Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
Schließen

Navigation:

XIV.

Zwei Stunden später sah das Wohnzimmer des Onkels eine kleine Gesellschaft beisammen. Adele und Pahlen waren soeben gekommen. Die Gefangenschaft des letzteren hatte etwas länger gedauert als die des Onkels infolge eines Meinungsaustausches zwischen der russischen Gesandtschaft und der diesseitigen Behörde, welcher damit endete, daß jene erklärte, an den weiteren Schicksalen des Grafen keinerlei Interesse zu haben, und dieser überlasse, ihre Maßnahmen bezüglich desselben nach eigenem Ermessen zu treffen. Das Ermessen hatte dann in seiner sofortigen Ausweisung bestanden. Mit Mühe hatte er, seine Angelegenheiten zu ordnen, Ausstand bis morgen früh erhalten, wo er dann mit dem ersten Zuge Berlin verlassen sollte, um sich vorläufig in die Schweiz zu begeben.

In einer Begleitung bis an die Grenze, fügte er lächelnd hinzu, die nicht ganz so unterhaltend ist, wie die Deine, liebe Adele; aber so sicher über mich wachen wird, wie Du es nur immer könntest.

Davon wollte Adele nichts wissen: sie traue nach dieser Seite niemand als sich selbst. Ihre paar Sachen seien längst gepackt; die Sorge für die Kinder werde bis zur Rückkehr der Mama Ellinor übernehmen. Es sei alles zwischen ihnen abgemacht.

Ellinor bestätigte es. Sie habe das Bedürfnis, zu zeigen, daß auch sie sich nützlich machen könne, wie die anderen Damen, von denen sie eigentlich noch immer wie ein halbes Kind behandelt werde. Ueberhaupt nehme sie niemand für voll mit Ausnahme des einen, an dessen guter Meinung ihr freilich alles gelegen sei.

Sie hatte sich dabei ihrem Vater in die Arme geworfen, der sie zärtlich an sich drückte. Es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich die beiden so sah. Und das Hochgefühl, das mich bei dem Anblick erfüllte, wurde wahrlich nicht verringert durch die Betrachtung, daß ich es war, der die geliebten Menschen wieder zusammengeführt: dem Vater die Tochter wiedergegeben hatte, die er so schmerzlich entbehrt; der Tochter den Vater, von dem man wohl sagen durfte, daß er zu jenen Auserwählten gehörte, die man nur zu erkennen braucht, um sie nie wieder entbehren zu können.

Wir wollten uns eben zu dem bescheidenen Abendbrot setzen, als Professor von Hunnius gemeldet wurde. Der eifrige Mann kam, nach seinem Lieblingsworte, »wie Nikodemus in der Nacht«; aber er hätte nicht schlafen können, ohne vorher »den Opfern polizeilicher Willkürherrschaft zu dem glücklichen Entrinnen aus der Löwengrube herzlichen Glückwunsch zu bieten«. Er gehöre ja freilich nicht zur »Partei«, wenigstens nicht zu dem »Flügel von der strikten Observanz«. Was thue das? Die Reaktion heize zur Zeit ihren Ofen so stark, daß demnächst wohl sämtliche liberale Parteien zu einem korinthischen Erz zusammenschmelzen würden.

