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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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X.

Ich fühlte mich als Verdammter und schalt mich Feigling und Narr, während ich, dem glattzüngigen Präsidenten endlich glücklich entronnen, hätte gehen können und doch nicht ging, sondern so weiter durch die Gesellschaft schweifte, die inzwischen vollzählig versammelt war und die großen Räume im Uebermaß füllte: mit Orden bedeckte hohe Offiziere, weniger reich dekorierte Würdenträger vom Zivil mit ihren Frauen, die sich einander in zum Teil wunderlichen Toiletten und steifer Haltung überbieten zu wollen schienen; aber auch viele jüngere Leute: Herren in Uniform oder Frack und die betreffenden Damen, unter welchen letzteren einige wenige anmutige Gestalten und Gesichter. Das stand nun in dichten Gruppen oder schob sich unter höflichen Ausbiegungen durcheinander mit dem stereotypen Lächeln auf den abgespannten Gesichtern, denn in den nicht eben hohen Räumen herrschte eine kaum erträgliche Temperatur und – bei Tante Isabella wird nicht früher soupiert, als bis zwei oder drei in Ohnmacht gefallen sind, sagte Ulrich, der plötzlich wieder neben mir war.

Es ist natürlich Büffett, fuhr er fort, das nebenbei gar nicht so übel zu sein pflegt. Hast Du Dich schon engagiert?

Ich wüßte nicht, mit wem; erwiderte ich; auch habe ich nicht die Absicht zu bleiben.

Davon kann keine Rede sein; sagte Ulrich lebhaft, ich habe den speziellen Auftrag von Ellinor, Dich an den Tisch zu bringen, den ich eigens für uns habe reservieren müssen: Ellinor selbst, die beiden kleinen Blumenhagen, die wirklich ganz nett sind, Astolf selbstverständlich, Renten, Blewitz und noch ein paar. Sie sagt, sie hat eine Dame für Dich in petto, die sie Dir selber bringen will – deshalb meine Frage, ob Du Dich bereits engagiert hättest. Also sei kein Frosch und bleib! Ich will nur schnell Ellinor sagen, wo Du steckst. Sie suchte Dich vorhin überall. Es kann aber einige Zeit dauern, bis ich wiederkomme; sie ist eben jetzt sehr beschäftigt.

Er war davongeeilt, ohne meine Antwort abzuwarten, mit der ich gezögert hatte, fühlend, daß ich nicht so leicht die schickliche Form würde finden können. Das Herz klopfte mir zum Zerspringen. Ich war empört über die Zumutung, an einem Tische mit ihr und ihrem Bräutigam – denn dafür schien man doch Astolf allerseits zu nehmen – im Gefolge ihrer anderen erklärten Kurmacher speisen zu sollen; und dann sagte ich mir wieder, daß, wenn ich von der Leidenschaft, die mich zerrüttete, wirklich geheilt sein wollte, ein heroischeres Mittel als dies, der Zeuge von Astolfs Triumph zu sein, nicht gefunden werden könne.

Indem ich noch so, finster brütend, dastand, fühlte ich mich leise an der Schulter berührt und blickte, mich rasch wendend, in das lächelnde Gesicht des Pastor Renner.

Verzeihen Sie, sagte er, die rauhe Störung! Aber unsereiner ist zu abgekürztem Verfahren genötigt, wenn er sein Tagewerk vollbringen will, und ich würde das meinige heute nicht beendigt glauben, hätte ich Sie nicht gesprochen, nachdem ich gehört, daß Sie hier in der Gesellschaft sind. Bereits vor einigen Tagen habe ich Ihnen durch einen meiner Vertrauten einen Gruß gesandt, welcher, höre ich, nicht ganz so freundlich aufgenommen wurde, wie er gemeint war. Das thut nichts. Ich liebe die Bäume nicht, die auf einen Streich fallen. Und wußte ich doch, aus welchem Holze er geschnitzt war, mein alter, streitbarer, lieber Schüler! Ja, das letztere zumal sind Sie gewesen, oder ich hätte mich nicht so weit gegen Sie vergessen. Wir waren eben damals beide jünger. Unterdessen sind wir durch die Welt gelaufen, von ihr nach Gebühr geschüttelt worden, und wissen ein gut Teil besser als damals, wo, wie und warum. Ich habe von Ihren Schicksalen gehört, die so wunderbar sind, daß man Sie wohl als einen von Gottes Heiligen preisen darf. Sie haben, trotz Mahadöh, Gelegenheit gehabt, die Großen zu belauern, auf die Kleinen zu achten und so früh zu dem Spernere mundum zu kommen, welches der Anfang aller Weisheit ist. Das ist es ja eben, daß sie, in Selbstbewunderung und Selbstvergötterung versunken, sich von der Quelle des Heils abgewendet, woran unsre Zeit krankt, und wovon auch Fürst Bismarck sie nicht heilen wird, wenn er auf dem betretenen Wege fortfährt.

