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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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XV.

Es schien, die folgenden Tage waren dazu ausersehen, in mir abzutöten, was etwa noch von der Welt Eitelkeit in meinem Herzen sich regte: rauheste Tage, deren Erinnerung mir bis auf den heutigen Tag qualvoll geblieben ist. Draußen wirbelte der Wintersturm eisigen Schnee durch die trübe Luft und heulte wie ein Wolf um unser baufälliges Haus, als wollte er dem Unglück, damit es eindringen könne, alle Fugen und Spalten öffnen. Und das Unglück hatte nicht gezögert und war hereingebrochen und wütete nach seiner bösen Lust. Die Krankheit der Kinder, die sich anfänglich so gutartig zeigte, hatte eine schlimmste Wendung genommen: zu dem Scharlach hatte sich der Würgeengel Diphterie gesellt: schon war ihm das Kleinste erlegen, das arme Hänschen! Es war in seinem übergroßen Kopfe nie ganz richtig gewesen, und hatte nun doch so viel Verstand gezeigt und die erste Gelegenheit ergriffen, sich aus einer Welt zu machen, in welcher für ihn nur Dornen und Disteln wuchsen! Die unglückliche Mutter hatte keine Zeit zu weinen. Sie mußte sich für ihr Jüngstes erhalten, das sie noch stillte, und für das zweite kranke Kind, an dessen Bettchen sie nun thränenlos saß, dem Würger zu wehren. Vergebens. Der Doktor hatte mir gesagt, daß es sterben müsse, und vierundzwanzig Stunden später war es gestorben: mein gutes Rudolfchen, mein braver Spielgesell, dessen krumme Beinchen meinen Rücken so oft umklammert hatten, wenn ich auf allen Vieren mit ihm durch das Zimmer galoppierte! Und hatte sich so mannhaft gegen den Tod gewehrt, der tapfere kleine Kerl! Und nimmer werde ich den letzten Blick vergessen, mit dem er zu Onkel Lothar ausschaute, traurig verwundert, daß der ihm in dieser Not nicht helfen wolle, wie in jeder anderen. Liebes Kerlchen, ich kann's dir nachschwören in dein stilles Grab: hätte Onkel Lothar an jenem Tage mit dir tauschen dürfen, er hätt's gethan ohne Zaudern. Ihm hätte der Tod keine Schrecken gehabt vor den Schrecken, mit denen ihn das Leben von allen Seiten anstarrte.

Wir waren bankerott. Der Tag der Ablieferung der letzten Stücke für den Neubau des Herrn Kunze in der Königsstadt, der Tag, dem ich entgegengeharrt, auf welchen hin ich mich krank gearbeitet, weil ich von ihm hoffte, daß er uns für eine Weile wieder flott machen sollte, er hatte uns aufs Trockene gesetzt. So gründlich, wie es die Weise des vorsichtigen Trau-schau-wem-Mannes, zumal, wenn es sich um ein so angenehmes Geschäft handelte, als das der Rache in seinem Schielauge jedenfalls war. Die Rache für meine Haltung in der Angelegenheit seiner Werbung um Christine Hopp. Er hatte kein Wort der Unzufriedenheit geäußert, keine Drohung ausgestoßen; hatte die Dinge scheinbar ruhig ihren Weg gehen lassen, um ebenfalls in aller Ruhe seinen Weg zu gehen, welcher ihn denn auch – wäre er sonst der vorsichtige Mann gewesen? – zu dem erwünschten Ziele führte. Ich hatte mich leider dieser Vorsicht nicht befleißigt: ihm aufs Wort geglaubt, daß er uns die neuen Hölzer zu demselben billigen Preise liefern wolle, wie die früheren; uns den Barvorschuß nicht auf einmal in Abrechnung bringen wolle. Und als ich ihm diesen Wort- und Treubruch empört in sein schieläugiges Gesicht schleuderte, nahm er gelassen aus seiner Mappe eine Anzahl schmutziger Papiere, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte und haben konnte, da Otto mir dieselben, trotz meiner eindringlichsten Bitten, beharrlich verschwiegen, – entsetzliche, zum Teil prolongierte Kellerwechsel, Ueberbleibsel der früheren unseligen Mißwirtschaft, – welche der Trau-schau-wem-Mann aus ihren Höhlen alle aufzustöbern und an sich zu bringen gewußt hatte. Ob ich jetzt zufrieden sei? Ob ich jetzt begreife, was das in seinem Munde heiße: »Wurst wider Wurst?« Ob er mir jetzt »reinen Wein« eingeschenkt habe? – Ich eilte zu dem Rechtsanwalt, bei dem Adalbert arbeitete. Der Rechtsanwalt war nicht auf dem Bureau, aber ich durfte mich auf Adalberts Gutachten verlassen. Es war nichts zu machen. In der Lieferungssache könne ich es auf einen Prozeß ankommen lassen, der aber in erster Instanz zweifellos gegen uns ausfallen werde, und dessen Resultat in der zweiten mindestens fraglich sei, da er Herrn Kunze in Verdacht habe, er werde es mit dem ihm dann eventuell zugeschobenen Eide so genau nicht nehmen.

