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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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III.

Bei »Emil Israel und Frau Lili, geb. Löbinska« war Gesellschaft zur Feier der ersten Aufführung des »Thomas Münzer, Trauerspiel in fünf Akten von Lothar Lorenz« auf dem X-Theater. Daß die Premiere eine erfolgreiche sein würde, dafür hatte sich mein Freund Lamarque verbürgt; daß die Gesellschaft eine kleine, nur aus den mitwirkenden Künstlern, dem Verfasser, seiner Mutter und den Israelschen Familienmitgliedern bestehende, hatte mir Frau Lili, als Bedingung, unter welcher wir die Einladung annehmen könnten, in die Hand versprochen. Lamarque hatte sein Wort eingelöst. Die Aufführung war nicht nur bei guter Besetzung des überaus großen Hauses glatt vor sich gegangen, sondern, nachdem das Publikum sich erst an das Fremdartige des Stoffes gewöhnt und eine starke Opposition, die sich immer von neuem regen wollte, energisch zum Schweigen gebracht hatte, von Akt zu Akt mit stets steigendem Beifall begleitet, am Schluß durch fast stürmischen Hervorruf des Autors und sämtlicher Darsteller geehrt worden. Nicht ganz so ernsthaft hatte es Frau Lili mit ihrem Versprechen genommen: das bewies die endlose Schar galonierter Diener, welche die von Licht strahlende Marmortreppe zu beiden Seiten hinausstanden und vor den an ihnen vorüberschreitenden Gästen pagodenartige Verbeugungen machten; das bewies das Gewimmel dieser Gäste, mit dem wir, als wir eine Stunde nach Beendigung des Theaters eintrafen, die goldgleißenden Räume bereits erfüllt fanden.

It is not my fault, dear madam, versicherte Frau Lili meiner Mutter, die sie an der Eingangsthür empfangen hatte: I assure you: every body wanted to see the hero of the day. They came in crowds bothering me by demands of invitations. Poor me. What should I do? – Zu mir aber sagte sie, mich auf die Seite ziehend: Soyez bon! Emil l'a voulu à l'honneur de votre charmante, de votre ravissante Maman. Grands dieux, comme elle est belle! Et vous, grand poète! Votre main! C'est le moment le plus fier de ma vie! Je suis ravie de votre comédie, j'en suis folle comme tout le monde!

Meine Mutter hatte zu diesen Ueberschwenglichkeiten gelächelt; ich that es ebenfalls: wir waren beide in der Stimmung, zu allem gute Miene zu machen, nachdem uns das Glück heute abend ein so unverhofft freundliches Gesicht gezeigt.

Denn ich habe von den Sorgen und Aengsten nicht sprechen mögen, welche wenigstens ich (und ich glaube auch die Mutter, obgleich sie es nie Wort haben wollte) während der Tage vor der Aufführung und nun gar heute während derselben empfunden – Sorgen und Aengste, die wohl nur der nachempfinden kann, der dasselbe Fegefeuer durchgemacht hat; und die, wollte man sie der Wahrheit gemäß schildern, dem Draußenstehenden kindisch bis zur Albernheit, ja völlig verrückt erscheinen würden. Nun war der Alp von der Seele, dafür aber die eben noch so schwer bedrückte ganz erfüllt von Licht und Glanz, wie ein Christzimmer, in welchem unter dem Weihnachtsbaum dem Kinde beschert ist, wonach es schon so lange sich gesehnt; und es kann den Jubel nicht fassen, der sein Herz durchbraust wie ein Hosianna aus der Höhe!

Das klingt wiederum kindisch und verrückt, aber für mich hatte das Göttergeschenk – denn als solches betrachtete ich den Erfolg – noch eine tief ernste Bedeutung. Es war mir ein Pfand, daß mich die Himmlischen lösen wollten aus einer Notlage, von der ich ebenfalls bis jetzt nur andeutungsweise habe sprechen mögen, so grausam ich auch diese ganze Zeit durch sie gelitten hatte: durch die scheinbare Aussichtslosigkeit meines brennenden Wunsches, mir einen eigenen Herd gründen zu können, ohne abhängig zu werden oder zu bleiben von dem Reichtum meiner Mutter.

