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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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XI.

Bereits seit einer halben Stunde rollten wir in der Hofequipage, welche meine Mutter nicht ohne ein inneres Widerstreben schließlich angenommen hatte, auf der glatten Straße nach Schloß Bellevue.

Es war ein wundervoller Tag. Der Frühling hatte während der letzten Woche sein buntes Panier siegreich entfaltet, hier, wo in dem von bewaldeten Bergen umschlossenen Thale alles so gern seiner milden Herrschaft huldigte. Die Hecken an den Wegseiten waren zubelaubt; die Riesenblätterknospen der Kastanien wollten sich bereits öffnen; auf den Feldern nickte fröhlich die junge grüne Saat, über der aus dem blauen, nur mit einzelnen weißen Wölkchen betupften Himmel unsichtbare Lerchen sangen. Zwischen den im Sonnenlicht wie Bronze glänzenden Stämmen des Buchenwaldes, dem wir entgegenfuhren, schimmerte unter den noch braunen Kronen das Unterholz im lichten Grün wie flatternde Mädchenkleider –

Ein wundervoller Tag – einer jener Tage, an welchem es dem Menschen – dem jungen zumal – so schwer wird, durch all den Glanz und Schimmer in die dunklen Tiefen zu blicken, aus denen das Leben steigt, in die es wieder versinken wird. Die dunklen Tiefen, in die ich nur eben abermals hatte schauen müssen, als ich das Brieffragment Marias las, das ich zu mir gesteckt hatte. Und gegen das jetzt mein klopfendes Herz schlug, wie ein Gefangener gegen die Thür, die ihn ausschließen will vom Leben und vom Licht. Wenn sie nicht unerbittlich wäre, diese Thür! Wenn sie sich aufthäte – der Wilde, Gute, Edle am Leben bliebe! Auf der Schwelle dieses neugeschenkten Lebens Maria, seine Hand zu erfassen mit ihrer reinen starken Hand! Den Ungestümen fortan zu leiten empor den sicheren Pfad zu den lichten Höhen, auf denen sie selbst weilte; er sich zu regen, zu bethätigen, wohlig zu fühlen lernen würde an ihrer Seite! Konnte es denn nicht sein?

Ich hatte es nicht laut gesagt; aber meine Mutter hatte mit dem Hellblick einer liebenden Seele aus meinen Augen gelesen, was meine Seele bewegte.

Du denkst an Maria und Ulrich, sagte sie.

Ja, Mutter.

Und Dein gutes Herz schwelgt in dem Gedanken, sie vereinigt zu sehen?

Ich nickte stumm.

Trotzdem Dein Verstand Dir sagt, daß es unmöglich ist.

Weshalb unmöglich? stammelte ich. Vorausgesetzt, daß er am Leben bleibt. Es ist doch nicht alle Hoffnung verloren.

Ich habe wenig Hoffnung, sagte meine Mutter. Aber gesetzt, er bleibt am Leben – ich wiederhole: eine Vereinigung zwischen ihnen ist unmöglich, sofern etwas, das einen tödlichen Widerspruch in sich trägt und deshalb keine Lebensfähigkeit hat, unmöglich ist. Ich habe Deinen Freund ja nicht persönlich kennen gelernt; aber ich glaube, ich habe mir sein Wesen völlig klar gemacht: er gehört zu den Menschen, für die es keine Kompromisse gibt. Und genau zu diesen Menschen gehört Maria, wenngleich aus einem ganz anderen Grunde. Dein Freund könnte keine Kompromisse machen, weil er die Möglichkeit, daß man die Sache auch von der anderen Seite ansehen kann, gar nicht zugibt; Maria nicht, gerade weil sie auch die andere Seite sieht, aber so klar, so vollständig, daß sie zugleich die Unmöglichkeit sieht, beide Seiten zu vereinigen.

Dann, sagte ich, hat aber doch das Wort des Dichters, daß der Irrtum das Leben und – füge ich hinzu: – die Liebe ist, und das Wissen der Tod, für uns, die wir leben und lieben, etwas tief Beschämendes.

Ich hatte es nicht ohne einige Bitterkeit gesagt; aber meine Mutter schien es nicht zu bemerken. Auf ihren schönen Zügen lag ein Ausdruck von herber Strenge, den ich nie zuvor gesehen.

