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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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V.

An dem Hafen hat es angefangen, denn der sollte erweitert und ausgebaggert werden, daß die Schiffe bis unmittelbar an die Speicher herankommen könnten. Darüber mußten aber in dem alten Hafen eine Menge Leute ihr Brot verlieren: die Strandkarrer und Sackträger und die anderen, die alle oder doch zum größten Teil bei der neuen Einrichtung, wo die Schiffe aus den Speichern heraus beladen und eben so bequem ihre Ladung löschen konnten, überflüssig wurden. Na, und, Lothar, Sie kennen ja die Sorte! Und Matrosen, die nichts zu thun hatten, gab's in dem Jahre auch genug. Die thaten sich denn zusammen, und wo sie sich mit den Maurern und Zimmerern begegneten, da gab es blutige Köpfe. Meinetwegen, sie hatten kein Recht, die Leute von der Arbeit abzuhalten, aber wenn man die verdammten Speicher so in die Höhe steigen sah, das mußte einen ja wurmen; und da man dem Juden selbst nicht an den Kragen konnte, hielten wir uns an die, die ihm dabei geholfen. Ich sage: wir, denn ich bin ein- oder zweimal dabei gewesen. Zu thun hatte ich nichts mehr, und ich gönnte es dem Schuft von I. I. Kommt eines Tages der Pastor Renner zu mir und sagt: das ist alles ganz schön, Herr Hopp; aber die Speicher werden darum doch zum Herbst fertig; und jetzt hat er ein großes Terrain vor dem Schwedenthor gekauft, darauf will er eine Bierbrauerei en gros bauen; und vor dem Teichthor die sämtlichen Gärten, die er rasieren lassen wird für eine Villen-Vorstadt. – Ja, sage ich, Pastor, der wird uns ja wohl noch alle in die See werfen, wie verfaulte Heringe. Ist denn dagegen gar nichts zu thun? – Man muß sehen, ob man nicht die Maurer und Zimmerer zum Streiken bringen kann, sagt der Pastor. Viel hilft's auch nicht; aber er kriegt dann doch die Speicher bis zum Herbst nicht unter Dach und hat dadurch Tausende an Schaden. – Der Gedanke gefiel mir soweit ganz gut, und der Pastor schickte mir den Kerl, den Streben, mit dem sollte ich mich in Benehmen setzen. Nun, ich und er, der übrigens ein ausgesottener Schuft ist, wie nur je einer einen ehrlichen Kerl in die Tinte gebracht hat – aber ich hatte damals ordentlich einen Narren an dem Kerl gefressen – also er und ich, wir werden dann eine Volksversammlung zusammen berufen, zu der wir die Maurer und Zimmerer auch einladen, und auf der wir unsere Sache mit ihnen ins Gleiche bringen wollen. Ich präsidierte, und der Hauptredner war der Pastor selbst. Und eine schöne Rede war's von Einigkeit und Brüderlichkeit, und daß wir alle arme Teufel wären zu unserm Seelenheil, damit wir dereinst in den Himmel kämen, wo wir sicher sein könnten, Herrn Israel nicht zu treffen, der freilich nicht ganz so groß wie ein Kamel – das gab ein Gelächter, Lothar, kann ich Ihnen sagen! – aber ebensowenig wie ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe und durch die Himmelspforte auch nicht. Das behaupte er, denn er könne es aus der Bibel beweisen. Wenn die Herren Maurer und Zimmerer aber doch so gute Christen seien und durchaus einen Juden im Himmel haben wollten, so sollten sie wenigstens dazu das Ihre thun, indem sie ihm von seinem irdischen Mammon so viel als möglich abnähmen und nicht für den elenden Lohn arbeiteten, da sie doch jeden Augenblick einen doppelt so großen haben könnten, wenn sie nur zusammenhielten. Na, Lothar, nun war der Rummel im Gang. Mit dem Zusammenhalten sah es freilich man schwach aus, denn die Maurer wollten streiken und, auch nicht alle; die Zimmerer und Tischler aber nicht; und nun lagen sich wieder die untereinander in den Haaren. Das ging wohl so acht Tage lang, und jeden Tag ein größerer Krawall als an dem vorangehenden, bis wir – Streben und ich – wieder eine Volksversammlung ausschrieben, zu der auch der Professor mit seinen Leuten kam. Das gab einen Tanz! der Professor und der Pfaff sagten einander die schönsten Dinge. Jesuit, Volksverführer! rief der Professor; Gottesleugner, Judenfreund! schrie der Pfaff. Na, Lothar, wenn ich die Sache recht bedenke, der Professor meinte es mit uns ehrlich, und der Pfaff wollte nur sein Mütchen kühlen an dem Juden, und wir sollten ihm die Kastanien aus dem Feuer holen; aber er redete uns nach dem Munde, und der andere nicht. Und da wir gegen ihn und seine Leute vier zu eins waren, warfen wir sie hinaus, oder wollten sie doch hinauswerfen und es gab einen furchtbaren Spektakel, als der Streben auf den Tisch sprang und eine Rede anfing, so was haben Sie nie gehört. Der Kerl war wie besessen, raufte sich das Haar und heulte und schrie: es sei eine Sünde und Schande, daß sich tausend ehrliche Christenmenschen an der Gurgel hätten um des einen Juden willen; und wir sollten voneinander lassen und Buße thun und es machen wie die Vorfahren von dem Juden es gemacht hätten, die ihre Sünden alle auf einen Haufen warfen und den Haufen auf einen Bock luden und den Bock zur Stadt hinaus in die Wüste trieben. Na, Lothar, da war denn der Wagen geschmiert. Der Jud' muß zur Stadt hinaus, schrieen sie alle, auch die von der anderen Seite, denn wir waren auf beiden Seiten des Streitens und Raufens müde; und der Jud' war doch am Ende an allem schuld. Der Professor wollte dagegen reden; aber sie ließen ihn nicht mehr zu Worte kommen; und so ging's denn in hellen Haufen in die Stadt zurück – wir waren in dem großen Eversschen Tanzlokal vor dem Teichthor gewesen, wissen Sie, Lothar – und durch die Stadt, wo alles mitlief, was Beine hatte, daß wir gut und gern an die zweitausend sein mochten, als wir in die Hafengasse kamen, das heißt an die Speicher, denn eine Hafengasse gibt's ja wohl nicht mehr, außer dem Haus von dem Juden. Na, Sie kennen es ja, Lothar! –