Sah meine Mutter diesen dunklen Flecken nicht in der jetzigen Sonne meines Glückes? wollte sie ihn nicht sehen? Ich konnte es nicht herausbringen, denn sie ging jeder Erörterung der kritischen Frage geflissentlich aus dem Wege. Auch heute abend hatte sie's gethan, als wir mit Ellinor aus dem Theater nach dem Hotel zurückgekehrt waren, und ich in ihrer und Ellinors Gegenwart Zukunftspläne für uns beide baute auf dem Fundament meiner schriftstellerischen Tätigkeit, zu welchem der Erfolg heute abend den sicheren Grund- und Eckstein geliefert haben sollte. Sie hatte dazu nur still gelächelt und Ellinor, die zu Hause blieb, beim Weggehen ein paar Worte ins Ohr geflüstert, über die wiederum Ellinor gelächelt hatte. Es hatte mich ein wenig verstimmt, und wir waren auf der Hinfahrt zur Gesellschaft schweigsam gewesen, bis die Mutter kurz vor dem Aussteigen sagte: Es wird sich das alles finden, Lothar. Ich bin nicht so thöricht, Dich nach meiner Façon glücklich machen zu wollen, wobei ja auch nichts herauskäme. Du mußt es und kannst es nur nach der Deinen werden, das versteht sich; aber vielleicht sind beide Façons nicht so verschieden, wie Du glaubst.

Das tröstliche Wort hatte mir den gestörten Seelenfrieden wiedergegeben, und so durfte denn auch ich mit heiterer Seele Frau Lilis zweifellos erlogene Entschuldigungsgründe gelten lassen und Emil, der nun herangetreten war, uns zu begrüßen und mir seine Glückwünsche darzubringen, die fleischigen, heute in neue Glacees gezwängten Hände freundschaftlich drücken.

Du bist doch ein glücklicher Mensch, sagte er, aber ich gönne es Dir von Herzen.

Das klang noch gerade so wie damals, wenn ich ein gutes Extemporale geschrieben hatte und er eines, das von Fehlern wimmelte. Ich sagte es ihm lachend; er erwiderte ernsthaft: es ist auch so. Ich wollte manchmal, ich wäre wieder der arme Junge, für den ich mich damals hielt, und wir spielten wieder auf dem Wall über Eurem Garten. Das waren glückliche Zeiten!

Bis auf die Piraten, Emil!

Er lächelte noch immer nicht, und sein Blick glitt durch die Gläser des Kneifers, der jetzt auf seiner langen Nase balancierte, seitwärts auf seine Frau, welche in einiger Entfernung von einer Gruppe Herren umgeben stand, unter denen ich auch Mr. Fred Simmen entdeckte. Es schoß mir durch die Seele, ob er nicht etwa diesen englischen Vetter noch mehr fürchtete als die nordischen Piraten weiland, und mit mehr Grund; aber es blieb mir keine Zeit, diesem Gedanken nachzuhangen, denn wir waren alsbald von einem Schwarm Menschen umgeben, Herren und Damen, die sich an den Gastgeber herandrängten, bittend, mich mit ihnen bekannt zu machen. Die einen waren selbst im Theater gewesen, die anderen hatten bereits »von dem großen Erfolge gehört«. Sie waren einstimmig der Ansicht, daß es der größte der ganzen Saison sei, und man von diesem Tage eine neue Aera datieren müsse, welche ja denn auch der mit jedem Jahre mehr verflachenden dramatischen Kunst bitter not gethan habe. Das wollte ein jeder empfunden, ein jeder tausendmal gesagt und sich nach dem Retter umgeschaut haben, den man nun in mir freudig begrüße. Es sei ein Pathos in meinem Stück, wie in den besten Scenen der Räuber, nur daß es auch wieder der naiven Einfachheit und treuherzigen Biederkeit nicht ermangele, die nicht an Schiller, sondern an Goethe mahne – an den Goethe des Götz von Berlichingen, ohne eine Spur sklavischer Nachahmung selbstverständlich weder nach der einen, noch nach der anderen Seite. Im Gegenteil! Wenn je in dem letzten Dezennium – und länger, viel länger: man dürfe getrost sagen: seit Kleist! – ein originelles Stück geschrieben sei, so sei es dies – ein Werk, das nicht wieder vom Repertoire verschwinden werde, solange es noch eine deutsche Schaubühne gebe!

