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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IV.

Ich suchte, oben angelangt, leise auftretend, nach der Thür zum Wohnzimmer, als dieselbe geöffnet wurde, und Frau Israel heraushuschte mit einem Lichte in der Hand, dessen Schein grell in ihr Gesicht fiel. Ich erschrak. Es lag ein so hilfloser Jammer auf den welken Zügen, in den roten verweinten Augen. War ich bereits zu spät gekommen?

Aber die alte Frau schüttelte den Kopf, als ob ich es laut gefragt hätte, und deutete mit der zitternden Hand – sprechen konnte sie nicht – nach der angelehnten Thür, durch die ich ihr nun in das Gemach folgte. Sie stellte das Licht in der Nähe der Thür auf einen kleinen Tisch hinter einen Schirm, und wies, abermals stumm, nach dem Lehnstuhl an dem großen runden Tisch in der Mitte, auf welchem – ebenfalls hinter einem Schirm – ein Lämpchen brannte – ich erkannte es sofort als dasselbe, welches früher allabendlich der gesamten Familie, wenn sie hier um diesen Tisch herumsaß, geleuchtet hatte. Neben dem Lämpchen ein aufgeschlagenes hebräisches Gebetbuch, dessen Hieroglyphen dem Knaben stets so verwunderlich gewesen waren, und daß es Menschen gebe, die so etwas lesen könnten.

Jetzt wunderte ich mich, daß ich das alles, was doch so gleichgültig war, bemerken und denken konnte, während in dem Stuhl, dessen hohe Lehne sie mir verbarg, eine Tote oder Sterbende lag. Der Uebergang aus dem lärmenden Fest unten und dem Lichterglanz in diese dämmrige Grabesstille war zu plötzlich gekommen. Ich fühlte es wie einen schweren physischen Druck auf der Stirn, und nur das dumpfe Klopfen meines Herzens sagte mir, daß ich nicht einen beängstigenden Traum träume, sondern dies alles wirklich war; und sie mich hatte rufen lassen, um von mir Abschied zu nehmen auf immer.

Sie, die ich nun erblickte, – ganz so, wie ich sie zuletzt gesehen: in ein weißes Gewand gehüllt, wachsbleich mit fast geschlossenen Augen, die zarten durchsichtigen Hände in dem Schoß gefaltet.

Ich danke Dir, flüsterte sie.

Es war so leise gewesen, mein Ohr hatte es kaum vernehmen können, als wäre es keine irdische Stimme mehr, sondern eine aus dem Reich, in welchem ihr seliger Geist schon schwebte, mitleidsvoll derer denkend, die sich noch da unten abmühten auf der dunklen, leidvollen Erde.

Und dieses Mitleid sprach auch aus dem Blick der göttlich sanften Augen, von denen sich die Lider langsam hoben, und aus dem seligen Lächeln, welches jetzt die blutlosen Lippen umspielte. Die Finger in den gefalteten Händen hatten sich geregt, als ob ich sie, die keine Kraft mehr hatten, fassen sollte. Ich that es, an der Seite der lieben Heiligen niederknieend; und während ihr Blick nun weiter auf mir ruhte, und das Lächeln auf den Lippen blieb, flüsterte die geisterhafte Stimme:

Ich wollte nicht von hier scheiden, ohne Dich noch einmal gesehen zu haben. Du bist gern gekommen, ich weiß es. Traure nicht um mich, wenn ich gestorben bin. Ich habe ein glückliches Leben gelebt und sterbe gern. Grüß Dein schönes vornehmes Lieb von dem armen Judenmädchen und daß ich sie segne mit meinem besten Segen. Erbarme Dich meiner guten Mutter; habe Mitleid mit dem unglücklichen Emil. Und noch eine Bitte: Du wirst sie mir erfüllen: ich gab Dir einmal – vor Jahren – einen Kuß. Gib ihn mir jetzt zurück!

Die Augen hatten sich wieder geschlossen, aber das Lächeln um die Lippen war geblieben. Und in einer Empfindung, für die es keine Worte gibt, drückte ich meinen Mund auf die lächelnden Lippen.

Die Lider mit den langen dunklen Wimpern hoben sich nicht wieder. Nur das holdselige Lächeln war nicht mit ihr gestorben.

