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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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II.

Und hier war es wohl besonders eine Erfahrung gewesen, – welche er sogar zweimal, wenn auch unter wesentlich verschiedenen Bedingungen in seiner militärischen Laufbahn machen mußte, – deren schmerzliche Erinnerung er nicht verwinden konnte, und deren fortwährendes Gedenken wohl am meisten zu der Revolution beigetragen hatte, die sich allmählich in seinen Anschauungen und Ueberzeugungen vollzogen.

Ich habe zweimal auf das Volk schießen lassen müssen, sagte er. Weißt Du, was das heißt? Du kannst es nicht wissen, da Du nicht einmal das fragliche Glück gehabt hast, dem Landesfeinde in offner Feldschlacht zu begegnen. Das fragliche Glück! Ist eines anders zu nennen, dessen Wiederholung man sich nicht wünscht? an dessen Wiederholung, wenn sie denn sein müßte, man schaudernd denkt? Wer aber auch nur eine Kampagne mitgemacht hat – noch dazu, wie ich die letzte, in einer Stellung, von der man die ganze Breite des angerichteten Jammers und Elends übersehen kann – und er verlangt nach einer zweiten, der hat kein Herz im Busen, oder er ist ein Prahler. Dennoch ist der ehrliche Krieg mit all seiner Furchtbarkeit ein fragloses Glück in Vergleich mit dem – nicht ehrlosen – das wäre gewiß ein falsches Wort – aber dem Krieg, aus welchem man keine Ehren holen kann, die uns nicht hinterher schmerzten, wie ebensoviele schlecht geheilte Wunden. Wenn große Völker gegeneinander aufstehen, war es wohl kaum jemals und ist es heute gewiß nicht mehr der Wille eines Einzelnen, der sie in Bewegung setzt. Es ist, wenn auch verdeckt, eine Unterströmung da, die der Staatenlenker und Kriegsherr wohl benutzen, aber nicht schaffen und hervorrufen kann, wie der Wind, der heute so und morgen anders weht, keinen Einfluß hat auf die tiefen oceanischen Strömungen. Dies mehr oder weniger dunkelklare Gefühl der weltgeschichtlichen Notwendigkeit dessen, was da geschieht und von uns ins Werk gesetzt werden soll und muß, begleitet uns in den Landeskrieg und läßt uns seine Greuel ertragen. Welches Gefühl hebt uns über die des Bürgerkrieges, des Kampfes zwischen den Söhnen ein und desselben Vaterlandes, weg? Der Notwendigkeit dessen, was geschieht? Aber ist sie vorhanden? Schleicht hinter dem Stürmer der Barrikade, hinter dem Sieger in Landen, durch die er vielleicht, ein fröhlicher Bursch, singend gewandert ist, nicht die Greuelgestalt der Zweifelssorge: mußte es sein? konnte es nicht durch eine Konzession, die niemand Schande brachte, eine Maßregel, welche die Umstände rechtfertigten, vielleicht geboten, vermieden werden? Freilich mußte es sein, wenn man die hört, die den Rat gaben. Wenn sie nun aber selbst schlecht beraten waren durch einen Verstand, der die Situation nicht begriff, durch ein Herz, das nur mit obrigkeitlicher Bewilligung zu schlagen gelernt hatte, – o, diese furchtbaren Wenn, und die noch lange nicht die furchtbarsten sind! Spielen doch in solche Bewegungen noch ganz andere und schlimmere Motive hinein und werden in denselben zu Furien unter den trügerischen Masken schöner Loyalität, aufrichtigster, treuherzigster Volks- und Vaterlandsliebe. Wer die geheime Geschichte von 48 kennte! Und doch handelte es sich da um verhältnismäßig große Dinge und schien sich um noch größere zu handeln; und ich war jung und gläubig und war nicht ganz sicher, als ich in den Dresdener Maitagen wehrlos gemachte Barrikadenmänner, – unter anderen Deinen Vater, wie Du sagst, – vor der Wut der Soldaten rettete: ob ich die menschliche Regung mit den von meinen Vorgesetzten empfangenen Ordres, also mit meinen Offizierspflichten, streng genommen, vereinigen könnte.

