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Weder Kommunismus noch Kapitalismus

Carl Jentsch: Weder Kommunismus noch Kapitalismus - Kapitel 6
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authorCarl Jentsch
titleWeder Kommunismus noch Kapitalismus
publisherVerlag von Fr. Wilh. Grunow
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Viertes Kapitel

Aus der Geschichte der englischen Arbeit

Wenn alle die Monographien über Landwirtschaft und Gewerbe in Deutschland, die einzelne Zeiten, Gegenden und Produktionszweige behandeln, zusammengestellt würden, so hätten wir in einem solchen Sammelwerke wahrscheinlich eine ziemlich vollständige Geschichte der deutschen Arbeit oder, um genauer auszudrücken, was wir meinen, der deutschen Produktion. Die Engländer besitzen ein Werk, das sich zwar in der Vollständigkeit mit dieser deutschen Wirtschaftsbibliothek nicht messen kann, aber dafür die Entwicklung und die Veränderungen in der englischen Produktion übersichtlich im Zusammenhange und in einem Gusse darstellt: Six Centuries of Work and Wages. The History of English Labor. By James E. Thorold Rogers, M. P. Auch Wolf hat natürlich dieses Werk benutzt, und er berichtet über einen kleinen Teil seiner Ergebnisse: über die von Rogers ermittelte Auf- und Abwärtsbewegung der Arbeitslöhne; aber die Hauptsache teilt er nicht mit: die von Rogers mit größter Ausführlichkeit dargelegten Ursachen dieser Veränderungen. Schon der falsche Name, mit dem er das Werk einführt, als eine Geschichte des englischen Arbeiters, während es doch eine Geschichte der Arbeit ist, raubt den dürftigen Angaben, die er daraus entnimmt, allen Wert. Denn dieser falsche Name erweckt wieder die verkehrte Vorstellung, als ob das Wort »Arbeiter« einen unwandelbaren, für alle Zeiten feststehenden Begriff bezeichnete, den des besitzlosen Lohnarbeiters, wie wir ihn heute vor uns sehen, und als ob die Produktion zu allen Zeiten in der Weise vor sich gegangen wäre, daß ein kapitalistischer Unternehmer den Grund und Boden, die Werkzeuge und die Leitung, eine Herde von besitzlosen Arbeitern aber die Arbeit lieferte. Es ist aber gerade das Verdienst des englischen Gelehrten, klar gemacht zu haben, wie grundverschieden die im Mittelalter an der Produktion beteiligten Berufsstände und Klassen von unsern heutigen waren. Das haben auch Marx und Engels bemerkt und hervorgehoben. Und gerade aus dem Umstande, daß die Gliederung und Schichtung der Gesellschaft seit dem sechzehnten Jahrhundert eine grundstürzende Umwandlung erlitten hat, ziehen sie die Folgerung, daß auch die heutige Schichtung und Gliederung nicht für die Ewigkeit feststehen könne, sondern einer neuen Umbildung entgegenwachse, von der sie sich ja vielleicht eine falsche Vorstellung machen. Jedenfalls stehen die genannten Sozialisten über Wolf, und Wolfs Werk bedeutet einen Rückschritt gegen das »Kapital« von Marx, da er die Gesamtheit der sozialen Fragen auf die dürftige Frage der Gewinnverteilung zurückführt, deren Lösung noch dazu von jener unberücksichtigt gelassenen Gliederung der Gesellschaft abhängt.

Rogers legt zunächst von seinen Quellen Rechenschaft ab. Über die Zustände am Ende des elften Jahrhunderts giebt das Domesday Book Aufschluß. Diese berühmte Landbeschreibung des Königreichs, in der nur die vier nördlichen Grafschaften und ein Teil von Lancashire fehlen, enthält ein Verzeichnis der Grundbesitzer und Pächter, giebt die Veränderungen an, die die Eroberung Englands durch die Normannen zur Folge hatte, und beschreibt die wirtschaftliche Lage Englands »unter der Regierung Wilhelms« [doch jedenfalls des Eroberers]. Für die folgenden zwei Jahrhunderte sind wenig Urkunden vorhanden. Von der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts an aber werden sie so häufig, daß sich aus ihnen ein anschauliches Bild von den wirtschaftlichen Zuständen des Landes gewinnen laßt. Die Wirtschaftsbücher und Gutsrechnungen der Herrenhäuser (manors) sind die wichtigsten dieser Urkunden. Die ihnen entnommenen Einzelheiten können wir hier natürlich nicht ausführlich wiedergeben, denn dazu müßten wir ein Viertel des ganzen Werkes übersetzen; wir beschränken uns auf die Hauptergebnisse.

Der Grundherr – der König, ein Ritter, ein Kloster, ein College – bewirtschaftete einen Teil des Gutes selbst oder ließ ihn durch einen Verwalter bewirtschaften, das übrige war an Pächter und Hörige (serfs) ausgeteilt. Der Hörige hatte, falls er nicht zum Hofgesinde gehörte, sein Häuschen und mindestens zwölf Acres Ackerland (ein Acre enthält 40,467 Are oder einen und dreifünftel preußische Morgen) und das Recht, die Gemeindeweide mit zu benutzen. Die den Pächtern und Hörigen obliegenden Frohnarbeiten waren so bemessen, daß ihnen hinlänglich Zeit übrig blieb zur Bestellung ihrer eignen Äcker. So hatten z. B. die Leibeignen von Cuxham Manor, das dem Merton College in Oxford gehörte, jeder einen halben Acre des Herrenlandes zu bestellen und in der Ernte mit einem von ihm bezahlten Manne drei Tage zu helfen, außerdem an jedem Tage, ausgenommen an Sonntagen, zur Stelle zu sein, wenn ihn der Amtmann holen ließ. An Naturalien hatte er ein bestimmtes Maß Getreide, am 12. November drei Hennen, zu Weihnachten einen Hahn, zwei Hennen und für zwei Penny Brot abzuliefern; an Geldzinsen einen halben Penny am 12. November und einen Penny, so oft er braute. Jeder Hörige braute sich also sein Bier selbst.

Die Ablösung der Frohnden durch Geldzinsen lag im beiderseitigen Interesse und wurde mit der Zeit immer häufiger. Frohnarbeit wird immer unlustig, also schlecht geleistet; der Herr ließ sich also lieber mit einem Geldzins abfinden und mietete Lohnarbeiter. Diese Lohnarbeiter waren im allgemeinen keine andern als eben die Zinspflichtigen, die frühern Hörigen, der Zins, den sie entrichtet hatten, floß also in Gestalt von Arbeitslohn in ihre Tasche zurück. Der Unterschied gegen früher war nur, daß der Herr bessere Arbeit bekam, und daß sie nicht gezwungen waren, auf des Amtmanns Gebot ihre eigne Arbeit manchmal zu einer Zeit im Stich zu lassen, wo es ihnen gerade am wenigsten paßte. Um seinerseits nicht gerade bei der dringendsten Arbeit im Stich gelassen zu werden, zahlte der Herr in der Ernte doppelten und dreifachen Tagelohn. Wurde Kost geliefert – sie war stets ausreichend und nach damaligen Verhältnissen gut –, so wurde auf sie die Hälfte des Tagelohns gerechnet. Der Mann verdiente also in achtstündiger Arbeitszeit – länger als acht Stunden dauerte damals das Tagewerk weder in der Stadt noch auf dem Lande – das Doppelte seiner Kost. Lohnarbeiter, die keinen Grundbesitz, sei es als freies Eigentum oder zu Lehn oder in Pacht gehabt hätten, gab es im allgemeinen nicht. Ein landloser Mensch und ein Dieb galten als ein und dasselbe. Die Zahl solcher muß aber äußerst gering gewesen sein, weil Felddiebstähle fast gar nicht erwähnt werden, obwohl in den Wirtschaftsbüchern unter den Ausgaben auch alle Verluste, z. B. durch Viehseuchen und andres Unglück, sorgfältig verzeichnet stehen.

Rogers sieht in diesem Umstande zugleich einen Beweis dafür, daß sämtliche Gemeindemitglieder, weil als Besitzer gleichmäßig an der Abwehr und Verhinderung von Feldfreveln interessirt, eifrig Polizei übten, wie sie ja auch durch die Teilnahme an den Gerichtssitzungen im Manorhouse in der Übung der Selbstverwaltung blieben. Auch politisirte jeder Bauer, da ja die Leute durch das Parlament, durch die Geldbewilligungen für Kriegszwecke und den Kriegsdienst an den Staatsangelegenheiten unmittelbar beteiligt waren. Polizei und Richteramt waren leicht zu üben, weil die Gemeinden klein, nach heutigen Begriffen winzig waren – sie bestanden meistens nur aus ein paar Dutzend Haushaltungen – daher jeder jeden und sein ganzes Thun und Treiben kannte. Beim spätern Übergange der Gerichtsbarkeit vom Manorhouse auf die Grafschaftsgerichte, meint Rogers, habe die berühmte altenglische Jury ihren Sinn und ihre Berechtigung verloren; die Geschwornen jener ältern Zeit hätten bloß zu bezeugen gehabt, was jeder wußte, die jetzige Jury dagegen solle Thatbestände ermitteln, von denen keines ihrer Mitglieder etwas weiß.

Die Hörigen, um auf diese zurückzukommen, waren folgenden Freiheitsbeschränkungen unterworfen. Sie durften nicht in das Gebiet einer andern Gutsherrschaft übersiedeln. Sie durften nicht im königlichen Heere Kriegsdienste leisten. Sie durften ihre Töchter nicht ohne Erlaubnis des Herrn verheiraten; für die Erlaubnis wurde gewöhnlich etwas bezahlt. Sie durften ohne Erlaubnis ihres Herrn weder selbst die Weihen empfangen oder ins Kloster gehen noch ihre Söhne in die Schule schicken und geistlich werden lassen; geschah es dennoch, so hatten sie eine Buße zu zahlen. Die Häufigkeit solcher Bußen, die sich in die Wirtschaftsrechnungen eingetragen finden, beweist, wie groß die Zahl der Söhne von Hörigen war, die sich der geistlichen Laufbahn widmeten. Der Herr konnte den Hörigen weder von seinem Grundstück vertreiben, noch ihm ohne gerichtliches Urteil sein Vieh oder sonstiges Eigentum wegnehmen; zwar verbot es kein Gesetz, wohl aber ein Gewohnheitsrecht, das zu verletzen nicht leicht jemand wagte.

Ebenso war den freien kleinen Gutsbesitzern oder Pächtern (freeholders, copyholders, tenants) ihr Grundbesitz gesichert. Den Pächtern wurde das Betriebskapital: Vieh und Werkzeuge, vom Herrn geliefert; Verluste durch Viehseuchen u. dergl. wurden nach bestimmten Grundsätzen zwischen beiden verrechnet. Weil das Land sehr billig war – der Morgen vier bis fünf Schilling, nach heutigem Gelde etwa fünfzig Mark –, so war das Betriebskapital gewöhnlich dreimal so viel wert als der Acker. Während sich der Betrieb der Landwirtschaft – Rogers beschreibt ihn genau – vom dreizehnten Jahrhundert bis in den Anfang des neunzehnten hinein nicht wesentlich ändert, Man übte im dreizehnten Jahrhundert schon das Drainiren und Mergeln; die letztere Kunst ging später auf Jahrhunderte verloren. verschlechtert sich die Lage dieser kleinen Bauern vom sechzehnten Jahrhundert ab beständig. Die Polizei und Gerichtsbarkeit ging an die Grafschaftsgerichte über, die sehr streng verfuhren, und denen die kleinen Leute ohnmächtig und rein passiv gegenüberstanden; die alten Gewohnheitsrechte wurden vergessen, die Gemeindetrift und der Gemeindewald eingezäunt und für Privateigentum des Herrn erklärt. Schließlich wurde der Bauer ein stumpfsinniger Dulder.

Was die Lebensweise der Landleute: Freibauern, Pächter und Leibeigne im dreizehnten Jahrhundert anlangt, so war bei ihnen, ausgenommen in Mißwachsjahren, von Not keine Rede. So viel Lebensmittel, als sie brauchten, lieferte ihnen ihr Acker und ihr Vieh, und hätte einer ja einmal nicht genug gehabt, so waren Brot, Fleisch und alle Arten von Fett spottbillig. Jeder Hörige hatte nicht allein sein Schwein im Stalle, sondern auch sein Huhn im Topfe; Geflügel aller Art: Enten, Gänse und Hühner, waren gemein, und Eier fast wertlos. Mit Kapaunenfett schmierte man die Wagenräder; das geschah nicht etwa ausnahmsweise einmal aus Übermut, sondern es war etwas gewöhnliches. Heute, meint Rogers, könnte man ebenso gut Hasenfett zu Wagenschmiere gebrauchen. Nur der Taubenschlag war ein Privilegium des Grundherrn, und die Herren pflegten so viel Tauben zu halten, daß sich die Bauern über den Schaden beklagten, den diese anrichteten; dagegen kommen keine Beschwerden über Wildschaden vor. Die Kost war also zwar reichlich und gut, aber im Winter nicht gesund, weil sie da großenteils aus gesalznem und geräuchertem Fleische bestand, das Salz sehr schlecht war, und jene Hackfrüchte und nahrhaften Wurzelgewächse unbekannt waren, deren Anbau erst im siebzehnten Jahrhundert von den Niederlanden aus über Europa verbreitet wurde. Diese unzweckmäßige Winterkost, Vor der Nutzbarmachung der Hackfrüchte konnte in einem nördlichen Klima auch von einer rationellen Rindviehzucht keine Rede sein; fehlte doch das jetzige gesunde Winterfutter. zusammen mit der grenzenlosen Unsauberkeit, die überall herrschte, und gegen die man keinen Ekel empfand, erzeugten den Skorbut und Aussatz; beide Übel waren endemisch. Hieraus, sowie aus dem Mangel aller Bequemlichkeiten und namentlich guter Heizvorrichtungen – eines Kamins, der doch auch recht elend wärmt, erfreuten sich nur die reichsten und vornehmsten – erklärt sich die große Sterblichkeit und die geringe Bevölkerungszunahme während des Mittelalters. Ein kleines Kind mußte schon eine gute Natur haben, wenn es die sechs Wintermonate in der mit Unrat und Rauch erfüllten ungedielten einzigen Stube der Elternhütte überdauern sollte. Die Ärmlichkeit des Hausrats, den Mangel an Bequemlichkeiten und den Schmutz empfand niemand als ein Übel, weil man ja nichts besseres kannte; saßen doch auch die Höflinge im Königsschlosse auf Strohbündeln, und froren doch auch die Ritter im Winter wie die Hunde, sodaß keine wesentliche Verschiedenheit der Lebensführung vorhanden war, die durch Vergleichung Neid und Unzufriedenheit hätte erzeugen können. Nur Güter, die man kennt, aber nicht haben kann, machen lüstern und unzufrieden; ignoti nulla cupido. Die Härten des Winters allerdings mögen wohl empfunden worden sein, wie wir aus den Klagen unsrer Minnesinger schließen können, aber doch eben von den Menschen aller Stände. Und Frühling und Sommer entschädigten reichlich. Denn jedermann genoß im Landleben die schöne freie Natur und hatte jeden Feierabend und Sonntag Zeit, seines Lebens froh zu werden. Allerdings nur am Sonntag. Denn blauen Montag gab es nicht, und von Festen wurden höchstens fünf außer den Sonntagen gefeiert. Hie und da scheint sogar nur ein einziges Wochentagsfest, jedenfalls doch Weihnachten, gefeiert worden zu sein. Die Vorstellung, als ob die Leute in der katholischen Zeit an drei von den sechs Wochentagen gefeiert hätten, trifft wenigstens für England nicht zu; das ganze Jahr hindurch wurde gleichmäßig, wenn auch nicht übermäßig gearbeitet. Überstunden und Sonntagsarbeit wurden sowohl den ländlichen wie den gewerblichen Arbeitern sehr hoch bezahlt. Sonntagsarbeit im größern Umfang ist nur aus der Zeit Heinrichs des Achten bekannt; dieser in allen Dingen sehr ungeduldige Herr hatte es auch mit seinen Bauten sehr eilig. Übrigens waren die Könige die besten Kunden; sie bezahlten die höchsten Arbeitslöhne, und wenn sie Arbeiter von auswärts heranzogen, so gewährten sie ihnen eine anständige Reiseentschädigung. Rogers berechnet, daß ein kleiner Bauer mit zwanzig Acres, also etwas über dreißig Morgen Acker (seine Wiese war im Gemeindeland einbegriffen) jährlich zwanzig Schilling sparen konnte, die damals so viel galten, wie heute zweihundertvierzig Schilling oder Mark. Das Ersparte konnte er zum Teil auf Vergrößerung seines Gütchens verwenden. Seine Söhne konnten mit einem kleinen Kapital in die Stadt ziehen und es im Handel oder Gewerbe zu etwas bringen, oder Soldaten werden und sich in den Ritterstand emporschwingen, oder in den Kirchendienst eintreten und hohe Würden erlangen. Waren doch die königlichen Räte, die Kanzler Geistliche; Grostête, die Zierde der Universität Oxford in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts und später Bischof von Lincoln, vom Volke verehrt als Gelehrter, als Heiliger und als Wahrer der Volksrechte gegen die Anmaßungen Roms, war der Sohn eines Leibeignen. Die eifrigern unter den Pfarrern pflegten die talentvollern aus den Dorfjungen herauszusuchen und für die Schule vorzubereiten. Kastenmäßige Abschließung war dem englischen Leben fremd. Der Leibeigne stieg zum Zinsbauer, der Zinsbauer zum Freibauer empor, der Ritter sank zum Bauer herab; in der Yeomanry, dem Stande der größern Freibauern, fanden sich später beide zusammen. Rogers erklärt es für thöricht, wenn man jeden, der die Lichtseiten des Mittelalters anerkennt, als Reaktionär und Lobredner der »guten alten Zeit« verschreie. Niemand kenne besser als er den Unterschied von heute und damals und die Lichtseiten des heutigen Zustandes, und er entwirft selbst eine glänzende Schilderung davon; aber – fügt er hinzu: nicht an ihren Erfolgen, sondern an ihren Mißerfolgen, nicht an ihren Leistungen, sondern an ihren Versäumnissen werde unsre Zeit dereinst gemessen werden. »In unsern Großstädten ist eine Masse von Armen angehäuft, die an Zahl der ganzen Bevölkerung von England und Wales im dreizehnten Jahrhundert gleichkommt, eine Masse von Armen, die verlassener leben, deren Wohnungen schmutziger sind, deren Existenz unsichrer ist, deren Aussichten hoffnungsloser sind als die des ärmsten Leibeignen und des gemeinsten städtischen Handwerksknechts im Mittelalter. Der Arm des Gesetzes ist stark genug, sie in Unterthänigkeit zu erhalten, und die Gesellschaft hat von ihrer Verzweiflung nichts zu fürchten«; aber, schließt er seine Betrachtung, er lasse sich das Recht nicht nehmen, auf ihre Lage hinzuweisen.

