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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VIII.

Die Zeiten hatten sich freilich sehr gewandelt, seitdem mich an der Thür des Giebelhauses auf den Ruf der klappernden Schelle I. I. selbst empfing und mich mit höflichsten Mienen und Gebärden die drei Schritte über den weißgedielten Flur bis zu der Wohnstube linker Hand geleitete, wo ich die beiden schüchternen Frauen fand, die bei meinem Eintreten von ihren Sitzen auf- und in dem Zimmer herumhuschten, wie meine Kaninchen weiland, wenn ich die Thür zu dem Palais derselben unversehens öffnete. Ich hätte mich in meine herzoglichen Zeiten zurückversetzt glauben können, nur daß es in keinem jener Schlösser so prunkhaft ausgesehen, wie hier: breite, mit weichsten Plüsch-Läufern belegte Treppen von einem weißen, makellosen Marmor zwischen kunstreichen, schwer vergoldeten Geländern, deren Lehne mit scharlachrotem Samt überzogen war; die Wände aus Stuck oder ebenfalls aus Marmor – ich vermochte es bei der Dämmerung, die bereits in dem Treppenhause herrschte, nicht zu unterscheiden. Dann auf dem Treppenabsatz zum ersten Stock eine Reihe gedoppelter schlanker Säulen, welche sich über die ganze Breite des Absatzes zogen, und deren Zwischenräume oben mit kostbaren Velarien verhangen waren. Hinter der Säulenreihe ein bereits mit rosigem Lampenlicht erhellter Raum, der mit seinen Divans, Teppichen, Spiegeln, Marmorstatuetten und Köpfen auf Säulen und Konsolen bereits ein Prunkgemach darstellte, und aus dem doch erst die vergoldeten Thüren in die eigentlichen Prunkgemächer führten.

In diesem Hause wohnten dieselben Menschen, deren Leben, bis sie hierher kamen, sich in einem immer halb dunklen Vorderzimmer und in zwei oder drei Hinterzimmerchen abgespielt hatte, in die niemals weder Sonne noch Mond schien!

Hätte ich mich nicht vor dem Manne in blau-rot-goldenem Frack, schwarzer Plüschhose und weißen seidenen Strümpfen geschämt, ich wäre die Treppe hinab und zum Hause hinaus geflohen; aber schon hatte er mir meine Karte abgenommen, dieselbe auf einen bereitstehenden silbernen Teller gelegt, und war so durch eine der vergoldeten Thüren verschwunden.

Nach einigen Minuten erschien er wieder: die gnädige Frau lasse bitten! und schritt mir voran über Teppiche, weich und elastisch, wie ein Moosboden im Walde, durch eine Reihe von Gemächern, deren jedes ein Raritätenkabinett schien: so waren sie angefüllt mit kostbaren Möbeln, Gemälden, Marmor- und Bronzesachen, Kunstgegenständen, Nippes aller Art – Herrlichkeiten, die ich allerdings mehr ahnen, als wirklich schauen und bewundern konnte, denn zu dem letzteren bewegten wir uns zu schnell (trotz der würdevollen Langsamkeit der voranschreitenden Plüschhosen); überdies war der Winternachmittag schon zu tief hereingesunken, und die hohen Fenster verhüllten seidene Gardinen allzu dicht. Ich hatte im allgemeinen nur den Eindruck einer noch nie geschauten Pracht, auf deren Herstellung mindestens eine halbe der von I. I. zusammengescharrten Millionen verwandt sein mußte. Meinetwegen eine ganze – es entzog sich jeder Berechnung, zumal jemandes, der immer ein so schlechter Rechner gewesen war, wie ich.

Der Livreemann hatte eine letzte Portiere zurückgeschlagen zu einem Gemache, aus welchem mir nun Musiktöne, die ich bereits seit einer kleinen Weile dumpfer vernommen, laut entgegenschallten: eine sehr hochliegende weibliche Stimme mit einem eigentümlich vibrierenden Klang, – von dem ich mir sagte, daß er auf die Dauer reizbaren Nerven empfindlich werden möchte, – und Klänge eines Flügels, der vielleicht zu sonor war, um – zumal zur Begleitung eines Liedes – so rauschend gespielt werden zu dürfen.

