Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
Schließen

Navigation:

X.

Mit so schweren Gedanken machte ich mich spät am Abend auf den weiten Weg zu Adele. Ich wäre eigentlich lieber zu Hause geblieben, tief ermüdet, wie ich war, von der überangestrengten Arbeit des Tages. Aber die Krankheit der Kinder schien einen guten Verlauf zu nehmen; so bedurfte man meiner auch in der Familie nicht mehr, Adele erwartete mich, und ich hatte mir das Labsal, sie wiederzusehen, heute redlich verdient.

Ja, das Labsal! und das heute doppelt süß war, da ich sie allein fand! Der Graf war zu einer wichtigen Besprechung mit seinen Freunden gerufen. So schienen denn in der niedrigen Mansarde die holden Stunden traulichen Beisammenseins wiedergekehrt, die ich einst mit ihr verlebt hatte in der sonnebeglänzten Villa und dem schattigen Wäldchen auf ihrem und meinem Lieblingsplätzchen, über dem aus der Linden und Kastanien dichtem Gezweig die Vögel in unser Plaudern hineinsangen. Und hier galt es keinen Schein: sie waren wiedergekehrt, nur holder noch, als sie damals sein konnten bei dem bangen Klopfen meines thörichten Herzens, in welchem es jetzt so still und zugleich so bewegt war, wenn sie – wie damals – ihre Hand in der meinen ruhen ließ, oder gar mich küßte, wie sie es damals nicht gedurft hatte.

Ich weiß nicht, wie ich es fertig gebracht habe, der Versuchung, die manchmal schier allmächtig war, widerstehen zu können; sagte sie lachend.

Und Du hast ihr ja auch nicht immer widerstanden; erwiderte ich. Denkst Du des Abends, als Du von dem Herzog kamst, der taub gegen Dein Bitten und Flehen gewesen war, und bei mir Trost suchtest? Im Wäldchen, – erinnerst Du Dich? Es muß nach meiner Berechnung derselbe Abend gewesen sein, an welchem der Graf von Petersburg eintraf; und Ihr, da mit Güte und Geduld und Harren nichts mehr auszurichten war, Eure entscheidenden Entschlüsse für die Zukunft faßtet.

Freilich erinnere ich mich, sagte Adele; und daß ich es nachher bitter bereute, Dir damals nicht alles, trotz des strengen Verbotes des Herzogs, gesagt zu haben. Es wäre dann vielleicht alles anders gekommen.

Wie das, liebe Adele?

Glaubst Du nicht, Du würdest geblieben sein, hättest Du von mir erfahren, daß ich Deine Schwester war, und wir hätten alles ruhig miteinander besprechen können, anstatt daß es hernach wie ein Ungewitter über Dich Armen hereinbrach?

Soll ich offen sein? erwiderte ich. Nein, Adele, ich glaube, vielmehr ich weiß, ich wäre auch dann nicht geblieben, obgleich ich zugeben will, daß ich so der traurigen Katastrophe hätte aus dem Wege gehen können. Aber frei machen mußte ich mich von dem Herzog, genau so, wie ich überzeugt bin, daß Dein Gatte früher oder später den Herrendienst quittieren und sich in die Revolution stürzen mußte, auch wenn es keine Adele zu erringen gegolten hätte.

Ja, aber, sagte Adele – und jetzt war ihr Blick wieder ganz der alte, über ein eingefallenes Kartenhaus kindlich erschrockene – bist Du denn auch ein so schrecklicher Revolutionär?

Ein schrecklicher keinesfalls, erwiderte ich lächelnd; ein Revolutionär immerhin, wenn Du jemand so nennen willst, der eingesehen zu haben glaubt, daß bei dem jetzigen Stande unsrer staatlichen und sozialen Verhältnisse die weitaus größere Majorität, die der Armen und Elenden, niemals in den Vollbesitz ihrer angeborenen, ihnen auch gesetzlich verheißenen, aber – nicht durch den Willen der Einzelnen, sondern eben durch die Verhältnisse – vorenthaltenen Menschenrechte gelangen kann; und der deshalb bei seinem bescheidenen Teil versucht und bemüht ist, den Wandel dieser Verhältnisse heraufzuführen. Aber, beste Adele, bist Du denn von dieser Ueberzeugung nicht durchdrungen?

Die lieben Augen blickten mich noch immer an, als ob ich in einer ihr fremden Sprache spräche.

Ich? stammelte sie; ich verstehe von diesen Dingen ganz und gar nichts. Vielmehr – Dir darf ich es sagen, Du mußt es aber um Himmelswillen Alexei nicht wiedersagen: was ich davon verstehe – ich meine, was Ihr wollt, das scheint mir ganz unmöglich, ganz unausführbar, als wenn Ihr alle träumtet, daß Ihr fliegen könntet oder desgleichen; und es natürlich glaubt, weil Ihr eben träumt. Es hört sich ja auch ganz spaßig und oft ganz prächtig an, wenn man so dabei sitzt und Euch Eure Träume erzählen hört. Manchmal freilich wird mir angst und bange und ich möchte rufen: aber so wacht doch auf! nur daß ich vor Alexei so großen Respekt habe, und seine Augen nie schöner leuchten, als wenn er so träumt. Da bringe ich es nicht über das Herz.