Uebrigens, schloß Adalbert, glaube ich Dich darauf aufmerksam machen zu sollen, daß für Dich, da Du Geschäftsinhaber im legalen Sinne nicht bist, auch legale Verpflichtungen aus dem ganzen Handel nicht erwachsen.

Die Verpflichtungen bleiben mir darum doch; erwiderte ich.

Freilich. Und Deine sonstigen Hilfsmittel sind erschöpft?

Vollkommen.

Ich würde Dir gern helfen, aber –

Kein Wort weiter, lieber Adalbert. Adieu!

Er bot mir gegen seine Gewohnheit die Hand, in die ich meine Linke legte.

Es rumort einmal wieder in meinem rechten Arm; sagte ich.

Er sah mir prüfend in das Gesicht; es mochte wohl recht bleich und verstört sein, trotzdem ich mir alle Mühe gab, die erbärmliche körperliche und seelische Verfassung, in der ich mich befand, nicht heraustreten zu lassen.

Adieu, sagte er kurz – recht kurz und ein wenig kühl, meinte ich, für unsre lange, warme Freundschaft.

Ja, wahrlich es war zum Erbarmen, wie es um mich stand. Ich habe erst jetzt das Schreckliche erwähnt, das neben dem anderen herlief, und das ich nicht hatte beachten wollen, bis es mir den Herrn zeigte, vor dessen Grimm ich erbebte. Vor den grimmigen Schmerzen, mit denen es mich schüttelte, daß ich hätte schreien mögen, wie ein gequältes Tier. Sie waren gekommen, stoßweiße, minutenlang anhaltend; aus den Minuten waren halbe Stunden, aus den halben ganze geworden; seit drei Tagen hatte ich keinen freien Augenblick mehr gehabt, kaum daß ich zur Nacht in einen Schlummer fiel, der keiner war, sondern tödliche Erschöpfung, aus welcher der Peiniger nach kurzer Frist sein Opfer zu neuen Qualen riß. Von denen die physischen dennoch die minderen waren. Aber was sollte geschehen, was sollte werden, wenn ich mein Handwerk aufgeben mußte, die unglückliche Familie aus dem Abgrund des Elends, in das sie ohne mich rettungslos versank, nicht durch verdoppelte Anstrengung wieder herausarbeiten konnte? und ich würde es nicht können. Ein zweiter Arzt, den ich zu den Kindern gerufen, ein namhafter Chirurg und Operateur, hatte mich auf meine Bitten untersucht, nachdem ich ihm die Veranlassung meines Leidens und die erste Krankheitsgeschichte, die mir nach den klaren Darstellungen des Doktor Harlemer von damals her völlig geläufig war, mitgeteilt. Er erklärte es für das Resultat einer ganz ausnahmsweise kraftvollen Konstitution, noch mehr aber: einer nicht minder exzeptionellen Energie und Willenskraft, daß ich mit einem so beschaffenen Arm monatelang eine so schwere Arbeit habe leisten können. Aber auch meine Natur sei an der Grenze ihrer Kraft angelangt, und die stärkste Willenskraft vermöge hier nichts mehr. Ich würde – eben Dank meiner Natur – bei vollkommener Ruhe und mit Anwendung diverser äußerer und innerer Mittel, die er mir nannte, binnen kurzer Frist in den für mich normalen Zustand zurückgebracht werden können, mit dem Unterschiede, daß von jetzt an schon eine leise unbewußte Reizung, und jede Ueberanstrengung unfehlbar, die Uebel hervorrufen würden, unter denen ich jetzt litt, womöglich noch schlimmere. Dann aber sei eine, zumal für einen so jungen Mann, überaus traurige Katastrophe unvermeidbar.

