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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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III.

Wir hatten ein paar Dutzend Schritte schweigend nebeneinander zurückgelegt, als sie meinen Arm losließ: dies sei das Haus, in welchem sie den Hut abzugeben habe, ob ich ein paar Minuten warten wolle? Sie verschwand in dem Hause, kam nach kurzer Zeit zurück und nahm wieder meinen Arm. Ich machte die Bemerkung, die scherzhaft sein sollte (trotzdem mir nichts weniger als scherzhaft zu Mute war,) daß eine so elegante Dame mit mir keinen Staat machen könne. Sie erwiderte darauf nichts, sondern sagte nach einer kurzen Weile:

Eben erst habe ich mit ihm über Sie gesprochen.

Wir hatten uns, seitdem wir uns in Berlin wieder begegnet, Du genannt wie in unsern Jugendjahren. Daß sie das Du plötzlich in ein Sie verwandelte, war mir nur ein Zeichen, wie schwer ihr Gemüt belastet war. Mit wem sie über mich gesprochen, brauchte ich nicht zu fragen; offenbar nahm sie an, daß ich sie vorhin mit ihm gesehen hatte.

Und weiß er, was ich treibe? wo ich wohne? fragte ich.

Ja, sagte sie; ich habe es ihm gesagt – heute – eben erst.

Aber es ist mein dringender Wunsch, hier in Berlin von meinen früheren Freunden und Bekannten unbehelligt leben zu können; sagte ich mit leisem Vorwurf.

Ich – ich hatte das vergessen. Ich habe Sie ja seit ein paar Wochen nicht gesehen – auch ihn nicht – er ist verreist gewesen und muß morgen wieder fort. Er will sich an einer Universität – ich weiß nicht, wie es heißt –

Habilitieren?

Ja, so was. Er ist eigens meinethalben nur für heute hier; ich hatte ihn so dringend gebeten.

Sie sagte das alles in einer hastigen Weise, die es mir bei dem Lärmen in der Straße schwer machte, sie zu verstehen. Dabei zitterte die Hand, die sie auf meinen Arm gelegt hatte. Das arme Mädchen, dem ich immer gut gewesen war, that mir von Herzen leid. Wir befanden uns in der Nähe ihrer elterlichen Wohnung; ich fragte, ob ich sie nicht dahin geleiten solle? Sie erwiderte: das hat noch Zeit; es ist ein so großes Glück, daß ich Sie getroffen habe.

Sie wollte in Weinen ausbrechen, beherrschte sich aber doch und sagte: Nicht wahr, Sie sind so grausam nicht gegen mich, wie sonst alle? Sie sind ja auch ein ganz anderer Mensch.

Jedenfalls einer, der es von Herzen gut mit Dir meint; erwiderte ich; aber weshalb nennst Du es ein Glück, daß Du mich getroffen? Kann ich etwas für Dich thun? und was ist es?

Wir waren in eine stillere Querstraße gebogen, auch hatte der Regen fast aufgehört; man konnte ohne größere Anstrengung sprechen und hören. Da sie auf meine letzte Frage nicht antwortete, wiederholte ich dieselbe. Sie müsse einsehen, daß wenn sie, wie es doch scheine, Hilfe von mir erwarte, die erste Bedingung sei, daß sie mir einen klaren Einblick in die Verhältnisse gewähre. Also noch einmal, schloß ich, was kann ich thun?

Reden Sie mit ihm! sagte sie schnell.

Ich hatte es erwartet, weil ich wußte, daß ich mich gerade dazu am allerschwersten würde entschließen können. Und weil ich fühlte, daß ich würde ja sagen müssen, und es doch nicht sagen mochte, sagte ich statt dessen: Warum nennst Du mich heute Sie? Da muß auch ich wohl Sie sagen?

Das ist etwas anderes; murmelte sie: ich und – wollen Sie? willst Du mit ihm reden?

Was versprichst Du Dir davon? fragte ich zurück.

