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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IV.

Da Zeit Geld ist, und ich diese Geldsorte im Ueberfluß besaß, hatte ich einen sogenannten Bummelzug gewählt und zu der sonst nicht langen Fahrt von dem kleinen Bad am Fuße des Harzes bis zur großen Stadt an der Spree einen ganzen Tag gebraucht. Wenigstens war der Sommerabend schon stark hereingebrochen, als die Eisenbahnschnecke langsam in die Halle glitt, und der Durchrüttelte das Gefängnis, welches er zuletzt mit dreißig oder vierzig tabakrauchenden Personen geteilt, verlassen durfte. Um alsbald von jemand umarmt zu werden, den er im ersten Augenblick nicht kannte: einem schmächtigen, in seinem Anzug vernachlässigten, mit farblosen Augen träumerisch aus blassem Gesicht blickenden Mann, der fünfzig Jahre alt zu sein schien, und in welchem er dann doch Bruder Otto erkennen mußte, der nach seiner Berechnung noch nicht dreißig zählte. Ich hütete mich, der traurigen Empfindung Ausdruck zu geben, die bei diesem Anblick mein Herz erfüllte, und mit dem trüben Lächeln auf dem blassen Gesicht korrespondierte; konnte aber doch einen leisen Ruf des Schreckens nicht ganz unterdrücken, als jetzt eine schwere Hand auf meine Schulter schlug und eine rauhe Stimme rief: Haben wir den Ausreißer endlich!

Nun, es war kein Schutzmann; es war H. H. – Herr Heinrich Hopp – der vor mir stand und mich jetzt in seine Arme schloß, wobei ein böser Fuselgeruch mich rings umhauchte. Und ach, dem bösen Duft entsprach die Erscheinung des alten Freundes: als wenn der joviale Fuhrherr von ehemals inzwischen zum Fuhrknecht geworden wäre – so vergröbert deuchte mir seine Gestalt, Miene, Stimme, sein Lachen – alles, alles!

Ich suchte meine Verlegenheit hinter der Frage nach meinem Gepäck zu verstecken; H. H. hatte bereits für alles gesorgt, oder würde doch für alles sorgen. Ob einer, wie er, nun schon zwei Jahre lang in dem vertrackten Nest von Berlin wohnen und tagtäglich drei Droschken unterwegs haben solle, – dazu eine Nachtdroschke – und den Rummel nicht kennen! Draußen halte seine Droschke – Gepäckdroschke, Nummer Einundzwanzig-vierundvierzig; dahin sollten wir uns scheren. In fünf Minuten habe er den ganzen Krempel auf dem Verdeck, und wenn's zehn Koffer wären.

Er sagte, oder schrie das alles vielmehr in unserm heimischen Platt zum Ergötzen der Umstehenden und zum Verdruß eines Schutzmannes, der jetzt herantrat und ihn gelassen hieß, nicht dergleichen ungebührlichen Lärm zu machen. H. H. maß den Mann mit wütenden Blicken, begnügte sich dann aber doch auf Otto's ängstlich-leises Zureden mit ein paar in die Bartstoppeln gemurmelten Worten, welche der verständige Beamte lieber nicht hören wollte.

So ist er nun immer, sagte Otto seufzend, während wir bereits, H. H.s harrend, in der bezeichneten Droschke saßen; immer wütend auf die Welt, als ob die an seinem Unglück schuld wäre. Ich sollte nur die Hälfte von seinem Vermögen gehabt haben – nur ein Viertel! ich wollte jetzt ein anderer Kerl sein.

Und der gute Mensch seufzte abermals. Ich hatte starke Bedenken an der Richtigkeit der letzten Behauptung. Wie steht es denn bei Dir? fragte ich.

So so, la la! war die Antwort.

Ich hatte allen Mut zu weiteren Fragen, ja, in diesem Moment überhaupt allen Mut verloren. Der Eintritt in die neue Welt war auch gar so kläglich. Dieser Kummermann, der da jetzt, als hätten wir uns sonst auf der Welt nichts zu fragen und zu sagen, von mir abgewandt zur offenstehenden Wagenthür ins Leere starrte; ein alter Freund, der in so fragwürdiger Gestalt so unerwartet vor mich getreten war in seiner Atmosphäre von Fusel und jedenfalls selbstverschuldetem Unglück; das Schreien der auf dem Platze sich einander drängenden, schiebenden, stoßenden Menschen; das Rasseln der vorrückenden, oder abfahrenden Wagen; der Regen dazu, welcher den ganzen Tag gedroht und jetzt erst langsam, dann heftiger und bald in Strömen fiel – das war die Wirklichkeit, nach der ich mich gesehnt aus einem Zustande, welchen ich so oft eine geschminkte Lüge genannt hatte, und der mir jetzt wie ein Feenland erscheinen wollte, welchem ich leichtsinnig den Rücken gekehrt!

