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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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V.

Ist Papa zu Hause?

Nein, gnädiges Fräulein.

Kommt er bald?

Ich glaube kaum; er pflegt vor drei Uhr nicht zurück zu sein.

Und jetzt ist es, glaube ich, erst eins. – Wie schade! Ich habe eine lange mündliche Bestellung an Papa zu machen.

Mit der Sie mich nicht betrauen könnten? Der Herr Oberst –

Ich weiß, daß Sie Papas Intimus sind. Wir wissen alles und sterben ja fast vor Eifersucht. Uebrigens sind Sie in meine Bestellung eingeschlossen, und so –

Aber wollen Sie denn nicht näher treten, gnädiges Fräulein?

Darf man in das Heiligtum?

Der letzte Teil der Unterredung hatte bereits auf dem Flur stattgefunden, während ich die offene Thür zum Studierzimmer in der Hand hielt. Sie schlüpfte jetzt hinein. Ich schloß die Thür hinter ihr und bot ihr einen der korbgeflochtenen Lehnsessel, deren wir, außer den beiden am Arbeitstisch, nur noch zwei im Zimmer hatten, in welchem sich für Sofas und Fauteuils vollends kein Raum fand, Sie nahm den Sessel nicht sogleich, sondern stand erst noch ein Weilchen, während ihre Blicke über die offenen Bücherrepositorien schweiften, mit denen die Wände fast bis zur Decke hinauf bestellt waren.

Denken Sie, ich bin noch nie in diesem Raum gewesen! sagte sie. Aber wollen Sie nicht auch Platz nehmen? – Noch nicht ein einziges Mal!

Und doch bewohnt der Herr Oberst dies Quartier schon seit zwei Jahren.

Nicht, als ob ich inzwischen nie hier gewesen wäre, wie Sie anzunehmen scheinen. Nur daß mich Papa immer im Salon empfangen hat.

Der Salon ist leider nicht geheizt.

Es mochte wohl recht ungeschickt herausgekommen sein – ein Lächeln glitt blitzschnell über ihre Züge. Aber auch ihr Benehmen schien mir nicht ganz frei, und das tröstete mich in etwas über die eigene tiefe Befangenheit.

Ich trage kein Verlangen nach dem Salon, sagte sie; ich habe von der Sorte gerade genug in meinem Leben. Aber nun, weshalb ich eigentlich gekommen bin. Mit nichts Geringerem, als einer Einladung für den Papa und für Sie zu Tante Isabella auf nächsten Mittwoch Abend, also heute über acht Tage. Onkel und Tante von Nonnendorf sind nämlich in Sicht – auf Logierbesuch – sie logieren stets bei uns. Auch Ulrich – wie nannten Sie ihn doch immer? es klang so komisch – ist seit gestern zurück und würde sich furchtbar freuen, Sie wiederzusehen. Uebrigens keine große Gesellschaft – zwanzig höchstens, und die Hälfte davon Familie. Papa ist nicht sehr für dergleichen, aber gerade deshalb wäre es so reizend von ihm, wenn er mal eine Ausnahme machte. Onkel Hinrich – der Präsident, wissen Sie – kommt ebenfalls – mit einem Worte: es wäre scharmant.

Ich werde dem Herrn Oberst die gütige Einladung getreulich ausrichten, gnädiges Fräulein.

Aber Sie müssen auch dafür sorgen, daß er sie annimmt!

Sie scherzen, gnädiges Fräulein.

Gar nicht; ich weiß, daß der Papa nur kommen wird, wenn Sie ihm zureden.

Das wüßten Sie?

Allerdings. Sie brauchen deshalb gar nicht so ironisch zu lächeln. Sagen Sie mir lieber, daß Sie jedenfalls kommen!

Es wird mir eine große Ehre sein, den Herrn Oberst begleiten zu dürfen.

Ich möchte eine weniger gewundene Antwort.

Ich kann Ihnen, gnädiges Fräulein, bei allem Dank für Ihre und Ihrer Frau Tante Güte, keine andere geben, bevor ich die Entschlüsse des Herrn Oberst kenne.

Aber Sie sind doch Ihr eigener Herr!

Ihrem Herrn Vater gegenüber nicht. Er hat das Recht, zu erwarten, daß ich mich ganz seinen Wünschen füge.

Das heißt: Sie kommen nicht?

Ich habe das weder sagen wollen, gnädiges Fräulein, noch, soviel ich weiß, gesagt.

So muß ich mich also damit begnügen.

Es war ein gereizter Ton gewesen, in welchem sie zuletzt gesprochen hatte; und als sie sich jetzt rasch erhob, zuckten die feinen Nasenflügel, und in den braunen Augen lag ein fast zorniger Ausdruck. Ich bemerkte es mit selbstquälerischer Freude. Es war das beste so. Gegen ihren Zorn war ich gewappnet.

Darf ich noch bitten, daß Sie Papa von mir grüßen?

Ich verbeugte mich stumm; sie rauschte an mir vorüber aus dem Zimmer und dann vor mir her über den Korridor nach der Außenthür, die ich ihr mit abermaliger stummer Verbeugung bereits geöffnet hatte, als ein Schritt die Treppe herauf – immer zwei Stufen auf einmal – erschallte und schon im nächsten Moment Ulrich vor uns beiden stand.

Sapristi, Ellinor! Und das Kind! noch gewachsen! Na, da werden wir den Jungen auch wohl noch vollends groß kriegen. Alter Junge!

Er hatte mich umarmt und wandte sich nach der Treppe mit einem kurzen scharfen Pfiff, worauf es die Stufen in Sprüngen heraufkam, und eine gewaltige Ulmer Dogge sichtbar wurde, die stehen blieb, um sich zu vergewissern, daß sie recht gehört, dann mit ein paar letzten Sätzen bei uns war und Ellinor stürmisch begrüßte.

