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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VII.

Es war von der Wohnung des Oberst nicht eben weit nach dem einsamen Hause in der Vorstadtstraße und der Wagen fuhr sehr schnell, dennoch dünkte es mich eine Ewigkeit. Der Regen schlug gegen die Scheiben, bald von rechts, bald von links, je nach den Windungen des Weges; es war so dunkel, ich konnte kaum noch das Gesicht der Mutter deutlich sehen, wie sie in die Wagenecke zurückgelehnt saß, ohne dabei meine Hand aus der ihren zu lassen, während ich ihr auf ihre Frage, was Christine, der sie auf der Treppe begegnet, bei mir gewollt habe, in aller Kürze Auskunft gab.

Es ist eine schlimme Zeit für Dich, armer Junge, sagte sie, mir die Hand drückend. Und nun noch dies! Man sagt gern: ich habe dies oder das kommen sehen. Hier ist es wirklich für mich der Fall. Ich bin alle diese Tage draußen gewesen – auf Marias Wunsch – ich wäre aber auch so gekommen. Es ging nicht gut – ich habe es Dir nicht sagen wollen – Du hattest den Kopf schon gerade voll genug. Drei von den Kindern waren krank, und alle, soviel ich sehen konnte, – einen Arzt duldete sie nicht – in verschiedener Weise. Frau von Werin gab sich ungeheuerste Mühe, ruhig zu erscheinen; ich sah, daß sie innerlich verzweifelt war. Wie sehr, magst Du daraus entnehmen, daß sie nun doch auf mein und Marias Bitten und Flehen einen Arzt rufen ließ. Das war gestern vormittag, ich war draußen, als er kam: ein verständiger Mann, der hernach die Güte hatte, auf eine Strecke zu mir in den Wagen zu steigen, und mir seine wirkliche Ansicht sagte. Ungefähr dies: er könne gegen das diätetische Prinzip der Frau von Werin im allgemeinen nichts einwenden. Es sei soweit ganz rationell, wenigstens für Kinder in diesem zarten Alter; und von Haus aus gesunde Kinder würden sich sehr wohl dabei befinden. Auch krankhaft veranlagte in den meisten Fällen. Nicht in denen, die eine spezielle Behandlung erforderten. Unglücklicherweise habe Frau von Werin ein paar solcher Ausnahmsfälle aufgelesen, was ja denn freilich nicht zu verwundern sei, da sie die Kinder ohne alle Auswahl nehme. Das eine leide an einem ererbten organischen Herzübel der schlimmsten Art; es werde wahrscheinlich noch im Laufe der Nacht sterben. Das zweite – er suchte mir die Krankheit zu erklären – ich habe ihn nicht ganz verstanden – gleichviel: es sei noch Hoffnung, es durchzubringen, aber eine sehr geringe. Das dritte werde in einigen Tagen wieder gesund sein. – Ich dachte bei dem allen immer nur an Frau von Werin: wird sie es überleben, wenn sie ihr teures Prinzip sich so unter ihren Händen zerbröckeln sieht? Ich fürchtete: nein. Jedenfalls sind die Voraussagen des Arztes eingetroffen. Sie hat sich vernichtet gefühlt. Sie hat in diesem Gefühl nicht weiter leben wollen, nicht weiter leben können.

Ich mußte in allem meinem Kummer und Herzeleid den Scharfsinn bewundern, mit dem sich meine Mutter in einen so ausnahmsweisen Seelenzustand wie den der unglücklichen Frau so ganz hineinzudenken gewußt hatte. Mir freilich sagte sie nichts Neues. Ich hatte das Wort der Sibylle an jenem Morgen nicht vergessen, als ich sie auf dem Spaziergang begleitete, und sie, auf die voranschreitenden Kinder deutend, sagte: Wenn eines von diesen auch nur krank würde, wäre es um mein System geschehen, aber auch um mich.

Der Wagen hielt. Meine Mutter war im Nu heraus und die Stufen hinauf. Als ich auf den Flur trat, hielt sie Maria in den Armen. Dann reichte Maria mir die Hand. Die Hand war kalt, aber zitterte nicht; das schöne teure Antlitz war sehr bleich, aber eine Ruhe war darüber gebreitet, die nichts Starres hatte, nur still und groß war. Sie führte uns in ihr Zimmerchen linker Hand, bat uns mit einer Handbewegung Platz zu nehmen, und setzte sich selbst. –

Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, begann sie – und ihre Stimme war so ruhig wie ihr Angesicht – ich konnte mir allein nicht wohl helfen, da ich die anderen Kinder nicht verlassen darf. Ich bin auch schon gestern und heute nicht in der Schule gewesen und wollte Sie bitten, Lothar, daß Sie morgen früh persönlich meine Entschuldigung übernehmen, auch für die nächsten Tage, bis ich darüber klar bin, wie es nun weiter werden soll. Zwei von den Kindern sind tot. Das eine ist heute nacht gestorben; das andere heute mittag. Ich habe einen großen Fehler begangen, daß ich da die Mama für kurze Zeit aus den Augen ließ. Ich hatte die kleine Leiche aus dem Kinderzimmer in das der Mama getragen, wo das andere bereits lag – die gefunden Kinder waren hier in meinem Zimmer – und die Mama sagte, sie wolle inzwischen nach ihnen sehen. Es war die erste Unwahrheit, die ich je aus ihrem Munde gehört habe; es war auch ihre letzte. Als ich nach einer halben Stunde wieder hier herüberkam, sagten mir die Kinder: die Mama sei gleich fortgegangen, aus dem Hause, ohne Hut und Mantel. Ich dachte mir noch immer nichts Schlimmes. In unsrer Nähe wohnt ein kleiner Tischler; sie hatte gestern gesagt, im Falle doch eines der Kinder sterben sollte, wolle sie den Sarg bei dem armen Mann bestellen. Ich glaubte, sie thue das eben, und spielte mit den Kindern. So mochte abermals eine halbe Stunde vergangen sein. Ich wurde unruhig, daß sie noch nicht zurück war; es sind nur wenige Schritte. Ich ließ die Kinder allein und lief zu dem Tischler. Die Mutter war dagewesen und hatte drei Särge bestellt – zwei kleine für die Kinder und einen für sich. Der Mann erzählte mir das lächelnd; die gnädige Frau habe es ja natürlich mit der letzten Bestellung nicht ernst gemeint. Und er habe ihr auch das gesagt – mit allem Respekt vor der gnädigen Frau, wenn sie auch ein wenig wunderlich sei. Ich wußte, daß es ihr fürchterlicher Ernst gewesen war. Was soll ich Ihnen sagen, wie ich die beiden folgenden Stunden verlebt habe! Ich konnte die Kinder nicht verlassen, und wo hätte ich auch die Mama suchen sollen! Vor einer Stunde haben sie sie mir gebracht. Es ist da hinten auf den Feldern eine sumpfige Stelle, aus der jetzt ein kleiner See geworden ist. Ich wußte das nicht; ich bin diese ganze Zeit nicht dahin gekommen. Sonst – aber ich hätte auch dann vielleicht nicht daran gedacht. Da haben sie sie gefunden – Leute, die vorüberkamen, und uns kennen – dicht am Rande; das Wasser, sagen sie, ist kaum einen Fuß tief gewesen. Wollen Sie sie sehen? Ich habe ihr trockene Kleider angezogen. Sie sieht schöner aus als je.

Nur bei den allerletzten Worten hatte Marias Stimme gezittert, und in ihrer Oberlippe hatte es von verhaltenem Weinen gezuckt. Sie hatte sich erhoben; wir waren mit ihr aufgestanden und folgten ihr nun über einen schmalen Flur, der hinter dem Kinderzimmer weg zu einem zweiten Zimmer führte.

Ich habe die toten Kinder wo anders betten müssen, sagte sie, indem sie die Thür öffnete; es wurde hier zu eng.

Sie hatte die Lampe aus ihrem Zimmer mitgenommen, die sie nun zu Häupten der Toten auf einen kleinen Tisch setzte. Wahrlich, Maria hatte recht: sie war schöner als je, die stolze Sibylle, die das Zusammenbrechen ihrer letzten Hoffnung nicht hatte überleben mögen. Eine wunderbare Majestät lag auf diesem Angesicht, das gar nicht wie eines Toten, sondern wie eines Marmorbildes war, in das der Künstler, was er immer von Würde und Großheit der Menschennatur gedacht und geträumt, zum erhabensten Ausdruck gebracht hatte. Ein Anblick, viel zu göttlich für irdischen Jammer. Nur ein dumpfes Wehgefühl erregend, das aber nicht der Ueberwinderin hier galt, sondern aller Kreatur, die noch lebte. Und ein Gefühl des Neides fast um den Frieden, der uns nicht wird, solange wir leben.

Wir waren wieder in Marias Zimmer.

Wenn es Ihnen recht ist, Maria, sagte meine Mutter, so bleibe ich heute nacht und, wenn Sie wollen, die nächsten Tage bei Ihnen. Wir werden uns schon behelfen. Ellinor kann heute mit der Kammerfrau im Hotel bleiben; morgen holt sie der Oberst zu sich. Du wirst das alles einrichten, Lothar, und mir durch meine Kammerfrau noch heute abend ein paar Sachen herausschicken.

Maria umarmte schweigend meine Mutter. Ich bat, morgen früh wiederkommen zu dürfen, und fuhr in die Stadt zurück mit einem Zettel in der Tasche, auf welchem meine Mutter ihre Aufträge und Maria noch ein paar jetzt notwendig gewordene Kommissionen notiert hatte. Maria hatte mir auch einen Brief mitgegeben, von dem sie mir sagte, daß er schon von gestern sei, da sie keine Zeit gefunden, ihn zu besorgen; und den ich in einen Briefkasten werfen solle.

Als ich das bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit that, fiel mein Blick unwillkürlich auf die Adresse. Der Brief war an Ulrich. Jedenfalls die Antwort auf einen Brief, den er ihr geschrieben. Es war also, wie ich vermutet: er hatte in einen Kampf auf Leben und Tod nicht gehen mögen, ohne Abschied von ihr zu nehmen. Marias Antwort war an seine Stadtadresse gerichtet. Aber auch Lamarque hatte ja seine Rückkehr bereits für heute abend in Aussicht gestellt. Jedenfalls mußte ich so viel Zeit erübrigen, um noch heute in den Wohnungen beider nachfragen zu können. Wenn Ulrich heil davon kam – wenn dieses Duell eine Veranlassung wurde, welche ihn und Maria einander wieder näherte – der Tod der Mutter Maria von gewissen Rücksichten befreite – aber freilich, es stand ja noch immer Adalbert zwischen ihnen! Wie seltsam ähnlich doch die tote Mutter ihrem Sohne gesehen hatte!

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