Der wackere Herr hatte durch mich erst unlängst die Bekanntschaft des Obersten gemacht und sofort, wie das ja auch nicht anders sein konnte, eine herzliche Neigung zu dem herrlichen Mann gefaßt. Als dann bei der letzten tragischen Wendung, welche das Schicksal desselben nehmen zu wollen schien, auch sonst wohlgesinnte Blätter ihn fallen ließen und sich feierlich vor jeder Gemeinschaft mit einer »maß- und vaterlandslosen Demagogie« verwahrten, hatte er fest zu ihm gestanden und in seiner Zeitung gesagt, man wolle doch vorderhand abwarten, ob es sich nicht wieder einmal um »ein Bubenstück« handle, »ersonnen, einen ehrlichen Mann zu verderben.« So waren wir alle ihm zu Dank verpflichtet; aber auch sonst war uns seine Gesellschaft willkommen. All das Traurige und Schreckliche, das uns in den letzten Wochen betroffen, – jetzt wieder der frische Tod Ulrichs, – die bevorstehende Trennung von Adele und Pahlen auf vorläufig unabsehbare Zeit – es lastete auf uns schwerer, als wir uns in dieser Abschiedsstunde eingestehen mochten, in der wir uns so gern, wenn nicht frohe, so doch gefaßte, hoffnungsgetroste Mienen gezeigt hätten. Uns diesen Alp von den Seelen zu wälzen, dazu war der streitbare, sanguinische, immer in der Zukunft lebende Professor der rechte Mann. Nicht, als ob ihm Ulrichs Tod nicht zu Herzen gegangen wäre! Er erklärte, stets eine ehrliche Sympathie für den mutvollen Jungen gehabt zu haben, ein wie mittelmäßiger Schüler derselbe auch gewesen sei. Aber, wenn er aufrichtig sein dürfe – ohne damit hoffentlich die Gefühle eines der Anwesenden zu verletzen – so müsse er gestehen, daß ihn die weitere Entwickelung des moralisch so tüchtig und auch geistig nicht übel Veranlagten und weiter: sein jetziges vorzeitiges beklagenswertes Ende nicht eigentlich überrascht habe und überrasche. Man könne eben nicht zweien Herren dienen: sich nicht für ein Königtum von Gottes Gnaden, Lehns-Stände, Innungswesen und sonstige mittelalterliche Velleitäten gemütlich engagieren und zugleich wissenschaftlich Nationalökonomie treiben wollen. Das deute auf eine Unklarheit des Kopfes, zu der dann ja eine unklare Moral und mit derselben eine unsichere, widerspruchsvolle Lebensführung die notwendigen Korrelate seien. Ein so herrliches Gemüt, das im Grunde jeder Kreatur wohlgegewollt habe, und dazu die Duellmanie, die den von ihr Befallenen zwinge, mit jedem anzubinden, der den vieldeutigen Begriff der Ehre anders aufzufassen sich erlaube! Und wie oft habe die Ehre mit der Sache gar nichts zu schaffen, sondern es handle sich um des Kaisers Bart und noch viel windigere Dinge! Ja, käme doch bei dem Spiel – wenn es eines wäre! – noch heraus, was seine Verehrer ihm nachrühmten: daß es für das Vaterland sei; daß es Männer zeitige, wie sie das Vaterland, die Nation, wie sie das handelnde Leben brauche! Daß sich Gott erbarm! Wo säßen denn im Parlamente die Jasager und die den Kopf duckten, sobald Jupiter omnipotens mit den Brauen winke! Wo fänden sich denn die Streber, die Karrieremacher um jeden Preis, bei dem natürlich das bißchen darangegebene Ueberzeugung, als ein ausgehöhlter Markknochen, weiter keine Rolle spiele! Manneswürde, Mannesmut! fürwahr! Nur daß das Leben von dem Manne eine Würde und einen Mut fordere, denen noch ganz andere Gefahren drohten, als ein scharfer Säbel oder eine gezogene Pistole; eine Würde und einen Mut, die man nur aus der Tiefe seiner auf gewissenhaften Studien ruhenden Ueberzeugungen, aus einer Moral, die Gott allein die Ehre gebe, schöpfen, nimmermehr aber sich vom Fechtboden holen könne; und von denen deshalb die Philosophie der Mensurhelden sich nichts träumen lasse!