Mit solchen tönenden Reden wurde ich von allen Seiten überschüttet, daß ich mir hätte an die Stirn fassen mögen, ob denn da wirklich ein unsterblicher Lorbeerkranz throne, oder ob mir nicht ein neckischer Zauber statt des eigenen einen Eselskopf auf die Schultern gesetzt habe, und man mich ungestraft verhöhnen zu können glaube. Aber die Herrschaften blieben dabei ganz ernsthaft; besonders die Frauen überboten sich in enthusiastischem Eifer.

Dennoch begrüßte ich Lamarque, dessen schwarze Augen jetzt durch das Gedränge funkelten, als meinen Befreier aus schwerer Bedrängnis. Er, das wußte ich, war gegen solche Pfeile und Schleudern rücksichtsloser Lobhudelei ganz anders gewappnet, als ich. Und war denn wirklich etwas Löbliches an der Sache, so verdiente er davon sein gemessenes Teil: er, der in Wahrheit das unbekannte, von dem Autor selbst aufgegebene Stück auf die Bühne gebracht, es meisterhaft insceniert und in der Titelrolle desselben sich selber übertroffen hatte. Die Meute der Lober hatte den genialen Mann denn auch kaum erspäht, als sie, von mir ablassend, heißhungrig über die neue Beute herfiel. Ich aber, der ich mich plötzlich unbeachtet sah, schlich mich gern aus dem überlauten Kreise.

Um sofort von einer jungen, sehr schönen, sehr elegant gekleideten Dame angehalten zu werden, die ich vorhin an Lamarques Arm hatte eintreten sehen, und in der ich jetzt Christine Hopp kaum wiedererkannte. Seit jenem Abend auf der Straße waren wir uns nicht mehr begegnet. Sie hatte anfänglich in meinem Stücke ihr erstes Debüt machen sollen; dann hatte Lamarque den Plan wieder fallen lassen. Meine Heldin müsse durchaus von einer ganz fertigen Schauspielerin gespielt werden, nicht von einer Anfängerin, und wäre sie noch so talentvoll.

Warum hat er mir denn nicht eine kleinere Rolle gegeben? sagte Christine, indem wir nun die Angelegenheit durchsprachen. Ich hätte so gern in dem Stücke mitgespielt! Aber ich glaube, ich komme bei ihm nie zum Spielen.

Wie das? fragte ich erstaunt.

Das schöne Mädchen schürzte die vollen Lippen.

Er ist eifersüchtig, sagte sie kurz.

Ah!

Ich habe ihm kein Recht dazu gegeben, fuhr sie eifrig fort; aber er ist es. Er will nicht, daß ich auf die Bühne komme, damit andere Leute mich nicht auch sehen. Als ob ich nicht Schauspielerin werden will, daß sie mich sehen! Er ist toll!

Er liebt Dich, Christine! das ist doch nicht toll. Ich kenne mehr als einen Schauspieler, der seine Frau um keinen Preis spielen läßt.

Ich bin nicht seine Frau. Ich werde es nie werden. Ich liebe ihn nicht mit seinen schwarzen Judenaugen.

Sie hatte das mit einer Leidenschaft gesagt, die ihre blauen Augen blitzen machte, daß sie mich an ein anderes Paar blauer Augen erinnerten, die allerdings nichts Jüdisches hatten. So war die alte, völlig hoffnungslose Liebe doch noch mächtig in ihr und zerstörte ihr ein Glück, das manches andere Mädchen unbedenklich ergriffen hätte!

Lamarque ist ein großer Künstler, sagte ich, und ein braver Mensch.

Wie man das nehmen will, erwiderte sie spöttisch. Er ist eben ein Jude.

