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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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V.

Moderne Millionenhäuser pflegen nicht zu fallen, wie alte Sagenpaläste: auf einen Ruck. Diesmal aber schien der Riese sein Werk doch gründlich gethan zu haben. Das Israelsche Fest hatte am Sonntag stattgefunden. Die Montag-Abendblätter brachten »Privat-Telegramme« aus New-York, London und Paris über die plötzlich eingetretenen schweren Verlegenheiten einer bekannten großen Firma, die an den genannten Orten und einigen anderen ihre Kommanditen und ihren Hauptsitz in Berlin habe. Aber bereits die Dienstag-Morgenblätter enthielten ausführliche Berichte mit voller Namensnennung, welche in Angabe der Ursachen des Sturzes, je nachdem sie von befreundeter oder feindlicher Seite kamen, vielfach auseinander gingen, aber darin übereinstimmten, daß der Zusammenbruch ein unaufhaltsamer, totaler sei, und die Passiva die Aktiva um mehrere Millionen übersteigen würden.

Emil hatte in der Schreckensnacht zu mir geäußert, ich würde die Sache nicht begreifen, auch wenn er versuchte, sie mir klar zu machen. Wie recht er hatte, sah ich jetzt, nachdem ich alle jene ausführlichen Berichte gelesen, und aus denselben auch kaum mehr entnehmen konnte, als was schon Emils zitternde Lippen gestammelt: daß er ruiniert, gänzlich ruiniert sei. Nur so im allgemeinen glaubte ich zu verstehen, daß die Prinzipien, nach denen die Firma gearbeitet, allerdings zum Teil »neue« gewesen, – wie mir Emil gesagt – aber keineswegs solide und rationelle; daß man sich in eine lange Reihe gewagtester Spekulationen zu gleicher Zeit gestürzt in der Annahme, es müsse die eine, wenn sie einschlage, die andere, die fehlgeschlagen, doppelt und dreifach decken – wie sich ein waghalsiger Spieler bei der Roulette gegen die etwa verloren gehenden Einsätze zu decken sucht; – daß die »Geschäfte« auf diese Weise ganz unübersehbar geworden und der Zusammenbruch nur eine Frage der Zeit. Auch auf den fürstlichen Luxus, der in dem Israelschen Hause geherrscht und wohl in erster Linie auf Rechnung »der schönen und pikanten Dame« komme, welche »der glänzende Mittelpunkt des großen, ihr huldigenden Kreises« gewesen, wurde mehr oder weniger deutlich, als auf eine der Ursachen des schnellen Niederganges, hingewiesen. Man wollte wissen, daß die Dame eine Reise nach England zu ihren dortigen Verwandten angetreten habe. Ich vermutete: in Gesellschaft des höchst ehrenwerten Fred, und wünschte ihr Glück auf den Weg.

Wie dem allen auch sein mochte: die Thatsache, daß die Firma Israel, Löbinsky u. Ko. einen grauenhaften Bankrott gemacht habe, stand fest; und man sei noch gar nicht sicher, ob derselbe die Inhaber nicht vor den Strafrichter bringen werde. Es stellte sich immer mehr heraus, daß die – dem kolossalen Geldumsatz des Geschäftes und dem Vertrauen, welches dasselbe im Publikum genossen, entsprechend großen – Depots in Mitleidenschaft gezogen seien. Besonders solle eine amerikanische Dame, welche seit einiger Zeit in Berlin residiere, und die ihr großes Vermögen dem Israelschen Geschäft zur Verwaltung anvertraut, nach anderen: in demselben habe arbeiten lassen, ungeheure Verluste erlitten haben.

