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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VI.

Wir saßen uns gegenüber und betrachteten einander mit jenem prüfenden Blick, der die Geschichte von Jahren, welche inzwischen vergangen sind, aus den altbekannten und doch entfremdeten Zügen des Freundes zu lesen sucht. Ach, sie konnten nicht gut gewesen sein, diese Jahre, für den armen Freund, und sie hatten ihm auch äußerlich nicht gut gethan! Das war der Jünglings-Löwenkopf nicht mehr, der mir in seiner Häßlichkeit so schön erschienen war; das waren nicht mehr die großen treuherzigen blauen Augen! Sie hatten jetzt einen härteren, bis zur Starrheit festen Blick, als gelte er einem Gegner auf der Mensur, und schienen mir kleiner, wie auch der Kopf – letzteres wohl, weil die frühere Löwenmähne militärisch kurz geschoren war, und die Schultern so mächtig ausgeladen hatten. Die breiten unregelmäßigen roten Striemen, die über die linke Wange hinauf zur Schläfe und hinab bis ins Kinn liefen, waren in meinen Augen auch keine Verschönerung; und der dicke rotblonde Schnurrbart, der statt des blonden Flaums von damals die Oberlippe bedeckte, schien dem eckiger und länger gewordenen Gesicht den Ausdruck der alten kindlichen Gutmütigkeit vollends rauben zu wollen. Nein, das war nicht mehr der alte Schlagododro; und es kostete mich keine Ueberwindung, ihm jetzt, wie wir da so still einander betrachteten, im Geiste bei seinem wirklichen Namen zu nennen.

Ich habe Dich alsbald wiedererkannt, sagte ich, die wunderliche Pause, welche so plötzlich entstanden war, unterbrechend.

Du hast mich inzwischen gesehen?

Vor acht Wochen vielleicht – an einem regnerischen Abend – Du warst nicht allein – mit einer Dame –

Ach, sagte er. Mit Christine Hopp?

Ja.

Er hatte einen Moment an mir vorübergeblickt, faßte mich aber alsbald wieder mit dem starren Mensurblick ins Auge und sagte:

Es ist sehr korrekt von Dir, daß Du die Sache sofort zur Sprache bringst. So etwas ist ein Stein des Anstoßes, oder kann es werden; also weg damit und Bahn frei! Also: ich danke Dir, daß Du Dich des Mädchens in so wirksamer Weise angenommen hast. Im Anfang fand ich natürlich, es sei eine unbefugte, verdammte Einmischung und so weiter und so weiter. Das hielt aber nicht lange an, und wie gesagt, ich danke Dir. Du hast mich von einer großen Last befreit. Ein Mädchen derart, das sich ernsthaft in einen verliebt, hat wirklich sein sehr Unbequemes, und wenn es sich nun gar in den Kopf setzt, man werde es heiraten, ist vollends der Teufel los. Ich verstehe nicht, wie die Frauenzimmer zu dem Unsinn kommen – selbst leidlich gescheite, wie Christine. Aber wer versteht denn die Frauenzimmer! Nicht wahr, Melac?

Und er tappte dem Hunde, der neben ihm saß und mit den blaugrauen Augen zu ihm aufblinzelte, den großen Kopf.

Im Interesse der Frauenzimmer, sagte ich, wäre es zweifellos wünschenswerter, wenn sie ihre Herren Liebhaber einigermaßen verstünden und sich über den rücksichtslosen Egoismus derselben keine Illusionen machten.

Das geht auf uns, Melac; bemerkte Ulrich, der Dogge das gestutzte Ohr zupfend.

Wenigstens auf Deinen Herrn, sagte ich, die Dogge apostrophierend.

Natürlich auf Deinen Herrn, sagte Ulrich ebenso. Denn schließlich bist Du doch nur ein Hundevieh, und so kann man von Dir vernünftigerweise keine Moral verlangen.

Es kam drollig genug heraus; aber ich konnte nicht dazu lachen.