Bist Du toll, Melac! rief sie.

Er hat Dich so lange nicht gesehen, sagte Ulrich lachend. Ruhig, Melac! Aber, Kinder, so laßt uns doch hineingehen! Wir können doch nicht hier in der zugigen Thür stehen bleiben. Ist der Onkel nicht zu Hause?

Nein, sagte ich, während Ellinor schnell hinzufügte: Und Du siehst, ich war im Begriff zu gehen.

Das sehe ich freilich, rief Ulrich; aber das hindert nicht, daß Du jetzt wieder hereinkommst. Marsch, marsch! Keine Widerrede! So jung kommen wir drei nicht wieder zusammen.

Er hatte uns vor sich her in den Korridor gedrängt, auf welchem sich zu meiner großen Beruhigung Johann, der die Hintertreppe benutzt hatte, vorfand und nun Ulrich den Ueberzieher abnahm.

Sie sehen, ich bin nicht schuld daran, sagte Ellinor halblaut zu mir.

Woran nicht schuld? fragte Ulrich, uns in das Zimmer folgend. Herr Gott, das sieht hier aber mit jedem Mal gelehrter aus! Woran nicht schuld, Ellinor?

Du mußt wissen, dieser Herr hier hat mich gar nicht freundlich behandelt; erwiderte Ellinor. Ich habe bitten und betteln müssen, daß er nächsten Mittwoch zu uns kommt, und ich bin noch gar nicht sicher, daß er kommt.

Könnt's ihm nicht verdenken, rief Ulrich. Es wird wieder einmal schauderhaft langweilig sein. Aber kommen muß er, das versteht sich. Punktum!

Er hatte sich in einen Lehnstuhl geworfen, der unter seiner Wucht krachte; sprang aber sofort wieder auf, um sich dicht vor mich zu stellen:

Bei Gott, ich glaube, das Kind ist so groß wie ich! Oder größer? Du, Ellinor, sag' mal!

Da müßt Ihr Euch mit den Rücken gegeneinander stellen.

Versteht sich. Aber, ehrlich, Mädchen, ehrlich!

Er ist mindestens einen Finger breit größer.

Dacht' ich mir. Ich habe einen unfehlbaren Blick für so was. Spielt bei den Mensuren eine große Rolle. Aber ich gönne es ihm.

Fahre nur fort, ihn zu verwöhnen! Wir werden so schon unsre liebe Not mit ihm haben.

Werden wir, Ellinor, zweifellos. Aber er verdient es.

Wodurch? Daß er uns Vogtriz alle, Papa natürlich ausgenommen, behandelt, als wenn wir seine geborenen und geschworenen Feinde wären?

Ihre Augen blitzten wieder, aber jetzt nicht vor Zorn. Die schalkhaftesten Lichter huschten über ihr Gesicht und ließen es für mich in dem alten unvergessenen Zauber erglänzen – ganz wie in den selig-unseligen Nonnendorfer Tagen. Und hatte sie in Ulrichs Gegenwart die vornehmkühle Maske fallen lassen, ich suchte wohl weiter ruhig und gelassen zu scheinen, aber das Herz pochte mir, als habe es Eile, das vorhin Versäumte nachzuholen.

Ulrich war bei ihren letzten Worten ernsthaft geworden.

Na, Ellinor, sagte er; viel Freude haben wir ihm just nicht bereitet. Ich denke noch schaudernd an das letzte Frühstück in Nonnendorf. Das lange Gesicht von Mama und die Miene von Papa – als ob die große Scheune brennte! – Und gar Du, Ellinor! Ich hätte Dir bei Gott in dem Augenblick das hübsche Hälschen umdrehen mögen, als Du mit Astolf weiter spaßtest und ruhig Deine Kirschen nutschtest, während der arme Kerl für seine Marotte so ritterlich ins Zeug ging. Und nun gar hinterher ich – weißt Du denn, alter Kerl, daß wir uns nicht wieder gesehen haben seit der verfluchten Rauferei im Ratskeller? Denn als wir Dich hernach für tot nach Hause trugen, da hast Du wenigstens mich nicht mehr gesehen. Und das war gut für Dich: ich stand auf dem Punkte verrückt zu werden. Ist denn alles wieder ordentlich ausgeheilt? Es muß doch wohl. Wenigstens sagt Renten – Du Ellinor, weißt Du, daß Dein Anbeter Numero vier – oder ist es fünf – wo willst Du hin?

Soll ich mir hier weiter von den Herren Ungezogenheiten sagen lassen? Ich habe ihnen die Ehre meiner Gegenwart schon viel zu lange geschenkt. Meine Herren –

Sie nickte uns zu und schritt nach der Thür, begleitet von Ulrich und mir.

Wo ist Dein Wagen? fragte Ulrich.

Ich bin zu Fuß gekommen – allein, und wünsche auch ebenso wieder nach Hause zu gehen.

Habe ich Dir denn meine Begleitung schon angetragen?

Wollte Dich auch nur darauf aufmerksam machen, daß es Deine Pflicht gewesen wäre. Kindskopf! es ist ja nicht mein Ernst. Ihr beide werdet einander noch genug zu erzählen haben. Adieu!

Sie nickte uns noch einmal lächelnd zu und ging leichten Schrittes die Treppe hinab. Wir kehrten in den Flur und in das Zimmer zurück; Ulrich warf sich wieder in den krachenden Stuhl.

Es ist gut, daß die kleine Hexe fort ist. Da kann man doch endlich ein vernünftiges Wort sprechen. Aber, Kind, wie hast Du Dich verändert! Bei Gott, ich glaube, ich hätte Dich auf der Straße nicht wieder gekannt!

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