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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IV.

Auch das waren schöne Stunden, die der Vormittage, wenn der Oberst auf seinem Ministerium war und ich allein in unserm Studierzimmer arbeitete, welches nicht alle Bücher faßte, so daß ein zweites Bibliothekzimmer hatte eingerichtet werden müssen, gerade über dem ersteren, aber ohne mit demselben in Verbindung zu stehen. Wir hatten schon davon gesprochen, die Decke durchbrechen zu lassen und ein eisernes Wendeltreppchen hinaufzuleiten; aber die Unsicherheit der Stellung des Oberst und die Eventualität eines späteren vielleicht wünschenswerten Quartierwechsels waren der Ausführung des Projektes hinderlich gewesen. So hatte ich denn oft den Weg nach oben zu machen, wo ich auch manchmal längere Zeit blieb, Nachschlagungen in den zum Teil unhandlich großen Bänden gleich an Ort und Stelle vorzunehmen.

Bis jetzt hatte ich noch alle Vormittage so in tiefster arbeitfroher Ruhe und Abgeschiedenheit zugebracht. Dann kam einer, an dem es mir nicht so gut werden, ja so viel Merkwürdiges, in den Gang meines Lebens tief Einschneidendes begegnen sollte, daß, wollte es ein Romancier in ein Kapitel bringen, man ihn der Uebertreibung zeihen würde; und das doch ich, weil es mir eben begegnete, so unwahrscheinlich es sich ausnehmen mag, in der Reihenfolge zu berichten gezwungen bin.

Zuerst hintereinander mehrere häusliche Anfragen, die ich, da der Oberst mir alles anvertraut hatte, beantworten konnte und mußte. Jetzt war ich etwa seit einer Stunde oben, wo es ein paar umfangreiche Exzerpte zu machen gab, ungestört gewesen, als der Bursche, – ein neuer, dessen Unanstelligkeit mir schon manchen Verdruß bereitet, – abermals erschien: ich habe zwar befohlen, nicht wieder gerufen zu werden; indessen der Herr, der zuerst nach dem Herrn Oberst und dann nach mir gefragt, sei so dringlich –

Es mochte jemand sein, den ich doch im Interesse des Onkels empfangen mußte –

Hat der Herr Ihnen seine Karte gegeben?

Zu Befehl!

Johann reichte mir die Karte: Ernst Streben.

Um Himmelswillen –

Ich kam nicht weiter.

Durch die Thür, welche Johann halb offen gelassen, trat rasch mein alter Freund aus der Hafengasse, noch mit dem Fuß auf der Schwelle rufend: Ich bitte millionenmal um Entschuldigung, aber ich konnte meiner Sehnsucht nicht länger einen Zügel anlegen!

Der Mann wollte mich augenscheinlich umarmen; ich kam dem mit einer energischen Handbewegung zuvor. Die Bewegung ließ sich mit einer Aufforderung, Platz zu nehmen, kaum verwechseln; Herr Streben aber brachte das doch fertig, oder gab sich wenigstens den Anschein. Jedenfalls setzte er sich sofort auf den einzigen Stuhl, welcher außer dem meinen in dem Zimmer war, und sagte, sich die langen Haarsträhnen aus der Stirn streichend:

Dank, tausend Dank, mein junger, mein verehrter, mein angebeteter Freund! Offengestanden, ich fürchtete, Sie würden mir den frommen Betrug nachtragen, den ich damals mit den Manuskripten in Ihrem Interesse – der Himmel weiß es: nur in Ihrem Interesse! – begangen habe. Aber kommen wir nicht wieder auf diese Kindereien zurück! »Es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken!« Damals handelte es sich um einen fabelhaften »Endymion«, heute um einen sehr historischen »Thomas Münzer.« Herr Lamarque hat mir das Stück zu lesen gegeben; ich – Ernst Streben – habe es gelesen; Ernst Streben ist entzückt.

Und der Mann hob den Blick zur Decke empor, daß nur noch das Weiße in den Augen zu sehen war.

