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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IX.

Der Großstädter – und zu einem solchen schien das Schicksal mich jetzt umformen zu wollen, – darf mit dem vom Kriegsdienst erdrückten römischen Plebejer klagen und sagen, daß er sine missione – ohne Urlaub – geboren werde. Die Folge seiner gesellschaftlichen Pflichten ist unerbittlich wie das Räderwerk einer arbeitenden Maschine. Wie er diesen Pflichten genüge, wie es fertig bringen möge, am Morgen einen geliebten Toten zu seiner letzten Ruhestätte geleitet zu haben, um am Abend auf einen lärmenden Rout zu gehen – das ist seine Sache. Die Welt kümmert sich nicht darum; sie verlangt nur, daß er pünktlich bei jener und dieser Gelegenheit erscheine in der angemessenen Toilette, selbstverständlich, und in der entsprechenden Haltung und Stimmung.

Es war gekommen, wie ich vorausgesehen: der Oberst hatte die Einladung zu Tante Isabella abgelehnt. Die offizielle Entschuldigung war eine Indisposition, welche in der That vorhanden war, ihn aber nicht verhindert haben würde, hinzugehen, hätten ihn nicht andere Gründe gehalten, die er mir nicht verschweigen wollte.

Ich habe, sagte er, nachdem ich Ellinor fünf Jahre habe so gewähren lassen, das Recht verloren, mich in ihre Angelegenheiten zu mischen und nun gar mir eine Entscheidung in denselben anzumaßen. Wenn ich recht bedenke, gehörte sie mir schon nicht mehr, als ich sie damals, beim Beginn der Kampagne, notgedrungen aus den Händen gab; vielleicht hat sie mir im rechten Sinne nie gehört; sie so wenig wie ihre Mutter. Das klingt sehr hart und lieblos, aber wie die Menschen über eine gräßliche Verstümmelung ihres Körpers zuletzt ruhig sprechen lernen, so spricht man auch endlich mit Ergebung über ein tiefstes Seelenleid. Und welches Leid ist tiefer und schmerzlicher für die Seele eines »frauenhaft gesinnten« Mannes – um mich eines Goetheschen Wortes zu bedienen – als die Gewißheit, sich in der Wahl einer heißgeliebten Gattin völlig geirrt zu haben. Es war mein Fall. Ein hoffnungsloser. Ich wußte es nach wenigen Monden, ich möchte sagen: Tagen, und daß die Jahre daran nichts ändern und bessern würden, im Gegenteil: nur die tiefe Differenz des Denkens und Empfindens, welche nun einmal zwischen uns bestand, aufdecken müßten. So war es denn fast ein Trost für mich, daß sie starb, ohne, leichtlebig und gedankenlos, wie sie war, sich der innerlichen Trennung, unter der ich bereits so fürchterlich gelitten, auch nur bewußt geworden zu sein.

Ich glaube, daß dies Bewußtsein bei Ellinor sehr früh zum Durchbruch gekommen ist, und daß sie dazu der Beihilfe Fräulein Drechslers völlig entraten durfte. Es ist ja möglich, daß ich mich irre. Ich habe mir oft gesagt, du hast sie zu früh aufgegeben; du hättest inniger, nachdrücklicher um die Liebe der Mutterlosen werben müssen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: ich hatte nicht mehr den Mut, um die Liebe meines Kindes zu betteln, von dem Momente, als ich an einem gewissen hochmütigen Lächeln, welches ich nie vergessen werde, die schauderhafte Entdeckung gemacht zu haben glaubte, daß die Zehnjährige bereits ihre Macht kannte und mit der Schlauheit des Weibes den unglücklichen Bewerber herausgefunden hatte. Ich wiederhole, ich mag zu rasch gewesen sein; der verletzte Stolz mag es bei mir über die Liebe davongetragen habe, die alles duldet und alles leidet. Mir aber drängte sich gerade aus der Abnormität des Verhältnisses eine Ueberzeugung auf, welche ich seitdem aus anderen ähnlichen Verhältnissen tausendfach bestätigt fand: daß es eben Unterschiede in der menschlichen Natur gibt, – in der Organisation der Gehirne sowohl, wie der Herzen – die von dem näheren oder ferneren Grade der Verwandtschaft gänzlich unabhängig sind, sondern ganz spontan hervortreten in zunächst Verwandten: Vätern und Kindern, Geschwistern und so weiter, nach Gesetzen, in deren Geheimnisse kein menschliches Auge schauen darf. Das ist eine von den schmerzlichen Erfahrungen meines Lebens, die mich zu dem gemacht haben, was ich jetzt bin: ein melancholischer Skeptiker, der zu viel Systematiker ist, als daß er nicht versuchen sollte, aus der individuellen Erfahrung Gesetze für die Gesamtheit abzuleiten. Wem die Wahlverwandtschaft gewährte, was die Verwandtschaft ihm versagte, dem wird auch bald der Wert der Standesgenossenschaft problematisch, und er sucht die Gefährten unter denen, welche mit ihm dasselbe denken und folglich dasselbe wollen müssen. Am Ende kommt er dahin, selbst an dem absoluten Wert der Stammesverwandtschaft und des Volkstums zu zweifeln und sich zu fragen, ob sie nicht, wie alle Güter des Lebens, eine relative Bedeutung und nur so weit auf unsre Achtung und Ehrfurcht Anspruch haben, als sie die wahre Bestimmung des Menschen, ein Mensch zu sein, bestätigen und fördern. Du siehst, ich bin allmählich von dem historischen Standpunkt, den ich ehemals gegen Dich und Deine Freiheitsschwärmerei geltend machte, auf den humanistisch-philosophischen gedrängt worden. Dir wird heute abend das Lob des ersteren von allen Seiten gesungen werden; so ist es nur billig, daß vorher auch der letztere noch einmal zu Wort kommt durch den Mund jemandes, der unter der Einseitigkeit jenes so viel gelitten hat.

