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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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III.

Auf meinen Kreuz- und Querzügen hatte ich vielfache Gelegenheit gehabt, das arme Volk kennen zu lernen; aber eigentlich doch immer nur vereinzelt oder zusammengewürfelt, wie damals die Leute in der Schenke auf dem Walde, niemals in den breiten geschlossenen Arbeitermassen, in deren Strebungen, wie ich sie aus Büchern, Broschüren, Zeitungen und von Hörensagen kannte, ich die inhaltschweren Zeichen einer nahen Zukunft zu erblicken glaubte. Jener Zukunft, von der Adalbert in der Nacht im Ratskeller gesprochen und gesagt hatte, daß keiner wisse, was sie in ihrem Schoße berge; aber daß sie kommen werde, kommen mit großem Brausen, wie der heilige Geist in der Pfingstnacht. Ich hatte ihn damals nicht verstanden und ihn für einen Schwärmer gehalten. Jetzt, da ich ihn zu verstehen glaubte, bat ich ihm einen Vorwurf ab, der mich nun ebenfalls getroffen haben würde, trotzdem ich mir bewußt war, meinen Entschluß in ruhigster Ueberlegung gefaßt zu haben; und nun ebenso an die Ausführung desselben ging.

Ich war stets mit meinem Bruder Otto in Verbindung geblieben, wenn dieselbe auch nur darin bestanden hatte, daß ich ihm das wenige Geld schickte, welches ich erübrigen konnte, und er mir dafür, anstatt des Dankes, den ich nicht begehrte, mit Briefen antwortete, die unweigerlich nur die alten stereotypen Klagen über die bösen Menschen und die schlechten Zeiten enthielten und ebenso unweigerlich auf Blättern von verschiedenem Format geschrieben waren, zu denen aus Schulheften gerissene das Hauptkontingent stellten. Er trieb noch immer sein altes Metier eines Fenster- und Thürentischlers, manchmal mit, meistens ohne Hilfe eines Lehrlings; zu einem Gesellen hatte er sich meines Wissens noch nie aufgeschwungen. Ich hatte noch an dem Abend der Unterredung mit Lamarque bei ihm angefragt, ob er mich aufnehmen wolle. »Ich hoffe, schrieb ich ihm, nicht lange Lehrling zu bleiben; übrigens kann ich auch ein kleines Lehrgeld zahlen als einen Zuschuß zur Wirtschaft, bis ich imstande sein werde, mir meinen Unterhalt zu verdienen, und bald wohl ein übriges, das ich dann brüderlich mit Dir teilen will.«

Die Antwort hatte auf sich warten lassen; es nahm mich bei dem alle Zeit Lässigen kein Wunder. Endlich war sie denn doch gekommen: er habe nicht früher schreiben können; ein fünftes Kind sei geboren worden; eine größere Bestellung gegen alles Erwarten eingelaufen – er wisse nicht, wo ihm der Kopf stehe – als ob der Arme das jemals gewußt hätte!) – Natürlich freue er sich außerordentlich, nach so langen Jahren wieder mit mir beisammen zu sein; aber bei ihm sei, wie ich wisse, Schmalhans Küchenmeister, und – ich solle es mir doch ja noch einmal recht überlegen.

Ich schrieb ihm zurück: »ich habe alles überlegt; am nächsten Sonnabend treffe ich ein.«

Und nun, nachdem dieser entscheidende Brief abgesandt war, befiel mich jäh eine neue Sorge.

Ich hatte in allen diesen Jahren von den Menschen, die mir in meiner Jugend nahe gestanden, nichts gesehen und nichts gehört. Kein Wunder, da ich mich fast beständig fern von der eigentlichen Heimat, (wenn anders ich von einer Heimat sprechen durfte) meistens in kleinen obskuren Orten der verlorensten Winkel des Vaterlandes umgetrieben! War auch nach Böhmen und Deutsch-Oesterreich, einmal sogar bis nach Pest verschlagen und so selten an meine Vergangenheit erinnert worden, daß sich mir dieselbe allmählich in ein Traumland verwandelte.

Denn nur zweimal während dieser ganzen Zeit hatte eine solche Erinnerung stattgefunden, das erste Mal vor etwa zwei Jahren, und peinlich genug war dieselbe für mich gewesen.