Na, sagte Ulrich, ich glaube wahrhaftig, der Humor ist bei Dir ganz zum Teufel. Da muß ich denn wohl ausnahmsweise auch einmal ganz ernsthaft sein. Die Geschichte thut mir aufrichtig leid. Christine ist kein gewöhnliches Mädchen, und mein großes Unrecht, soviel ich sehen kann, besteht darin, daß ich das zu spät bemerkte. Als ich es endlich bemerkte, habe ich gethan, was ich als ehrlicher Mensch thun mußte, und ihr ganz offen gesagt: liebes Kind, das geht nicht, geht so nicht länger. Heiraten kann und will ich Dich nicht, und zu was anderem bist Du mir zu gut. Werde Schauspielerin, wozu Du ja Lust und Talent hast, und Du kannst es nebenbei in dem Metier weiter dringen, als ich es wahrscheinlich in meiner Karriere jemals bringen werde. Nun ist das ja, Dank Deiner Intervention, alles glücklich so gekommen und in schönster Ordnung. Ich sehe also nicht ein, weshalb ich mir darüber den Kopf zerbrechen soll, von dem Herzen ganz abgesehen, das, alles in allem, bei der ganzen Affaire eine ziemlich untergeordnete Rolle gespielt hat. Ich wollte nur, ich hätte Geld, es dem Mädel mit vollen Händen zu geben; aber Du weißt: Vogtriz – keinen Vätersitz, und daß das heute für uns mehr als je der Fall ist. Nicht wahr?

Ich weiß nichts, erwiderte ich. Wie könnte ich auch, da der Oberst niemals über seine Familienangelegenheiten mit mir spricht.

Wie er denn überhaupt für die Familie leider jemals weder Sinn noch Herz gehabt hat, warf Ulrich hin.

Darf ich Dich darauf aufmerksam machen, daß ich Deinen Onkel über alles liebe und verehre und ein ihn tadelndes Wort schlechterdings nicht hören kann?

Meinetwegen, sagte Ulrich, ich wollte auch gar nicht von ihm sprechen, sondern von uns anderen, die wir noch so beschränkt sind, zu meinen, daß die Glieder einer alten Familie zusammenhalten sollen, um so mehr, wenn besagte Familie en décadence ist. Und das ist bei der unseren der schlimme Fall. Also, da Du es noch nicht weißt: der Papa hat sich glücklich so hineingewirtschaftet, daß die Güter schon seit zwei Jahren unter Sequester sind. Er lebt noch mit der Mama auf Nonnendorf, weil es schließlich das Billigste ist, von der kleinen, ihm von den Gläubigern zugestandenen Pension. Die Pension würde größer sein, wenn der Hauptgläubiger, Dein Freund Israel, allein zu bestimmen hätte. Aber seitdem er Löbinsky und Kompagnie ist, scheint es, sind ihm die Hände gebunden. Uebrigens ist er ein ehrlicher Kerl, mit dem ich geschäftlich und – aus Rücksichten – auch gesellschaftlich gern verkehre. Wollte, sein Herr Papa wäre eine eben so ehrliche Haut gewesen – die Nonnendorfer Aktien würden heut nicht so tief unter pari stehen. Um auf meinen Papa zurückzukommen, so hat er gar nichts mehr zu sagen – selbstverständlich; – und Astolf, wenn er 'mal ans Regiment kommt – was möglicherweise so lange nicht dauert, – denn der Alte gehört zu den Leuten, die das Unglück partout nicht vertragen können und ist in letzter Zeit höllisch klapprig geworden – wird immer noch einen gehörigen Packen Schulden abzutragen haben. So stünde die Sache ziemlich verzweifelt, wenn Tante Isabella – das heißt, sie ist, wie Du Dich erinnerst, unsre Großtante – die Schwester von Mamas Mama – alles was von Geld in der Familie, kommt ja von der Frauenseite – von den Gransewitz – denn der längst verstorbene Gemahl der Großtante, General von Westen-Burgberg, hatte auch nur Schulden wie ein Major – also, wenn Tante Isabella mit ihrer runden Million – notabene Thaler – nicht in Reserve wäre. Aber sehr in Reserve, verstehst Du? das heißt, sie ist sich ihrer Machtstellung vollkommen bewußt – trotzdem sie so gut wie blind und mehr als halb taub ist – und tyrannisiert uns auf eine schauderhafte Weise, was sie ganz ungestraft darf, sintemalen die ganze Familie aus ihrer Tasche lebt. Ich unter den anderen auch, inklusive Melac. Ich hätte ohne sie nicht einmal studieren können, ebensowenig wie vor mir meine beiden Vettern, die Söhne von Onkel Hinrich, dem Präsidenten, der trotz seiner frömmlichen Miene ein ganz resoluter Vogtrizscher Schuldenmacher ist und nur von der Großtante über Wasser gehalten wird. In Summa: wir kosten der alten Dame Jahr aus Jahr ein ein grimmiges Stück Geld, und »viele Hunde sind des Hasen Tod« pflegt sie in ihrer eleganten Weise zu sagen, wobei sie bei »Tod« ihr falsches Gebiß zusammenschnappen läßt, daß es mir jedesmal kalt über den Rücken läuft. Na, an uns wird sie darum doch nicht sterben, und Ellinor wird noch genug übrig behalten. Ellinor ist nämlich, während wir anderen mit Legaten abgefunden werden, Universalerbin unter einer Bedingung. Du kannst Dir denken, welcher – die Sache war ja damals schon abgekartet: daß sie Astolf heiratet. Es ist die einzige Möglichkeit, das Gransewitzsche Vermögen wieder zusammenzubringen und in der Vogtrizschen Familie zu erhalten, die dadurch zu einem noch nicht dagewesenen Glanz sich ausschwingen würde, wogegen wir gewiß nichts haben können, wenn wir übrigen, wie gesagt, auch dabei leer ausgehen. In einer alten Familie muß man sich unterzuordnen wissen; die Hauptsache ist, daß der Stamm erhalten bleibt.