Ahnte der Treffliche, als er mir diese Mitteilungen und Bekenntnisse machte, während ich bereits im Gesellschaftsanzuge vor ihm stand, wie es in meinem Herzen aussah, und daß ich nur von Kopf bis zu Fuß gewappnet die Gefahr bestehen mochte, der ich entgegenging? Wollte er mir sagen, daß er ein für allemal auf den Besitz des Kleinods verzichtet habe, welches der Riese inmitten seines Schildes trägt; ich mithin um seinetwillen keinen Schritt abzuweichen brauche von dem sicheren Wege, dem zu Seiten der Spuk des Zauberwaldes beginnt?

Zwar von einem Zauberwald spürte ich nichts, als ich zum erstenmale – ich war, als ich meine Visite machen wollte, nicht empfangen worden – die Gesellschaftsräume der vielgenannten Tante Isabella – verwitweten Generalin von Westen-Burgsdorf, Exzellenz – betrat: drei oder vier recht große, recht nüchterne, im dürftigen Geschmack der zwanziger Jahre ausgestattete Räume, in welchen eine, wie mir schien, ebenfalls recht nüchterne, jedenfalls auffallend stille, ziemlich zahlreiche Gesellschaft sich nicht sowohl bewegte, als mit den Theetassen in den Händen herumstand. Um so dichter, je mehr ich mich dem letzten Zimmer näherte, in welchem ich schon aus einiger Entfernung die alte Exzellenz in einem Armstuhl, umgeben von ihren Vertrautesten, erblickte. Freilich nicht ihr Gesicht, das von einem großen grünen Schirm bedeckt war, und von dem ich auch nur ein langes spitzes Kinn und ein paar Runzeln zu sehen bekam, als ich nun von Ulrich, der mir im zweiten Zimmer entgegengekommen war, zu ihr geführt und vorgestellt wurde: Herr Lothar Lorenz, Großtante, ein lieber Jugendfreund von mir, und der jetzt mit Onkel Egbert arbeitet – weißt Du!

Wo ist der Oberst? fragte die alte Dame.

Der Oberst hatte sich bereits brieflich entschuldigt, ich mußte nun die Ausrede mündlich wiederholen.

Was sagt er? rief die alte Dame ungeduldig.

Du mußt lauter sprechen! raunte mir Ulrich zu.

Ich brachte also mein Sprüchlein zum zweitenmale vor, was in anbetracht der zehn oder fünfzehn wildfremden Gesichter, die sämtlich mit starr auf mich gerichteten Augen dem Verhör beiwohnten, nicht eben behaglich war.

Glaub' ich nicht, sagte die alte Dame. Aber der Oberst ist ja der einzige in der Familie, der mich nicht braucht; hat er auch das Recht, zu thun und zu lassen, was ihm gefällt.

Bei dem letzten Worte schlug das falsche Gebiß zusammen, daß es jenen lauten, schnappenden Ton gab, bei dem es selbst dem mutigen Ulrich nach seiner Aussage kalt über den Rücken lief. Ich durfte das nicht länger für eine Uebertreibung halten, während ich im stillen Gott dankte, daß ich nicht zu denen gehörte, welche die alte Dame »brauchten«.