Werfen wir noch einen Blick auf die Gewerbe. Jedes Dorf hatte seinen Müller – er war Pächter des Gutsherrn –, aber mehrere Dörfer zusammen hatten gewöhnlich nur einen Schmied, einen Wagenbauer, einen Zimmermann oder auch zwei Zimmerleute, einen für die grobe, die eigentliche Zimmerarbeit, und einen für die feinere, die Tischlerei. Wie überall, so sind auch in England alle Gewerke aus dem Gutshofe, namentlich aus dem Klosterhofe hervorgegangen, und die genannten Handwerker, denen sich allenfalls noch ein Maurer und ein Dachdecker zugesellten, waren ursprünglich Hofknechte. In den Städten waren die Gewerke natürlich zahlreicher; allein die gesamte städtische Bevölkerung machte im dreizehnten Jahrhundert nur ein Zwölftel der ländlichen aus; die damalige Einwohnerzahl von England und Wales wird von Rogers auf drittehalb Millionen geschätzt. Es gab nur wenige und nach heutigem Maßstabe kleine Städte. Nur London mit seinen fünfunddreißigtausend Einwohnern war nach heutigem Begriff eine Mittelstadt. Die Wohnung war in der Stadt so klein, schlecht und schmutzig, der Hausrat so armselig wie auf dem Lande, aber jeder Bürger hatte am Hause seinen Garten und außerhalb der Mauern sein Feld. Das Geld, das der Bürger etwa beim Handel erübrigte, verwendete er nicht auf schöne Ausstattung seiner Häuslichkeit, von der er keinen Begriff hatte, sondern auf milde Stiftungen, Kirchenbauten, Verschönerung seiner Kathedrale. Kapitalistische Handwerker, das heißt Handwerker, die aus eignen Mitteln Materialien angeschafft und die daraus mit Hilfe von Lohnarbeitern hergestellten Industrieerzeugnisse zum Verkauf ausgestellt oder in den Handel gebracht hätten, gab es nicht. Der Meister war so gut wie sein Gesell nur Arbeiter auf Tage- oder Stücklohn; bloß, daß er eben Meister und Arbeitsleiter war und höhern Lohn empfing, unterschied ihn vom Gesellen. Der Bauer wie der Bürger schaffte die Materialien, die er im Laufe des Jahres zu verbrauchen gedachte, z. B. Eisen, selbst an, und wollte er z. B. eine Schaufel, eine Pflugschar haben, so maß er von seinem Vorrat dem Schmied das nötige zu. Wer ein silbernes oder goldnes Gefäß oder einen Schmuck wollte, der kaufte Gold oder Silber, wog es dem Goldschmied zu und ließ sich dann das fertige Stück vorwiegen. Wer bauen wollte, mietete einen Steinbruch, wenn er keinen eignen hatte, und bestellte dann Arbeiter, die ihm die Steine brachen, ließ sie mit seinem eignen Gespann anfahren, und so hielt er es auch mit den übrigen Materialien. Selbst den Bauplan lieferte er zuweilen selbst. Der Handwerker erhielt immer nur Arbeitslohn, erzielte also nie einen Unternehmer-, Handels- oder Spekulationsgewinn. Mittelspersonen wurden überhaupt im Verkehr grundsätzlich ausgeschlossen; Käufer und Verkäufer, Besteller und Anfertiger traten wenn irgend möglich unmittelbar in Verbindung mit einander. Rogers glaubt, daß die Mittelspersonen, die sich heute überall einschieben, alle Gegenstände des Bedarfs außerordentlich verteuern, namentlich aber die Gebäude; er rechnet aus, daß wir Heutigen dreimal so teuer bauen als die Leute des dreizehnten Jahrhunderts. Der einzige Vorteil der heutigen Bauweise bestehe in der fabelhaften Schnelligkeit, die jedoch meistens durch Verminderung der Festigkeit und Dauerbarkeit erkauft werde. Wer auswärts arbeitete, wurde gewöhnlich beköstigt. Aus dem Kontrakt eines Abts von St. Edmundsburg mit einem Baumeister aus dem fünfzehnten Jahrhundert geht hervor, daß der Mann Kost und Wohnung für sich und seinen Gehilfen zugesichert erhielt; außerdem wurde jedem jährlich ein Anzug geliefert und beiden zusammen ein Lohn von zehn Pfund, nach heutigem Gelde gegen zweitausendfünfhundert Mark ausgezahlt. Der Baumeister speiste am Tische der Ritter, der Gehilfe an dem der Yeomen. Die Kost wurde jetzt nur noch zu einem Viertel oder Fünftel des Lohnes, in Klöstern häufig für nichts gerechnet und einfach zugegeben. Gewebe und Kleider wurden auf dem Lande noch vielfach im Hause von den Frauen angefertigt; gesponnen wurde selbstverständlich in jedem Hause. Und die Männer des Hauses wußten soweit mit Zimmer- und Schmiedewerkzeug umzugehn, daß sie nicht zu jeder Kleinigkeit einen Handwerker brauchten. Andrerseits war der Handwerker nicht ausschließlich auf sein Gewerbe angewiesen; er hatte sein bischen Acker und Vieh und wußte etwaige arbeitsfreie Tage und Wochen nützlich auszufüllen.

Dieser Zustand, bei dessen Schilderung wir nur an wenigen Stellen über das vierzehnte Jahrhundert hinausgegriffen haben, erlitt in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts eine starke Erschütterung, die nach einigen Schwankungen endgiltig zu Gunsten der untern Klassen ausschlug. Zu einer Lockerung des sozialen Baues wirkten mehrere Ursachen zusammen. Eine Hungersnot Allgemeine Hungersnöte waren selten und immer nur die Folgen nasser Sommer. Örtlichem Mangel wurde, wie Rogers bemerkt, leicht und rasch abgeholfen, weil die Kommunikation besser war als im achtzehnten Jahrhundert. Es fehlte weder an guten Straßen noch an billigem Zugvieh; gereist wurde viel und schnell. verursacht durch die nassen Sommer von 1315 und 1316, trieb viele von ihrer Scholle, wo sie keine Nahrung mehr fanden, und so entstand das vordem unbekannte Übel eines Vagabundentums. Zu diesen Banden gesellten sich andre Banden entlassener Soldaten, denn die beständigen Kriege in Frankreich hatten ein Heer von Berufssoldaten geschaffen, übrigens die besten im damaligen Europa; namentlich den französischen Ritterheeren waren sie weit überlegen. Dann kam im Jahre 1348 der Schwarze Tod. Aus den merkwürdigen Einzelheiten, die Rogers über diese furchtbare Seuche mitteilt, heben wir nur die eine hervor, daß das Christ Church Kloster in Canterbury beinahe verschont blieb, weil es mit einer Quellwasserleitung versehn war. Bei der schon erwähnten allgemein herrschenden Unreinlichkeit bot jede menschliche Wohnung allen Seuchen den vortrefflichsten Nährboden dar; vor jedem Bauernhause türmte und flutete eine höllische Mischung, für die der Name Düngerhaufe eine viel zu schmeichelhafte Bezeichnung sein würde, und verpestete Stuben, Viehstall und Wasser, ohne den Äckern und Wiesen viel zu nützen. Die von der Seuche angerichteten Verheerungen sind zwar von den Chronisten übertrieben worden, England hat nur etwa ein Drittel seiner Bevölkerung verloren. Aber dieser Verlust reichte doch schon hin, die Bestellung der Äcker in dem bisherigen Umfange unmöglich zu machen oder wenigstens sehr zu erschweren. Es fehlte nicht allein an Knechten, sondern auch an Pächtern; in manchen Dörfern blieb die Mühle längere Zeit leer stehn. Eine allgemeine Lohnsteigerung bei gleichbleibendem Preise der landwirtschaftlichen Produkte war die selbstverständliche Wirkung dieses Mangels an Händen. Der König verbot die Zahlung höherer Löhne in einer Proklamation, die durch den Primas an die Sheriffs verteilt wurde. Eine Anzahl von Lohnarbeitern wurde ins Gefängnis geworfen; andre flohen in die Wälder und vergrößerten die Banden. Aber der Arbeitslohn ging nicht herunter; im Gegenteil, je weniger der Arbeiter wurden, desto mehr stieg er. Sobald das Parlament, das nach Ausbruch der Pest seine Sitzungen abgebrochen hatte, wieder zusammentrat, erließ es das berühmte Arbeiterstatut, das mit der Proklamation des Königs zusammen zweihundert Jahre lang Gesetzeskraft behalten hat und erst von Elisabeth aufgehoben worden ist. Seine acht Bestimmungen lauten: »1. Keine Person unter sechzig Jahren, die weder von Kaufmannschaft oder Handwerk lebt, noch eignen Grundbesitz hat, darf sich weigern, landwirtschaftliche Arbeiten zu dem im Jahre 1347 üblichen Lohne zu verrichten. Den ersten Anspruch auf die Arbeit der Leibeignen hat ihr Herr, und die sich weigern, werden eingekerkert. 2. Mit Gefängnis werden alle bestraft, die vor der vertragsmäßigen Zeit aus der Arbeit laufen. 3. Höhere als die bezeichneten Löhne zu gewähren, ist nicht erlaubt. 4. Gutsherren, die mehr zahlen, haben das dreifache des gesetzlichen Lohns als Strafe zu erlegen. 5. Die Handwerker, namentlich die Sattler, Gerber, Schuhmacher, Schmiede, Hufschmiede, Zimmerleute, Maurer, Ziegelmacher, Anstreicher und Kärrner, unterliegen denselben Bestimmungen. [Nach dem bereits gesagten handelt es sich hier nicht um den Lohn, den etwa der Meister dem Gesellen zu zahlen gehabt hätte, sondern um das, was beide von dem Kunden zu fordern haben.] 6. Nahrungsmittel müssen zu angemessenen (reasonable) Preisen verkauft werden. 7. Arbeitsfähigen Personen Almosen zu geben ist streng verboten. 8. Was über den gesetzlichen Lohn gezahlt worden ist, kann für den dem Könige neuerdings bewilligten Zehnten und Fünfzehnten konfiszirt werden.« Das Statut blieb ein Schlag ins Wasser. Alljährlich wiederholten sich die Klagen, daß es nichts nütze. Die Amtleute erfanden eine Art doppelter Buchführung zur Umgehung des Gesetzes: sie schrieben den wirklich gezahlten Lohn ein, strichen dann die Zahl durch und setzten die des vorgeschriebnen Lohns darunter. Nach mehrfachen Schwankungen trat ein Beharrungszustand ein: der Lohn der Männer war endgiltig um fünfzig, der der Frauen und Knaben um hundert Prozent gestiegen; gleichzeitig wurde, wie das bei so günstiger Lage der Arbeiter selbstverständlich ist, die Frauen- und Knabenarbeit seltner. Frauen waren von jeher immer nur für bestimmte ihnen angemessene Arbeiten, z. B. zum Schafescheren, verwendet worden. Mit dem Arbeitslohn stieg natürlich der Preis aller Werkzeuge und Materialien, namentlich Eisen ward unerschwinglich teuer. Dabei behielten die Lebensmittel, wie gesagt, den alten Preis, und Land wurde spottbillig, weil die größern Grundbesitzer, außer stande, ihre ganze Ackerfläche zu bewirtschaften, zu Verkäufen von Parzellen stets bereit waren. Während sich Grundherrn und größere Pächter nicht halten konnten, standen sich die kleinen Landwirte, die keine oder nur wenig gedungne Arbeiter brauchten, so ausgezeichnet wie diese; ihre Zahl mehrte sich; ihre Gütchen vergrößerten sich; die Yeomanry erstarkte. Kleinbauern, Lohnarbeiter (die wir uns auch damals nicht landlos denken dürfen) und Handarbeiter waren die Herren der Situation. Manche große Lords verzichteten auf die Bebauung oder Verpachtung ihrer Äcker und verlegten sich ausschließlich auf Schafzucht. Wolle war schon immer der Hauptausfuhrartikel Englands gewesen. Schon längst hatten (was Rogers nicht erwähnt) die italienischen Tuchweber, namentlich die Arte della lana zu Florenz, ihren Bedarf an Wolle von den englischen Klöstern bezogen. Dann waren die niederländischen Fabrikanten hinzugetreten. Die Steuern wurden dem König in Gestalt von Wolle entrichtet oder wenigstens, wo die Lieferung in natura nicht anging, nach Säcken Wolle berechnet. Kein Wunder, daß sich manche englische Lords in ihrer Bedrängnis, die mit der Blütezeit der Wollweberei zusammenfiel, ausschließlich auf die Schafzucht verlegten. Der Prozeß der allmählichen Verdrängung des Ackerbaus durch die Weidewirtschaft, der später so unheilvoll wirken sollte, nahm also schon damals seinen Anfang, und es freut uns, aus Rogers zu erfahren, daß es doch nicht reine Bosheit und Habsucht, sondern eine wirkliche Notlage der großen Gutsbesitzer war, woraus er ersprang, und daß anfänglich niemandes Rechte dadurch gekränkt wurden.