Wir schwiegen eine Weile; dann hob sie von neuem an:

Du hast mich nicht fragen wollen – was mich denn eigentlich zu diesem Besuch veranlaßt hat. Möchtest Du es nicht wissen?

Aber, Mutter, erwiderte ich, was kann das anders sein, als der so begreifliche Wunsch des Herzogs, Dich wenigstens noch einmal zu sehen – ein Wunsch, den auszusprechen er jetzt den Mut hatte, nachdem er für unsre lieben Gefangenen, die ja hoffentlich in diesem Moment schon auf freiem Fuße sind, mit solchem Eifer, mit so rückhaltloser Großmut eingetreten ist? Ein Wunsch, den zu gewähren Du jetzt nicht umhin konntest, da es die einzige Form war, in welcher er unsern Dank entgegennehmen wollte? Das ist ja alles so klar. Es bedarf keines Kommentars, wenigstens nicht für mich.

Und Du findest keinerlei Widersprüche in dem Text?

Meine Mutter hatte sich voll zu mir gewandt; ihre großen leuchtenden Augen ruhten so fest auf mir, ich mußte unwillkürlich die meinen senken.

Wie meinst Du das? fragte ich unsicher.

Ich meine nur, erwiderte sie, ich halte es für möglich, daß der Herzog auf eben die Vorschläge, welche er mir schriftlich gemacht hat, heute in dieser persönlichen Zusammenkunft, die anfangs völlig außer meiner Berechnung lag, zurückkommt mit der Wärme, die Du an ihm kennst, wenn es sich um einen Wunsch handelt, den er verwirklichen möchte – er ist es ja gewohnt, daß seine Wünsche Wirklichkeiten werden! – und mit der Beredsamkeit, die ihm in solchen Augenblicken zu Gebote steht? Bist Du ganz sicher, meine Ohren und mein Herz werden gegen diese warme Beredsamkeit verschlossen bleiben? Ganz sicher, daß die Erinnerung seliger Stunden, die er nicht einmal wachzurufen braucht, da ich sie mit der Luft einsauge, welche ich hier atme; daß die, sobald ich will, verbürgte Aussicht einer Zukunft, an die ich einstmals Sinn und Herz, mein Leben selbst gesetzt habe, mich nicht berücken werden? Was ich auch erfahren und erlitten – ich bin doch nur ein Weib.

Aber Du bist meine Mutter, rief ich, die ich über alles liebe; und von der ich weiß, daß sie mich liebt. Und die wiederum weiß, daß sie mich verlieren würde, wie ich sie, wenn – Mutter, warum sprichst Du so? Es kommt ja nicht aus Deinem Herzen. Weshalb auch nur zum Schein in Frage stellen, was ja für uns ein für allemal entschieden ist? Oder wäre es möglich, daß Du an mir, an meiner Festigkeit zweifeltest? Was habe ich gethan, um das zu verdienen?

Du hast ihn sehr geliebt; sagte meine Mutter sanft.

Konnte ich anders? rief ich. Und hat es mich verhindert, mich von ihm zu reißen, als ich fühlte, daß ich mich selbst verlieren würde, meine Seele verkaufen müßte, wenn ich mich halten ließ?

Damals! sagte meine Mutter. Aber Du bist jetzt ein anderer geworden: aus dem halben Knaben, der vor der Versuchung floh – mit Recht, fühlend und wissend, daß er ihr auf die Dauer nicht widerstehen könnte – ein Mann, der keine Gefahr zu scheuen braucht. Und kann denn nicht auch er ein anderer geworden sein? Mit dem es sich leichter und sicherer leben läßt? Ja, muß er nicht ein anderer geworden sein? er, der, wie Du noch eben selbst gesagt, mit rückhaltloser Großmut handeln kann, die ihm wohl recht schwer geworden ist zu üben gegen einen Pahlen, den Revolutionär, den Räuber seines geliebtesten Kindes?

Aber, rief ich, verdanken wir die Befreiung unsrer Lieben nicht seinem Eifer? seiner Vermittlung?

Du hast mir auf meine Frage nicht geantwortet.

