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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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XII.

Mit fast schon winterlicher Helle schien die Mittagssonne vom unbewölkten Himmel, als ich meine Expedition nach dem fernsten Westen der Stadt antrat, in welchem, dem Adreßbuch zufolge, die »verwitwete Frau Hauptmann von Werin« und »Fräulein M. von Werin, Gemeindeschullehrerin«, wohnten. Ich gelangte denn auch nach einstündiger Wanderung in die bezeichnete Gegend, aber es bedurfte vielfachen Nachfragens und manches Irrganges, bis ich das betreffende Haus entdeckte an dem äußersten Ende einer Straße, welche sich unmittelbar in die Felder öffnete und auch sonst nur durch einige wenige, weitgestreute, wegen der plötzlich eingetretenen Kälte in Stocken geratene Neubauten sich als Straße legitimieren konnte. Eigentlich nur ein Häuschen: weißgetüncht, einstöckig, mit je zwei Fenstern rechts und links; einem schmalen Vorgärtchen und einem größeren Hintergarten, das erstere mit einem bescheidenen Holzgatter, das letztere nur mit einer niedrigen Hecke umgeben und dadurch erkenntlich. Denn von einem Baum war nichts zu sehen, und die Büsche, welche sich wohl im Sommer stattlicher ausnehmen mochten, waren jetzt auf das kümmerliche Maß von Besenreisern zurückgebracht.

Ich wußte durch Adele, daß Frau von Werin sich ganz der Pflege von verwaisten, oder bei den eigenen Eltern verkommenden Kindern widmete, die sie in ihr Haus nahm und als ihre eignen erzog, hatte mir aber von dieser Thätigkeit, in welcher die seltene und seltsame Frau ganz aufgehen sollte, kein rechtes Bild machen können. Nun, als ich das Vorgärtchen durchschritten und in dem kleinen Flur des offenen Hauses, nach vergeblichem Pochen an zwei anderen Thüren, eine dritte öffnete, hinter der ich einiges Geräusch vernahm und die Küche vermutete, wurde mir ein solches Bild und gleich das rechte und eines von denen, die sich nie wieder aus der Erinnerung verwischen.

Ich stand aber auf der Schwelle und blickte in ein großes helles Gemach, in welchem ich eine kleine Schar Kinder von etwa vier bis zehn Jahren in dem offenen Raum vor den Bettchen, die an der Längswand, durch ganz schmale Zwischenräume getrennt, nebeneinander standen, in der wunderlichsten Beschäftigung fand. Freilich an und für sich war nichts Wunderliches daran, die Sache wurde es nur durch die Winzigkeit der Geschöpfchen und durch die scheinbar weit über ihr kindisches Alter hinausgehende intelligente Rührigkeit, welche sie dabei entwickelten. Sie kleideten sich nämlich an – offenbar zu einem Ausgange; vielmehr: sie kleideten einander an; denn das eine, ein bißchen ältere oder klügere, half dem andern jüngeren oder dümmeren in seine Stiefelchen, in sein Kittelchen hinein; bürstete ihm das schlichte Haar; setzte ihm das Mützchen auf, dessen Bänder es ihm unter dem Kinne zusammenband; drehte es vor sich herum, zu sehen, daß die Toilette tadellos vollendet sei – alles ohne Lärmen und Geschrei, fast lautlos, mit einer Ehrbarkeit, einer Gewissenhaftigkeit, die sehr drollig gewesen sein würde, nur daß sie noch um vieles rührender war.

Ich staunte noch dem nie gesehenen Schauspiel, als sich eine gegenüberliegende Thür öffnete, und Frau von Werin in das Gemach trat, zum Ausgehen angezogen: in derben Schuhen, wetterfestem, bis an den Hals zugeknüpftem Paletot und rundem, schmucklosem Hut mit mäßig breiter Krämpe, unter welchem das krause, jetzt weiß gewordene Haar hervorquoll. Auch das feine Gesicht schien mir älter in der mitleidslos hellen Beleuchtung, aber weniger starr und streng als damals.