»Nun muß sich alles, alles wenden«! schmetterte die vibrierende Stimme, und die begleitenden Hände arbeiteten auf den Tasten, als ob ein Aequinoktialsturm wütete, dem plötzlich eine feierliche Stille folgte.

Die Musizierenden mußten Text und Noten gut im Kopf haben: in dem weiten Gemach war es noch dunkler als in den durchschrittenen Räumen, so dunkel, daß ich eben nur die Silhouetten eines Herrn und einer Dame auf dem etwas lichteren Hintergrunde der Fensterwand sah.

Sehr obligiert! sagte eine der Silhouetten.

Ich wußte nicht genau, ob die des Herrn, oder der Dame; oder wenn es, wie zu vermuten stand, die der Dame war, lag ihre Sprechstimme eben so tief, wie ihre Singstimme hoch, und die R's schnarrten, als ob sich jemand, der mit einem starken Katarrh behaftet sei, räuspere.

Erlauben Sie, daß ich Sie mit meinem Cousin, Mr. Fred Simmen bekannt mache – Herr Lothar Lorenz, lieber Fred, von dem Emil heute beim break-feast so viel Gutes gesprochen hat.

Es war also zweifellos die weibliche Silhouette, die nun auch, da der Diener mittlerweile verschiedene Lichter angezündet hatte, – ein Geschäft, das er noch eine Weile fortsetzte, – aus dem Dämmer plastisch heraustrat: ein sehr junges, sehr kleines, sehr zierliches Persönchen in einer sehr kleidsamen, sehr koketten Toilette, mit einer Ueberfülle von sehr dunklem gekraustem Haar, unter dessen Gewirr über der niedrigen Stirn zwei sehr dunkle und sehr lebhafte Augen flackerten. Mit ihr zugleich wurde nun auch »Mr. Simmen« sichtbar: ein stattlicher Herr, etwa zehn Jahre älter, als die Dame, aber eben so schwarz, wie sie, so daß man in ihm den Engländer wohl nur an der Kleidung erkennen mochte, die von etwas ausländischem Schnitt und gewiß nach der neuesten Mode war. Wir verbeugten uns stumm voreinander ich bat Frau »Lili« um Entschuldigung, wenn ich gestört habe.

Das thut ganz und gar nichts, erwiderte sie; wir hatten schon zwei Stunden musiziert ohne die geringste Pause – nicht wahr, Fred: ohne eine Sekunde Pause!

Ich glaubte deutlich gehört zu haben, daß die Musik erst ganz kurz vor meinem Eintreten und zwar mit dem Schluß des Liedes eingesetzt hatte; es mußte das eine Täuschung gewesen sein, denn Mr. Fred murmelte bestätigend: ohne eine Sekunde, indeed!

Sie lieben die Musik natürlich auch, fuhr Frau Lili fort; sie ist die Kunst aller Künste. Nicht wahr, Fred?

Certainly, murmelte Fred.

Sie müssen nämlich wissen, daß mein Cousin ein großer Künstler ist, rief Frau Lili. Er hat Stunden, in denen er es getrost mit Bülow aufnehmen kann, oder mit Rubinstein. Ich darf sagen, daß er die Vorzüge beider vereinigt.

Sie sind ja selbst eine ausgezeichnete Künstlerin, gnädige Frau, sagte ich.

Sie schmeicheln mir; rief Frau Lili. Mein kleines Stimmchen! Ein wenig Routine – die ich Madame Artot verdanke – ein wenig interprétation – expression – wie sagt man auf deutsch?

Vortrag – Ausdruck?

Ahja – Ausdruck! o, das Deutsche ist so furchtbar schwer!

