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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VII.

Das Mitleid, welches ein hoffnungslos Liebender füglich mit sich selbst haben darf, ist schwer erkennbar in der selbstmörderischen Gier, die den Unglücklichen treibt, die Qual der Eifersucht bis ins Grenzenlose, Unerträgliche zu erhöhen. Und doch ist sie nur eine andere Form jenes Mitleids, ein letzter Versuch, sich selbst zu helfen und dem Schrecken ohne Ende ein Ende mit Schrecken zu machen, indem man zwischen sich und dem geliebten Gegenstande eine Schranke auftürmt, die schlechterdings unübersteiglich ist und uns nur die Wahl läßt, umzukehren, wenn wir noch die Kraft dazu haben, oder aber, wenn wir dieselbe nicht mehr haben, an jener Schranke zu zerschellen.

Ich habe für das mich so tief demütigende, ja, wie mir nun schien, schamlose Versprechen, welches ich Ellinor doch halb und halb gegeben, in ihrer Gesellschaft zu erscheinen und den Oberst zum Mitgehen zu bewegen, das heißt: für mein Teil zu dem Zustandekommen der Verbindung der Geliebten mit Astolf beizutragen, keine andere Erklärung. Denn daß es im intimen Interesse des Obersten gelegen hätte, sich seiner loyalen Familie wieder zu nähern, durch den Konsens zur Verbindung seines einzigen Kindes mit einem so »korrekten« Offizier, wie Astolf, gewissermaßen ein Unterpfand seiner »guten Gesinnung« zu geben – nun ja, ich hatte den oppositionellen Eifer des Mannes zu zügeln versucht in schmerzlicher Voraussicht der Opfer, die er seiner Ueberzeugung noch werde bringen müssen, aber nimmermehr war es mein Wunsch und meine Absicht gewesen, ihn wieder in dem Lager unsrer Gegner zu sehen, in dieses Lager zu treiben! Ihn, der zu dem Punkt, auf dem er heute stand, sich durch Kämpfe gerungen hatte, die ihn in meinen Augen zugleich zum Heros und Märtyrer machten! Und gewann er sich denn nur sein verlorenes Kleinod, sein Kind, wieder, indem er es einem vermählte, der dazu ausgesucht schien, es ihm vollends zu entfremden, wenn es da noch etwas zu entfremden gab?

Das waren ja alles Scheingründe, Spiegelfechtereien. Ich wollte mit meiner unsinnigen Leidenschaft zu Ende kommen – das war's.

Bis zu dem späten Mittagsmahl, welches ich stets mit dem Oberst gemeinsam einnahm, hatte ich noch mehrere Stunden. Ich sagte dem Burschen, daß ich inzwischen Besuche abzustatten habe, und machte mich auf den Weg.

Zuerst zu Adele. Ich mußte in Erfahrung bringen, ob die außerordentliche Handlungsweise meiner Mutter auf ihre Anregung zurückzuführen sei.

Adele wußte von nichts. Wie hätte sie zu einem solchen Schritt den Mut haben sollen, nachdem ich meinem Widerwillen dagegen einen so energischen Ausdruck gegeben! Freilich hätte sie gewünscht, daß es so kommen möge; aber wie hätte sie nach meinen Mitteilungen hoffen dürfen, daß es so kommen werde? Nun indessen, da es gekommen, würde ich doch nicht so hartherzig und ein so ausbündiger Narr sein, die so liebevoll dargebotene Hand der Mutter und die reiche Gabe, die sie mir – gewiß nur als Abschlagszahlung künftigen Ueberschwanges mütterlicher Freigebigkeit – biete, zurückzuweisen! Sofort solle ich zu Herrn Israel fahren, meine Erklärung, von dem Kredit keinen Gebrauch machen zu wollen, zurücknehmen, vor allem mir den ungelesenen Brief wiedergeben lassen und lesen!

Ich hatte mit dem lieben Wesen einen schweren Stand und verwünschte meine Thorheit, sie bei dieser Angelegenheit ins Vertrauen gezogen zu haben. Ihre einmal erregte Phantasie konnte nicht müde werden, die schönsten Schlösser zu bauen, zu denen die vollständige Aussöhnung mit meiner Mutter, welche für sie eine Thatsache war, das Fundament hergab. Ob ich unter anderem wisse, daß die Herzogin gestorben sei? in Meran, vor zwei Tagen?

