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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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II.

Und wovon soll ich nun zuerst, wovon zum zweiten berichten? Dürfte ich meiner Empfindung folgen, so schwiege ich von beiden Unternehmungen, denn in beiden hat der Himmel es so eingerichtet, daß der Mensch den Tribut seiner Schwäche möglichst reichlich zahle. Aber ich habe mich doch nun einmal anheischig gemacht, die Geschichte meines Lebens mit der Gewissenhaftigkeit eines ehrlichen Historikers zu erzählen, und so möge mir die Liebe, möge mir die Muse verzeihen, wenn ich aus ihrer Schule plaudere.

Sie sollte sich für mich als eine strenge Schule erweisen, die der einen und der anderen. Aber ich küsse den Hohen nachträglich dankbar die göttlichen Hände, mit wie kindischem Trotz ich mich auch seiner Zeit wiederholt gegen ihr sanftes Joch gesträubt habe, ja mehr als einmal auf dem Punkte gestanden bin, ihnen den Dienst für immer zu kündigen.

Es war aber zwischen Ellinor und mir das sonderbarste Verhältnis eingetreten, in welchem wir weder uns selbst, noch eines das andere recht begriffen, sondern wie im Dunklen tappten, uns einander suchend, ohne uns finden zu können. Aus einem sehr einfachen, aber uns wiederum völlig unerfindlichen Grunde, aus dem nämlich, daß wir uns mit einer raffiniert grausamen Geflissenheit voreinander versteckten.

Und soll ich wieder den Grund dieses Grundes angeben, so ist es der uralte, ewige, von dem schon unser Elternpaar im Paradiese zu erzählen wußte. Ein übermächtiger Augenblick hatte uns einander unsre Seelen unverhüllt gezeigt und – wir schämten uns. Es war zu plötzlich gekommen, zu gewaltsam jede Schranke überstürzend, hatte uns zu hoch über uns selbst, zum wenigsten über alles Kleine in uns hinausgehoben; wir waren für einen Moment Götter gewesen und – sollten nun wieder Menschen sein, denen ein unermeßliches Geschenk ward, und die sich sagen, daß sie desselben nie werden froh werden, wenn sie es sich nicht nachträglich durch eigene Anstrengungen ehrlich verdienen.

Und da half die Versicherung nichts, die wir einander wieder und wieder gaben, daß unsre Liebe ja durchaus nichts Neues, sondern etwas ganz Altes sei, von dem Augenblick datierend, als wir im Park von Nonnendorf einander zum erstenmale sahen. Und weiter, daß, wenn sie vor meinen Augen mit den Blewitz und seinesgleichen kokettiert, und ich gethan, als ob ein Wesen wie Ellinor für mich auf der Welt nicht existiere, wir den tagsüber selbstbereiteten Jammer bei stiller Nacht in unsre verschwiegenen Kissen ausgeweint hatten. Sodann die Trennung, die nun folgte, war doch sicher nicht unser Werk gewesen; und daß dieselbe Jahre währen konnte, ohne die Macht zu haben, uns einander vergessen zu machen, sprach doch wohl für die Kraft und Zähigkeit unsrer jugendlichen Leidenschaft. An die Verirrung freilich meiner Phantasie, von der mich erst die erhabene Einsamkeit oben »auf dem Walde« geheilt hatte, mußte ich mit Wehmut denken und nicht ohne einige Reue an gewisse leicht geschürzte, leicht gelöste Verhältnisse, in welche ein heißblütiger junger Mann, zumal wenn er Schauspieler ist, so leicht verstrickt wird. Auch kannte ich die Welt zu gut, um nicht zu wissen, daß ein so schönes, so geistreiches Mädchen wie Ellinor, in gesellschaftlichen Kreisen lebend, in welchem dem, was der Engländer »flirtation« nennt, der breiteste Spielraum gegeben wird, manchen verliebten Schäfer zu ihren Füßen gesehen und mit Bändern und Herzen ihren reichlichen Scherz getrieben haben mußte. Sie leugnete es auch gar nicht; aber sie blieb dabei, daß – von Astolf ganz zu schweigen, gegen den sie stets eine innerliche Abneigung empfunden – ihr eigenes Herz niemals ernstlich in Gefahr gewesen sei. Und sie aus einer beinahe ernstlichen der Anbeter selbst – ein junger, bildschöner Graf, Gardeleutnant selbstverständlich, – gerettet habe, als er ihr ein verlorenes Vielliebchen – das herrlichste Blumenboukett – schickte unter Beifügung seiner Karte, auf welcher unter der Grafenkrone mit eigener gräflicher Hand geschrieben stand: »Je pense!« Er hatte wohl nicht gedacht, der gräfliche Denker, daß die mutwillige junge Schöne »daran« – noch jetzt, nach einem Jahre, nicht würde denken können, ohne in ein tolles Gelächter auszubrechen!