Ich habe schon sehr viel von Ihnen gehört, fing sie wieder an, ich weiß aber nicht mehr was: Gutes und Schlechtes durcheinander; das Gute kam von Ellinor, deucht mir, und das Schlechte von Astolf. Es kann aber auch umgekehrt gewesen sein.

Es ist sicher umgekehrt gewesen, Großtante, sagte eine helle Stimme hinter mir.

Ich wandte mich und erblickte Astolf. Er war in Uniform, selbstverständlich, und mit dem eisernen Kreuz geschmückt, an welches sich noch eine lange Reihe anderer Orden und Ehrenzeichen schloß. Sein schönes Gesicht hatte sich wenig verändert, außer daß es einen freundlicheren Ausdruck zu haben schien, wenigstens jetzt hatte, als er mir lächelnd die Hand reichte, hinzufügend: jedenfalls bin ich mir keiner Schuld bewußt.

Die ich dann nicht ohne weiteres auf einen anderen schieben würde; sagte Ellinor.

Ich wandte mich abermals und verbeugte mich vor der jungen Dame, die ich ebenfalls heute abend noch nicht gesehen hatte und – ganz in der alten Zauberweise – noch nie so schön gesehen zu haben glaubte. Ein lebhafteres Rot als sonst lag auf den zarten Wangen, während die dunklen Augen ihren ersten in fast heftigem Tone gesagten Worten einen Blitz nachsandten, vor dessen Wirkung den jungen Kriegsmann selbst das eiserne Kreuz nicht schützte. Ich sah deutlich, wie er sich verfärbte, wenn er auch sein Lächeln festhielt und im höflichsten Tone erwiderte: Verzeihe! die Großtante hatte mich provoziert.

Macht das unter Euch ab! rief die alte Dame! ich habe mehr zu thun, als Eure tausend und eine Häkeleien zu schlichten.

Zum Glück für mich langten andere Gäste an, welche empfangen sein wollten und mir erlaubten, mich wieder zu Ulrich zu wenden, der eine gewisse Befangenheit mir gegenüber nicht verbergen konnte, wie freundschaftlich auch der Ton war, den er gegen mich anschlug, und wie eifrig er sich bemühte, mir die Honneurs in der mir völlig fremden Gesellschaft zu machen. Ich kam ihm in diesem Bestreben entgegen, so gut ich eben vermochte, und bat ihn, mich vor allem zu seinen Eltern zu führen.

Wir fanden dieselben in einem anderen Zimmer zusammen mit Fräulein Drechsler. Herr von Vogtriz schien wirklich erfreut mich zu sehen; wenigstens reichte er mir lebhaft die Hand, welche nicht annähernd mehr die derbe Festigkeit von ehemals hatte, wie denn auch der breite rotblonde Bart inzwischen stark angegraut war. Auch Frau von Vogtriz ließ es an Freundlichkeit nicht fehlen; ich aber hatte nicht die Ueberzeugung, daß sie ohne die leisen Zuflüsterungen der Drechsler sich meiner noch erinnert haben würde. Desto genauer war die Erinnerung der Gouvernante: »ich sah noch genau so aus, wie an jenem Morgen, als ich die Familie in die Kirche zu der Predigt von Pastor Renner nicht begleiten konnte oder – wollte? Das sei ihr entfallen. Sie vermute das letztere. Wenigstens erinnere sie sich, daß die gnädige Frau sehr unglücklich über mein Wegbleiben gewesen sei.«

Sie erlauben, Drechslerchen, daß ich Ihnen für diese gefällige Reminiscenz gelegentlich einmal einen Gefallen erweise, den Sie auch nicht so leicht vergessen sollen; sagte Ulrich, mich am Arm nehmend und weiter gehend.

Die Sache ist, sagte er, die alte Spinne hat als langjährige ehemalige Duenna Ellinors und designierte Major-Domus des zukünftigen ehelichen Haushaltes, das intimste Interesse an dem Zustandekommen der Verbindung und sieht in Dir den geborenen Störenfried desselben. Sie behauptet, Du seiest damals sterblich verliebt in Ellinor gewesen, und darin läge die Erklärung der Extravaganzen Deines Betragens, auf welche anzuspielen sie sich vorhin erlaubte. Das wäre nun nicht schlimm. Aber sie hat in meiner Gegenwart Ellinor ins Gesicht gesagt, daß sie – erschrick nicht! »sie« ist natürlich Ellinor, nicht etwa die Drechsler! – Gleiches mit Gleichem vergolten habe. Das heißt: sie sei nicht minder sterblich in Dich verliebt gewesen, als Du in sie, und das der Grund, weshalb sie sich nach Deiner Flucht passabel unsinnig, und besonders gegen Astolf, milde ausgedrückt, sehr unfreundlich betragen. Das letztere kann ich bestätigen; ich leugne nur die Veranlassung. Es wäre denn, daß eine schöne Fischerin es nun einmal übelnimmt und andere entgelten läßt, wenn ihr ein besonders stattlicher Fisch durch die Maschen geht. Aber weißt Du denn, wer das ist?