Ich konnte diese Beobachtungen mit einer gewissen Ruhe anstellen, da sie mich nicht bemerkt hatte, indem ihr Blick sofort auf den Kindern haftete, von denen eines, wohl das älteste, auf sie zugegangen war, vielleicht, ihr Bericht zu erstatten. Sie sprach zu ihm einige Worte, wobei sie, die Hand auf seinem Kopfe, sich ein wenig zu ihm herabbog. Dann trat sie zu den andern Kindern, die sie eine schnelle Musterung passieren ließ, hier und da noch einiges zurechtrückend und zupfend. Sie fand wenig zu thun. Dann setzte sich die kleine Schar nach der Thür, in der ich noch immer stand, in Bewegung, und die Dame, jetzt zum erstenmal dahin blickend, sah mich. Sie hatte mich sofort erkannt. Ein freundliches Lächeln glitt über ihre Züge, indem sie mir, der ich mich ihr nun rasch näherte, über die Köpfe der Kinder hinweg, welche furchtlos zu dem Fremden aufschauten, die Hand reichte.

Willkommen! sagte sie dabei.

Es war dasselbe Wort, mit dem sie mich früher jedesmal empfangen hatte, auch dasselbe Lächeln – als hätte sie mich gestern zum letztenmal gesehen. Die Flucht der Zeit schien dieser Frau nichts zu bedeuten.

Sie treffen uns in Begriff, unsern Spaziergang zumachen, fuhr sie fort. Vielleicht begleiten Sie uns ein Stückchen. Ich schicke Sie zu rechter Zeit wieder zurück, damit ich Maria keine Minute die Freude raube, welche ihr Ihr Besuch machen wird. Sie ist ausgegangen und wird – hier blickte sie nach der Pendule an der übrigens kahlen Wand – in einer Viertelstunde zurück sein.

So verließen wir das Zimmer und das Haus, das offen blieb, wie ich es gefunden hatte. Ich machte eine darauf bezügliche Bemerkung.

Mir stiehlt niemand etwas; erwiderte Frau von Werin. Und dann auf die Kinder deutend, die vor uns schritten: Diese hier sind mir Riegel, Schlösser und Vorlegeketten. Sie sind mir auch der Anker, der mich noch am Leben festhält.

Die Kinder – ihrer zehn, wie ich jetzt zählte – waren in einen Weg gebogen, der gleich um das Haus herum in die Felder nirgend wohin zu führen schien. In größerer und geringerer Nähe zerstreut ein paar Häuser und kleine Gehöfte, in der Ferne die dunkle Linie des Waldes, sonst alles wüst und leer; hier und da in der Sonne blitzende Schneestreifen auf den öden schwarzen Flächen. Es hatte in der Nacht ziemlich scharf gefroren und den schlecht gehaltenen Weg, den wir gingen, noch rauher und unebener gemacht. Die Kinder kamen nicht leicht vorwärts; manchmal fiel eines, aber ohne darüber ein Geschrei zu erheben, half sich auch meistens selber wieder auf, selten daß ihm ein älteres und kräftigeres beizuspringen brauchte. Sie gingen übrigens, ohne sich anzufassen.

Ich halte es für eine Barbarei, sagte Frau Werin, wenn man, wie Sie es täglich bei dem Ausführen von Waisenkindern und dergleichen sehen können, die kleinen Geschöpfe zwingt, sich zu zwei oder drei bei der Hand zu halten, oder gar unterzufassen. Das nötigt die Körperchen stundenlang zu ganz monotonen Bewegungen, die gerade das Gegenteil von dem hervorrufen, was man beabsichtigt, oder beabsichtigen sollte: die freiere Entfaltung der äußeren und inneren Organe. Um das zu begreifen, bedarf es keiner medizinischen Einsicht. Die Lehrer und Lehrerinnen, die, mit den Armen schlenkernd, frei nebenher laufen, brauchten sich nur zu fragen, wie ihnen zu Mute sein würde, wollte man sie so einschränken und einpferchen. Aber sie fragen eben nicht, was ihnen die Antwort darauf geben würde: ihr Herz, ihr Mitgefühl. Daß die Menschen nicht denken, ist schlimm; daß sie kein Herz haben, ist viel schlimmer. Schaffen wir fühlende Herzen! Das ist die große Revolution, die alle anderen in sich schließt, in Vergleich zu der und ohne die alle anderen nur neue Flicken auf ein altes Kleid sind.

