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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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XII.

Meine Mutter hatte dem Herzog geschrieben, daß sie vorerst allein von ihm empfangen zu werden wünsche. Ich wußte also, warum der uns durch die Halle voranschreitende Haushofmeister, die Thür zu einem der Kabinette öffnend, nur mich mit einer Verbeugung zum Eintreten aufforderte, während er mit einer zweiten Verbeugung zu meiner Mutter sagte: Hoheit erwartet die gnädige Frau in dem Marmorsaal.

In dem Marmorsaal! So hatte er also meine Mutter in demselben Raum empfangen wollen, in welchem sie sich damals zum letztenmal gesehen hatten! Es war das eine seltsame Wahl, deuchte mir, die eine freundlich ruhige Begegnung von vornherein unmöglich zu machen schien. Oder war das eben die Absicht gewesen? Hatte er gerade an die Vergangenheit anknüpfen und Erinnerungen wecken wollen, von denen er hoffte, daß er sie zu seinen Gunsten verwerten könne – trotz alledem? Nun, wenn ich es noch nicht gewußt hätte, ich wußte es jetzt: meine Mutter stand seinen Hoffnungen und Wünschen, welche dieselben nun sein mochten, zu hoch; und, wie sie mich zu dieser Begegnung, deren letzter Zweck mir jetzt völlig rätselhaft geworden war, gewappnet hatte, so war sie gewappnet.

Dennoch schritt ich unruhig, ungeduldig in dem langgestreckten Gemach auf und ab, durch dessen einzige große Fensterthür der letzte Abendschein fiel. Es war dieselbe Tageszeit, in welcher ich damals aus dem Walde gekommen und dann ihm und Adele dort im Park begegnet war. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuschte, war dies sogar dasselbe Gemach, in das Adele, als sie den Herzog und mich auf der Rampe verließ, gegangen, und aus welchem sie hernach herbeieilte, als die Scene zwischen ihm und mir jene lächerliche Wendung nahm, die in so fürchterlicher Tragik enden sollte. Dann aber war der Raum nebenan der Marmorsaal!

Ich kehrte vom Fenster wieder um nach der einzigen Thür, welche die beiden Räume verband. Die weiße vergoldete Thür mußte während der zwei Jahrhunderte, die sie in den Angeln hing, ihre Dichtigkeit eingebüßt haben – ich hörte deutlich nebenan sprechen: die tiefe, etwas rauhe Stimme des Herzogs, jetzt die wohltönende, klare der Mutter; dann wieder die seine mit einer mühsam unterdrückten Heftigkeit, wie mir schien, die mir das Blut zum Herzen trieb und mich an die Thür bannte, entschlossen, für meine Mutter einzutreten, mochte es dann kommen, wie es wollte. Sie hatte wieder das Wort:

Noch einmal: Adele ist schuldlos. Mich und mich allein trifft die Verantwortung. Ich habe ihren widerstrebenden Händen diese Waffe entrissen. Ob ich es mußte? Mag Ihr Gewissen Ihnen darauf die Antwort geben! Hier sind die Papiere. Sie sind durch niemandes Hände sonst gegangen; Hoheit sind und bleiben der patriotische Fürst, auf den auch nicht der Schatten des Verdachtes einer schwachen unpatriotischen Stunde fallen kann. Und nun, Hoheit, da ich mein Versprechen in der von Ihnen ausbedungenen Weise erfüllt, da ich Ihnen diese Blätter, die Sie auch nicht einmal der Post anvertraut wissen wollten, selbst gebracht und in Ihre Hände gelegt habe, – –

Der Herzog fiel hier ein mit leiseren Worten, aus denen ich nur meinen Namen herauszuhören glaubte, bevor ich die Thür, an der ich – der Himmel weiß es! – zum unfreiwilligen Lauscher geworden war, verließ und nun wieder nach dem Fenster eilte, gegen das ich die glühende Stirn drückte.

Ich weiß nicht, wie lange ich so gestanden bin. Dann vernahm ich einen Schritt hinter mir. Ich wandte mich – es war der Herzog.

Noch immer der alte Träumer?