Ob ich es kannte, das alte hochgegiebelte Haus! – Ich sah es im Geist vor mir, und war im Hause unten im Familienzimmer linker Hand bei den geängstigten Frauen und sah die wüsten Haufen die Gasse heraufkommen, voran den Mann da mit der rotglühenden Nase (die er eben in sein Punschglas tauchte) und den schuftigen Streben. H. H. wischte sich die Lippen und fuhr fort: Streben und ich und noch ein Dutzend anderer hatten als Deputation hineingehen und dem Juden den Beschluß der Volksversammlung, daß er binnen vierundzwanzig Stunden aus der Stadt müsse, ausrichten sollen; aber als wir heranrückten, war die Straße von Polizisten gesperrt, und auf den Stufen vor der Hausthür standen auch noch welche. Der Schuft von Streben war plötzlich von meiner Seite weg, als wär' er in die Erd' geschlupft. Das Kunststück verstand ich nicht; und da hatte mich einer von den Polizisten vor die Brust gestoßen, und das läßt sich Heinrich Hopp nicht gefallen, nicht mal, wenn er nüchtern ist. Und das, will ich gern zugeben, war ich an dem Tage nicht. Aber wenn meine Frauenzimmer sagen, ich hätte nun wenigstens umkehren sollen, so sind sie eben nicht dabei gewesen. Da soll einer umkehren, wenn ein paar tausend hinterher drängen: Komitee, soviel noch da war, Polizisten, alles in einem Haufen bis vor das Haus, wo der Polizeidirektor selber stand, auf mich einschrie und ich auf ihn, ohne daß einer ein Wort von dem andern kapiert hätte. Denn die Menschen tobten wie besessen; und es dauerte auch nicht lange, da hatten sie einen Balken herbeigeholt, mit dem wollten sie die Thür einstoßen. Die Frauenzimmer sagen wieder, das hätte ich nicht leiden sollen; aber sie haben gut reden hinterher. Wenn einer selbst mitten mang ist, sieht die Sache anders aus. So sollt's denn eben mit dem Balken gegen die Thür, als die von inwendig aufgemacht wird, und Jettchen dasteht. Ich werd's mein Lebtag nicht vergessen, wie die ausgesehen hat: wie der Kalk an der Wand mit ein paar so großen schwarzen Augen, daß ich sie kaum wiedererkannte. Und sagt ganz ruhig: wir wollten gewiß ihren Vater sprechen; das sei aber unmöglich, denn der sei tot. Was? rief ich entsetzt, tot?