Da hätten wir den Krempel! sagte H. H., zu uns in den Wagen steigend, während mein Koffer oben auf das Verdeck herabkrachte, – fort!

Und fort ging es, nicht eben schnell. H. H. hatte die Mähre erst gestern gekauft, und eine niederträchtige Schindmähre war's mit Gallen und Spat, ein Krippensetzer, der nicht fünf Thaler wert sei, und für den er fünfzig gegeben habe. Er müsse betrunken gewesen sein; anders könne er sich so eine dicke Dummheit nicht erklären; aber das komme von dem niederträchtigen Schnaps in dem heillosen Nest, wo man einen richtigen Kognak, oder auch nur Korn nicht für eine Million haben könne.

In diesem Ton ging es fort (mit untermischtem Schimpfen auf den Schutzmann, »die dämliche Blechkappe, die einem ehrlichen Kerl das Maul verbieten wolle«,) während Otto, uns gegenüber, kein Wort sprach, und ich nur den einen Wunsch hatte, daß diese triste Fahrt endlich einmal ein Ende nehme. Denn der beständig gegen die Scheiben klatschende Regen verstattete nur unsichere Blicke auf die Umgebung: stattliche Häuser anfangs und Prachtbauten, unter denen ich nach gesehenen Abbildungen das Brandenburger Thor zu erkennen glaubte; dann Straßen; dann mächtige Plätze, die mit Lichtern übersäet waren, deren Strahlen sich in den Regentropfen auf den Scheiben brachen; nun Brücken; wieder Plätze; engere Straßen, kümmerliche Gassen, weiter, weiter – nach Moabit, wie ich endlich aus dem schweigsamen Otto nach mancher wiederholten Frage herausbekam. Es sei keine gute Geschäftslage für einen Tischler; aber was wolle man machen? Man wohne da noch immer ein bißchen billiger, er wenigstens; es sei aber auch danach.

Otto schwieg; ich schwieg; und H. H., der zuletzt sehr undeutlich gesprochen hatte, schwieg ebenfalls. Noch immer rumpelte das Gefährt auf dem jetzt sehr holprigen Pflaster in monotoner Langsamkeit weiter. Dann hörte auch das Pflaster auf; es ging Schritt vor Schritt in einem sandigen Wege, der, nach den hier und da aufgeschichteten Balken und Brettern zu schließen, über einen Zimmerplatz zu führen schien; endlich hielten wir. H. H. erwachte und schrie: Hallo! Otto reichte mir die Hand und sagte mit mutloser Stimme: Willkommen! worauf er sofort den Rockkragen in die Höhe schlug und durch den Regen in das Haus lief, ohne sich nach mir und H. H. umzusehen, der sich inzwischen mit meinem Koffer beladen hatte. Ich wollte es nicht leiden; es gab einen kleinen Streit, währenddessen in der offenen Hausthür ein paar sichtbar wurden, die aber bei meiner Annäherung alsbald wieder verschwanden. Otto stand mit einer Lampe auf dem Flur und leuchtete uns voran in ein Zimmer linker Hand, wo er die Lampe auf den runden Tisch vor dem Sofa setzte und sagte, daß seine Frau gleich kommen werde. Dann war er wieder verschwunden, auch Herr Hopp hatte draußen noch mit dem Kutscher zu sprechen, ich blieb allein und hatte Zeit, mich in dem Zimmer umzusehen.