Aber Sie sprechen es vollkommen.

Mein Gott, wir Polen sprechen ein wenig alle Sprachen. In meinem elterlichen Hause in Warschau wurden immer sieben oder acht Sprachen durcheinander gesprochen: polnisch, russisch, czechisch, deutsch, französisch – wann waren Sie zuletzt in Paris?

Ich war noch nie dort, gnädige Frau.

Est-ce possible? aber in London?

Ebensowenig.

That's strange! Isn't it, Fred?

Very! murmelte Mr. Fred.

Ich glaubte, daß die durch mich verursachte Pause in den gemeinschaftlichen Uebungen der beiden Musikschwärmer reichlich lange gedauert habe, und erhob mich. Mr. Fred folgte sogleich meinem Beispiel: er hatte offenbar nichts dagegen, wenn ich ging. Frau Lili wollte davon nichts wissen, oder höchstens unter einer Bedingung: daß ich für den Rest des Winters zu jedem ihrer Empfangsabende komme, welche des Donnerstags stattfänden und wo ich tout Berlin, mais tout Berlin antreffen würde von den Herzögen und Fürsten – hier folgte eine Reihe erlauchter Namen – bis zu dem Virtuosen im letzten Singakademie-Konzert und dem Verfasser des letzten interessanten Feuilleton. Nicht als ob sie nach Berühmtheiten jage! God forbid! Sie kämen eben von selbst, weil sie wüßten, daß sie hier, sozusagen, unter sich wären, – tout en famille – sans prétention de quelque sorte – in aller Bescheidenheit, wie es sich für ihre bescheidene Häuslichkeit zieme. Darauf müsse ich mich gefaßt machen. Es würde mir freilich schwer werden, denn sie höre von Emil, daß ich ein sehr verwöhnter Herr sei; aber auch Herr von Vogtriz komme regelmäßig, und das sei doch gewiß ein verwöhnter Herr. Isn't he, Fred?

Mr. Fred murmelte etwas, das ich nicht verstand. Ich war freilich bereits in der Nähe der Thür, an welcher ich mich nun zum letztenmale vor der redseligen Dame, die mich trotz meiner Abwehr begleitet hatte, verbeugte, um in dem Vorzimmer erleichtert aufzuatmen. Es mochte ja ein großes unverdientes Glück sein, das der gute Emil sich mit Frau Lili, geborene Löbinska aus Warschau, erobert. Aber ich meinte, das Glück würde nicht kleiner sein, wenn es etwas weniger laut wäre und etwas weniger eifrig mit englischen Vettern in der Dämmerung musizierte. Wie um alles in der Welt hatten sich diese beiden so grundverschiedenen Wesen finden können! Mir schien das so unerklärlich, wie es mir seiner Zeit unbegreiflich gewesen sein würde, wenn Emil den festen Entschluß ausgesprochen hätte, unter die Piraten gehen zu wollen. Was würde der selige I. I. zu solcher Schwiegertochter gesagt, und wie mochte sich die gute scheue Frau Israel, das liebe bescheidene Jettchen zu der Schülerin der Madame Artot gestellt haben?

In so seltsamen und nicht durchaus erfreulichen Gedanken folgte ich dem Goldbetreßten durch die Gemächer, in denen jetzt hier und da Lampen brannten, und dann die zweite der Treppen hinauf zu dem oberen Korridor, der nicht annähernd so prunkvoll ausgestattet war, wie der untere und in welchem der Betreßte an einer Thür schellte, die auch alsbald von einer kleinen weiblichen Person geöffnet wurde, welche ich in dem Halbdunkel umsoweniger erkannte, als der Diener die Thür sofort wieder hinter mir geschlossen und so das wenige Licht, das von dem Treppenhause hereingefallen war, ausgesperrt hatte.

Aber ich hatte kaum nach den Damen gefragt und meinen Namen genannt, als die kleine ruschliche Person neben mir einen leisen Schrei ausstieß, und, meine Hand ergreifend, dieselbe wiederholt schluchzend an ihre Lippe führte, bevor ich es verhindern konnte.