So versuchten wir uns redlich und eifrig die Sorge wegzubeichten und zu scherzen, daß das Geständnis unsrer Liebe nicht etwa der Ueberschwall einer momentanen Leidenschaft gewesen, sondern aus einer tiefen, unversiegbaren, nur lange Jahre verschütteten Quelle geflossen sei. Dennoch stand etwas zwischen uns, das uns verhindern wollte, unsrer Liebe junges Glück mit vollen Zügen zu trinken. Ob Ellinor wußte, was dies Etwas war? Ich mußte es annehmen: sie war ein zu klarer Kopf, als daß sie so träumend hätte dahinleben können. Jedenfalls wußte ich es ganz genau. Es war die Ueberzeugung, der Maria aus eigenster schmerzlichster Erfahrung heraus einen so ergreifenden Ausdruck gegeben hatte: daß nicht die Herzen zweier Menschen wohlig aneinander schlagen und sich zum Bunde für das Leben vereinigen können, in deren Köpfen zwiespältige Gedanken wohnen über die Dinge, die uns heilig sein müssen, weil sie die Grundsteine unsers sittlichen Wesens sind.

Ich dachte schaudernd an den Blick, mit welchem Ellinor mich angesehen – wie einen Irrsinnigen, oder jemand, der sich einen unziemlichen Scherz mit ihr erlaube – als ich ihr sagte, daß ich Tischler sei. Wie würde sie mein Geständnis aufnehmen, daß wiederum mich der Reichtum meiner Mutter mit Schauder erfülle, und bei mir der Entschluß feststehe, lieber von neuem Handwerker zu werden, als diesen Reichtum je als mein eigen zu betrachten und zu genießen!

Und hier war es wieder meine Mutter, welche, ohne daß wir ihr unsre Not geklagt hätten, in unsern Seelen klarer las, als wir selbst, und es deshalb unternehmen konnte, unsre Köpfe in Einklang zu bringen, wie unsre Herzen.

Sie begann ihr Werk damit, daß sie sich erst einmal der Liebe Ellinors versicherte, was der Liebenswürdigen um so leichter fallen mußte, als die beiden Frauen, welche in dem Charakter ihrer Schönheit und ebenso in ihrem geistigen und gemütlichen Wesen vielfache Aehnlichkeit hatten, so daß sie sehr wohl für Mutter und Tochter gelten durften, jetzt auch wie Mutter und Tochter zusammen hausten und lebten. Denn Ellinor war, noch während die Verhandlungen zwischen den paktierenden Mächten schwebten, der Einladung meiner Mutter folgend, aus dem Hause der Generalin zu dieser übergesiedelt und hatte damit das Signal zu dem auch sonst unvermeidlichen Bruch gegeben. Es hatte nur ein Besuch sein sollen, aus dem sich aber eine dauernde Einrichtung gestaltete. Der Oberst bewohnte ein bescheidenes Junggesellenquartier, in welchem sich eben noch für mich ein dürftiger Raum gefunden. Auch konnte er wirklich gerade jetzt, wo ihn zwei große Arbeiten zugleich in Anspruch nahmen, der Hilfsleistung eines erprobten Sekretärs nur schwer entraten; und, damit auch noch das letzte gesagt werde: er scheute sich vor einem Zusammenleben mit Ellinor. Der Umschwung der Dinge war auch ihm zu plötzlich gekommen; das Vaterglück, das ihm aus unserm Liebesglück erblühen sollte, war ihm ein blendendes Licht, an das sich sein keusches Auge erst gewöhnen mußte. Auch er hatte für sein Teil nichts gethan, dieses Glück heraufzuführen; auch er gehörte zu den Menschen, die nichts ihr eigen nennen mögen, was sie sich nicht erworben haben. Durfte ich ihn deshalb schelten, ich, der von ganz ähnlichen Zweifelsqualen geängstigt wurde und immer fürchtete, mein zauberreiches Glück, in welchem sich die ganze Welt mit aller ihrer Herrlichkeit zu spiegeln schien, könnte vor einem einzigen rauhen Anhauch zergehen und sich in ein Nichts auflösen, wie eine bunte Seifenblase?