Dagegen war denn freilich nicht aufzukommen. Auch wurde ich einer Antwort überhoben, indem jetzt zwei von den Herren, welche im Stücke mitgewirkt hatten, herantraten, um Christine zu begrüßen und mir zu sagen, daß beim Souper ein »Künstlertisch« reserviert sei, an welchem außer uns nur noch die Frau vom Hause mit ihrem Vetter, Herrn Simon, einen Platz beanspruchen zu dürfen bitte. Ich konnte mir das Glück eines Souper, vermutlich an der Seite der vielsprachigen Dame, nicht als ein ungetrübtes vorstellen, und beklagte im stillen, daß es mir nicht vergönnt sei, mit meiner Mutter aufzubrechen, die mich jetzt zu sich winkte, mir zu sagen, daß sie sich »auf französisch« empfehlen werde. Ellinor erwartet mich, fügte sie hinzu. Ich sehe Dir an, Du gingst gern mit, aber noblesse oblige. Also adieu, mein Junge! Unter uns: ich habe schon bessere Gesellschaften gesehen.

Ich war in meinem Leben noch nicht eben in vielen gewesen und in einer so großen, wie diese, gewiß noch nie. Ich vermochte also keine Vergleiche anzustellen, welche für diese ungünstig ausgefallen wären; überdies hatte mich mein großes und, wie ich annahm, unverdientes Glück in eine gehobene und dankbare Stimmung versetzt. Dennoch konnte auch ich mir nicht verhehlen, daß sich schwerlich jemals mein Geist hierher gewöhnen würde, wo alles, so zu sagen, den Stempel der jungen Frau des Hauses trug: von den hohen, in Gold strahlenden Plafonds, die mit Seide tapezierten und mit tausend Kunstgegenständen geschmückten Wände hinab, bis zu den bunten Smyrna-Teppichen, welche jeden Quadratzoll des Fußbodens bedeckten. Und wahrlich zeigte jenen Stempel nicht weniger die Menge selbst, welche die üppigen Räume füllte, und der man es ansah, daß sie an diese Pracht durchaus gewöhnt war und sich in derselben völlig behaglich fühlte: ausgeprägte und doch nicht eben charaktervolle, fette, mit sich selbst zufriedene Gesichter von Männern, die alle Vettern von Mr. Fred Simmen aus London zu sein schienen; und in Samt, Atlas und kostbarsten Spitzen drapierte Frauen mit kurzen, unter dem gekrausten Haar oft völlig verschwindenden Stirnen, glatten Wangen und vollen, nicht selten allzu üppigen Formen, deren entblößte Reize man durch funkelndes Geschmeide zu erhöhen gesucht hatte. Das wogte, drängte, schob sich durcheinander, den von galonierten Dienern rastlos umhergetragenen Schüsseln mit Kaviarbrötchen, Kuchen, Champagner, Limonade eifrig zusprechend; aber noch viel eifriger konversierend mit einem Stimmenaufwand, welcher, da er von einigen Hundert zu gleicher Zeit mit derselben Rückhaltlosigkeit getrieben wurde, einen ungeheuren Lärm verursachte.

Ich hatte mich, nachdem ich mich von Christine getrennt, aus dem Gewoge in ein stilleres Nebengemach gerettet, wo ich die herrlichen Bilder an den Wänden in Muße mit Entzücken betrachtete, als ich eine bekannte Stimme neben mir schnarren hörte: Nun, mein Lieber, habe ich Sie endlich!

