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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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XIV.

Ich habe diese Geschichte meines Lebens mit dem festen Vorsatz begonnen, in jedem Zuge wahr und wahrhaftig zu sein. So bin ich denn, wenngleich zu meiner tiefsten Beschämung, verpflichtet, zu bekennen: meine zweite Regung, nachdem ich den ersten Schrecken über das so plötzliche Erscheinen der schönen vornehmen jungen Dame überwunden, war die Genugthuung, daß ich zu meinem Besuche bei Maria jenen – mir als einzigen aus meiner Komödiantenzeit verbliebenen guten, einigermaßen modischen und kleidsamen – Anzug gewählt, in welchem ich auch – das geht nun so in einem hin, – den letzten Besuch bei Adele gemacht hatte.

Doch darf ich – diesmal zu meiner Ehre – sagen: diese Regung währte nur wenige Sekunden, nur so lange, als die beiden jungen Damen sich die Hände reichten, und war schon verflogen in dem Moment, da sich Ellinor zu mir wandte, mir mit schelmisch verlegenem Lächeln, das ihr unaussprechlich reizend stand, schüchtern die Hand entgegenstreckend, die ich an den Fingerspitzen berührte.

Wir haben uns freilich recht lange nicht gesehen, lispelte sie.

Ja, es ist schon recht lange, stotterte ich.

Ich will nur einen dritten Stuhl holen, sagte Maria, in deren Oberlippe es zuckte, und verschwand in der Kammer nebenan.

Sie hatte kaum den Rücken gewandt, als Ellinor, die langen seidenen Wimpern ausschlagend und mich mit einem Blick ansehend, der mich durchschauerte, leise und eifrig sagte:

Das war nichts! Geben Sie mir Ihre Hand – ordentlich!

Ich that, wie sie geheißen, und hielt ihre Hand, die in der meinen fast verschwand.

Mein Gott, wir sind doch schließlich alte Freunde; flüsterte sie weiter. Und wenn wir auch damals kindisch genug waren –

Sie brach ab. Maria kam aus der Kammer zurück mit einem Stuhl, den ich ihr abnahm. Wir setzten uns: ich klüglich mit dem Rücken nach dem Fenster, um nicht das volle Licht in das Gesicht zu haben; die beiden Damen, durch einen kleinen Zwischenraum getrennt, mir gegenüber. Wie oft hatte ich sie so gesehen, wenn uns der Kammerherr in Nonnendorf seine dramaturgischen Vorlesungen hielt! Und wie war mir das Bild der beiden in der Erinnerung geblieben, daß ich jetzt die leisesten Veränderungen wahrnehmen konnte, – nun auch bei Ellinor, wie vorhin bei Maria, – ja bei der letzteren, – wohl eben infolge des sich aufdrängenden Vergleiches, – schärfer als vorhin und – zu ihren Gunsten. Damals wäre es mir nicht eingefallen, zu fragen, wer von beiden die schönere sei. Jetzt fragte ich es mich sehr ernsthaft. Nicht, als ob Ellinor nicht noch schön gewesen wäre! sie war es vielleicht mehr als je. Aber das Knospenhafte des süßen Mädchengesichtes war verschwunden; die Reize, welche damals, sich ihrer selbst nur halb bewußt, auf demselben wie schalkhafte Elfen gespielt hatten, – sie kannten jetzt augenscheinlich ihre Natur und Macht vollkommen. Eine vollendete Weltdame neben – ja, Marias einziges Wesen war nicht so leicht auszudrücken – ein Gebild aus einer anderen Welt, für deren Bewohner und ihre Eigenschaften der Erdenkinder Sprache unzulänglich wird. Schon ihre gehaltene Ruhe stach sonderbar ab gegen die rastlose Beweglichkeit des Mienen- und Gestenspiels, in welcher Ellinor sich gefiel, trotzdem sie erklärte, in großer Eile und »furchtbar abgespannt« zu sein von einer Reihe langweiliger Visiten, die sie habe machen müssen, zuletzt bei einer alten Generalin, ganz in der Nähe; da habe sie der Versuchung nicht widerstehen können, bei der Freundin, die sie leider so selten sehe, einen Augenblick vorzusprechen.

Du triffst es besonders günstig, sagte Maria; ich selbst bin kaum vor einer halben Stunde aus der Stadt zurück, und dieser Herr erweist mir heute zum erstenmale die Ehre.