Ihr Kleingläubigen, schalt mein Mutter, die Ihr keine Ahnung habt von der elastischen Kraft der Seele einer Frau, die ein Herz zu lieben hat, und in deren Herz die Liebe eingezogen ist! Pedanten Ihr, die Ihr noch bewiesen haben wollt, was Ihr mit Händen greifen könntet, wenn Ihr den Mut dazu hättet, über den jede Frau verfügt, sobald es sich um ihre Liebe, das heißt um Wohl und Wehe ihres Lebens handelt! Dem Oberst will ich verzeihen: er ist ein Gelehrter, ein Doktrinär und denkt, in der Liebe gehe es zu, wie in seiner Mathematik. Aber Du, der Du ein Dichter bist, und sich auf Frauenherzen nicht versteht! Nun wohl, so will ich inzwischen das Ohr Deiner Desdemona mit den Wundern meines Lebens füllen, daß sich ihr adliges Seelchen ausweite für alle die Möglichkeiten, auf die eine Frau sich einzurichten hat, welche, wie ich und Deine Schwester, um des Glückes willen, das sie erstrebt, auf den Segen der Alltagsseelen verzichten muß.

So schuf sie mir und der Geliebten das sichere Fundament unsers Glückes für die Zukunft. Ellinor war weit entfernt, die Absicht auch nur zu ahnen, in welcher meine Mutter sie so zu einer Vertrauten machte, vor welcher man zuletzt keine Geheimnisse mehr hat. Ich aber sah mit Lust, wie das Band der Freundschaft zwischen ihr und der Mutter sich täglich fest und fester knüpfte, ohne daß dabei meine Herzensschwester leer ausging, sie, die so würdig war, in den Bund aufgenommen zu werden, welcher dadurch für mich erst zu einem vollkommenen wurde und mich vollkommen beglückte.

Ja, es war ein vollkommenes, ein unsagbares Glück für mich, wie ich es jetzt täglich genießen durfte, diese drei Frauen einträchtiglich bei einander zu sehen, von denen jede eine höchste Liebenswürdigkeit, ich möchte sagen: die Vollendung ihres Geschlechtes in ihrer Weise, repräsentierte. Und die dabei keine leiseste Spur von Eifersucht gegeneinander im Busen hegten, sondern von denen eine die Vorzüge der anderen neidlos anerkannte und enthusiastisch pries. Und wenn mir dennoch meine Mutter in diesem harmlosen Wettstreit der Schönheit und Anmut den Sieg davonzutragen schien, so mochte das ja auf Rechnung einer Liebe kommen, die zu lange schmerzlich gedarbt hatte, um sich jetzt im Ueberschwang der Erfüllung nicht zu berauschen. Aber auch Graf Pahlen, von dem ich wohl annehmen durfte, daß er die Frauen sehr viel besser kannte, als ich, und der doch gewiß Adele mit der ganzen Glut seiner scheinbar kühlen, im Grunde höchst leidenschaftlichen Seele liebte, gestand mir unter vier Augen, er habe meiner Mutter gleichen in seinem Leben nicht gesehen; und einen überzeugenderen Beweis heilloser Charakter- und Herzensschwäche habe noch kein Mann gegeben, als ihn der Herzog gab in dem traurigen Mut, diesen Engel von seiner Seite zu lassen.