Gerade diese Offizierspflichten im engeren Sinne habe ich bei der unglückseligen Affaire vor ein paar Jahren in unserer Stadt strikte erfüllt, und doch brennt die Erinnerung in meiner Seele, als hätte man mir einen Schlag ins Gesicht gegeben. Ich war erst seit einigen Tagen zurück; ich wußte nicht und konnte nicht wissen, daß die Bewegung unter den Hafenleuten und den Arbeitern an den Israelschen Speichern künstlich-frevelhaft genährt war von einer fanatischen Partei, die einen Zusammenstoß um jeden Preis wollte, um die Schuld hinterher der Gegenpartei in die Schuhe schieben zu können, wie sie es dann später gründlich gethan und Deinen braven Professor von Hunnius aus Amt und Brot gebracht hat. Schließlich an dem verhängnisvollen Tage hatte man mich über die Ausdehnung, welche der Krawall mittlerweile angenommen, ich darf es jetzt sagen, geflissentlich im Dunkeln gelassen und, indem man es mir so unmöglich machte, umfassende Vorkehrungen zu treffen, welche die Emeute im Keim erstickt haben würden, förmlich in eine Falle gelockt, unbekümmert, was dabei aus mir und den paar Leuten, die ich bei mir hatte, werden sollte. Der Himmel weiß, wie wenig mir an meinem Leben lag, aber die militärische Ehre! die militärische Ehre, die man mit einer Gewissenlosigkeit sondergleichen aufs Spiel gesetzt hatte, und die ich den gröblichen Insulten eines berauschten Pöbels gegenüber retten mußte, wollte ich mir meinen Degen nicht zerbrochen vor die Füße werfen lassen! So bin ich abermals, wenn nicht zum Mörder, doch zum Totschläger geworden – zum Totschläger meiner Brüder – habe es werden müssen. Ich weiß alles, was man dagegen sagen kann, und habe es mir tausendmal selbst gesagt. Es bannt die Erinnerung des Greuels nicht und heilt die Wunde nicht, die meinem Menschlichkeitsgefühl zum anderenmal – an derselben Stelle geschlagen war, wo noch die Narbe der vor zweiundzwanzig Jahren empfangenen schmerzte.

Das sind große und schwere Wunden, aber über die sich doch sprechen läßt, gerade weil sie groß und schwer sind und in die Augen fallen und von einer sympathischen Seele gemessen werden können. Wie viele kleine aber in meinem Stande einem Manne geschlagen werden, der ein Herz hat und nicht ganz vom Geist verlassen ist – Wunden, die nicht größer scheinen wie Nadelstiche und doch bis ins Innerste dringen – nun, Du kennst Deinen Hamlet ja auswendig. Wenn Du nicht wissen solltest, was er meint mit dem »Uebermut der Aemter« und der »Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist,« so frage an bei denen unter uns, die keine Kamaschenhengste, wie man es nennt, und keine Streber sind und kein Verdienst in Verdiensten sehen, welche, ich weiß nicht, wem zu gute kommen, sicher nicht der Nation, deren kriegerische Sache wir führen; und keine Ehrfurcht vor Ehren haben, die durch dergleichen apokryphe Verdienste erworben werden.