Ist es möglich? rief Ellinor, sich zu mir wendend. Aber ich höre ja von Ulrich – das heißt, er schreibt mir, – daß Sie schon seit drei oder vier Monaten in Berlin sind. Wir armen Vogtriz freilich – wir dürfen keinen Anspruch auf Sie machen, trotzdem ich es nebenbei denn doch recht grausam von Ihnen finde, den guten Ulrich so konsequent geschnitten zu haben. Und den Kammerherrn hätten Sie doch wirklich einmal aufsuchen sollen – unsern alten Lehrer! Weißt Du, Maria: »Du siehst mich lächelnd an, Eleonore« – ach, wie schön Du das sprachst! Es waren doch köstliche Zeiten, als wir alle noch jung waren, und so viel Narrenspossen im Kopf hatten – Du nicht, Maria! Du warst immer die »Schülerin des Plato« – hieß es nicht so? Ja, was wollte ich sagen: der arme alte Kammerherr! Er ist jetzt wirklich alt und leidet, glaube ich, sehr. Er würde sich so über Ihr Kommen gefreut haben. Er spricht so oft von Ihnen, wenn er bei Tante Isabella ist – in einem sehr eleganten Salonrollstuhl, der oben bei uns stehen bleibt, und in den er hineingesetzt wird, wenn sie ihn die Treppe hinaufgetragen haben. Und Tante Isabella daneben auf ihrer Causeuse! und der eine kann kein lautes Wort mehr hervorbringen, und die andere kaum noch das lauteste verstehen – Ihr könnt Euch vorstellen, wie interessant die Unterhaltung der beiden alten Herrschaften ist! – Wollen Sie fort, Herr – Lorenz?

Leider, sagte ich; meine Zeit ist um; ich bin bereits länger von Hause fort, als ich verantworten kann.

Was ist es denn an der Zeit?

Sie hatte nach der Uhr gesehen. Himmel, rief sie, aufspringend, schon so spät! Ich bekomme ja die gräßlichsten Schelte. Husch in den Wagen! Nein, in den Wagen nicht, wenigstens nicht auf dieser Straße, die ja schlimmer ist, als unsre alten pommerschen Landwege. Ich bin fast gerädert. Da gehe ich lieber zu Fuß. So habe ich auch noch ein paar Minuten länger das Vergnügen, vorausgesetzt, daß Sie nicht vorziehen, allein zu gehen – auf der anderen Seite der Straße. Nein? Das ist galant. Also Adieu, Maria! Auf Wiedersehen! auf baldiges Wiedersehen!

Sie hatte die Freundin umarmt, der ich nun auch die Hand zum Abschied reichte. Ich glaubte in Marias Augen eine Trübung zu bemerken; und als wir bereits in der Hausthür standen, und Ellinor, uns den Rücken wendend, dem Kutscher ihre Befehle gab, bewegten sich ihre Lippen, als wollten sie mir noch ein Wort sagen, das sie, scheinbar ungern, zurückhielt. Glaubte sie, mich nun doch vor der vielgepriesenen »Poetenliebe« warnen zu müssen? Es bedurfte dessen nicht. Die paar Minuten hatten völlig hingereicht, mit dem alten Zauber, den sie neu belebten, auch die Erinnerung der Schmerzen wachzurufen, an denen mein junges thörichtes Herz damals schier verblutet war.

Wir schritten an der Seite des Fahrdammes etwas hinter dem einspännigen geschlossenen Coupé, dessen Gummiräder kaum einmal über eine Unebenheit zu hüpfen hatten. Auf Ellinors Gesicht spielte ein halb schelmisches, halb verlegenes Lächeln, als sie jetzt, zu mir emporblickend, hastig sagte: Sie sehen, ich wollte Sie sprechen.

Ich verneigte mich stumm.

In Marias Gegenwart konnte ich es nicht, fuhr sie in derselben hastigen Weise fort. Vielleicht haben Sie vor Maria keine Geheimnisse: sie war ja immer die Bevorzugte und verdiente es auch. Aber ich war nicht sicher, ob ich in ihrer Gegenwart auch nur andeuten durfte, daß auch ich Ihr Geheimnis kenne.