Es konnte nicht ausbleiben, daß jetzt öfter als vorher zwischen mir und dem Grafen die Rede auf den Herzog kam, nachdem meine Mutter den eben so feinfühligen, wie klugen und gewandten Mann in ihr volles Vertrauen gezogen hatte. Er billigte durchaus ihren Entschluß, dem Herzog auch nicht das scheinbar bedeutungslose Zugeständnis eines Wiedersehens zu machen; und als derselbe in seinem Drängen auch jetzt nicht nachließ, selbst den bisher gepflogenen Briefwechsel abzubrechen. – Es läge ja zweifellos in meinem und Adeles Interesse, sagte er, wenn ich Deiner Mutter (wir nannten uns seit einiger Zeit Du) den entgegengesetzten Rat erteilte. In der Freude des Triumphes einer Aussöhnung mit Deiner Mutter und Dir, würde der Herzog auch mir und Adele unsre Sünden vergeben; und der Himmel weiß, wie gern ich Adele wieder in ihren vielgeliebten immergrünen Wäldern sähe. Aber, ganz abgesehen von Dir und mir, die wir dann nur das Ehrenkleid unsrer Ueberzeugungen ablegen könnten, um dafür »die Livree des ewigen Lügners« zu tragen – ich bitte um Entschuldigung, wenn ich wieder einmal falsch citiere – das Ganze wäre ja doch von keinem Bestand. Ich habe nicht umsonst die Tyrannennatur in großartigem Maßstabe mein lebenlang aus nächster Nähe studiert. Aber groß oder klein, die Tyrannen sehen sich so ähnlich wie ein Ei dem anderen; und das Ei, von dem wir sprechen, wie klein es ist, so voll ist es von echtestem Tyrannenstoff. Die böse Laune einer Stunde – ein Widerspruch, auf den man nicht gefaßt war – eine minimalste Verletzung der lieben Eitelkeit, – und man zerschlägt ein unwiederbringliches Glück, wie ein Kind das mühsam erbaute Kartenhaus. Ja, wäre noch etwas für unsre Zwecke bei ihm zu holen! Ein Fürst, und herrschte er über ein paar Quadratmeilen, der sich auch nur in der Theorie – mehr verlange ich von einem Fürsten nicht, – zu unsren Prinzipien bekennte, wäre ein Gewinn, für den ich ein namhaftes Opfer auf Kosten meines persönlichen Wohlbehagens bringen würde. Daran ist bei ihm nicht zu denken. Es ist auf ihn in der Politik so wenig Verlaß, wie in der Liebe. Ich habe es 1866 erfahren. Es lag nicht in unserm Interesse, – obgleich wir vor der Welt ganz andere Ansichten affichierten – Preußen so schnell zu seinem Ziele kommen zu lassen. Wir agitierten, unter uns gestanden, ein wenig in diesem Sinne; und ich war für Süddeutschland mit einer speziellen Mission betraut, der selbstverständlich ein harmloses privates Mäntelchen umgehängt war. Ich fand bei ihm die wärmste Aufnahme, das offenste Verständnis für »unsre Ideen.« Er hatte mir die bündigsten Versicherungen gemacht, sogar verbrieft – ich habe die Papiere noch und könnte, wenn ich wollte, ihn dadurch in die ärgste Verlegenheit bringen – als das rasche Vorgehen Preußens ihm auf die Nägel brannte und – aber weshalb die alten Geschichten aufrühren! Nein, Deine Mutter hat recht: der ritzt sich nur die Finger blutig, der Feigen pflücken will von dem Dornstrauch.

Pahlen und Adele waren jetzt fast allabendlich Gäste im Salon meiner Mutter, welche noch immer im Hotel wohnte. Auch der Oberst und Adalbert kamen, wenngleich seltener und zu meinem Kummer, nicht ohne den Reiz und den Zauber unsrer kleinen Gesellschaft in etwas abzuschwächen. Zwischen Ellinor und ihrem Vater wollte sich noch immer kein behagliches Verhältnis gestalten. Ellinor empfand, daß der Vater nicht sowohl an ihrer Liebe zu mir zweifelte, als an ihrer Kraft, dieser Liebe durch jedes widrige Geschick treu zu bleiben; sie aber fühlte sich durch diesen Zweifel tief gekränkt, in welchem sie nur eine Fortsetzung des alten Mißtrauens sah, mit dem er sie stets behandelt und eben dadurch den Keim zu der späteren Entfremdung zwischen ihnen gelegt habe. – Aber ich werde ihm beweisen, rief sie, daß man ein Weltkind sein kann, wie es, Gott sei Dank, auch Deine köstliche Schwester ist, und doch keine Wetterfahne zu sein braucht, für die er mich zu halten scheint – er und Dein Freund Adalbert, in dessen Gegenwart ich das Frösteln nie verlernen werde.

