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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VIII.

Die drei Särge, welche Frau von Werin bestellt, hatten ihre Bestimmung gefunden. Meine Mutter war noch immer draußen bei Maria, die wieder nach wie vor ihre fünf Schulstunden gab, während meiner Mutter die Sorge für die Kinder anvertraut blieb. Sie hatte sich dieselbe allerdings insofern erleichtert, als sie ein braves, wohlempfohlenes Mädchen mit Marias Zustimmung in Dienst genommen, welches die Kinder bewachen konnte, im Falle sie ihre Geschäfte in die Stadt riefen, oder sie das Bedürfnis fühlte, ihre Freunde zu sehen. Bis jetzt war meines Wissens von diesen beiden Fällen noch keiner eingetreten. Ihre Geldangelegenheiten hatte sie völlig in die Hände des Rechtsanwaltes gelegt, dem jetzt auch Adalbert wieder zur Seite stand; wenn wir sie sehen wollten, hatten wir zu ihr kommen müssen. Wir fanden sie dann regelmäßig mitten zwischen den Kindern, methodisch schaltend, wie sie es von Frau von Werin gelernt, nur daß sie alles und jedes in ihre anmutige Weise übersetzte. – Ich halte es nicht für unmöglich, sagte sie zu mir, daß ich hier endlich einen Beruf, der mich ganz ausfüllen könnte, gefunden habe. Vorläufig betrachte ich dies als eine vortreffliche Gelegenheit, mich daraufhin zu prüfen, wie weit ich zu diesem Beruf veranlagt bin. Etwas Rechtschaffenes müssen wir doch schließlich alle thun, wenn uns das Leben nicht zum Ueberdruß werden soll.

War das nun wieder eine phantastische Laune der liebenswürdigsten unberechenbaren Frau? Ich getraute mir nicht, darüber zu entscheiden; aber ich hatte die Empfindung, daß sie bei dem allen vorläufig weniger an sich und ihre Zukunft als an Ellinor und deren Zukunft denke, und auch dies wieder in den Plan der Erziehung gehöre, welchen sie vom ersten Augenblick an mit ihr, die einmal die Gattin ihres Sohnes werden sollte, verfolgt hatte. Und in der That, wenn es sich darum handelte, das geliebte Kind von dem blöden Wahn der Vornehmheit vollends zu lösen, der auf nichts sich stützt als auf thörichte Anmaßung von der einen Seite, auf feiges Gewährenlassen von der anderen, – dem Wahn, in dem die Geliebte groß geworden, in welchem sie bis zu dem Moment, wo sich ihr Herz für mich entschied, gelebt hatte, – wie konnte es besser geschehen, als durch dies heroische Beispiel? Durch das Beispiel einer Frau, die denn doch wieder, trotz der freien Ansichten, zu welchen sie sich bekannte, thatsächlich in dem Glanz ihrer Schönheit und ihres Reichtums als der Auszug eben dieser Vornehmheit den Augen des jungen Mädchens erschienen war, und sich nun vor eben diesen Augen in ein klösterliches Gewand hüllte, um sich der mühseligsten, verantwortlichsten aller Thätigkeiten mit derselben Freudigkeit und Anmut zu widmen, mit der sie noch bis gestern die Honneurs ihres Salons gemacht hatte.

Ein anderes kam hinzu.

Es würde unter den Verhältnissen, wie sie bis dahin gelegen, immer als Absicht erschienen sein, hätte meine Mutter darauf bestanden, daß Ellinor wieder unter den väterlichen Schutz zurückkehre. Jetzt war diese Rückkehr eine Notwendigkeit geworden. Bereits am nächsten Tage hatte ihre Uebersiedelung in die Wohnung des Vaters stattgefunden, nachdem ich ein paar Stunden vorher dieselbe verlassen und ein bescheidenes Junggesellenquartier in der Nähe bezogen.

Zum erstenmale, seitdem der Oberst in den Krieg mit Frankreich gegangen, waren Vater und Tochter nun wieder vereinigt, ohne daß ein Fräulein Drechsler mit ihrer Zweizüngigkeit zwischen ihnen gestanden hätte.