Es war Professor von Hunnius. Ich begrüßte den verehrten Mann mit einer Freude, die ihn sichtlich rührte. Wir hatten uns auf ein kleines Sofa in einer lauschigen Ecke gesetzt und waren in das Frage- und Antwortspiel geraten, durch welches sich zwei alte Bekannte in den mittlerweile eingetretenen gegenseitigen neuen Verhältnissen zu orientieren suchen. Doch kannte ich meinerseits die letzten Erlebnisse des Professors zum größten Teil: daß man ihn aus seinem Amt schikaniert, er nach Berlin übergesiedelt war und als Chef-Redakteur eines geachteten liberalen Blattes und Abgeordneter sowohl des Reichs- als des Landtages ganz der Politik lebte. Ich gratulierte ihm zu seinen Erfolgen; er schüttelte den klugen, jetzt mit noch spärlicherem Gelock bedeckten Kopf, schob die große stählerne Brille (ich hätte wetten mögen, daß es die alte von damals war) auf das stumpfe Näschen und sagte: da ist nicht viel zu gratulieren, mein Lieber! Es geht mit dem Liberalismus abwärts, jetzt noch langsam, aber die retrograde Schnelligkeit wird schon kommen nach den Gesetzen des Falles auf der schiefen Ebene. Es ist das Schicksal aller Mittelparteien in Zeiten, wie die unsre, wo die Gemüter in einer Weise erregt sind, daß ihnen nur das Extremste genügt. Der Staatssozialismus auf der einen, der Sozialismus sans phrase auf der anderen Seite; was dazwischen ist: die fleißige, stetige Arbeit; die Aufbesserung der materiellen Verhältnisse des Volkes peu à peu; die allmähliche, wenn auch in kleinen Dimensionen fortschreitende Hebung seines moralischen Niveau; die successive Erweiterung seines intellektuellen Horizontes – das alles ist ja nichts, weniger als nichts in den Augen der Heißsporne des Absolutismus und des Radikalismus. Zwar wir haben auch große Fehler gemacht, und keinen größeren als den, an welchen ich hier in diesen Räumen besonders schmerzlich gemahnt werde, so daß ich dieselben, einmal aus alter Freundschaft, sodann zu meiner gerechten Strafe und um mir das abscheuliche Exempel recht einzuprägen, von Zeit zu Zeit reuigen Herzens besuche.

Ich blickte den originellen Mann fragend an; er erwiderte lächelnd:

Ja, ja, mein Lieber, das ist ein esoterisches Geheimnis des Liberalismus, welches die Spatzen von den Dächern pfeifen: der enorme Schaden nämlich, welcher dem Liberalismus dadurch erwachsen ist, daß er sich das ganze Judentum an die Schleppe hat hängen lassen, respektive selbst gehängt hat, und nun genötigt ist, die schwere Last des Hasses mit sich zu ziehen, welche mit Recht und Unrecht auf die Juden gehäuft ist. Ich kann hier mitsprechen, denn ich habe es mir Zeit meines Lebens, und schon lange vor 48, sauer werden lassen mit der »Emanzipation der Juden«. Daß Gott erbarm! Sehen Sie hier um sich her die herrlichen Früchte, welche diese Emanzipation gebracht hat: diesen unermeßlichen Reichtum, diesen unsinnigen Luxus! diese Menschen, die zum kleineren Teil mit wenigstens äußerlich ehrbarer, zum größeren mit ganz offen schamloser Miene dem Gewinn nachjagen; jeden Skrupel, der ihnen dabei aufsteigen könnte, für eine Narretei, und jeden, der nicht thut, wie sie, für einen unheilbaren Dummkopf halten! Die von der wahren Liebe zur Freiheit so frei sind, wie von jeder anderen idealen Regung; die diese Liebe nur affichieren, weil es der bequeme Deckmantel ist, unter welchem sie ihrem Gewerbe: der schonungslosen Ausbeutung ihrer Mitmenschen nachgehen können; und den sie auch, sobald er seinen Dienst gethan hat oder seinen Dienst versagt, ungescheut fallen lassen. Wen die Götter verderben wollen, dem verwirren sie zuvor den Verstand; als sie den Liberalismus verderben wollten, halsten sie ihm das Judentum auf.

Ich war starr, den Professor so sprechen zu hören, und verhehlte ihm meine Verwunderung nicht. Es gebe doch auch viele aufrichtig liberale Juden, und die den liberalen Ideen mit Eifer und Nutzen dienten. Und wie es denn komme, daß er in seiner Zeitung, die ich seit einiger Zeit eifrig lese, diese seine Gedanken niemals zum Ausdruck bringe?

Er schob die widerspenstige Brille hinauf und rief:

Ich sagte Ihnen ja: die Spatzen pfeifen es von den Dächern, aber aussprechen darf man es nicht; dürfen wir Liberalen wenigstens nicht, ohne in Widerspruch mit uns selbst zu geraten, wenn auch nur in einen scheinbaren. Denn wir haben nur das reine Wasser des Judentums, um mich so auszudrücken, in den Strom der modernen europäischen Kultur hinüberleiten wollen, nicht das unreine, den Schmutz und Schlamm, der nun aufgewühlt ist und unsre Kultur befleckt. Und das ist wesentlich die Schuld der aufrichtig liberalen Juden, von denen Sie sprechen, und derer es ja zweifellos eine ganze Anzahl gibt, indem sie sich nicht energisch genug lossagen von der greulichen Gefolgschaft, die hinter ihnen her drängt.

