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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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II.

Der brave Karl Brinkmann hatte sich sein System, wie andere Philosophen auch, aus den persönlichen Erfahrungen gezogen. Ich konnte das am besten beurteilen, der ich ihn von Kindesbeinen an kannte und wußte, welcher Art seine Erfahrungen gewesen waren bis auf den heutigen Tag. Den Hopps hatte ich die Gutthaten nicht vergessen, die sie einst an dem armen Tischlerjungen gethan; und das Herz schnürte sich mir zusammen, mußte ich denken, in welchen breiten behaglichen Verhältnissen diese Menschen einst gelebt hatten, und nun sah, was aus all der Herrlichkeit geworden war: noch das bare Elend nicht, aber etwas, das unheimlich nahe daran grenzte und dazu werden mußte, wenn H. H. seiner unseligen Leidenschaft nicht Herr wurde. Und das wagte ich nicht zu hoffen von einem, der sich niemals hatte beherrschen können, dem das Unglück den geringen moralischen Halt vollends gebrochen, und der, wie er früher getrunken, um die Lust zu erhöhen, jetzt trank, die Unlust und das heimlich nagende Gefühl seiner Ohnmacht zu ersäufen.

Und darüber war aus dem gutmütigen Polterer von früher ein bösartiger Zänker geworden, der mit jedem Händel anfing und sein Familienleben zu einer Reihe häßlicher Scenen machte, von welchen mir keine häßlicher erschien, als wenn er in einer Anwandlung von trunkener Reue seine gute Frau schluchzend um Verzeihung bat, sich den schlechtesten Kerl von der Welt nannte und hoch und heilig Besserung gelobte, um selbstverständlich dem schlimmen Tag einen womöglich noch schlimmeren folgen zu lassen. Die arme gute Frau Hopp! Sie liebte den Trunkenbold noch immer; nahm alle Schuld auf sich, die nicht besser zu wirtschaften verstanden, durch ihre schlechte Wirtschaft ihren braven Mann um sein Vermögen und dadurch zur Verzweiflung gebracht habe! Und wenn Christine über ihren alten guten Vater die Nase rümpfe, weil er manchmal in seinem Kummer ein Glas zu viel trinke, solle sie sich doch erst einmal fragen, ob sie ihm keinen Kummer bereite! Und wenn Karl Brinkmann in der Stadt herumgehe und seinen alten Herrn schlecht mache, selbst vor alten Freunden, wie ich doch einer sei, – keinen Fuß sollte der Duckmäuser wieder über ihre Schwelle setzen! Sein Lamentieren und seine Begräbnismienen habe sie schon lange satt. Und wenn er denke, er könne in ihrem Hause den Meister spielen, weil er seine paar Groschen in dem Geschäft angelegt habe, morgen solle er kommen und sie sich wieder holen, und sollten ihre letzten sieben Sachen dafür aufs Leihhaus wandern müssen!

Der arme Karl Brinkmann! Das war der Lohn für die Treue, mit der er aus freien Stücken der Familie seines Herrn in die Verbannung gefolgt war, dem hereingebrochenen Ruin mit Aufbieten aller seiner Kräfte, mit Hingabe seiner ganzen mühseligen Ersparnisse sich entgegenstemmte und in der Familie einzig und allein noch zwischen einem zur Not erträglichen Dasein und der völlig unerträglichen verschlingenden Not stand! Ich sympathisierte aus vollem Herzen mit dem guten, braven Menschen; fühlte mich ihm in engster Waffenbrüderschaft verbunden. Hatte er es doch, wie ich, unternommen, da wir den Eimer nicht ausschöpfen konnten, so doch einen Tropfen am Rande zu trocknen! Nur daß sein Unternehmen so viel schwieriger war, als meines, da ich es mit schwachen Menschen zu thun hatte, die mir folgten, wenn auch nur, wie mein Bruder Otto, aus Apathie; und er bei jedem Tritt und Schritt auf thörichten und gehässigen Widerstand stieß. Jeder andere hätte das undankbare Geschäft längst aufgegeben; in dieser treuen Seele wuchs die Kraft des Opfermutes mit der Größe der Opfer, die er in seinem Verzweiflungskampf bringen mußte.

Und deren größtes vielleicht war, daß der alte Knabe – er ging stark auf die sechzig – es fertig gebracht hatte, sich aus dem Fuhrknecht der kleinen Provinzialstadt in einen Berliner Droschkenkutscher zu verwandeln, um, mit Hilfe eines anderen ordentlichen Mannes, den er glücklich aufgefunden, seinem »Herrn« die beiden letzten Droschken zu erhalten, von denen jenem, wollte Karl Brinkmann der Wahrheit die Ehre geben (was er in diesem Falle hartnäckig verweigerte) auch nicht ein Nagel mehr gehörte, so wenig wie ein Hufeisen von den zwei Pferden im Dienst auf der Straße und den zwei anderen zur Reserve im Stall.