Darf ich die Schwachheit gestehen? Ich hätte aus freien Stücken den Mann nicht empfangen; ich hatte während dieser Minuten nur darüber gesonnen, wie ich ihn wieder loswerden könne, ohne ihm geradezu die Thür zu weisen; selbst mein alter physischer Widerwille gegen den unsaubern Patron mit dem bleichen Schelmengesicht, den langen Schmachthaaren und den blaßblauen Gallertaugen war im vollsten Maße erwacht. Was durfte es mir gelten, daß der Mensch von dem »Münzer« entzückt war, wenn er es war, woran doch sehr zu zweifeln; dennoch – mögen sie, welche ein Lob ihres ersten Bühnenwerkes – es sei, aus welchem Munde immer – kühl aufnahmen, des Thoren spotten, der sich durch eine so plumpe Schmeichelei, auch nur für die kürzeste Frist, fangen ließ!

Die Sache sollte eigentlich zwischen mir und Herrn Lamarque geheim bleiben; sagte ich mit einer Verdrießlichkeit, die mir gar nicht vom Herzen kam.

Es gibt keine Geheimnisse zwischen mir und Herrn Lamarque! rief Herr Streben.

In der That! sagte ich.

Lächeln Sie nicht ungläubig! Sie haben den Beweis dafür. Ich könnte Ihnen ohne Mühe den weiteren Beweis liefern, daß es in ganz Berlin keinen Direktor, keinen Regisseur, keinen nur einigermaßen namhaften Schauspieler, am wenigsten eine dito Schauspielerin gibt, die ein Geheimnis für Ernst Streben hätten. Ein geschäftliches selbstverständlich – die privaten kümmern mich nicht; sind unter meiner Würde, unter der Würde von Ernst Streben. Haben Sie denn meine Karte nicht gelesen? – den Zusatz meine ich, den Ehrentitel zu meinem Namen – »ein schöner Titel«, würde Nathan sagen, – und den ich doch zu verdienen glaube; zu verdienen wenigstens ernst strebe?

Ich warf einen nochmaligen Blick auf die Karte. Unter dem Namen stand – was ich vorhin in der Aufregung und bei der kleinen Schrift, in welcher die Worte gedruckt waren, übersehen hatte: »Der Freund der Musen.«

Ich blickte meinen Besucher in ratlosem Erstaunen an. Ein selbstzufriedenes Lächeln umgrinste seine schlaffen Lippen.

Der Freund der Musen! sagte er. Das frappiert Sie; das wundert Sie; dabei können Sie sich nichts denken. Und doch sollten Sie es eigentlich können. Haben die Musen so viele Freunde in den Tagen, in welchen wir leben? Freunde, die sich mit Hand und Mund zu ihnen bekennen?, Fragen Sie den unbärtigen Lyriker, der seinen ersten Band Gedichte hat drucken lassen und nun hinaushorcht in die Wüste der Gesellschaft, aus der ihm kein Echo zurückschallt! Fragen Sie den jungen Romancier, der in den Konditoreien Tag für Tag die Zeitungen nach einer Rezension seiner Erstlingsnovelle vergeblich durchblättert! Fragen Sie den strebenden Dramatiker – ihn vor allen! Fragen Sie sich selbst! Sie haben da ein Stück geschrieben voll Geist, Feuer und Leben – ein Werk, in das Sie Ihre ganze Seele gelegt haben, – wer wüßte das besser als ich, der ich den Titanen beobachten durfte, als er mit erster frischer Kraft sich daranmachte, Pelion auf den Ossa zu türmen! Pelion steht auf dem Ossa – seit Jahren! – wo bleibt die staunende Menge? Endlich, endlich findet er in der seele- und kraftlosen Pappe- und Kleister-, Schminke- und Mätzchen-Welt, die man Theater nennt, einen Mann, der die Kühnheit hat, das Stück zu inscenieren, selbst die Titelrolle zu spielen. Das Stück ist insceniert – magnifique! der Mann spielt die Rolle – wie ein Gott! Und keine Hand regt sich, kein Mund öffnet sich zu einem leisesten Bravo. Unglücklicher Dichter! Da sitzest du nun in der dunkelsten Ecke der Direktorloge und duldest Qualen der Hölle; oder schweifst, ein ruheloser Schemen, hinter den Kulissen umher, gemieden selbst von den Theaterarbeitern, die, nachdem auch der dritte Akt klanglos vorübergegangen, das Stück zu den übrigen legen. Was gäbe da der junge Dichter für einen Freund der Musen, der ja natürlich auch sein, des echten Musensohnes, Freund sein würde? zu ihm stünde, sich zu ihm bekennte – ich wiederhole es: mit Hand und Mund, laut vor aller Welt, die – so ist sie nun einmal – nur darauf gewartet hat, um einzustimmen in den Beifall, den Applaus, den donnernden Hervorruf – einmal, zweimal, dreimal! ha!