H. H. kraute sich den breiten Schädel, während die Frauen niederwärts blickten, und für einige Momente eine unheimliche Stille in dem Zimmer herrschte.

Wie ist denn das gewesen? fragte ich unsicher.

Ich weiß es selbst nicht; erwiderte H. H., nachdem er, sich zu stärken einen mächtigen Schluck von dem »Frauenzimmergetränk« genommen. Sie sagen ja, daß wir ihn auf dem Gewissen hätten; aber er war immer ein schwächliches Kerlchen und schon die ganze Zeit in einer mächtigen Aufregung gewesen, was ja auch begreiflich ist; und als er nun die ganze Menge die Straße herauf gegen sein Haus kommen sah, das hat ihm den Rest gegeben. Er ist in sein Comptoir gelaufen – wissen Sie, Lothar, gleich rechts, wenn man 'rein kommt – und hat wohl noch schnell die wichtigsten Sachen aus dem eisernen Schrank nehmen wollen, aber so weit ist er gar nicht mehr gelangt. Sondern nur bis zu dem kleinen schwarzen Sofa – wissen Sie, Lothar, – und da lag er, mausetot; und seine Frau knieete davor und hatte ihren Kopf an seiner Schulter und richtete sich auch nicht auf und blickte sich nicht um, als ich und ein paar andere, die mit mir hereingekommen waren, in der Thür standen; und Jettchen, wieder ganz ruhig, zu mir sagte: Sie sehen, daß ich Sie nicht belogen habe. Nun sagen Sie es denen da draußen, daß wir hier doch in Ruhe weinen können.

Na, Lothar, ich habe die Israels nie leiden mögen; hatte auch weiter keine Ursache dazu; aber ein schlechter Kerl bin ich nicht; und als das Mädchen so sprach, und mich wieder mit den großen schwarzen Augen anblickte, daß man es gar nicht beschreiben kann, da wurde mir doch ganz kurios zu Mut, und ich hätte viel darum gegeben, wär ich zehntausend Meilen weit weg gewesen. Und wie ich da noch so stehe und nicht weiß, was ich sagen oder thun soll, wird draußen, wo es inzwischen ruhig gewesen war, – oder hatte ich den Lärm nur nicht mehr gehört – ein mordsmäßiges Geschrei: Die Soldaten! Die Soldaten! Und richtig, als ich herauskomme, sehe ich, wie sie von der Hafenseite heraufmarschieren, über die ganze Breite der Straße, und voran zu Pferde der Major.

Von Vogtriz? rief ich.

Na, natürlich! er war ja schon seit dem Frühjahr wieder zurück, weil er vor Paris verwundet war. Darüber war denn der Friede gekommen, und er war gleich bei uns geblieben; war auch, glaube ich, noch nicht ganz auskuriert; und das Bataillon war jetzt auch wieder eingerückt, aber erst vor acht Tagen. Na, Lothar, jetzt kriegte ich es aber mit der Wut. Was? erst sieht man ruhig zu, daß der arme Mann ausgewuchert und haus- und brotlos wird, und dann bringen sie uns unsre Jungens, die wir auf unsere Kosten in den bunten Rock gesteckt haben, und die Jungens vom Lande, deren Väter auch nicht besser daran und ebenso in den Händen der Juden sind, und sollen uns Alten Mores lehren, und, wenn wir nicht Ordre parieren, mit blauen Bohnen traktieren? Na, das schrie ich denn dem Major zu, als er so weit herangekommen war. Er hat geantwortet: daß es ihm selbst leid thue; aber er habe seinen Befehl, und dem müsse er gehorchen. Es kann auch was anderes gewesen sein – ich weiß es nicht mehr. Wie es nun so gekommen ist, weiß ich auch nicht. Sie sagen, ich hätte dem Pferd in die Zügel gegriffen. Es ist möglich; fuchswild war ich, das leugne ich nicht; und er wollte weiter, und ich konnte nicht ausweichen, so dicht drängten sie hinter mir. Sollte ich mich etwa überreiten lassen? Und wie man einen Gaul zum Stehen bringt, das hat doch unsereiner im Griff. Das war aber auch das letzte, was ich sah und was ich weiß. Denn im nächsten Moment hatte ich einen Kolben zwischen den Schulterblättern, daß es mir schwarz vor den Augen wurde, und dann ging alles drunter und drüber, und es ist nur ein Wunder, daß sie mich nicht totgetreten haben, als ich so auf dem Pflaster lag. Na, so haben sie mich wenigstens nicht totgeschossen.

