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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Siebentes Buch.

I.

Es ist der Leim und das Holz, hatte Bruder Otto gesagt, als er mich am ersten Abend über den Boden, der als Werkstatt diente, in mein Giebelstübchen führte, und hatte damit die schlechte Luft in den Räumen erklären wollen. Nun, sie erklärten mir bald noch mehr, der Leim und das Holz; erklärten mir, weshalb es mit Otto's »Bautischlerei« nicht vorwärts ging und gehen konnte, denn der erstere war ausnahmslos schlecht, und das letztere ein für allemal feucht. Die Thüren, die aus seiner Werkstatt kamen, verzogen sich und wurden rissig; die Fenster wollten oft schon nach wenigen Tagen nicht mehr schließen – Pfuscharbeit, welche von den soliden Bestellern nicht einmal abgenommen und von den unsoliden hinterher nicht bezahlt wurde, in welchen beiden Fällen es dann regelmäßig zu einem Prozesse kam, den Otto ebenso regelmäßig verlor. Und dabei arbeite er doch von Tagesgrauen bis in die sinkende Nacht! und wenn er zugeben müsse, daß seine besser situierten Kollegen freilich mit leichter Mühe bessere Ware liefern könnten, so hätte er doch auch dafür die Preise so niedrig gestellt! Er sei eben einer von denen, auf die es das Unglück abgesehen; dagegen sei, wie gegen den Tod, kein Kraut gewachsen, wenigstens solange die Sozialdemokratie mit der greulichen Wirtschaft, die in der Welt herrsche, nicht ein Ende gemacht habe – mit Schrecken seinetwegen; ein armer Teufel, wie er, könne auf keinen Fall etwas verlieren, höchstens gewinnen, es möge nun drüber oder drunter gehen.

Lieber Otto, sagte ich, bis die Sozialdemokratie Dir hilft, dürftest Du, soviel ich sehen kann, länger warten müssen, als Du, wenn nicht Deiner selbst, so doch Deiner Frau und Deiner Kinder willen irgend warten darfst. Ich meine, es ist deshalb besser, Du versuchst einmal, Dir selbst zu helfen, und wäre es auch nur, um nicht zu verlieren, was Du noch hast – trotz alledem; und was nach meiner Ansicht sogar ein gut Stück ist, auf dem sich mit Fleiß, Ausdauer, Verstand und meinetwegen ein wenig Glück wohl weiter bauen ließe.

Glück! ja, wer das hätte! murmelte Otto mit einem welken Lächeln, das spöttisch sein sollte; und beugte sich seufzend wieder über die undankbare verhaßte Arbeit.

Ich sah, daß von dieser Seite keine Hilfe zu erwarten war, und wandte mich, den Bruder vor der Hand ganz beiseite lassend, – an die Schwägerin. Auch bei ihr hatte ich anfangs mit einer Mutlosigkeit und Schlaffheit zu kämpfen, die beiden Gatten längst gewohnheitsmäßig waren. Sie wolle ja gern alles thun, wovon ich glaube, daß ihnen damit geholfen werden könne, und Gott möge geben, daß es helfe! Not thue es; sie sei mit ihrem Rat zu Ende und mit ihren Kräften auch.

Dazu lächelte sie, und es war sehr welk, dieses Lächeln, aber doch ein schwächster Schimmer von neuem Lebensmut darin, der wiederum meinem Mut zu gute kam und mich zu frischer Thatkraft anspornte.