Sie wurde durch eine Schauspielerin veranlaßt, welche kurze Zeit mit mir an demselben Theater wirkte. In jenen Reminiscenzen, denen sich alternde Bühnenkünstlerinnen so gern hingeben, war die Dame auch auf die Zeit zu sprechen gekommen, während derer sie das Fach einer ersten tragischen Liebhaberin am herzoglichen Hoftheater bekleidete. Es war die Zeit ihrer Triumphe gewesen – eine glanzvolle Zeit, nach ihrer Behauptung, mit nur einem, allerdings schmerzlich dunklen Punkte: daß sie sich in die Gunst des Publikums mit einer jungen Sängerin aus Amerika teilen mußte, einer Miß Wilson. Freilich sehr ungerechterweise. Denn die junge Dame habe eine zwar wohllautende, aber völlig ungeschulte Stimme gehabt, keine Ahnung vom Komödienspiel und den Leuten nur durch ihre allerdings große Schönheit und Anmut die Köpfe verdreht. Nicht bloß den Leuten: auch dem Chef – dem bekannten Kammerherrn von Trechow – und in erster Linie Serenissimus selbst. Das heißt, es sei immer zweifelhaft gewesen, wer von den beiden Herren in erster Linie gestanden; und die Katastrophe, in welcher die Unglückliche mit ihrem Kinde zu Grunde ging, habe diesen Zweifel nicht völlig gelöst. Denn hätte auch die Katastrophe, in der unmittelbaren Nähe eines der Schlösser von Serenissimus und unmittelbar nach einer heftigen Scene mit demselben stattgefunden – die Veranlassung dieser Scene sei immer ein Geheimnis geblieben, und könne so gut in einer etwaigen gerechtfertigten Eifersucht des hohen Herrn gefunden werden, als in einem anderen Umstande. Ueberdies sei es, wiederum unmittelbar nach jener Katastrophe, zwischen Serenissimus und dem Herrn Intendanten zu einem jähen und völligen Bruch gekommen, der denn doch die angedeutete Erklärung als die weitaus natürlichste und einfachste erscheinen lasse.

Ich hatte mich selbstverständlich gehütet, wenn die Dame diese Geschichte erzählte – was sie gern und mit Hinzufügung aller möglichen und unmöglichen Details that – auch nur mit einer Miene, geschweige denn einem Worte anzudeuten, in welch grausam inniger Beziehung ich zu der Heldin derselben stand. Glücklicherweise konnte ich bald das betreffende Theater verlassen, und ich verließ es nur, um aus der Nähe der Dame zu kommen und der Versuchung nicht zu erliegen, die famose Geschichte richtig zu stellen und das Andenken meiner Mutter von dem Flecke zu reinigen, welcher aus der behaupteten Nebenbuhlerschaft des Herzogs und des Kammerherrn auf demselben haften blieb. Zwar auch Weißfisch hatte in seinem ersten Bericht damals in Nonnendorf dasselbe angedeutet, und der Kammerherr selbst nie ein Hehl daraus gemacht, daß er meine Mutter geliebt habe. Aber niemals hatte er behauptet, der Begünstigte gewesen zu sein; und welchen Grund hätte er gehabt, das zu verschweigen, wäre es der Fall gewesen? Nein, mein Unglück blieb, wie es war, und hatte durch Erzählungen der alten Müllersleute seine volle Bestätigung erhalten. Ihnen, besonders der guten Frau, hatte meine Mutter ihr volles Vertrauen geschenkt. Die Mühle war ihr Lieblingsaufenthalt gewesen; sie hatte den ganzen letzten Sommer dort verlebt. Da war auch von einem berühmten Künstler das Medaillonbild, das jetzt wieder auf meinem Herzen ruhte, gemalt worden. In aller Heimlichkeit. Es hatte eine Ueberraschung sein sollen; und die Aermste sich in ihrer phantastischen Weise mit den reizendsten Farben die Freude ausgemalt, die sie »ihm« durch dieselbe bereiten würde. Wie sie sich denn auch sonst gerade in der Zeit vor der Katastrophe in den glänzendsten Hoffnungsträumen gewiegt zu haben schien. Nur noch gegen den Gedanken, nicht die rechtmäßige Gattin des geliebten Mannes werden zu können, hatte sich ihr Stolz gesträubt. Sie, die Abkömmlingin eines adligen Geschlechtes, das seinen Stammbaum bis auf die Zeit der Kreuzzüge zurückführte; die Erbin – sobald sie wollte – von Millionen; die Bürgerin des größten Freistaates der Welt – sie, die sich gerade so vornehm glaubte, wie er, und vielleicht reicher war, als er – sie sollte ihm nur zur linken Hand angetraut werden dürfen! Und so war über die Ahnungslose das Furchtbare hereingebrochen, das sie nicht hatte überleben wollen. Worin es bestanden? Auch nicht die leiseste Andeutung darüber war während der wenigen Tage, die sie dann noch bei den Müllersleuten verbrachte, über ihre Lippen gekommen. Sie hatte nur gesagt: es ist alles vorbei; fragt mich nicht! Ich hätte es wissen können. Aber ihr habt ganz recht: Die Schmach, es nicht vorausgesehen zu haben, wäre durch meinen Tod nicht gesühnt worden. Das kann nur dadurch geschehen, daß ich die Last des Lebens in Reue und Buße weiter schleppe.