Darf ich noch ein Wort hinzufügen? schloß der Arzt, während seine klaren Augen mit einem scharf prüfenden Blick in meinem Gesicht herumzuspähen schienen. Was ich Ihnen da gesagt, wäre für einen, der nur Handwerker, eigentlich ein Todesurteil. Für jemand, der – wie für mich schon nach dieser kurzen Unterredung feststeht – noch ganz andere Ressourcen hat, ist es hoffentlich ein, allerdings sehr deutlicher Wink, der ihn auf einen Weg zurückweist, welchen er wohl niemals hätte verlassen sollen.

Aber welcher Weg wäre denn das gewesen? das thaten- und ruhmlose Leben eines mittelmäßigen Komödianten? In all meinem Jammer und Herzeleid dankte ich noch Gott, daß ich den verlassen hatte. Oder der des Dichters? Aber hatte ich den nicht gehen wollen und ihn nur verlassen, weil mich auf ihm nichts begleitete als dumpfes Schweigen, Achselzucken und Naserümpfen der Umstehenden?

Und auf dem ich mich zu meinem Entsetzen doch jetzt wieder ertappte, wenn ich in der Nacht, aus meinem qualvollen Halbschlaf auffahrend, das Bild zurückzurufen suchte, welches ich eben noch so deutlich gesehen; die Verse wieder zusammenzubringen suchte, die mir in Anbetung des Bildes von den Lippen geflossen – ihres Bildes: des Mädchens mit den braunen Märchenaugen und dem spöttischen Lächeln des Weltkindes auf den holden Lippen, wie sie da mir zur Seite gegangen war elastischen Schrittes auf der öden Straße, die mir jetzt wie ein blumiger Weg unter wehenden Palmen erschien, in deren Schatten sie liebkosend wandelten, der Ritter und seine Dame, – der Ritter, dem die Dame zum letzten Gruß gab, daß – er keiner sei. Wie es in meiner Seele brannte, das Wort! wie es an meinem Herzen nagte! Und nun der Hochmütigen nicht beweisen zu können, daß sie unrecht habe und das, was sie Rittertum und ritterlich nenne, nichts sei als das Ideal bornierter Geister und vertrockneter Herzen, die, weil sie aus sich selbst nicht schöpfen können, sich begnügen müssen, nach der Schablone zu denken und zu empfinden und so aus der elendesten Not eine prahlerische Tugend zu machen! –

Es war am dritten Tage, nachdem die Kinder begraben waren. Der Sturm hatte sich vorläufig ausgetobt; der Schnee fiel gleichmäßig in dichten großen Flocken, die nur zeitweilig lebhafter durcheinander tanzten. Ich war in der Werkstatt, obgleich es dort nichts mehr zu arbeiten gab, und, wäre es der Fall gewesen, die Arbeit ohne mich hätte gethan werden müssen. Otto war ab und zu gegangen; gewiß, ohne so wenig zu wissen, weshalb er kam, als, warum er ging. Er war von allem, was geschehen, so niedergedrückt, daß er nicht einmal mehr den Mut hatte, zu seufzen. Der neue Gesell war in der Stadt, um sich nach anderer Arbeit umzuthun; und so saß ich, den gesunden Arm aufgestützt, den kranken auf den Rat des Arztes in einer Binde, und sah mechanisch Weißfisch zu, der, fast geräuschlos in dem Raum sich hin und her bewegend, seinen künstlerischen Instinkten zu folgen schien, indem er hier die heute ungebrauchten Werkzeuge auf dem Tisch zu einem »Handwerker-Stillleben« gruppierte, dort einen Rest Bretter und Leisten und ein paar große Vorlegeblätter an der Wand dergestalt ordnete, daß dabei etwas wie eine dekorative Wirkung herauskam. Er hatte sich während der letzten schlimmen Tage in seiner Weise nützlich zu machen gesucht, und, da es an Gelegenheit wahrlich nicht fehlte, nützlich gemacht. Ich war ihm dafür dankbar und würde ihm noch dankbarer gewesen sein, wenn er mich heute, wo es weder im guten noch im schlimmen Sinne etwas zu thun gab, allein gelassen hätte; aber wegweisen mochte ich ihn nicht. So ließ ich ihn gewähren und versank wieder in meine trostlosen Grübeleien.