Er hält so große Stücke auf Sie; erwiderte sie hastig; er hat von Anfang an und immer wieder von Ihnen gesprochen, und daß Sie – ach, verzeih' mir, ich kann wirklich nicht mehr Du sagen – der einzige Freund seien, den er in seinem Leben gehabt habe. Und als ich ihm jetzt – ich schwöre es, es war das erste Mal – aber ich mußte es ja, wenn ich wollte, daß Sie mit ihm über mich sprächen, – als ich ihm sagte, daß Sie schon seit ein paar Monaten hier in Berlin seien, war er ganz außer sich und schalt mich fürchterlich, weil ich es ihm nicht schon früher gesagt. Und dann hat er gefragt, wo Sie wohnten und was Sie trieben; und ich habe es ihm gesagt – wie konnte ich anders? Und da hat er so gelacht! – er konnte sich gar nicht wieder beruhigen. Und dann hat er gesagt –

Nun?

Ich glaube, ich sollte es Ihnen nicht wieder sagen, fuhr sie zögernd fort. Aber jetzt ist ja alles eins, und wenn es wirklich der Fall ist, wird er um so eher auf Sie hören.

Wenn was wirklich der Fall ist?

Daß Sie ein vornehmer Herr und nur zum Spaß Tischler sind – wie auf einem Maskenball.

Ein sonderbarer Maskenball! rief ich lachend, meine unbehandschuhte, arbeitsschwielige, in diesem Augenblicke noch dazu mit Oelfarbe betupfte Hand vorstreckend.

Aber mir war keineswegs lächerlich zu Mute. Wie um alles in der Welt kam Schlagododro zu einer Kunde, welche geheim zu halten doch gewiß im Interesse aller Beteiligten lag?

Das beweist nichts, sagte sie eifrig; Sie werden nie Handwerkerhände bekommen, und wenn Sie hundert Jahre arbeiten. Ich habe immer gedacht, daß Sie etwas anderes sein müßten, als wir. Und ganz dasselbe sagt Ul- sagt Herr von Vogtriz; und da stand es bei mir fest, daß Sie und nur Sie allein mir helfen können.

Und was wolltest Du gerade jetzt von ihm? fragte ich ausweichend.

Sie dringen alle so in mich, sagte sie, die Augen niederschlagend. Es ist Ihr Wirt, Herr Kunze. Er hat mich ein paarmal gesehen, wenn ich Ihre Verwandten – aber es sind ja gar nicht Ihre Verwandten – besuchte; ich habe auch wohl ein paar Worte mit ihm gesprochen – im Vorübergehen. Und vorgestern ist er gekommen und hat um mich angehalten. Ich war glücklicherweise auf Arbeit; aber sie haben natürlich gleich ja gesagt. Er will Vater so viel Kapital geben, daß er die große Posthalterei hier, die zu Neujahr frei wird, übernehmen kann. Dann soll auch gleich die Hochzeit sein.

Und Du? fragte ich zögernd.

Ich gehe lieber ins Wasser; rief sie, in Schluchzen ausbrechend.

Und was sagt –

Ich brach jäh ab; ich konnte mir ja denken, was »er« gesagt hatte!

Sie weinte jetzt still leidenschaftlich vor sich hin, um dann in Tönen, die mir durchs Herz schnitten, zu rufen: Wie kann er mir das zumuten, wenn er mich liebt! Er hat es mir ja eben noch gesagt!

Ich glaube gern, daß er Dich liebt; erwiderte ich. Aber, gutes Kind, ich würde Dir einen üblen Dienst erweisen, wenn ich Dich in Hoffnungen bestärken wollte, die nie in Erfüllung gehen. Herr von Vogtriz wird Dich nicht heiraten, auch nicht auf mein Bitten und Drängen. Du mußt mit ihm brechen, selbst wenn Du den Antrag des Herrn Kunze zurückwiesest.