War es ein Teil dieser Buße gewesen, daß sie die Liebe zu ihrem Kinde erstickte und von der Pflicht sich lossagte, welche die Barbarin, ja selbst das Thier heilig hält?

Aber daß wenigstens das Band von mir zu ihr nicht zerrissen war, hatte ich empfunden an dem Glücksgefühl, welches mich durchströmte, wenn ich sie so wenigstens von jener anderen Schuld der Treulosigkeit gegen den Mann ihrer Wahl freisprechen durfte. Sie hatte ein hohes Spiel gespielt und es verloren; aber es war ein ehrliches gewesen. Und dafür war ich ihr so dankbar, daß mir dagegen, was sie früher und später an mir gesündigt, geringfügig erschien, und es Momente gab, wo mir bei Betrachtung des geretteten Bildes die alte heiße Kinder- und Knabensehnsucht nach ihrer Liebe voll zurückkam.

Die zweite Erinnerung an die Vergangenheit war von jüngerem Datum und mir ebenfalls indirekt, sogar nicht einmal durch eine Person, nur durch Zeitungen vermittelt worden.

Ich las aber in einer derselben, daß der bekannte Graf Pahlen, der vor zwei Jahren in die famose nihilistische Verschwörung Netschajeff verwickelt, seitdem in dem Alexejewskischen Ravelin in Petersburg gefangen gehalten worden, zum Tode verurteilt, aber vom Kaiser, bei dem er früher in so hohem Ansehen gestanden, zu lebenslänglicher Deportation nach Sibirien begnadigt war, auf dem Wege dorthin entsprungen sei und sich nach London gerettet habe. Wie das möglich gewesen, wisse mit Bestimmtheit wohl nur eine Dame, welche kurze Zeit vor der Beendigung des Prozesses an einem gewissen deutschen Hof, als dessen erster Stern sie stets gegolten, durch ihr plötzliches und völlig rätselhaftes Verschwinden die größte Bestürzung hervorrief. Ob der betreffende Hof durch die Nachricht, daß die Dame jetzt – und zwar in London und an der Seite des Grafen Pahlen (dessen Flucht sie zweifellos veranstaltet und geleitet) – wieder aufgetaucht sei, in einen geringeren Schrecken versetzt worden, als vor zwei Monaten durch ihre rätselhafte Flucht, wage der Berichterstatter nicht zu entscheiden.

Diese Nachricht, welche andere Zeitungen zum Teil mit mehr oder weniger pikanten Details bestätigten, hatte auf mich einen tief wehmütigen Eindruck gemacht. Ich beklagte alle Beteiligten von ganzem Herzen: den unglücklichen Grafen, den aller Wahrscheinlichkeit nach die Verzweiflung an seinem Lebensglück in die Verschwörung getrieben; die teure Adele, welche ihrer Liebe so ungeheure Opfer bringen mußte; schließlich ihn – und ihn nicht zum mindesten, – den seine Hartnäckigkeit und die Kurzsichtigkeit seines Egoismus nun auch die Tochter gekostet hatte, vielleicht das einzige Wesen auf Erden, das er wahrhaft liebte, soweit sein Herz eben lieben konnte.