Ich konnte ihr das letztere wenigstens nachfühlen. Hatte ich doch dieselbe Empfindung in der ersten Zeit meiner Freundschaft mit dem verschlossenen Menschen oft genug selbst gehabt; und mußte ich doch immer an die seltenen Augenblicke denken, in denen er mir sein Herz geöffnet hatte, um nicht auch jetzt noch an ihm irre zu werden und, wie Ellinor, zu glauben, daß er für jedes Gefühl der Liebe, ja jede Regung, wie sie sonst die Herzen anderer Menschen durchzittert, unempfänglich sei. Merkwürdigerweise war es gerade meine Mutter, die, wenn in seiner Abwesenheit Aeußerungen derart, nicht nur von Ellinor, sondern auch von Adele, selbst von Graf Pahlen über ihn gemacht wurden, stets auf das entschiedenste, ja leidenschaftlichste seine Partei nahm. Und nicht weniger interessant war es mir, zu beobachten, daß Adalbert wiederum meiner Mutter eine Aufmerksamkeit widmete, die man wohl eine Huldigung nennen durfte, und die ganz sicher keine höfliche Erwiderung ihrer augenfälligen Bevorzugung, sondern, wie alles bei ihm, eine Aeußerung seiner innersten Natur war. Ich erklärte mir diese wechselseitige Sympathie aus dem Gleichklang zweier Seelen, die beide »was sie wollen, ganz wollen«. Nur daß freilich die Frau, nach Frauenart, im Lauf ihres Lebens ihren Willen wiederholt gewandelt, der Mann den seinen unverrückt auf dasselbe Ziel gerichtet hatte, wie der heimwärtsstrebende Odysseus den Blick auf die ewigen Gestirne.

Von der Ansicht ausgehend, daß alle meine Freunde auch ihre Freunde werden müßten, hatte meine Mutter keine Zeit verloren, Frau von Werin und Maria aufzusuchen, die nicht minder als Adalbert, ja in fast noch höherem Grade ihre Bewunderung erregten, wohl, weil sie sich denn doch in das Leben und Wirken der Frauen besser hineindenken konnte, als in das des Mannes. Sie nannte das Erziehungswerk der Frau von Werin ein ebenso kühn-geniales, wie bei der Lage der sozialen Dinge notwendiges Vorgehen, von dem sie nur bedauere, daß es nicht auf amerikanischem, sondern auf europäischem Boden geschehe, dessen Sterilität der Entwicklung solcher Zukunftskeime allzu ungünstig sei. Aber auch nur, wie die großherzige Frau es thue, auf den Rettungsweg aus dem sozialen Labyrinth hinzuweisen, sei ein unendliches Verdienst. Auch zweifle sie nicht, daß sich Frauen in Deutschland finden würden, das Angefangene fortzusetzen, vielleicht mit größeren Mitteln in größerem Maßstabe und auf diesem Wege die Zukunft vorzubereiten. Denn die kommenden Generationen würden doch zur Massenerziehung greifen müssen, nicht zu der heutigen sporadischen inkonsequenten, wo das moralische und materielle Elend in den Hütten der Armut immer wieder einreiße, was in den öffentlichen Lehranstalten mit tausend Mühen aufgebaut sei, sondern zu einer allgemeinen, methodischen und radikalen, die das junge Menschenkind mit Leib und Seele nehme, es hege, pflege, kräftige, und nicht eher aus ihrer Zucht entlasse, als bis es in die Schar der Erwachsenen eingereiht werden könne, welche, bereits das geprüfte Produkt eben derselben Erziehung, das neue Material für ihre großen Zwecke zu verwerten, eben so willig als befähigt sei.

