glück dazu!

Atalus.
     Siehst du, er streitet immer.

Edrita.
Dann treten wir vor deinen Oheim hin
Und sagen ihm: dein Knecht hat schlimm getan,
Wir aber halfen selbst uns, wie wir konnten.
(Zu Leon.)
Du bist ja trüb.

Leon.
     Ich lieh dir meine Laune.

Edrita.
Siehst du? Man muß nur artig sein und wollen,
Sonst kommt das Müssen und dann fehlt der Dank.

(Der Ton eines Horns von weitem.)

Leon.
Hör doch! Nun zitterst du, und warst so kühn.

Edrita.
Und wenn ich zittre, ist's um euch.

Atalus.
     Nur fort!

Leon.
Ich bleibe.

Edrita.
     Keine Torheit, die nur quält.
Das ist kein Trupp; ein einzelner, Verirrter,
Der die Genossen sucht mit Hornesruf.
Er wird vorüberziehn, weil er allein,
Und, zwei zu fangen, mehr als einer nötig.
Dort rückwärts ist, ich weiß es, ein Versteck,
Wo dichte Sträuche sich zum Schirmdach wölben.
Dort warten wir, bis seine Schritte fern,
Vielleicht könnt ihr beschleichen ihn, bewält'gen.
Wie immer, nur hinein, und zwar im Umkreis,
Daß ihm der Tritt nicht unsre Spur verrät.
(Sie führt sie leise auf den Zehen bis an die Bäume rechts, dann rasch am innern Umkreise zurück und in die Höhle.)

(Kurze Pause; dann kommt Galomir von der linken Seite, einen Spieß auf der linken Schulter, das Schwert an der Seite, ein Horn um den Leib. Er sucht gebückt nach den Fußtritten am Boden.)

Galomir.
Da, da! – Eh, eh! die Kleine! Oh! – Nach dort!
(Die Spur mit dem Finger verfolgend.)
Wart! wart! – Verirrt. Kein Mann da! Wo? Ah weit.
Uf! – heiß! (Seine Beine befühlend.)
     Und müd! – Da. – Ah! Dort Schatten! Baum.
Ruh aus, Mann, ruh! dann weiter.
(Er setzt sich.)
     Heiß die Haube!
(Er nimmt den Helm ab und legt ihn neben sich.)
Noch einmal rufen.
(Er ruft durch die hohle Hand.)
     Hup!
(Er horcht eine Weile, dann nach rückwärts gekehrt.)
          Ah! – Niemand hören.
Wozu das Horn? Blas an! – Verwirrt, verwirrt!
(Er lehnt den Spieß an den Baum und wickelt die verworrene Schnur des Hornes auseinander.)
Ah, los! Nun an den Mund!
(Er setzt das Horn an.)

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