Ulrich winkte mit den Augen nach einem mittelgroßen, etwas korpulenten Herrn, der ein langes, schlichtes, etwas spärliches Haar aus dem glattrasierten Gesicht über den hohen Schädel gestrichen hatte, und jetzt, nach rechts und links lächelnd, mit der Hand grüßend, so rasch durch die Gesellschaft geschritten kam, daß das eiserne Kreuz, welches er am Friedensbande im Knopfloch seines Frackes trug, hin und her geschaukelt wurde.

Pastor Renner!

So leise mein verwunderter Ausruf gewesen, der geistliche Herr mußte denselben gehört haben, aber er erkannte mich offenbar nicht wieder, sondern lächelte nur und schritt, freundlich mit dem Kopf nickend, unaufhaltsam weiter.

Er ist das digitis monstrari so gewohnt, sagte Ulrich, und wirklich ein ungewöhnlicher Mensch, trotzdem ich, alles in allem, noch immer nicht darüber klar bin – es geht aber auch anderen Leuten so – ob er für unsre Partei ein Segen oder ein Unsegen ist. Wir brauchen eben Vorspann, wenn der Karren nicht stecken bleiben soll. Das empfinden alle Klügeren unter uns und nur die nicht, die hauptsächlich schuld daran sind, daß er stecken bleibt; zum Beispiel meine sehr ehrenwerten Herren Vettern, mit denen ich Dich übrigens durchaus bekannt machen muß. Lieber Udo, lieber Hinrich, wollt Ihr erlauben –

Und er stellte mich zwei Herren vor, die ein paar Jahre älter sein mochten, als wir, – der eine, wie ich hörte, bereits seit längerer Zeit Assessor, der andere erst seit einem Vierteljahr – und auf die, wenn sie denn schon Vogtriz waren, der Ausspruch Ulrichs, daß die Mitglieder dieser Familie entweder auffallend schön oder auffallend häßlich seien, zweifellos nicht zutraf: ganz gewöhnliche blonde Dutzendgesichter, die sich durch ein paar Schmarren, aber auch sonst durch gar nichts äußerlich als Leute, welche studiert hatten, dokumentierten; mit kurzgeschorenem, glatten Haar, goldenen Kneifern auf den Nasen und einem zugleich faden und arroganten Lächeln auf den mit einem hellen, ausgezogenen Bärtchen verzierten Durchschnittsmündern. Ihre erste Frage war, in welchem Korps ich gewesen? und die zweite: ob ich gedient habe und in welchem Re'mente? Ulrichs Antwort, daß ich durch seine Schuld um beide Vergnügen gekommen sei, entlockte den Herren einige unsichere Ah's und Oh's, wie sie denn auch sonst augenscheinlich mit mir nichts anzufangen wußten und erst lebendiger wurden, als Axel von Blewitz zu der kleinen Gruppe herantrat – ganz der alte Axel, wie er noch so frisch in meiner Erinnerung lebte: lang, dürr, mit dem heiser krähenden Stimmchen in der langen, dürren Kehle und dem Monokel vor dem blaßblauen Auge. Er war glücklich, mich wiederzusehen; er hatte sich bei aller Welt nach mir erkundigt – wah – haftig! hundertmal hatte er gesagt: aber wo steckt denn nur der Herr Lorenz – wah – haftig! noch heute vormittag bei Hiller zu Renten. Sie können's mir bezeugen, Renten, wah – haftig!