Die, wie ich so still dasaß und durch die gardinenlosen Fenster in den lautlosen Tanz der Schneeflocken blickte, sich zu allerlei phantastischen Gebilden verdichteten, welche aus den fallenden Flocken aufzusteigen schienen und wie dissolving views ineinanderüberflossen: Dekorationen von Stücken, in denen ich gespielt; blaue Berge, die mir aus der Ferne winkten, als ich »oben auf dem Walde« einsam wanderte; das vom Abendlicht umflutete Schloß, von dessen Zinnen die seidene Fahne wehte über dem Marmorsaal, in welchem meine letzte Unterredung mit dem Herzog stattfand; und das plötzlich zu dem hochgegiebelten Israelschen Hause in der Hafengasse wurde, mit der Luke auf dem »dritten Boden«, in der zwei Knaben saßen und Seifenblasen in die blaue Luft hinaussandten, hinüber nach der Insel mit ihren sonnigen Kornbreiten und schattigen Wäldern, aus denen das alte Herrenhaus von Nonnendorf auftauchte und die Kapelle im Park, aus welcher der Major heraustrat in des Vaters Werkstatt, den Sarg zu bestellen für sein totes Kind, und mich, der ich staunend dabeistand, in seinen Armen emporhob und weinend küßte.

Das letzte Bild war so seltsam deutlich gewesen, ich schrak zusammen und starrte Weißfisch an, der mir eine alte Möbeldecke, welche in der Werkstatt lag, über die Kniee breiten wollte.

Sie waren eingeschlafen, sagte Weißfisch, und es ist hier nichts weniger als warm. Ich fürchtete, Sie möchten sich erkälten, noch dazu in der dünnen Bluse, krank, wie Sie sind.

Ich bin nicht krank, sagte ich, indem ich mir doch die Decke unwillkürlich höher auf die Kniee zog.

Das werden Sie so lange sagen, bis es zu spät ist; erwiderte Weißfisch. Für die Sache hier zu sterben, damit ist doch schließlich keinem geholfen.

Ich werde nicht sterben, murmelte ich; und wenn, so ist mir sicher geholfen.

Weißfisch zuckte die Achseln und sagte:

Mit dem Thomas Münzer wird es am Ende auch nichts. Herr Lamarque findet neuerdings in dem dritten Akte »unüberwindliche Schwierigkeiten«. So sagen sie immer, wenn sie etwas fallen lassen wollen. Auf die Theaterleute ist eben kein Verlaß.

Hole sie und das Theater der Teufel! murmelte ich.

Bravo! sagte Weißfisch. Aber wenn er uns – ich meine Sie, denn, wenn er mich holen wollte, Gelegenheit dazu hatt' er genug gehabt; – aber, wenn er Sie, gnädiger Herr, nicht auch holen soll, um den es doch jammer und schade wäre – ein bißchen Konzessionen muß der Mensch ans Leben machen, wenn er am Leben bleiben will.

Ich sage Ihnen, mir ist am Leben nichts gelegen.

Weißfisch ging mit langen leisen Schritten ein paarmal vor mir auf und ab. Dann blieb er wieder stehen und sagte:

Wie wäre es denn jetzt, gnädiger Herr?

Wie wäre was?

Mit ihm – Sie wissen ja, was und wen ich meine.