Aber allerdings wurde an solche Kränkung gedacht. Rogers nimmt an, daß die Juristen den Herren geraten haben mögen, das Bauerland, das ja ursprünglich ihr Eigentum gewesen sei, einfach einzuziehen und die Bauern, wenn überhaupt, nur als Leibeigne darauf zu lassen, statt des Pachtzinses und Arbeitslohnes wieder die Frohnarbeiten einzuführen, gerade so wie es zwei Jahrhunderte später die deutschen und die baltischen Junker gethan haben. Daß dergleichen im Gange gewesen sein muß, beweisen die Forderungen im Aufstande von 1381. Nicht eine der von den Chronisten angegebnen Ursachen, nicht eine neu ausgeschriebne Kopfsteuer oder die Entehrung der Tochter Wat Tylers durch einen Edelmann, sondern die drohende Wiedereinführung der Leibeigenschaft hat nach Rogers Ansicht diese gewaltige Volksbewegung erregt, in der sich übrigens der vielgeschmähte Richard der Zweite, damals fünfzehn Jahre alt, als Held und kluger Staatsmann benahm. Mit augenscheinlicher Lebensgefahr ritt er allein in die Aufrührerhaufen hinein, beschwichtigte sie, versprach alles, was sie wollten, mit dem Vorbehalt, nichts davon zu halten, und sagte zu seiner Mutter, die ihn bei der Rückkehr am Abend beglückwünschte: »Heute morgen hätte ich meine Krone beinahe verloren, ich habe sie aber in Wirklichkeit erst erworben.« Die Forderung der Bauern lautete: »Wir wollen, daß ihr uns frei macht für immer: unsre Personen, unsre Erben und unser Land, und daß wir fürderhin nicht mehr leibeigen (bond) genannt noch dafür gehalten werden.« Keine Spur deutet auf kommunistische Schlaraffenträume, wie sie Shakespeare seinen Cade, den Aufrührer in einem Volksaufstande des fünfzehnten Jahrhunderts, ausspinnen läßt (in der zweiten Szene des vierten Aufzugs des zweiten Teils von Heinrich dem Sechsten). Der König stellte den durch die Anführer vertretnen Gemeinden die verlangten Freibriefe aus, worauf die Heerhaufen der Bauern von London abzogen. Zwei Monate später, im September, versammelte sich das Parlament und erklärte die erpreßten Freibriefe für null und nichtig. Die noch herumschweifenden Haufen wurden geschlagen und etwa 1 500 der Aufrührer gehenkt. Wenn der König auch, seinem Charakter gemäß, von ganzem Herzen dabei war, seine Rache zu befriedigen, so widerstrebte er doch im Einvernehmen mit seinen weisern Räten, wie aus spätern Regierungsakten hervorgeht, der Knechtung der kleinen Pächter, er war volksfreundlicher als die Gemeinen, die zwar noch nicht, wie vier Jahrhunderte später, ein Spott auf ihren Namen und eine bloße Vertretung der Reichen waren, in denen doch aber der größere Grundbesitz immerhin überwog. Aber während das Arbeiterstatut nach wie vor unwirksam blieb, blieben die für ungiltig erklärten Freibriefe in Kraft. Die kleinen Leute blieben Herren der Situation. Die Löhne gingen nicht herunter, und weit entfernt davon, daß die Leibeigenschaft wieder eingeführt worden wäre, schwanden ihre letzten Reste vollends, und der allmähliche Ersatz der Roboten durch Geldzins nahm seinen ruhigen Fortgang. Für den Lohnarbeiter brach die goldne Zeit an; sein Lohn war, wie Rogers nachweist, doppelt so hoch wie um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, einer Zeit, die für die Arbeiter die beste war in der Periode von 1550 bis 1850. Das natürliche Gesetz von Angebot und Nachfrage, das Verhältnis: viel Land, wenig Menschen vereitelte alle guten oder bösen Absichten der Herren und alle Bemühungen der Gesetzgeber. Auch litt der Volkswohlstand nicht unter dem sogenannten Rosenkriege; von dieser tollen Selbstzerfleischung des hohen Adels wurden Bauer- und Bürgerstand nur wenig berührt.

Rogers sieht in diesem Gange der Dinge eine Bestätigung der Wahrheit, die dem Denkenden ohnehin von vornherein feststeht, daß Volksaufstände zur Verbesserung der Lage nur dann Erfolg haben, wenn es dem Volke schon gut geht; verhungertes Gesindel geht bei einem etwaigen Aufstandsversuche elend zu Grunde. Dies ist, wie beiläufig bemerkt werden mag, die Ursache, weshalb das moderne England noch keine soziale Revolution erlebt hat und wahrscheinlich auch Deutschland keine erleben wird. Italien ist außerdem noch durch einen Umstand geschützt, der in den Jahren des Chartismus auch für die englische Regierung ein Glück war, nämlich daß seine Notleidenden meist Analphabeten, also der Möglichkeit gegenseitiger Verständigung beraubt sind. Wie war es in England 1381 möglich, daß sich die Bauern verständigen konnten? Der Aufruhr verbreitete sich nämlich von Kent aus über das ganze Land. Nach Rogers waren Wiklifs »arme Priester« die Boten und Mittelsmänner der Bauern und die Organisatoren des Aufstandes. Dies veranlaßt uns, nach seiner Darstellung noch die kirchlichen Verhältnisse des mittelalterlichen Englands flüchtig zu skizziren.

Die Engländer sind immer ein sehr frommes Volk gewesen, aber sie haben Rom gegenüber ihre nationale Selbständigkeit gewahrt, und seit den Tagen, wo der elende Johann ohne Land seine Krone dem päpstlichen Legaten Pandolf übergeben hatte, um des Papstes Beistand wider sein eignes Volk zu erkaufen, war die höhere Geistlichkeit von Haß gegen Rom erfüllt; denn England ist das einzige Land, wo – abgerechnet die letzten Jahrhunderte, müssen wir ergänzend hinzufügen – stets alle Stände einig gewesen sind im Widerstande gegen schlechte Könige, während andrerseits die guten und weisen unter seinen Königen das niedere Volk gegen Bedrückungen sowohl durch die eignen Großen wie durch das Ausland beschützt haben. In der ersten Hälfte des Mittelalters erfüllte der Klerus vollauf die ihm obliegenden Aufgaben; seine Leistungen entsprachen seinen Rechten und Einkünften. Außer dem Klerus gab es niemand, der geistige Arbeit geliefert hätte. Die höhern Beamten des Königs und der Lords, die gelehrten Richter, die Lehrer, die Ärzte, die Baumeister waren Kleriker. Die ungenannten Schöpfer der herrlichen Kirchen und Abteien, an denen England so reich ist, dieser »steinernen Gedichte«, sind sämtlich Kleriker gewesen; auch der Architekt des Tower war einer. Die große Pest verschlechterte den Volkscharakter im allgemeinen und den des Klerus ganz besonders; dieser wurde faul, übermütig und lasterhaft. Dazu kamen die Anmaßungen Roms und seine Gelderpressungen. Die diesen Umständen entsprechende romfeindliche Stimmung des Volks bot den Reformbestrebungen Wiklifs den günstigsten Boden. Er konnte sich ihnen bis zum Aufstande von 138l, der die Großen gegen ihn aufbrachte, in ganz gesicherter Stellung hingeben, denn die Universität Oxford, an der er lehrte, erfreute sich einer durch päpstliche und königliche Freibriefe verbürgten Unabhängigkeit und unbeschränkten Lehrfreiheit; »kein Bischof oder Erzbischof, erklärte ihr Kanzler zu Wiklifs Zeit, hat in Glaubenssachen irgend welche Autorität über sie.« Die Forschung war an ihr also frei, freier vielleicht als beispielsweise heutzutage an der Berliner Universität. Wiklif gründete nun einen Orden »armer Priester,« die, zusammen mit den Lollarden, einer weitverbreiteten Brüderschaft, deren Geschichte noch unklar ist, dem Volke einen christlichen Sozialismus predigten, der sich, wie später das Puritanertum, vorzugsweise aufs Alte Testament stützte. Diese Männer waren fanatisch, schlau und kühn. Sie hatten um so leichtere Arbeit, als die Künste des Lesens und Schreibens im Volke ziemlich verbreitet waren, wie die Wirtschaftsbücher und die Handwerkerrechnungen beweisen. Denn auch darin hatte der Klerus seine Schuldigkeit gethan. Die Schulgründungen von 1547, meint Rogers, waren nicht etwa die Frucht eines neuen durch die Reformation entzündeten Volksbildungseifers, sondern nur ein Ersatz für die unbedachtsam zerstörten Klosterschulen. In jenen einheimischen Volkspredigern und volkstümlichen Brüderschaften des vierzehnten Jahrhunderts, nicht im kalvinischen Genf, sieht Rogers die eigentliche Wurzel des Puritanertums. Und er meint bei dieser Gelegenheit, nur dadurch, daß eine religiöse Bewegung in der sittlichen und sozialen Hebung der Massen Erfolg habe, könne sie sich als neue Religion legitimiren; sonst sei sie nur ein neuer Aberglaube.

Ehe wir von der guten Zeit Altenglands Abschied nehmen, mag noch bemerkt werden, daß auch die Steuerlast gerecht verteilt war. Die Commons fühlten sich so wenig bedrückt, daß sie dem Könige zuweilen mehr anboten, als dieser sich zu nehmen entschließen konnte. Als die einmaligen Bewilligungen durch eine dauernde Einkommensteuer ersetzt wurden, gestaltete man diese progressiv. Die Gemeinen schlugen 1450 für die Einkommen unter 20 Pfund 2½ Prozent, für die von 20 bis 200 Pfund 5 und für die über 200 Pfund 10 Prozent vor, und die Lords erklärten diese Einschätzungsweise für angemessen (reasonable). Rogers meint, der damalige Adel sei zwar nicht viel weniger habgierig als der hohe Klerus gewesen, habe aber doch in Beziehung auf Billigkeit gegen das Volk und gemeinnützigen Sinn immer noch hoch über den obern Zehntausend von heute gestanden. Das gilt auch für Deutschland. Die jetzt in Preußen eingeführte Progression der Einkommensteuer bis zu 4 Prozent haben hochadliche Herren in der »Post« und der »Schlesischen Zeitung« als ein Zugeständnis an den Sozialismus beklagt, obwohl die Progression dort, wo sie erst recht anfangen sollte, schon Halt macht: vor jenen Einkommen, von deren ungeheurer Größe man sich im fünfzehnten Jahrhundert gar keinen Begriff hätte machen können; auch diese Kolossaleinkommen werden, einen hundertprozentigen Kommunalsteuerzuschlag dazu gerechnet, nur mit 8 Prozent besteuert.

Bei den hohen Arbeitslöhnen des fünfzehnten Jahrhunderts waren die Landlords stets geneigt, Land zu verkaufen – die Festlegung des Grundbesitzes durch entails war damals noch nicht durchgeführt –, und wenn sie verpachteten, so waren ihnen vermögende Pächter, denen sie kein Inventar – stock oder capital nennt es der Engländer – zu liefern brauchten, die willkommensten. An beidem fehlte es nicht, da die kleinen Pächter in der Lage waren, Geld zu sparen und Vorräte zu sammeln, sodaß sie sich nach einer Reihe guter Wirtschaftsjahre entweder ankaufen oder eine größere inventarlose Pacht übernehmen konnten. So entwickelten sich aus den Kleinpächtern des fünfzehnten Jahrhunderts einerseits die Yeomen oder Freeholders, die bis in den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hinein das Rückgrat des englischen Volks gebildet haben, andrerseits die kapitalistischen Pächter. Die gute Zeit währte bis zum Tode Heinrichs des Siebenten, der zwar habgierig und geizig war, aber die Volkskraft verständig schonte. Nur über die stellenweise vorkommende Verdrängung des Ackerbaus durch die Weidewirtschaft und die dadurch verursachte Verödung mancher kleinern Ortschaften begann man zu klagen. Aus dem angegebnen Grunde begann zugleich die Vagabundenplage zum zweitenmal, und diesmal als dauerndes unausrottbares Übel; sie wurde noch verstärkt durch die Auflösung der Gefolgschaften der Lords nach Beendigung des Rosenkriegs.

Mit Heinrich dem Achten bestieg jener böse Geist den Thron, der das englische Volk bis auf den heutigen Tag gepeinigt hat. Der Charakter dieses Königs Blaubart ist bekannt. Die verderblichste seiner bösen Eigenschaften war das Ungestüm, womit er jede seiner Despotenlaunen augenblicklich ins Werk setzte. So baute er z. B. unaufhörlich: er baute, nur um niederzureißen und aufs neue zu bauen. Seine Kasse war ein Danaidenfaß; die ungeheuersten zusammengeraubten Summen verschwanden spurlos, man begriff nicht, wohin sie kamen. Die Gold- und Silberschätze der Kathedralen und Klöster, der Schrein des Heiligen Thomas Becket, das Delphi der Engländer, waren nur Tropfen auf einen heißen Stein. Da griff er, um sich zu helfen, zu einer Münzverschlechterung, die das englische Geld entwertete und die Warenpreise in die Höhe trieb. Dies allein, erklärt Rogers, und nicht der Silber- und Goldstrom der neuen Welt, der damals England noch gar nicht erreicht hatte, sei die Ursache der allgemeinen Preissteigerung im sechzehnten Jahrhundert gewesen, wenigstens für England. Die Klöster hatten, so verachtet und zum Teil verhaßt die Mönche auch waren, in sozialer Beziehung ihre Obliegenheiten bis zu Ende erfüllt: sie hatten durch reichliches Almosen die Armenpflege besorgt, so weit eine solche nötig war – Massenelend gab es ja bis dahin nicht, sondern nur individuelles Unglück und augenblickliche Notlagen, z. B. auf der Wanderschaft –, und sie hatten auf ihren Gütern, die ein Drittel des angebauten Landes umfaßten, zahlreichen Bauernfamilien eine sichre und auskömmliche Existenz gewährt. Heinrich machte die Klosteraufhebung, die er übrigens auch ohne den Bruch mit Rom durchgeführt haben würde, dem Volke dadurch schmackhaft, daß er versprach, von dem Ertrage der Klostergüter die gesamten Kosten des Kriegswesens zu bestreiten. Ebenso wurde später, als man die Grundstücke der Gilden einzog – unter dem kalvinischen Vorwande, ihr Ertrag werde zu abergläubischen Zwecken verwandt –, die Bevölkerung mit dem Versprechen beschwichtigt, den Raub zur Dotation der Schulen zu verwenden. Das Gildenvermögen hatte allerdings stiftungsgemäß auch allerlei kirchliche Zwecke zu erfüllen, hauptsächlich aber diente es dazu, den Gildenmeistern und ihren Familien über augenblickliche Notlagen hinwegzuhelfen. Nur in London, wo der Versuch der Konfiskation einen Volksaufstand erregt haben würde, blieb das Gildenvermögen verschont, ist aber bei der spätern kapitalistischen Entwicklung der Nation seinem ursprünglichen Zwecke gänzlich entfremdet worden. Die jetzigen Gildenmitglieder sind reiche Herrn, deren keiner das Handwerk betreibt, von dem die Gilde den Namen hat, und die Zinsen des Gildenkapitals verprassen sie in schwelgerischen Brudermahlen, bei denen die kostbarsten Weine in Strömen fließen; ein Teil der Einkünfte scheint allerdings zu gemeinnützigen Zwecken verwendet zu werden. Von jenen Versprechungen nun wurde keine einzige gehalten. Das bewegliche Stiftsvermögen floß in den Privatschatz des Königs, der Grund und Boden aber wurde nicht Krongut, sondern ein Raub der Seymours und Somersets, der Dudleys und Cecils und der übrigen Landdiebe (Ausdruck von Rogers), die den Knaben Eduard den Sechsten leiteten und das Land vom papistischen Aberglauben reinigten. Über die Klosterpächter brach nämlich das Verhängnis nicht sofort herein, sondern erst unter Eduard dem Sechsten, weil die Pachtverträge respektirt wurden und die Mönche, die Auflösung vorhersehend, auf lange Fristen, teilweise auf dreißig bis vierzig Jahre verpachtet hatten. Die Pächter, deren Pachtzeit abgelaufen war, wurden von den neuen Herren entlassen, und diese verpachteten an Schafmeister; ein Gut, das vorher hundert Bauernfamilien ernährt hatte, nährte fortan nur die eine Schafmeisterfamilie, etliche Knechte und zehn- oder zwanzigtausend Schafe.