Warum heiraten denn die jungen Leute nicht? fragte ich mit gut gespielter Ruhe.

Junge Leute ist gut, nicht wahr, alter Herr? sagte Ulrich, die Dogge streichelnd. Uebrigens ganz richtig gefragt, weisester aller Thebaner. Warum heiraten sie nicht? das fragt alle Welt. Früher hieß es: sie will keinen Sekond-Lieutnant. Nun ist er aber seit dem vorigen Herbst Premier. Das kann es also nicht gewesen sein. Na, Kind, Du hast ja damals auch mit dem Feuer gespielt und Dir, wie ich annehme, die schlanken Finger ein bißchen verbrannt: die Sache steht, bei Licht besehen, eigentlich noch gerade so wie damals. Ellinor weiß nicht, was sie will. Das heißt, im Grunde will sie, daß jeder Mann, der in ihre Nähe kommt, sich Knall und Fall in sie verliebt, was denn auch mit bewunderungswürdiger Regelmäßigkeit geschieht und ihr den entsprechenden Spaß macht; mir nebenbei auch, der ich, Gott sei Dank, ganz unbefangen dabei sein darf und meinem lieben Wolf die Pein, die er aussteht, brüderlich gönne. Wir lieben einander nämlich mit jedem Jahre mehr, Astolf und ich. Aber das gehört nicht hierher. Es ist also zwischen den beiden im Grunde genommen die alte Geschichte. Er – ich muß ihm das lassen – hat sich in der ganzen Affaire völlig korrekt benommen, wie er denn in dieser und jeder anderen Beziehung der korrekteste Mensch von der Welt ist; – und sie – offen gestanden, ich bezweifle und habe immer bezweifelt, ob sie überhaupt lieben kann. Alles in allem wird es eine reizende Ehe werden. Denn heiraten müssen und werden sie sich endlich doch. Da beißt keine Maus einen Faden ab. Ruhig Melac! es ist ja nur von einer figürlichen Maus die Rede.

Du erlaubst, daß ich das alles abscheulich finde; sagte ich.