Ein ziemlich weites, niedriges Gemach, in welchem ein muffiger Geruch herrschte, als ob das Haus sehr feucht sei, oder in der unmittelbaren Nähe eines Sumpfes liege. Dennoch konnten die beiden Fenster erst während des Regens geschlossen sein: vor jedem derselben stand auf den wurmstichigen Dielen eine große Wasserlache, von welcher nasse Spuren nach allen Richtungen liefen, augenscheinlich von Kinderfüßen. Auch sonst war es wüst und unwirtlich in dem großen Raume, der fast keine Möbel enthielt und es doch fertig gebracht hatte, unordentlich auszusehen. Auf dem Tisch vor dem Sofa mit dem kattunenen, stellenweise zerfetzten Ueberzug, auf den paar Rohrstühlen, auf der Kommode, an dem Boden selbst lag allerhand umher: zerknitterte Zeitungen, Anzugstücke, ein zerrissenes Hemdchen, an dem eben noch genäht schien; eine kleine Puppe ohne Kopf, ein Spielwägelchen mit zwei Rädern und einem Holzpferd, dem sämtliche Beine fehlten; gebrauchtes und ungebrauchtes Geschirr, angebissenes Butterbrot, daneben ein mit einer durchlöcherten Brotscheibe bedecktes Glas, inwendig schwarz von ertrunkenen Fliegen. Ich kam eben aus Kreisen, in denen man es mit den Geboten der Ordnung nichts weniger als streng nahm; aber da hatte selbst die Unordnung einen heiteren Anstrich gehabt. Hier sah sie trostlos aus und drückte schwer auf mein so schon gepreßtes Gemüt. Wie sollte dies werden?

Otto kam zurück: seine Frau bitte noch für einige Minuten um Entschuldigung: sie müsse erst die Kleinsten zu Bett bringen; ob er mir unterdessen meine Stube zeigen dürfe?

Ich war es mehr als zufrieden; überdies hatte ich mich noch von dem Staub der langen Fahrt zu reinigen. Otto führte mich über den Flur eine schmale steile Treppe hinauf, über einen Boden, der, wie ich sah, ihm als Werkstatt diente, in ein Giebelzimmerchen mit nur oben etwa drei Fuß breit horizontaler, an der Seite stark abgeschrägter Decke und einem kleinen viereckigen Fenster. Die ganze Einrichtung bestand aus einem Bett, einem Stuhl und einem Tischchen, das zugleich Waschtisch war.

Ein Schelm gibt mehr als er hat, sagte Otto, sich verlegen in dem Zimmerchen umsehend.

Und ich will ein Schelm sein, wenn ich mehr erwartet habe, sagte ich, indem ich zugleich das Fensterchen aufstieß, frische Luft hinein zu lassen, an der es hier, wie unten, fehlte.

Es ist von dem Leim und dem feuchten Holz, sagte Otto; ich dachte mir gleich, Du würdest das nicht aushalten.

Und ich sage Dir, erwiderte ich, mir ist auf der Welt kein Geruch lieber. Das ist ja gerade wie beim Vater. Ich das nicht aushalten! Und sieh doch! Das ist ja gar Wasser, – Schiffe – was heißt denn das?

Ich stand an dem offenen Fenster. Dicht vor mir, durch einen ganz schmalen Uferstreifen getrennt, dämmerte es durch den Regen, der jetzt nur noch rieselte: ein nächtiges Flußbild, in welchem ich viel Einzelheiten just nicht mehr erkennen konnte, trotzdem die Regenluft von einem unsichtbaren Mond ein wenig durchhellt war, hier und da auf den Ufern hüben und drüben die Laternen brannten, und von den Schiffen oder aus Nachbarhäusern ein matteres Licht durch den Dunst herüberschimmerte.

Das ist die Spree, sagte Otto. Ich freue mich, wenn es Dir gefällt. Meine Frau meint, es sei sehr ungesund, hier zu wohnen; aber es ist billig – das ist die Hauptsache. Na, Du kommst wohl hernach herunter. Das Licht lasse ich oben.

Als ob ich ohne das Licht hätte hier oben zurecht kommen und wieder herunter finden können!

Kopfschüttelnd ging ich an das Reinigungswerk, bei dem ich mich möglichst beeilte, obschon es mich, der Himmel weiß es, gar nicht drängte, wieder nach unten zu kommen. Dieselbe Stunde, in der wir uns gestern abend nach der Vorstellung zu meinem Abschiedsschmaus zusammen gefunden hatten! Es fehlte nicht viel, so wären mir bei der Erinnerung die Augen naß geworden. Indessen: die Reue kam zu spät. Und ich bereute ja nichts. Es hätte da unten noch viel armseliger aussehen können, wenn es nur ordentlicher gewesen wäre! Ich erinnerte mich, daß Goethe einmal gesagt hatte, er möchte noch eher ein Verbrechen begehen, als Unordnung dulden. Aber gab es nicht armselige Verhältnisse, und waren Bruder Ottos etwa solche, welche, weil sie wider die Ordnung sind, auch wiederum die Ordnung nicht dulden? Das war eine von den vielen Fragen, auf welche mir die Antwort zu holen, ich ja eben hierher gekommen war. Also vorwärts!