Der Mann hatte den Augenblick nicht übel gewählt; wenigstens war er vor einem Ausbruche meinerseits, wie er ihn sonst hätte erwarten müssen, sicher. Er machte sich denn auch mein verwirrtes Schweigen sofort zu nutz und fuhr fort:

Wir würden es diesmal klüger anfangen und uns mit ihm von vornherein gleich auf den Fuß stellen, auf dem sich mit ihm weiter leben läßt. Wir müßten zu dem Zweck unsre Bedingungen machen, die sämtlich acceptiert werden – ich verbürge mich dafür, wenn Sie mich mit der Führung der Unterhandlungen betrauen wollen. Zuerst nichts von permanentem Aufenthalt bei ihm im Schloß, höchstens besuchsweise; sonst ein Leben aparte mit dem nötigen Haushalt, Dienerschaft und allem, was dazu gehört; alles fest stipuliert für alle Zukunft. Offiziöse Anerkennung des Verhältnisses, versteht sich, – gerade so wie damals bei Frau von Trümmnau – mit dem offiziellen Titel eines Kammerherrn, wie Frau von Trümmnau Hofdame war, um dem Dinge doch einen Schick zu geben; im übrigen völlige Freiheit, zu gehen und zu kommen. Gnädiger Herr, glauben Sie mir, was die Sache damals verschüttet hat, war einzig und allein die Unbestimmtheit des Verhältnisses, in welchem Sie zu ihm standen. Um dergleichen durchzuführen, dazu gehört eine Konsequenz und ein Takt, die er nun einmal nicht hat. Macht er jetzt Uebergriffe, so ziehen Sie sich einfach mit höflicher Verbeugung auf Ihr eigenes Terrain zurück. Er kommt schon wieder, darauf können Sie sich verlassen. Geben Sie mir Vollmacht – nur einen Brief, den ich vorzeigen kann – und die Sache ist binnen acht Tagen, was sage ich? binnen vierundzwanzig Stunden in Ordnung.

Was der Mann da vorbrachte, war alles so logisch und verständig, so aus der intimsten Kenntnis und klarsten Beurteilung der einschlägigen Verhältnisse geschöpft – ich hätte mich nicht so elend und hilflos fühlen müssen, sollte es spurlos an mir vorübergehen und, wenn nicht mein Wille, so doch meine Phantasie in der angegebenen Richtung weiter arbeiten. Der Versucher mochte es meinen Mienen ablesen; er fuhr in demselben leisen eindringlichen Tone fort:

Bedenken Sie, Sie können sich jetzt auf keine Weise selbst mehr helfen, und von außen haben Sie keinerlei Hilfe zu erwarten. Was soll daraus werden? Es ist das bare nackte Elend, dem Sie entgegengehen; und nicht bloß Sie: auch die da unten. Denken Sie an die Hamburger Erlebnisse, von denen Sie mir erzählt haben! Glauben Sie mir: unter dem Gewürm, was sich da verkroch, waren Menschen, die sich einstmals sehen lassen konnten und den Kopf hoch trugen, just wie andere Leute. Aber das ist das Ende, kann es wenigstens sein und muß es sein, wenn jemand durchaus mit dem Kopfe durch die Wand will. Ueberzeugungen hin, Ueberzeugungen her! – Sie haben Ihren Ueberzeugungen nur schon zu viele und zu große Opfer gebracht. Und wem nützen Sie damit? Die Welt geht darum doch ihren Gang. Ja, wenn alle so dächten, wie Sie! Aber ich will meinen Kopf fressen, wenn unter all den Menschen da neulich in der Versammlung, wenn unter allen Sozial-Demokraten auf der Welt auch nur einer ist, der nicht mit beiden Händen zugriffe, würde ihm geboten, was Ihnen geboten wird?

Von Ihnen! stieß ich hervor.

Ah! sagte er langsam; das ist es! Nun denn, diese Handschrift werden Sie ja wohl noch kennen!