Dann, sagte ich, Herr Professor, trifft aber doch den Liberalismus der Vorwurf, welchen ihm seine Gegner machen: daß er dem Zauberlehrling gleicht, welcher die Geister, die er rief, nicht beherrschen kann.

Ja, ja, erwiderte der Professor, es ist schon viel daran, und macht mir, macht uns die furchtbarste Sorge, sowohl wegen der wirklichen Schäden, die daraus dem Gemeinwesen erwachsen, und die wir mit Aufgebot aller Mittel des Liberalismus kaum noch zu beseitigen hoffen dürfen; vor allem aber wegen der Waffen, die wir der Reaktion auf diese Weise in die Hände spielen, und die nun von Kathedern und Kanzeln mit solchem Erfolge gegen uns geschwungen werden. Apropos Kanzeln! Pastor Renner! Er war heute auch in dem Theater – eine große Ehre, die Sie teuer werden bezahlen müssen; denn er hatte seinen Adlatus und Amanuensis und Redakteur, – denn auch als solchen läßt er den Menschen fungieren – Ihren alten Freund, Ernst Streben, neben sich und diktierte ihm offenbar die Kritik über Ihr Stück in die Bleifeder. Machen Sie sich auf alles gefaßt! Auch von seiten gewisser anderer Herren von der Zunft! Ich strich nach dem dritten Akt im Foyer an einem ganzen Rudel vorüber, das die schwarzen Köpfe zusammensteckte und den kritischen Kurs Ihres Münzer für morgen feststellte. Wundern Sie sich nicht, wenn derselbe weit unter pari notiert ist! Ich kenne meine Leute. Auch wieder einer der Schäden des Judentums, die wir groß gezogen haben, und an die keiner rühren darf, ohne die ganze Meute auf sich zu hetzen. Aber lassen Sie sich's nicht anfechten: Ihr Stück hat seine großen Schwächen, und doch muß man es loben, und ich werde es loben. Adieu! Ich muß nach Hause. Besuchen Sie uns bald! meine Frau spricht noch oft von Ihnen. Sie war heute bei Jettchen Israel. Es soll ihr etwas besser gehen; doch das täuscht bei solchen Krankheiten. Meine Frau meint – aber ich darf mich nicht wieder fest plaudern. Adieu und auf Wiedersehen!

Der quecksilbrige alte Herr war davongeeilt; ich stand im Begriff, ihm langsam zu folgen, hatte aber die Wand von hohen Blattgewächsen, hinter der wir in der Nähe eines Fensters gesessen hatten, noch nicht umschritten, als ich das Rauschen eines seidenen Kleides hörte, welches ich alsbald durch die Blätter schimmern sah. In demselben Augenblicke vernahm ich auch schon die Stimme der Dame, die in atemloser Hast zu jemand sagte:

Wie konntest Du kommen, da Du wußtest, daß ich hier war – und er!

Ich wollte Dich wieder einmal sehen – das ist doch Grund genug.

Ich bitte Dich himmelhoch – geh! Es gibt ein Unglück, wenn Du bleibst!

Für wen – für Dich?

Ich weiß es nicht. Was quälst Du mich?

Sage offen heraus: Du willst den Menschen heiraten!

Nein! nie!

Dann bleibe ich.

In das sonst verlassene Zimmer drang ein Schwarm von Gästen, an ihrer Spitze ein Kunstgelehrter, wie es schien, der eine neue Acquisition – ein Bild, vor welchem ich vorhin bewundernd gestanden – den Herrschaften zeigen wollte. Laute Ah's! und Oh's! und »wundervoll! – entsetzlich!« und dazwischen die Stimme des Dozenten: Freilich! Wundervoll und entsetzlich! Ich habe es Ihnen vorher gesagt: ein echter Böcklin! Der richtige Wagner der Malerei! Zukunftsmalerei: unsre Seelen bis in die tiefste Tiefe aufregend, aber mit Mitteln, die man kaum noch oder gar nicht mehr künstlerische nennen kann, und zu denen der Manierist leider immer zu greifen gezwungen ist. Haben Sie je solche ungeheuerliche Felsen und Bäume gesehen? solche absurde Scheusale, wie sie nur einer bis zum Wahnsinn überreizten Phantasie –