Es hatten sich, da der Pastor die letzten Worte lauter gesprochen, einige der zunächst Stehenden umgewandt. Ich sah ihm an den Augen an, daß er es so gut bemerkt hatte, wie ich, und bereits das Folgende auch zu jenen sprach:

Ich halte nicht viel von dem jetzt mit so eitlem Pomp engagierten Kulturkampf, oder, offen gesprochen, ich halte denselben für einen Mißgriff unsers großen Mannes. Ich darf das in diesen Räumen sagen, wo ich mich von lauter treu königlich Gesinnten umgeben und also vor jeder Mißdeutung sicher weiß. Wollen wir das Königtum von Gottes Gnaden – und wer von uns wollte es nicht! – so müssen wir auch die Konsequenzen ziehen, die ja schon in den Worten angedeutet sind. Ist Gottes Gnade des Königstums transcendente Genesis und metaphysischer Rechtstitel, so kommt es zu seinem irdischen Recht wiederum nur durch Gottes Gnade, wie sie sich in den Seelen und Herzen der Gläubigen so herrlich offenbart, wohlbemerkt, meine Herren: aller seiner Gläubigen, also auch der Katholiken, denn, so gute Protestanten wir sind, wir werden doch unsern katholischen Brüdern das Haus unsers gemeinschaftlichen Vaters nicht verschließen wollen!

Der uns umstehende Kreis hatte sich so vergrößert und zugleich so dicht geschlossen – ich war für den beredten Mann ganz überflüssig geworden, was er denn auch seinerseits zu erkennen gab, indem er sich nun ganz direkt an die um ihn Gescharten, mit vornüber gebeugten Köpfen eifrig Lauschenden wandte:

Nicht umsonst steht geschrieben: selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Was aber ist die Fertigkeit zum Frieden, als: daß der Mensch fertig ist, Gott zu geben, was Gottes ist. Das ist das Erste, woraus sofort das Zweite – denn alle Fertigkeiten sind in der menschlichen Natur solidarisch verbunden – ich sage: das Zweite folgt, daß wir auch bereit sind, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Wird nun die erste Fertigkeit gestört, wird in demselben Maße die zweite Bereitschaft vermindert. Und eben darin liegt für mich die ungeheure Gefahr der Friedensstörung, welche in die Gemüter unsrer katholischen Brüder durch den nun inaugurierten, eben um deshalb leidigen Kulturkampf getragen wird. Ich anerkenne nur einen Kulturkampf, das ist: mit Gott für den König. In diesem Kampfe aber müssen wir Schulter an Schulter stehen mit unsern gläubigen katholischen Brüdern, wenn sie auch unter ein wenig anderen Zeichen und Bannern kämpfen. Gott sieht ins Herz, nicht auf die Zeichen, und also müssen auch wir. Wie sollen wir denn, wenn wir uns so um einiger – ich will es zugeben – für uns ein wenig lästiger Aeußerlichkeiten willen von unsern geborenen Freunden trennen, uns des gemeinschaftlichen Feindes, wie sollen wir uns des Liberalismus, dieser Inkarnation des glaubens- und gottlosen, durch und durch entchristlichten, ganz und gar verjüdelten, königsfeindlichen Irrgeistes erwehren? Etwa dadurch, daß wir einen Bund mit dem Sozialismus eingehen? Nun, meine Herren, ich bin gar nicht so abgeneigt gegen diesen Bund, unter einer Bedingung: daß der Gottesglaube mit hineingeknüpft wird. Und das ist nicht etwa ein Widerspruch – im Gegenteil! In den Massen und gerade in den Massen ist das Bedürfnis des Glaubens, der Hunger nach der Gottesspeise rege, viel reger als bei vielen, ich sage nicht bei allen, die mit irdischen Gütern reicher ausgestattet sind. Die Massen distinguieren nicht; sie sind der Lajos, das Volk, die Laien und sollen es bleiben. Das Wort: mein Tempel ist nicht von Menschenhänden gemacht, wird ihnen immer ein esoterisches Geheimnis sein. Rührt man an dies Geheimnis, ehrt man oder scheint man auch nur den Priester nicht zu ehren, der ihnen im Gotteshause die Gottesspeise spendet, so reizt man nur ihren Hunger nach irdischen Genüssen, einen Hunger, der, weil er unersättlich ist, nie befriedigt werden kann. Ich sehe bereits die Regierung, wenn sie ihre jetzige Kirchenpolitik fortführt, auf dem sozialen Gebiete zu Konzessionen gezwungen, zu Konsequenzen gedrängt, die mich mit Schaudern und Grausen erfüllen. Aber das wird nicht sein. Fürst Bismarck ist ein Mensch und deshalb kann er irren, aber ein Mensch, der in der Gnade Gottes lebt, und Gott verläßt die Seinen nicht. Also: wohl Sozialismus, aber ein christlicher! Ein Volk von Brüdern im Herrn und Schutz und Schirm des Königtums von Gottes Gnaden! In diesem Zeichen werden wir siegen; in keinem sonst!

Der Pastor stand noch einen Moment, mit verzückten Augen nach dem Plafond starrend; strich sich mit der rechten Hand über die Stirn, wie jemand, der aus einem Traum erwacht; ließ die Linke, welche bei seinen letzten Worten das Eiserne Kreuz berührt hatte, sinken; lächelte ein zerstreutes Lächeln, in das sich seine Zuhörerschaft teilen mochte und hatte sich mit schneller Wendung dem ihn umgebenden Kreis entzogen.

Wunderbarer Mann! flüsterte der Präsident von Vogtriz, der einer der andächtigsten Zuhörer gewesen war.

Eine rechte Stütze des Thrones und des Altars! murmelte ein anderer besternter Frack.

Und der Armee! sagte mit großer Bestimmtheit ein eisgrauer General.

Der Kreis hatte sich gelöst; ich war wieder allein mit meinen Gedanken, die zurückschweiften in das vom matten Schein der Lampe durchdämmerte Studierzimmer, auf dessen nackten Dielen der Mann in glühendem Gebet für mich zu Gott um den rechten Glauben geknieet hatte. Spernere mundum! jawohl! wenn die Welt nur aus seinesgleichen bestände!

Haben Sie einen Augenblick für mich?

Es war Renten, der mit geheimnisvoller Miene an mich herangetreten war, und, als ich mich stumm verbeugte, im Flüstertone fortfuhr:

Verzeihen Sie die diplomatische Komödie, die ich Ihnen vorhin in Gegenwart der anderen vorspielen mußte! Weshalb meinen Sie, daß ich hier bin? – Aber, bitte, setzen wir uns da an das Fenster – wir sind da weniger leicht gestört – also: weshalb meinen Sie?

Ich denke, Sie kommen jetzt öfter nach Berlin?

Allerdings, allerdings. Aber gerade diesmal, gerade heute?

Ich meine, es ist besser, wenn Sie es selbst ohne Umschweife sagen.

Ohne Umschweife! gewiß! wir sind ja unter uns – nicht umgeben von lauschenden Ohren: Ich bringe Ihnen Grüße aus unsrer grünen Heimat.

Die blauen Puppenaugen starrten mich erwartungsvoll an.