Ob ich jetzt an seiner Seite leben könnte, vorausgesetzt, daß er ein anderer geworden wäre?

Das war meine Frage.

Und hier hast Du meine Antwort: ich glaube nicht, daß er ein anderer geworden ist. Ich will es nur gestehen: ich habe ihn der Großmut, die er in diesem Falle geübt, nicht für fähig gehalten. Er hat sie geübt, und ich danke ihm dafür aus vollem Herzen; aber bewiesen ist für mich dadurch nichts, als was ich längst wußte: daß er edler Wallungen wohl fähig ist, nimmermehr der tiefen, andauernden, unerschütterlichen Liebe des Großen, Guten und Schönen, für die ich an dem herrlichen Onkel das leuchtende Beispiel und Vorbild habe.

Auch der Oberst hat manche Wandlungen durchmachen müssen, bevor er zu dem Punkte gelangte, auf dem er jetzt steht.

Aber er ist dahin gelangt, und der andere wird es nie. Auch kann ich die Wandlungen, die der Onkel durchgemacht haben soll, in dem Sinne, welchen Du damit zu verbinden scheinst, nicht zugeben. Eines hat sich nie bei ihm gewandelt: sein heiliger Ernst und Wille, sich in das Rechte zu denken. Und ich meine, darauf kommt es an – zuerst und auch zuletzt. Ich möchte lachen, Mutter, daß ich Dir das alles hier sage, wie ein Knabe; dem seine Lektion abgehört wird. Habe ich sie ordentlich gewußt, Mutter?

Ich hatte mein Gesicht dem ihren genähert. Sie drückte mir einen herzlichen Kuß auf die Lippen und sagte, nun wieder mit ihrem anmutigen Lächeln, das aber doch nicht ohne Schwermut war:

Ganz ordentlich, mein lieber Junge, ganz ausgezeichnet. Und zur Belohnung will ich Dir erzählen, womit ich Dich nicht behelligen wollte, solange es vor sich ging, und noch alles von heute auf morgen im Ungewissen lag. Auch ist es schon deshalb nötig, daß Du es weißt, weil in Deiner Gegenwart die Rede darauf kommen könnte, und er nicht wohl verstehen würde, warum ich von diesen Vorgängen vor Dir ein Geheimnis gemacht habe.

Vielleicht werde ich es dann selbst verstehen, erwiderte ich. Ich darf es jetzt wohl sagen: es hat mich ein wenig gekränkt, daß Du in dieser ganzen Angelegenheit meiner Mitwirkung so völlig entraten mochtest.

Nicht so völlig, sagte meine Mutter. Denn das beste, die Hauptsache, auf die eigentlich alles ankam, verdanken wir doch Dir: die Sicherheit, mit der Du die Vermutung aussprachst, daß Weißfisch das Aktenstück gestohlen habe. Stand dies einmal fest, ergab sich der Plan, den ich daraufhin entwarf, und den ich mit so viel Glück bis zu Ende verfolgt habe, von selbst. Wir haben uns, wie Du Dich erinnerst, den Kopf zerbrochen, was den Menschen zu dem Diebstahl bewogen haben könnte. Das Rätsel wird einfach durch die Thatsache gelöst, daß er, ohne jemals aufgehört zu haben, ein Agent des Herzogs zu sein, zugleich ein viel beschäftigter und gut bezahlter Spion unsrer Polizei gewesen ist.

Ich fühlte, daß ich bei dieser Enthüllung, die meinem Mangel an Menschenkenntnis ein so niederdrückendes Zeugnis ausstellte, ein klägliches Gesicht machte. Aber die gütige Mutter schien es nicht zu bemerken, sondern fuhr ruhig fort:

