Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
Schließen

Navigation:

X.

Es war eine Woche später, als meine Mutter und ich nachmittags, von Berlin kommend, in der kleinen Residenz eintrafen, mit welcher sich für sie und für mich die Erinnerung so schöner und auch so trauriger Stunden in unserm Leben verknüpfte. Der schlanke Bahnhofsinspektor mit den freundlichen blauen Augen und dem prächtigen braunen Vollbart öffnete uns das Coupé. Wir schüttelten uns als alte Bekannte herzlich die Hände; ich stellte ihn der Mutter vor und mußte, wie ernst mir auch zu Mute war, heimlich lächeln über die Bewunderung, welche sich in den offnen Zügen des Mannes malte – es konnte eben niemand meiner Mutter ohne Bewegung in die zaubermächtigen Augen sehen. Selbst seine sonore Stimme bebte, als er mit militärisch straffer Haltung meldete: es sei ein Brief poste restante für die gnädige Frau da. Ob die gnädige Frau erlaube, daß er den Brief hole? Er bitte zu dem Zwecke nur um eine Visitenkarte. Meine Mutter dankte: sie wolle selbst nach dem Briefe gehen, auf den eine Erwiderung nötig sein werde, die sie am besten gleich im Bureau schreibe.

So darf ich die gnädige Frau dahin begleiten? sagte der Inspektor.

Ich brauche Sie nicht zu bemühen, sagte meine Mutter; ich weiß hier sehr gut Bescheid.

Sie entfernte sich eilig nach den Gebäuden zu. Ich wäre gern mit ihr gegangen. Der erwartete Brief konnte nur von Maria sein, die vorgestern auf ein Telegramm aus der süddeutschen Universitätsstadt, in welcher sich Ulrich im vorigen Herbst habilitieren wollte, dorthin gereist war. Das Telegramm war von dem Arzte, der Ulrich behandelte, und hatte nur die Worte enthalten: »Herr von Vogtriz, schwer erkrankt, wünscht Sie zu sehen. Bitte umgehend kommen«. Es war die erste Kunde, die uns Geängsteten, schon völlig Verzweifelten wurde; und wie wenig dieselbe geeignet schien, uns zu beruhigen – er lebte noch – ein Strohhalm nur, und an den ich mich doch geklammert hatte und jetzt wieder klammerte, während vielleicht die Mutter die Todesnachricht bereits in Händen hielt. So war es denn keine leichte Aufgabe für mich, dem freundlich gesprächigen Bahnhofsinspektor Rede und Antwort zu stehen, ohne daß er meine Unruhe merkte.

Sie haben ein Privatgeschirr beordert, sagte er; aber Hoheit hat eine Equipage geschickt, die schon seit einer Stunde bereit hält. Sie werden sich doch derselben bedienen? Sie wissen, es ist ein langer Weg nach Bellevue, den man bequemer in einem Hofwagen zurücklegt; und ich glaube sagen zu dürfen, Hoheit würde es recht übel empfinden, wenn der Wagen leer zurückginge.

Ich erwiderte, daß ich die Entscheidung darüber meiner Mutter überlassen müsse, und erkundigte mich nach der Frau und den Kindern.

Sie waren bereits seit gestern auf Besuch bei Großpapa Oberförster; die Frau würde außer sich sein, mich nicht haben begrüßen zu können. Aber das ließe sich nachholen; ich würde ja nun doch länger bleiben. Dafür würde Hoheit schon sorgen.

Wie geht es Hoheit? fragte ich zerstreut.

Danke ergebenst, erwiderte der Inspektor. Offen gestanden: nicht so, wie wir es wohl wünschen müssen. Ich fürchte, Sie werden ihn in den Jahren recht verändert finden.

Das sollte mir leid thun.

Ich weiß. Nicht daß er krank wäre, oder auch nur kränkelte. Aber die alte Frische fehlt. Und die muntere Laune von früher – selbst auf der Jagd – sagt der Großpapa – was gewiß kein gutes Zeichen ist, wissen Sie. Indessen das wird nun alles wieder besser werden, wenn Sie und, ich hoffe, – wir alle hoffen sicher, – Frau von Trümmnau – wollte sagen, die Frau Gräfin –

Der Inspektor räusperte sich und schwieg. Er mochte meinen unruhigen Blick dahin gedeutet haben, daß mir die Wendung, welche er unserm Gespräch gegeben, mißfalle. Aber ich hatte kaum noch seine letzten Worte gehört, da während derselben meine Mutter aus dem Bahnhofsgebäude getreten war und langsam auf uns zukam. Ich eilte ihr entgegen.

Lebt er?

Lies selbst!