Was die Landlords und Großpächter zweihundert Jahre lang erstrebt und durch das Arbeiterstatut vergebens zu erreichen versucht hatten, war nun ohne ein solches Statut mit einem Schlage erreicht. Die Waren, namentlich Lebensmittel, waren durch die Geldentwertung um das fünffache verteuert worden. Der Arbeitslohn ist, wie Rogers meint, unter allen Einkommensarten die, die fallenden Preisen am schnellsten, steigenden am langsamsten folgt. In diesem Falle aber war an eine entsprechende Steigerung gar nicht zu denken, weil durch die Ausdehnung der Weidewirtschaft die Nachfrage nach ländlichen Arbeitern sank, und gleichzeitig durch die Vertreibung der Klosterpächter das Angebot von Händen gewaltig stieg. Ein Drittel der ländlichen Familien Englands lag besitzlos und beschäftigungslos auf der Landstraße und war gezwungen, um jeden Preis Arbeit anzunehmen, wenn welche zu bekommen war. Rogers hat fast für jedes Jahrzehnt bis in unsre Zeit hinein die Löhne der ländlichen und gewerblichen Arbeiter nach ihrem wirklichen Werte berechnet. Wir heben aus seinen Angaben nur einige wenige hervor, um die Verschlechterung deutlich zu machen. Er berechnet u. a. S. 389-398, wie viel Wochen ein Arbeiter zu verschiednen Zeiten zu arbeiten hatte, um den für seinen Haushalt hinreichenden Vorrat von Weizen, Hafer und Malz (jedermann bereitete sich sein Bier selbst) zu verdienen. Und er findet, daß im Jahre 1495 der ländliche Arbeiter fünfzehn, der Handwerker zehn Wochen dazu brauchte. Im Jahre 1564 brauchte der ländliche Arbeiter vierzig, der gewerbliche Arbeiter zweiunddreißig Wochen dazu. Im Jahre 1593 hätte die ländliche Arbeit eines ganzen Jahres nicht hingereicht, jene Menge zu verdienen, während der Handwerker sie sich noch mit einer vierzig Wochen langen Arbeit verschaffen konnte. Die Löhne werden durchs siebzehnte Jahrhundert hindurch immer elender, 1682 ist auch die Arbeitszeit schon auf vierzehn Stunden gestiegen, wobei allerdings Pausen von zusammen zweieinhalb Stunden gewährt werden. In der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts steigen die Löhne noch einmal, wenn auch bei weitem nicht so hoch wie im fünfzehnten Jahrhundert; dann fallen sie wieder, und in der Zeit von 1800 bis 1820 erreicht das Arbeiterelend seinen höchsten Stand.

Natürlich wimmelte das Land von Vagabunden und Bettlern, die schlechthin hilflos waren, da die Klosteralmosen aufgehört hatten und sämtliche Versuche einer anderweitigen Organisation der Armenpflege scheiterten. Die Räte Eduards des Zweiten erließen das berüchtigte Gesetz, wonach jeder arbeitslos betroffne dem Denunzianten als Sklave zugesprochen werden sollte; der Herr durfte ihn an die Kette legen und peitschen; desertirte er, so wurde er gebrandmarkt und zu lebenslänglicher Sklaverei verurteilt, lief er nochmals fort, zum Tode verurteilt. Zwar behielt dieses Gesetz, wie Rogers mitteilt, nur zwei Jahre Geltung, aber der Geist, der aus ihm spricht, behielt die Herrschaft, und die harte Behandlung der Armen in England entspricht ihm bis heute. Übrigens haben Elisabeth und Jakob der Erste eine Reihe ähnlicher Gesetze erlassen. Was das ganze Altertum und Mittelalter hindurch als ein schweres Unglück gegolten hatte, das den Menschen zu einem Gegenstande des Mitleids und der Ehrfurcht machte – ganz abgesehen von dem Heiligenscheine, mit dem der katholische Glaube den Bettler umgab –, galt fortan als Schande und Verbrechen. The poor und the Wretch wurden stehende Bezeichnung für die neue Klasse der besitzlosen Lohnarbeiter – der durch Raub besitzlos gemachten, wie man sich immer gegenwärtig halten muß –, und diese Klasse wurde eingeteilt in the labouring Poor und the idle Poor. Und wenn auch der »müssige« Arme insofern noch übler dran war, als er mit Schandpfahl, Peitsche und Kerker als Verbrecher behandelt und jedermann die Vollmacht gegeben wurde, einen solchen einzufangen und als seinen Sklaven an die Kette zu legen, so war doch der arbeitende Arme nicht minder ein Gegenstand der Verachtung für den »respektabeln« Besitzenden geworden. Die Einheit des Volkes war zerrissen; die Scheidung in zwei Klassen, deren untere der obern viel ferner stand, als dem alten Römer oder dem heutigen Araber seine Sklaven stehn, in zwei Welten, die nichts von einander wissen, war vollzogen. Von Bedeutung war es dabei, daß die Landlords schon vom fünfzehnten Jahrhundert an aufgehört hatten, wenigstens einen Teil ihres Besitzes durch Amtleute selbst zu bewirtschaften, wie das bei uns in Deutschland die Großgrundbesitzer bis auf den heutigen Tag noch thun, und zwar mit dem größten Teil ihres Besitzes, ja meistens mit dem ganzen. Der letzte Fall von Selbstbewirtschaftung, den Rogers gefunden hat, ist 1433-34 vorgekommen. Der Landlord löst sich seit jener Zeit völlig ab von seinem Grundbesitz. Seine Beziehung zu diesem beschränkt sich darauf, daß er einige Monate des Jahres hindurch ein dort gelegnes Schloß bewohnt, und daß er einen Beamten anstellt, der die Pachtzinsen eintreibt.

Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts faßte die Königin Elisabeth das Ergebnis dessen, was sie auf einer Rundfahrt durch ihr Land wahrgenommen hatte, in den Worten zusammen: pauper ubique jacet; der Pauperismus, dieses Scheusal der modernen Welt, war da. Das Lehrlingsgesetz und die Armengesetze sollten Abhilfe schaffen. Das Lehrlingsgesetz verordnet eine siebenjährige Lehrzeit, d. h. es macht den Lehrling, der doch die leichtern Handwerke in einem, die schwierigern in drei bis vier Jahren zu erlernen pflegt, drei bis sechs Jahre zu einem Sklaven, der dem Lehrherrn gegen notdürftigen Unterhalt umsonst arbeiten muß, sodaß es den unternehmenden Meistern leicht wurde, sich durch Halten mehrerer Lehrlinge zu Fabrikanten emporzuschwingen. Nach Ablauf der sieben Jahre wurde der Lehrling an die Luft gesetzt und fiel aus der Klasse der labouring in die der idle poor herunter, da ja dank den Lehrlingsgesetzen kein Meister mehr bezahlte Gesellen brauchte. Dieser Zustand bildete sich allerdings erst später aus, nach Brentano in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die Armengesetze, die mit dem von 1601 ihren Abschluß fanden und bis 1835 galten, bestimmten, daß die Grafschaftsräte in ihren Vierteljahrssitzungen den dem Lebensmittelpreise angemessenen Lohn für die verschiednen Arbeiterklassen festsetzen sollten, der nicht überschritten werden dürfe; aus dem Ertrage einer den Steuerzahlern auferlegten Armentaxe sollten einerseits die arbeitsunfähigen Armen erhalten, andrerseits die Tagelöhne solcher Arbeiter, die aus irgend einem Grunde den gesetzlichen Lohnsatz nicht erreichten, ergänzt werden.

Als der Verfasser dieser Schrift das Armengesetz der Elisabeth zum erstenmale kennen lernte, war er entzückt von der Humanität und Weisheit, die ihm daraus zu sprechen schienen. Bei näherer Betrachtung aber kühlte sich diese Begeisterung bedeutend ab. Rogers hebt die Heuchelei hervor, mit der alle einschlagenden Gesetze jener Zeit in der Einleitung das Elend der Armen beklagen und dann Bestimmungen treffen, die dieses Elend unheilbar machen. Das Armengesetz der Elisabeth giebt die Lohnfestsetzung den Friedensrichtern, also den Grundbesitzern und Großpächtern in die Hand, d. h. denselben Personen, in deren Interesse es lag, den Arbeitslohn niederzuhalten. Wenn sie ihn dem Lebensmittelpreise angemessen zu bestimmen hatten, so war damit gemeint, daß er zum notdürftigen Lebensunterhalt gerade hinreichen sollte. Damit war also ein wirkliches eisernes Lohngesetz gegeben; es war fortan unmöglich, daß irgendwo in England der Lohn das Existenzminimum überschritt, da ja der einzige Umstand, der eine Erhöhung darüber hinaus hätte erzwingen können, der Mangel an Arbeitern, durch die oben angegebnen Maßregeln beseitigt war. Die Kenntnis dieser Unmöglichkeit, sich aus der Bettelarmut herauszuarbeiten, zusammen mit der Gewißheit, daß ihnen durch Staatszwang das Existenzminimum gewährleistet sei, vernichtete in den englischen Arbeitern alle wirtschaftlichen Tugenden. Sparsamkeit, Mäßigkeit, Fürsorge für die Zukunft, für die Kinder hatten unter diesen Umständen keinen Sinn mehr. Und zu diesen beiden Übeln kam ein drittes. Wäre das Armengesetz dem Buchstaben nach beobachtet worden, so würde die poor rate, wie man die Armensteuer nennt, nach Rogers Ansicht das ganze Volkseinkommen verschlungen haben, weil eben bei der im sechzehnten Jahrhundert zur Herrschaft gelangten Wirtschaft das Land gar nicht imstande war, der gesamten Bevölkerung den ausreichenden Unterhalt zu gewähren. Immerhin wirkte es auch bei seiner unvollständigen Durchführung noch unheilvoll genug auf die Mittelklassen. Die poor rate betrug im Jahre 1785 über zwei Millionen Pfund, 1802 mehr als das doppelte und 1813 sogar 8 640 842 Pfund, also über 170 Millionen Mark! Indem die Lords mehr und mehr die Gewohnheit annahmen, auf ihren Besitzungen alle Hütten niederzureißen oder niederzubrennen, wälzten sie die Armenlast auf die sogenannten offnen Kirchspiele ab, d. h. auf solche, die aus Gemeinden kleinerer Besitzer bestanden, in deren Häusern und Gehöften die vertriebnen Armen Unterschlupf finden konnten, und die sich selbst mit einem Gesetz über den Unterstützungswohnsitz (parochial settlement), das die Armen gleich wilden Tieren hin und her zu jagen benutzt wurde, nicht gehörig zu wehren vermochten. Wie es scheint, ist es vorzugsweise die drückende Armensteuer zusammen mit den fortschreitenden enclosures gewesen (im vorigen Jahrhundert sind 2 000 000, im laufenden 3 000 000 Acres Gemeindeland eingezäunt, d. h. von den Lords den Gemeinden einfach gestohlen worden), was die Yeomanry so heruntergebracht hat, daß sie heute beinahe verschwunden ist. Mit zunehmender Industrie häufte sich das herumgehetzte Proletariat mehr und mehr in den Großstädten an, und hier beginnt nun ein neues Unrecht. Der Grund und Boden der Großstädte, namentlich Londons, gehört einigen Lords, die aus den überfüllten Häusern der Lumpenviertel höhere Mieten herausschlagen als aus den Palästen der feinsten Stadtteile. Denn hier wohnen ja auf jedem Acre hundertmal mehr Menschen als in den vornehmen Gegenden, die Instandhaltung der jämmerlichen Baracken kostet fast nichts, und die Mieten sind unverschämt hoch. Was diese Elenden mit Kohlenladen, Lumpensammeln, Streichhölzchenverkauf, Stehlen und Huren mühselig zusammenkratzen, davon nimmt der Landlord den größten Teil hinweg als Miete für die Schmutzlöcher, in denen sie hausen. Und können sie dann nicht mehr, verfallen sie der Armenpflege, dann haben die Steuerzahler des Stadtviertels, selbst arme oder wenig bemittelte Leute, die Kosten zu zahlen. Der Vorfahr des Landlord hat den Vätern dieser Unglücklichen ihr Land gestohlen, er selbst preßt ihnen als Grundstückbesitzer den letzten Schweiß- und Blutstropfen aus, und nachdem er so geholfen hat, sie vor der Zeit arbeitsunfähig zu machen, bürdet er andern unbemittelten Leuten, die ebenfalls Opfer seiner Raubgier sind, die Kosten für ihren Unterhalt auf. Das englische Unterstützungswohnsitzgesetz war, nebenbei bemerkt, ein »Potosi« für die Advokaten; die Gemeinden steigerten einander gegenseitig, um geschickte Advokaten zu gewinnen, die sie von einem Teile der Armenlast zu befreien vermochten. Auch die Richter wurden schlecht, wie Rogers hervorhebt; unter den Plantagenets hatten sie ihr Amt zum Segen des Vaterlands verwaltet, zum Schutze des Rechts der Bürger und zur Erweiterung der Freiheit, unter den Tudors und Stuarts »waren sie beharrliche und bösartige Feinde jedes Rechts und jeder Freiheit.«

Um das Maß voll zu machen, wurde schließlich auch noch jede Vereinigung von Arbeitern zur Erlangung besserer Arbeitsbedingungen als »Verschwörung« bestraft (nach Gesetzen Eduards des Sechsten und Karls des Zweiten). »Ich behaupte – bemerkt Rogers bei dieser Gelegenheit (wir ziehn seine Strafrede auf S. 398 ff. stark zusammen) –, daß in der Zeit von 1563 bis 1824 in Form von Gesetzen, deren Ausführung in der Hand von Interessenten lag, eine Verschwörung zusammengebraut worden ist zu dem Zweck, den englischen Arbeiter um seinen Lohn zu betrügen, ihn jeder Hoffnung zu berauben und ihn in unheilbare Armut hinabzustoßen. Länger als zwei und ein halbes Jahrhundert hindurch haben es sich in England die Gesetzgebung und die Verwaltung zur Aufgabe gemacht, den Arbeiter auf die tiefste Daseinsstufe hinunterzupeinigen, jede Regung eines organisierten Widerstands niederzutreten und Strafe auf Strafe zu häufen, so oft er sich seiner Menschenrechte erinnerte. Unter Verschwörung verstand das Gesetz ursprünglich die Verabredung eines Verbrechens. Durch die erwähnten Gesetze aber wurde dieser Begriff auf die Vereinigungen von Arbeitern ausgedehnt, die sich zu arbeiten weigerten, wenn ihnen nicht ein bestimmter Lohn bewilligt würde, Doch kommt, wie jetzt erst bekannt wird, das Wort conspiracy schon am Ende des dreizehnten Jahrhunderts in einem zu Norwich gefällten richterlichen Urteil vor, zur Bezeichnung einer Verabredung der dortigen Lichtzieher, das Pfund Lichter nicht unter einem bestimmten Preise zu verkaufen. Saturday Review vom 14. Januar 1893, S. 44. und am Ende des vorigen Jahrhunderts, in einem Jahre furchtbarer Teuerung, wo selbst Obrigkeiten die von den Quarter Sessions festgesetzten Löhne grausam niedrig fanden, wurde dieses Koalitionsverbot durch eine Parlamentsakte noch verschärft. Dieses von den Brotherren und Juristen zur Verhinderung jeder Lohnerhöhung erfundne »Verbrechen« der »Verschwörung« steht ganz und gar auf einer Stufe mit der Anklage wegen Hexerei. Daß Gewaltthaten zu keinem auch noch so löblichen Zwecke gestattet werden dürfen, ist ein ebenso allgemein anerkannter Rechtsgrundsatz, wie daß der eingebildete oder vorgebliche Versuch, andern durch Zauber zu schaden, strafbar sei. Aber das gemeine Recht reicht stets hin, Gewaltthätige und Betrüger unschädlich zu machen. Ein Gewerkverein dagegen, der seinen Zweck, die Lohnerhöhung, ohne Gewaltthaten verfolgt, unterscheidet sich in nichts von Kapitalistenvereinigungen, wie es z. B. Aktiengesellschaften sind. Wenn mehrere Personen ihre Kapitalien, ihre Arbeitskraft und ihre Erfahrung zu einem kaufmännischen Unternehmen vereinigen und den höchsten möglichen Gewinn herauszuschlagen verstehn, so heißt man sie willkommen und spendet ihnen Beifall. Ist der Gewinn sehr groß, dann werden die Unternehmer als königliche Kaufleute, Pioniere der Industrie, Erzeuger nationalen Reichtums, Wohlthäter des Landes und Bürgen des Fortschritts gepriesen. Sieht man aber nach, wie es diese Herrn anfangen, ihren Zweck zu erreichen, so findet man: durch nichts andres, als daß sie möglichst billig einkaufen und möglichst teuer verkaufen. Ganz dasselbe versuchen die Mitglieder eines Gewerkvereins zu thun. Sie haben nur eine Ware: ihre Muskelkraft und ihre technische Fertigkeit. Gleich jedem Geschäftsmann suchen sie aus dieser Ware so viel als möglich herauszuschlagen, jedenfalls mehr als den Selbstkostenpreis, d. h. den Lebensunterhalt der lebendigen Maschine. Sie wissen genau, daß sie ein schlechtes Geschäft machen, wenn sie gezwungen sind, dem ersten besten Abnehmer zu verkaufen, und deshalb treten sie in eine Vereinigung, die sie in den Stand setzt, ihre Ware eine Zeit lang zurückzuhalten, gerade so wie jeder Geschäftsmann die bessern Chancen abwartet. Diese ihre Vereinigung kann, richtig geleitet, nicht anders als zu ihrem und zum allgemeinen Besten ausschlagen; erfordert sie doch, wenn sie gelingen soll, die Übung aller wirtschaftlichen Tugenden: Geduld, Entsagung, Ausdauer, Umsicht, Disziplin, genaue Einsicht in die Verhältnisse des Marktes. Dabei ist nicht einmal ein Verlust der Unternehmer zu fürchten. Es ist nicht wahr, daß niedriger Arbeitslohn unter allen Umständen hohen Geschäftsgewinn bedeute und jede Erhöhung des Arbeitslohns den Geschäftsgewinn notwendig vermindre; die Anteile des Arbeiters und des Unternehmers können zu gleicher Zeit beide hoch und beide niedrig sein. Anstatt auf Herabdrückung des Arbeitslohns bedacht zu sein, sollten die Unternehmer lieber daran denken, in wie vielen Fällen die Produktion durch unnütze Mittelspersonen [z. B. die »Schwitzmeister«] verteuert wird. Verüben die Gewerkvereinsmitglieder Gewaltthaten, so sind sie strafbar. Aber indem sie während eines Streiks von fern herangezogne Konkurrenten am Arbeiten verhindern, thun sie doch nichts andres, als was die Börsenmakler thun, wenn sie Winkelmaklern das Handwerk legen, und noch nichts so schlimmes, als was Kaufleute und Fabrikanten thun, wenn sie einen Ring schließen, um alle Konkurrenten zu ruiniren. Zwischen den von Sheffielder Schleifern gegen Streikbrecher verübten Gewaltthaten und den Mitteln, mit denen Eisenbahndirektoren in den Kommissionszimmern des Unterhauses die Pläne von Konkurrenten zu Falle bringen, besteht schlechterdings kein andrer Unterschied, als daß jene bestraft werden, und diese nicht, und außerdem, daß jene, ungeübt in den Künsten bösartiger Schlauheit, rohere Mittel anwenden.«