Ich brauchte diesen Beistand wahrlich, sollte ich nicht bei meinem Rettungswerk verzagen. Konnte ich doch sicher sein, was ich an einem Tage mühsam errungen, durch Ottos Unverstand am nächsten wieder in Frage gestellt, ja vernichtet zu sehen. Schon die Aufgabe, mir einen völligen Einblick in seine Verhältnisse zu verschaffen, schien unlösbar; und wie hätte das anders sein können, da der Wirrwarr in seinem Kopfe womöglich noch größer war, als der in seinen »Büchern«, wenn man die aus Schulheften gerissenen Blätter, auf welchen er seine geschäftlichen Notizen zu machen pflegte, anders so nennen wollte. Da gab es Rechnungen, für die er den Betrag erhalten zu haben behauptete, während die Schuldner, wenn ich mich persönlich an sie wandte, ehrlich genug waren, sich zu ihrer Schuld zu bekennen. Noch häufiger war das Gegenteil der Fall, und ich wurde mit groben und kränkenden Worten abgewiesen. Dennoch lichtete sich, Dank meiner unablässigen Bemühungen, das Dunkel allmählich, freilich nicht, ohne daß die Helligkeit, die ich heraufgeführt, den Zuschuß, welchen ich mit den Ersparnissen meiner Komödiantenjahre in die nun gemeinschaftliche Wirtschaft gebracht, fast ganz aufgezehrt hätte. Groß war die Summe ja, so wie so, nicht gewesen; aber in Ottos Verhältnissen war bares Geld ein so seltenes Etwas, daß man auch mit wenigem verhältnismäßig weit reichte. Glücklicherweise schienen meine Bestrebungen von demjenigen anerkannt zu werden, der in der ganzen Angelegenheit den Ausschlag geben konnte: von dem Holzhändler Kunze, auf dessen Grundstück die elende Baracke stand, welche wir bewohnten, und der auch Ottos Holzlieferant war: ein kleiner, untersetzter Herr, der wenig Worte machte (und dann unweigerlich in unverfälschtem Berliner Dialekt), dafür aber mit seinen hinter den dicken roten Backen fast verschwindenden Augen (von denen das eine noch dazu bedenklich schielte) sehr scharf beobachtete und jedenfalls mich, ohne daß ich es gewahr geworden wäre, sehr scharf beobachtet hatte.

Der nun hielt mich eines Tages, als ich mit höflichem Gruß an ihm vorüberwollte, auf dem Holzhof an und sagte, daß er mit mir zu sprechen habe. Mir schlug das Herz. Ich hatte ihm freilich die seit einem halben Jahr rückständige Miete vor ein paar Tagen bezahlt; aber es war noch ein großer Posten von ihm entnommener Bretter zu begleichen, und meine Kasse war bis auf eine kleine, bereits zur Abtragung einer anderen Schuld bestimmte Summe leer. So war mir denn übel zu Mute, während ich dem Manne in sein Comptoir folgte, das sich in einem mitten auf dem Hof errichteten Holzhäuschen befand; ja, ich machte mich auf das Schlimmste gefaßt, als er jetzt seinen »jungen Mann« mit irgend einem Auftrage wegschickte, und, nachdem er mich gebeten, Platz zu nehmen – auf einem kleinen schwarzen Sofa, welches ganz dem I. I.'s Comptoir, schauerlichen Andenkens, glich – in dem Hintergrunde des Gemaches mit dem Schlüsselbund an einem Schrank zu rasseln begann, um aus demselben, wie ich nicht zweifelte, jene unbeglichene Rechnung hervorzuholen.

Da war es nun eine überaus angenehme Empfindung für mich, als Herr Kunze aus dem fragwürdigen Schranke anstatt der erwarteten Rechnung eine höchst unerwartete Flasche Rotwein nebst zwei Gläsern produzierte, welche erfreulichen Dinge er auf dem kleinen Tisch vor dem Sofa sorgsam aufbaute, um, nachdem er die Gläser gefüllt, mit mir angestoßen und bedächtig das seine bis zur Hälfte geleert hatte, zu sagen, was er schon seit vierzehn Tagen auf dem Herzen habe: aber er sei ein vorsichtiger Mann, und seine Maxime sei: trau, schau, wem?