Es war eine seltsame Empfindung, als ich in diesem Momente meinen puppenäugigen Mentor vom herzoglichen Hofe auf mich zutreten sah, glücklicherweise für mich nicht ganz unerwartet – hatte doch Ulrich bei seinem Besuche von ihm als einem der Kurmacher Ellinors und Ellinor selbst in derselben Eigenschaft gesprochen. Jedenfalls war er durchaus auf mein Wiedersehen vorbereitet, oder der Diplomat, auf den er sich damals schon so gern herausspielte, zum vollen Durchbruch gekommen, wie sich das für den goldenen Kammerherrnknopf schickte, welcher die Rückseite seines Frackes zierte. Von den Umstehenden hätte wohl keiner, der nicht bereits eingeweiht war, aus seinem Wortschwall die Beziehungen erraten, in denen ich zu dem herzoglichen Hofe gestanden haben möchte. Es schien, daß ich mich eine unbestimmte Zeit in einer unbestimmten Eigenschaft zu einem unbestimmten Zweck dort aufgehalten, um dann aus einem unbestimmten Grunde unbestimmte Verhältnisse, die ich dort angeknüpft, aufzugeben. Unbestimmte, aber sehr angenehme Verhältnisse! Das sagten die blauen Puppenaugen, die während der ganzen Scene so achtungsvoll zu mir aufblickten; sagte das Lächeln, das fortwährend den kleinen Mund mit dem blonden gekräuselten Bärtchen und den weißen Zähnen (den berühmten Renten-Zähnen) umspielte; sagten die hellen Glacéhandschuhe, welche wiederholt meine Hände so freundschaftlich drückten. Es war gewiß nicht die Schuld des Mannes, daß ich es als eine Erlösung ansah, als plötzlich Ellinor in den Kreis, welcher sich immer dichter um uns geschart hatte, hereintrat und mich bat, ihr zu einem alten Freunde zu folgen, von dem ich sehnlich erwartet werde.

Es ist der Kammerherr, sagte sie zu mir, während ich so neben ihr her schritt; er ist eben gekommen und hat sich nur bis ins erste Zimmer bringen lassen. Er fürchtet, daß er später keine Gelegenheit haben würde, mit Ihnen zu sprechen; und doch ist er bloß um Ihrethalben gekommen.

Sie hatte das hastig gesagt, in einem unsicheren und, wie mir schien, eigentümlich erregten Ton. Auch ließ sie mir keine Zeit zu einer Antwort, sondern fuhr ebenso fort: Werden Sie gegen ihn unfreundlich sein, wie gegen –

Sie brach ab, die Begrüßungen von ein paar Herren entgegenzunehmen, die eben eintraten. Ich wußte nicht, ob ich weiter gehen, oder auf sie warten sollte; aber nach wenigen Momenten war sie bereits wieder an meiner Seite:

Wie gegen wen? fragte ich.

Gegen mich zum Beispiel.

Also auch gegen andere?

Gegen uns alle.

Ich hoffe, Sie thun mir unrecht, gnädiges Fräulein. Wäre es nicht der Fall, würde ich in sonderbarer Weise die Absicht verfehlt haben, in der ich hierher gekommen bin.

Ich weiß! der Papa hat der Großtante ausführlich geschrieben; und daß wir Ihr Erscheinen, der Sie sein volles Vertrauen hätten, ansehen möchten, wie sein eigenes. Ich wundere mich nur, daß Sie, gerade Sie, sich zu einer solchen Mission hergeben.

Der Vorwurf war ein Pfeil, gegen den ich wehrlos war, da ich das einzige Motiv, mit welchem ich meine Handlungsweise vor mir selbst entschuldigte, auch nicht einmal andeuten durfte. Und dann, warum um alles in der Welt hatte sie denn auf meinem Kommen bestanden, wenn nicht um des von mir verschwiegenen Grundes willen? So fing ich denn in meiner Bestürzung an, etwas von Pflichten zu murmeln, die man wider Willen auf sich nehmen müsse, und brach jäh ab, da ich merkte, daß ich eben das sagte, was ich nicht sagen wollte. Ich wünschte mich tausend Meilen weit von dieser Stelle.

Wieder kamen einige verspätete Gäste und glücklicherweise waren es diesmal ein paar ältere Damen, die Ellinor nicht so schnell abfertigen konnte, wie vorhin die jungen Herren. Auch waren wir bereits im vordersten Zimmer, und ich sah den Kammerherrn, oder doch wenigstens einen Rollstuhl, der in das sehr tiefe Fenster geschoben war, und in welchem jemand kauerte, der ja kein anderer als der Kammerherr sein konnte. Er war von ein paar Herren umgeben, die, als ich mich nun rasch näherte, zurücktraten, jedenfalls dazu von dem Kammerherrn selbst, der mich hatte kommen sehen, aufgefordert. Er winkte mir mit der weißen Hand entgegen; es schien dies die einzige Bewegung, über die er noch mit einiger Freiheit verfügte. Ich hatte diese Hand ergriffen, indem ich zugleich auf dem Sessel Platz nahm, welcher neben dem Rollstuhl stand. Der Kranke mußte in meinen Mienen gelesen haben: Ich bin wirklich noch nicht mein Gespenst, sagte er mit einem Anflug seines alten satirischen Lächelns.