Jetzt endlich durften wir hoffen, daß Ellinor die spröde Scheu ablege, von der sie sich noch immer dem besten der Menschen gegenüber nicht frei machen konnte; vor allen Dingen er selbst das keusche Zögern und Zaudern in der Aeußerung seiner Empfindungen überwinde, durch das er mich bei all seiner stolzen Männlichkeit oft genug an die lieblichste von Shakespeares Frauengestalten erinnerte.

So wäre denn nach dem Graus dieser letzten Tage eine gewisse Ruhe in meine Seele gekommen, hätte die Sorge um Ulrich mich weniger schwer bedrückt. Und immer schwerer, als ein Tag nach dem anderen verging, ohne daß über seinen Verbleib die mindeste Kunde einlief. Auch Lamarque war nicht zurückgekommen. Zwar sein Ausbleiben fand eine Erklärung, und die in den Zeitungen mit solcher Hartnäckigkeit behauptet wurde, daß ich auf den Verdacht geriet, dieselbe sei von ihm ausgegangen. Danach hatten schon lange schwere Zwistigkeiten zwischen ihm und dem Direktor des Theaters bestanden, denen Lamarque dadurch ein Ende machte, daß er sich den gewünschten, ihm vorenthaltenen Urlaub zu einer Reihe von Gastspielen selbst nahm und den Herrn Direktor zusehen ließ, wie er ohne Joseph Lamarque fertig würde. Es mochte etwas daran sein. Von jenen Zwistigkeiten und seinem Gastspielplan hatte Lamarque auch mit mir gesprochen, dabei aber den letzteren in noch weite Ferne gestellt. So stand es denn, nachdem ich mich ein paar Tage gegen den gräßlichen Gedanken gewehrt, bei mir fest: er hatte Ulrich im Zweikampf, wenn nicht getötet, doch tödlich verwundet, und das Feld geräumt, bevor die schlimme Sache ruchbar würde, und die Gerichte sich einmischten. Ich hatte an Lamarque verschiedene Briefe nach den verschiedenen Orten gerichtet, an welchen ich ihn, den Andeutungen der Zeitungen folgend, vermuten durfte, und ihn angefleht, mir die Wahrheit zu sagen. Die Briefe kamen als unbestellbar zurück. Ich mußte die Hoffnung, von dieser Seite etwas zu erfahren, aufgeben und mich mit der anderen getrösten, ich werde doch eines Tages von Ulrich unmittelbar hören. Für seine Wirtin war er einfach verreist und ebenso für seine Familie, bei der wir durch den Kammerherrn wiederholt nachgefragt hatten. Tot konnte er also nicht sein; das hätte sich bei aller Heimlichkeit, mit der die unglückselige Angelegenheit vor sich gegangen war, auf die Dauer auch nur weniger Tage nicht verbergen lassen.

Maria teilte meine Ansicht. Ihr war jetzt erst klar geworden, welche Bedeutung jener Brief Ulrichs vom Montage gehabt hatte. Es waren nur wenige Zeilen gewesen des Inhalts, daß ich ihm seiner Zeit Marias Erwiderung auf seinen Gruß an seine »tote Liebe« ausgerichtet. Er anerkenne völlig die Gerechtigkeit des über ihn ergangenen Verwerfungsurteils und schreibe ihr das, weil ihr doch möglicherweise eine Stunde kommen dürfte, wo sie glaubte, ihn zu hart beurteilt und behandelt zu haben. Ihr eine so übel angebrachte Reue zu ersparen, halte er für seine Pflicht, deren Erfüllung ihm in einem besonders kritischen Momente seines Lebens Gewissenssache gewesen sei.

Ich wußte nicht, was ich aus dem Brief machen sollte, sagte Maria. Auch hatte ich am Montage den Kopf nicht so frei, daß ich darüber lange hätte nachdenken können. Dennoch wollte ich ihn nicht ohne Antwort lassen. So schrieb ich ihm ein paar flüchtige Zeilen, die ja nun leider nicht mehr in seine Hände gekommen sind.

Und können Sie mir sagen, was Sie geschrieben haben, Maria?