Er hatte ein Blatt vor mich hingelegt, auf dem nichts weiter stand, als: »Ich gebe Ihnen plein pouvoir. Sie können ihm im äußersten Fall dies zeigen.«

Weißfisch deutete auf die letzten Worte. In seinen hellen Augen, als ich jetzt, sprachlos vor Staunen und Schrecken, zu ihm aufblickte, glitzerte ein triumphierendes Lächeln.

Das Lächeln gab mir die Besinnung wieder.

Sie haben mich verraten! rief ich.

Das ist ein hartes Wort; sagte er, während er, mit jetzt auch lächelndem Munde, das Papier zusammenfaltete und in die Taschen gleiten ließ.

Nicht zu hart für Sie! Ich hatte Sie gebeten, ich hatte Ihnen befohlen, daß Sie mein Geheimnis bewahren wollen, und Sie haben es mir versprochen. Gehen Sie!

Wann darf ich morgen wiederkommen?

Nicht morgen und nie: ich will Sie nicht wieder sehen.

Das ist Ihr letztes Wort?

Es ist mein letztes, so wahr Sie ein –

So wahr ich was bin?

Das noch eben lächelnde Gesicht hatte sich zu einer greulichen Fratze verzerrt, aus der ein paar giftige Augen stierten. Er knirschte durch die starken weißen Zähne:

Hüten Sie sich! Wie ich Ihnen nutzen kann, so kann ich Ihnen schaden. Hoch oder niedrig, mich hat noch niemand ungestraft beleidigt. Und zwischen uns beiden ist noch nicht aller Tage Abend. Merken Sie sich das!

Er stand vor mir, die beiden Fäuste krampfhaft geballt, daß die Knöchel zu weißen Flecken wurden, wie sie auch auf seinem zornglühenden Gesicht hervortraten. Ich fürchtete mich nicht; aber es ekelte mich; ich wies schweigend nach der Treppe, welche von dem Werkstatt-Boden nach unten führte.

Sie jagen mich fort! schrie er, wie Ihr sauberer Herr Vater und wie der Lump von Kammerherr, der übrigens eben so gut Ihr Vater sein kann, Sie –

Hinaus! schrie ich aufspringend.

Er prallte zurück, feig, wie er war, vielleicht in Erinnerung meiner Körperkraft, von der ich ihm früher manche Proben gegeben hatte. Und dann war sein Blick auf meinen kranken Arm gefallen. Er lachte höhnisch:

Wie die Natterbrut zischt! Ich will ihr einen Denkzettel auf das glatte Fell geben!

Und er griff seitwärts auf dem Tische nach dem schweren Hammer, mit dem er vorhin gespielt hatte, zog aber blitzschnell die Hand zurück mit einem erschrockenen Blick nach der Treppe, der ich gerade jetzt den Rücken zugewandt hatte.

Um nun auch dahin zu blicken und kaum minder zu erschrecken als der Rasende.

Auf der letzten Stufe der Treppe stand der Oberst von Vogtriz, vielmehr hatte gestanden; denn schon war er mit ein paar raschen Schritten zwischen mir und jenem, der nun den Kopf hangen ließ und scheu zurückwich, – wie eine Bestie vor der Peitsche des Bändigers, – nach der Treppe zu, in welche er hinabtauchte.

Der Oberst war ihm bis zu dem Treppenansatz gefolgt, wohl, um sich zu überzeugen, daß der Mensch wirklich fort und die Thür unten geschlossen war.

Jetzt kam er wieder zu mir zurück und blieb vor mir stehen, während die schönen dunklen Augen mit dem Ausdruck unsäglichen Mitleids auf mir verweilten, der ich mich kaum auf den schwankenden Knieen hielt und von Fieberschauern der Erregung geschüttelt wurde.

Armer Junge, sagte er leise, armer Junge! Ich weiß alles von Deiner Schwester – seit einer Stunde. Wäre ich doch schon an jenem Tage meiner Ahnung und meinem Herzen gefolgt!

Er hatte mich an seine Brust gezogen, wie damals, als er das Kind in seinen Armen emporhob, und ich es nur noch eben wieder geträumt hatte.

War es abermals ein Traum, so mochte mich ein gütiger Gott vor dem Erwachen bewahren!

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