Der alte Herr hatte sich für sein Temperament schon viel zu lange bei demselben Thema aufgehalten und zog mich in die Ecke, um mir verschiedenes Neues mitzuteilen, das mich interessieren würde. Zuerst aus einer Zeitung, die er mitgebracht hatte, – seine Taschen staken immer voll von Zeitungen und Broschüren – und in deren Theaterberichten – da unten in der Ecke rechts, das Rotangestrichene! Lesen Sie! Oder lassen Sie mich es Ihnen vorlesen: ich habe dann noch einmal meine Freude daran: »Endlich wieder unser! – man wird sich erinnern, daß er sich die ersten Sporen auf unsrer Bühne geholt hat, er, von dem wir damals schon behaupteten, daß in ihm ein Künstler allerersten Ranges stecke: Joseph Lamarque! Darüber ist seit heute abend – wir schreiben diese Zeilen nach der Vorstellung, uns für morgen eine ausführliche Besprechung vorbehaltend – nur eine Stimme. Vielleicht nicht ebenso über das Stück, in welchem der große Meister – nun ja: die Kühnheit hatte, bei uns zu debütieren, nachdem dasselbe, wie man weiß, in Berlin einen so durchschlagenden – Mißerfolg erlebt. Aber sagen wir es frei heraus: wir beneiden die hauptstädtische Kritik nicht um ihren Scharfsinn und bedauern ein Publikum, das sich von einer solchen Kritik ins Schlepptau nehmen lassen konnte. Das Stück hat seine Mängel – und wir werden dieselben morgen nicht bemänteln – aber wir behaupten und werden es beweisen, daß eine Tragödie wie der »Thomas Münzer«, welche nicht bloß dem Darsteller der Titelrolle, sondern fast allen Beteiligten solche Gelegenheit bietet, ihre beste Kunst zu entfalten, kein Meisterwerk zu sein braucht, aber unmöglich invita Minerva geschrieben sein kann.« –

Was sagen Sie? krähte der kleine Mann, das Zeitungsblatt zusammenfaltend: bevor die Schuh verbraucht – ein entsetzlicher Mensch in seiner wilden Energie – Edmund im Lear, he? – und dem Sie doch zu Dank verpflichtet sind. Er hält's durch, glauben Sie mir! Er bringt Ihr Stück, an dessen endlichem Erfolg ich nie gezweifelt habe, zu Ehren – den gebührenden Ehren. Erinnern Sie sich: auf Ihrem Giebelstübchen? – Was habe ich da gesagt? Wahrlich, Ihr alter Lehrer war Ihr erster Prophet. Freilich Jettchen Israel – guter Gott, wie würde sich das liebe Kind gefreut haben, hätte sie das noch erlebt! Apropos Israel – ich meine Emil! – Wissen Sie, daß er entschlossen ist, in unsre gute dumme alte Stadt zurückzukehren – mit der Mutter natürlich und ohne seine Lea selbstverständlich, die sich von ihm scheiden lassen und als Missis Alfred Simmen, ein Stern ersten Ranges, durch den Londoner Nebel glänzen wird? Habeat sibi! – Uebrigens findet jetzt eine vollständige Aus-, vielmehr Rückwanderung statt nach unserm Krähwinkel – es könnte wirklich so heißen – erinnern Sie sich der schwarzen Schwärme um den Nikolaiturm? – Auch die Hopps! – der Alte ist tot – vorgestern in der Charitee – Delirium – es ging sehr schnell – man darf wohl sagen: Gott sei Dank – um der Familie willen, die jetzt an dem braven Brinkmann – der treuen Seele – erst die rechte Stütze haben wird. Auch Christine wird bei der Karawane sein. Sie wollte anfangs nicht; aber ich habe ihr kräftig ins Gewissen geredet – sie hat nämlich eines – das arme Ding – wenn es auch zuletzt ein bißchen sehr verwildert war. Ein Strandvögelchen, das durchaus aufs hohe Meer wollte, wo es nichts zu suchen hatte und elend umgekommen wäre! Nun, ich denke, wir retten es noch. Habe auch schon eine Partie für sie in petto – der junge Papendiek aus der Schmiede in der Hafengasse – kreuzbraver Junge – und der sie immer gern gemocht – aber ich halte Sie auf, Sie wollen zu Tisch gehen. Ich soll bleiben? – Unmöglich! habe noch für die halbe Nacht zu arbeiten! I nun, Sie werden mich ja nicht die ganze hier behalten, und das Schlafen habe ich mir, Gott sei Dank, so gut wie abgewöhnt. Wo soll ich sitzen? Zwischen den Damen! die Perle im Golde! Apropos Perle! Unsre von Meppen glänzte heute einmal wieder in ihrem reinsten ultramontanen Licht. Wenn das unsern Kirchenpolitikern nicht die Augen beizt, so müssen sie staarblind sein, was denn freilich leider mit meiner Prognose stimmen würde.

 << Kapitel 45  Kapitel 47 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.