Ein leises Rot färbte die bleichen Wangen, als sie rasch erwiderte. Ich weiß es nicht mehr. – Und dann nach einer kleinen Pause, während derer sie mir noch bleicher geworden schien, als zuvor: Ich habe ihn ja sehr lieb gehabt. Ich denke – ich hoffe, es hat das zwischen den Zeilen gestanden.

Ich durfte nicht weiter fragen: warum nicht in den Zeilen? aber freilich, ob nun in oder zwischen den Zeilen, er hatte es nicht mehr gelesen, würde es vielleicht nie zu lesen bekommen – ein verflattertes Blatt, für das sich keine Taube fand, es dem Verzweifelnden als Rettungszeichen und Pfand der Hoffnung zu bringen.

Wenn mir nun in dieser ihrer Herzensfrage Maria unbegreiflich war und blieb, so fügte ihr Bruder den vielen Rätselfragen, welche er seinen Freunden zu lösen gab, jetzt eine neue hinzu. War sein Herz nicht ganz versteinert, man hätte meinen sollen, es würde sich bei dem Tode der Mutter herausgestellt haben. Man durfte sagen: in seiner götterlosen Welt war sie das einzige Wesen, vor dem er seine Kniee anbetend gebeugt hatte. Wie deutlich erinnerte ich mich aus unsrer Jugendzeit des schönen und bei ihm, dem Fanatiker des Zweifels, rührenden Enthusiasmus, mit dem er stets von seiner Mutter gesprochen! Dann waren seine strengen Züge weich geworden, die Spötteraugen mild und zärtlich; dann war er Mensch gewesen, wie wir anderen auch. Und wie hatte ich ihn um eine Liebe beneidet, die, wie sie gegeben, so erwidert wurde, und von der mir nichts zu teil geworden als hoffnungsloses Sehnen! Wußte ich doch, daß er, der sonst niemand als Person zu lieben und niemand als Person zu hassen schien, den Fürsten Bismarck nur deshalb persönlich so grimmig haßte, weil er die Mutter in ihrem phantastischen Kampfe mit dem Gewaltigen sich nutzlos verzehren sah! Damals war freilich auch auf seine Schwester ein Strahl wärmerer Empfindung gefallen; aber er glaubte sich diesen Luxus nicht mehr verstatten zu dürfen, seitdem sie, seine Freundin und Schülerin, es fertig gebracht hatte, einen Ulrich von Vogtriz zu lieben. Den dann erfolgten Bruch zwischen den Liebenden mochte er nicht für aufrichtig, nicht für vollständig gehalten haben; oder er hatte der Reuigen die einmal begangene Sünde nicht vergeben können. Jedenfalls war es nie wieder zwischen den Geschwistern zu dem guten alten Verhältnis gekommen, ebensowenig wie ich daran zweifelte, daß ich durch meine Liebe zu Ellinor das, was er mir an Liebe geschenkt, so ziemlich verscherzt hatte. Nur eine gerechte Seele gab es, die er, wäre es ein Gott gewesen, mit feurigen Armen aus dem Scheiterhaufen der verderbten Welt zum Himmel getragen haben würde – seine Mutter.

Und diese eine Gerechte war nicht mehr und – er lächelte über die verderbte Welt; war gegen uns, seine Freunde, entgegenkommend, mitteilsam, wie nie zuvor; sprach auch von dem Tode der Mutter, aber, als hätte derselbe vor langer, langer Zeit stattgefunden, aus der ihm nur eine freundlich-dunkle Erinnerung geblieben sei. Ich nahm an, daß er gegen meine Mutter, die er jetzt oft stundenlang besuchte, aufrichtiger in dem Ausdruck seiner Empfindungen war. Wenigstens sagte sie wohl, wenn einer von uns sich über den Mangel an Vertrauen beklagte, welchen er gegen uns an den Tag legte: Ihr würdet ihn doch nicht verstehen.

Und schon war der Tag vor der Thür, an welchem er zu allen Rätseln, mit denen er sich umgab, ein letztes gesellte, das sich denn allerdings dem Verständnis der Sterblichen ein für allemal entzieht.

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