Diese Dame war natürlich meine Mutter, und die Andeutung der Zeitungen völlig der Wahrheit gemäß. Ihre Verluste waren ungeheuer, mußten es sein, trotzdem sich dieselben allerdings noch nicht übersehen ließen aus dem sehr triftigen Grunde, daß meine Mutter selbst über ihre Geldangelegenheiten keine Uebersicht hatte. Von Anbeginn war Herr von Ruver der Verwalter des Vermögens gewesen und war es seltsamerweise noch in diesem Augenblicke, trotzdem im übrigen ein gänzlicher Bruch zwischen ihm und der Mutter stattgefunden hatte. »Ich war ihm schuldig, sagte sie, nicht an seiner Ehrlichkeit zu zweifeln, nachdem er mir die Möglichkeit genommen, an die Reinheit seiner Freundschaft für mich länger zu glauben.« Es wäre für meine Mutter im weltlichen Verstande besser gewesen, sie hätte dem Manne ihr in einem Punkte erschüttertes Vertrauen sofort gänzlich entzogen; aber es lag in ihrem Charakter, die Menschen nach sich zu beurteilen und ihnen die Möglichkeit aller Leidenschaften zuzutrauen, nur keiner niedrigen, von denen ihre Feuerseele niemals berührt worden war.

Aber, wie schwer sie sich nach der Weise großer Charaktere in der Beurteilung eines Mannes geirrt, der nie ein Gewissen gehabt oder dasselbe längst, »zur größeren Ehre Gottes« dahingegeben, sollte erst die Folgezeit lehren. Vorläufig war der Mann wieder einmal in Rom, konnte die Leitung einer wichtigen Angelegenheit, mit der ihn Seine Heiligkeit betraut, nicht aus der Hand geben, versprach zu kommen, sobald die Möglichkeit dazu vorliege, und gab inzwischen die Versicherung, daß die Verluste ja allerdings groß, aber keineswegs so groß seien, wie meine Mutter, vielmehr ihr Rechtsanwalt anzunehmen scheine.

Dieser Rechtsanwalt war der Prinzipal Adalberts, ein, wie ich den Eindruck hatte, ehrlicher Mann, dessen advokatische Weisheit aber nicht über die landläufige Geschäftsroutine hinausging. Oder hatte ihn mir Adalbert auch nur so geschildert? Jedenfalls bedauerte ich tief, daß Adalbert in eben diesen entscheidungsvollen Tagen auf einer Reise in Sachen seiner Partei war und also meiner Mutter mit seinem Rat nicht zur Seite stehen konnte.

Meine Mutter ließ sich das alles nicht anfechten; ja sie schien nur ein ganz oberflächliches Interesse an der Angelegenheit zu nehmen. Sie lebte zur Zeit nur für mein Stück, dessen Schicksal, wenn man den Zeitungen glauben durfte, ebenso endgültig entschieden war, wie der Zusammenbruch der Firma Israel, Löbinsky und Ko.