Nachdem schon unter der Republik und unter Cromwell, der sich auf die Bauernschaft stützte, eine kleine vorübergehende Besserung eingetreten war, hob sich die Lage der Arbeiter in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in merklichem Grade. Mehrere Ursachen wirkten zusammen. Die steigenden Handelsgewinne bereicherten die Kaufleute so gewaltig mit ausländischem Gelde, daß von diesem Überfluß der obern Klassen einiges doch auch nach unten durchsickerte; die Industrie zahlte eine Zeit lang höhere Löhne als die Landwirtschaft, und diese machte erstaunliche Fortschritte. Die englischen Pächter und Landlords wurden mit allen jenen Verbesserungen bekannt, deren Erfinder und Schöpfer die Niederländer waren, und die Landwirtschaft wurde eine Sache der Liebhaberei. Wahrscheinlich, meint Rogers, ergriffen die Landlords gern die Gelegenheit, auch einmal etwas nützliches zu thun. Reichtum erwerben und Reichtum schaffen ist zweierlei; gar oft kommt es vor, daß einer, der großen Privatbesitz aufhäuft, Volksvermögen nicht schafft, sondern zerstört. Auch Rentenziehen ist bloßer Vermögenserwerb; aber indem die Landlords ihre Pächter zu landwirtschaftlichen Verbesserungen anregten, halfen sie Vermögen schaffen. Die zahlreichen enclosures jener Zeit kamen durch Verwandlung von Wald, Weide und Unland in Acker der nationalen Produktion zu gute. Allerdings würde das ebenfalls und ohne Schädigung der Mittel- und Unterklassen geschehen sein, wenn das Gemeindeland unter die Bauern verteilt worden wäre, denen es eigentlich gehörte, und wenn man diese angeleitet hätte, es rationeller auszunutzen. Mit der Verbesserung der Landwirtschaft ging rasche Volksvermehrung Hand in Hand. Aber man darf nicht glauben, daß diese etwa die Ursache des Volkselends gewesen sei. In der Zeit, wo Elisabeth den neugeschaffnen Pauperismus als vollendete Thatsache wahrnahm, zählte England nicht mehr Einwohner, als es um 1300 gezählt hatte, nämlich zweiundeinhalb Millionen. Volksvermehrung kann so lange kein Elend erzeugen, als noch Land urbar zu machen ist, und dessen war in England noch die Fülle vorhanden. Unter der Königin Anna zählte es fünfundeinhalb Millionen, aber ein getreideausführendes Land blieb es bis 1765. Die Produktivität überflügelte den Bevölkerungszuwachs, indem einerseits die umfriedeten Gemeindeweiden unter den Pflug genommen, andrerseits neue Verbesserungen des Ackerbaus und der Viehzucht eingeführt wurden; aber durch die oben aufgezählten Maßregeln der herrschenden Klassen war dafür gesorgt, daß das arbeitende Volk von dem Mitgenuß des wachsenden Reichtums ausgeschlossen blieb. Ja die steigende Produktivität der Landwirtschaft wurde sogar nach Ablauf jener Zeit einer vorübergehenden Besserung eine neue Quelle des Unglücks für das Volk. Sie weckte die Habsucht der Landlords, die nun die ohnehin steigende Landrente noch durch künstliche Mittel, durch Einfuhrverbote und Ausfuhrprämien zu steigern bemüht waren. Es bildete sich der abscheuliche Grundsatz aus, daß teure Jahre gute Jahre und Hungersnöte ein gutes Mittel zur Erhöhung des »Nationalreichtums« seien – ein Grundsatz, der seit etwa fünfzig Jahren auch bei uns in Deutschland Eingang gefunden hat. In den vierziger Jahren, als in Schlesien die Weber verhungerten und die übrigen Kleinhandwerker nicht satt zu essen hatten, ließ ein Großbauer in Zirlau bei Freiburg in Schlesien jedem seiner Kinder einen goldnen Löffel machen »zum Andenken an die goldne Zeit,« und die heutige Agrarierpolitik beruht durchaus auf diesem Grundsatze. Als etwas völlig neues ist er im vorigen Jahrhundert in die Weltgeschichte eingetreten. Das ganze Altertum und Mittelalter hindurch hat die reichliche Versorgung des Volks mit billigem Brot für die erste Pflicht der Regierungen und jede künstliche Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel für den Gipfel wucherischer Verruchtheit gegolten. Die Pachten wurden nun um die Wette erhöht und nahmen hie und da den Charakter von rack rents, Folterrenten, an, wie der Engländer die auf der Folter der Versteigerung an den Meistbietenden erpreßten unnatürlich hohen Renten nennt. Die Pächter aber (es ist Rogers, der das sagt) waren so dumm, ihre Arbeiter um die Wette zu schinden und dadurch hohe Renten herauszuschlagen, zu keinem andern Zweck, als um dem liederlichen hohen Adel die Mittel zu seinen unerhörten Ausschweifungen zu liefern. Den Lohn ihrer Dummheit (es ist wiederum Rogers, der spricht) erntet die Pächterschaft jetzt durch ihren allgemeinen Bankrott. Diese Politik, zusammen mit Mißwachs und den Kosten der napoleonischen Kriege, erzeugte das unerhörte Elend der Jahre 1780 bis 1820.

Das siebzehnte Jahrhundert war die dramatische Zeit der großen Dichter und Denker, der großen Freiheitskämpfe, der großen originellen Charaktere; im achtzehnten wurde die Macht der Krone endgiltig gebrochen und das Dissentertum von der Tyrannei der Staatskirche befreit. Aber ach! nur um die Freiheit der besitzenden Minderheit hat es sich in diesen Freiheitskämpfen gehandelt. Und nur die Personen des politischen Dramas erscheinen auf der Schaubühne der Geschichte: die Kriegshelden, die Unternehmer der »glorreichen« Revolution, die großen Staatsmänner und Redner. Von dem arbeitenden und leidenden Volke, das diesen Helden das Leben und die Durchführung ihrer Rolle möglich machte, ist nichts zu sehen, es verschwindet vollständig. Es bildet kein Element der Politik mehr, so wenig wie das Lastvieh; nur durch das Studium der Lohnlisten kann sich der Forscher einen Begriff von ihm verschaffen.

Dies also war, um es zusammenzufassen, der Gang der Dinge gewesen. Durch eine Münzverschlechterung wurden die Lebensmittel verteuert. Die Arbeitslöhne konnten nicht mit den Warenpreisen steigen, weil durch die Weidewirtschaft der Bedarf an Arbeitern vermindert und gleichzeitig durch den großen Landraub bei der Klosteraufhebung und die Vertreibung der Klosterpächter das Angebot von Arbeit plötzlich enorm vermehrt wurde. Eine neue, in der Welt bis dahin unbekannte Art von Geschöpfen entstand: landlose Landarbeiter, die doch keine Sklaven waren, deren Unterhalt also keinem bestimmten Herrn als Pflicht oblag. Durch das Armengesetz sodann wurde den Arbeitern jede Möglichkeit abgeschnitten, jemals ihr Einkommen über das Existenzminimum hinaus zu vermehren, und durch die grausame und schimpfliche Behandlung der Arbeitslosen, sowie durch das Gesetz über den Unterstützungswohnsitz dem Unglück auch noch das Brandmal der Schande aufgedrückt, der ganze Arbeiterstand aufs tiefste entwürdigt und völlig entsittlicht. Gegen das Jahr 1700 empfahl der schottische Patriot Fletcher von Saltoun; ein glühender Republikaner, die förmliche gesetzliche Wiedereinführung der Sklaverei als einziges Heilmittel der allgemeinen Verwilderung, und da »das Volk« ja so wie so zu keinem andern Zweck da sei, als für die Herren zu arbeiten. Dieser Fletcher ist offenbar weit humaner gewesen als die Humanitätsschwätzer, die im achtzehnten Jahrhundert nach ihm kamen. Die Einführung der Privatsklaverei an Stelle der thatsächlich herrschenden Staatssklaverei würde die Lage des Volks wirklich ganz wesentlich gebessert haben. Denn erstens gestaltet sich das persönliche Verhältnis eines Privatbesitzers zu seinen Sklaven, mögen es nun zweibeinige oder vierbeinige sein, immer einigermaßen menschlich; durch Gewohnheit bildet sich eine gewisse Anhänglichkeit aus. Zweitens liegt es im Interesse des Privatbesitzers, wenn er sein Arbeitsvieh auf dem eignen Hofe züchtet, für kräftigen, gesunden Nachwuchs zu sorgen, wenn er es aber kauft, es nicht zu schnell abzunutzen. Und weiter: da die Arbeiter doch noch so weit Menschen blieben, daß sie sich nicht immer wie Schlachtschafe benahmen – in der Zeit der Besserung von 1700 bis 1750, wo einige Arbeiterklassen beinahe satt zu essen hatten, kamen hie und da kleine Aufstände vor –, so wurde jede Verabredung von Arbeitern zur Erlangung besserer Lohnbedingungen als »Verschwörung« bestraft. Wurde durch den Raub der Gemeindeländereien, die sogenannten enclosures, nicht allein die Bauernschaft um einen Teil ihres rechtmäßigen Besitzes gebracht, sondern auch den etwa noch ansässigen Feldarbeitern die Möglichkeit genommen, sich Gänse oder ein Schwein zu halten – man verbot es ihnen wohl auch ausdrücklich –, so begnügten sich damit die Landlords noch nicht, sondern brannten die Arbeiterhütten und die Hütten kleiner Pächter, wo sich noch solche fanden, einfach nieder und machten so den letzten Rest der ärmern Bevölkerung vollends vogelfrei. Noch Karl der Erste, noch Cromwell hatten die Ausstattung der Arbeiterhäuser mit vier Acres Land zu erzwingen gesucht. Heute ist der Arbeiter schon froh, wenn man seine Hütte nicht niederbrennt, noch froher, wenn man ihm ein Gärtchen läßt; Ausstattung mit ein paar Morgen Land duldet man nicht mehr, das würde ihn, wie nach Dr. Hunter die Pächter sagen, zu unabhängig machen. Das so zusammengeraubte kolossale Vermögen vergrößerten die Landlords einerseits durch Erpressung hoher Mieten für ihre städtischen Grundstücke, andrerseits durch eine Zollpolitik, die auf die Erzeugung von Hungersnöten berechnet war, und wälzten die Armenlast auf den Mittelstand und die Armen ab: »Der Reiche raubte dem armen Lazarus vollends die Brosamen, die dieser an den Tischen der etwas weniger Armen aufgelesen hatte.« Mit den Landlords wetteiferten die Großhändler, die sich durch eine ähnliche Zollpolitik und durch Monopole bereicherten, und die Fabrikanten, von denen wir später noch reden werden. Alle großen englischen Vermögen, meint Rogers, seien durch Raub, und zwar durch unverhüllten Raub aufgehäuft worden. Das Parlament wurde seit der »glorreichen Revolution« – so wird die von 1689 mit Vorliebe genannt – ausschließlich eine Vertretung der genannten drei Klassen, und die beiden Cliquen der Whigs und Tories waren eine so räuberisch wie die andre.

Rogers findet einen patriotischen Trost darin, mit der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts noch leidlich kräftigen, wenn auch nicht mehr sehr zahlreichen Bauernschaft seines Vaterlandes die französische zu vergleichen, deren Elend er nach den bekannten Quellen ausführlich schildert. Leider ist seitdem jene englische Bauernschaft vollends verschwunden, während die französische heute neben der deutschen die tüchtigste Bauernschaft Europas ist. Die Bauern einiger deutschen Provinzen: Holsteins, Oldenburgs, eines Teils von Westfalen, Schlesiens, Oberbaierns sind tüchtiger als die französischen, aber die französischen dürften im Verhältnis zur Volkszahl zahlreicher sein, und ihre schwächsten scheinen es nicht so armselig zu treiben, wie die westdeutschen Zwergbauern und die mecklenburgischen und pommerschen Kätner. Die Revolution von 1789 verdient als Erneuerin des französischen Bauernstandes wirklich den Namen einer glorreichen Revolution; der »Schrecken,« der ja erst kam, nachdem die großen Reformgesetze schon fertig waren, wäre, wie Taine sattsam klar gemacht hat, gar nicht nötig gewesen.

Von der Hebung der Lage der industriellen Arbeiter in unserm Jahrhundert sprechen wir später. Die ländlichen haben von der Besserung bisher noch wenig gespürt. Die Scheußlichkeit der auch von Roscher beschriebnen Gangs in einigen östlichen Grafschaften ist noch nicht ganz abgestellt. Am scheußlichsten sind die Kindergangs. Der Pächter akkordirt mit dem Gangmaster; dieser macht Jagd auf Kinder und führt den Trupp, den er zusammengebracht hat, nachdem die Arbeit bei dem einen Pächter besorgt ist, zu einem andern. Der Gangmaster, ein versoffener Schurke, mißhandelt die Kinder nicht, sondern sucht sie vielmehr, da er auf freiwillige Kundschaft angewiesen ist, zu locken, besonders dadurch, daß er die frechste Schamlosigkeit im Umgange von Knaben und Mädchen nicht allein gestattet, sondern begünstigt. Des Nachts werden sie, Knaben und Mädchen unter einander, in schmutzige, luftlose Schuppen gesperrt, des Tages zur Arbeit getrieben, die sie sehr hurtig verrichten, und notdürftig gefüttert. Um das Jahr 1860 lenkte ein Geistlicher, namens Girdlestone, die Aufmerksamkeit des Publikums auf das ländliche Arbeiterelend; aber die Pächter drohten, ihn in die Pferdeschwemme zu werfen, wenn er nicht das Maul halte, und er schwieg schon darum, weil er einsah, daß er die Lage der Unglücklichen nur verschlimmert hätte. Einige Jahre später wagte ein wackrer Bauer, Joseph Arch, den »heroischen Versuch,« die stumpfsinnigen Landarbeiter aufzurütteln, zur Erkenntnis ihrer Lage zu bringen und sie zu organisiren; Rogers war der erste Mann von Ansehen, der seine Bemühungen durch einen Vortrag in einer Arbeiterversammlung aufmunterte. Seitdem Rogers sein Werk herausgegeben hat, hat die Bewegung Fortschritte gemacht und sogar den vorigen Landwirtschaftsminister zu Gesetzentwürfen über Schaffung kleiner Bauernstellen und Seßhaftmachung von Arbeitern veranlaßt. Wie weit jene Bewegung und diese Gesetzentwürfe Erfolg haben werden, läßt sich nicht voraussehen. Versuche der Organisation dieses heruntergekommenen Standes stoßen auf schier unüberwindliche Hindernisse: bei der Mittel- und Hilflosigkeit, dem Stumpfsinn und der Unwissenheit der ländlichen Arbeiter fehlen alle Voraussetzungen einer Organisation. Natürlich sind sie auch mit allen Lastern behaftet, die die Sklaverei erzeugt; sie sind vor allem falsch, verlogen und von tiefem Mißtrauen erfüllt. Sucht sich ihnen ein Mann der obern Klassen wohlwollend zu nähern, so glauben sie ihm einfach nicht und argwöhnen, hinter der Freundlichkeit verberge sich ein feindseliger Anschlag. Nur an Mißhandlungen gewöhnt, erwarten sie nichts andres als solche. Durch die arkadischen Bilder von reizenden, in Jelängerjelieber versteckten, von Gärtchen umgebenen Arbeitercottages, meint Rogers, dürfe man sich nicht bestechen lassen. Dergleichen schaffe wohl hie und da ein »wohlwollender Despot« auf seinem Herrensitz; aber dieser mache doch nur einen unbedeutenden Teil seiner Gütermasse aus; seine Pächter dächten gar nicht an so etwas, und deren Arbeitern sei der Landlord so unbekannt, wie ein ausländischer Potentat. Dr. Hunter, den Marx (Kapital Bd. 1 S. 713) zitirt, sagt in einem Bericht: Sobald der Clearingprozeß ( Clearing of Estates, wie man die »Säuberung« der großen Herrschaften von Proletarierwohnungen nennt) vollendet ist, bleibt nur noch ein Schau-Dorf ( show-village) übrig, wo außer Gärtnern, Wildhütern und solchen Leuten niemand wohnen darf; das sind persönliche Bediente, und sie erfreuen sich als solche guter Behandlung vom gnädigen Herrn.