Aber wie schaffen wir fühlende Herzen? wagte ich zu fragen.

Indem wir reine, reinliche Menschen schaffen; erwiderte sie rasch. Die Menschen werden rein geboren; nur unsre Kultur, auf die wir uns so viel zu gute thun, und die doch nichts als eine übertünchte Barbarei, ja die scheußlichste Unkultur ist, macht sie wieder unrein, und mit fürchterlicher Schnelle. Sehen Sie meine Kinder! Ich habe sie, wie sie da sind, aus dem greulichsten Schmutz aufgelesen, das Wort in moralischem und physischem Sinne: Kinder von Trunkenbolden und Dirnen; da, der Kleine, hat einen Mörder zum Vater. Die ich am längsten habe, sind nun vier Jahre bei mir, einige nur ebensoviel Monate. Können Sie einen Unterschied entdecken?

Ich sagte: nein, und aus Ueberzeugung. Schön war keines; ein oder zwei kaum hübsch, die übrigen geradezu häßlich; aber die sämtlichen kleinen Gesichter mit den stumpfen, plumpen Zügen hatten einen gleichmäßig zufriedenen, freundlichen Ausdruck, so daß sie samt und sonders wie Geschwister aussahen, besonders auch wohl deshalb, weil sie alle völlig gleich mit Mützchen und bis zur Hälfte der Wade reichenden, kaftanartigen, um den Leib mit einem Gürtel zusammengehaltenen Gewändern aus einem derben dunklen Stoff bekleidet waren. Knaben oder Mädchen? Ich dachte erst jetzt daran, und fragte es Frau von Werin.

Die Hälfte Knaben, erwiderte sie. Es ist ein Zufall, denn ich mache keinen Unterschied bei der Auswahl, wenn ich überhaupt von einer solchen sprechen darf und in der Erziehung ebensowenig. Das Geschlecht ist bedenklich nur bei verwahrlosten Kindern, bei reinen nicht. Sie spielen dieselben Spiele, machen dieselben kleinen Arbeiten, genießen dieselbe Kost: Brot- und Milchsuppen, im Sommer manchmal frisches Gemüse und Obst – niemals etwas anderes – lernen dieselben Sprüche, Gedichtchen, oder was es sonst Sinniges zu lernen gibt; und lernen denselben Unsinn nicht, mit dem man sich gewohnheitsmäßig an den Kindern versündigt. So mache ich sie rein binnen wenigen Monaten, manchmal Wochen, und erhalte sie rein an Leib und Seele – eine alberne Trennung, in die wir aus schlechter Gewohnheit beim Sprechen immer wieder verfallen, nachdem wir sie gedanklich längst überwunden haben – also: rein schlechtweg, was dasselbe sagt, wie: gesund. Denn der reine Mensch kann nicht krank sein oder werden. Ich bekomme sie krank, dann gesunden sie und bleiben gesund. Wenn eines dieser Kinder krank würde, wäre es um mein System geschehen. Aber auch um mich. Ich würde es nicht überleben.

Mein System! War da der Schlüssel zu dem Rätsel, nach welchem ich, während ich so stumm neben der merkwürdigen Frau herschritt, im Inneren fortwährend gesucht hatte? Dem Rätsel, daß sie, trotz der augenfälligen Wandlung ihrer Lebensgewohnheiten, Beschäftigungen, Gedanken und Empfindungen offenbar dieselbe, mit dem gewöhnlichen Maßstab nicht zu messende Frau geblieben war? Hatte das System gewechselt? Und war dem neuen System alles andere mit derselben Konsequenz untergeordnet, die dem alten zu gute gekommen? durch die sie das alte zu dem welterobernden Prinzip machen zu können geglaubt hatte, wie jetzt das neue? Oder war auch das System noch dasselbe und hatte nur den Namen verändert? und nannte sich jetzt Reinheit, wie ehemals Gerechtigkeit?