Wie oft war ich schon auf meinen Gängen durch die Stadt dem guten Kerl begegnet, während er in gleichmäßigem Trabe an mir vorüberkutschierte – Kutscher, Wagen und Pferd ein Bild der Tüchtigkeit und Sauberkeit – und er hatte mir dann, wenn er meiner gewahr wurde, zugenickt – auf dem jetzt von einem ergrauenden Bart beschatteten Gesicht ein Lächeln, das mir immer wie ein Gruß war aus der seligen Jugendzeit. Oder ein glücklicher Zufall hatte es auch gemacht, daß ich ihn auf dem »Stande« traf und mir von ihm die neuesten Nachrichten aus dem H. H.schen Quartier erzählen lassen durfte, in welches ich, nachdem es kürzlich von Moabit in das weit entfernte Innere der Stadt verlegt worden war, jetzt nur noch sehr selten kam.

So hatte ich ihn auch heute abend getroffen. Ich hatte bis nach Feierabend in dem Kunzeschen Neubau, für welchen wir die Tischlerarbeit übernommen, zu thun gehabt und war auf dem Wege zu einer sozialdemokratischen Versammlung, die in eben diesem inneren Stadtteile, aber erst zu einer späteren Stunde, stattfinden sollte. Brinkmanns Wagen war der letzte in einer langen Reihe; er hatte eben eine »Zeitfuhre« von zwei Stunden gehabt, und ich traf ihn, als er dem müden Gaul die Decke überbreitete (es war noch eine von den alten Decken mit dem »H. H.« in der Ecke – genau so eine, wie die, welche über des Vaters Lager gebreitet gewesen in seinem Kämmerlein hinter der Werkstatt). Wir standen, Brinkmann am Kopf seines Pferdes, noch auf dem Pflaster, ich am Rande des Trottoirs, im Scheine einer nahen Laterne; ich hatte dem alten Freunde gesagt, wohin ich wollte, und daß ich zum erstenmal eine derartige Versammlung besuche – auf Zureden meines Mitgesellen, der für die neue Lehre schwärmte. – So waren wir in ein sozialpolitisches Gespräch geraten, und Karl Brinkmann hatte, als seiner Weisheit letzten Schluß, jenes ingenuose System von dem Ursprung alles Elends auf Erden entwickelt. Ich konnte dem braven Menschen nicht ganz unrecht geben, freilich auch bei weitem nicht ganz recht; mochte ihn aber durch Widerspruch nicht kränken, um so weniger, als er heute abend noch ganz besonders schwermütig unter seinem harten glänzenden Hut aus den guten blauen Augen schaute. Ich fragte ihn, ob im Hoppschen Lager etwas besonders Unangenehmes vorgefallen sei?

Besonderes? daß ich nicht wüßte; erwiderte der Alte, seinem Pferd die Kinnkette loshakend und das Gebiß aus dem Maule nehmend; es geht soweit alles seinen Gang; bloß Karling und Liesing werden wohl die Masern kriegen; aber sie sollen ja dies Jahr besonders gutartig sein; und, wenn eines zu Hause krank ist, nimmt sich der Herr immer noch ein bißchen zusammen, denn seine Kinder hat er doch lieb – das ist wahr, und deshalb –

Karl Brinkmann hing dem Gaul die »Futterkiepe« um.

Und deshalb? fragte ich.

Es ist wegen der Christine, erwiderte er, sich den Hut ab- und aus demselben ein rotes Taschentuch nehmend, mit welchem er sich nachdenklich die Stirn wischte.

Was ist mit ihr? rief ich.

Wer das wüßte; antwortete er, den Hut, bevor er ihn wieder aufsetzte, von allen Seiten betrachtend; aber es ist nicht, wie es sein sollte. Ich glaube, es ist die alte Geschichte.

Das glaube ich nicht; sagte ich eifrig. Ich kenne ihn besser, als Ihr. Mag er sich noch so sehr verändert haben in den fünf oder sechs Jahren – einer Schlechtigkeit wird er niemals fähig sein.