In der Parlamentssitzung von 1811-12 wurde ein Gesetzentwurf eingebracht, wonach Arbeiter, die neu erfundne Maschinen zerstörten, mit dem Tode bestraft werden sollten. Lord Byron bekämpfte den Entwurf, der übrigens nicht durchging, in einer feurigen Rede und äußerte u. a., falls der Entwurf angenommen würde, schlage er noch den Zusatz vor, daß zu Geschwornen zwölf Henker ernannt würden, und daß ein Richter von der Art Jeffreys (der die »blutigen Assisen« unter Jakob dem Zweiten geleitet hat) präsidire. Man kann es Lord Byron nicht verargen, daß er nach dem Süden ging, dort Menschen zu suchen, und braucht sich nicht darüber zu wundern, daß die besten unter den Engländern von den Regierungen im allgemeinen und von ihrer eignen im besondern einen sehr geringen Begriff haben. Die Völker, meint Rogers, seien niemals ganz so dumm wie ihre Regierungen, und außer der Regierung sei niemand imstande, ein Volk zu Grunde zu richten.

Die vorübergehende Besserung in der Lage der Arbeiter in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war, wie schon bemerkt wurde, zum Teil der Bereicherung des Landes durch überseeische Schätze und dem Fortschritt der Industrie zu danken. Die Industrie steigerte die Nachfrage nach Arbeit und demnach wenigstens anfänglich auch den Lohn. Bis heute noch sind die landwirtschaftlichen Löhne in den Industriegegenden am höchsten. Unter den überseeischen Geschäften des sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts nun darf man sich nicht etwa harmlose und ehrbare Kaufmannsgeschäfte vorstellen. Sie trugen durchaus den Charakter des phönizischen Handels in jener ältesten Periode, wo Seehandel und Seeraub ein Ding waren. Die Art und Weise, wie die Spanier ihre amerikanischen Besitzungen ausgebeutet haben, ist bekannt. Die falsche Wertschätzung der Edelmetalle verleitete sie, vor allem Gold und Silber zusammenzurauben. Immerhin verleiht ein großer Barschatz, den man zu benutzen versteht, einer Nation so gut ein Übergewicht, wie dem einzelnen Unternehmer. Mag es nun Faulheit oder Beschränktheit, oder Bigotterie, oder Romantik, oder Gutmütigkeit gewesen sein, was den Spaniern hinderlich war, kurz, sie verstanden ihren Schatz weder zu benutzen noch zu behalten und wurden samt den Portugiesen von den Holländern und Engländern aus der Herrschaft über das Weltmeer verdrängt und sogar eines Teiles ihrer überseeischen Besitzungen beraubt.

Die Gewaltthätigkeit, Rücksichtslosigkeit und Gewissenlosigkeit der Niederländer wird auch von ihrem glühenden Verehrer Treitschke zugestanden. Karl Marx hat einige Züge zusammengetragen, die ihre Art, Kapital anzuhäufen, bezeichnen. Die europäischen Völker waren bis ins vorige Jahrhundert hinein an stark gewürzte Speisen gewöhnt, was sich aus der Einförmigkeit ihrer damaligen Kost einigermaßen erklärt. Die Holländer pflegten nun, um die Preise hoch zu halten, jährlich einen Teil ihrer Gewürzernte zu verbrennen. Die Bevölkerung der Provinz Banjuvangi auf Java wurde binnen sechzig Jahren (1750 bis 1811) von 80 000 auf 8000 heruntergebracht, dafür aber der Bedarf an Sklaven durch Menschenjagden auf Celebes gedeckt, die mit empörender Grausamkeit betrieben wurden. Um sich Malakkas zu bemächtigen, bestachen sie den portugiesischen Gouverneur dieser Stadt. Er ließ sie 1641 herein; sie aber ermordeten ihn meuchlings, um die ausbedungne Summe von 21 000 Pfund zu sparen.

Die Niederländer hatten auf solche Weise schon ein gewaltiges Kapital »erarbeitet und erspart,« d. h. die Großstaaten Europas zu ihren Schuldnern gemacht und deren Unterthanen in die Notwendigkeit versetzt, für die Mynheers zu arbeiten, als sie durch Cromwells Navigationsakte von den britischen Häfen ausgeschlossen und dann von den Engländern im Seekriege überwunden wurden. Seitdem zehren sie hauptsächlich von ihren durch Raub aufgehäuften gewaltigen Kapitalien, die ihr mittlerweile solid gewordner Handel und Plantagenbau nur eben zu erhalten vermag. Wie es gegenwärtig um den holländischen Volkswohlstand bestellt ist, haben uns diesen Winter die Unruhen der Arbeiter und der Arbeitslosen offenbart. Die Engländer haben dann die Ausbeutung der farbigen Menschen im großartigsten Stile betrieben. Was sich zu Sklavendiensten nicht gebrauchen ließ, das wurde wie Raubwild ausgerottet. Die Puritaner Neuenglands setzten Preise auf jeden Skalp; im Jahre 1744 z. B. für einen männlichen Skalp 100 Pfund, für einen Weiber- oder Kinderskalp 50 Pfund. Das Privilegium des Sklavenhandels zur Versorgung nicht bloß ihrer eignen, sondern auch der spanischen Kolonien entrangen sie den Spaniern oder vielmehr den Genuesern, denen es die spanischen Könige als ihren Bankiers überlassen hatten, im Utrechter Frieden durch den Assientozusatz. Die Saturday Review fragte bei Gelegenheit der Kolumbusfeier, ob die in Genua versammelten Herren wohl dieses Gegenstandes gedacht haben möchten, der ein paar hundert Jahre lang für die Seemächte der interessanteste gewesen sei unter allen kolonialen Angelegenheiten? Wahrscheinlich nicht, »denn man spricht nicht vom Strick im Hause des Gehenkten, wie man ja auch in Liverpool von der Flüssigkeit (Negerblut) nicht sprechen darf, womit der Mörtel für seine Häuser angemacht ist.« Liverpool beschäftigte 1730 nur 15, 1792 schon 132 Sklavenschiffe. Ein Dr. Aikin pries in einer 1795 erschienenen Schrift den Sklavenhandel, der »den Unternehmungsgeist bis zur Leidenschaft steigere, famose Seeleute bilde und enormes Geld einbringe.« Wie die Engländer das indische Volk ausgebeutet, und daß sie noch in unserm Jahrhundert den Kaiser von China durch einen Krieg gezwungen haben, sein Volk durch Opium vergiften zu lassen, ist allgemein bekannt. Macaulay tröstet sich über die bittre Wahrheit, daß die englischen Eroberer Indiens und die Leute der Ostindischen Kompagnien eigentlich große Schurken gewesen seien, mit dem Gedanken, die verdrängten muhammedanischen Fürsten wären noch größere Halunken gewesen, und Hartpole Lecky beschreibt, wie die mit ungeheuern Reichtümern aus Indien zurückkehrenden Nabobs jeden Rest von Scham vernichtet, das Parlament und die ganze Nation käuflich gemacht und der Alleinherrschaft des Geldes die offne Anerkennung erzwungen haben. Noch heute ist die englische Verwaltung Indiens und die gelegentliche Kriegführung gegen rebellische Fürsten und Stämme nicht ganz zweifelsohne; der Maharadscha Dhulip Singh, den die Russen eine Zeit lang als Werkzeug gebraucht haben, beschwerte sich vor ein paar Jahren u. a. darüber, daß Ihrer britischen Majestät Diener seinem Vater nebst andern Kleinodien auch den Kohinur gestohlen hätten. Auch ihre eignen Kolonisten, d. h. die wirklich arbeitenden unter ihnen, die Bauern Neuenglands, behandelten sie bis zum Unabhängigkeitskriege, der ja eben hierdurch veranlaßt wurde, als reine Ausbeutungsobjekte. Nur englische Industrieerzeugnisse durften sie gebrauchen, und nur aus englischen Schiffen durften sie sie empfangen; sogar sich ihre Pflüge selbst zu machen, war ihnen verboten. Den Iren haben die Engländer nicht allein ihr ganzes Land geraubt, sondern auch jede Industrie, mit der sie sich zu helfen suchten, im Keime erstickt und den Heringsfang an ihrer eignen Küste verwehrt. Bis auf den heutigen Tag arbeiten sogar die nach Amerika ausgewanderten Irländer noch für die englischen Landräuber, indem sie ihren Verwandten daheim den Pachtzins schicken; freilich immer öfter auch das Geld zur Überfahrt nach Amerika. Aber die Entvölkerung der grünen Insel kümmert die in England residirenden Besitzer nicht; solange nur noch Schäfer vorhanden sind, kommen sie zu ihrem Gelde. Rentirt doch die Weidewirtschaft desto besser, je höher in der alten Welt die Fleischpreise steigen. Und zugleich haben die Landlords durch die Entvölkerung Irlands den Fabrikanten einen großen Dienst erwiesen, denselben Dienst, wie drei Jahrhunderte früher durch Vertreibung der Klosterpächter, denn viele Irländer flüchteten im vorigen und zu Anfang dieses Jahrhunderts Arbeit suchend zur bösen Stiefschwester. Der Irländer, schrieb Carlyle zur Zeit des Chartismus, »ist das schlimmste Übel, mit dem unser Land zu kämpfen hat. Mit seinen Lumpen und seinem verwilderten Lachen ist er bei der Hand, jede Arbeit zu thun, die weiter nichts als starke Arme und einen starken Rücken erfordert – für so viel Geld, als er zu Kartoffeln braucht. Als Würze genügt ihm ein wenig Salz; er schläft ganz vergnügt im ersten besten Schweinestall und trägt einen Anzug aus Fetzen, den aus- und anzuziehen eine äußerst schwierige Operation ist, die daher nur an Festtagen vorgenommen wird. Der sächsische Mann, der um solchen Lohn nicht arbeiten kann, wird brotlos; der unzivilisirte Irländer vertreibt den Sachsen, nicht durch seine Überlegenheit, sondern durch das Gegenteil davon.« Carlyle übersieht dabei nur dreierlei. Erstens, daß es »der sächsische Mann« ist, der den Irländer soweit heruntergebracht hat; noch unter Elisabeth haben unverdächtige englische Beobachter den Iren das Zeugnis gegeben, daß sie ein fleißiges, wirtschaftliches, gesittetes Volk seien. Zweitens daß ein Teil des englischen Volkes schon vor der irischen Einwanderung zu irischer Bedürfnislosigkeit hinabgedrückt worden war. Und drittens, daß es noch ein schlimmeres Übel für England giebt als den Irländer, nämlich jene Industrie, die nicht einmal einen starken Rücken und starke Arme erfordert. Aber verschlimmert haben freilich die Irländer das Übel.

Nachdem sich die herrschenden Klassen auf die beschriebne Weise ein billiges Arbeiterproletariat und Geld zur Anschaffung von Maschinen verschafft hatten, konnte es an dem dritten Mittel der Bereicherung nicht mehr fehlen: einer großartigen Exportindustrie, die durch billige Löhne in den Stand gesetzt war, alle ausländischen Konkurrenten zu unterbieten und zu vernichten. Anfänglich waren es Handwerksmeister, die mit Kirchspielarmen und »Lehrlingen« die Tuch-, Kattun-, Seiden- und Bandweberei, das Messer- und Nagelschmieden betrieben. Dann schwangen sich die erfolgreichern unter ihnen zu Fabrikanten empor, und als nun die mechanische Spinnerei und Weberei, zuerst mit Wasser-, dann mit Dampfkraft betrieben, die menschliche Muskelkraft außer Kurs setzte, da jagten sie die Männer vor die Thür und bedienten sich zuerst der billigern Weiber, dann der noch billigern Kinder.

Wir werden uns hüten, hier nach Engels, Marx, Brentano, Held, Schulze-Gävernitz die Verbrechen zu schildern, die in englischen Werkstätten und Fabriken an Millionen wehrloser Kinder verübt worden sind! Das werden andre Leute in Zeitungen und Zeitschriften thun. Sie werden gezwungen werden, es zu thun. Wenn der englische Reichtum, der nicht auf der sichern Grundlage des vaterländischen Bodens und freudiger, freiwilliger Arbeit ruht, sondern teils im Auslands zusammengeraubt, teils der ärmern heimischen Bevölkerung abgepreßt ist, und dessen Ertrag nicht in den Früchten des Bodens, sondern in Zinsen, d. h. in dem Anspruch auf die Arbeit andrer Nationen besteht, wenn dieser Reichtum wie eine Seifenblase zerplatzt sein wird, weil es die ausländischen Schuldner gleich den Argentiniern und Portugiesen satt haben, für England zu arbeiten, und weil bei der gleichmäßigen industriellen Entwicklung aller Völker das letzte Stündlein der englischen Exportindustrie geschlagen hat, dann wird das deutsche Volk, die Gefahr gleichen Verderbens fürchtend, mit seinen Professoren, Nationalökonomen und Publizisten ins Gericht gehen. Es wird sie fragen: Wo bleibt nun diese deutsche Wissenschaft, die die Wahrheit, nur die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit sucht? Warum habt ihr uns über die Natur und die Bedingungen des Reichtums getäuscht? Warum habt ihr uns verschwiegen, daß dieser vielgerühmte Nationalreichtum, wie Destut de Tracy schon vor hundert Jahren erkannt hat, weiter nichts ist als Volkselend, durch Volkselend erkauft und geschaffen? Warum habt ihr uns vorgelogen, die Engländer, die ökonomischen Muster der modernen Welt, hätten ihren Reichtum durch Arbeit und Sparsamkeit Sparsam ist überhaupt kein Engländer, weder der vornehme noch der gemeine; wüsten und vergeuden ist ihm Natur, wie Karl Hillebrand, ein entschiedner Freund der Engländer, in seinen Briefen aus England sehr schön beschrieben hat (»Aus und über England,« S. 270). erworben? Warum erzählt ihr uns immer wieder von den grausamen Spaniern, den Greueln der Inquisition und der Bartholomäusnacht, die doch gar kein praktisches Interesse für uns haben, und warum verliert ihr kein Wort über die englischen Fabrikgreuel, ohne die die englische Kapitalbildung gar nicht verstanden werden kann, die also so notwendig in die Nationalökonomie gehören, wie die Eigenschaften des Dampfes in die Maschinenlehre? Und ist es vielleicht reiner Zufall, daß Pierer, Meyer und Blockhaus alle drei unter dem Worte Rogers zwar ein paar obskure Dichter und Schriftsteller dieses Namens behandeln, daß aber keiner von den dreien den großen noch lebenden Volkswirt und Historiker kennt, dem wir die beste Ausgabe von

Adam Smiths berühmtem Werke und höchst wertvolle Anmerkungen dazu, sowie die großartige Geschichte der englischen Arbeit verdanken? So wird das deutsche Volk über kurz oder lang fragen und sich Antwort erzwingen, und in den Familienblättern, Schaubuden und Panoptikums werden die alten spanischen Folterkammern den englischen Platz machen.