Sind denn dabei noch andere Menschen ums Leben gekommen? rief ich.

Zwei auf dem Platz; sagte H. H., einen Schluck nehmend, und drei sind hernach im Krankenhause gestorben. Aber haben Sie denn von der Sache gar nichts gehört? Sie hat ja kolossales Aussehen gemacht und stand in allen Zeitungen!

Ich habe damals keine gelesen; murmelte ich.

Ja, dann weiß er auch wohl nicht einmal, daß mich die Geschichte anderthalb Jahr Gefängnis gekostet hat? rief H. H., die anderen stirnrunzelnd anblickend, als wolle er sie für meine Unwissenheit verantwortlich machen.

Kein Wort! sagte ich.

Na, das ist schön! rief H. H. Da wird man ein Märtyrer und trägt seine Haut zu Markt für das Volk und ruiniert darüber sein Geschäft, muß aus der Stadt, in der einem seine Väter und Großväter gewohnt haben ein paar Jahrhunderte lang, und in das elende Nest von Berlin, wo man nicht begraben sein, geschweige denn leben mag und doch leben muß als Droschkenfuhrherr und, wie lange wirds dauern, als Droschkenkutscher – da möchte man doch gleich –

H. H. leerte in großer Aufregung sein Glas. Es war glücklicherweise das letzte in der Terrine gewesen, wie wir anderen alle denn längst nicht mehr getrunken hatten. Die Frauen waren müde und wollten nach Haus. Ich stand auf und erklärte, daß ich kaum noch die Augen offen halten könne.

Oho! rief H. H., der gern noch geblieben und, wie er sagte, »irgend etwas« getrunken hätte, thut mir leid, wenn ich die Gesellschaft gelangweilt habe!

Ich glaube, niemand, Herr Hopp, entgegnete ich, und mich gewiß nicht. Im Gegenteil, ich habe Ihnen mit dem größten, wenn auch schmerzlichen Interesse zugehört.

Hab ich's nicht gesagt, rief Herr Hopp, zu seinen Frauen gewandt; schmerzlichem Interesse! Als ob ich den alten I. I. totgeschlagen hätte! und er nicht aus schierer Angst um seine Papierchen in dem eisernen Schrank gestorben wäre! Aber es ist und bleibt ein Judenfreund, der Herr Lothar!

Ich bin ein Freund der Familie Israel gewesen, sagte ich, das leugne ich nicht; und Sie Herr Hopp, der Sie meine Verhältnisse so genau kennen, werden das gewiß begreiflich finden; und daß mir der Tod des alten Mannes nahe geht.

Gar nicht finde ich das begreiflich, schrie Herr Hopp, nie habe ich das begreiflich gefunden. Paßt auf, paßt auf: er wird noch mal Jettchen heiraten! Ich habe es immer gesagt!

Komm nach Hause, Alter! sagte Frau Hopp ärgerlich.

Na, na! rief H. H., er wird doch einen Scherz von einem alten Freunde nicht übelnehmen! Und eine mächtig gute Partie ist es. Prachtvolles Haus – bin gestern erst vorbeigefahren: Die Alte mit Fräulein Jettchen oben, und Bel-Etage Herr Emil mit der jungen Frau. Soll ja auch eine vielfache Millionärin sein.

Komm, Papa! sagte Christine.

Was habt Ihr nur alle gegen mich? rief H. H. wütend. Willst Du nicht auch noch anfangen, Karl?

Ich sage ja kein Wort, Herr; erwiderte Karl Brinkmann, und es war wirklich das erste, das er nach der Begrüßung wieder sprach.