Und der Mann, wie von seinen eigenen Phantasien berauscht, klatschte phrenetisch in die Hände, daß es laut durch das Gemach schallte, und fragte, plötzlich aus seiner Raserei aufschreckend, wie ein Nachtwandler, der angerufen wird, mit rollenden Augen in einem hohlen, geisterhaften Ton:

Was gäben Sie wohl für einen solchen Freund?

Ich hätte nicht jahrelang Schauspieler gewesen sein müssen, um, wie mich auch anfangs der öde Wortschwall des Mannes verwirrt hatte, nicht jetzt darüber klar zu werden, worauf er hinaus wollte. Ein Claqueur also, ein Meister der Claque, wie sie herumgehn, zu suchen, bei wem sie ihr unsauberes Gewerbe anbringen können und ach! nur zu viele finden! Es war das ja völlig im Charakter des Mannes, und – mir war es glatt heruntergegangen, daß ihn der »Münzer« entzückt hatte! Das beschämende Gefühl, mir in den Augen des Schlauen bereits so viel vergeben zu haben, nahm mir den Mut, ihm jetzt meine wahre Empfindung zu zeigen.

Sie sind sehr gütig, sagte ich; und ich danke Ihnen für Ihre freundliche Offerte; aber ich glaube von derselben keinen Gebrauch machen zu sollen; abgesehen davon, daß es ja noch ganz fraglich ist, ob das Stück in Scene gehen wird oder nicht.

Gar nicht fraglich! rief der Mann eifrig. Ich verbürge mich dafür, daß es in vier Wochen spätestens herauskommt.

So wollen wir es abwarten, erwiderte ich. Noch einmal, ich danke Ihnen für Ihr Anerbieten.

Ich hatte mich von meinem Sessel hinter dem Arbeitstisch erhoben; er war gleichfalls aufgestanden und hatte den unsauberen Hut, den er neben sich auf den Fußboden gestellt, ergriffen. Meine Entschiedenheit schien ihm nicht eben imponiert zu haben; ich hatte vielmehr die Empfindung, daß ihm der Thor, der sich auf seinen Vorteil so wenig verstand, einfach lächerlich vorkam. So lächelte er denn auch, als er ruhig erwiderte:

Warten wir also; aber warten wir nicht zu lange! »Nur wer den Augenblick ergreift« – Sie erinnern sich des Goetheschen Wortes. Ich habe schon manchen jungen Mann in Ihrer Lage gekannt, dem es zu spät beifiel. Also: auf Wiedersehen! Und, eh' ich es vergesse: ich habe Ihnen einen wärmsten Gruß von Herrn Pastor Renner auszurichten, welchen er mir auftrug, als er hörte, daß ich zu Ihnen wollte. Er interessiert sich noch immer sehr für Sie; ein Interesse, das noch gewachsen ist, seitdem ich ihm so viel von Ihrem »Münzer« vorgeschwärmt habe. Die christlich-soziale Tendenz, die sich, wenn sie sich gleich etwas wild gebärdet, durch das Stück zieht; ja, von der es, so zu sagen, ausgegangen und bis zum Schluß getragen wird – wie sollte er sich durch dieselbe nicht angemutet fühlen! Besser eine frische fröhliche Revolution als die Verknöcherung im verjüdelten Liberalismus – das ist sein oft wiederholtes Wort. O, Sie sollten ihn nur kennen, wie ich ihn kenne, den seltenen Mann – er würde Ihnen gefallen, und mehr als das! Sie würden sein begeisterter Jünger werden, wie ich es bin. Wir brauchen junge, talentvolle, strebsame Leute; wir wissen sie aber auch zu poussieren. Man kann bei uns Karriere machen – man darf nur nicht blöde sein. Wer darf das heutzutage? wer ist es? Sind es unsre Erzfeinde, die Feinde aller christlichen Kultur, insonderheit der christlich-sozialen – übrigens ein Pleonasmus, denn der wahrhaft christliche Mensch ist sozial und jeder soziale Mensch sollte wenigstens christlich sein – ich sage: sind es die Juden? Apropos! Sie werden einen schweren Stand mit diesen Herren haben. Wie sie die Tagespresse fast schon völlig monopolisiert haben, so wollen sie auch die schöne Litteratur monopolisieren, die dramatische in erster Linie – will sagen: das Theater, das denn doch seinen sehr goldnen Boden hat, wenn man nur darauf zu laufen weiß. Angesichts der Schmähartikel, welche Ihnen von dieser Seite in sicherer Aussicht stehen, werden Sie Gott danken, ein Blatt, wie die »Borussia« zur Seite zu haben. Die »Borussia« ist der Schrecken der jüdischen Presse; ein lobender Artikel in ihrem Feuilleton übertönt die ganze Meute der semitischen Kläffer. Wir wissen auch ins Horn zu stoßen – wir! Nebenbei: ich bin in der Redaktion nicht übel akkreditiert. Unter uns: ich schreibe selbst wohl einmal ein paar Zeilen hinein. Der Freund der Musen – sollte er es nicht? Am Morgen nicht dem Stück seinen kritischen Segen geben, das er am Abend vorher mit Hand und Mund aus der Feuertaufe der Premiere gehoben? Also auf Wiedersehen – und nicht erst bei Philippi!