Mein guter Herr Lorenz, mein lieber Herr Lorenz! Kommen Sie endlich! Gott sei gelobt!

Es war Frau Israel.

Ich war durch diesen Empfang in tiefe Verlegenheit gesetzt. Wollte ich ehrlich sein, so hatte mich mehr ein Anstandsgefühl, als ein Herzensdrang hierher geführt; der Wunsch, einer alten Schuld ledig zu werden mehr, als der nach Erneuerung des alten Verhältnisses. Und hier wurde ich begrüßt wie ein Hochwillkommener, Längsterwarteter, ja, als ein Retter und Heiland.

Ist Jettchen schwerer krank?

Ich wußte nicht, wie ich zu der Frage kam, mit der ich es so eilig hatte, daß sich zu dem »Fräulein« keine Zeit fand.

Ach nein; sagte die Mutter; sie ist nicht kränker als gewöhnlich; aber seitdem Emil heute morgen hat heraussagen lassen, daß Sie wohl in den nächsten Tagen, vielleicht schon heute vorsprechen würden, kann sie die Zeit nicht erwarten.

Ich murmelte etwas von Verhältnissen, die es mir bis vor kurzem unmöglich gemacht hätten; brauchte die Phrase aber glücklicherweise nicht zu Ende zu bringen, da Frau Israel jetzt die Thür zu einem Gemache öffnete, welches wohl ein wenig höher und weiter war, als die Familienwohnstube in dem Giebelhause, aber sonst völlig dasselbe Bild bot: die zwei Fenster, in denen hinter den grünen Gazevorhängen die Rosen- und Resedatöpfe blühten; der alte Nußbaumschrank zur Linken; zur Rechten das schwarze Sofa mit den beweglichen Rücken- und Seitenkissen, und weiter das klappernde Klavier; in der Mitte des Zimmers der runde Tisch mit dem plumpen Fuß und der rotbraunen baumwollenen Decke; die vier braunen unbequemen Stühle mit der schwarzen Leier in der Rückenlehne – alles, alles. Nur den einen großen Fauteuil kannte ich nicht, welcher in einem der Fenster stand, und aus dem sich jetzt ein weibliches Wesen aufrichtete, vielmehr aufrichten wollte, denn es sank sofort wieder in die Kissen zurück.

Liebes, liebes Jettchen! Ich war zu ihr geeilt und hatte ihre schmale durchsichtige Hand ergriffen – nicht ohne Schauder – sie war so wachsbleich und durchsichtig, – ohne daß ich gewagt hätte, der Kranken ins Gesicht zu sehen. Und jetzt mußte ich doch und erschrak in tiefster Seele. War das Jettchen? War es ein Engel? Der Engel, der sie immer gewesen, und den nur die fürchterliche Krankheit auch dem sterblichen Auge enthüllt hatte: Züge von einer Reinheit und kindlichen Anmut, wie sie zu formen auch des zartsinnigsten Bildners Hand verzweifeln würde, Augen von einem magischen Glanz, wie sie ein Maler für seine Himmelskönigin träumt, aber nicht zu schaffen vermag.

Ich war erschüttert neben ihrem Sessel auf einen Stuhl gesunken, welchen die Mutter geschäftig herangerückt hatte, und saß so lange, in ihren Anblick verloren, während sie mich unverwandt mit Blicken einer ganz unsäglichen Freude und grenzenlosen Liebe betrachtete. Hier bedurfte es keiner Erklärung. Die Geschichte dieses Herzens, von der ich blöder Thor bis zu diesem Augenblick keine Ahnung gehabt hatte, brauchte mir niemand mehr zu erzählen. Und daß diese Geschichte so ganz offenbar bis zu ihrem letzten Kapitel gekommen war, nahm ihrem Inhalt alles kleinlich Persönliche, und hätte demselben auch in den Augen eines Fremden, meine ich, etwas seltsam Feierliches geben müssen.