Keines Gedankens mächtig, an allen Gliedern wie gelähmt, starrte ich noch immer in das Gesicht der Toten, als mich ein Wimmern aufschreckte, und ich, seitwärts blickend, die alte Frau sah, die sich auf die Dielen geworfen hatte und ihr graues Haar zerraufte. Wohl hatte sie ein Recht zu klagen; aber angesichts der lächelnden Ruhe auf dem stillen Gesicht berührte mich der wilde Jammer der Mutter fürchterlich. Und in die Wimmertöne und die gemurmelten hebräischen Worte tönte dumpf das Geräusch des Festes unten und jetzt deutlicher die vibrierende Stimme der Frau Lili. Ein Schauder packte mich und der zornige Wunsch, ich könnte den frevlen Lärm zu einer jähen Ruhe bringen.

Die Thür wurde geöffnet. Ich glaubte, es sei Emil. Es war ein mir fremder Herr, ein Arzt, nach welchem die Mutter geschickt haben mochte, und der nun zu spät gekommen war. Eine alte Magd hatte ihn begleitet, die neben der jammernden Herrin sich auf den Boden warf, in die hebräischen Gebete einstimmend. Ich sah, daß ich vor der Hand hier nichts weiter nützen konnte, und sagte es dem Arzt – einem teilnahmvollen und offenbar der Familie längst befreundeten alten jüdischen Herrn – und daß ich es über mich nehmen wolle, Emil zu benachrichtigen. Er war damit einverstanden; sagte auch, daß er vorläufig hier bleiben werde. Ich wagte nicht, die Tote noch einmal anzusehen, und verließ die Wohnung, nicht auf dem Wege, den ich gekommen, und der mich mitten in die Gesellschaft geführt hätte. Ich wollte Emil herausrufen lassen, was nur von dem Hauptflur aus möglich war.

So ging ich die große Treppe hinab bis in den Vorraum des ersten Stockes, in welchem mir ein junger Herr begegnete, den ich in Emils Comptoir gesehen zu haben mich erinnerte. Er war jetzt im Gesellschaftsanzug und kam aus den Gesellschaftsräumen; aber er hatte eine verstörte ängstliche Miene, so daß ich glaubte, man habe bereits, ich konnte mir freilich nicht denken wie, Jettchens Tod hier unten erfahren. Ich fragte deshalb in meiner Verwirrung, ob man es schon wisse? Der junge Mann ahnte offenbar nicht, wovon ich sprach, denn er sagte, jetzt völlig erschrocken: Mein Gott, wie können Sie – ich sollte Herrn Löbinsky rufen; ich kann ihn nicht finden, habe Herrn Samuelson gesagt, er soll ihn suchen. Muß wieder zu Herrn Israel –

Wo ist Herr Israel?

Unten im Comptoir!

Ich machte eine Bewegung; der junge Mann hielt mich fest: Sie können ihn jetzt nicht sprechen!

Ich muß ihn sprechen. Gehen Sie immer voraus und sagen Sie es ihm! Ich will mir nur noch eben meine Sachen geben lassen.

Der junge Mann wagte keinen Widerspruch; er eilte in großen Sprüngen die Treppe hinab; ich folgte ihm gleich darauf, verwundert, was dies zu bedeuten habe, in dem seltsam-sicheren Vorgefühl, daß es nichts Gutes sei; daß der heilige Mund, der sich eben für immer geschlossen, ein Prophetenmund gewesen, und daß ich den »unglücklichen Emil« noch über etwas anderes, als über den Tod der Schwester zu trösten haben würde.

In den endlosen Geschäftsräumen waren einzelne Lampen angezündet, die ihr melancholisches Licht über die verlassenen Zahltische und in die verödeten Drahtgitterlauben warfen. Mein zögernder Schritt hallte unheimlich laut; und da kam mir, der ich schon die Richtung verfehlt zu haben glaubte, der eilige eines anderen entgegen: des jungen Mannes von vorhin. Er war aber jetzt in Hut und Ueberzieher und hatte ein paar Papiere in der Hand. Ob mir Herr Löbinsky nicht folge? Der junge Mann wartete eine Antwort nicht ab, sondern rannte so weiter. In dem Augenblicke wurde eine Thür geöffnet, aus welcher ein heller Lichtschein drang; Emil stand auf der Schwelle.

Bist Du's, Jakob?

Nein; ich: Lothar.

Gott, wie kommst Du hierher?

Hat Dir der junge Mann nicht gesagt –

Nein. Aber es ist mir ganz recht – ganz recht.