Du begreifst, wie bequem er es infolgedessen hatte, Dir gegenüber zuerst den Bettler, dann den uneigennützigen Diener zu spielen. Für ihn nun fielen seine beiden Aufgaben: die öffentliche und die private gewissermaßen zusammen von dem Augenblicke an, als Du zu dem Oberst gezogen warst. Beobachtete er Dich auf eigene Hand, hatte er amtlich den Oberst zu überwachen, den man hartnäckig für den Verfasser jener ersten Broschüre Adalberts hielt, ohne natürlich den Beweis dafür liefern zu können. Aber der Beweis mußte herbei. Ein Vorwand, sich in Abwesenheit des Oberst bei Dir zu introduzieren, war bald gefunden; und während der Mensch in dem Studierzimmer scheinbar auf Dich wartete, – sicher vor jeder Störung, denn sein Helfershelfer hielt Dich ja oben fest, – machte er sich mit den Diebesinstrumenten, die er bei sich führte, über den Schrank, von welchem er annahm, daß derselbe das Beweismaterial, womöglich in Form des Originalmanuskripts der Broschüre enthalten werde. Er fand nicht, was er suchte, nahm aber in Ermangelung dessen das Aktenstück, das mit »geheim« gezeichnet war, schon damals eingestandenermaßen in der Absicht, dasselbe an einem anderen Orte auftauchen zu lassen, um den Oberst, den er als Deinen Freund und Beschützer grimmig haßte, zu verderben, oder ihm wenigstens durch das Fehlen eines wichtigen Papieres eine schwerste Verlegenheit zu bereiten. Das letztere trat ja nun zu des Schurken Freude alsbald ein; zu dem Hauptschlag haben aber wir ihm erst die rechte Gelegenheit geboten.

Ich verstehe das nicht, sagte ich.

Es ist das auch nicht so einfach, entgegnete meine Mutter. Und nur verständlich, wenn Du im Auge behältst, daß der entsetzliche Mensch zweien Herren zu dienen hatte, deren Angelegenheiten ursprünglich weit voneinander lagen und nur in dem Kopfe des in seiner Weise genialen Schurken zu einer zusammenwuchsen. Das geschah aber, als er – dank unsrer Unvorsichtigkeit – den von ihm längst vermuteten Aufenthalt Bahlens und Adeles in Berlin endlich entdeckt hatte. Dennoch zögerte er auch jetzt noch mit der Ausführung des Bubenstücks in der Hoffnung, wir – Du und ich – würden uns besinnen, das heißt: uns mit dem Herzog versöhnen, in welche Versöhnung dann auch Pahlen und Adele eingeschlossen sein sollten. Als nun wir und ebenso Dein Schwager – dem er sich gleicherweise als Vermittler aufgedrängt – seine Dienste hartnäckig zurückwiesen, und auch die letzte achttägige Frist, die er uns gestellt hatte, abgelaufen war, ging er ans Werk. Indem er Pahlen von Stund an auf Schritt und Tritt heimlich folgte, konnten ihm die Zusammenkünfte desselben mit dem Onkel und mit Adalbert nicht verborgen bleiben. Es handelte sich da um eine Verschwörung, oder es brauchte doch nur der Behörde der Beweis geführt zu werden, daß es sich um eine solche handle, welcher Beweis geführt war, sobald man das vermißte, vielgesuchte Aktenstück bei – Pahlen fand. Natürlich mußte dann die Behörde einschreiten und die Verschwörer verhaften. Der Schlag mußte uns ins Herz treffen, zumal Adelen, die dann, von ihrem Gatten getrennt, wohl Vernunft annehmen würde. Wie aber das Aktenstück unter Pahlens Papiere schmuggeln? Das vermochte der Mann bei aller seiner Gewandtheit nicht ohne Helfershelfer, den er dann schließlich an – August fand.

Um Himmelswillen! rief ich.