Wir haben hier nur den Kniff aufzudecken und dadurch unschädlich zu machen, mit dem Wolf die Aufmerksamkeit von diesen Dingen abzulenken sucht. S. 141 schreibt er: »Wir haben oben bemerkt, daß Marx, wenn es gilt, sich und seinem Leser Klarheit über den sozialen Thatbestand der Zeit zu verschaffen, mit Vorliebe Detailschilderungen, Berichte aus Enqueten, vereinzelte Äußerungen von Behörden und Privaten hierfür wählt. Wir haben auch schon erklärt, diese Art der Erhebung als nur lokal und temporär verwendbar vorerst beiseite lassen zu wollen.« Nur lokal verwendbar, freilich! Aber was für ein Lokal! Der ganze englische Industriebezirk! Nur temporär! Freilich! Aber was für eine Zeit! Die Zeit, da England die indische und die deutsche Weberei totgemacht und eine Baumwollenindustrie geschaffen hat, die im Jahre 1860 beinahe die Hälfte (5/13) des englischen Exports zu liefern vermochte! »Vorerst« will er diese Schilderungen beiseite lassen, er geht aber auch später nicht darauf ein, sondern spricht nur von der ungeheuern Vermehrung der Spindeln und dergleichen Fortschritten, als ob es dem echten Volkswirt und Sozialpolitiker um Spindeln und nicht vielmehr um Menschen zu thun wäre! Andre Nationalökonomen behaupten kecklich, Marx – vielleicht ist es schon zu lange her, daß sie ihn gelesen haben – Marx habe seine Schilderungen den Zeiten des Niedergangs und industrieller Krisen entnommen. Sie wollen also glauben machen, es handle sich da um die Nöte etwa der Baumwollenkrisis der sechziger Jahre, während doch von den Mißhandlungen die Rede ist, die angewendet wurden, um die »Blüte« der englischen Textilindustrie hervorzutreiben, und von einer Zeit, in der die Fabrikanten ungeheure Reichtümer aufhäuften!

Die Sache ist in kurzem die, daß diese Herren nicht rasch genug vorwärts gekommen sein würden, wenn sie gewartet hätten, bis sich der englische Arbeiter auf die geistlose, entwürdigende Arbeit des Fädchenanknüpfens, die gar keine Arbeit, sondern nur qualvolle Anstrengung ist, eingerichtet haben würde. Sie setzten ihn einfach vor die Thür und nahmen sein fügsames Weib und dann sein noch fügsameres Kind. Der entmannte Mann saß daheim, Strümpfe flickend und Kartoffeln kochend, während sein Weib die Kartoffeln und Strümpfe verdiente, und später führte er sein Kind in die Fabrik oder trug es allmorgendlich oder – zur Nachtschicht – allabendlich dahin. Zur Essenszeit wandelte er mit dem Speisenapf hin und fütterte, vor ihm knieend, den armen Wurm, dem eine Essenspause nicht vergönnt wurde. Zum Schlafen wurden ihm manchmal kaum vier Stunden gelassen, und war er nicht rechtzeitig zur Stelle, so holte ihn der Aufseher aus seinem Bett oder aus seinen Lumpen und peitschte ihn wach. »Ich sah, sagte der Tory Oastler, ein Vorkämpfer für den Kinderschutz, meine jungen und hilflosen Nachbarn schrittweise zu Grunde gehn, unter der Peitsche und dem Frohndienst eines Fabrikungeheuers. Ich hörte ihr Stöhnen, sah ihre Thränen und wußte, daß sie sich auf mich verließen. Ich wurde von weinenden Müttern besucht, die mir die blutenden Wunden ihrer Kinder zeigten und mich fragten: »Ist das gerecht, Herr? Ist es nicht genug, daß diese armen Dinger durch die Arbeit getötet werden, womit sie uns das Brot verdienen? Müssen sie dazu noch so geschlagen und getreten werden?« Ich sah erwachsene Männer, deren einziger Beruf es war, ihre Kleinen lange vor Sonnenuntergang in die Fabrik zu tragen und lange nach Sonnenaufgang nach Hause zu holen. Ich hörte die Flüche dieser Väter; sie waren laut und stark.« Oastler war von dem frommen Fabrikanten John Wood auf das Kinderelend aufmerksam gemacht worden. Dieser teilte ihn: mit, daß er selbst die Kinder dreizehn Stunden arbeiten lasse; weiter könne er nicht heruntergehn, weil seine Konkurrenten vierzehn bis fünfzehn Stunden arbeiten ließen. Er beschwor ihn, eine Bewegung für Kinderschutz in Gang zu bringen, und verpflichtete ihn auf die Bibel, »jenes Buch, worin ich täglich meine Verdammung lese.« Wie kommt es, daß man bei den Besprechungen des Werks von Schulze-Gävernitz in den Zeitungen gerade solche Stellen, wie die eben angeführte, die doch die interessantesten sind, beiseite gelassen hat?

Als die »Spindelmühlen« noch mit Wasser getrieben wurden, lagen die Fabriken an den Flußläufen, und es wurden namentlich Armenhauskinder hingeschickt. Es bildete sich, sagt Fielden, den Marx zitirt, die Gewohnheit, »Lehrlinge« aus den Kirchspielsarmenhäusern von London, Birmingham und sonstwo zu beziehn. Tausende dieser hilflosen kleinen Kreaturen im Alter von sieben bis dreizehn Jahren wurden so nach dem Norden spedirt. Dort wurden Aufseher bestellt, deren Bezahlung in dem Verhältnis zu der Arbeitsmenge stand, die sie aus diesen Kindern herauszupressen vermochten. Die Kinder wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert mit dem ausgesuchtesten Raffinement; die Peitsche hielt sie noch bei der Arbeit, wenn sie schon bis auf die Knochen ausgehungert waren. Die schönen romantischen Thäler von Derbyshire, Nottinghamshire, Lancashire, abgesperrt für die Augen der Öffentlichkeit, wurden grausige Folterkammern. Die Gewinne der Fabrikanten wuchsen ins Ungeheure. Selbst der hochgeschätzte Statistiker Eden, dessen Zuverlässigkeit von niemand, auch von Wolf nicht, angezweifelt wird, kann sich der Bemerkung nicht enthalten, es sei doch der Erwägung wert, ob eine Manufaktur, die die Hütten und die Arbeitshäuser plündere, um die von da zusammengeschleppten Kinder Nächte hindurch abzurackern und durch Zusammensperren von Knaben und Mädchen in den Schlafstuben die Sittlichkeit zu untergraben, ob eine solche Manufaktur das nationale Glück vermehre. Im Unterhause wurde ein Fall angeführt, wo nach dem Bankerott eines Fabrikanten seine Fabrikkinder mit dem übrigen Inventar angezeigt und an den Meistbietenden verkauft wurden, und unter den Kaufverträgen der Kirchspiele mit Fabrikanten auch einer, wo sich der Fabrikant der Pfarre gegenüber verpflichtete, auf je 20 vollsinnige Kinder ein schwachsinniges mit in Kauf zu nehmen. Sir Robert Peel, der die erste Kinderschutzbill von 1802 durchsetzte, hatte bei einem Besuch seiner eignen Fabrik gegen 1000 Kinder darin gefunden, deren Aussehn ihn erschreckte. Diese erste Bill bezog sich nur auf die aus den Armenhäusern bezognen Kinder. Bald nach ihrem Erlaß aber machte die Anwendung der Dampfkraft die Anlage von Fabriken in den Großstädten möglich, wo man nicht mehr auf die Armenhauskinder angewiesen war, da sich Eltern genug unmittelbar in der Nähe fanden, die bereit waren, ihre Kinder in der Form des »freien Arbeitsvertrags« zu verschachern. Das machte neue Gesetze notwendig. Endlich sah man sich gezwungen, auch die in der Hausindustrie verwendeten Kinder, die nicht weniger gemißhandelt wurden, zu bedenken. Die Children Employment commission von 1866 schlug die Ausdehnung der Fabrikgesetze auf mehrere Industriezweige vor, die zusammen 1 400 000 Frauen, jugendliche Arbeiter und Kinder beschäftigten. Diese paar aus der reichen Fülle des verfügbaren Materials herausgegriffenen Angaben werden genügen, von der Bedeutung der Kinderarbeit für die englische Industrie einen Begriff zu geben und zugleich auch von der Wahrheitsliebe jener Vertreter der Wissenschaft, die beim unstudirten Publikum den Glauben verbreiten, als handelte es sich beim englischen Arbeiterelend um vereinzelte Fälle von Hunger in Jahren von Mißernten und Handelskrisen. Wolf giebt (S. 534 bis 536) nur eine kurze farblose Skizze der englischen Kapitalbildung nach Marx, ohne alle charakteristischen Einzelheiten, und bleibt auf die Frage, die er selbst auswirft, ob dieses Bild typisch sei, die Antwort schuldig. Für die Roheit, in die das Volk bei solcher Behandlung versank, zeugen unter vielem andern die Anekdoten über Weiberhandel, die sich im Jahrgang 1783 des Gothaschen Genealogischen Kalenders finden. In Oxford brachte ein Arbeiter seine Frau am Strick auf den Markt geführt und verkaufte sie um 5 Shilling. Ein Neuvermählter in Nothingham verkaufte sein Weib um einen Shilling. Ein andrer Mann verkaufte Weib und Esel zusammen um 13 Shilling und zwei Kannen Bier. Für die zu Markte getriebenen Frauen mußte der Zoll bezahlt werden »wie für jedes andre Kauftier.« Ein Kirchspiel versteigerte eine Witwe, um sie nicht unterhalten zu müssen, und erteilte den Zuschlag auf das Gebot von 2 Shillingen. Der Kauf wurde in die Zollbücher eingetragen und auch der Wert des Stricks nicht vergessen.

Eine Besserung ist dann tatsächlich eingetreten; darin hat Wolf Recht, und das setzt die theoretischen Sozialisten in Verlegenheit. Die Geschichte und die Ursachen der Besserung findet man in Brentanos Buch über die Gewerkvereine und in dem großen Werke von Schulze-Gävernitz. Engels macht im Vorwort zu der kürzlich bei Dietz in Stuttgart erschienenen neuen Ausgabe seines Buchs über die Lage der arbeitenden Klassen in England den Versuch, die Wandlung ohne Preisgebung seines Standpunkts zu erklären. Wir müssen uns hier auf Andeutungen beschränken.

Das Gesundheitsamt von Manchester hatte schon 1796 darüber Beschwerde geführt, daß die Fabrikkinder die Einwohner der Umgegend durch ansteckende Krankheiten gefährdeten. Die Verkuppelung und Verkümmerung der arbeitenden Bevölkerung, die durch eine Reihe von Enqueten offenkundig ward, erschien doch in mehrfacher Beziehung eine nationale Gefahr, u. a. auch, weil die Bemannung der Flotte Schwierigkeiten zu machen anfing. Das Gewissen regte sich, wie wir gesehen haben, sogar in einzelnen Fabrikanten, und die Meuchelmorde und Brandstiftungen der Chartisten rüttelten das Nachdenken auf. Und während so allmählich eine Kinderschutzgesetzgebung zustande kam, wurde die Kinderarbeit gerade in der Industrie, die durch sie emporgetrieben worden war, zu allererst überflüssig. So viel tausend Kinder auch vor der Reife verbraucht worden waren, einige blieben übrig, und ein Geschlecht gedrillter Spinner wuchs heran, die, von Jugend auf in dieser einseitigen Beschäftigung des Hinstarrens auf wirbelnde Spindeln geübt, nun doch als Männer weit mehr leisteten, als ein Kind zu leisten vermag; jeder dieser Männer war imstande, mehrere Dutzend Spindeln zu überwachen; auch fielen sie nicht so oft aus Ermüdung oder Unaufmerksamkeit in die Räder, was bei der Kinderarbeit immer unangenehm gewesen war, nicht der zerfleischten lebendigen Werkzeuge, sondern der Störung und des Zeitverlustes wegen. Da nun ein solcher Mann ein Dutzend Kinder ersetzte, kam er auch bei besserm Lohne billiger zu stehen, als diese Kinder, und da es sich zeigte, daß die Zahl der Spindeln, die er zu überwachen vermochte, mit seiner Gesundheit und Kraft, diese aber mit dem Lohne stieg, so erwies sich zuletzt die teuerste »Hand« als die billigste, sodaß gegenwärtig die Spinner von Lancashire die am höchsten bezahlten, gebildetsten und respektabelsten, sozusagen die Aristokratie unter den englischen Arbeitern sind.