Mir war kein Zweifel, daß, wenn die Mutter mit Geist und Feuer solche Gedanken klar legte, sie nicht sowohl sich selbst oder uns anderen den Beweis liefern wollte, wie völlig sie sich aus dem jesuitischen Bann ihrer letzten Jahre gelöst habe, sondern es ganz besonders auf Ellinor abgesehen hatte, für welche dies allerdings höchst befremdliche, verwunderliche Dinge waren. Und die sie denn doch, sollte sie nun einmal mit ihrer Vergangenheit brechen, wie die Mutter mit der ihren gebrochen hatte, aus dem Munde der letzteren besser hörte, als aus dem meinen. Denn so schien alles absichtslos gesagt zu sein, was bei mir absichtsvoll geklungen und deshalb meine schöne Zuhörerin nur verstimmt haben würde. Wenn sie dennoch bei den Reden der Mutter ihre großen Augen oft noch größer machte, so ängstigte mich das nicht mehr. Hatte doch die kühne Frau die Leistungsfähigkeit ihrer Schülerin mit dem besten Erfolge auf eine andere nicht minder schwierige Probe gestellt, indem sie dieselbe in die Häuslichkeit meines Bruders Otto einführte und so mit der Banalität kleinbürgerlicher Verhältnisse bekannt machte.

Wie deutlich ich mich des Abends erinnere, als ich die Geliebte sah, nachdem sie am Vormittage zum erstenmale mit der Mutter dort hinten in dem äußersten Osten Berlins, wohin sie noch nie die aristokratischen Füße gesetzt, die »Bautischlerei von Otto Lorenz« besucht hatte! Unsre Gesellschaft war besonders vollzählig und in besonders heiterer Laune, Dank der Mutter, die, wie immer, der Mittelpunkt war, von dem Licht und Wärme ausging, und die heute von Geist, Liebenswürdigkeit und Schönheit geradezu strahlte. Das geliebte Mädchen saß stumm da, mit niedergeschlagenen Augen, die sie nur manchmal zu mir erhob mit einem Ausdruck, über welchen ich hätte lächeln können, wenn er nicht so rührend hilflos gewesen wäre mit seiner bangen Frage: das war dein Heim, als wir uns bei Maria trafen? Von diesen Menschen kamst du? zu diesen Menschen kehrtest du zurück? Mit ihnen hast du so lange dieselbe Luft geatmet, gearbeitet, gesorgt, Leid und Freud geteilt? Das war kein Scherz, wie ich wähnte? war furchtbar ernste, grauenhaft prosaische, ganz ordinäre – war deine Wirklichkeit? Und in der du zu bleiben gedachtest, in der du geblieben wärest, hätte der Zufall es nicht anders gewollt? Und von der ich gar nicht sicher bin, daß du unter Umständen wieder in sie zurück willst, um mich dahin mitzunehmen? Mich dahin! großer Gott!

Das las ich aus den starren, angstvoll fragend blickenden Augen.

Und die mir dann in das stille Nebenzimmer winkten, wo die leidenschaftlich Aufgeregte mir um den Hals fiel, und, mich an sich pressend, sich an mich schmiegend, zwischen Lachen und Weinen murmelte: Es ist alles ganz gleich. Mag es kommen, wie es will. Du läßt nicht von mir, ich nicht von Dir, Du ganz unsäglich geliebter, verrückter Mensch!

Wie ich mich des Abends erinnere!

Nur dieses? Als ob nicht alle in meiner Erinnerung ständen, leuchtend in einem zauberischen Glanz, den sie einer Sonne verdanken, die untergegangen ist, wie die, welche durch die Laubengänge des Paradieses zitterte, und nie, wie oft auch noch aus Abend und Morgen ein neuer Tag werden mag, in so himmlischer Klarheit wieder aufgehen kann!

Und schon sollten jenem Abend nicht mehr viele seinesgleichen folgen.

Es mochte eine Woche seitdem vergangen sein, als ich meine Mutter allein fand und in einer ungewöhnlichen Erregung.

Sie war an dem Vormittage, diesmal ohne Ellinor, wieder bei Otto gewesen und hatte dort meinen Stiefbruder August vorgefunden. Daß August von England seine Schritte nach Deutschland lenken würde, wußte sie von mir, und so hatte sie das Wiedersehen nicht eben überrascht. Auch dachte sie zu groß, um dem Wilden den Haß nachzutragen, welchen er von frühester Jugend an, bis er das väterliche Haus verließ, gegen die Stiefmutter an den Tag gelegt; und er seinerseits hatte heute keinerlei Veranlassung gegeben, der alten Zeit zu gedenken, sondern war, wenn auch schweigsam und zurückhaltend, so doch höflich, ja zuvorkommend gewesen, völlig, wie ein Mann, sagte die Mutter, der die Welt kennt und weiß, was er sich und anderen schuldig ist. Aber er hatte auch die Absicht ausgesprochen, bei Otto zu bleiben und in dessen Geschäft eintreten zu wollen, und das erschien meiner Mutter äußerst bedenklich. Mit vollem Recht. Jetzt ging bei Otto alles vortrefflich. Er stöhnte und klagte, wie immer, – aus Gewohnheit; innerlich war er zufrieden und glücklich, soweit es ein Mensch seiner Art überhaupt sein kann. Damit würde es nun wieder vorbei sein. In der Nähe eines Pulverfasses lebt es sich nicht behaglich, besonders mit Ottos ewig zitternden Nerven. Und daß August sein altes wühlerisches Metier auch als Tischler fortsetzen werde, daran war ja nicht zu zweifeln.