Schlechtigkeit? sagte der Alte, dem Pferde leise, langsame Schläge auf den Hals gebend; nein, schlecht ist es just nicht, wenn zwei junge Leute, noch dazu ein paar so schöne und stattliche, wie die beiden, sich lieb haben. Aber wenn sie ein armes Mädchen ist, welches sich durch die Welt drücken muß, und er ein vornehmer Herr, dem die ganze Welt sperrangelweit offen steht, wie ein Scheunthor, dann sage ich, ist es dumm von ihr, wenn sie denkt, daß er sie jemals heiraten wird. Und posito den Fall, er heiratete sie, so wäre das wieder dumm von ihm, denn Art läßt nicht von Art; und es gäbe ein Unglück so oder so, wofür dann der liebe Gott verantwortlich gemacht wird, als ob er den Menschen den Verstand gegeben hätte, um damit so recht handfeste Dummheiten auszuhecken.

Ich denke, er hat sich seitdem nicht wieder bei Hopps sehen lassen? erwiderte ich.

Es ist schwer, sich in Berlin zurechtzufinden, sagte Karl Brinkmann; aber zwei, die sich finden wollen, die finden sich schon.

Und ich sage: das sieht ihm nicht ähnlich, rief ich.

Sie sieht sich auch kaum noch ähnlich, brummte der Alte; so blaß und abgegrämt – arme Dirn!

Er hatte dem Pferde das Futtergeschirr abgenommen, um in demselben aus dem nahen Brunnen Wasser zu holen. Ich stand regungslos in tiefer Betrübnis über so schlechte Kunde. Der Alte pflegte sich nicht zu täuschen; seine stillen blauen Augen sahen so scharf.

Na, sagte er; adjies für heute. Und was ich noch sagen wollte: ich habe einen Brief von meinem Fritz aus London; er kann aber keinen Urlaub kriegen, weil sein Schiff gleich wieder Ladung nach Valparaiso nimmt. So werde ich wohl noch ein Jahr warten müssen. Aber Ihren Bruder August werden Sie wohl schon früher zu sehen bekommen. Fritz hat ihn in London getroffen, und August hat ihm gesagt, daß er nach Deutschland zurück wollte. O weh! rief ich unwillkürlich.

Haben recht, sagte der Alte; hat sein Lebtag nichts als Dummheiten gemacht, und von der Sorte Menschen haben wir schon gerade genug im Lande. Sie nehmens mir nicht übel, Herr Lorenz. Denn, sehen Sie, Sie gehören ja doch nicht dazu, trotzdem Sie mal wieder angezogen sind, daß ich Sie nicht aus den anderen rausfinden würde, wenn ich Sie nicht von Kindesbeinen kennte und wüßte, daß Sie ein feiner junger Herr sind und so viel gelernt haben und eigentlich Doktor oder Assessor, oder so was sein müßten und da in die Versammlung gehen wollen, wo sie nichts als Dummheiten reden und machen – aber nicht wahr, Sie nehmen es mir nicht für ungut?

Ihnen nichts! rief ich, die dargebotene grobe Hand herzlich drückend.

Na, dann adjies! sagte der Alte, das Geschirr aus der Linken in die Rechte nehmend und hinter den anderen Droschken nach dem Brunnen gehend, während ich meinen Weg auf dem Trottoir fortsetzte.

In schweren Gedanken. Wenn Schlagododro doch den schönen Adel seiner Seele eingebüßt hätte, so unritterlich geworden wäre, ein armes Mädchen seiner Leidenschaft opfern zu können! Denn wie er empfand und dachte, war eine Heirat völlig ausgeschlossen. Ein echter Vogtriz, wie er, und eines Droschkenfuhrherrn Tochter! er, der bei all seiner Leidenschaft für die adlige Maria doch daran festgehalten hatte, daß eine Verbindung zwischen ihm und einer Demokratin und Atheistin, wie sie, undenkbar sei! Aber freilich: die Liebschaft mit einem hübschen Bürgermädchen, auch wenn es darüber zu Grunde ging, das war mit dem Adel ganz gut vereinbar; das machten Tausende seinesgleichen ebenso, das gehörte ja eigentlich dazu! Wäre er doch nie über meine Schwelle gekommen da oben in dem alten Hause der Hafengasse! Aber, wie hätte ich denken können, daß seine Neckereien mit dem hübschen, lustigen Nachbarskinde jemals diese Wendung nehmen würden! Freilich, sie war längst schon kein Kind gewesen, die fünfzehnjährige großäugige Kokette; und er – nun er hatte sicher schon damals seine Erfahrungen gehabt! Dann war seine heroische Liebe zu Maria gekommen, und ich wußte jetzt, weshalb Christine sich so eifrig nach den Geschehnissen in Nonnendorf erkundigt hatte und auf Maria, trotzdem sie dieselbe nur ein paarmal flüchtig gesehen, so schlecht zu sprechen gewesen war. Dann mußte es das Unglück wollen, daß kurz, nachdem Hopps vor zwei Jahren nach Berlin gezogen waren, Schlagododro die Familie, die sich anfangs noch wohl zeigen konnte, in einem Vergnügungslokal getroffen und die alte Freundschaft erneuert hatte. Das war ein Fest für H. H. gewesen! Seinen lieben Herrn von Vogtriz wieder zu haben, mit dem es sich so gemütlich spaßen, so gründlich über Pferde und was damit zusammenhing plaudern, und so endlos trinken ließ! Bis dann eines Abends dem braven H. H., – ich hatte nicht erfahren, bei welcher Gelegenheit, – die trunkenen Augen aufgingen über die eigentliche Veranlassung von des jungen Herrn Besuchen in seinem Hause, und es zu einer Auseinandersetzung kam, welche diesen Besuch zu einem letzten machte.