Mir nun glaube er so weit trauen zu dürfen. Mein Bruder sei, mit Vergunst, ein Schwachkopf und Faselhans, den er schon längst aus dem Hause und vom Hofe gejagt, wenn ihn die Frau und die Kinder nicht gejammert hätten. Und auch so würde er binnen kurzem dazu gezwungen gewesen sein, wäre ich nicht gekommen, und hätte er nicht gesehen, daß ich mir rechtschaffene Mühe gebe, den Karren aus dem Schmutz zu ziehen. Da wolle denn auch er seine Schulter ein bißchen ans Rad legen, und über die unbezahlten Bretter solle ich mir nur keine Sorge machen, im Gegenteil! Er sei bereit, das schlechte Zeug, soviel noch davon vorhanden, zurückzunehmen und uns dafür gutes, brauchbares Holz für denselben billigen Preis zu geben. Auch habe er für uns einen namhaften Auftrag, den er uns zuwenden wolle, wenn ich mich für solide Arbeit und prompte Lieferung verbürge.

Soweit war gewiß alles gut und mehr als das. Nun aber kam ein schlimmer Punkt, welchen der dicke Herr, trotzdem ich wiederholt davon abzulenken suchte, mit unbehaglicher Hartnäckigkeit in sein schielendes Auge faßte. Ich hätte doch wohl gesehen, daß er ein Mann sei, mit dem sich reden lasse, und ich gefiele ihm soweit ganz wohl; aber ich würde ihm noch besser gefallen, wenn ich ihm gefälligst sagen wollte, mit wem er denn eigentlich die Ehre habe? Soviel habe er nun schon heraus – trotzdem ich ja in der Werkstatt fleißig mitarbeite und auch vom Rechnungswesen einiges verstehe – ein gelernter Tischler sei ich nicht, ein gelernter Kaufmann ebensowenig, überdies eigentlich gar nicht Ottos Bruder, wie er gelegentlich von den Hopps erfahren, die ja so große Stücke auf mich hielten. Das gehe ihm sehr durch den Kopf; und wenn er auch die Neugier den Weibern überlasse, so sei doch sein erster Grundsatz immer: trau, schau, wem? gewesen, und sein zweiter: den Leuten reinen Wein einzuschenken.

Herr Kunze hatte bei diesen Worten das Glas erhoben, diesmal aber nicht, um mit mir anzustoßen, sondern um mit dem gesunden Auge durch das purpurne Naß zu blicken; während er das schielende starr auf mich gerichtet hielt, als auf ein zweites Glas, in welchen er eben so »reinen Wein« zu sehen wünsche, wie in jenem. Ich hatte mir unterdessen überlegt, daß es zweifellos das beste sei, dem Manne seinen Willen zu thun, das heißt, ihm aus meinem Leben und von meinen Verhältnissen so viel mitzuteilen, wie nötig war, sollte ich vor seinen Trau-schau-wem-Augen nicht als ein Hans Dampf, wohl gar noch etwas Schlimmeres erscheinen. Ich sei von der Schule gelaufen, um Schauspieler zu werden, was ich denn auch bis zu diesem Augenblicke gewesen, wo ich eingesehen habe, daß es für mich mit der Schauspielerei nichts sei, aber vielleicht noch nicht zu spät zu einem ehrlichen Handwerker. Meine geringe Fertigkeit im Tischlern habe ich Ottos Vater, meinem Adoptivvater, abgesehen; mein bißchen Rechnen während meiner theatralischen Zeit gelernt, in welcher ich manchmal für den fehlenden Sekretär habe einspringen müssen.

Wenn Sie's man durchhalten; sagte Herr Kunze, nachdem ich meine aus einem gut Teil Wahrheit und einer kleinen Portion Dichtung klüglich gemischte Erzählung geläufig genug vorgetragen hatte. Ich meinte, er spiele auf meinen schwachen rechten Arm an, von dem ich allerdings einräumen mußte, daß er mir schon ein paarmal bei besonders schwerer oder andauernder Arbeit hinderlich gewesen sei.