Das lautete schlimm; schlimmer, was die Mutter weiter berichtete.

Während sie noch mit August gesprochen hatte, war Weißfisch erschienen, um den Parteigenossen bei seiner Ankunft zu bewillkommnen. Meine Mutter hatte den Eindruck gehabt, als ob der verhaßte Mensch auch von Otto als jemand, der in dem Hause aus und ein gehe, empfangen worden sei. Sie selbst war von ihm mit großer Höflichkeit begrüßt und um die Erlaubnis gebeten worden, ihr »in einer wichtigen Angelegenheit aufwarten zu dürfen«.

Ich überwand meinen Abscheu; fuhr meine Mutter erregt fort, und sagte, daß ich ihn empfangen wolle. Vor einer Stunde ist er hier gewesen. Ich ließ ihn gar nicht erst zu Worte kommen, sondern sagte ihm, daß ich, wenn er Dich und mich nicht in Ruhe lasse, uns vor ihm Ruhe verschaffen würde. Es war ein greuliches Lächeln, was der Mensch da lächelte. Und nun will das Unglück, daß in demselben Moment Adele, die drüben bei Ellinor war und jetzt noch ist, da zur Thür hereinkommt. Sie zuckte freilich sofort zurück, als sie sah, wer hier war, aber es war zu spät. Der Mensch hatte sie erkannt. Er lächelte womöglich noch greulicher und sagte: Sie behandeln mich gerade so schlecht wie Ihr Herr Sohn, obgleich ich es doch nur gut mit Ihnen beiden meine. Wäre es nicht der Fall, so könnte ich mich jetzt schlimm an Ihnen rächen und an der Dame, die dort eben vor mir geflohen ist, als wäre ich ein wildes Tier; und an dem Herrn Grafen, der also zweifelsohne auch in Berlin ist, und dessen Wohnung auszukundschaften mir nun weiter keine Schwierigkeiten machen dürfte. Es wäre ein schöner Fang für die Polizei, mit der mir die gnädige Frau eben gedroht hat! Sie würde unsrer Hoheit gern den Gefallen thun, ihm den unbequemen Herrn Schwiegersohn abzunehmen und unter Schloß und Riegel bringen. Denn Hoheit ist wütend, daß Sie alle Verhandlungen mit ihm abgebrochen, ja es abgelehnt haben, Herrn von Renten nochmals zu empfangen, trotzdem derselbe mit noch günstigeren Bedingungen kam, als das erste Mal. Ich rate Ihnen zum guten. Es ist noch nicht zu spät; und ein so verächtlicher Mensch ich Ihnen erscheine, wenn Sie sich mir anvertrauen wollen – und darum zu bitten, bin ich eben gekommen – ich könnte Ihre Sache besser führen, als Herr von Renten. Also besinnen Sie sich, sonst – ich will Ihnen nicht drohen – ich will auch die Zusammenkünfte der Herrschaften hier nicht stören – ich sage nur: besinnen Sie sich! Meine Adresse kann Ihr Herr Sohn jeden Moment durch den August erfahren. Ich gebe Ihnen von heute abend noch acht Tage Zeit und hoffe mit Bestimmtheit, daß Sie sich bis dahin besonnen haben. – Damit ging er.

Ich war über diese Nachrichten sehr bestürzt. Daß August sich auf die Dauer bei Otto einquartiert – jedenfalls unter falschem Namen und mit falschen Papieren – erschien mir aufs äußerste bedenklich; und ebenso beklagte ich die Sorglosigkeit, mit welcher Pahlen und Adele in letzter Zeit die frühere Zurückgezogenheit aufgegeben und nun schließlich den gefährlichen Menschen, der überall herum spionierte, auf ihre Spur gebracht hatten. Was war nun zu thun?