Aber diese Trauer mußte denn doch bald der Freude weichen, daß sie, der ich alles Glück der Erde gönnte, ihr fernes höchstes Glück sich errungen mit einem Heldenmut, um dessenwillen ich sie, welche ich von ganzer Seele zu lieben nie aufgehört hatte, nun auch ebenso bewundern mußte. Welch andere Bedeutung gewann jetzt jenes unvergessene Bild der beiden Liebenden, wie sie, in der Salonthür sich umschlungen haltend, zu den Sternen emporblickten! Da hatte sicher schon die Schwere des kommenden Geschickes auf ihren Herzen gelastet, die ich von eitel Seligkeit erfüllt wähnte! Wie verstand ich so jetzt erst jenes rätselhafte Wort Adeles, das sie vor der verhängnisvollen Unterredung mit ihrem Vater mir zuflüsterte: »sei gut!« Sei gut, damit, wenn er mich verliert, er wenigstens Dich behält! Nun, ich hätte sie ihm doch niemals ersetzen können. Aber ihrem Herzen machte es Ehre, daß sie noch frauenhaft für den zu sorgen bemüht war, den sie doch kränken mußte, weil er ihr keine Wahl ließ. Zweifellos war die Flucht schon damals beschlossen gewesen, wenn ein letzter Versuch, auf dem Wege der Bitte zum Ziel zu gelangen, mißglücken sollte. Der Versuch war mißglückt; und welche Qualen mochte die Aermste erduldet haben, als die Kerkerthüren sich hinter dem unglücklichen Verschwörer schlossen, ihr jeder Tag die Nachricht seines schmählichen Todes bringen konnte! Gott sei Dank, es war anders gekommen. Ich brauchte mich dieser Schwester nicht zu schämen, und der Heroismus ihrer Handlungsweise hatte sicher, ohne daß ich es merkte, meinen jetzigen Entschluß zeitigen helfen. Weib oder Mann, es kam eben darauf an, daß jeder seiner Ueberzeugung lebte. Sollte sich der Mann von dem Weibe beschämen lassen?

Nun, der Brief, welcher mich bei Bruder Otto ankündigte, war ja fort, und hinter ihm kam die Sorge, von der ich vorhin sagte, daß sie mich jetzt erst befallen: die Sorge, in Berlin wieder denen zu begegnen, die mich als hoffnungsvollen Knaben, als strebenden Jüngling gekannt hatten und mich jetzt wieder finden würden – wenn sie mich wiederfanden – als einen, der alle Hoffnung hinter sich gelassen und nur noch von dem einen Wunsche erfüllt war, sich in der Menge verlieren zu dürfen. Die Werins, das wußte ich, lebten in Berlin: Mutter und Tochter jedenfalls, Adalbert sehr wahrscheinlich – gehört doch der Sturmvogel auf das hohe Meer! Ellinor war damals zu ihrer Tante dorthin gegangen; und ich erinnerte mich, daß Schlagododro mir immer gesagt, er werde das erste Jahr in Heidelberg und die übrige Zeit in Berlin studieren. Er mußte nach meiner Berechnung längst mit seinem Studium fertig und voraussichtlich dort sein. Ebenso wie Astolf, der ja in einem der Garderegimenter Offizier war und seine Kousine jedenfalls schon geheiratet hatte. Mochte er! – Professor Hunnius! Hatte er seinen Plan, in die Hauptstadt überzusiedeln, ausgeführt? Vermutlich: er gehörte nicht zu den Leuten, die sich mit müßigen Plänen ihre Zeit verderben.