Ich wußte es nicht; auch Adele, die grundsätzlich keine Zeitungen las, hatte es erst heute morgen von ihrem Gatten erfahren.

Die völlig unerwartete Nachricht traf mich seltsam. Ich hatte die Dame ja nie gekannt, aber nur Gutes von ihr gehört und ihr trauriges Schicksal im stillen stets aufrichtig beklagt. Der Herzog war jetzt also auch nach dieser Seite frei vor der Welt und in seinem Gewissen, wie er es in seinem Handeln immer gewesen. Und plötzlich fuhr mir durch den Kopf, ob Weißfisch's Besuch wohl im Zusammenhang stehen möchte mit jenem Ereignis, das seinen Plänen immerhin förderlich schien?

In solche Betrachtungen und Erwägungen versunken, hatte ich kaum noch auf Adele gehört, die inzwischen eifrig weiter gesprochen hatte und nun beinahe ernstlich böse wurde.

Wenn einer, wie ich, stocktaub, staarblind und nebenbei ein so störrischer vollständig unträtabler Junge sei, so sei ihm freilich nicht zu helfen. Daß ich alle diese liebenswürdigen Eigenschaften im vollsten Maße besitze, habe ich in der ganzen Affaire mit Ellinor zur Genüge bewiesen. Sie wünsche zu wissen, wie eine junge Dame in ihren Avancen noch weiter gehen könne, ohne dem Betreffenden demnächst um den Hals zu fallen. Kaum habe Ellinor erfahren, daß ich überhaupt noch auf der Welt und nebenbei hier in der Stadt sei, so eile sie zu Maria, der Einzigen, von der sie über mich menschenmöglicherweise Nachricht erhalten könne, in der mir selbst gegenüber ausgesprochenen Absicht, diese Nachricht dort zu erhalten. Statt dessen finde sie mich in Person. Sie mache mit mir einen langen Spaziergang neben dem leeren Wagen her, um sich selbstverständlich zum Dank dafür die größten Sottisen sagen zu lassen. Was sie denn doch nicht hindere, besagte abscheuliche Person wieder aufzusuchen zu einer Stunde, von der sie recht gut gewußt habe, daß dieselbe die möglichst ungeeignete sei, wenn sie denn wirklich den Herrn Papa hätte sprechen wollen. Nun scheine es ja ein Aufflackern von Vernunft, daß ich doch wenigstens für mich die Einladung angenommen und versprochen habe, auch dem Oberst zuzureden; aber wer könne wissen, ob dieser Funke nicht ebensobald wieder verlöschen und der alten schwarzen Unvernunft Platz machen werde!

Ach, sie war wieder so gut, so schwesterlich, die Liebe, Holde, die da von ihrem niedrigen Mansardenfenster aus der engen, dürftigen Stube bunteste, schimmerndste Seifenblasen in den rauhen Wintertag schickte für den geliebten Bruder, der die schöne Kunst früher auch so meisterlich verstanden hatte! Und nun schier traurig wurde, daß er dieselbe so ganz verloren, oder doch nicht mehr üben durfte! Nein, nicht mehr, geliebte Schwester! Ja, wenn er dich damit aus deinem dunklen Mauerschwalbennest erlösen und wieder zu der Lerche machen könnte, die singend und jubilierend über dem wogenden Aehrenfelde in den blauen Himmel steigt! Als ob der Himmel über uns nicht immer nur der Widerschein des Himmels wäre, der in uns ist – in dir ist! Und den dir Gott erhalte, du Beste, Einzige!