Mittlerweile hatten die Arbeiter auch in dem fünfzigjährigen Kampfe um die Koalitionsfreiheit gesiegt, sich in den Gewerkvereinen ein Mittel des Widerstandes gegen Lohndruck, in den Genossenschaften ein Mittel zur Erhöhung ihrer Lebensführung durch billige und gute Lebensmittel und Wohnungen geschaffen. Das Gelingen der Koalitionsbewegung wurde durch eine Reihe von Umständen begünstigt. Gerade in ihre entscheidende Wendung fiel der Kampf der Fabrikanten um freie Korneinfuhr, die eine Lebensfrage für die Industrie war, denn Arbeiter mögen noch so geduldig und genügsam sein, verhungert und tot sind sie zu nichts mehr nütze. So waren die Fabrikanten genötigt, die Arbeiterschaft als Bundesgenossen gegen die Agrarier zu verwenden, ihnen das Wahlrecht zu erkämpfen und dafür das Koalitionsrecht zu bewilligen. Dabei ergab sich noch der Nebenerfolg für die Arbeiter, daß in der Hitze des Kampfes beide Parteien, Fabrikanten und Agrarier, um die Wette die Verbrechen aufdeckten, die einerseits an den ländlichen, andrerseits an den gewerblichen Arbeitern verübt wurden. Ähnliches haben wir in neuerer Zeit in Deutschland erlebt, wo den Arbeitern auch manchmal aus den Interessenkonflikten ihrer Brotherrn Nutzen erwächst. Ja nach der Beendigung des Bergarbeiterausstandes im Saarrevier hat sich sogar die Polizei einmal gezwungen gesehen, die Arbeiter gegen die von den Grubendirektoren verbreiteten Darstellungen in Schutz zu nehmen. Die Polizei war nämlich beschuldigt worden, daß sie die Arbeitswilligen nicht gehörig vor den Gewaltthätigkeiten der Aufständischen geschützt habe. Da sah sich nun die »Rheinisch-Westfälische Zeitung,« das Organ der Großindustriellen, veranlaßt – freilich erst nachdem ihre falschen Darstellungen die beabsichtigte Wirkung gethan hatten – eine »von maßgebender Seite« kommende Zuschrift aufzunehmen, in der u. a. gesagt wird, bei jeder Kirmeß kämen mehr Körperverletzungen vor als beim ganzen Ausstande vorgekommen seien, und jeder Ortskundige habe sich gewundert, »daß, nachdem 25 000 Mann die Arbeit niedergelegt hatten, so wenig ernstliche Ruhestörungen eingetreten« seien. Weiterhin heißt es: »Unzweifelhaft ist es, daß wohl die große Mehrzahl der angeblich Arbeitswilligen die Furcht vor den Ausständischen nur vorschützte, um es weder mit diesen, noch mit der Verwaltung zu verderben. Uns sind Dutzende von Fällen bekannt, daß anfahrende Bergleute ruhig und unangegriffen weite Wege durch streikende Ortschaften täglich zur Grube zurückgelegt haben.« Es versteht sich von selbst, daß die »gute« Presse sich nicht beeilt hat, diese Berichtigung zu verbreiten.. Auch lohnten sich, wie Engels meint, die kleinen Diebstähle am Arbeitslohn und an der Lebenskraft der Arbeiter nicht mehr, als die Baumwollenindustrie zu so gewaltiger Größe angewachsen war, daß sie Millionen indischer Webstühle fast mit einem Schlage zum Stillstand bringen konnte. (Fortan war hierdurch in Indien eine neue Gold- oder vielmehr Silberquelle erschlossen: die Indier wurden gezwungen, Baumwolle zu bauen, diese nach England zu verkaufen und dafür dann den englischen Kattun zu kaufen; den Einkaufspreis der Baumwolle und den Verkaufspreis des Kattuns machte natürlich der Engländer.) Es kam jetzt mehr darauf an, das immer glänzender werdende Geschäft in ruhigem Gange zu erhalten und Störungen durch Streiks und Arbeiterunruhen zu vermeiden. Die Organisation der Arbeiter, die friedliche Unterhandlung mit den Gewerkvereinen, das Schiedsgericht, was alles man früher verabscheut hatte, erschienen nun sogar willkommen. Und, was wohl zu beachten ist, einzig und allein Engels hat es angedeutet, aber nicht mit dem gehörigen Nachdruck hervorgehoben: mit der Entwicklung der Eisenbahnen und der Dampfschiffahrt, auf die dann die Periode der eisernen Hallen- und Brückenbauten folgte, trat die Eisenindustrie in den Vordergrund, die schlechterdings nicht mit Kindern arbeiten kann, sondern starke, gesunde, intelligente und tüchtig vorgebildete Männer erfordert. Unter allen Gewerkvereinen ist denn auch der der Maschinenbauer am frühsten fertig, am stärksten und leistungsfähigsten geworden. Auch die Grubenarbeit steckt ganz anders, seitdem man statt abgemergelter, stets schläfriger Kinder in kurzen Schichten kräftige, gut bezahlte Männer und Maschinen verwendet. Trotz alledem würde, wenn in irgend einem festländischen Staate ähnliche Zustände eingerissen gewesen wären, die Rettung eines Teiles der Arbeiterschaft auf dem Wege der Selbsthilfe nicht möglich gewesen sein. Bei dem fast in allen Staaten Europas herrschenden Bevormundungssystem, wo Volksversammlungen unter freiem Himmel verhindert werden, in jeder geschlossenen Versammlung einige Polizisten anwesend sind, die die Verhandlungen überwachen, unterbrechen und sobald ein ihrer Einsicht nach staatsgefährliches Wort fällt, die Versammlung schließen, wo die Agitatoren und Redakteure oppositioneller Volksparteien aus den Gerichtssälen, Gefängnissen und Geldstrafen gar nicht herauskommen, bei solcher Einschnürung und Bevormundung wäre die Gründung großer, mächtiger, leistungsfähiger Gewerkvereine nicht möglich gewesen. Recht deutlich ist uns das wieder geworden, als nach Ausbruch des Grubenausstandes im Saarrevier die Kameraden im Ruhrrevier Miene machten, sich dem Ausstande anzuschließen. Da wurde die Aufruhrakte verlesen, die erbetne polizeiliche Genehmigung zu Versammlungen rundweg versagt, und durch das Schließen der Wirtshäuser um 7 Uhr jede Besprechung der Bergleute unmöglich gemacht. Draußen herrschten gerade 20 Grad Kälte, aber wenn sich die Leute auch trotzdem im Freien hätten versammeln wollen, so würden sie ja sofort auseinander getrieben worden sein. Männer, die zum Ausstande aufgefordert hatten, wurden geschlossen durch die Straßen gefühlt und eingesperrt. Durch die Ablegung aller Vertrauensmänner ist den Bergleuten für die Zukunft jede Möglichkeit selbständiger Organisation abgeschnitten. Dem englischen Volke war auch im tiefsten Elend noch das eine Gut der Versammlungs- und Redefreiheit und der Freiheit von büreaukratischer Bevormundung, von Polizeiaufsicht, von unserm quälerischen, zeitraubenden Meldungs- und Anmelde-, Listen- und Zeugniswesen geblieben. Die Arbeiter konnten mit roher Gewalt unterdrückt, sie konnten, wenn sie ein Gericht freigesprochen hatte, als Verurteilte behandelt werden, aber von allen gegen sie verübten Gewaltthaten konnte sich keine in den Schein des Rechts kleiden.

Döllinger erzählt in seinem Buche »Kirche und Kirchen,« wie der Widerstand des englischen Volks gegen jene Beraubung und Knechtung, der es seine Großen unter dem Vorwande einer Kirchenreformation unterwarfen, durch festländische Söldner und zahllose Hinrichtungen unterdrückt wurde, und wie dieses Volk dann unter der Gewaltherrschaft seiner Könige und unter dem Druck von Ausnahmegerichtshöfen, mit dem Geschichtsschreiber Macgregor zu reden, »bis zu jenem niedrigsten Punkte politischer und bürgerlicher Degradation hinabsank, zu dem überhaupt die moralische und physische Energie der angelsächsischen Rasse hinabzudrücken möglich ist.« Dann fährt er fort: »Ein Umstand von höchstem Gewicht bewahrte das englische Volk vor dem Versinken in die Zustände des protestantischen Kontinents [als ob der katholische Teil des Kontinents freier gewesen wäre!]; es erhielt sich fortwährend im ungehemmten Besitz und Gebrauch seines alten germanischen Rechts. Nie konnte römisches Recht in England eindringen, nie konnte eine Klasse römischer Juristen und in den Anschauungen römischer Jurisprudenz erzogner Beamten sich bilden. England wurde nie ein büreaukratisch verwaltetes und bevormundetes Land, das kontinentale Beamtentum mit seinen stets wachsenden Ämtern und Stellen fand dort keine Heimat, und ungeachtet der infolge der Reformation geschaffnen Ausnahmegerichte, des Inquisitionsgerichts und der Sternkammer, bewahrte sich doch England im ganzen und großen die germanische Unabhängigkeit der Rechtspflege von der Staatsgewalt.« Der edle Toynbee, dessen menschenfreundliches Wirken Schulze-Gävernitz in seinem Buche darstellt, sah die Sache von einer andern Seite an und meinte, die Demokratie habe England gerettet. Also: die Besserung ist Thatsache; aus dem Pauperismus hat sich etwa ein Siebentel der englischen Arbeiterschaft zu einem menschenwürdigen Dasein emporgearbeitet, und diese Arbeiteraristokratie kann der Mittelklasse beigezählt werden. Gleichzeitig ist auch das englische Unternehmertum nützlicher, produktiver geworden, indem es sich nicht mehr so ausschließlich auf Baumwollenlumpen, sondern mehr auf Maschinen, Eisenbahnbauten, Elektrizitätswerke, Ausbeutung von Bergwerken u. dergl. verlegt.

Leider trägt die Besserung keine Bürgschaft der Dauer in sich. Das Einkommen der Fabrikarbeiter hängt von der Zahlungsfähigkeit der Industrie ab. Die englische Industrie ist Exportindustrie, und die Exportindustrie liegt hoffnungslos darnieder; ihre Zeit ist vorbei, ein für allemal. Verloren ist jedes Volk, das nicht von seinem eignen Grund und Boden zu leben vermag. Vorbei ist die Zeit der Raubwirtschaft, da sich niemand mehr findet, der sich berauben ließe. Nordamerikas große Republik ist aus der Abnehmerin die furchtbarste Konkurrentin Englands geworden. Das gilt ganz besonders für die volkswirtschaftlich wichtigste und nützlichste aller englischen Industrien, die Eisenindustrie, wie man allwöchentlich aus dem Handelsteil der großen Zeitungen ersehen kann. Englische Fabrikanten sind nach Indien übergesiedelt, in das Land der billigsten »Hände,« und schon ist in Manchester indisches Garn billiger verkauft worden als das von Lancashire. Der Bericht, der auf dem Jahreskongreß der vereinigten Handelskammern am 20. September erstattet wurde, lautete trostlos, und der amtliche Handelsausweis für Oktober lautet noch trostloser. In den ersten zehn Monaten des abgelaufenen Jahres ist die Einfuhr um 30, die Ausfuhr um 390 Millionen Mark hinter dem vorigen Jahre zurückgeblieben. Der Umsatz im Londoner Clearing House ist 1892 um 7½ Milliarden Mark (366 000 000 Pfund Sterling) hinter dem von 1891 zurückgeblieben und geringer gewesen als vor zwanzig Jahren. Die Weber von Lancashire, die wir oben als die Blüte der englischen Arbeiteraristokratie bezeichnet haben, wehren sich mit einem Ausstande gegen die drohende Lohnherabsetzung, und ab und zu meldet eine Zeitung, daß die Not im Ausstandsgebiet schrecklich sei. Übrigens behaupten englische Berichterstatter deutscher Zeitungen, Schulze-Gävernitz befinde sich im Irrtum, wenn er Einkommen von 3-4000 Mark, die er bei einigen Vorarbeitern in Oldham gefunden hat, für typisch ansieht. Eben da wir dieses schreiben, kommt uns ein Auszug aus einem Artikel der Times zu Gesicht, worin die Gründung einer Arbeiterbörse angekündigt wird. Diese soll zwischen dem Unternehmer und dem einzelnen Arbeiter vermitteln und die »Freiheit des Kontraktes« wieder herstellen. Wohl gemerkt! Nur der Arbeiter soll vereinzelt werden; die Unternehmer bleiben in Verbänden vereinigt, die da festsetzen, wie viel höchstens an Arbeitslohn gezahlt werden darf. So gedenken sie sich »von dem unerträglichen Druck zu befreien, den die Gewerkvereine auf die Unternehmer ausüben.« Die Börse wird ihren Hauptsitz in London und Büreaus in den Provinzen haben; ihre Aufgabe wird sein, »den Bedarf und das Angebot von Arbeitskräften festzustellen, Arbeiter suchende Fabrikanten mit dem nötigen Material zu versehen und Arbeitsuchenden, ohne Rücksicht darauf, ob sie Mitglieder der Gewerkvereine sind oder nicht, Beschäftigung nachzuweisen.« Die Rücksicht wird nicht lange zu nehmen sein, denn selbstverständlich werden, wenn der Plan gelingt, Nichtmitglieder vorgezogen werden und die Gewerkvereine an Auszehrung sterben; ohne gesetzliches Koalitionsverbot wird ihnen der Garaus gemacht werden. Gelingt der Plan nicht, so vermag die englische Industrie ihre Konkurrenten nicht zu unterbieten und verliert den Weltmarkt in beschleunigtem Tempo. Es handelt sich also jetzt in England um die Entscheidung, ob die Arbeiter in die alte Knechtschaft zurücksinken oder als freie Männer im Elend verkommen sollen. Das wäre der Anfang vom Ende.

Zum Schluß müssen wir uns doch auch den englischen Mittelstand noch ein wenig näher besehen. Wir haben schon in der Kritik von Wolfs Einkommen- und Konsumstatistik bemerkt, daß er uns nicht zu imponiren vermöge; bei einer Prüfung der Bestandteile dieses Mittelstandes schrumpft seine Bedeutung noch mehr zusammen. Den Hauptbestandteil jedes gediegnen Mittelstandes bildet die Bauernschaft. Der Bauer ist der freieste und unabhängigste Mann im Lande, seine Lebensweise und Beschäftigung sind die natürlichsten, gesündesten und beglückendsten, für Leib und Seele, Gemüt und Sittlichkeit zuträglichsten, und seine Existenz ist die einzige unbedingt sichere; nur ein Erdbeben kann sie vernichten. Wie steht es nun in England – nicht um die Bauern, sondern zunächst um die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe? Die über 300 Acres abgerechnet, hatte Großbritannien (England, Wales und Schottland) im Jahre 1886 ungefähr 540 000 Betriebe, auch noch die unter 5 Acres abgerechnet, 390 752. Seitdem hat ihre Zahl noch weiter abgenommen. Das deutsche Reich hatte nach der Erhebung von 1882/83 2 189 522 kleine und bäuerliche Betriebe, und bäuerliche im engern Sinne des Wortes, d. h. solche zwischen 5 und 100 Hektaren, 1 208 115. Nun reicht zwar jene englische Klasse zwischen 5 und 300 Acres tiefer hinunter und weiter hinauf, als die deutsche Klasse zwischen 5 und 100 Hektaren, demnach ist die Zahl der dieser entsprechenden Bauern in England noch kleiner als 390 000; aber da die amtlichen Angaben, die wir dem Handwörterbuch der Staatswissenschaften von Konrad und Lexis entnehmen, die Zahlen, die wir eigentlich brauchen, nicht enthalten, so lassen wir es bei den oben angegebnen bewenden. Die Einwohnerzahl Großbritanniens beträgt rund zwei Drittel (genauer elf Sechzehntel) von der des deutschen Reichs, sodaß wir, um das Verhältnis herauszubekommen, die für Deutschland angegebnen Zahlen auf 1 400 000 und 900 000 herabsetzen müssen. Wir sehen dann, daß Deutschland sowohl an landwirtschaftlichen Betrieben überhaupt wie an solchen vom Umfang einer eigentlichen Bauernwirtschaft absolut viermal, im Verhältnis ungefähr dreimal so viel hat als Großbritannien. Noch ungünstiger würde die Rechnung für England ausfallen, wenn wir die Zahl der deutschen Rittergüter anzugeben vermöchten, deren Besitzer, wenn sie nicht Güterkomplexe, sondern nur ein einziges Gut haben, zum Mittelstande gerechnet werden müssen. In Großbritannien giebt es nur 19 346 Betriebe über 300 Acres. Frankreich, das nur zwei Millionen Einwohner mehr zählt als Großbritannien, besitzt sogar 5 672 000 landwirtschaftliche Betriebe, darunter 1 558 000 über 5 Hektar. In Österreich liegen die Verhältnisse ähnlich wie im deutschen Reich, in Italien sind zwar die Ackerwirte auch meistens Pächter, aber wenigstens ist ihre Zahl sehr groß. In keinem Lande Europas ist also die Bauernschaft so schwach wie in England, und diese schwache Bauernschaft ist – gar keine Bauernschaft, sondern nur eine Pächterschaft. Freibauern sind zwar noch vorhanden, wie viel wird leider nirgends angegeben, sondern nur immer darüber geklagt, daß sie im Aussterben begriffen seien. Eine in den höhern Kreisen Englands bekannte Dame, Fräulein Luise Rebentisch, hat uns den Gefallen erwiesen, bei einigen ihr bekannten Männern, einem Parlamentsmitgliede, einem im Sozialfach wohl bewanderten Geistlichen, einem auch mit den ländlichen Verhältnissen bekannten Bürgermeister (Mayor) und einem Landsquire anzufragen, ob es noch Bauerndörfer in England gebe. Der eine weiß nur, daß es in Northumberland noch Bauern giebt, die aber mehr und mehr verarmen. Der zweite kennt zwei Bauerndörfer, eins in Yorkshire und eins auf der Isle of Thanes. Der dritte meint, so etwas, wie unsre deutschen Bauerndörfer gebe es in England überhaupt nicht. Der vierte endlich erklärt nur den Unterschied zwischen Freeholders und Copyholders, ohne sich darüber zu äußern, wie viel es noch Freeholders geben mag. Aber die eigentlichen Träger der englischen Landwirtschaft sind die Pächter, und diese leiden unter einer furchtbaren Krisis; sie, vermögen den Pachtzins nicht mehr zu erschwingen, ihre Zahl vermindert sich.

An Existenzsicherheit, Gediegenheit und Schönheit des Daseins am nächsten steht dem Bauer der Handwerker, der sein eignes Haus hat, und der für eine feste Kundschaft am Orte arbeitet. Der ist nun in England so gut wie ausgestorben. Wo noch handwerksmäßig gearbeitet wird, da arbeiten elende Lehrlinge, Gesellen, heruntergekommene Meister, Mädchen und Frauen unter der Fuchtel eines Schwitzmeisters. Für den Mittelstand bleiben also, außer den mit dem wirtschaftlichen Tode ringenden Pächtern und den Beamten, die wirtschaftlich nicht in Betracht kommen: eben jene Schwitzmeister, die kleinern Fabrikanten, die kleinern Kaufleute, meist nur noch in Gestalt von Beamten großer Konsumvereine, die zahlreichen Angestellten der Großhändler, Rheder, Großindustriellen, Banken und Aktiengesellschaften, d. h. also größtenteils Personen, deren Existenz mit dem Auslandshandel steht und fällt, die Litteraten und endlich die Arbeiteraristokratie, England hat also zwar Personen, die ihrem Einkommen nach zum Mittelstande gerechnet werden müssen, aber es hat keinen wirklichen auf natürlichen Grundlagen ruhenden, festgewurzelten, in gesunden Verhältnissen lebenden Mittelstand. Was ist das Ergebnis seiner wirtschaftlichen Entwicklung, oder vielmehr jener langen Reihe von Verbrechen, zu denen leidenschaftliche Habsucht getrieben, und die bei ihm die natürliche Entwicklung ersetzt haben.

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