Das ist auch so ein Aristokrat, rief H. H.; der hätte am liebsten gesehen, wenn der Herr Major – excüse: Oberstleutnant, und jetzt ist er ja wohl Oberst? Was?

Ja, sagte Karl Brinkmann, das ist er – im Kriegsministerium.

Und das freut Dich wohl noch gar?

I, Herr! sagte Karl Brinkmann mürrisch; lassen Sie mich zufrieden!

Die Frauen wollten den Zornigen besänftigen, was ihn nur noch mehr reizte.

Hol der Teufel alle Aristokraten! rief er, und die Vogtriz an der Spitze! Die taugen alle nichts. Das laß Dir gesagt sein, Christine!

Hier fing plötzlich Christine heftig an zu weinen, auch Frau Hopp weinte; die Kinder nebenan, die der Lärm aufgeweckt hatte, begannen zu schreien; ich suchte den Tobenden zu beruhigen, der mir nun um den Hals fiel und mich unter Schluchzen seinen besten Freund, seinen einzigen Freund nannte, der mit einem alten, von Unglück auf Tritt und Schritt verfolgten Mann Mitleid habe.

Ich benutzte die weiche Stimmung, um den jetzt wieder völlig Trunkenen mit Karl Brinkmann in die Droschke zu schaffen, die schon seit einer Stunde vor der Hausthür wartete. Den noch immer schluchzenden Frauen versprach ich, sie morgen nachbarlich, wie in alter Zeit, zu besuchen.

Dann lag ich noch lange oben in meinem Giebelstübchen in dem schmalen Bette, ohne die Erregung, in welche die Erzählung jener traurigen Ereignisse in meiner Heimatstadt mich versetzt hatte, besänftigen zu können. Kannte ich doch jeden Quadratfuß der Bühne, auf welcher das Drama sich abgespielt hatte, und sämmtliche Akteurs: Professor Hunnius, den Pastor Renner, seinen würdigen Helfershelfer Ernst Streben – alle! die gute Frau Israel, das arme Jettchen! Welche Stunde mußte es für sie gewesen sein: Die tobende Menge draußen, und drinnen der alte Mann auf dem Sofa, dem kein He, he? und Sie sagten? mehr über die bleichen Lippen kam! In meines Geistes Aug' sah ich das schmächtige todesblasse Mädchen mit den großen glänzenden todesmutigen Augen – den Augen, die mir geleuchtet hatten, als ich in den Krieg wollte, und sie mir aus ganzer Seele den Segen dazu gab! Und die gute alte Frau, von der ich damals so viel Liebes erfahren! Der brave Emil, der ständige Genoß meiner Kinder- und Knabenzeit – ich konnte sie leibhaftig wiedersehen. Sie waren in Berlin! Ich würde sie nicht aufsuchen – selbstverständlich! So würden wir uns schwerlich je begegnen. Es war auch besser, wenn es nicht geschah.

Und der Major, der nun Oberst war! und der ja nun auch in Berlin lebte! Lieber Himmel, mich würde er gewiß nicht wiedererkennen; ich ihn auf den ersten Blick unter Tausenden; Ihn, den ich so oft sah im Wachen und im Traum; ihn, dessen teures Bild ich von der Stelle im Herzen, die ihm der kleine Knabe eingeräumt, so oft hatte reißen wollen, ohne es zu können, bis ich jetzt längst keinen solchen Versuch mehr machte und mir sagte, daß ich, und wäre ich tausendmal Demokrat, diesen Aristokraten lieben müsse!

Auch wenn er Feuer kommandierte auf das Volk?

Wie hatte es mich gepackt, als der Mann in seiner Erzählung an die gräßliche Scene kam!

Und die Erinnerung an jene seltsame Halluzination in mir wachrief, die ich hatte, als ich an jenem Sommervormittag am offenen Fenster meines Parterrezimmers des gastlichen Hoppschen Hauses stand, mich in den Krieg sehnend; und die stille Hafengasse, in die ich träumend blickte, sich in ein ungeheures Blachfeld verwandelte, über das der Major durch Schlachtenstaub und Rauch auf mich zukam – der einzig Ueberlebende seines Regiments, dessen Leichen weithin den blutgetränkten Boden bedeckten – und er trauervollen Blicks mir die Hand reichte, die ich ergriff und an meine Lippen drückte, ihm huldigend als meinem Führer in dem Kampfe für das Vaterland!