Herr Kunze schüttelte den Kopf. Das ist es nicht, sagte er, obgleich es auch ins Gewicht fällt. Aber sehen Sie, lieber Herr Lorenz, da wollte mir vorgestern einer ein Pferd verkaufen – ein Milchmann – für ein Spottgeld – er hatte es in der Lotterie gewonnen – es wolle partout nicht vor seinem Karren gehen. Ein wunderschönes Pferd, sage ich Ihnen – für einen Gardeleutnant. Ich konnt's nicht brauchen. Sie nehmen es mir nicht für ungut, lieber Herr Lorenz; ich habe es nicht bös gemeint. Im Gegenteil! Ich wünsche aufrichtig, daß Sie's durchhalten. Darauf lassen Sie uns das letzte Glas trinken! Und, wie gesagt: Wurst wider Wurst! Das ist immer mein Grundsatz gewesen!

Ich trank das Glas von ganzem Herzen und ohne eine Spur von Empfindlichkeit gegen den Mann der vielen Grundsätze. Sein Gleichnis mit dem Gardeleutnantspferd war ein wenig grell; aber ich hatte mir die Frage: ob ich es durchhalten werde, in der ersten Zeit jeden Tag mehr als einmal vorgelegt, und wenn ich darauf natürlich immer mit Ja geantwortet – zuversichtlich war dies Ja nicht gewesen und hatte es nicht sein können. Ein Held in einem Romane freilich, der nach seines Dichters hohem Ratschluß über alle Fährlichkeiten und Mißlichkeiten wie im Zaubermantel weggetragen wird und mühelos Götterthaten verrichten kann! Aber meine eigene Phantasie hatte dergleichen genug ausgeheckt, daß mir nun wohl das Recht zustand, über Wundermänner zu spotten, die in meiner Lage auch nicht einen Tag ausgehalten haben würden. Nein, ich war kein Wundermann. Mein Kopf sagte es mir, der, wollte ich ihm an. Abend nach gethaner Arbeit eine auch nur leichtere Lektüre zumuten, bald genug über derselben einnickte und sich zu jeder ernsteren Anstrengung vollends stumpf und dumpf erwies. Alle Glieder sagten es mir, die am Abend zu einem Bleiklumpen zusammengeschmolzen schienen, und die ich am Morgen gleichsam aus allen vier Richtungen meines harten und schmalen Lagers zusammensuchen mußte. Es sagten mir meine Sinne, die vom Morgen bis zum Abend in irgend einer Weise empfindlich beleidigt wurden. Ach, und vor allem sagte es mir das Herz, das jetzt in Zorn erglühte über so viel Unverstand, Thorheit und Schwachheit, jetzt in Mitleid schmolz über so viel Unglück, Weh und Leid.

Nein, ich war kein Romanheld. Ich war ein Mensch, der sich eine furchtbar schwere Last aufgeladen, grausam unter derselben litt und unfehlbar in kürzester Frist zusammengebrochen wäre, hätte er nicht zu denen gehört, die – ohne daß sie sich ein Verdienst daraus machen dürften oder wollten, sondern, weil eben ihre eingeborene Natur nicht anders kann – es von Kindesbeinen an bitter ernst mit dem Leben nehmen, es handle sich um Großes oder Kleines; ja, die in ihre Spiele selbst diesen Ernst hineintragen, selbst im Spiele eine Methode sehen, die Regeln beobachtet wissen wollen. Pedant! sagt das Weltkind, die Lippen kräuselnd und die Achseln zuckend. Mag sein; es hat ja von seinem Standpunkt vollkommen recht; und die Leichtigkeit, mit der es des Lebens rauhe Bahn durchläuft, würde man ihm wohl neiden müssen, nur daß ihm schwerlich die Freuden blühen, ihn die Wonnen nicht durchrieseln, mit denen wir Schwerlebige zum Entgelt für unsre Sorgen und Mühen begnadigt werden.