Seine Stimme hatte dabei leicht gebebt, und so bebte seine Hand, die er mir jetzt reichte. Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich erst deutlich sein Gesicht. Es schien mir sehr gealtert; oder hatte nur die Erregung, in welcher er sich so sichtlich befand, ihm diese tiefen Furchen in Stirn und Wangen gezogen und die Augen mit so dunklen Rändern umgeben? Auch mußte ich noch gewachsen sein, oder war seine Haltung nicht mehr die straffe von sonst: ich hatte, als wir einander jetzt mit unsicheren Blicken in die Augen sahen, seine volle Höhe. Er bemerkte es ebenfalls und sagte mit einer bezeichnenden Bewegung, gezwungen lächelnd: Sie haben sich dazu gehalten, wahrhaftig! – Der Kaiser ist – dabei berührte er leise meinen rechten Arm – um einen stattlichen Gardeoffizier gekommen. Aber lassen Sie uns zu Ihrer Frau Mutter gehen! Sie erwartet uns.

Er schritt mir voran – auch sein Schritt war schwerer und doch nicht mehr der alte kräftige – durch die nun offen stehende Thür in den Marmorsaal, wo meine Mutter in der Nähe des großen Tisches mit der prächtigen Mosaikplatte, der ziemlich die Mitte des Raumes einnahmen einem Fauteuil saß. Ich warf einen hastig prüfenden Blick in ihr Gesicht: es war sehr ernst, fast traurig; aber ohne einen leisesten Zug von Befangenheit oder Erregung. Gott sei Dank!

Der Herzog hatte ihr gegenüber wieder seinen Platz eingenommen, während ich zwischen beiden, aber näher an meiner Mutter, zu sitzen kam. Es schien sich eine gleichgültige Unterhaltung anspinnen zu wollen, wie ich das bei dem Herzog gewohnt war, bevor er an sein eigentliches Thema kam. Denn das konnte doch wohl schwerlich mein »Thomas Münzer« sein, von welchem er jetzt zu sprechen begann. Ich hatte auf Lamarques Rat das Stück »den Bühnen gegenüber als Manuskript« drucken lassen; es war dem Herzog von seinem Intendanten vorgelegt worden. – Natürlich! wie würde ich denn ein Stück nicht lesen, das zum guten Teil mir gehört, – ohne damit der Originalität des Autors zu nahe treten zu wollen, gnädige Frau! Ich weiß nicht, ob Ihnen Lothar erzählt hat, wie wir seiner Zeit das Ganze und jede einzelne Scene durchgesprochen haben, worauf sich denn allerdings meine Mitarbeiterschaft beschränkt. Was freilich nicht ausschließt, daß ich eben alles selbst geschrieben zu haben glaube, besonders den fünften Akt.

Ich verbeugte mich, innerlich auf das peinlichste berührt von dem gesellschaftlich glatten Ton, in welchem er sprach, offenbar nur, um zu sprechen, noch dazu so haltlos unwahre Dinge. Das Stück war ganz nach meinem alten, von ihm völlig verworfenen Plan wiederhergestellt worden; und gerade der fünfte Akt das genaue Gegenteil von dem, worauf er hinausgewollt hatte. Ich wagte nicht, meine Mutter anzusehen, die den Sachverhalt genau kannte.

Haben Sie etwas Neues unter der Feder?

Ich nannte den Titel eines Trauerspiels, an welchem ich, während Lamarque den Münzer inscenierte, zu arbeiten begonnen hatte.

Das ist brav! Nur sich nicht durch die Herren Kritiker abschrecken lassen, von denen neun unter zehn gar keine Meinung haben – man müßte denn die pure Böswilligkeit so nennen; und der zehnte, der sich etwa einer erfreut, hat wieder nicht den Mut seiner Meinung. Da ist denn freilich unser junger Freund hier von anderem Schlage, und er hat es mir bewiesen.

Er hatte sich dabei zu meiner Mutter gewandt, über deren ernstes Gesicht der flüchtigste Schimmer eines höflichen Lächelns flog.

In der That! sagte sie.