Und da öffnete ich denn unten wieder die Thür, um alsbald von zwei kräftigen Frauenarmen umfangen und von einem kräftigen Frauenmunde herzlich abgeküßt zu werden. Die gute Frau Hopp! Und ich hatte auch nicht mit einem Gedanken daran gedacht, daß, wenn H. H. in Berlin war, seine weitaus bessere Hälfte schwerlich fern sein würde! So war denn meine Ueberraschung, die alte Freundin hier zu finden, ganz aufrichtig, und meine Freude wahrlich nicht minder. Und da tritt hinter dem breiten Rücken des Vaters, der nun in ein schallendes Gelächter ausbricht, Christine hervor und reicht mir beide Hände, trotzdem der Vater ruft: Ei, so mach es doch wie die Mutter, dummes Gör! Ihr seid ja Nachbarskinder! – Nun, Christine war damals schon aus den Kinderschuhen; und ist jetzt ein schönes, schlankes Mädchen, dessen Augen lange nicht mehr so hell blicken, als damals; und dessen Wangen nicht mehr die fröhliche gesunde Röte haben. Auch sonst liegt es wie ein melancholischer Hauch über dem schönen bleichen Gesicht. Dafür ist ihr Anzug, mit dessen Akkuratesse und Sauberkeit es immer bedenklich stand, von ausgesuchtem Geschmack, was mir mißfällt, ich weiß nicht warum; vielleicht nur, weil Mama Hopp sich die ganze alte Gleichgültigkeit gegen ihre Erscheinung mit der obligaten Frisur von gestern unter der zerknitterten Haube treu bewahrt hat.

Aber ich habe keine Zeit, darüber zu grübeln, denn ich muß jetzt meine Schwägerin begrüßen, die eben aus dem Nebenzimmer kommt: eine schwächliche Person mit einem kleinen Gesicht, das früher vielleicht hübsch gewesen ist, jetzt aber durch Krankheit und Sorgen etwas beängstigend Fades, Verkümmertes und Versauertes hat. Doch versucht sie zu lächeln, als sie mir nun die Hand reicht und ein paar Worte sagt, die gewiß freundlich gemeint sind, obgleich ich kaum eine Silbe verstehe, so leise spricht sie. Ich antworte ihr, wie mir's ums Herz ist: daß ich hoffe, ihr durch meine Gegenwart keine neue Last aufzubürden, und ihr aufrichtig für das freundliche Willkommen danke, auf das ich freilich gerechnet, nachdem sie Otto die Erlaubnis gegeben, mich kommen zu lassen.

Ich habe der Frau nicht schmeicheln wollen, aber sie sieht geschmeichelt und dankbar aus; ich sage mir, daß sie durch Komplimente nicht verwöhnt ist, und daß, alles in allem, es nicht schwer halten wird, mich mit ihr auf einen guten Fuß zu stellen. Sie läuft auch sogleich in das Nebenzimmer und kommt mit den beiden ältesten Kindern zurück, die eben haben ins Bett gehen sollen und nicht wollen, da sie den neuen Onkel erst sehen möchten. Es sind Zwillinge: ein Knabe und ein Mädchen von sechs oder sieben Jahren mit blassen, dürftigen Gesichtchen. Sie wollen nun doch nicht hinter der Mutter hervor, die darüber schilt, worauf beide anfangen zu weinen und wieder in die Schlafstube zurücktransportiert werden.

Unterdessen hat sich die andere Gesellschaft um den Sofatisch gesammelt, Herrn Hopp zuzusehen, der mit großem Eifer in einer Suppenschüssel Punsch braut, zu welchem die Damen Hopp die Ingredienzen mitgebracht haben. Einen alten Freund wie mich nach so langen Jahren nicht mit einem guten Trunk zu empfangen, das gehe gegen Hoppsche Gewohnheiten, so viel werde ich wohl noch wissen. Und Nachbarn seien wir auch wieder, wenn auch nicht gerade Wand an Wand, wie ehemals. Da wollten wir eines auf die alte neue gute Nachbarschaft trinken!