Du siehst, sagte meine Mutter, ich konnte Dich wirklich nicht in dies traurig schmutzige Spiel blicken lassen; überdies hatte ich August feierlich versprochen, ihm Dir gegenüber die tiefe Beschämung zu ersparen. Es scheint unbegreiflich, wie der sonst so Kluge sich von dem Schurken so nasführen ließ, wenn man vergißt, daß Fanatikern seinesgleichen jedes Mittel recht ist, durch welches sie ihre Interessen zu fördern hoffen. Weißfisch hatte ihm aber eingeredet, daß er um der guten Sache willen dem Oberst gewisse Papiere entwendet habe, welche von diesem bei seinem Abgange dem Kriegsministerium unterschlagen und, aus Feigheit, unbenutzt gelassen worden seien, während sie in den Händen des entschlossenen Pahlen ein unschätzbares Material abgeben würden. Es handle sich nur darum, die Papiere dem Grafen, der von allem unterrichtet und mit allem einverstanden sei, heimlich in die Hände zu spielen. Er selbst könne das nicht, wohl aber August, der ja, sozusagen, freien Zutritt zu demselben hatte. August ging in die plumpe Falle. Es war an dem Tage, als Pahlen seit dem frühesten Morgen bei dem Oberst mit Dir arbeitete, Adele draußen bei mir war. August wußte sich durch das Dienstmädchen, das ihn längst kannte, Eingang in Pahlens Wohnung und Arbeitszimmer zu verschaffen und das Bündel dort unter die anderen Papiere zu bringen. Am Nachmittag meldete Weißfisch, daß er den Verbleib des famosen Aktenstückes in Erfahrung gebracht habe. Natürlich förderte eine sofort angeordnete Haussuchung das Unglücksdokument zu Tage. Dann – am Abend – erfolgte die Verhaftung.

Aber wie bist Du zur Kenntnis von dem allem gekommen, die Du doch nur von August haben kannst? fragte ich.

Allerdings von ihm; erwiderte meine Mutter. Die Verhaftung Pahlens, der Tod Adalberts, die beide seine vergötterten Helden waren, hatten ihn in die äußerste Bestürzung versetzt. Gemeinschaftliche Not führt ja die Menschen zusammen. So kam er zu mir, ob ich das ihm Unfaßbare vielleicht erklären, Rat, Hilfe schaffen könne. Er geriet in furchtbare Wut, als ihm aus unserm zuerst vorsichtigen, dann immer offeneren Hin- und Widerreden zuletzt völlig klar wurde, daß Weißfisch, den er für den Treuesten der Treuen gehalten, zum scheußlichsten Verräter an der Partei geworden sei, und er selbst, ohne es zu ahnen, an der Büberei den schlimmsten Anteil genommen. Ich weiß nicht, welche Mittel er und seine Partei anwandten, den Schurken zu zwingen, eine vollständige Beichte seines Verrates abzulegen und schriftlich aufzusetzen. Das Messer mag ihm dabei wohl sehr nahe an der Kehle gestanden haben – genug: zwei Tage später war das Schriftstück in meinen Händen. Ich ließ, während ich das Original behielt, zwei Kopien davon machen, deren eine ich an den Herzog schickte, die andere an den Minister.

Aber, rief ich, es ist doch ganz unmöglich, daß der Herzog von den Schurkenstreichen des Menschen unterrichtet gewesen ist!

Ich habe das nicht behauptet, erwiderte meine Mutter. Nur daß leider geheime Agenten von Fürsten in solchen Fällen Instruktionen zu haben pflegen, die man – je nachdem – so oder so auslegen kann. Worauf es mir ankam, war, den Herzog zu der Erklärung, dem Minister gegenüber zu bestimmen, daß Weißfisch allerdings noch immer eine Pension von ihm bezogen habe, und er den Menschen wohl für fähig halte, in mißverständlichem Eifer, seinem Herrn zu dienen, dergleichen Greulichkeiten zu verüben.

Aber, sagte ich, dabei, ich meine: wenn man der Sache auf den Grund ging, mußten doch Dinge zur Sprache kommen, die der Herzog um keinen Preis in die Oeffentlichkeit gelangen lassen durfte.

Eben darauf rechnete ich, entgegnete meine Mutter. Aber auch der Regierung war viel daran gelegen, daß die Angelegenheit, bei der sie sich – zu ihrer Ehre muß ich es sagen – von einem Schurken auf das gröblichste hatte düpieren lassen, geheim blieb. Der Minister, mit dem ich wiederholte Konferenzen über die Angelegenheit gehabt habe, war völlig meiner Meinung. Die Sache müsse durchaus im Kabinettswege ihre Erledigung finden. Er sei sicher, dabei auf keinerlei Hindernis zu stoßen, vorausgesetzt, daß der Herzog seinen Antrag befürworte.

Nun, und er? fragte ich gespannt. Er kann sich doch unmöglich dessen geweigert haben?