Das betete ich aus tiefster Seele, als ich mich nun endlich doch aus ihren Armen gezogen, die mich heute gar nicht lassen wollten, um nach dem Westen der Stadt zurückzuwandern, vorerst zu ihm, dem ich in der Kunst des Seifenblasens immer »über« gewesen war, wofür er es dann wieder in der des Rechnens so früh zur Meisterschaft und unter anderm auch zu dem Hause gebracht, vor dem ich jetzt anlangte in einer der vornehmsten Straßen, welcher es zur vornehmsten Zier gereichte. Ein prachtvolles in der Fassade vom Grunde bis zum Giebel aus Sandstein aufgeführtes dreistöckiges Haus in etwas überladenem Renaissancestil mit zwei mächtigen Thüren, von denen ich gleich an die richtige geraten war: in der Seitenwand auf einer schwarzen, in die Mauer eingelassenen Marmorplatte prangte mit goldenen Buchstaben die Firma: Israel, Löbinsky u. Ko. Der in Blau, Rot und Gold schimmernde Portier hätte mich offenbar gern von oben herab angesehen. Da ihm dies nicht wohl gelingen konnte, weil er fast um einen Kopf kleiner war als ich, mußte er sich damit begnügen, mir in möglichst nachlässigem Ton die Richtung zu bezeichnen, in der ich mich zu bewegen hatte, um schließlich zu dem Privatcomptoir des Herrn Israel zu gelangen. Durch, wie mir schien, endlose Säle, vorüber an langen Zahltischen, an denen es geschäftig zuging, und vergitterten Lauben, in welchen dunkelhaarige junge Herren schweigsam über ihre Pulte gebeugt kritzelten, nach manchen weiteren Anfragen bei andern dunkelhaarigen jungen Herren, die mit Papieren in der Hand, oder großen Büchern unter dem Arm an mir vorübereilten, war ich endlich zu einer Polsterthür gekommen, hinter welcher irgend jemand, der mir meine Karte abgenommen, verschwand, und aus der dann alsbald ein Herr heraustrat, der mir einen Moment prüfend ins Gesicht sah, um mich dann in seine Arme zu schließen und in das Allerheiligste hinter der Polsterthür zu ziehen.

Ich hatte vor wenigen Stunden einem alten Freunde gegenüber gesessen, an welchem im Laufe weniger Jahre eine große, für mich betrübende Veränderung vorgegangen war. Dieser hatte sich nicht verändert. Ein wenig beleibter mochte er geworden sein, aber es stimmte so gut zu der langen fleischigen Nase und zu der dicken Unterlippe, welche genau so verlegen zitterte, wie damals, wenn es gegen die greulichen Piraten ging, die sich vor dem inzwischen entstandenen spärlichen Kotelettbart auch nicht eben gefürchtet haben würden. Nein, das war der alte Emil äußerlich, und der auch innerlich keine großen Wandlungen durchgemacht haben konnte, wenigstens erzählte er mir die Geschichte seiner letzten Jahre so stockend, zögernd, mit so vielen Ehems und so vielen angefangenen Konstruktionen, welche nie zu Ende kamen, als wäre er kein großer Bankier, sondern ein gehudelter Sekundaner, und ich repetierte mit ihm die Geschichte der Kreuzzüge.

Er hatte gleich nach dem Tode seines Vaters das hiesige Bankiergeschäft mit dem jungen Löbinsky, seinem jetzigen Schwager, – aus einem, seinem Vater von der Lieferungszeit her befreundeten Warschauer Hause, – gegründet und einen großen Teil seiner Zeit verwenden müssen, die überaus verwickelten, freilich auch überaus lukrativen Geschäfte zu liquidieren, die der Vater in unsrer Stadt und Provinz zurückgelassen hatte. Er könne es ja jetzt sagen, wo keine Gefahr für Leib und Leben damit verbunden sei: fast die halbe Stadt und ein nicht kleines Stück der Provinz, zum wenigsten des Regierungsbezirkes, habe der Firma I. Israel gehört. Es sei nicht wahr, was damals behauptet wurde, daß sein Vater der Schöpfer dieser Mißstände gewesen sei: er habe nur den rückgehenden Wohlstand der allmählich versandenden Hafenstadt, die lodderige Wirtschaft des längst schon tief verschuldeten Adels zu seinem Vorteil klug benutzt. Jetzt habe er – Emil –, wie gesagt, sich von allen diesen provinziellen Verbindungen und Verhältnissen losgemacht, zum Teil mit nicht unerheblichem Damno, wesentlich auf Betrieb seiner Schwester, der die Erinnerung an jene Zeit entsetzlich sei, und die ihm immer in den Ohren gelegen habe, er solle ein neues Leben anfangen.