Verbindlichen Dank, erwiderte ich ruhig, obgleich mir das Herz heftig schlug. Und deshalb wären Sie hier?

Nur deshalb. Heute nachmittag angekommen; wußte, daß ich Sie am Abend hier treffen würde.

Sie werden sich längere Zeit in Berlin aufhalten?

Ich hoffe, mich meiner Kommission schnell und glücklich erledigen zu können.

Also doch eine Kommission?

Dieselbe, die in meinem Gruß enthalten ist, wenn er verstanden und – erwidert wird.

Und abermals ein erwartungsvolles Starren der Puppenaugen.

Nun denn, Herr von Renten, sagte ich, so grüßen Sie unsre grüne Heimat wieder von mir! Melden Sie ihr, daß ich oft und oft voll Dankbarkeit und Rührung an sie zurückdenke; daß ich die Tage, die ich in ihr verleben durfte, zu den glücklichsten meines Lebens zähle – trotz alledem; daß mich aber, dieses Glück zum zweitenmal auf die Probe zu stellen, nichts auf der Welt bewegen könnte.

Ich wollte mich erheben; er legte mir schnell die Hand auf die Kniee und sagte in fast weinerlichem Ton: nichts auf der Welt?

Nichts!

Auch wenn – auch wenn – mein Gott, Sie setzen mir die Pistole auf die Brust! – auch wenn Sie in Ihrer Heimat Ihre – Ihre Frau Mutter wiederfinden würden?

Mein Herr –

Ich war nun doch aufgesprungen, er war mir gefolgt. Mich reute meine Heftigkeit. Was konnte der Mann, der da vor mir stand – mit einer Bestürzung in den Mienen, die sein Gesicht vollends albern machte – was konnte er wissen von dem Sturm, welchen sein Wort in meiner Brust entfesselt? Was von dem Schmerz der Wunde, die er so jäh berührt? Und hätte er's gewußt – er handelte doch nur im Auftrage seines Gebieters.

Verzeihen Sie mir, sagte ich. Ich bin heute abend mehr als billig erregt, und dies kam so unerwartet.

Aber ich bitte Sie; flüsterte er, kein Wort, kein Wort! Ich kann Ihnen das so nachfühlen! Ich bin selbst in kaum geringerer Erregung – mein Gott, es steht so viel auf dem Spiel. Ich hätte langsamer vorgehen sollen – diplomatischer. Aber ist uns denn Zeit gelassen? Drängt nicht alles nach Entscheidung? Sie kennen seine heftige Gemütsart, die seitdem nicht abgemildert ist – das weiß der Himmel! Und auch ein Ruhigerer als er – der übrigens schon seit Wochen mit Bestimmtheit vorausgesehene Tod der Herzogin – die Möglichkeit der Realisierung eines so lange und – wie es sich jetzt zeigt – so leidenschaftlich gehegten Wunsches – vielmehr zweier Wünsche, die Hand in Hand gehen, so daß sie entweder beide erfüllt werden, oder keiner – die Steigerung dieser Möglichkeit bis zur positiven Wahrscheinlichkeit –

Verzeihen Sie, Herr von Renten, unterbrach ich den Eifrigen; aber es ist mir nicht möglich, Ihren Andeutungen zu folgen. Ich möchte auch gar nicht folgen können. Sie ahnen nicht, wie unsäglich peinlich mir dies alles ist. Ich bitte Sie, lassen Sie uns abbrechen!

Die Puppenaugen wurden wieder ganz gläsern.

Abbrechen? murmelte er, wo noch nichts entschieden ist? Eine Entscheidung getroffen werden muß? Sie noch nicht einmal wissen, worauf ich Sie vorbereiten wollte? Mag mir mein gnädiger Herr vergeben, wenn es jetzt der rechte Augenblick nicht ist; aber Sie lassen mir keine Wahl: Ihre Frau Mutter ist in Berlin. – O Gott, dachte ich es doch!

Mein Gesicht mochte wohl für den Moment entstellt genug gewesen sein; aber ich faßte mich mit einer ungeheuren Anstrengung und konnte nach einigen Sekunden verhältnismäßig ruhig fragen:

Seit wann?