Und ich war, wenn auch von einem verarmten Adel, der seit Jahrhunderten nur noch von der Heeresfolge und vom Hofdienst lebte, aber doch von Adel und einem alten dazu und hatte Verwandte und Verschwägerte in allen Stellungen durch die ganze Armee. Auf solche Leute werden immer noch Rücksichten genommen, welche dem bürgerlichen Offizier nicht, oder doch nicht immer zu gute kommen. Jene haben in dem Ansehen, das ihnen nun einmal gezollt wird, in der Selbstherrlichkeit auch, welche sie aus den Traditionen ihrer Familie herleiten, einen Halt nach außen und innen, dessen dieser zu seinem Schaden entraten muß. Das Gesetz macht keine Unterschiede; aber man macht sie. Wer dies »man« ist, wer könnte das sagen? Es dürfte kaum einen geben, der sich für seine Person offen dazu bekennte, vielmehr nicht jede Insinuation derart mit Entrüstung von sich wiese. Es ist eben nicht Personensache; es ist Sache der Tradition, des Herkommens, der Verhältnisse, ja; der scheinbar zarten Rücksichtnahme eben auf die, welche sich in den nun einmal so liegenden Verhältnissen nicht behaglich fühlen würden, und deshalb – Sie sind ein ehrenwerter Mann, ein, tüchtiger Offizier, aber sehen Sie selbst die Rangliste: lauter Grafen, Barone, Herren von! Es ist in Ihrem eigensten Interesse, wenn Sie in ein Regiment treten, in einem Regimente bleiben, in dessen Korps das bürgerliche Element stärker vertreten ist.

In Ihrem eigensten Interesse! Damit meinen die Herren alles Ernstes: im Interesse des Staates, der nur mit einer Armee von solcher und keiner anderen Zusammensetzung des Offizierkorps bestehen kann. Und wenn ich den Herren diesen Sinn unterschiebe, so verstehe ich unter denselben die Besseren und Guten, bei denen es sich wirklich um die Sache handelt; nicht die Leichtköpfigen und Engherzigen, die keine anderen Interessen haben, als die persönlichen und keine anderen Fragen, als Personenfragen kennen. Ich gestehe, ich habe lange Jahre, wenn auch mit einigen Reservationen, so doch im ganzen zu diesen Männern gezählt. Ich sagte mir: wir müssen Deutschland einig machen; wir können es nicht, ohne den Widerstand unsers Erbfeindes zu brechen; wir brauchen zu dem Zweck eine schneidige Waffe; sie kostet viel – Dich unter anderem ein Stück Deiner Ueberzeugungen; – der endlich erreichte Zweck wird die Mittel heiligen. Es war etwas von unbewußtem Jesuitismus in diesem Denken; aber auch die unbewußten Sünden werden an uns gerächt: ein Zweck, der nicht mit ganz heiligen Mitteln erreicht ist, kommt auch nicht ganz heilig heraus. Wir haben es jetzt erlebt. Wo bleiben die Erleichterungen, auf die das Volk sich Hoffnungen machen durfte nach der ungeheuren Kriegsarbeit, in welcher es das Höchsterstrebte, das Längstersehnte errungen? Wo bleibt die allmähliche Umwandlung der aristokratischen Armee in eine Volksarmee – in die Armee eines mündigen Volkes, welches bewiesen hat, daß es ein einiges nicht nur sein will, sondern sein kann? Thorheit, erwidert man mir. Wir müssen noch fünfzig Jahre mindestens so gerüstet