Und in Erinnerung der wonnigen Freuden, welche mir trotz alledem und alledem diese Zeit brachte – von der ich, dem Himmel Dank! nicht ahnte, daß auch sie nur ein Stück meiner Lehrjahre und ein kurzer Uebergang sein sollte – meine ich, es sei schier die glücklichste meines Lebens gewesen. Der Sommer hatte sich bereits zum Herbste gewandt, zusehends kürzer wurden die Tage; das Wetter war für die Jahreszeit ungewöhnlich rauh; selten daß die Sonne aus den Wolken hervorblickte, die sich bleiern von West nach Ost über den Himmel schoben, endlose Regengüsse herabschüttend, unter welchen die Lachen auf dem weiten Zimmerplatz von Tag zu Tag größer und die Luft in unserm engen, hart am mürrisch sich vorüberwälzenden Fluß gelegenen Hause dumpfer und schwerer wurde. Aber auf dem verregneten Platz, wenn mich mein Weg über denselben führte, begegneten mir nur Menschen, die mich freundlich, ja respektvoll grüßten; und aus dem feuchten Hause war die bange Trostlosigkeit gewichen, welche mich in der ersten Zeit tausendmal schwerer gedrückt hatte, als jetzt die dumpfe Luft. In der Werkstatt roch es gewiß noch nach Leim und Brettern, aber der Leim war von bester Qualität, und die Bretter, welche Herr Kunze selbst ausgesucht hatte, machten seiner Trau-schau-wem-Maxime alle Ehre. Wir hatten, die schleunige Arbeit zu bewältigen, einen Gesellen einstellen müssen, der mich anfangs nicht für voll nehmen wollte, bis ich ihm zu seiner Verwunderung nach wenigen Tagen die paar besonderen Handgriffe, auf die er sich mächtige Stücke einbildete, abgesehen hatte, und der mich jetzt um Rat fragte, wenn er mit seiner Kunst, was bald geschah, zu Ende war. Darüber versank denn wohl Otto mitten in der Arbeit in melancholisches Grübeln und seufzte tiefer als je – der arme Kerl! Aber diese Molluskennatur ihrer angebornen und angewöhnten Schlaffheit zu entreißen, hatte ich aufgeben müssen; ich mußte zufrieden sein, daß er mich wenigstens gewähren ließ; mir erlaubte, bis die Sonne der Sozialdemokratie den Sumpf des allgemeinen Elends ausgetrocknet, ihn und die Seinen auf das Trockene zu retten.

Wußte er mir keinen Dank dafür, nun wahrlich, ich begehrte keinen; und was er mir vorenthielt, wurde mir von der Frau und den Kindern so reichlich gewährt, daß ich mich wohl entschädigt halten durfte. Nicht daß Anna viel Worte gemacht hätte – sie war von Natur schweigsam, und das jahrelange Leid, in welchem sie so dahingelebt, hatte sie beinahe stumm gemacht. Aber, was sie nicht aussprechen wollte oder konnte – das Glück des Sonnenscheines, der endlich einmal in ihr armseliges Dasein fiel – es blickte aus ihren Augen, die nicht mehr immer verschüchtert den Boden suchten; es klang aus ihrer Stimme, welche den mürrisch-weinerlichen Klang von Tage zu Tage mehr verlor; es gab sich kund in tausend Kleinigkeiten, die mich zu gleicher Zeit ergötzten und rührten. Ich hatte ihr nie mit einer Silbe gesagt, wie fürchterlich mir die Unordnung und Unsauberkeit waren, die ich in ihrem Hause vorgefunden; ich hatte nur stillschweigend gegen die schlimmen, mir so tief verhaßten Geister protestiert, indem ich ihnen auch hier, wo sie das Regiment führten, für meine Person nicht die mindeste Konzession machte. Und einer stärkeren Mahnung hätte es für das von Haus aus gutgeartete, nur verwahrloste und verkümmerte Gemüt der jungen Frau nicht bedurft. Nicht mit einem Male war der Wandel eingetreten – ganz allmählich, kaum merklich außer für den, welcher sich, wie ich, über jeden kleinsten Fortschritt zum Besseren freute: eine saubere Schürze gestern, ein sorgfältig gemachtes Haar heute; am folgenden Tage sogar eine Granatbrosche, ein Schildpattkamm (Imitation) – irgend ein kleiner bescheidener Schmuck, der wohl seit dem Hochzeitstage verkramt gewesen war und sich doch nun wieder verschämt an das Licht wagte. Und trat ich morgens zu dem gemeinschaftlichen Kaffee in die Wohnstube, bedeckte eine reine Serviette den runden Tisch vor dem Sofa, dessen Ueberzug längst so gewandt war, daß die defekten Stellen möglichst unter den Kissen verschwanden; die Lachen, welche sich noch immer gern vor den undichten Fenstern ansammelten, waren sorgsam aufgetrocknet; keines der Kinder trat den Schulweg an, ohne vorher eine genaue Musterung durchgemacht zu haben.