Und nun sollte Schlagododro, wenn Brinkmann richtig gesehen, das leidige Verhältnis doch fortgesetzt oder wieder aufgenommen haben. Was konnte für das arme Mädchen daraus kommen, als das Elend, das mich, der ich so düsteren Sinnes, eilig dahinschritt, nur allzu oft, vorüberstreifend, aus frechen Augen anstarrte, von geschminkten Lippen entgegengrinste!

Ein heftiger Regenguß, der sich plötzlich entlud, hatte mich mit einer Schar anderer in dem zugigen Nebendurchgang eines Hauses Schutz suchen lassen. Es kamen noch mehrere, die uns zuerst Untergetretene weiter nach hinten drängten. Plötzlich gewahrte ich über die Köpfe der Leute weg im Vordergrunde, wohin noch der Flackerschein der nahen Straßenlaterne fiel, jemand, der den schwarzen Haufen um Haupteslänge überragte, und in welchem ich, als er, nach dem Wetter aufblickend, für einen Moment das Gesicht hob, Schlagododro zu erkennen glaubte. Ohne zu überlegen, daß ich ihn ja nicht ansprechen durfte, wollte ich mein Inkognito, an welchem mir so viel lag, bewahren, drängte ich, der Schelt- und Drohworte der Leute nicht achtend, gewaltsam durch den Knäuel – vergebens: als ich den Ausgang erreichte, war die Stelle, wo der Herr gestanden, leer. Auf dem schmalen Trottoir der Straße schoben sich dicht neben den vorüberrasselnden Droschken und Lastfuhrwerken zahllose Regenschirme durcheinander. War er nach rechts, war er nach links gegangen? Ein hoffnungsloser Fall. Und vielleicht hatte ich mich geirrt: der Kopf mit dem modisch kurzgeschnittenen Haar, das Gesicht mit dem starken blonden Schnurrbart und (wenn ich recht gesehen) der breiten roten Narbe quer über die linke Wange – sie mochten, der Himmel weiß wem, gehören. Und dann: die alte Zeit lag hinter mir, – ein Ruinenfeld, auf welchem ich nichts mehr zu schaffen, nichts mehr zu suchen hatte – vorbei! vorbei!

Da – zwanzig Schritt vor mir – tauchte sie wieder auf, die breitschulterige Gestalt, jetzt aber mit einer Dame am Arm, die auch vorhin schon bei ihm gewesen sein mag, nur daß ich die so viel kleinere nicht hatte bemerken können. Er hält den Regenschirm sorgsam über sie, während er eifrig zu ihr hinabspricht. Jetzt stehen sie an der Kreuzung der Straßen still; er drückt ihr den Regenschirm in die Hand, winkt einer leer vorüberfahrenden Droschke, in die er springt, und welche sich alsbald mit ihm in Bewegung setzt. Die nun Einsame an der Straßenecke blickt dem sich rasch entfernenden Wagen noch ein paar Momente nach und geht, ein kleines Bündel, das sie zusammen mit dem Schirm in der Rechten gehalten, in die Linke nehmend, weiter die Straße hinauf. Mit ein paar raschen Schritten bin ich an ihrer Seite.

Christine!

Ah, Sie sind's!

Wohin willst Du?

Ich habe diesen Hut hier in der Nachbarschaft abzugeben.

Darf ich Dich begleiten?

Sie zögert mit der Antwort. Ein paar junge Männer, die an uns vorüberstreifen, stoßen einander an und fangen an zu lachen. Sie schaudert zusammen und ergreift hastig meinen Arm:

Kommen Sie!

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