Und Sie, Sie raten mir, wie die andern, daß ich ihn heirate? rief sie. Ach, thun Sie es doch nicht, wenn auch Herr Kunze sagt, ich solle Sie nur fragen: Sie würden mir gewiß zureden!

Mir ging plötzlich ein häßliches Licht auf über das Wohlwollen, welches mir der Holzhändler neuerdings zugewandt. Aber das gehörte vorläufig nicht hierher. So sagte ich denn:

Ich rate Dir nur, Dir völlig klar zu machen, daß Du nun und nimmer – es mag geschehen, was da will – Frau von Vogtriz wirst. Vielleicht kommst Du dann doch zu einem anderen Entschluß.

Nie! rief sie. Dann werde ich Schauspielerin.

Um Himmelswillen!

Ganz sicher. Ich habe mir alles überlegt.

Sie hatte sich wieder in meinen Arm gehängt, den sie vorhin entrüstet hatte fahren lassen, und nun kam der Plan, welchen sie sich überlegt haben wollte. Sie habe immer geglaubt, daß sie Talent für die Bühne habe – ich habe ihr das früher auch gesagt, wenn wir zusammen gespielt und Märchen und Charaden aufgeführt und dargestellt hätten. Sie sei jetzt oft im Theater gewesen mit Herrn von Vogtriz; er habe ebenfalls gemeint: was die da auf der Bühne könnten, das könne sie zehnmal. Und ich müsse ihr dabei helfen: ich habe gewiß noch gute Freunde und Freundinnen unter den Schauspielern. Und dann wolle sie eine große Künstlerin werden, wie die Wolter, die sie neulich erst gesehen. Und einen Grafen oder Prinzen heiraten, wie so viele Künstlerinnen schon gethan hätten – nicht Herrn von Vogtriz – nein, einen andern. Er würde außer sich sein; denn wenn er auch heute noch so schlecht gegen sie gewesen sei, sie wisse doch, daß er sie liebe.

Das arme Kind! Der tolle Plan war also nur der Umweg zu dem einzig ersehnten Ziel, und das sie doch für ein erreichbares hielt – trotz alledem. Ich durfte sie nicht ermutigen, aber ebensowenig die Tiefgekränkte, Verzweifelnde der letzten Hoffnung berauben. So sagte ich ihr denn, im Falle sie wirklich auf ihrem Vorhaben bestände, meinen Beistand zu, dessen Möglichkeit davon abhinge, daß ich meinen früheren Kollegen, einen Herrn Lamarque, der jetzt, soviel ich wisse, am X-Theater spiele, für sie interessiere. Sie war bei der Nennung des Namens wie elektrisiert. Wenn Herr Lamarque mein Freund sei, gebe es keine Schwierigkeit mehr. Sie habe ihn oft gesehen; sie sei entzückt von ihm, wie alle Welt. Jedermann halte ihn für einen der besten Schauspieler der Gegenwart und für den das X-Theater viel zu klein sei. Ob ich denn gar keine Zeitungen lese?

Ich entschuldigte mich: ich läse jetzt grundsätzlich keine Theaterberichte. Gleichviel: sie dürfe auf mich zählen unter der Bedingung, daß sie die Zwischenzeit benutze, um über alles, wovon wir heute abend gesprochen, reiflicher, leidenschaftsloser, als sie bis jetzt imstande gewesen, nachzudenken, und mir in einer ruhigeren Stunde, zu der ich mich für sie frei zu machen versuchen würde, den Beweis davon liefere.

Wir hatten uns zuletzt immer in unmittelbarer Nähe ihrer elterlichen Wohnung bewegt, an deren Thür ich jetzt von ihr Abschied nahm. Sie verschwand, nachdem sie mich noch schnell in die Arme geschlossen und, ganz wie in der guten alten Zeit, geküßt, im Dunkel der nach oben führenden steilen Treppe. Ich trat wieder auf die Gasse, meinen Weg nach der sozialdemokratischen Versammlung fortzusetzen, aus dem mich die wunderliche Begegnung nicht eigentlich gebracht hatte.

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