Es bedurfte fast dieser Versicherung: man konnte nicht leicht etwas Gespenstischeres sehen als diese in fürchterlicher Weise zur Mumie zusammengeschrumpfte Gestalt mit dem nun unverhältnismäßig großen Schädel, von welchem langes, völlig weißes Haar über ein kleines, verzerrtes Gesicht fiel, das einem Toten gehört haben möchte, wäre das Auge nicht gewesen. Nur eines – von dem zweiten, wie ich nachher bemerkte, mußte er, wollte er es gebrauchen, erst mit dem Zeigefinger das Lid heben – und in diesem einen schwarzen Auge hatte sich alles, was von Leben in der Mumie war, konzentriert – Flackerleben, das jetzt verlöschen zu wollen schien, um im nächsten Moment mit unheimlichem Glanze dämonisch aufzuglühen. Die immer schon gebrochene Stimme, die damals noch so ergreifend zu singen und so wunderbar vorzutragen vermochte, war zu einem heiseren Flüstern geworden, welches zu verstehen mir anfänglich um so schwerer wurde, als die seltsame Scene mit Ellinor noch in mir nachzitterte.

Ja, ja, flüsterte die Mumie, sehen Sie mich nur dreist an, mein junger Freund! Das wird schließlich aus einem, wenn man zu dumm oder zu feig ist, dem elenden Dasein beizeiten ein Ende zu machen, nämlich: solange man unter den anderen schönen sieben Sachen die Scham noch nicht verloren hat. Hernach ist es zu spät, und man vegetiert so schamlos weiter, wobei gar kein Spaß ist, außer daß man die Leute durch sein Dasein grimmig ärgert, und sie einem doch nicht so ohne weiteres den Garaus machen können. Das hat man noch vor dem Hund voraus, sonst nichts – ein Strohhalm, aber man klammert sich daran. Sind wir unbelauscht, liebes Kind?

Er versuchte jetzt, das rechte Augenlid zu heben; ich beeilte mich, ihn zu versichern, daß niemand sonst ihn hören könne, was gewiß der Fall war, da ich, der dicht an ihn herangebeugt saß, noch immer einige Mühe hatte, seine leisen, durch ein trockenes Hüsteln vielfach unterbrochenen Worte zusammenzubringen. Und hüstelnd fuhr er fort:

So geschmacklos bin ich nämlich noch nicht, Sie zu diesem têt-à-tête – têt-à-tête ist gut: wir haben ja die Köpfe so dicht zusammen, – wenn ich ein schönes Mädchen wäre, Sie könnten mir einen Kuß geben, ohne daß es jemand merkte. Seien Sie ruhig! ich meine es gut mit Ihnen – Sie werden es gleich sehen. – Also: ich habe Sie nicht zu mir gebeten, um Ihnen vorzulamentieren wie ein altes Weib, obgleich das Gewerbe, daß ich bei Ihnen anzubringen habe, allerdings Altweibersache ist: Kuppelei, junger Freund, Kuppelei! Ach, die lieben naiven erschrockenen Augen! Was gäbe ich, könnte ich noch einmal solche Augen machen! Aber nun ernsthaft! Und hören Sie genau zu, was ich Ihnen sage! Und unterbrechen Sie mich nicht, wenn auch, was ich Ihnen zu sagen habe, höchst wunderlich und teilweise sogar passabel toll ist. Ich weiß, wer Sie sind! Still! Ich meine nicht das, was hier so ziemlich jeder weiß, und keiner mehr beklagen kann, als ich, der ich so gern Ihr Vater gewesen wäre. Ihre Frau Mutter dachte anders darüber; ich mußte froh sein, wenn ich ihr einmal die schöne Hand küssen durfte. Sie hat mir das bitterste Leid meines Lebens bereitet; ich will mich dafür an ihr rächen, indem ich ihr zu dem verhelfe, wovon sie mir schreibt, daß es der letzte und höchste Wunsch in ihrem Leben sei. – Still! Sie haben es mir versprochen! – Ich trage den Brief bei mir; er soll mit mir begraben werden; es ist meine Ehrenrettung. So schreibt man an keinen verschmähten Liebhaber, den man nicht trotz alledem für einen ehrlichen Kerl hält. Sie schreibt aber – nicht aus Amerika, sondern bereits aus London – erstens alles, was ich wissen mußte, um au courant zu sein – alles, verstehen Sie! auch, daß ein Brief von ihr an Sie unerbrochen zurückgegangen ist und sie in London getroffen hat. Sie wendet sich nun an mich, von dem sie allerdings nicht zu wissen scheint, in welcher miserablen Verfassung ich bin, und verlangt meinen Rat, meinen Beistand. Was sie thun soll, um zu einer Verständigung, einer Aussöhnung mit Ihnen zu gelangen, nachdem Sie ihr Entgegenkommen so schroff zurückgewiesen haben? Ich wußte, daß ich Sie heute hier treffen würde. So konnte ich ihr telegraphieren, sie möge vorläufig einmal das Resultat dieser unsrer Unterredung abwarten. – Still! ich bin noch nicht zu Ende. – Ich muß Ihnen erst noch sagen, wie ich darüber denke. Ich denke, daß die Welt ein einziges großes Narrenhaus ist, in das aus Versehen zu ihrem Unglück auch einige wenige Vernünftige gesperrt sind, zu welchen ich Sie zu zählen mich beehre. Die Narren dokumentieren sich dadurch, daß sie an jedem beliebigen Zopf von Vorurteil, er sei so dick und so dumm, wie immer, gierig beißen; die Vernünftigen durch das Gegenteil, indem sie mutig ihrer Einsicht folgen, ohne sich durch das Geschrei der Menge beirren zu lassen. Nun ist eines der allerdümmsten Vorurteile, daß sie den Menschen für die Sünden seiner Eltern verantwortlich machen, als ob nicht jeder an seinen eigenen genug zu tragen hätte! Mit diesem Satze haben Sie die Richtschnur für Ihr künftiges Verhalten. Nehmen Sie jeden Vorteil wahr, den Ihnen die Situation Ihrer Eltern bietet, und lachen Sie jedem ins Gesicht, der Miene macht, Ihnen das zu verargen. Bisher haben Sie nicht so gehandelt; aber das macht mich an Ihnen nicht irre. Auch die Vernunft will, wie jedes gute Ding, Weile, bis sie zum Durchbruch kommt; die Hauptsache ist, daß sie zum Durchbruch kommt, bevor das Spiel verloren ist. Ihres ist noch nicht verloren – im Gegenteil: es liegt für Sie so günstig wie möglich. Sie lieben Ellinor. – Still! unterbrechen Sie mich nicht! – Ich wußte es schon damals, und Sie würden sie jetzt abermals nicht so miserabel behandeln, wenn Sie sie nicht noch immer abgöttisch liebten. Ergo: heiraten Sie sie, da das Vorurteil der Ehe unter den Menschen annoch besteht und so bald nicht auszurotten sein dürfte. Hindernisse sind nicht. Aus Andeutungen Ihrer Mutter glaube ich entnehmen zu dürfen, daß eine Aussöhnung, respektive ein konvenables Arrangement zwischen ihr und dem Herzog im Werk ist. Kommt es zustande – bon! Kommt es nicht zustande – auch gut: die Millionen Ihrer Mutter schnellen alle legitimen Rücken und Velleitäten, wie sie hier in diesen Räumen – ich gebe es zu – massenhaft im Schwange sind, hoch in die Luft. Und jetzt, bitte, sagen Sie dem Kerl von Diener, der da herumlungert, er solle mich zu meiner alten Freundin kutschieren, deren Konsens zu erwirken ich übrigens auf mich nehme; und dann gehen Sie hin und sagen Sie Ihrer jungen Freundin mit einem schönen Gruß von mir, daß ich Ihnen den Kopf zurecht gesetzt habe, und daß Sie sie zum Rasendwerden lieben und in vier Wochen heiraten wollen.