Und die Kinder waren mit Freuden in die neue Ordnung getreten, die »Onkel Lothar« so viel Freude zu machen schien. Sie hatten bald herausgefunden, daß er ihnen gern bei ihren kleinen Aufgaben half; des Abends, wenn ihm auch manchmal vor Müdigkeit fast die Augen zufielen, wunderschöne Geschichten erzählen, und des Sonntags mit ihnen spielen konnte – gleichviel ob draußen auf dem Hof, oder im Zimmer bei schlechtem Wetter – prächtige Spiele, von denen sich ihre kleine verkümmerte Phantasie nichts hatte träumen lassen. Das war ein Lachen und Jauchzen, wie die öden Räume es noch nie vernommen! und dabei war der Glücklichste von der lärmenden Gesellschaft vielleicht Onkel Lothar selbst! Er hatte endlich einmal wieder Wesen, an die er sein Herz hängen konnte, ja, er hatte sie so zum erstenmale in seinem Leben: kleine, bedürftige Geschöpfe, die nach ihm um Liebe und Hilfe blickten, ihm vertraulich auf die Kniee kletterten und, wenn er einen Ausgang zu machen hatte, hinter ihm her gelaufen kamen, ihn noch ein Streckchen zu begleiten, und die kleine schmutzige Hand in seine legend, eifrig plaudernd nebenher trippelten. Sie waren nicht schön, die Kinder – Lieschen hatte eine hohe linke Schulter, Karlchen Ansatz zu einer Hasenscharte, Rudolfchen watschelte auf Säbelbeinen, bei Hänschen war es nicht ganz richtig im Kopf – Kinder, alles in allem, eher unter als über dem Durchschnittsniveau. Aber ich liebte sie doch und, ich glaube, besser, als wenn sie die schönsten und geistreichsten Prinzchen und Prinzessinchen gewesen wären. Ich las jetzt, nachdem sich mein Körper an die ungewohnte Arbeit mehr gewöhnt und meinem Geist die alte Freiheit zum Teil zurückgegeben hatte, gar viel in der Bibel; und wenn ich an den Spruch kam: ›die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken‹, dachte ich zuerst an die kleine hochschultrige, hasenschartige, krummbeinige, dümmliche Schar, die da unter mir, immer zu zwei, in ihren engen Bettchen schlief; und an die sorgenvolle, arbeitgequälte Frau, in deren matten Augen ich einen schwachen Strahl vorher nicht gekannter Lebensfreudigkeit entzündet; und an den passiven Bruder, der dem moralischen Hausarzt nicht beistehen, die Schulter nicht – wie doch der gar nicht beteiligte Herr Kunze – an den festgefahrenen Familienwagen stemmen wollte, und vor dessen trauriger Leibes- und Seelenkonstitution meine Kunst zu schanden wurde.

Meine Kunst! Du lieber Himmel, wenn es hoch kam und ich »es durchhielt«, wie Herr Kunze sagte, und das Glück (an das Otto nicht glaubte) mich weiter so begünstigte – ich durfte ja hoffen, daß sie ausreichen mochte, diesen »Tropfen am Eimer« zu trocknen!

Aber der Eimer, der übervolle, nach allen Seiten überquellende menschlichen Leids und Elends, wie ich es da vor mir sah in dieser Riesenstadt – das bescheiden-schöne Dichterbild erdrückend, verschlingend und an Stelle desselben einen unermeßlichen schwarzen Schlund öffnend, aus dem es ohn' Unterlaß seine Schlammmassen wälzte – was bedeutete da das bißchen individuelle Liebe, der Gran gesunden Menschenverstandes und opferfreudigen Mutes eines einzelnen, in seiner Verzweiflung hilflosen Menschen!