Das gab schon eine lange Reihe; und wer von den alten Bekannten mochte nicht noch anzuschließen sein! Aber dann: ich war längst kein Knabe mehr, und das Schicksal hatte während meiner Jünglingsjahre hinreichend an mir herumgehämmert, daß es nicht seine Schuld, wenn es mich nicht zum Mann geschmiedet, der sich durch die Einreden der Freunde nicht aus seinem Wege drängen ließ. Thor, der ich mir den frischen Mut mit solchen Phantasien beschwerte! Woher sollten die Einreden kommen, wenn die höchste Wahrscheinlichkeit dafür sprach, daß ich von allen den Genannten auch nicht einem in der Riesenstadt jemals auf meinen dunklen Lebenspfaden begegnen würde! Oder wollte ich, daß sie mir begegneten und mir ausredeten, was ich mir eben auch nur eingeredet? Dann hätte ich nur gleich bei meinem alten Handwerk bleiben können.

Sie machten mir den Abschied schier schwer, die guten Gesellen, meine Herren Kollegen, und die Damen, meine liebenswürdigen Kolleginnen. Wir kannten uns alle einander erst seit ein paar Monaten, aber die gemeinschaftliche Misere hatte uns längst zu den besten Freunden gemacht. Nie hatte es ein unfreundliches Wort zwischen uns gegeben, und es gab wahrlich keines an dem letzten Abend, an welchem sie mich wegfeierten. Auf gemeinschaftliche Kosten natürlich – es war so ziemlich alles zwischen uns gemeinschaftlich – auf der Bühne selbst, auf der wir uns eben noch in einem schauderhaften französischen Sensationsstück abgequält, und die uns der Direktor zu dem Zwecke großmütig zur Verfügung gestellt, auf die Gefahr hin, daß die «alte Scheune« – es war wirklich nur eine alte, ein wenig herausgeputzte Scheune – bei der Gelegenheit in Feuer aufging. Ich saß zwischen Fräulein Peller, unsrer ersten Liebhaberin, einem gutmütigen Mädchen von unbestimmtem Alter, und Frau Sorge-Schellhorn, der Anstandsdame und Heldenmutter, einer würdigen Matrone, deren Jahre mit denen der weißköpfigen Krähe rivalisieren mochten. Mir gegenüber Lamarque, der bei dem Symposion – das Kouvert fünfundsiebzig Pfennig inklusive Bowle – den Vorsitz führte. Ich erinnere mich nicht, daß wir etwas Nennenswertes gegessen haben; aber die Bowle schien unergründlich. Ach, und welche prächtigen Anekdoten stiegen aus ihrer Tiefe – funkelnagelneue von der heutigen Vorstellung, in der wir alle »geschwommen« hatten, und solche, die sich schon Roscius und seine Kollegen erzählt haben mochten; und von denen alle ausnahmslos mit demselben schallenden Gelächter begrüßt wurden! Und welche Reden! eine immer schöner und länger und rührender, als die andre, daß die Damen in Thränen zerflossen, und wir Männer uns schier die Hände lahm drückten! Und welch tolle improvisierte Possen und übermütige mimische Karikaturen, daß wir Männer uns die Seiten hielten, und die Damen erklärten, sie könnten nicht mehr lachen!

Und dann hatte unser Baß-Buffo (der allerdings tief zu tauchen verstand) irgendwie doch den Grund der Bowle gefunden; und dann gab's ein Schluchzen und Küssen und Umarmen, als wäre mit dem fahlen Morgenlicht, das durch die Soffiten fiel, der jüngste Tag angebrochen, und nicht einer wie die anderen auch, an dem nur eben ein Kollege, den nach vierundzwanzig Stunden keiner vermissen würde, von dannen ziehen wollte.

Außer Lamarque wußte keiner, was ich vorhatte, sondern sie meinten, ich ginge nach Berlin, mir ein neues Engagement zu suchen. So wagte auch keiner – dem alten schauspielerischen Aberglauben folgend – mir »gut Glück« auf die Reise zu wünschen, als sie mich in corpore zur Bahn gebracht hatten, und ich in dem Waggon (vierter Klasse) am Fenster stand und ihnen, einem nach dem anderen, noch einmal stumm die Hand zum Abschied reichte.

Aber sie wünschten mir Glück nichtsdestoweniger. Ich sah es an ihren Mienen. – Lebt wohl, ihr lieben, verrunzelten, verschminkten Gesichter mit den pathetisch heruntergezogenen Mundwinkeln und den starren ausgebleichten Augen, aus denen jetzt so manche ehrliche Thräne rinnt! Lebt wohl! auf Nimmerwiedersehen!

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