Der Mann streckte mir die Hand entgegen, mit der er eine kühne Schwenkung in der Luft ausführte, als ich keine Miene machte, dieselbe zu ergreifen; und war im nächsten Augenblicke zum Zimmer hinaus. Ein Poltern die steile Stiege hinab; unten ging die Flurthür; ich rief nach dem Burschen, ihm zu sagen, daß er von jetzt an unbedingt jeden abzuweisen habe. Der Mensch glotzte mich mit seinen stumpfen Augen an: Es ist aber noch einer unten, sagte er.

Unten?

Er kam gleich nach dem andern Herrn; er sagte, er wolle gern warten. Ich habe ihn in dem Herrn Oberst sein Zimmer gebracht.

Sie wissen, daß Sie niemand dort einzulassen haben, wenn der Herr Oberst oder ich nicht zugegen sind! Hat der Herr seinen Namen genannt?

Nein.

Ist es ein großer Mann mit starkem dunklem Bart und sehr hellen Augen?

Ja.

Es ist kein Wunder, daß ich von ihm, der mich soeben verlassen, sofort auf Weißfisch riet: waren doch die Gestalten dieser beiden Menschen aus schlimmem Grunde so fest in meiner Erinnerung miteinander verknüpft! Seltsamerweise kam mir aber auch nicht einmal flüchtig der Gedanke, das fast gleichzeitige Erscheinen der beiden könne, vielmehr müsse in einem inneren Zusammenhang stehen. Weißfisch hatte seines alten Spießgesellen nie Erwähnung gethan; ich für mein Teil hatte von der Existenz desselben in Berlin keine Ahnung, und dann: der Sozialdemokrat und der Christlich-soziale, lebten sie auch an demselben Orte, ihre Wege lagen doch wohl recht weit auseinander. Nein, daran dachte ich nicht, nur: ob ich ihn empfangen solle? Aber er kam ja unmöglich aus freien Stücken, zweifellos mit einem Auftrage von Lamarque, der, wenn er wirklich meinen »Münzer« in vier Wochen –

Es war ohne Zweifel der Theaterteufel in Person, der den innerlich Widerstrebenden jetzt die Treppe hinabführte und ihm die Klinke zu des Onkels Zimmer in die Hand drückte. Aber man sieht und spürt die Geister nicht, besonders wenn man sich in einer Erregung befindet, wie die, in welcher ich jetzt die Thür öffnete.

Es war selbstverständlich der, den ich zu sehen erwartet hatte.