Eines einzelnen? Wie denn? Waren nicht Tausende und Abertausende von demselben Mute beseelt? kämpften wacker, mühten sich in atemloser Hast von Morgen bis zum Abend für den häuslichen Herd? Und wenn der nur ein wenig feststand, und das Feuer nur eben vor dem Erlöschen geschützt schien, mühten sie sich nicht weiter für das Herdfeuer der anderen, der Armen und Elenden, für das Wohl der Gemeinde, mit treuer Sorge und wackerem verständigem Sinn? Im Bunde mit anderen, nicht minder Wackeren und Verständigen, so zu Nutz und Frommen der Gesamtheit Werke, Einrichtungen, Veranstaltungen aller Art schaffend, erhaltend, fördernd, die mich mit staunender Ehrfurcht erfüllten? Mußte man nicht blind sein, oder sich geflissentlich die Augen verschließen, um nicht zu sehen, wie in dieser Riesengemeinde ein Geist der strengsten Ordnung, der straffesten Zucht und – wenn man von den manchmal rauhen Formen absah, – alles in allem, auch eines großherzigen Humanismus waltete, der nach den höchsten Zielen rang mit einem Erfolge, im Vergleich zu welchem die Resultate der gleichgearteten Strebungen früherer Zeiten in tiefen Schatten traten?

Und dennoch –

Ja, und dennoch schwoll und schwoll es unerschöpflich aus dem Abgrund des Elends, sich ergießend durch die endlosen, abendlichen Straßen über die von Schmutz und Regen schlüpfrigen Trottoirs beim Flackerlicht der Laternen in wimmelnden schwarzen ununterbrochenen Zeilen von Menschen, aus deren Mienen kaum jemals Genügen und Zuversicht blickten, fast ausnahmslos Verdrossenheit über das Heute und Sorge für das Morgen, wenn es zum besten war. Und dann, im raschen Sinken, Stumpfheit und Dumpfheit von Seelen, die nie gedacht oder zu denken und für das Morgen zu sorgen längst verlernt haben. Und tiefer und tiefer: Verbissenheit, Wut, Verzweiflung. Zu unterst die Grauengestalten, die ich in dem Hamburger Verbrecherkeller kennen gelernt: das bare nackte Laster, an welchem die Menschenliebe erlahmt; das Verbrechen, gegen welches sich die Menschheit nur wehren kann, wie gegen das wilde Tier, das in die umfriedete Herde bricht.

Das waren keine schwarzen Phantasien eines pessimistischen weltentfremdeten Poeten. Ich hatte den Rat des wackeren Professors von Hunnius befolgt und jetzt, da der Lärm des Lebenskampfes mich zu wild umtoste, meine Leier an die Wand gehängt; aber in dieser Welt, welche sich da durch die abendlichen Straßen wälzte, war ich längst kein Fremdling mehr. Und ich kannte sie nicht bloß vom Vorübergehen auf der Gasse. In wie vielen dieser dunklen Häuserkasernen war ich, der Handwerker zu Handwerkern, Bestellungen machend, Forderungen eintreibend, oder ausrichtend, was sonst das Geschäft erheischte, die steilen Treppen hinauf in die Mansarden, hinab in die dumpfigen Keller gestiegen; und hatte in den engen Räumen so viel Hunger und Kummer, physische Gebrechlichkeit und moralische Häßlichkeit gesehen und beobachtet, daß man, wäre es räumlich meßbar gewesen, ebensoviele weiteste fürstliche Säle damit hätte füllen können!

So war denn das gemeinsame Mühen der vielen wackeren und uneigennützigen Männer, Väter, Berater, Lenker und Helfer der Gemeinde, waren alle jene großartigen Einrichtungen und Veranstaltungen doch auch nur wieder ein Schöpfen in das Danaidenfaß des über die Menschheit verhängten Elends?