Was?

Alles: daß da zwei Menschen, um einen Haufen Geld zusammenzubringen, verkuppelt werden sollen, die einander nicht lieben; daß sie sich verkuppeln lassen; daß Deine ganze Familie dazu Ja und Amen sagt, und, was mir natürlich am schmerzlichsten ist: Du selbst.

Na, na, Kind!

Ja, Du, der Du in meiner Erinnerung standest als ein Mensch, in dessen Herzen nur Güte, Liebe und Großmut Raum hatten, und der Du jetzt mit der größten Ruhe Grundsätze entwickelst und Ansichten aufstellst, in denen ich von dem allen auch nicht die Spur mehr entdecken kann, wohl aber das diametrale Gegenteil.

Kind, Du rasest!

Dann segne ich meine Raserei, die mich vor Deiner kaltblütigen Vernunft bewahrt. Und weißt Du, was ich noch weiter segne? Marias Hochsinn, der einer gewissen »toten Liebe« ein kühles und tiefes Grab bereitet hat. Ja, mein Bester, ich habe Deinen Gruß getreulich überbracht, und Du magst es Dir selbst zuschreiben, wenn ich Dir die Antwort, die ich bekam, wie ich sie bekam, ohne freundschaftliche Umschreibungen übermittle. Endlich: so bitter leid mir Dein Onkel thut, daß er der Liebe seines einzigen Kindes entbehren muß – ich finde es jetzt begreiflich, wenn er keinen Finger rührt, ein Band wieder zu knüpfen, das heillos zerrissen ist. Ein Mädchen, wie Du Ellinor geschildert hast, ist seine Tochter gar nicht. Das ist ein fremder Tropfen in seinem Blute. Das ist –

Beim Himmel, nun ist's genug!

Er war aufgesprungen, zornrot das Gesicht, blitzend die Augen, die Fäuste geballt; mit ihm die Dogge, die knurrend gegen mich die Zähne fletschte.

Willst Du nicht lieber gleich den Hund auf mich hetzen? sagte ich.

Er blickte mich an, als ob er nicht übel Lust dazu habe, gab dann aber plötzlich der Dogge einen Stoß, daß dieselbe, aufheulend, zur Seite flog, und trat auf mich zu, mir die Hand hinhaltend, in welche ich die meine legte, ohne mich überwinden zu können, den Druck zu erwidern. Etwas wie ein Lächeln des Spotts und Hohns zuckte über sein Gesicht; er sagte aber nichts, sondern ging mit starken Schritten nach der Thür; wandte sich schroff, als er dieselbe bereits erreicht hatte, und kam zurück. Ich glaubte, er habe etwas vergessen, und blickte suchend im Zimmer umher. Er schlug ein lautes Lachen auf, das aber nichts weniger als fröhlich klang.

Jawohl! rief er, ich vermisse allerdings etwas: das alte: Auf morgen, Schlagododro! Bei Gott, es ist das erste Mal, daß Du es mir nicht nachgerufen hast.

Ich wußte wirklich nicht, ob Du es würdest hören wollen, erwiderte ich ausweichend. Du – ich – und was noch eben zwischen uns leider hat zur Sprache kommen müssen – in einer Heftigkeit, die ich meinerseits aufrichtig bedaure – wir sind eben beide andere geworden –

So! rief er. Schaut's da heraus? Andere geworden! Du! O ja! scheint mir allerdings nach allem, was ich zu hören bekommen! Aber ich! Zum Teufel, worin und wie bin ich ein anderer?

Der spöttisch-ironische Ton war völlig aus seiner Stimme gewichen, die jetzt rauh und heftig klang. Ebenso hatte sich der Ausdruck seines Gesichtes verfinstert; die roten Striemen auf seiner Wange flammten. Ich aber war entschlossen, mich nicht wieder aus meiner Zurückhaltung treiben zu lassen, und sagte so mit aller Ruhe, die ich aufbieten konnte:

Ich denke, wir lassen das jetzt. Es würde zu nichts führen. Wenn Du mich, wie es scheint, wirklich noch nicht aufgegeben hast, – wir werden uns ja wiedersehen und – verständigen, wenigstens den Versuch dazu machen; und der hoffentlich besser ausfällt, als der heutige.