Er stand ein paar Schritte von der Thür, bis an den Hals in einen langen schweren Paletot geknöpft (es war ein bitter-kalter Tag), den Hut in der herabhängenden Rechten, unter dem linken Arm ein in blaues Papier geschlagenes Packet. Hatte er sich seit der halben Stunde, die er hier bereits gewartet, nicht aus dieser Stellung gerührt? Hatte er dieselbe erst angenommen, als er mich über den Korridor kommen hörte? Ich hatte später zwingendste Veranlassung, mich zu erinnern, daß ich mich das in der That bei seinem Anblick fragte; für den Augenblick war ich viel zu befangen, mich bei dem Gedanken aufhalten zu können.

Er hatte sich bei meinem Eintreten tief verbeugt und sagte, jetzt den Kopf hebend, mit seiner gewohnten Ruhe:

Ich brauche den gnädigen Herrn wohl nicht zu versichern, daß ich aus freien Stücken diese Belästigung nimmermehr gewagt haben würde. Ich komme von Herrn Lamarque.

Es war buchstäblich genau dasselbe, was ich mir soeben selbst gesagt hatte. Vielleicht gerade deshalb brauchte ich den Entrüsteten nicht zu spielen.

Das macht die Sache nicht anders; rief ich; und entschuldigt Ihr Kommen nicht.

Doch, gnädiger Herr, erwiderte er mit einer Kaltblütigkeit, die mich zugleich beschämte und empörte, wenn Sie nur gütigst den Boten von der Botschaft trennen wollen. Und weiter bedenken, daß ein armer Mensch, wie ich, sich oft zu Diensten hergeben muß, die ihm selbst peinlich sind. Seitdem mich der gnädige Herr weggejagt haben – mit Fug und Recht: ich hatte mich in meiner Verzweiflung wie ein Verrückter gebärdet, der ich ja auch in dem Augenblicke war – ist es mir kümmerlich ergangen, da ich nun auch nicht mehr bei Herrn Lamarque vorzusprechen wagte, bis mich vor einigen Tagen die Not denn doch wieder dazu zwang. Glücklicherweise hatten der Herr Oberregisseur gleich für mich zu thun, und etwas, das mich besonders freute: die Rollen vom Thomas Münzer auszuschreiben.

Er warf aus den gesenkten Augen einen flüchtigsten Blick auf mich und fuhr fort:

Es war mir eine liebe und leichte Arbeit – kenne ich doch wenigstens die beiden ersten Akte so gut wie auswendig. Vom dritten Akt an sind große Veränderungen vorgenommen. Der fünfte Akt ist ganz neu. Ich halte ihn für außerordentlich gelungen und bühnenwirksam, im Gegensatz zu dem Herrn Oberregisseur, der in der großen Scene zwischen Münzer und dem Herzog eine Abschwächung der Wirkung sieht. Der Herzog, meint er, könne so nicht sprechen. Ich glaube, Sie, gnädiger Herr, und ich, haben in diesem Fall ein kompetenteres Urteil. Auf jeden Fall wollte ich mir verstatten, Sie persönlich und dringend zu bitten, auf die Vorschläge, welche der Herr Oberregisseur in einem längeren Begleitschreiben beigefügt hat, nicht einzugehen. Diese Bitte persönlich vorbringen zu dürfen, war der Grund, weshalb ich Herrn Lamarque – der in der That gerade jetzt übermäßig in Anspruch genommen ist – ersuchte, mich mit der Mission zu betrauen.

Er hatte während der letzten Worte das blaue Packet geöffnet, mir mein Manuskript und Lamarques Brief überreichen wollen, und, da ich mich nicht rührte, beides auf den Rand des großen Arbeitstisches gelegt, worauf er wieder in seine Position zurücktrat, leicht geneigten Hauptes mit niedergeschlagenen Augen meiner Antwort gewärtig.

Ich werde Herrn Lamarque schriftlich erwidern, sagte ich; im übrigen danke ich Ihnen.

Der Dank, gnädiger Herr, ist diesmal, wie immer, auf meiner Seite.

Er verbeugte sich abermals tief, und ging, ohne mich noch einmal anzublicken, hinaus.

Sie lassen diesen Herrn nicht wieder herein – unter keinem Vorwande! schrie ich den unglücklichen Burschen an, als er von der Flurthür zurückkam.

Zu Befehl!