So saßen wir still nebeneinander, während die Mutter noch ein paarmal leise ab- und zuging und dann in einem Nebengemache verschwand, lautlos, wie sie auch damals so oft verschwunden war.

Die arme Mutter! sagte die Kranke mit einer leisen, wie Schwalbengesang süßen Stimme; aber ich weiß, Du wirst Dich ihrer, wenn ich tot bin, freundlich annehmen und gute Worte des Trostes für sie haben. Sie verdient es wohl um Dich.

Ich hatte nicht das Herz, ihr in das bleiche Gesichtchen zu sagen, daß sie nicht so bald sterben werde, sondern versprach ihr nur, was sie von mir wünschte.

Ich danke Dir, sagte sie, und ich weiß auch, daß es Dir keine Mühe macht, gut zu sein. Das ist es ja, weshalb Mutter und ich Dich so lieb gehabt haben. Du warst der Sonnenschein in unserm Hause und in unserm Leben. Ich weiß nicht, was wir ohne Dich gewesen wären. Uns wird das Gutsein nicht so leicht. Eigentlich sollen wir die Christen nicht lieben, und gewiß ist, daß sie uns nicht lieben. Wir thun auch manches, weshalb sie es nicht wohl können. Für Dich war das alles nicht da. Für Dich waren wir keine häßliche, verachtete Juden, für Dich waren wir Menschen; und wenn sie von dem Messias sprachen, der Israel erlösen soll, so dachte ich immer, er müßte sein wie Du; vielmehr, Du seiest der Messias, mein Messias. Denn mehr als glücklich kann der Heiland uns doch nicht machen und uns erlösen aus unserm Elend, als Juden geboren zu sein; und das hast Du für mich gethan.

Ich verdanke Dir auch viele gute Stunden; flüsterte ich.

Nicht viele, erwiderte sie lächelnd, ein paar, wenn Du Dich einmal besonders hilflos und verlassen fühltest und dann zu uns kamst, wie ein Königssohn, dem gelegentlich auch das Butterbrot bei einem seiner Dienstleute schmeckt. Ach, ich spotte nicht. Ich sage es ganz offen: unsre Nähe, der Umgang mit uns haben Dir wohlgethan; sie haben Dich zu dem machen helfen, wozu Du die Bestimmung in Dir trugst: ein Mensch zu werden, dem nichts Menschliches fremd ist, der durch die Masken der anderen Religion, des anderen Volkstums, des anderen Standes immer wieder das Menschliche erkennt, hervorsucht, liebt und verehrt. Solche Menschen gibt es so wenig. Das weiß wohl niemand besser, als wir Juden, wenn wir es auch meistens leider dabei bewenden und uns lieber bemitleiden lassen, anstatt uns geistig und moralisch in eine Lage zu bringen, wo wir des Mitleids nicht mehr bedürfen würden.

Auf den bleichen Wangen waren zwei brennend rote Punkte hervorgetreten; ich blickte ihr ängstlich in die strahlenden Augen; sie lächelte und sagte:

Laß mich immer sprechen! Wenn man so viele Jahre geschwiegen hat, und es zu Ende geht, und ein unendliches Glück uns den zuführt, dem mir verdanken, daß wir uns aus dem Wust des Aberglaubens und Vorurteils retten durften, sollen wir da nicht sprechen? Ach, ich möchte es in die Welt hinausrufen und Du mußt es einmal für mich: daß die Gebildeten und Klugen unter den Juden sich gräßlich versündigen, wenn sie nicht mit allen Seelenkräften danach streben, freie, ganz freie Menschen zu sein; sie, an denen die anderen Menschen, was von innerer und äußerer Unfreiheit in und an ihnen ist, von jeher ausgelassen und gebüßt haben. Und wenn ich nun sehe, wie die Juden unter dem Vorwande, daß sie in Zeiten der Verfolgung sich nicht von ihrem Stamme lossagen können, sich wieder nur gar zu gern in den angeborenen Vorurteilen versteifen und verhärten und unter dem Vorwand, daß ihnen kein anderes Thätigkeitsfeld offen steht, sich jetzt, wie sonst, auf das Geldmachen und Reichwerden werfen, das heißt: dem eingeborenen egoistischen Triebe zügellose Freiheit geben – ach, Lothar, da muß ich verzweifeln an der Rettung unseres Stammes, der dann nur noch ein toter Ast und schlimmer: ein Schmarotzergewächs am Baum der Menschheit ist und nichts Besseres wert, als ins Feuer geworfen zu werden. Habe ich nicht recht?