Hol der Teufel die diplomatischen Redensarten! rief er, indem er abermals wuchtigen Schrittes im Zimmer auf und ab zu gehen begann. Hol der Teufel das Komödienspiel! Sage doch gerade heraus: Du willst mit dem Kerl nichts mehr zu schaffen haben! Aber Du bist immer der feine Herr gewesen, der den Freund, den er los sein wollte, höflich zum Zimmer hinauskomplimentierte, anstatt ihm Knall und Fall den Stuhl vor die Thür zu setzen. Damals zum Exempel, als Du mich los sein wolltest, um dem Gerippe von infernalischem Hochmut und demokratischem Aberwitz, dem Werin, nachzulaufen. Und der hat Dich auf der Seele, wenn er selbst eine hätte, der – ich hab's schon damals gesagt, aber Du hast nicht gehört. Du hast –

Laß es gut sein, Ulrich! bat ich.

Ich will es aber nicht gut sein lassen, rief er, vor mir stehen bleibend; und ich möchte wissen, was dabei Gutes ist, oder herauskommen soll! Wenn Ihr recht behieltet, eine schöne Welt würd' es werden – bei Gott! Schön ist die auch nicht, die wir jetzt haben, das weiß der Himmel! Aber doch nur deshalb, weil die, welche den Ton angeben sollten, zum großen Teil komplette Esel sind und mit ihrer steifstelligen bureaukratischen Grandezza, ihrem militärischen Kamaschentum, ihren dummen Prätensionen, hinter denen nichts steckt, als die adligste Borniertheit und Langweiligkeit, das Königtum und die Aristokratie diskreditieren und jeden ehrlichen Kerl zum Tempel hinausgraulen könnten. Das Königtum steht auch vielleicht nicht überall auf der Höhe der Zeit, und gar die Aristokratie muß reformiert werden – das fühlt und weiß keiner besser, als ich. Und Du weißt, ich sag's nicht seit heute – ich habe es immer gesagt. Aber Aristokratie muß sein! Und dann schließlich noch immer lieber eine schlechte, als gar keine. Als eine Republik der Herren Schulze und Müller mit obligater Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und dem Knotentum in Permanenz. Lieber will ich unter meinem angestammten König für den Rest meines Lebens Holz hacken. Dabei kann man in seinem Herzen noch immer Aristokrat sein und die Kanaille verachten, wie sich's gehört. Aber die Kanaille als seinesgleichen ansehen sollen – nun und nimmermehr! – Ruhig, Melac, dummes Vieh! Noch ist's nicht so weit, und, bevor sie Dich vor den Karren spannen, schieße ich Dich tot – kusch!

Er versetzte dem Hunde, der, als er seinen Herrn so zornig sah, angefangen hatte, abermals zu knurren und die Zähne zu fletschen, einen Tritt und lief ein paarmal in stummer Wut im Zimmer auf und ab; blieb dann wieder stehen und rief, mich anstierend:

Natürlich ist ja alles, was ich da sage, für Dich auf Deiner philosophischen Höhe abgetragener Trödel aus der Großväterzeit. Ihr braucht keinen Gott und keinen Christus; Ihr habt das ja alles in Euch selbst – eigenstes glorioses Gemächte! Und Ihr werft uns Stolz und Hochmut vor, Ihr, die Ihr der Stolz und der Hochmut in Person seid und auf einen armen Sünder, wie mich, der sich mit seinem Fleisch herumschlägt und recht gut weiß, daß er nur durch Gottes Gnade gerettet und selig werden kann, herabschaut als auf einen guten Narren, der sich von Klügeren, als er, am Seile führen läßt! Und wozu ich Dir diese lange Rede halte? Du hast mir mein Techtelmechtel mit der hübschen Dirn, der Christine, vorgeworfen. Ich sage noch einmal: es war nicht recht, und ich wollte, es wäre nicht geschehen. Aber eine Todsünde ist's doch auch nicht, ein schönes Mädel, das sich einem an den Hals wirft, in den Arm zu nehmen. Ich kenne eine viel größere Sünde, und die ist: es aus lauter Hochmut nicht zu einer rechtschaffenen Liebe bringen zu können und einen ehrlichen Kerl zu verschmähen, weil er Euren verruchten demokratischen Hokus-Pokus nicht mitmachen kann und will, und ein Gefühl der Lächerlichkeit dafür hat, mit seiner Frau am Arm seiner Schwiegermama zu begegnen, die ein Schock verhutzelter Proletariergören auf die Weide treibt, wie eine Herde nacktbeiniger junger Gänse, von dem Herrn Schwager abgesehen, auf dessen geistreichen Umgang ich freilich verzichten muß, will ich nicht in die Lage kommen, mit einem ehrenwerten Herrn Königsmörder Schmollis trinken, oder mit anmutigen Fräulein Petroleusen Cancan tanzen zu sollen.

Und wenn Du etwa glaubst, daß ich das alles vorhin zurückgehalten habe und jetzt loslasse, um mich für die Botschaft zu revanchieren, die Du die Güte hattest, mir von Maria zu überbringen, so irrst Du Dich. Denkt sie groß genug, wie Du Dich ausdrückst, ihrer Liebe ein tiefes Grab zu bereiten, – wenn ich die poetische Phrase richtig behalten habe, – ich bin nicht so einfältig, zu verlangen, daß ihres Bruders Schwester in mir etwas anderes sieht als einen bornierten Junker und mich demgemäß behandelt. Und soll ich Dir ein letztes Wort sagen, cher ami? Du selbst wärst einer, – ich meine: kein bornierter, aber ein Junker, – hätte Dich das Unglück nicht unter so verzwickten Verhältnissen aufwachsen lassen, um Dir schließlich einen Vater zu geben – ach was, es muß auch das heraus! – an dem Du trotz alledem keine Freude haben kannst, wie ich, wäre ich an Deiner Stelle, auch keine haben würde. Ich würde auch lieber eines Handwerkers Sohn sein, als eines, der sich öffentlich nicht zu mir bekennen kann, wie ich mich nicht zu ihm. Legitimität muß sein; die Aristokratie steht und fällt mit der Legitimität. Ich achte und preise an Dir, daß Du von Deiner väterlichen Abstammung keinerlei Gebrauch machst. Siehst Du, das wollte ich Dir gleich zu Anfang sagen, bloß daß ich nicht die rechten Worte finden konnte. Und nun magst Du mir die Hand geben oder nicht geben, magst sagen: auf morgen, Schlagododro! oder es nicht sagen – ich hab's von der Seele. Adieu!

So stürmte er zur Thür hinaus, kaum daß die Dogge Zeit fand, sich zwischen seinen Beinen mit hindurch zu klemmen.

Ich blickte ihm trauernden Herzens nach.

Maria hatte recht: es war kein Bund zu flechten mit ihm, nicht für sie, die ihn liebte und die er liebte – trotz seiner wilden Reden; – nicht für mich, der ich ihn so geliebt hatte und nun –

Aber hatte ich es denn nicht kommen sehen schon in den Nonnendorfer Tagen? Was da in junger grüner Saat stand, war jetzt in Aehren aufgeschossen – das war der ganze Unterschied.

Und den ich mir klar machen, aus dem ich die Konsequenzen ziehen mußte, wie es Maria gethan.

O, der Klugen, Klaren, Herz- und Willensstarken!

Aber, was sie konnte, auch ich mußte es können.

Eine Liebe aus dem Herzen reißen können, der ich nicht nachgeben durfte, wollte ich mich zu den Geliebten, Verehrten zählen, die eingesehen hatten, daß diese Menschen über uns wegmüssen, wollen sie ihre alten Ideale in die Zukunft retten; oder wir über sie, soll uns die Zukunft gehören.

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