So redeten Herr und Frau Hopp durcheinander; Christine lächelte manchmal dazu, wenn auch nicht mit der Lustigkeit von ehemals; und ich empfand es seltsam, daß Otto und seine Frau, die wieder hereingekommen war, dabei standen und die Hopps in ihren Räumen die Honneurs machen ließen, als ob sie dabei nicht weiter beteiligt seien.

Endlich war das schwierige Werk vollendet. H. H. wischte sich den Schweiß von der Stirn, kostete das Gebräu noch einmal und meinte, er glaube, daß es so gut sei. Wir waren im Begriff uns zu setzen, als die Thür nach dem Flur langsam geöffnet wurde, und auf der Schwelle ein anderes altes bekanntes Gesicht erschien: Karl Brinkmann! Wie hatte ich vergessen können, daß die Fuhrherr Hoppsche Familie ohne Kutscher Karl Brinkmann sich gar nicht denken lasse! Ich mußte mit meiner Freude, den alten lieben Menschen, den treuen Mentor unsrer Kinder- und Knabenspiele, meinen Exerziermeister aus der kriegerischen Zeit, wiederzusehen, einigermaßen an mich halten, um nicht Frau Hopps Eifersucht zu erregen. Auch kam mir der gute Mensch darin entgegen, indem er selbst sich bescheiden zurückhielt und sich wohl mit an den Tisch setzte, aber etwas abseits, genau so, wie ich ihn in den guten Hoppschen Tagen, wenn ein Fest im engsten Familienkreise gefeiert wurde, auch hatte sitzen sehen.

Ach! sie waren vorüber die guten Hoppschen Tage auf Nimmerwiederkehr! Wenn ich daran noch hätte zweifeln können, so erfuhr ich jetzt in den Gesprächen, die sich fast nur darum drehten, und in welchen H. H. selbst das große Wort führte, die ganze tragische Geschichte von dem Niedergang und Fall der Hoppschen Herrlichkeit. Den Niedergang hatte ich selbst ja noch in der letzten Zeit beobachten können, ohne freilich zu ahnen, daß der Fall so schnell eintreten und so tief sein würde. Natürlich war Bismarck an allem schuld. Bismarck hatte den Krieg eingerührt, und der Krieg den Ruin gebracht. Erst das Kriegsjahr selbst, wo Handel und Wandel stockte, das Geld sich verkroch und nur mit Wucherzinsen herauszulocken war; es keine Lustbarkeiten mehr gab, und die Menschen vor lauter Aufregung nicht mehr ans Sterben dachten; dann das Milliardenjahr, wo, wie H. H. es ausdrückte: die Juden im dicken Rohr saßen und sich die besten Pfeifen schnitten, und der kleine Mann flöten ging.

Das hat mir den Rest gegeben, schrie er, auf den Tisch schlagend, und wem nicht noch! der ganzen Hafengasse, wie wir da waren! Zwischen den Fingern hatte er uns ja alle schon vorher, der verdammte Manichäer; aber nun konnte er fest zufassen und uns ausquetschen – so!

Und H. H. ergriff ein paar Zitronenschalen, die neben der Punschschüssel lagen, preßte sie in seiner roten Faust und warf sie wütend wieder auf den Tisch.

Ich bekam nun schlimme Dinge über den kleinen Mann im Giebelhause zu hören. Nach H. H.'s Darstellung hatte Herr Israel schon vor dem Kriege sämtliche Bewohner der Hafengasse zu seinen Schuldnern gehabt, so daß ihm die Hälfte aller Häuser thatsächlich gehörte; die andere habe er noch während des Kriegsjahres und in dem folgenden durch Angebote, denen die Leute nicht zu widerstehen vermochten, in seinen Besitz gebracht. Darüber dürfe man sich nicht wundern, wenn man bedenke, daß eine lange Reihe der großen Herren auf dem Lande ebenso von ihm ausgewuchert und ausgekauft worden wären, die freilich zum Teil noch auf ihren Gütern gesessen hätten, Eigentümer zum Schein, in Wirklichkeit Verwalter I. I.'s, der sie jeden Augenblick von Haus und Hof hätte jagen können. Denen in der Hafengasse sei es so gut noch nicht einmal geworden; sie hätten von Haus und Hof gemußt, da I. I. alles niederreißen ließ, um für sechs große Kornspeicher Platz zu schaffen, welche er einen neben dem anderen dahin bauen ließ, wo früher die fünfundvierzig Häuser mit ihren Höfen und Gärtchen standen. Auch der Wall sei abgetragen worden – alles Speicher vom Hafenthor bis zur Johanniskirche! Könne man es den armen Leuten verdenken, die so für ein elendes Stück Geld, das ihnen der Jude hinterher doch wieder aus der Tasche zu ziehen gewußt habe, um ihr Eigen gebracht waren, wenn sie sich nicht gutwillig in ihr Schicksal hätten finden und dem Manichäer nachträglich den Spaß versalzen wollen?