Wohl hast Du recht, Du liebe Heilige! rief ich. Und nur darin nicht, daß Du mich so hoch stellst und mir eine Mission gibst, die zu vollführen es mir nicht an gutem Willen, wohl aber an der rechten Kraft gebricht.

Der gute Wille gibt die rechte Kraft, und er ist es, der jedwedes Herrliche auf Erden vollbringt, mag er nun in einer Jungfrau oder in einem Jüngling wohnen. Müßte ich den Glauben an Dich aufgeben, würde ich auch den Glauben an die Menschheit aufgeben müssen; und so möchte ich nicht nur auf der Stelle sterben, so hätte ich auch völlig umsonst gelebt. Denn sich in den Glauben an die Menschheit hineinzuleben durch den Glauben an die unverwüstliche Güte eines Einzelnen und in diesem Glauben zu leben und zu sterben, das habe ich immer als meine Aufgabe hier auf Erden betrachtet, und das ist meine Religion, in der ich selig bin.

Und ein völlig seliger Blick war es, der in den großen Augen schimmerte, wie das Leuchten einer Sonne im Momente des Untergehens.

Und über den, wie ich noch anbetend hineinblickte, die Lider mit den langen dunklen Wimpern sanken, einer Wolke gleich, die sich über die scheidende Sonne deckt und Duft und Farbe weglöscht von der eben noch schimmernden Welt. Ich erschrak heftig, denn ich glaubte, dies wachsbleiche Gesicht mit den noch nicht ganz geschlossenen Augen sei der Tod. Aber das Gewand über der Brust hob und senkte sich noch; und da stand plötzlich die Mutter hinter ihrem Stuhl und winkte mir. Ich erhob mich leise, und so folgte ich der Mutter aus dem Gemach in den Korridor, in welchem inzwischen Licht entzündet worden war. Der alten Dame – sie war in den paar Jahren ganz alt geworden – liefen die hellen Thränen über die runzligen Wangen, als sie mich jetzt zu der Ausgangsthür geleitete und dabei fortwährend in ihrer durch das Weinen noch schwerer verständlichen Weise murmelte. Ich glaubte nur zu vernehmen, daß »ich sie bald wieder beehren möchte, trotzdem eine alte verlassene Frau und ein krankes Kind keine Ansprüche an einen so feinen Herrn machen könnten«, und daß »sie hoffe, ich werde fortfahren, ihrem armen Sohne ein guter Freund zu sein.«

Während ich die Marmortreppe hinabstieg, die jetzt im Licht der Kandelaber strahlte, dachte ich mit Verwunderung; welch sonderbarer Menschenboden dieser jüdische doch sei, der so unschmackhafte Früchte bringe und dann wieder andere von so berauschender Süßigkeit, gerade wie in ihrem heimischen Orient hart am Rande der steinigen Wüste die Zweige der Dattelpalme wehen.

Ich aber hatte im Schatten der Palme wonnevoll geruht und mich an ihren Früchten wundersam gestärkt zu dem Kampf des Lebens, von dem mir mein ahnendes Gemüt sagte, daß er mir jetzt hereindrohe grimmiger, als je zuvor; zu einer Entscheidung, in der es sich für mich um nichts Geringeres handelte, als um Sieg oder Tod.

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