Ein Geheimnis, mein gnädiges Fräulein, erwiderte ich, das leider so vielen bekannt zu sein scheint, ist so eigentlich kein Geheimnis mehr. Glücklicherweise wird für mich das Peinliche einer solchen Lage durch einen Umstand wesentlich erleichtert. Der Inhalt des Geheimnisses kann für den, welchen es betrifft, ein Etwas sein, das für ihn nicht existiert; und das ist durchaus mein Fall. Sie verzeihen mir deshalb gewiß die Bemerkung, daß es sich nicht verlohnt, über ein . Nichts zu sprechen.

Es war härter herausgekommen, als ich beabsichtigt hatte. Ich fühlte es und sah es an dem Zucken ihrer Lippen.

Ich wollte Sie bei Gott nicht kränken, sagte ich, mich ihr unwillkürlich nähernd. Aber wenn Sie eine Ahnung davon hätten, was ich unter diesem unverschuldeten Unglück schon gelitten habe, Sie würden meine Erregung begreifen.

Ist denn das Unglück wirklich so groß? erwiderte sie. Ich kenne viele, die ich weiß nicht was darum geben würden, wenn sie so unglücklich wären. Und Ihre Mutter soll so schön gewesen sein!

Sie haben das natürlich alles vom Kammerherrn? sagte ich ausweichend.

Natürlich! erwiderte sie, von wem sonst. Direkt oder indirekt! Er hat noch alte Freunde am herzoglichen Hofe, die ihn immer au courant halten. Alte und junge, unter den letzteren zum Beispiel Herrn von Renten, – wissen Sie, – zu Ihrer Zeit Kammerjunker, jetzt Kammerherr; und der manchmal nach Berlin kommt, auch zu uns, und mir nebenbei sehr den Hof macht. Ich lasse es mir gefallen unter der Bedingung, daß er möglichst viel von Ihnen erzählt. Alles, was er weiß. Und er weiß eine Menge, wie, wo und wann er mit Ihnen zusammen gewesen ist, und was Sie gethan und gesagt haben. Er ist voll von Ihnen; er sagt, Sie seien der liebenswürdigste, unterhaltendste, ritterlichste Kamerad; und der Sommer damals die schönste Zeit seines Lebens gewesen. Und auch die glücklichste des Herzogs, der seitdem ganz menschenscheu und Hypochonder geworden ist. Besonders nachdem ihn nun auch noch Frau von Trümmnau verlassen hat. Wissen Sie denn nicht, wo Ihre – wo Frau von Trümmnau jetzt ist?

Nein! sagte ich kurz und scharf.

Ach, Sie wissen es sicher, rief sie; Ihr sollt einander ja so sehr lieb gehabt haben! Wie werdet Ihr da nicht miteinander in Verbindung geblieben sein! Und Renten sagt, das würde da bei ihnen auch nicht eher besser, als bis Ihr beide wieder zurückgekommen wäret; und Renten schwört, daß der Herzog, obgleich er jetzt niemals mehr von Euch spricht, und keiner Eure Namen erwähnen darf, nichts sehnlicher wünscht und Euch mit offenen Armen empfangen würde. Sehen Sie, das alles konnte ich Ihnen doch nicht in Marias Gegenwart sagen, und jetzt will ich Ihnen auch nur gestehen: ich bin bloß deshalb gekommen, nachdem ich erst gestern von Ulrich erfahren, daß Sie hier in Berlin sind, weil ich dachte, wenn er auch sonst zu niemand geht, zu Werins, zu Maria gewiß. Da wollte ich sie denn so lange bitten, bis sie mir alles von Ihnen sagte, was sie selber wüßte. Und nun muß ich gleich das erste Mal Sie selbst bei Maria treffen! Ist das nicht ein glücklicher Zufall?

Für mich zweifellos, gnädiges Fräulein; erwiderte ich und ich bin Ihnen auch gewiß dankbar für das Interesse, welches Sie augenscheinlich an mir nehmen. Indessen –

Nun?

Ich frage mich fortwährend, welches wohl der Grund dieses für mich so schmeichelhaften Interesses sein kann. Einen so frivolen, wie bloße Neugier, Ihnen unterzustellen, verbietet mir die Höflichkeit; und einen anderen finde ich doch nicht.

Mein Gott, rief sie, Sie erschweren es den Leuten aber auch gar zu sehr, die ein Unrecht, das sie an Ihnen gethan haben, wieder gut machen möchten!

Ich weiß von keinem solchen Unrecht, gnädiges Fräulein.