Ebenfalls seit heute vormittag.

Wo ist sie abgestiegen?

Er nannte mir ein kürzlich eröffnetes großes Hotel.

Haben Sie sie gesprochen?

Bevor ich hierher kam. Sie hatte die Güte, mich auf eine halbe Stunde zu empfangen. O, welch eine Frau ist dies!

Einen Auftrag von ihr an mich haben Sie nicht?

Nein. Ihre Frau Mutter meinte, es wäre besser so. Sie warnte mich sogar vor einer zu frühzeitigen Mitteilung des Faktums ihrer Anwesenheit. Habe ich damit einen Fehler begangen – bitte, bitte, sagen Sie mir, daß es nicht der Fall gewesen ist!

Es mußte ja doch einmal gesagt werden.

Gewiß. Und was beschließen Sie?

Ich fand keine Zeit mehr zu einer Antwort. In der Gesellschaft war eine Bewegung entstanden. Man drängte massenhaft in das Gemach, in welchem wir uns befanden, um ein daranstoßendes für bereits gedeckte Tafeln frei zu machen, welche von den Dienern von irgendwoher hereingetragen wurden. Zwischen Renten und mich hatte sich ein dichter, scheinbar unentwirrbarer Knäuel von Damen, die ihre Schleppen aufzuraffen suchten, und Herren, die bis über die Kniee in dem wogenden Samt- und Seidenmeer versunken waren, zusammengeballt. Ich kämpfte mich Zoll um Zoll weiter nach der Thür, entschlossen, zu gehen, ohne Ulrichs Rückkehr abzuwarten, als derselbe in dem Gedränge auftauchte, suchende Blicke umhersendend, und, als er mich nun entdeckt hatte, mit Hand und Augen winkend, auf mich zukam. Dann erst gewahrte ich, daß er Ellinor am Arm führte.

In der nächsten Minute waren wir uns begegnet und Ellinor hatte, den Vetter loslassend, die Hand in meinen Arm gelegt.

Such' Du nur die anderen! rief sie. In dem roten Zimmer, weißt Du! der Tisch ist reserviert.

Ulrich war davon geeilt. Ellinor hing sich, ihre Schleppe mit der anderen Hand aufnehmend, fester in meinen Arm und sagte: Ich bin die Dame, die ich Ihnen zugedacht habe. Ich wußte, daß Sie sich in der fremden Gesellschaft nicht engagieren würden. Es ist Ihnen doch recht?

Sie hatte die Augen niedergeschlagen – selbstverständlich. Wie mochte sie auch mir in die Augen sehen bei der frivolen Komödie, die sie da mit mir spielte? Ein Sklave mehr vor ihrem Triumphwagen! – was sonst?

Sie sind sehr gütig, sagte ich, aber –

Ich kam nicht weiter. Astolf drängte sich fast gewaltsam durch die Menge und trat jetzt rasch vor uns hin, so daß auch wir stehen bleiben mußten. Ein unwilliger Blick aus seinen schönen Augen streifte mich, als er, zu Ellinor gewandt, hastig sagte: Aber ich suche Dich in allen Zimmern! Es ist die höchste Zeit!

Und er machte, mit einer höflichen Verbeugung zu mir, eine Bewegung in der Erwartung, daß Ellinor meinen Arm mit dem seinen vertauschen werde.

Du sollst Elise Blumenhagen führen, erwiderte Ellinor, deren Hand jetzt fester als vorher auf meinem Arm lag; hat Ulrich Dir das nicht gesagt?

Kein Wort.

So hätte er Dir es sagen müssen.

Aber –

Bitte, kein Aber! Störe mir nicht meine Arrangements! Wir kommen übrigens an denselben Tisch.