bleiben, um das Errungene zu erhalten! – fünfzig Jahre! großer Gott! Und welcher Wandel der Dinge kann bis dahin geschehen, welche staatliche Umwälzungen können eingetreten sein, und wir finden unsre Gegner, die wir durch unsre fünfzigjährige Rüstung ermüdet haben sollten, stärker als zuvor und müssen uns zu noch stärkeren Rüstungen zusammenraffen. Aber das ist ja der völlige circulus vitiosus, aus dem kein Entrinnen ist bis zu dem Ende aller Tage! Und das sollte die Bestimmung des Menschengeschlechtes auf Erden sein? Nun ja, für gewisse Geschichtsschreiber, die sonst um ihre voluminösen Werke kämen, in denen sie für die Entwicklung der »machtvollen Ideen« schwärmen und darunter keine anderen verstehen, als die mit Waffengetöse in die Welt treten und sich so lange erhalten, bis andere Waffen, welche sich dagegen erheben, ein noch größeres Getöse machen. So sind hundert und hundert Reiche entstanden, eines größer, mächtiger und herrlicher als das andere und sind zu Grunde gegangen und waren nichts Besseres wert. Denn wert, daß es besteht, ist einzig und allein und es kann auch nur bestehen, was aus der humanen Idee herausgewachsen ist und deshalb nicht bloß den Griechen, Römern oder Germanen, sondern der ganzen Menschheit zu gute kommt. Wie allen Völkern, so allen im Volk, nicht irgend einer Minorität im Volke. Ob diese Minorität, welcher Geburt und Verhältnisse den Vollgenuß der Bildung gestatten, aus ein paar Tausenden zusammengesetzt ist, wie in den Stadtrepubliken des griechischen Altertums, oder aus ein paar Hunderttausenden, wie etwa im Römerreich, oder aus ein paar Millionen, wie in unsern modernen Staaten, während die Majorität zur Sklaverei – zur wirklichen oder der der Armut und Unbildung – verurteilt bleibt, das kommt für mich auf eines hinaus. So beschaffene Verhältnisse sind nicht die richtigen, letzthin gültigen; eine derartige Bildung ist nicht die wahrhaft menschliche; ist und bleibt im Grunde eine heidnische und verurteilt, der christlichen zu weichen, von der sie sich nur den Anschein gibt. »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Wenn es wirklich Christi Worte sind, so kann er sie nicht gemeint haben in dem Sinn, in welchem man sie heute nimmt, wo man ungeniert die Theorie von Blut und Eisen und von den Rechtsfragen, die nur Machtfragen sein sollen, proklamiert und nach ihnen handelt, als ob nie ein Heiland für die Menschheit am Kreuz gestorben wäre, nie sein göttlicher Mund verkündet hätte: »Du sollst Gott lieben und Deinen Nächsten, wie Dich selbst.« Ich kann mir nicht denken, daß Christus unsre Zeit an den Früchten, die sie reift, als die seine erkennen würde, als eine, die ihm gehörte. Ich meine nicht im einzelnen. Da ist ja vieles nach seinem Sinn, und das er segnen würde; aber das Ganze, der Staat, ist nicht christlich, ist nicht auf dem Fundament unbedingter Nächstenliebe basiert; und so mögen wir ihn noch viel herrlicher und mächtiger machen, – all die Macht und Herrlichkeit ist doch bloß tönend Erz und klingende Schelle.