Aber ich. Und Sie wissen recht gut, was ich meine. Und hernach haben Sie sich doch wieder für Ulrich geopfert, der – er hat es mir oft erzählt – wären Sie nicht dazwischen gesprungen, von Marias Bruder durch und durch gestochen wäre. Und das sollen wir vergessen? halten Sie uns Vogtriz denn alle für Unmenschen?

Verstatten Sie mir ein paar Fragen, gnädiges Fräulein!

Fragen Sie immerhin! Sie werden mich offener gegen Sie finden, als Sie es gegen mich gewesen sind.

Ich denke, Sie sollen über meine Offenheit am Ende nicht zu klagen haben. Also zuerst: Weiß, außer Ihnen und Ulrich und selbstverständlich dem Kammerherrn, noch sonst jemand in Ihrem Kreise, wer – nun ja: wer mein Vater ist?

Mein Gott, rief sie, das konnte doch nicht verborgen bleiben! Sie kennen ja Herrn von Renten! Was er weiß, weiß schließlich alle Welt.

Auch Ihr Herr Vater?

Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich glaube kaum. Er verkehrt so wenig bei uns. Ich habe es ihm nicht gesagt. Jedenfalls weiß er nicht, daß Sie in Berlin sind, oder er hätte Sie sicher aufgesucht. Er liebt Sie sehr.

Und hat Ihnen Ulrich gesagt, was ich hier in Berlin treibe?

Nein. Was werden Sie treiben? Ich denke, was immer Ihre Lieblingsbeschäftigung war, auch, wie ich von Renten weiß, am herzoglichen Hofe: Poesie.

Doch nicht, gnädiges Fräulein. Ich treibe nicht Poesie, sondern ein recht nüchternes Handwerk: ich bin Tischler.

Was sind Sie?

Ich hatte den Schrecken, der sich auf ihrem Gesicht malte, erwartet und empfand über denselben eine Art von grausamem Vergnügen.

Tischler, wiederholte ich. Noch dazu ein ganz ordinärer Bautischler, der Thüren und Fensterrahmen macht. Wenn Sie daran zweifeln, wie ich jetzt nach dem spöttisch-ungläubigen Lächeln auf Ihren Lippen schließen muß – ich kann Ihnen meine Adresse geben und würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir die Kundschaft aus Ihrem Kreise zuwenden möchten. Nicht wahr, gnädiges Fräulein, das haben Sie nicht erwartet? Das vermindert denn doch ein wenig das Interesse an meiner unbedeutenden Person? Auch muß ich, um mein Versprechen völliger Offenheit einzulösen, hinzufügen, daß ich ganz wesentlich aus dem Grunde Handwerker geworden bin und zu bleiben gedenke, weil ich hoffe, so am besten die Schmach jenes Unglücks abbüßen und abwaschen zu können, welches mich ohne mein Verschulden bei meiner Geburt getroffen hat.

Ich öffnete den Schlag des Wagens, welcher jetzt, am Ausgange der wüsten Straße in eine andere, schon etwas mehr bebaute, halten geblieben war. Sie stand dicht an dem Tritt, zögernd, einzusteigen, mit zuckenden Lippen, während die Farbe aus ihren zarten Wangen gewichen war. Dafür flammte es jetzt in ihren braunen Augen auf; und es kam, fast unverständlich, durch die zusammengeklemmten weißen Zähne:

Das war unritterlich von Ihnen.

Ich bin auch, Gott sei Dank, kein Ritter, gnädiges Fräulein.

Sie war an mir vorüber in den Wagen gesprungen, der sich auch alsbald in Bewegung setzte, kaum daß ich den Schlag schließen konnte. Ich sah nur noch eben, wie sich die junge Schöne mit trotziger Miene in die Ecke lehnte.

Und dann stand ich allein auf der öden Straße, dem rasch sich entfernenden Wagen nachblickend, und murmelte noch einmal: »Gott sei Dank!«

Aber aus dem Herzen kam es mir nicht. In meinem Herzen war die tote Liebe wieder erwacht und hatte mit der süßen unvergessenen Stimme – wie an jenem ersten Abend im Nonnendorfer Park – gesprochen: »Hier bin ich!« Und hatte mich wieder angeschaut mit den großen unvergessenen braunen Märchenaugen.

Mein Gott! konnte dieser Kelch mit dem süßen berauschenden Trank nicht an mir vorübergehen? War ich immer noch nicht geprüft genug? Wenn es dem Menschen so schwer gemacht wird, zur Meisterschaft im Leben zu gelangen, darf man sich wundern, daß es so viele Stümper gibt?

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