In der That! rief der Herzog. Sie müssen nämlich wissen, gnädige Frau, daß ich die kleinen lyrischen Allotria, mit denen ich, wie Sie sich vielleicht erinnern, meine paar müßigen Stunden zu vertreiben pflege, hatte zusammendrucken lassen – in usum Delphini! Will sagen: um unserm jungen Freunde Gelegenheit zu geben, das kritische Richteramt, welches ich so oft mit freundlicher Grausamkeit gegen ihn übte, auch einmal gegen mich in Anwendung bringen zu können. Ich versichere Sie, daß ich meinen Zweck vollkommen erreichte; und er mir darob eine Lektion erteilte, die ich natürlich mit dem Stirnrunzeln der gekränkten Dichtereitelkeit entgegennahm, – wahrlich ein Triumph mimischer Kunst in anbetracht der herzlichen Freude, die ich empfand, ihn als Kritiker so brav zu finden, wie als Dichter. Erinnern Sie sich, Lothar?

Wie könnte ich es vergessen haben, Hoheit! murmelte ich.

Die kleine Scene spielte sogar hier in diesem Zimmer, fuhr er fort; das damit zu den gemeinschaftlichen Erinnerungen, welche mir mit Ihrer Frau Mutter auszutauschen vergönnt war, eine weitere hinzugefügt hat.

Seine Stimme hatte bei den letzten Worten wieder den erregten Klang von vorhin; ich wußte, daß er jetzt in sein wirkliches Thema eingetreten war.

Es ist mir ein wahrer Schmerz gewesen, fuhr er fort – in demselben Tone, der vergeblich nach Sicherheit rang, – daß gerade diese Erinnerung für Ihre Frau Mutter keine erfreuliche war und sein konnte. Ich gestehe, ich wußte das zum voraus. Aber es war mir ein Herzensbedürfnis, Ihrer Frau Mutter gerade an dieser Stelle noch einmal zu danken für den Sonnenschein, welchen ihre Freundschaft in das Leben eines einsamen glücklosen Mannes gebracht hat; ihr zu sagen, daß ich auf diese Freundschaft stolz war und bin und immer sein werde, hoffend und bittend, sie möge mir dieselbe nimmer entziehen. Es hat Ihrer Frau Mutter nicht gefallen, die Vorschläge zu genehmigen, welche ich mir verstattete, ihr vor einiger Zeit zu unterbreiten, und deren Tendenz wesentlich dahin ging, mir die Abtragung einer alten Schuld; Ihnen aber und mir, lieber Lothar, eine Wiederanknüpfung der herzlichen Beziehungen zu ermöglichen, die einst zwischen uns bestanden, und die ich ebenfalls zu den wenigen Lichtmomenten meines Lebens zähle. Ihre Frau Mutter wird mir nicht zürnen, wenn ich ausspreche, daß die Gründe, welche sie gegen meine Propositionen geltend gemacht, mich nicht überzeugt haben. Aber Ihre Frau Mutter hat hier zu entscheiden, nicht ich; und ich bescheide mich, wenngleich trauernden Herzens. Müssen wir, die wir das Unglück haben, Fürsten zu sein, uns doch von frühauf bescheiden lernen! Ich hatte Ihre Frau Mutter gebeten, diesen Empfindungen in Ihrer Gegenwart, lieber Lothar, Worte leihen zu dürfen. Indem sie mir die Erlaubnis dazu gewährte, hat sie mir freilich in erster Linie eine Wohlthat erwiesen; aber ich sollte meinen, auch sich selbst und Ihnen, lieber Lothar – uns allen eine Stunde bereitet, welche das Geschehene nicht ungeschehen macht, aber uns doch die Kraft gibt, fortan ohne Bitterkeit desselben zu gedenken. Noch einmal, gnädige Frau, ich danke Ihnen!

Er hatte, sich weit überbeugend, die Hand meiner Mutter ergriffen und an seine Lippen gezogen. Mein Herz krampfte sich zusammen. Wie gut, wie rührend hatte das geklungen! Und doch – fürchterlich, es zu denken: grauenvoll, es sich sagen zu müssen: es waren Worte, Worte – Worte! –

Meine Mutter hatte sich erhoben; wir uns mit ihr. Sie war sehr bleich, und während der Herzog nun auch mir zum Abschiede die Hand gab, ruhten ihre schönen Augen auf uns mit einem Ausdruck, der mir durch die Seele schnitt. Es mußte ja sein; aber – mein Gott, sie wäre kein Weib gewesen, wenn sie das entsetzlich Herbe dieser Scheidung für immer nicht grausam empfunden hätte!