Nun, und das habe ich denn gethan, sagte Emil, mit den dicken roten Händen (sie waren sonst um diese Zeit des Jahres stets verfroren gewesen) die runden Kniee reibend; unser Geschäft ist ganz neu, auf wesentlich neuen Prinzipien gegründet, deren strikte Befolgung uns Transaktionen gestattet, zu denen selbst Bleichröder keinen Mut haben würde, was gewiß etwas sagen will. Wir arbeiten an fünf und mit fünf Plätzen zugleich: mein Schwager und ich hier; mein Schwiegervater mit dem ältesten Sohne in Warschau, ein zweiter Bruder in London, ein Schwager wieder meines Schwagers in Paris, abermals ein Schwager in New-York. Die Firma lautet überall: Israel, Löbinsky & Ko., weil ich in der Lage war, in jedem der fünf Geschäfte dieselbe runde Summe anlegen zu können.

Sagen wir eine Million; warf ich scherzend ein.

Die kurzsichtigen Augen hoben sich schnell und erschrocken, als ob ich die Nachricht gebracht hätte, daß die Piraten gelandet seien.

Woher weißt Du das? fragte er mit zitternder Unterlippe.

Ich dachte mir so; erwiderte ich lachend.

Du hast es in der That erraten; sagte er leise. Ich hatte auch keine Ahnung, daß es so viel wäre; aber die Armeelieferungen – weißt Du! Es handelte sich ja immer um Millionen. Wir wußten wirklich nicht mehr, wohin mit dem Gelde. Vater sagte damals schon manchmal: ich glaube, sie schlagen uns alle noch einmal tot. Es wäre ja auch beinahe so weit gekommen.

Ich dachte an all die jungen schwarzhaarigen Herren da draußen in den endlosen Sälen, und die endlos vielen Briefe, welche sie den Tag über kritzelten, und von denen sicher jeder der Firma Israel, Löbinsky u. Ko. etwas einbrachte, und fragte mich, ob die »neuen Prinzipien«, nach denen hier gearbeitet wurde, sich wohl sehr wesentlich von den alten unterscheiden und so der lugubren Prophezeiung I. I.'s die tödliche Spitze abbrechen möchten? Aber ich hütete mich wohl, diesen Gedanken auszusprechen, und erkundigte mich dafür, ob Emil denn wisse, wer der eigentliche Kreditgeber sei, der hinter der amerikanischen Firma stehe?

Ich sehe nicht, welchen Vorteil Du davon hättest, wenn ich Dir nicht die Wahrheit sagte; erwiderte Emil. Ich glaube, der Vater hat immer gewußt, wer Deine Mutter war, und daß sie noch einmal eine große Erbschaft machen könne. Deshalb sein stetiger dringender Wunsch, Du möchtest Kaufmann werden und in unser Geschäft eintreten, was ja denn auch in jenen Tagen, als Du unsern Güterzug nach Frankreich begleiten wolltest, um ein Haar geschehen wäre. Der Vater glaubte Dich schon sicher zu haben. Unter uns: ich bin überzeugt, er kannte Deine wirkliche Lage damals bereits vollkommen, und sie mußte ihm ja auch klar geworden sein in dem Augenblicke, als Herr von Ruver für das ganze damalige Vermögen Deiner Mutter Wechsel auf London kaufte, die dann nach New-York gingen und dort von dem Advokaten der Missis Katharina Vogtriz-Gilmore-Franc einkassiert wurden. Der größte, oder doch ein großer Teil des jetzigen Vermögens der Missis ist in unserm Geschäft angelegt, und so ist der illimitierte Kredit keine Phrase, da Deine Mutter – denn Deine Mutter ist natürlich die Korrespondentin – recht gut weiß, daß Du eben nur entnehmen wirst, was Du brauchst. Wieviel darf ich Dir geben?

Du scheinst meine Antwort nicht bekommen zu haben?

Emil machte ein verwundertes Gesicht und wollte auf einen Elfenbeinknopf in der Wand drücken. Ich verhinderte ihn daran. Die Sache werde jedenfalls noch bis zu ihm gelangen; sie sei aber diese:

Und ich teilte ihm meine Antwort mit.

Die Piraten waren, nach dem Ausdrucke von Emils Gesicht zu schließen, bis dicht vor unsre Burg gedrungen.