Und hier kam in der traurigen Geschichte eine Episode, die, der dabei Beteiligten willen, mein Interesse aufs schmerzlichste erregte.

Was ich aber aus den sich durchkreuzenden und zum Teil widersprechenden Berichten als Faktum herausschälen konnte, war folgendes:

Es hatte sich der Bewohner der kleinen, durch den Israelschen Spekulationsgeist aus ihrem jahrhundertelangen Schlafe erweckten Stadt eine fieberhafte Unruhe bemächtigt, an welcher freilich alle Gemüter teilnahmen, aber in sehr verschiedener Weise. Eine liberale Minorität, an ihrer Spitze selbstverständlich Professor von Hunnius, hatte sich für die Neuerungen und den großen Neuerer, in welchem sie den Wohlthäter und Regenerator der sonst ihrem Untergange entgegengehenden guten alten Stadt sahen, begeistert, während eine starke konservative Majorität aus eben diesen Neuerungen umgekehrt den Untergang der Stadt prophezeite, die ihnen nur, weil sie eine alte war und solange sie am Alten festhielt, eine gute deuchte. Der unermüdliche Vorkämpfer dieser Partei war der Pastor Renner von der Johanniskirche, der allsonntäglich gegen den Tanz um das goldene Kalb von der Kanzel donnerte und an den Wochentagen in seiner neugegründeten konservativen Zeitung (Redakteur Ernst Streben) für Gott, König und Vaterland gegen die neugegründete liberale Zeitung (Herausgeber Professor von Hunnius) und die goldene jüdische Internationale mit ihrem sogenannten christlichen, in Wahrheit atheistischen Anhang zu Felde zog.

Nachdem dieser Streit in Wort und Schrift lange genug gewütet, war denn geschehen, was, – ich mußte es annehmen – die Führer mindestens der einen Partei nicht bloß vorausgesehen, sondern gewollt und auf jede Weise ins Werk zu setzen sich bemüht hatten: der Streit war aus den Zeitungsbureaus und den Versammlungslokalen auf die Straße getragen worden, um dort endgültig ausgefochten zu werden.

Soweit war mir der Zusammenhang klar. Nun aber, als es an die Relation der Katastrophe ging, drohte, da alle zugleich sprachen oder zu sprechen versuchten, eine solche Verwirrung hereinzubrechen, daß ich mir die Bemerkung erlaubte, ob es nicht besser sei, vorläufig wenigstens dem Familienvater allein das Wort zu lassen.

Ich hätte aber den Mut zu diesem Vorschlage nicht gehabt, wenn der dicke Herr, je mehr er von dem »Franenzimmergetränk« zu sich nahm, nicht immer nüchterner geworden wäre. Vielleicht war es auch nur, daß die bei der Erinnerung so merkwürdiger und für ihn so verhängnisvoller Tage erwachende leidenschaftliche Teilnahme den Sieg über den Rausch davontrug. Jedenfalls blickte aus seinen verschwommenen Augen etwas von der alten Kraft und dem alten Trotz des Bürgers der weiland freien und Hansa-Stadt, als er, mir seine breite Gestalt voll zuwendend, sagte:

Haben ganz recht, Lothar! Was wissen die Frauenzimmer von Dingen, bei denen sie nicht zugegen gewesen sind, oder doch nicht Hand angelegt haben? Und Brinkmann da war immer ein alter scheuer Fuchs, der sich retiré hält, wenn's brenzlich wird; und gar Otto, der die ganze Geschichte nur aus den dämlichen Zeitungen kennt! Sie wissen alle nichts; ich aber weiß es, und so ist es gewesen.

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