Wir waren in dem Comptoir. Die beiden Gasflammen über dem großen Arbeitstisch waren angezündet; auf dem Tische die neulich so sauber aufgeschichteten Briefe und Papiere wirr durcheinander geworfen. Der große eiserne Geldschrank stand weit auf. Emil war noch in Frack und weißer Binde, aber die Binde hatte sich verschoben, daß der Knoten fast im Nacken saß, und die eine Hälfte des Stehkragens war herabgebogen, als ob ihn jemand am Halse gewürgt hätte. Die vorhin in der Mitte gescheitelten, sorgsam geglätteten schwarzen Haare starrten ihm wild um den Kopf; aus dem bleichen und ganz verzerrten Gesicht glotzten die blöden Augen gläsern ins Leere. So hing der Aermste in dem Stuhl vor dem Schreibtisch, von welchem er sich, als er den Schritt draußen hörte, erhoben haben mochte, und in den er nun kraftlos zurückgetaumelt war.

Emil, was gibt es, was hast Du?

Ich mußte die Frage mehrmals wiederholen, bis er endlich langsam den Kopf nach mir wandte und mich mit einem irren Lächeln anblickte.

Aber, Mensch, so sprich doch!

Gleich, gleich! Es ist nichts. Ich bin – wir sind ruiniert.

Und, sich die Hände vor das Gesicht drückend, brach der Aermste in ein konvulsivisches Weinen aus.

Ich legte ihm die Hand auf die Schulter.

Emil! bist Du ein Mann? Erstens glaube ich nicht, daß Du ruiniert bist; und, wenn es wäre, ist das ein Grund, sich so zu gebärden? Schäme Dich!

Es ist nicht um mich, stöhnte er. Ich – ich – aber Lea – Lili – sie erträgt es nicht.

Dann läßt sie's! rief ich wütend.

Meine Heftigkeit hatte ihn aus seinem Jammer aufgeschreckt. Er stierte mich fragend an.

Dann geht der ganze Firlefanz da oben zum Kuckuck, fuhr ich fort. Ich müßte mich sehr irren, oder Du hast wenig Freude daran gehabt. Du wirst Dich schon wieder in die Höhe bringen, wenn's denn doch gar so schlimm ist. Kann sie's nicht abwarten, Lea, oder Lili – nun desto besser für Dich, wollte sagen: so ist sie's auch nicht wert, daß Du Dich ihrethalben grämst und quälst.

Und die Mutter und Jettchen! murmelte er. Jettchen hat es immer gesagt. Sie wird's nicht lange überleben. Das ist ein Trost.

Der Augenblick war da, wo ich es ihm sagen mußte. Weshalb nicht? Er war offenbar in einer so verzweifelten Stimmung, daß er auch das hören konnte.

Emil! sagte ich. Wenn es Dir ein Trost ist, daß Jettchen es nicht lange überlebt – sie hat es nicht mehr erlebt. Sie ist tot.

Mir stürzten dabei wider Willen die Thränen aus den Augen. Aber ich hatte ihn so hart wegen seiner Weibischkeit angefahren; er sollte mir den Vorwurf nicht zurückgeben dürfen. Der Zwang, den ich mir anthat, war umsonst gewesen: er hatte, wieder vor sich hin starrend, mein Weinen gar nicht bemerkt. Ich war nicht einmal sicher, ob er die Trauerbotschaft vernommen habe; aber wiederholen mochte ich sie nicht.

Wo nur Jakob bleibt! murmelte er, ängstlich nach der Thür sehend und dann mit zitternder Hand die Uhr hervorziehend: halb zwei! Großer Gott! Die Depeschen nach London müssen fort.

Ich will versuchen, Dir Deinen Schwager herbeizuschaffen, sagte ich, mich erhebend.

Nein, nein, bleib! rief er ängstlich. Er wird schon kommen. Du mußt bleiben, bis er kommt. Er ist an allem schuld; er und seine Brüder und sein Vater. Ich habe genug gewarnt.

Aber um was handelt es sich eigentlich? fragte ich.

Eine Spekulation, sagte er, eine ungeheure, die, wenn sie einschlug – aber sie ist nicht eingeschlagen, fehlgeschlagen – gänzlich – hoffnungslos. Wir haben Differenzen zu zahlen in die Millionen. Dazu andere gräßliche Nachrichten. Der Bankrott von zwei großen Firmen in New-York, mit denen wir arbeiteten – die wieder bei uns mit Millionen zu Buch standen. Aber, ich fürchte, Du würdest es nicht verstehen, wenn ich Dir das klar zu machen versuchte. Ich selbst kann es nicht übersehen; es ist vielleicht noch etwas zu retten, wenigstens die Depots. Es wäre fürchterlich. Deine Mutter wäre auch ruiniert, so gut wie ruiniert.