Im nächsten Moment hatte sie aber auch bereits die volle Herrschaft über sich wiedererlangt.

Ich habe Hoheit gebeten, sagte sie, sich halb zu mir wendend, uns zu erlauben, die Gastfreundschaft, welche er uns anzubieten die Güte hatte, ausschlagen und sofort zurückkehren zu dürfen. Der kurze Spaziergang durch den Park nach der Mühle, wo der Wagen uns erwartet, wird uns eben nicht aufhalten. Ich habe Hoheit ersucht, uns diesen kleinen Umweg zu verstatten, um ein paar alte Freunde begrüßen zu können, die es mit Recht schwer empfinden würden, gingen wir scheinbar teilnahmlos an ihnen vorüber.

Auf eine Bewegung, die sie machte, hatte ihr der Herzog den Arm gereicht und führte sie so über den Marmorboden der mittleren der drei mächtigen Fensterthüren zu. Indem ich ihnen langsam folgte, schweiften meine Blicke unwillkürlich durch das weite Gemach, das ganz wie damals vom letzten Abendschein und von dem Licht der Lampen, welche erst jetzt, bei tiefer herabsinkender Dämmerung, zu wirken begannen, erfüllt war. Die rötlich blitzenden Reflexe von den Kanten der breiten goldenen Rahmen; die Gesichter bärtiger Männer und schöner Frauen, die aus dem dunklen Hintergrunde auf mich herab und mir nachzublicken schienen, als gehörte ich zu ihnen, und sie wollten mich zurückrufen; die hohen Gestalten, die eben noch grau und gleichgültig auf ihren hohen Piedestalen gestanden hatten und jetzt an zu gleißen fingen wie schöne lockende Gespenster-Traum meiner Kindheit, muß ich Dich noch einmal träumen? zum letztenmale? Laß es das letzte Mal sein! Es ist ein schwermütiger Traum, und wenn ich ihn träume, werden mir die Augen feucht.

Und so durch den Flor, der über meinen Augen hing, sah ich ihn, als er am Fuße der Treppe meiner Mutter noch einmal die Hand geküßt hatte, und nun die Stufen wieder hinaufstieg, langsam, vornüber gebeugt, als trüge er eine Last, die selbst für seine mächtigen Schultern zu schwer war.

Und ich wußte, die Ahnung täuschte mich nicht: es sollte das letzte Mal sein – ich würde ihn nicht wiedersehen!

Wie wir dahin gekommen sind – ich weiß es nicht. Aber da ist der dunkle Wasserberg, über den weiße Streifen rinnen, und in welchem etwas, das noch dunkler ist als er, sich unaufhörlich dreht. Und unter uns weg schießt der wirbelnde, schäumende Schwall so mächtig, daß der Steg, auf dem wir stehen, zittert – der schmale Steg, welcher eine dünne an den beiden Enden und einmal in der Mitte gestützte Stange zum Geländer hat, über die man sich nur zu lehnen braucht, um mit ihr hinabzustürzen in den siedenden Schwall.

Und wieder halten mich zwei weiche Arme umschlungen, aber jetzt, um mich an ein klopfendes Herz zu drücken, aus dem ein Weinen bricht, das die mühsam zurückgehaltene Thränenflut auch in mir entfesselt.

Hast Du mir wirklich verziehen?

Mutter!

Auch was ich in meiner Verblendung an dem guten Manne gethan, der Dir tausendfach den ersetzte, welcher Dich und mich da hinabstieß?

Geliebte Mutter!

Als wir uns eines aus des anderen Armen lösten, schien uns eine lichte Klarheit zu umfließen von dem letzten Sonnengolde, das eben am Horizonte machtvoll aufglänzte.

Und Hand in Hand schritten wir den beiden alten Leuten entgegen, die einst die Mutter mit ihrem Kinde gerettet hatten und dort in bescheidener Entfernung am Mühlsteg der Freunde harrten.

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