Aber Herr Professor, die häßlichen Menschen, die Ihr großer Menzel mit Vorliebe malt –

Erlauben Sie, mein gnädiges Fräulein! Ich muß dagegen protestieren, daß Sie diese beiden Namen in einem Atem nennen! Von Adolf Menzel rückwärts kommt man direkt auf Hans Holbein und weiter auf Albrecht Dürer. Dazwischen eine endlose Reihe von Essayisten. Die Kunstgeschichte ist ein ungeheures weitlöcheriges Sieb, innerhalb dessen nur –

Es war das letzte Wort, das ich aus dem Munde des Kunsthistorikers hörte. Ich hatte mich hinter der dichten Gruppe weggeschlichen, schaudernd meines armen Thomas Münzer gedenkend, den ich nun auch bereits durch eines jener weiten Löcher des ungeheuerlichen Siebes der Literaturgeschichte in bodenlose Vergessenheit fallen sah.

Doch war das nur für Augenblicke. Dann dachte ich wieder der beiden Unglücklichen, deren kurzes Zwiegespräch ich unfreiwillig genug hatte mit anhören müssen; und mein Entschluß war gefaßt. Mochte denn der neue Span aus einem neuen Kerbholz gehauen werden! Ich mußte es darauf ankommen lassen.

Er überragte fast die ganze Gesellschaft um Kopfeslänge, und so hatte ich ihn bald gefunden: in einem Saale, welchen ich bis jetzt noch nicht betreten: dem Musiksaale, dessen Stuckmarmorwände nur über den Thoren mit Fresken geziert waren, aber jedes anderen Schmuckes ermangelten, wie der parkettierte Fußboden des sonst obligaten Teppichs. Er stand an eine Säule gelehnt mit untergeschlagenen Armen, offenbar wenig des Gesanges achtend, der Frau Lilis vibrierenden Lippen entströmte und von irgend einem Virtuosen begleitet wurde (während Mr. Fred die Notenblätter umwandte), Christine fixierend, die in einer der letzten Reihen des auf vergoldeten Stühlen placierten, zahlreichen, andächtig lauschenden Publikums saß. Ich berührte seinen Ellbogen und winkte ihm schweigend aus dem Saale. Er folgte mir sofort. Wir gerieten wieder in die kleine Galerie, die jetzt von dem Kunstgelehrten und seiner Zuhörerschaft verlassen war. Ich deutete auf die Fensternische hinter den Blattgewächsen und sagte:

Da habe ich gesessen. Ich mußte Euch hören, ob ich wollte oder nicht. Ihr ließt mir auch keine Zeit, mich bemerklich zu machen. Soviel zu meiner Entschuldigung.

Wo soll das hinaus? fragte er mit rauher Stimme.

Es wird ganz auf Dich ankommen, erwiderte ich. Du hast mir zwar sehr folgerichtig Deine Freundschaft gekündigt, seitdem Du weißt, daß ich Dein illegitimer Verwandter bin. So laß mich denn an Dein einfaches Menschengefühl appellieren, mit dem Du, scheint mir, in Konflikt gerätst, wenn Du ein Verhältnis fortsetzest, aus welchem, wie Du mir selbst zugegeben, nur Unglück für das Mädchen erwachsen kann. Ich vermag das weder mit Deinem Wesen zu vereinbaren, wie ich es sonst kannte und liebte, noch mit der Loyalität, zu der Du Dich bekennst, und die man, deucht mir, einem hilflos schwachen Geschöpf in erster Linie zu gute kommen lassen muß.

Bist Du zu Ende?

Ich wüßte wenigstens nicht, was ich jemand, der ein Ohr hat, zu hören, mehr sagen könnte.

Noch eine Vorfrage: kommst Du im Auftrage von Herrn Lamarque?

Ich habe keinen Auftrag von Herrn Lamarque, noch würde ich einen solchen annehmen. Es handelt sich für mich in der ganzen Angelegenheit nur um Dich.