Sie hatten beide im schnellsten Tempo gesprochen. Ich konnte Ellinors Augen nicht sehen, wohl aber die seinen, und wenn in den ihren derselbe Ausdruck lag, so war es, beim Himmel, kein Blick der Liebe, welchen sie da miteinander wechselten. Einzuschreiten, wie es mir mein Gewissen gebot; zu erklären, daß ich, in Begriff zu gehen, keinen Anspruch auf die Dame an meiner Seite erheben könne und wolle – es war mir unmöglich hier in des Verhaßten Gegenwart. Und schon war es dazu zu spät. Der junge Offizier hatte sich verbeugt, auf den Hacken umgewandt und drängte wieder durch die Menge von uns fort.

Der Weg ist frei, sagte Ellinor.

Ich blickte jetzt in ihr Gesicht, das sie zu mir erhoben hatte. Es war sehr blaß, und um die Lippen zuckte ein nervöses Lächeln, aber die braunen Märchenaugen schimmerten in einem Licht, das mir die Besinnung zu rauben schien. Ich meinte, sie so schön nie gesehen zu haben. Und wenn wir in den alten Komödientagen uns auch manchmal hätten berühren müssen, sie hatte nie an meinem Arm gehangen, wie jetzt; nie hatte ich ihre süße Nähe so zaubermächtig empfinden dürfen. Ach, und es war ja doch wieder Komödie! Daran klammerte ich mich als an meine letzte Rettung.

Warum haben Sie Ihren Verlobten weggeschickt? murmelte ich, während wir mit kleinen Schritten weiter gingen.

Wer sagt, daß er mein Verlobter ist?

Alle Welt.

Dann – lügt alle Welt.

Gnädiges Fräulein –

Ich bin für Sie kein gnädiges Fräulein. Sie sind mein Verwandter so gut wie er.

Ah!

Ich vermochte nichts weiter hervorzubringen als den Schreckensruf, einem Menschen gleich, der durch den Damm, der seine Felder bewahren sollte, die Flut hereinbrechen sieht.

Sie haben Ihre Maske fest genug gehalten – aus Haß gegen uns, gegen mich – ich weiß es. Es hilft Ihnen nichts mehr – mir gegenüber nicht. Den Triumph, Ihnen das zu sagen, mußte ich haben.

Es war eine übermütige, schier wilde Lustigkeit, mit welcher sie das sagte, während mich ein tiefes Weh jäh überfiel – hier am Rande einer sonnigen Welt, in welche mich die Lichtgestalt hinüberlocken zu wollen schien, und die mein Fuß doch nie betreten durfte. Schon einmal hatte ich an solcher Stelle gestanden und die Kraft zum Entsagen gefunden; nur daß diese Prüfung so viel grausamer war als jene.

Das alles schoß mir mit Blitzesschnelle durch Kopf und Herz. Es konnten nicht mehr als ein paar Sekunden vergangen sein, bevor ich antwortete:

Ich fürchte, Sie werden Ihres Triumphes wenig froh werden. Nachdem Sie dies wissen, ist es das letzte Mal, daß ich das schmerzliche Glück habe, in Ihrer Nähe weilen zu dürfen.

Also doch ein Glück? sagte sie hastig mit zitternder Stimme.

Wenn auch das zu Ihrem Triumph gehört: ja, ein Glück! ein unergründliches, grenzenloses! Und nun, ich flehe Sie an: haben Sie Mitleid mit mir, wenn ich auch keines mit meinem Stolze gehabt habe. Ersparen Sie mir die weitere Qual – ich ertrüge sie nicht.

Ich versuchte, meinen Arm frei zu machen und bemerkte plötzlich, daß wir allein waren – in einem Korridor, oder was es sein mochte, – eine Seitenverbindung vielleicht neben den Gesellschaftsräumen – nur für die Hausgenossen, und in die Ellinor mich geführt hatte, nahm ich an, um so schneller das Büffetzimmer zu erreichen. Auch war eben ein Diener mit einer großen Tablette voll Teller und Gläser an uns vorübergeeilt, und das hatte mich erst um mich blicken und den Wechsel der Situation bemerken lassen. Es war im Vergleich zu der Helligkeit, aus der wir gekommen waren, nur eine Dämmerung in dem langgestreckten Raume; und in der Dämmerung sah ich sie – jetzt wahrhaft als Lichtgestalt in ihrem weißen Seidenkleide; – und dann nicht mehr sie – nur die dunklen leuchtenden Augen.