Es waren dieselben Dienstag-Morgenblätter, welche über die große und die kleine Kalamität berichteten, betreffs der letzteren in ihrer weit überwiegenden Mehrzahl mit einer Einstimmigkeit des Verdammungsurteils, welche Herr von Hunnius vorausgesagt hatte. Der kritische Kurs meines Stückes mußte in der That bereits nach dem dritten Akt, wie der Professor mir gesagt, von den ehrlichen Maklern des Foyer festgestellt sein, denn bis zum Schluß dieses Aktes schienen sie sich in ihren Kritiken einander ausgeschrieben zu haben. Für die beiden letzten Akte differierten die Ansichten der trefflichen Männer, aber nur insofern, als die einen sagten, daß dieselben der Kritik spotteten, die anderen, daß sie unter jeder Kritik seien. Alles in allem: ein Machwerk, welches von der ersten bis zur letzten Scene den Stempel des unheilbaren Dilettantismus trage. Die Vermessenheit, sich einen so schwierigen und unter geschickteren Händen zweifellos dankbaren Stoff zu wählen, werde nur von der stümperhaften Ausführung übertroffen, allenfalls auch von der Schamlosigkeit, mit welcher der (übrigens wohl Pseudonyme) Verfasser – Wer ist Lothar Lorenz? begann eine der »witzigsten« Besprechungen – die Heroen der dramatischen Litteratur – insbesondere Goethe – geplündert und zum Exempel ganze Scenen der ersten Bearbeitung des Götz von Berlichingen Wort für Wort nachgebildet, das heißt: »in seinen entsetzlichen Jargon, den er für deutsch hält«, transponiert habe. – So ging es durch ganze Spalten. Man konnte nicht begreifen, weshalb die Herren über eine »Ephemeride« so viel Worte machten. Denn: das klägliche Ding würde sein prekäres Dasein schwerlich auch nur durch die drei offiziellen Stunden eines Theaterabends gefristet haben ohne die meisterhafte Inscenierung und die unübertreffliche Leistung Joseph Lamarques in der Titelrolle. Man dürfe sagen, man wisse jetzt erst, zu welcher tragischen Höhe sich dieser Künstler ausschwingen könne, dessen Bedeutung man bis dahin nur im komischen Fach gesucht. Hier sei die feine Charakterisierung eines Döring, die dämonische Glut eines Dawison, die Redekunst eines Lewinsky – ein Boukett von einzigen Vorzügen, dessen Duft in der großen Scene des (übrigens schaudervollen) fünften Aktes geradezu berauschend gewesen. Und nun so viele, so große, so herrlichste Kunst verwandt, verschwendet an die elendeste Aufgabe! So habe denn doch wenigstens, was der Regisseur Lamarque verbrochen, – der, wie man höre, aus mitleidiger Freundschaft für den Pseudonymen Verfasser das Stück auf die Bühne gebracht, – der Künstler Lamarque wieder gut gemacht. Hoffentlich werde der Herr Regisseur verständig genug sein, den scheinbaren Beifall, welchen der sozialdemokratische Bombast des tollen Produktes bei der erleuchteten Zuhörerschaft auf der Galerie gefunden, und der es am Schluß in der That trotz der entrüsteten Opposition aller Verständigen zu einem Hervorruf des Autors gebracht, auf seinen wirklichen Wert zurückzuführen und das Machwerk dem Orkus zu übergeben, aus dem er es nie hätte hervorholen sollen.

Ich hatte mir versprochen, ruhig zu bleiben, wie immer die Kritik über mein Stück sich auslassen möge, aber ich gestehe, darauf – auf eine so gänzliche Verwerfung – war ich doch nicht gefaßt gewesen; und ein paar wenige ruhig gehaltene, das einzelne Gelungene freundlich anerkennende, das Verfehlte maßvoll tadelnde Kritiken, unter denen die des Professor Hunnius die am meisten wohlwollende – wie unter den verwerfenden die in der Zeitung des Pastor Renner mit »E. Str.« unterzeichnete die hohnvollste und gehässigste, – gewährten mir nur einen schwachen Trost. Das Säuseln dieses Lobes, wer sollte es vernehmen in dem Sturm der Entrüstung, welcher gegen meinen armen Thomas daherbrauste? Unglücklicher, teurer Held, nicht wahr, das hatten wir uns nicht träumen lassen, als wir unsre erste Bekanntschaft machten da oben in der Giebelstube des Hauses der Hafengasse hinter dem ächzenden Kornelkirschbaum? ich Dir begeistert in die schwärmerischen Augen schaute und Dir schwur, ich wolle Dein Andenken zu Ehren bringen und Dein in der Geschichte schwankendes Bild auf ein Piedestal stellen, unvergänglicher denn Erz? Nun habe ich des »Gassenvolkes Windesbraut« hinter mir hergehetzt auf meinem steilen Pfade aufwärts den Parnaß, wie der Pöbel hinter Dir her johlte auf Deinem Leidensweg zum Richtplatz! Vergib mir! Ich habe eben meine Kraft überschätzt, wie Du die Deine. Und aus Deinen Gebeinen wird Dir doch noch einmal ein Rächer erstehen. Meine Sieger werden sich ihres leichten Triumphes straflos erfreuen und Recht behalten, wenn ich auch meine stillen Zweifel hege, ob ihnen bei ihrem gemeinsamen Kreuzzug gegen den obskuren Autor irgend daran gelegen war, Recht zu üben und Recht zu thun.

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