Nun war Blut geflossen auf eben jener Stelle meines Traumgesichtes – das Blut von Bürgern durch die Kugeln ihrer Söhne und Brüder – auf sein Kommando.

Ich konnte das Entsetzliche nicht fassen: auf sein Kommando! des Gütigen! Liebevollen!

Hatte es sein müssen? Waren alle andere Mittel erschöpft gewesen? Und ist das ein Mittel, bethörte, verhetzte Menschen zur Vernunft zu bringen, wenn man auf sie schießt? Zur Ruhe! o ja! zur Todesruhe! Zur Vernunft? nimmermehr!

Und war es denn so ganz unvernünftig, was sie verlangt und angestrebt? Wenn das der Fall, weshalb hatte der alte Mann, den sie aus der Stadt haben wollten, einst in einer schwachen Stunde, als ihn ein momentanes Grauen packen mochte vor den ungeheuren Reichtümern, die er unersättlich zusammenscharrte, halb zu mir, halb zu sich selbst sprechend, gesagt: Ich glaube, sie schlagen mich noch einmal tot? – Nun, Thomas Münzer hätte nichts dagegen gehabt. Er hätte an jenem Tage gestanden auf der Seite der Tausende und Tausende, die in soziale Zustände hineingeboren werden, deren Druck sie sich nur in verschwindenden Ausnahmen entziehen können, während die Masse im Bann der Armut, des Elends, der Unwissenheit verharren muß. Bis sie dann in ihrer Unwissenheit und ihrem Unverstand zu Mitteln greifen und zu Schritten sich drängen lassen, deren letzte Folge darin besteht, daß die Vertreter der staatlichen Ordnung auf sie Feuer zu geben gezwungen sind.

So taugt doch wohl diese Ordnung nicht ganz? So ist doch wohl etwas faul in diesem Staat?

Er aber war an jenem Tage für diese Ordnung, diesen Staat eingetreten bis zur äußersten Konsequenz und würde es immer thun.

Und so würde ich nie seine Hand wieder in der meinen halten und halten wollen; er nie die meine in der seinen, wenn er meine Gesinnung kannte.

Es wäre denn, daß er mich zu der seinen bekehrte, oder ich ihn zu der meinen.

Wie konnte das eine oder das andere je geschehen?

Eh' mochten Himmel und Erde zusammenkommen!

Und es ging ein Riß durch die Menschheit, daß sich als Todfeinde bekämpfen mußten, deren Herzen sich sonst in herzlicher Liebe gefunden haben würden.

So sollte ich denn auch diese meine Liebe zu ihm, der mir immer als mein Ideal gegolten hatte, aus dem Herzen reißen. Es war das schwerste von allen Opfern, die ich früher und später meiner Ueberzeugung gebracht hatte. Und das zu bringen ich doch entschlossen war, so den Schwur zu halten, den ich geschworen am Sarge des Vaters.

Und den ich im Herzen und in der Gesinnung nie gebrochen, aber auch nie zur herzhaften, leibhaftigen Wahrheit zu machen mit allen Kräften der Seele und des Leibes mich bemüht hatte, bis ich den Entschluß gefaßt, der mich hierher gebracht auf einem langen Umwege, welcher dem Träumer, dem Zauderer so viel Zeit gekostet, daß ihm nun keine mehr zu verlieren blieb.

Und er sich durch nichts auf dem Wege, dem rechten, den er endlich betreten, aufhalten lassen durfte.

Durch nichts und durch niemand! Hörst du's, du stolzer Soldat? Du, Mann der strengen Pflicht und der staatlichen Ordnung? Auch nicht durch dich!

Der Himmel weiß, wie gern ich dich zum Freunde gehabt hätte. Nun, da du mein Feind sein willst und sein mußt – sei's drum! Ich ringe mit dir auf Tod und Leben. – –

So rasten die Gedanken durch mein pochendes Gehirn.

Und als dem ganz Erschöpften endlich die Augen sich schlossen zu fieberhaftem Schlaf, rang er weiter im Traume mit dem geliebten Mann wie Jakob mit dem Engel.

Und stöhnte im Traum wieder und wieder die verzweifelnden Worte:

Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!

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