Du vergißt, erwiderte meine Mutter, daß er durch den Widerstand, auf den er bei uns gestoßen, schwer verletzt und gekränkt war. Dazu die Aussicht, wie sie seiner sanguinischen Phantasie wenigstens erschienen sein mag, jetzt Pahlen und Adelen, nachdem sie – wir wollen annehmen: ohne sein Zuthun – getrennt waren, und ihnen, wenn er sich nicht ins Mittel schlug, abermals eine vorläufig unabsehbare Zeit schwerster Prüfung bevorstand, die Bedingungen diktieren zu können, unter denen sie fortan zu leben hätten. So erkläre ich mir wenigstens den sonst unbegreiflichen Widerstand, auf welchen ich bei ihm stieß, und den zu brechen, ich gestehe es, mir – nicht ganz leicht geworden ist.

Die Mutter schwieg. Ein unheimliches Licht war in meiner Seele aufgedämmert, das ich gern zur vollen Klarheit gebracht hätte. Aber wie die Mutter in dieser ganzen Angelegenheit aus Gründen, die ich jetzt wohl verstand, allein gehandelt hatte – mit jener Klugheit, Umsicht, Energie und jenem vor nichts zurückschreckenden Mut, die ihre bewundernswerten Eigenschaften waren – so ziemte es mir, nicht mehr wissen zu wollen, als sie mir mitzuteilen für gut fand. Einiges deutete ich mir freilich jetzt ohne Schwierigkeit: die plötzliche Rückkehr meines Bruders August nach Amerika, durch die mir eine rechte Last von der Seele genommen war; die hartnäckige Weigerung Adeles, mit uns der Einladung des Herzogs, die auch an sie ergangen war, zu folgen. War die Intervention desselben zu Pahlens Gunsten nicht freie Güte gewesen; hatte er zu derselben, wie ich doch jetzt aus den Andeutungen der Mutter entnahm, gezwungen werden müssen, so konnte die Zusammenkunft zwischen Vater und Tochter nur eine peinliche sein, die sie sich besser gegenseitig ersparten. Aber dann, wenn die Sache zu meinem Kummer so lag, so war ja auch meine Annahme, daß die Mutter diese Reise mit mir unternommen hatte, den Herzog den ihm schuldigen Dankestribut darzubringen, hinfällig. Man braucht denn doch nicht jemand zu danken für etwas, was er freiwillig nie gethan haben würde! Und schließlich, welches Mittel hatte meine Mutter gehabt, seinen Willen unter ihren Willen zu beugen?

Und wieder hatte sie in meiner stummen Seele gelesen. Sie begann von neuem:

Wenn jemand den Göttern des Lichts zum Guten nicht folgen will, darf er sich nicht wundern, beschwört man, ihn vom Bösen abzuschrecken, Gespenster herauf – die Gespenster seiner Vergangenheit. Das mag grausam sein, unedel ist es nicht. Was unedel daran erscheint, fällt auf ihn zurück, der sich freiwillig zum Edlen nicht bekennt. Vielleicht, daß ich Dir später auch dieses Rätsel lösen kann. Für jetzt, denke ich, habe ich meine Absicht erreicht: Dich in eine Stimmung zu bringen, in der Du das letzte Blatt des traurigsten Kapitels Deines Lebens lesen kannst, ohne eine Rührung, die es nicht verdient.

Las ich für diesmal in ihrer Seele? Wollte sie, indem sie mich stark machte, sich selbst stark machen zu der Scene, die uns bevorstand in dem Schlosse dort, das jetzt, nachdem wir die Höhen überschritten hatten, in dem breiten Thale vor uns zwischen den noch unbelaubten Massen seiner Parkbäume auftauchte? In dem Schlosse, von dessen höchster Zinne die seidene Fahne wehte, wie an jenem Abend, der die letzte grausige Scene des Dramas meines Hoflebens sah? Und ich von der Marmorschwelle floh, nimmer denkend, daß ich dieselbe jemals wieder betreten würde, noch dazu an der Hand meiner Mutter?

Und ich ergriff ihre Hand, die ich mit stürmischen Küssen bedeckte und noch in der meinen hielt, als wir die Rampe hinauffuhren, und der Wagen vor dem Portale hielt.

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