Ich habe also nur mit Dir zu thun. So erlaube mir die Bemerkung, daß alles, was Du da über eine Sache, die Dich schlechterdings nicht angeht, vorgebracht hast, von A bis Z eine bodenlose – Unverfrorenheit ist.

Du wolltest ein derberes Wort gebrauchen. Ich mußte leider darauf gefaßt sein. Es ist auch sicher in Deinen Augen die elendeste Feigheit, daß ich nicht mit einer Herausforderung antworte. Glücklicherweise bin ich ein und das andere Mal in der Lage gewesen, mir zu beweisen, daß ich mein Leben nicht höher achte, als es einem anständigen Menschen erlaubt ist. Ich meine, Du solltest das wissen und mich nicht abfertigen, wie den ersten besten, der Dir über den Weg läuft.

Auf deutsch: Du kneifst?

Ich kenne den eleganten Ausdruck nicht; wenn er so viel bedeutet als: daß ich mich mit Dir nicht schlagen will, so hast Du allerdings recht.

Dann bleibt mir leider nichts anderes übrig, als Dir in Gegenwart von ein paar einwandsfreien Zeugen, wie sie da eben zur Thür hereintreten –

Ich wich nicht zurück, sondern blickte ihm nur fest in die rollenden Augen. Der Löwe konnte den Blick nicht aushalten, und etwas wie ein dumpfes Stöhnen brach aus seiner breiten Brust.

Schlagododro! sagte ich leise.

Die rollenden Augen waren starr geworden, und jetzt lag es über ihnen wie ein feuchter Nebel, den er unwillig rasch wegzuwischen suchte.

Lieber Schlagododro! sagte ich noch einmal, seine Hand ergreifend. Ich danke Dir. Es ist besser so. Es wäre zwischen Dir Riesen und mir Krüppel ja doch nur ein amerikanisches Duell möglich gewesen. Und nun thu mir die Liebe und geh! Geh auf der Stelle! Ich würde Dich begleiten; ich könnte es nicht ohne die größte Unhöflichkeit, da die Gesellschaft doch einmal nominell mir zu Ehren gegeben wird.

Adieu dann! sagte er. Ich besuche Dich morgen. Es kann auch in der anderen Sache – der Familiensache – nicht so zwischen uns bleiben. Wir müssen da einen Ausweg finden.

Und werden ihn finden. Aber jetzt geh!

Also noch einmal: adieu! Auf Wiedersehen!

Er hatte mir – sehr vorsichtig, der liebe Kerl! – die Hand geschüttelt und stürmte davon. Ich blickte ihm nach, das Herz voll Jubel. So hatte ich ihn noch nicht verloren, den alten Schlagododro! Das wog fürwahr den fraglichen Theatertriumph auf!

Mit einem Male fiel mir schwer auf die Seele: Du hättest ihn hinausbegleiten sollen! Was kann nicht alles passieren, bis er durch die vier oder fünf Säle hindurch ist!

Im Begriff, ihm eilig zu folgen, prallte ich in der Thür auf Emil, daß ihm der Kneifer von der Nase fiel.

Ah, da bist Du?

Suchst Du mich?

Ja. Mama schickt eben herunter. Jettchen hat gehört, daß Du hier bist. Ob Du nicht auf einen Augenblick heraufkommen möchtest? In der Nacht um halb ein Uhr! Welch sonderbare Einfälle diese Kranken haben! Und es soll in fünf Minuten soupiert werden! Wenn Du also gehen willst –

Natürlich will ich.

Du mußt durchaus gleich wieder kommen. Lili wäre untröstlich. Du brauchst nicht durch die Säle. Gleich hier durch diese Thür! Eine Verbindungstreppe nach oben, direkt auf den Flur. Du kommst auf demselben Wege zurück. Aber in fünf Minuten!

Ich hatte die letzten Worte nur noch eben gehört und war bereits durch die Tapetenthür, die mir Emil geöffnet hatte, auf der schmalen Treppe, welche von oben her ein mattes Licht empfing.

Grüß Jettchen! rief Emil hinter mir her, indem er die Thür wieder zudrückte.

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