Von wem verhängt?

Von dem brutalen Egoismus der Wenigen, welche sich durch jedes Mittel in den Besitz der Macht zu setzen wußten, um ohne Scham und Reue diese Macht gegen die Vielen auszubeuten; sagten die Sozialdemokraten. Von der Dummheit und außerdem von dem vielen Trinken; sagte Karl Brinkmann.

Denn sehen Sie, lieber Herr Lorenz, sagte Karl Brinkmann; wie das ist, ist es gewesen und wird es bleiben, solange die Welt steht; einmal ein bißchen besser, das andere Mal ein bißchen schlimmer, was denn just keinen großen Unterschied macht. Gute und schlechte Menschen hat es immer gegeben und wird's immer geben. Und, wenn man's bei Licht besieht, sind der schlechten gar nicht so viele, und die meisten sind auch nicht so sehr schlecht. Aber die Dummen, lieber Herr Lorenz, die werden nicht alle, sagen sie hier in Berlin, wo sie es wissen müssen, denn sie haben sie hier gleich scheffelweise. Und sehen Sie, lieber Herr Lorenz, das ist das wahre Unglück, gegen das kein Kraut gewachsen ist, wie Ihr Bruder Otto zu sagen pflegt. Was so ein richtig dummer Mensch ist, aus dem wird sein Lebtag kein kluger, Sie mögen mit ihm anstellen, was Sie wollen. Ich weiß das von den Pferden; da ist es just so. Und wenn die Pferde sich aufs Trinken legen könnten, wie die Menschen, wär' es noch juster so. Das können die Gott sei Dank nicht; die saufen ihr Lebtag nur Wasser. Aber die Menschen, die können es, Gott sei's geklagt. Und nun trinkt so ein dummer Mensch sich sein bißchen Verstand und Gesundheit vollends weg, und dann wundert er sich, wie er ins Unglück gekommen ist. Darum, lieber Herr Lorenz, sehen Sie: ist es auch mit der Sozialdemokratie nichts. Denn das werden sie nie zustandebringen, daß von zehn Menschen, die geboren werden, nicht mindestens die Hälfte dumm ist; es mögen auch wohl zwei Drittel sein – nach meiner Taxe. Und dann wird die kluge Hälfte oder das kluge Drittel immer die dumme Hälfte oder das dumme zwei Drittel im Sack haben, und ich wüßte auch nicht, was dagegen zu sagen wäre. Denn regieren können sich die Dummen gerad so wenig wie die Kinder, die auch aufmucken, weil sie natürlich alles besser wissen; und wenn sie dann in der Patsche sitzen, sind sie froh, wenn ein Erwachsener kommt und sie herausholt. Und was die Sozialdemokraten immer sagen, daß es die paar Klugen so viel besser hätten, als die Dummen – das heißt, sie sprechen ja nie von Klugen und von Dummen und von Fleißigen und Faulen auch nicht, sondern immer nur von Reichen und Armen, als ob der Reichtum den Leuten vom Himmel gefallen wäre, und dumme Reiche lange reich blieben – so wäre dagegen auch nicht viel zu sagen. Denn die guten Pferde sind den Hafer wert, und ich habe Rackers genug vor dem Wagen gehabt, für die Häcksel noch viel zu gut war. Aber es ist nicht einmal an dem. Denn, was so ein kluger Mensch ist, der muß immer gleich für zehn und zwanzig und auch wohl für noch mehr arbeiten und sorgen und sich abrackern, just so, wie ein fleißiges Pferd, wenn der Kutscher nicht aufpaßt, den Wagen allein zieht, und das faule troddelt nebenbei. Und, steckt der Karren fest; schindet sich das fleißige ab und reißt ihn raus, und das faule thut nur so, wenn's auch noch so viele Schläge kriegt. Glauben Sie mir, lieber Herr Lorenz, das Elend kommt von der Dummheit und würde davon kommen, wenn auch das verdammte Trinken nicht wäre. Mit dem zusammen kommt's aber erst recht davon.

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