Ich hatte daran noch mit keinem Gedanken gedacht, daß die Mutter den größten Teil ihres Vermögens, oder das ganze – ich wußte es nicht – in dem Israelschen Geschäft stehen hatte. Es war ja vom ersten Tage an mein Entschluß gewesen, daß ihr Reichtum nie der meine sein solle; heute zum erstenmale hatte ich darauf hinzudeuten gewagt und ihr Zweifellächeln bitter empfunden. Aber freilich, ob ich wünschen solle, daß sie arm sei, wie ich – die Frage hatte ich mir noch nie vorgelegt; und als Emil jetzt diese Möglichkeit hinstellte, überkam mich doch ein jäher Schrecken. Würde es der Mutter möglich sein, ohne Gram in die alte Dürftigkeit von ehemals zurückzutauchen? War es mir möglich, sie mir wieder in dieser Dürftigkeit vorzustellen?

Das schoß mir durch den Kopf, während nun auch ich, Emil gegenüber, vor mich hin starrend dasaß, und in der Stille um uns her die Bewegung so vieler Menschen über uns, trotzdem man die einzelnen Tritte nicht hörte, hier unten zu einem dumpfdonnernden Getöse zusammenfloß und die Glocken auf den Gaslampen erklirren machte. Nun kamen eilige Schritte durch die Geschäftsräume. Die Thür wurde aufgerissen, und Emils Schwager – ich war dem jungen, sehr kleinen und sehr häßlichen Manne oben vorgestellt worden – er wurde bei der Gelegenheit von Emil »Jacques« genannt – und ein älterer Herr, den ich nicht kannte, – wohl ein Geschäftsfreund, vielleicht »u. Ko.« – stürzten herein, beide Schrecken und Angst in den bleichen Gesichtern.

Wo sind die Londoner Depeschen? schrie der Schwager.

Was haben Sie nach Warschau telegraphiert? der ältere Herr.

Emil hatte dem Schwager die Depeschen eingehändigt und gab dem älteren Herrn die gewünschte Auskunft. Der Schwager schleuderte die Papiere auf den Tisch zurück und fuhr wütend auf Emil los, dem er die geballten Fäuste vor das bleiche Gesicht hielt, den Unglücklichen mit einer Flut von Vorwürfen überhäufend, von denen ich nur die zahlreich eingestreuten Schimpfwörter verstand. Ich konnte es nicht länger mit anhören und warf mich zwischen sie, dem Wütenden die Fäuste niederschlagend. Er blickte mich mit wölfischen Augen verwundert und erschrocken an; er schien meine Gegenwart erst jetzt zu bemerken.

Was wollen Sie? schrie er.

Ihnen nur sagen, daß ich eine solche Behandlung meines Freundes nicht dulden will. Schämen Sie sich!

Ja, Jakob, schäme Dich! sagte der alte Herr mit einer fetten Stimme, aber großer Entschiedenheit.

Herr Jakob-Jacques Löbinsky warf uns einen giftigen Blick zu, aber wich, Unverständliches murmelnd, ein paar Schritte zurück wie ein eingeschüchtertes wildes Tier. Ich hatte den Eindruck, daß der alte Herr willens und imstande sei, zwischen den beiden Schwägern so weit zu vermitteln, daß Emil wenigstens vor den Brutalitäten des anderen geschützt war, und hielt es für angemessen, die Kompagnons sich selbst zu überlassen. Der alte Herr begleitete mich bis zur Thür, während Jakob-Jacques mir grollend nachblickte und Emil mein Weggehen kaum zu bemerken schien.

Dann stand ich auf der Straße. Vor dem Hause hielt eine lange Reihe von Equipagen mit glänzenden Laternen und Kutschern und Dienern in Livree. Ihre Herrschaften, die Herren mit den satten Gesichtern und die Damen mit den vollen Formen, saßen jetzt beim Champagner da oben hinter den Fenstern, aus denen durch die herabgelassenen Stores das Licht der Kronenleuchter und Kerzen schimmerte. Im dunklen Erdgeschoß aber hinter den verschlossenen Läden rüttelte der Riese Bankrott an den Säulen, auf welchen die ganze Herrlichkeit ruhte. Wenn sie zusammenbrach, und all die Geldfürsten mit ihren Weibern erschlagen wurden von den Trümmern – eine reinste Seele war gerettet aus dem Chaos. Und ich meinte ihre Augen zu sehen da oben in den funkelnden Sternen am nächtlichen Himmel.

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