Wir berieten das gemeinschaftlich mit dem Grafen und Adalbert, die inzwischen gekommen waren. Zu meinem Erstaunen nahm Pahlen die Sache leicht. Daß die Polizei früher oder später seinen Aufenthalt entdecken würde, habe er von vornherein gewußt; indessen Grund, anzunehmen, man werde ihn unbehelligt lassen. Seine Quelle sei sogar sehr sicher, nämlich: seine eigene Gesandtschaft in Person eines der Attachés, seines geschworenen Freundes, mit dem er ausführlich über die Angelegenheit konferiert habe. Der Attaché sei der Ansicht, daß ihm von seiten Rußlands keine Gefahr drohe. Seine Verbannung nach Sibirien habe in den höchsten Petersburger Adelskreisen und in der unmittelbarsten Umgebung des Zaren den schwersten Anstoß erregt; und der Zar selbst, als ihm die Nachricht von der gelungenen Flucht hinterbracht wurde, geäußert: Gott sei Dank, daß ich ihn los bin! Man werde also keineswegs seine Auslieferung verlangen, und die hiesige Polizei sich damit begnügen, ihn eben nur zu überwachen, im übrigen aber ignorieren, solange er nichts gegen Deutschland oder den preußischen Staat unternehme.

Das ist nun freilich heutzutage ein sehr dehnbarer Begriff, sagte der Graf; aber da man in Rußland kein Verlangen nach mir hat, fällt der Hauptgrund des Interesses, welches man diesseits an mir nehmen würde, fort. Man ist ja coulant hinüber und herüber und bereitet einander nicht gern Verlegenheiten. Was den Weißfisch betrifft, so rate ich der gnädigen Frau dringend, dem Erpressungsversuch – denn weiter ist es nichts – keine Folge zu geben: es würde eine Schraube ohne Ende sein; und ich wünsche und bitte dringend, daß man sich um meinetwillen nicht in noch dazu ganz unnötige Kosten stürzt. Wie gesagt: ich fürchte den Mann nicht. Um so weniger, als ich jetzt annehmen muß, daß er, wie moralisch verlumpt er sein mag, doch soweit ein guter Sozialdemokrat ist – nach der Versicherung Deines Stiefbruders August, lieber Lothar. Ich habe die Bekanntschaft dieses Erzrevolutionärs gemacht. Er war noch eben bei mir, um mir Grüße von den Freunden in London zu bringen und Nachrichten über den dortigen Stand unsrer Angelegenheiten. Auf den Weißfisch, den er heute morgen mit Ihnen, gnädige Frau, zusammengesehen, brachte er selbst die Rede. August ist ein sehr kluger Mensch und kennt seine Leute. Weißfisch gilt in der Partei für ein mauvais sujet, aber er hat sich wiederholt so nützlich gemacht, daß man ihn nicht fallen lassen will. Wir müssen eben leider auch mit solchen Subjekten arbeiten und können es mit ziemlicher Sicherheit, da sie recht gut wissen, daß einem eklatanten Verrat eine eklatante Rache auf dem Fuße folgen würde. Wie denken Sie über die Sache, Werin?

Adalbert war der Ansicht des Grafen. Er kenne Weißfisch nicht persönlich, aber habe viel von ihm gehört: ein ausbündiger Schuft, aber ein Schlaukopf ersten Ranges und eben so großer Feigling, der schon aus purer Feigheit niemals wagen würde, zum Verräter zu werden.

Und nun denke ich, sagte meine Mutter, wir lassen die Sache fallen, die uns schon länger beschäftigt hat, als sie wert ist.

Wir ließen die Sache fallen und kamen auch in den folgenden Tagen nicht wieder auf dieselbe zurück. Es war eine Reihe von Ereignissen eingetreten in raschester Folge, wie Blitze, welche an heißem Sommertage aus einer mit Elektrizität überladenen Wolke fahren; und unter denen auch leider mehr als ein Schlag war, der zündend in den Prachtbau meines Glückes fiel und denselben so schnell zerstören zu wollen schien, wie er entstanden war.

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