Ich war abermals allein und ging mit ungleichmäßigen Schritten im Zimmer hin und her, trotz meiner Aufregung sorgfältig die Stelle vermeidend, wo die breiten platten Füße des Mannes gestanden. Neben mir aber schritt wieder der Theaterteufel und raunte mir ins Ohr: die Scene zwischen Münzer und dem Herzog streichen? Ja, hat denn der Mensch, der Lamarque, keine Eingeweide im Leibe? Eine Scene, die für das Stück ist, was für ein Porträt der Lichtpunkt im Auge? Sieht denn der Mann nicht, daß das Stück eigentlich für diese Scene geschrieben wurde, in der die sich bekämpfenden Gegensätze zu ihrem höchsten Ausdruck kommen, um sich beide in ihrer tragischen Einseitigkeit aufzudecken und dadurch die Katharsis im Gemüt und Geist des Hörers zu bewirken? Aber freilich, wann hätte ein Komödiant für dergleichen je ein Verständnis gehabt! Die Scene scheint ja den Schluß aufzuhalten, die schon zum Klatschen bereiten Hände des Publikums zu lähmen, den Hervorruf des Helden zu kompromittieren – also: weg damit! Nein, verehrter Herr Oberregisseur! die Scene bleibt! Kein Wort, kein Buchstab davon wird geopfert! Oder aber das Stück wird nicht aufgeführt, mögen Sie denn, so gut Sie können, vor Apoll und den neuen Musen verantworten, was Ihr Unverstand –

Ich schlug mich vor die Stirn; der schlimme Gesell an meiner Seite ließ für einen Augenblick von mir ab.

Das war denn doch auch wirklich die ausbündigste Narrheit, mich über Dinge zu ereifern, die tausend Meilen weit hinter mir lagen, wenigstens liegen sollten! Mein väterlicher Freund würde die schönen Augen seltsam weit aufmachen über die Bescherung da auf seinem Arbeitstisch zwischen den gelehrten Folianten und Karten und Plänen! Und doch, wenn einer imstande war, die Frage zu entscheiden – es war ja keine Frage für mich – aber doch von ihm zu hören, daß ich recht habe, daß Lamarque ein Esel, und Weißfisch, trotzdem er im Grunde nur ein ungebildeter Kerl – und Streben, obwohl er ein Charlatan durch und durch – und beide ausgemachte Schwindler und Schurken – Was gibt's schon wieder?

Diesmal war es jemand, den Johann nicht wohl hatte abweisen können: der Postbote mit einem eingeschriebenen Briefe. Sollte es Lamarque so eilig – aber das war nicht Lamarques Hand. Und doch kannte ich die Hand, nur mußte es schon lange Zeit her sein, daß ich sie zuletzt gesehen –

Ich hielt den uneröffneten Brief noch immer so vor mich hin, auf die Adresse starrend, und sagte plötzlich laut: Ich will Hans heißen, wenn das nicht von Emil Israel ist!

Das Lächeln erstarb mir auf den Lippen. Ich hatte auch jetzt, obgleich ich es wohl gekonnt hätte, den alten Freund nicht aufgesucht und nicht seine Mutter und Schwester, trotzdem von mir gegen die beiden letzteren eine schwere Schuld der Dankbarkeit abzutragen war. Und mit deren Abtragung ich um so weniger hätte zögern dürfen, als ich von Maria, die noch immer mit den beiden Frauen in einiger Verbindung stand, erfahren, daß Jettchen schon seit längerer Zeit schwer an der Auszehrung leide und wohl kaum das Frühjahr erleben werde. Hatte Maria, wie ich annehmen mußte, in jenem Lager meine Adresse mitgeteilt? Kündigte mir Emil den Tod der Schwester an? War die Gute aus dem Leben geschieden, ohne daß ich ihr noch einmal in die sanften braunen Augen geblickt, ihr die zarte wohlthätige Hand gedrückt hatte?

Indessen, was half die zu späte Reue! Es mußte ja sein, – und ich erbrach den Brief.

Aber aus dem heimlichen Beben wurde ein krampfhaftes Zittern, als ich den Inhalt las:

»Lieber alter Freund!