Meine Mutter hatte mir den Brief, den sie in der Hand hielt, gereicht und fügte sofort hinzu:

Es fehlt das letzte Blatt. Sie muß es vergessen haben – in der Eile und Aufregung – armes Mädchen! Doch hätte sie wohl schon depeschiert, wenn der Ausgang – aber Du wirst ja sehen –

Meine Mutter hatte sich zum Inspektor gewandt; ich war in den Schatten des Telegraphenhäuschens getreten und las:

»Theure Freundin! Ich schreibe zwei Stunden nach meiner Ankunft hier in aller Eile, damit Ihr morgen die versprochene Nachricht erhaltet. Auch muß ich, schreibend, mir die Qual der Ungewißheit zu erleichtern suchen, zu der ich verurteilt bin. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Gerade, als ich ankam, sollte zu einem letzten entscheidenden Versuch geschritten werden, die Kugel zu finden. Die Operation hat eine Stunde gedauert. Sie haben die Kugel gefunden, aber seine Schwäche ist zu groß; ich darf nicht zu ihm – wohl nicht vor morgen früh, wenn er es überlebt – noch ist nicht alle Hoffnung verloren – im anderen Falle will man mich rufen – man hat es mir versprochen. Eben ging sein Freund, der junge Assistenzarzt, von mir. Er war bei der Operation und hat mir auch sonst alles erzählt, wie sie hierher gekommen sind. Ihr werdet es wissen wollen. Ich will es niederzuschreiben versuchen. Das Duell – –

Ich hatte einen Schritt gehört. Ich glaubte, es sei der Arzt, der schon zurückkam. Er war es nicht – ein Wärter – er wußte nichts – ich muß mich in Geduld fassen. Ich will mich zur Ruhe zwingen – –

Das Duell hat in der Nähe von Berlin, in E ... stattfinden sollen. Aber sie sind gestört worden – ein Gendarm, glaube ich, der Verdacht geschöpft und sie nicht aus den Augen gelassen hat. Sie sind ein paar Stationen weiter gefahren; darüber ist die Nacht hereingebrochen. In der Nacht ist einer der beiden Zeugen – Ulrichs – telegraphisch an das Krankenbett seiner Mutter gerufen; auch der Arzt, der sie begleitet, hat zurück gemußt. Man hat beschlossen, weiter zu fahren, und dann gleich bis hierher, wo Ulrich alte Freunde hatte, und es auch an ärztlichem Beistande nicht fehlen würde. Der andere ist es zufrieden gewesen; es scheint, die Entfernung von Berlin hat auch sonst in seine Pläne gepaßt. An einen schlimmen Ausgang für ihn selbst scheint der Mann nicht gedacht zu haben, während Ulrich voller Unruhe gewesen ist und ganz gegen seine Gewohnheit düster und in sich gekehrt. Von mir hat er wiederholt gesprochen, aber immer als von einer Verstorbenen; erst aus dem Telegramm an mich haben seine Freunde zu ihrem Erstaunen erfahren, daß ich noch lebe. Doktor Born hat es mir nicht ausdrücklich gesagt, aber ich habe es aus seinen Worten heraus gehört: Ulrich ist in das Duell gegangen, wie jemand, der aus einem Labyrinth einen Ausweg sucht – –

Es hat auch hier noch ein paar Tage gewährt, – ich weiß nicht recht, weshalb – bis das Duell zustandekam. Sie haben zu gleicher Zeit geschossen; Doktor Born sagt: Ulrich absichtlich vorbei, während der andere – nun ja, er war in seinem Recht, wenn man bei dieser mittelalterlichen Verruchtheit von einem Recht sprechen kann – und doch! es ist gräßlich – es schreit zum Himmel! Ein Leben wie dies, hingeopfert – wofür! Ich schaudere, zu denken, daß Ulrich, wäre ich nicht in sein Leben getreten – aber ich darf das nicht denken: es ist nicht die Wahrheit. Wenn man sich denn einmal zu diesem Fetischdienst bekennt, wie er es gethan, – er, der mindestens ein halbes Dutzend Duelle gehabt hat, sagt Doktor Born, bei denen sein Leben nicht weniger auf dem Spiele stand – nein! ich brauche mich nicht anzuklagen, wenn er sterben sollte. Und bleibt er am Leben – was würde ich ihm sein! Wenn man nur ein Herz hätte! Mein Herz – könnte ich ihn damit retten, erhalten – ich müßt' es ihm geben; ich würd' es ihm geben – er hat es ja, hat es immer gehabt – mein Herz! Ich gehöre nicht zu den Frauen, die nur mit ihrem Herzen leben.

Wie die Minuten schleichen! Eine halbe Stunde ist erst vergangen. Der Brief muß fort. Sie sehen, liebste Freundin, es ist nicht meine Schuld, wenn ich Sie in dieser Ungewißheit –«

Es war das letzte Wort auf der vierten Seite des Bogens. Was hatte auf der folgenden gestanden?

 << Kapitel 41  Kapitel 43 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.