Und wird sich so ausweisen über kurz oder lang, und werden die Gerechten leiden müssen mit den Ungerechten, denn eine Gesamtheit, die, als solche, das Gute nicht will oder nicht vermag, hindert auch den Einzelnen, auf die Länge das Gute zu wollen und zu vermögen. Salviert er aber zur Not die eigene Seele und erhält sich frei und schön, – obgleich es kaum möglich ist inmitten der Orgien, welche der Egoismus rings um ihn feiert, – den Staat, das Gemeinwesen kann er nicht retten.

Ich scheine als Repulikaner zu sprechen und bin doch keiner. Ich bin nach wie vor der Ansicht, daß die Völker, zumal die germanischen, bei einem starken Königtum besser fahren werden. Aber ich will eben ein starkes, eines, das sich auf die breite Basis des Volkes stützt, nicht eines, das der begehrlich sich vorstreckende Ast des Aristokratismus halten zu können wähnt, ohne zu ahnen, wie morsch er ist, und daß das Königtum, wollte es der Einladung folgen, mit ihm zusammenbrechen müßte.

Das ist der Schauder, der mich umwittert, wenn ich in stiller Nacht schlaflos liege und im Geist unsre Staatsretter von heute am Werke sehe, wie sie mit neuen Flicken an dem alten Kleide einer Weltanschauung geschäftig sind, die sich überlebt hat; und in das Gefäß der Armut und des Elends, dem sie beim besten Willen, solange sie bei ihrem Prinzip beharren, einen Boden nicht schaffen können, ihr Danaidenwasser schöpfen. Und das ist die Wehmut, die mir das Herz beklemmt, wenn mein Blick auf einen jener fällt, welche, als Einzelne, das Gute verwirklichen, den Tag der Wahrheit heraufführen möchten, um, je reiner ihr Sinn, je heiliger ihr Streben, sich desto schmerzlicher ihrer Ohnmacht bewußt zu werden. In Dir, mein Lothar, sehe ich einen dieser Menschen, mag sich Deine Bescheidenheit noch so sehr dagegen sträuben; und deshalb liebe ich Dich, und Du bist mir Freund und Sohn und Bruder. Ich meine, das Schicksal hat Dich die wundersamen Pfade Deines Lebens geführt, daß Du recht aus dem Grunde erkennen mögest, was es auf sich hat mit der Welt Herrlichkeit, und Gott allein die Ehre gebest. Und, weil er das von Dir heischt, hat er Dir gewährt, was Tausende entbehren müssen. Kennst Du das sinnige Wort Jean Pauls von den »Stummen des Himmels«, den Menschen, die wohl ein Herz haben für das Eine, was not thut, aber nicht den Mund, es auszusprechen? Es ist mir eine Lust, zu denken, daß Dir ein solcher Mund ward, und damit die schönste Aufgabe, mit welcher ein Mensch begnadigt werden kann, solange die Zeit nicht erfüllt ist.

Und nun laß uns zu Bett gehen, lieber Junge, und möge Dich Dein guter Genius mit den holdesten Träumen umschweben!

Aber es waren keine holden Träume, die mich nach diesen und ähnlichen Gesprächen in der nächtlichen Einsamkeit meines Zimmers umschwebten. Das Schicksal des Mannes, den ich über alles verehrte, empörte mir die Seele. Ein Herz, so rein, »wie das Herz der Wasser«; ein Geist, so klar, so durchdringend, so umfassend; ein Wille, so fest wie Stahl und lauter wie pures Gold; eine Vaterlandsliebe, wie sie feuriger in keines Patrioten Herz glühen mochte – und alles das verkannt, mißachtet, verdächtigt, verfehmt! Großer Gott, in welcher Welt lebten wir denn? Konnte es in einer Welt, in der solches geschah, mit rechten Dingen zugehen? und wenn das doch unmöglich war, woran lag es? an wem? Wer waren sie, die meinen Helden in den Staub zwingen wollten, auf daß ihr Wille geschehe, und in dem Volke der Dichter und Denker eine freie Seele sich nicht regen durfte, ohne von einem religiösen, politischen, moralischen Dogma hier und da und überall eingezwängt und eingepfercht zu werden?

Und wovon mir das Herz voll war, das quoll mir aus der Feder – in Versen, – wie ich denn zu jeder Zeit, was mich am tiefsten bewegte, in Versen am besten, ja einzig, aussprechen konnte. Ein paar davon mögen hier Platz finden, nicht als ein Beweis meiner poetischen Begabung – wahrhaftig nicht! – ich sehe jetzt in reiferen Jahren und bei ruhigerem Blute, daß die Leidenschaft, mag sie sich in das Gewand des Hasses oder der Liebe hüllen, die echte Muse nicht ist, – nur als Zeichen der revolutionären Stimmung, in welcher ich mich damals befand, und die so weit ablag von der, aus welcher heraus ich auf der Schule die Bismarck-Sonette geschrieben hatte:

Junker.

Er nannte selbst sich so – mit keckem Mute –
Schon lang ist's her: in jenen Landtagstagen;
Es reizte ihn, den Gegner scharf zu plagen,
Zu geißeln ihn mit stachelicher Rute –
(Noch lieber hätt' geschwungen er die Knute.)
»Ich bin ein Junker!« Nun, er durft' es sagen:
Wes Thaten auf bis zu den Sternen ragen,
Man hält ihm viel, hält alles ihm zu gute.
Doch sie, die blindlings folget, die Kohorte,
Dem Goliath, der ebnete die Bahn,
Schwört (da sie sich nichts Höh'res weiß) zum Worte;
Steckt protzig an den Hut den frechen Klunker;
Und jeder glaubt, er hab' was Recht's gethan,
Hat er sich weidlich aufgespielt als Junker.

*

Zweiter Klasse.