Aber das kann doch nicht Dein Ernst – zum wenigsten nicht Dein letzter Entschluß sein, stotterte er. Bedenke –

Lieber Emil, unterbrach ich ihn, glaube mir, ich habe alles bedacht. Ich bin nun einmal der alte unpraktische, dumme Junge geblieben, über den sich schon Dein seliger Vater so gründlich hat ärgern müssen. Da Du nach neuen Prinzipien arbeitest, darfst Du das beileibe nicht auch, sondern mußt mich meines Weges ziehen lassen, der übrigens für den Augenblick zu Deiner Mutter und Deiner Schwester führt. Sie wohnen hier in demselben Hause?

Zwei Treppen rechts. Links wohnt mein Schwager. Aber darf ich Dich nicht erst zu meiner Frau – sie würde sich so unendlich freuen – ich glaube, sie wird noch zu Hause sein – wenn Du erlaubst, werde ich Dich hinaufbegleiten.

Da ich sah, daß ich um diese Visite doch nicht herumkommen würde, so mochte sie gleich jetzt gemacht werden. Ich erklärte mich deshalb bereit unter der Bedingung, daß Emil sich in seiner Arbeit nicht weiter stören lasse; ich habe ihn nur schon zu lange von wichtigeren Dingen abgehalten.

Es waren in der That bereits während unsrer kurzen Unterredung zwei oder drei junge Herren dagewesen, die eine geflüsterte Frage an den Chef gerichtet, oder schweigend ein Papier zur Unterschrift vorgelegt hatten.

Ich bin allerdings, sagte Emil, – das geht so den ganzen Tag – mein Schwager ist eben auf einer Konferenz – indessen ein so alter lieber Freund – meine Frau –

Er hatte sich von seinem Stuhl erhoben und den Schlüsselbund von einem Geldschrank abgezogen.

Ich protestierte. Wir vereinigten uns dahin, daß er mir durch die Geschäftsräume das Geleit geben dürfe, was er denn nun auch zur Verwunderung sämtlicher jungen Herren in den Drahtlauben that.

Deine Frau ist aus Warschau? fragte ich, während wir so dahinschritten.

Lili ist eine Polin; erwiderte Emil mit Nachdruck; sie spricht ein wunderbares Französisch, und englisch, wie eine Engländerin; aber auch deutsch.

Das letztere ist mir eine große Beruhigung, sagte ich; und ich sollte meinen, auch Dir. Mit Deinem Französisch und Englisch –

Es ist ein wenig besser damit geworden; übrigens mein Schwager – er besorgt die ausländische Korrespondenz – Pole – weißt Du – sprechen alle Sprachen – sind damit geboren.

Ein großer Vorteil. Und Lili heißt Deine Frau?

Ja, ihr eigentlicher Name ist – ist anders; aber Lili klingt so gut, meint sie. Du nicht?

Sicher. Sie ist natürlich noch sehr jung?

Natürlich! sehr! achtzehn – kaum, trotzdem wir schon beinahe ein Jahr verheiratet sind.

Beneidenswerter Mensch!

Ich habe in der That ein großes unverdientes Glück gehabt. Wenn nur meine Schwester – das arme Jettchen – aber Du wirst sie hernach aufsuchen? sie wird sich so sehr freuen – und die Mutter!

Sei versichert! Und nun keinen Schritt weiter!

Wir waren bis zur Ausgangsthür gelangt. Emil übergab mich einem herbeigeklingelten Livreebedienten, der mich nach oben führen sollte.

Die gnädige Frau ist doch zu Hause? fragte Emil.

Der in Livree bejahte mit einigem Zögern, wie mir schien.

Allein?

Herr Simon ist oben.

Ah! sagte Emil. Und dann flüsternd zu mir: Ein Schwager meines Londoner Schwagers. Sehr musikalisch! Pflegt um diese Zeit mit Lili zu musizieren – Alfred Simon – Lili spricht den Namen englisch: Simmen – Mister Fred Simmen – damit Du nicht glaubst, daß es ein anderer ist.

Ich weiß nicht, warum, aber Emils fleischige Nase schien mir, wie er das sagte, noch länger, und seine Unterlippe zitterte, als ob die Drahtlauben Haselbüsche wären, und in jedem statt der schwarzhaarigen kritzelnden Herren ein Pirat säße und seinen Dolch wetzte.

Indessen ich hatte keine Zeit, dafür nach einer Erklärung zu suchen, drückte dem guten Jungen die Hand und folgte dem Manne in Livree nach oben.

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