Ich muß annehmen, die Sibylle hatte in meinen Gedanken gelesen, denn sie fuhr schon nach wenigen Schritten fort:

Ich würde es nicht überleben, weil ich im Zentrum der Dinge entweder angekommen bin, oder, stellte es sich heraus, daß ich es nicht bin, auf keinen Fall mit meinen Kräften weiter vordringen kann, sondern dieselben an der Lösung des Weltproblems erschöpft habe, und mithin in dieser Welt nichts mehr anzufangen wüßte. Bis dahin hatte ich es falsch angefangen, so falsch, daß ich manchmal glauben möchte, ich sei wahnsinnig gewesen. Aber Wahnsinnige können sich von ihren falschen Ideen nicht befreien und sind eben darum wahnsinnig. Ich habe erkannt, daß auf die Dämonen kein Verlaß ist. Sie sind von Gott abgefallen: hoffärtig, eigenwillig, widerspenstig, ganz in der Sinnenwelt befangen, die sie denn freilich scheinbar herrlich auszustatten wissen mit Tempeln und Palästen, Schulen und Kasernen, Eisenbahnen, Telegraphennetzen und tausend Wundern der Erfindsamkeit, welche die Menschen über ihr Elend wegtäuschen sollen, dem sie doch nirgends entfliehen können, weil es in ihren Herzen sitzt, aus denen sie Gott verbannt haben. Gottes Haus auf Erden ist das Menschenherz; wird er daraus vertrieben, ist er auf Erden haus- und ist die Erde gottlos. Und diese gottlose Erde mag sich noch Millionen von Jahren um die Sonne drehen, und tausend mächtige Reiche mögen entstehen und vergehen, und Thoren, die sich Geschichtsschreiber nennen, den Aufschwung und den Fall dieser Reiche registrieren und verherrlichen – ich sage: es ist das alles nicht wert, daß darum auch nur ein Mensch in Schmerzen geboren wird und den Kampf des Todes kämpft. Als ich aber sah, daß in dem Geist des Geistes, den ich für den obersten aller hielt, auch nicht eine Spur von dieser Weltanschauung ist; er vielmehr, wie die anderen auch, die Welt nur daraufhin anschaut, was aus ihr in jenem verwerflichen, weil völlig herzlosen, nur auf das ewig Gestrige und ewig Gemeine gerichteten Sinn etwa zu machen wäre, und er sich von den anderen nur dadurch unterscheidet, daß er in den Mitteln zu diesem traurigen Zweck erfinderischer und ausgreifender ist, – da habe ich ihn aufgegeben, aufgeben müssen und mit ihm meine ganze Dämonologie, als eine schwere Verirrung weitab von dem rechten Ziele. Darum noch einmal: revolutionieren wir, und fangen wir dabei, wie recht und billig, mit unserm eigenen Herzen an, indem wir es reinigen und heiligen. Auf daß aus ihm die Kraft ausströme in die der anderen, zumal der Jugend, derer nun einmal das Himmelreich ist. Freilich nicht jenseits der Wolken, sondern in dem Diesseits, das mit dem Jenseits ein für allemal zu brechen hat und brechen darf, weil der Gott, den wir suchen, eben in unserm Herzen oder nirgends ist. Eine Ueberzeugung, die uns durch eine Welt von dem Pfaffentum trennt und auch von dem Christentum, welches denn doch nur noch die ehrwürdige Vorhalle zu dem großen Tempel der Religion der Neuzeit darstellt, wenn man Religion nennen darf, was sich von der alten unterscheidet, wie das kopernikanische von dem ptolemäischen Weltsystem. Und nun müssen Sie umwenden, damit Maria keine Minute von Ihnen verliert. Ich bleibe mit meinen Kindern eine Stunde draußen. Auf Wiedersehen!

Sie hatte mir die Hand gereicht und folgte nun rascheren Schrittes der kleinen Schar, die schon ein Streckchen voraus die höckrige Straße hinausstapfte und stolperte. Ich wandte mich nach dem Hause zurück, von welchem mich nur eine verhältnismäßig geringe Entfernung trennte. Verhältnismäßig zu dem vielen, was ich binnen weniger Minuten aus dem Munde der Sibylle vernommen. Aber sie hatte es ganz in ihrer alten rapiden Redeweise gesprochen, die keine Interpunktion zu kennen schien, wie ihr System keine Schwächen und Mängel, an denen es noch leichter zu Fall kommen konnte, als die stapfenden Kinder auf dem höckrigen Wege.

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