Ein Hustenanfall, welcher schon lange hereingedroht und die Rede des Alten zuletzt fast unverständlich gemacht hatte, ließ mir keine Zeit zu fragen, worauf mir jetzt alles ankam: ob denn Ellinor von unserm verwandtschaftlichen Verhältnis unterrichtet sei? Bereits hatte der herbeigewinkte Diener den Rollstuhl in Bewegung gesetzt; ich mußte zurückbleiben, da nun auch ein Herr, welcher nur auf die Beendigung der langen Audienz gewartet zu haben schien, jetzt schnell an mich herantrat und sich mir als Präsident von Vogtriz zu erkennen gab. Er habe schon so viel von mir gehört, und daß ich bei seinem Bruder Egbert in so hohem und, wie er nicht zweifle, gerechtem Ansehen stehe. Er sehe in letzter Zeit den Oberst seltener infolge gewisser politischer Meinungsdifferenzen, die sich zwischen ihm und dem Bruder herausgestellt; hoffe, daß dieselben jetzt schwinden, wenigstens für den Oberst nicht länger verhängnisvoll sein würden, seitdem – heute – der famosen ersten Broschüre eine zweite gefolgt sei, in welcher sich der Verfasser genannt und sich zugleich zu der Autorschaft der ersten bekannt habe: ein gewisser Adalbert von Werin, jedenfalls der Sohn eines exzentrischen Offiziers, dessen er sich wohl erinnere, und der auch ein Jugendfreund des Obersten gewesen sei. Damit sei dem Oberst ein großer Dienst erwiesen. Nachdem der Verdacht, der so lange auf ihm gelastet, und den er durch sein hartnäckiges Schweigen bestärkt, von ihm genommen, habe er es in der Hand, sich durch ein nur einigermaßen konziliantes Auftreten, wenn er nur wolle, vollständig zu rehabilitieren. Und er müsse es ja wollen. Mein Gott, was solle daraus werden, wenn nun gar ein Vogtriz, noch dazu in solcher Stellung, sich zu den Königsfeinden schlüge! Die ganze Familie sei ja dadurch auf das Heilloseste kompromittiert; die Dutzende von Vogtriz in der Armee und im Zivildienst in ihrer Karriere gefährdet. Und was solle aus der Verbindung zwischen Ellinor und Astolf werden, die doch nun einmal beschlossene Sache sei, obgleich er für sein Teil kein wesentliches Interesse an dem Zustandekommen derselben habe – im Gegenteil! Die Universalerbschaft Ellinors stehe und falle mit dieser Verbindung, mithin könnten bei einem eventuellen Zurücktreten Astolfs die Chancen für ihn und seine Söhne nur steigen. Womit er nicht gesagt haben wolle, daß er diese Eventualität wünsche – Gott bewahre! Dazu habe er einen zu ausgeprägten Familiensinn! Er spreche über das alles ganz offen mit mir, weil mein Attachément an die Familie so notorisch sei, daß man mich fast zur Familie rechnen dürfe, und ich speziell das Ohr des Bruders habe, dem ich nicht verfehlen möchte, mitzuteilen, was er (der Sprecher) ihm selbst gesagt haben würde, hätte er dazu heute abend die gehoffte und nun leider verfehlte Gelegenheit gehabt.

Ich hatte während dieser langen Auseinandersetzung dem Präsidenten scharf in das bartlose, hagere, von diplomatischen Falten durchschlängelte Gesicht gesehen und die Ueberzeugung gewonnen, daß er aus Herzensgrunde zweierlei wünschte, einmal: es möchte der Oberst einen decenten Abschied nehmen, der die Familie nicht kompromittierte; zweitens: es möchte, so oder so, zu einem Bruch zwischen Ellinor und Astolf kommen und einer seiner Söhne an des letzteren Stelle treten. Aber was ging das mich an? Was hatte ich hier zu suchen, wo jeder gegen jeden intriguierte? einer nach dem anderen geschäftig war, mich in das Netz hineinzuspinnen, in welches ich mich schon so weit hatte hineinspinnen lassen, daß es mir wie ein Alp auf der Brust lag und ich ersticken zu müssen meinte? Aber wer oder was konnte mich halten, wenn ich mich nicht halten lassen wollte? Und konnte ich mich halten lassen wollen, ohne zum Verräter zu werden an mir selbst?

Grausamkeit des Menschenschicksals! Wer könnte die Male zählen, daß er zum Verräter wurde an sich selbst, an seinem besseren, seinem eigentlichen Ich? Oder gibt es kein solches? sind wir ganz eigentlich, was – wir sind mit unsern Tugenden und Schwächen? unsern Aspirationen nach dem Höchsten und unserm tiefen Fall in das Niedrige und Gemeine? Und sollen wir nicht strenger mit uns ins Gericht gehen, als es ein Wesen thun würde, das uns von Grund aus kennt? den Ursprung und Zusammenhang unsrer Gedanken, Empfindungen, Entschlüsse, Strebungen und die unerschütterliche Notwendigkeit von allem, was uns in unser Belieben und Willkür gestellt scheint? Aber woher käme uns Kurzsichtigen diese Selbstgerechtigkeit? Und so sind wir verdammt, als Selbstquäler in uns hineinzuwüten, und uns des Abfalls von uns selbst anzuklagen, wo wir doch gar nichts anderes sind, als eben – wir selbst.

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