Durch Fräulein Maria von Werin, welche meiner armen Schwester noch von damals her eine gnädige Freundin geblieben ist, hatte sie und wir, – Mutter und ich, durch sie – bereits von Deiner Anwesenheit hier gehört. Wenn wir dennoch gezögert haben, Dir uns in Erinnerung zu bringen, so wolle es, bitte, einzig dem Umstande zuschreiben, daß wir nicht wußten, ob Dir diese Erinnerung eine angenehme sein möchte. Heute bin ich nun in der Lage, diesen Zweifel hintanstellen zu müssen, da ich Dir die geschäftliche Mitteilung schuldig bin, daß Dir von der New-Yorker Kommandite unsers Hauses ein vorläufig illimitierter Kredit bei uns eröffnet ist, zu welchem aufrichtig Glück zu wünschen mir erlaube, ohne Bezugnahme auf den näheren Zusammenhang, der Dir natürlich geläufig ist, eventuell in dem beigeschlossenen, uns zur sofortigen Besorgung anvertrauten Briefe aus New-York mitgeteilt werden dürfte.

Ich darf wohl, ohne zu kühn zu sein, annehmen, daß ich bald das Vergnügen haben werde, Dich auf unserm Comptoir persönlich zu begrüßen. Von einer Einladung in unser Haus müssen meine Frau, die sich Dir unbekannterweise bestens empfiehlt, und ich wohl vorläufig leider Abstand nehmen. Anderenfalls bedarf es wohl nicht der Versicherung, wie hoch Du uns willkommen wärest, und wie sehr sich Mutter und Schwester durch das Wiedersehen eines alten lieben Freundes beglückt fühlen würden.

Um eine Empfangsbestätigung des New-Yorker Briefes bittend mit hochachtungsvoller Empfehlung seitens meines Kompagnons und Schwagers und besten Grüßen meinerseits

Dein ganz ergebenster
Emil Israel.
(in Firma: Israel, Löbinsky u. Ko.)«

Großer Gott, was hieß das? Ein Kredit, eröffnet von einem New-Yorker Hause, von dessen Existenz ich keine Ahnung hatte, und für das ich doch existieren mußte? Es konnte ja nicht sein. Es konnte doch nur ein Scherz von Adele gewesen sein, die Drohung, sich für mich an meine Mutter wenden und – wie ich es genannt hatte – einen Bettelbrief schreiben zu wollen, auf welchen – der da die Antwort war! Beim Himmel, lieb wie ich Adele hatte, das konnte ich ihr nimmer verzeihen! Ob man den Bittsteller mit einer Hand voll Geld oder einer Tonne Goldes abgefunden – oder abfinden wollte, das blieb sich gleich. Von dieser Hand nahm ich nichts – von dieser Hand, deren Schrift – o grausame Ironie! – der Verstoßene zum erstenmale in seinem Leben sah! –

Nur auf dem Kouvert. Den Brief selbst würde ich nicht lesen. Er sollte so an den Absender zurückgehen. Von dem Kredit würde ich keinen Gebrauch machen und betrachtete denselben als für mich nicht vorhanden.

Das hatte ich in wenigen Zeilen an Emil geschrieben und hinzugefügt, ich werde in den nächsten Tagen bei ihm und seinen Damen, die ich vorläufig bestens von mir zu grüßen bitte, vorsprechen. Und hatte es so eilig mit der Antwort, daß ich Johann beauftragte, dieselbe sofort direkt in das Comptoir des Herrn Israel zu tragen.

Ich hatte auch alsbald an Adele schreiben und sie zur Rede stellen wollen. Aber ich überlegte, es möchte jetzt härter herauskommen, als es die Gute verdiente. Ich wollte es ihr mündlich sagen. Ich wußte, daß ich nicht hart sein konnte, wenn ich ihr in die Augen sah.

Ich war mit mir zufrieden und erhobenen Hauptes ging ich in dem großen Gemache auf und nieder, als draußen an der Korridorthür geschellt wurde. Der Oberst konnte es nicht wohl sein, aber, wer es auch war, ich durfte ihn da nicht zum drittenmal schellen lassen, wie er es zum zweiten bereits gethan. So ging ich zu öffnen. Es war eine Dame, wie ich durch die ziemlich dichte Gardine der Fensterthür bemerkte, ohne die Harrende erkennen zu können. Zweifellos Adele – wer sonst? Ich öffnete schnell.

Ellinor stand vor mir.

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