Indes er führt die Köpfe dreier Mohren
Mein echter Junker in des Rings Emaille;
(Es focht sein Urahn einst in der Bataille
Von Akka, wo auch er den Kopf verloren;) –
Und so ist er ein Ritter, auserkoren. –
Nun faß' ich nimmermehr, wie die Kanaille,
Die bürgerliche, gleichfalls schwört auf »Taille«
Und säbelrasselnd klappert mit den Sporen.
Ihr thut mir leid, ihr Junker zweiter Klasse!
Wie ihr euch krampfet an des Hochmuts Sparren,
Man kreditiert euch nicht die Schneid', die Verve.
Es lacht ob euch der Junker echter Rasse,
Und einer zu dem andern spricht mit Schnarren:
Nun ja, ein Kamerad – von der Reserve!

*

Zum Kulturkampf.

I.

Du sollst nicht schwören! – Schlägt man dir die Wange,
So biet' dem Gegner auch die andre dar! –
Lieb deinen Nächsten! – Gieb der Armen Schar
Den schnöden Mammon! – Zögere nicht lange
Und folge mir! Und nicht vor denen bange,
Die nur dem Leib' droh'n tödliche Gefahr,
So du nur dessen bist, ohn' den kein Haar
Vom Haupt dir fällt in dieses Lebens Drange! –
Ist's Christi Lehre? Nun, so laßt mich fragen:
Wo find ich sie, die frommen Gottesleute?
Wo sprießt sie denn, des Sä'manns goldne Saat?
Trotz Glockenläuten, Beten, Kreuzeschlagen –
Gebt endlich zu, wie wenig es bedeute,
Nennt ihr noch »christlich« den modernen Staat!

II.

Ist christlich euer Thun von Blut und Eisen?
Ist christlich euer Satz: vor Recht gilt Macht?
Ist christlich eurer Jugend tolle Jagd,
Der goldnen, nach Fortunas schnöden Preisen?
Christlich, daß eure wohldotierten Weisen
Begeistert huld'gen des Erfolges Pracht?
Den Frechen bannend in die Aberacht,
Der strebend irrt aus ihren hohlen Kreisen?
Was werden essen wir? womit uns kleiden? –
Ist's euer Sagen nicht vom frühsten Morgen
Bis zu der Feste mitternächtgen Stunden?
So gleicht ihr völlig denn den alten Heiden
Mit ihrem weltlich' Trachten, Bangen, Sorgen;
Und nur die Charis ist von euch geschwunden.

III.

Er sprach: »Aus Religion bekenn ich keine.« –
Tiefsinn'ges, eines Schiller würdig Wort!
Es tönt in Ohr und Herz mir fort und fort,
Seh' ich zum Tempel wallen die Gemeine.
Das Wesen will's und klebt doch nur am Scheine.
Nimm ihm den Schein; sag' ihm: es gibt kein Dort –
Versunken ist dem Volk des Glaubens Hort,
Und taumelnd irrt's im götterlosen Haine.
O, stör' dem Aermsten nicht die dumpfe Ruh'!
O, wähne nicht: es muß ja endlich tagen;
Es muß der Wahrheit kommen doch die Zeit!
Wie viele Edle dachten schon, wie du!
Doch ob Aeonen auch Aeonen jagen, –
Dem Wahne ward verbürgt die Ewigkeit.

*

Finis.

Man sagt: du duldest keinen Widerspruch.
Hast du nicht recht, der immer recht behalten,
Als lösest du für dein dämonisch' Walten
Die Kunde klar aus der Sibylle Buch?
Drum spricht das Volk: »für ihn kein Wahn, kein Trug!
Er kann nicht irren. Laßt ihn ruhig schalten;
Krieg schütteln oder Frieden aus den Falten
Der Toga – schweigt! Er ist sich selbst genug«. –
O, denkt des »Einzigen« von Sanssouci!
Er ward es müd, zu herrschen über Sklaven;
Ach, aber ach! die Weisheit kam zu spät!
Es stirbt stets ohne Erben das Genie;
Und Preußens Genius ging mit Friedrich schlafen:
Auf Prag und Leuthen – Jena, Auerstädt!

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