Sie hatte meinen Arm freigegeben, aber ich fühlte ihre Hände auf den meinen, – federleicht, während es doch von ihnen wie ein elektrischer Schlag durch meinen ganzen Körper bebte, – und die leuchtenden Augen waren jetzt dicht vor mir; und eine Stimme – eine melodische, tiefe, die ich nie gehört zu haben glaubte, – sagte: Auch dann nicht, wenn Du die Qual teilst mit mir – die süße Qual des Geheimnisses, daß ich Dich liebe, wie Du mich – unergründlich – grenzenlos?

Hatte ich sie umfangen? sie mich? – ich weiß es nicht. War das ein Kuß? war es ein Himmelstraum? – ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, daß wir dann wieder einander an den bebenden Händen hielten, als ob wir nie voneinander lassen wollten und könnten; und sich die Hände doch wieder blitzschnell lösten, und wir zwei Schritte voneinander standen, als jetzt ein eilender Schritt den Korridor heraufkam.

Es war der Diener von vorhin, diesmal anstatt der Tablette ein Billet in den Händen, das er Ellinor reichte:

Verzeihung, gnädiges Fräulein! dies wird soeben abgegeben – ein Diener, Hoteldiener, sagt er. Für einen Herrn, der in der Gesellschaft sein soll. Es sei sehr dringend.

Ellinor hatte das Billet genommen. Der Diener schrob die Gasflamme hoch, die in unsrer Nähe an der Wand gedämmert hatte.

Für Sie! sagte sie, mir das Billet reichend, dessen Kouvert ich auseinander riß. Die Buchstaben flirrten mir vor den Augen. Dann hatte ich es doch gelesen:

»Eine Bettlerin harrt Deiner unten. Du wirst sie nicht vergebens harren lassen. Sie nennt sich

Deine Mutter.«

Ich reichte Ellinor das Billet, indem ich zugleich sagte: Gnädiges Fräulein, Sie werden mich entschuldigen? Nicht wahr?

Sie brauchte ein wenig länger als ich, den Inhalt zu entziffern, und ich sah, wie sie sich bemühte, vor den Augen des Dieners das Zittern ihrer Hände zu verbergen. Nun gab sie mir das Billet zurück und sagte: Gewiß! so leid es mir ist und meiner Tante sein wird.

Und dann auf französisch:

Wie ist das möglich? Gleichviel! Ich bitte Dich nur um eines: Denke bei allem, was geschieht – denke immer an mich!

Nun wieder deutsch zu dem Diener:

Führen Sie den Herrn – gleich da! – sie deutete auf eine Thür in dem Korridor. – Also viel Glück! und auf Wiedersehen!

Sie eilte den Gang hinab und war im nächsten Augenblick durch eine andere Thür verschwunden. Der Diener leitete mich mit großer Beflissenheit durch ein paar leere Räume in die Garderobe, wo er mir in einer kleinen Schar dort bereits auf ihre Herrschaften mit den Mänteln auf den Armen wartender Leute den Mann aus dem Hotel bezeichnete, dem ich dann die Treppe hinab vor die Hausthür folgte. Eine Equipage, welche ein paar Schritte seitab gehalten, fuhr schnell vor. Das Herz pochte mir zum Zerspringen, als der Mann jetzt, den Hut in der Hand, die Kutschenthür öffnete, und ich eine Dame sah, die sich nun aus der Ecke aufrichtete, indem sie zugleich den Schleier zurückschlug. Ich sprang in den Wagen. Der Diener schloß die Thür. Ich sank in den Sitz neben ihr, auf welchen sie mich, meine beiden Hände ergreifend, zog:

Ich danke Dir! ich danke Dir!

Mutter –

Ich danke Dir tausend-, tausendmal!

Und ich fühlte zum ersten Male die Lippen der Mutter, nach denen ich mich als Knabe so inbrünstig gesehnt, auf meinen Lippen, die noch vom ersten Kuß der Liebe zitterten.

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