Weißt Du, Adele, sagte ich; eigentlich dürfte ein Mann gar nicht sitzend mit Dir sprechen, sondern müßte vor Dir auf den Knieen liegen und es als eine unverdiente Gnade ansehen, wenn er Dir die Füße küssen darf.

Du bist verrückt, sagte Adele.

Nein, rief ich, ich spreche nur aus, was ich empfinde, und jeder, der ein Mann ist, an meiner Stelle empfinden würde. Wie? Du teilst Deines Gatten Ueberzeugungen nicht; er ist Dir ein Träumer, ein Phantast; und ist es Dir jedenfalls schon gewesen, als er zuerst um Deine Liebe warb, und Du verläßt Deine Welt, die Dir, wie Du nun einmal denkst, die beste der Welten ist und sein muß, um ihm in seine Traumwelt zu folgen, das heißt: in das Eis Sibiriens, in die tausend Gefahren einer abenteuerlichen Flucht, in das Elend der Verbannung, – aus dem dolce far niente Deines Villalebens in die arbeitssame Misere dieser Mansardenexistenz – alles, alles, weil Du Deinen Alexei liebst! Und wir sollten nicht anbetend niedersinken vor der Hoheit einer Liebe, die wir mit den Gedanken nicht erreichen, geschweige denn nachempfinden können in unsern brutalen, egoistischen Männerherzen!

Aus Adeles Kehle kam das unvergessene, lang entbehrte, kindlich frohe, silberhelle Lachen. Und lachend hüpfte sie von ihrem Stuhle auf, setzte sich mir auf die Kniee und rief, mich bei den Ohren fassend:

Wenn Du Dich noch einmal brutal und egoistisch nennst, reiße ich Dir diese beiden hübschen Ohren ab.

Und dann, sich auf meine Schulter beugend, dicht an meinem Ohre, leise:

Gesteh' es nur: Du liebst noch immer die schöne Ellinor und denkst, daß sie Dir verloren ist. Und das läßt Dich so desperat sprechen – gestern, von den Vogtriz, als auf Deine Verwandtschaft mit ihnen die Rede kam – und eben wieder von Dir, als ob Du schlecht wärest und nicht lieben könntest! Du, und nicht lieben können! – Gestehe es mir, daß es so ist! Gestehe es Deiner Schwester, Du lieber – dummer Junge!

Es war eine alte Wunde, und ich glaubte dieselbe längst, längst vernarbt. Und doch, als jetzt die liebste, lindeste Hand sie so berührte, durchzuckte mich ein jäher Schmerz, als stünde ich wieder am Fenster unsers Zimmers zu Nonnendorf und starrte nach der Stelle im Park, wo ich sie zuerst gesehen, von der sich in jener Stunde mein blutend Herz losriß für immer – losreißen wollte.

Ich fürchte, Du hast recht; flüsterte ich.

Ob ich recht habe! sagte Adele. Dazu brauche ich Dir doch nur in die feuchten Augen zu sehen. Und nun laß uns einmal vernünftig sprechen!

Sie war von meinen Knieen herabgeglitten und hatte sich wieder auf ihren Stuhl gesetzt, den sie dicht zu mir heranzog, so daß sie meine Hand fassen konnte.

Also zuerst: das mit der Tischlerei mußt Du aufgeben. Alexei meint es auch, obgleich er, als Russe, sich eigentlich für den Unsinn begeistern müßte. In Rußland nämlich, da gehen die Herren Studenten und Studentinnen mit Vorliebe ›ins Volk‹, wie sie's nennen, und werden Dorfschmiede und Volkslehrer – die Mädchen oft in Mannskleidern, – und was dergleichen Tollheiten mehr sind. Das mag in dem gräßlichen Lande, wo keiner weiß, wer Koch oder Kellner ist, noch eine Spur von Sinn haben, und meinetwegen auch ganz gut und ehrenwert sein; bei uns aber, wo ein Tischler ein Tischler und ein Gentleman ein Gentleman ist, wird das, meine ich, eine Komödie, und Du sagst selbst, zum Komödienspiel taugst Du nicht. Dein Bruder – der ja, Gott sei Dank, nicht Dein Bruder ist – muß sehen, wie er ohne Dich fertig wird. Versteht sich, daß Du ihn weiter unterstützest, wie Du es immer gethan, und wenn Du kein Geld hast, wird Alexei es Dir schaffen. Er kann immer Geld haben – zu Parteizwecken, wie sie es nennen. Und Du gehörst ja zur Partei, sagst Du selbst; folglich bleibt es in der Partei, und Du gibst es ihm wieder, sobald Du – nun paß' aber auf, denn jetzt kommt die Hauptsache! – sobald Du Dich mit Deiner Mutter ausgesöhnt hast. Ich wußte ja, daß Du auffahren und mir ein greuliches Gesicht machen würdest, worüber Du Dich schämen solltest; aber daran darf man sich bei Euch Männern nicht kehren. Du sollst auch zu dem Zweck nicht den Demütigen spielen, obgleich das einer Mutter gegenüber noch nicht so schlimm wäre; Du sollst überhaupt nichts thun, als mir erlauben, Deine Mutter zu bitten, daß sie Dich wiedersieht. Thut sie das – und ich bin überzeugt, sie wird es thun, wenn ich ihr schreibe – für das übrige lasse ich den lieben Gott sorgen. Er hat mir meinen herzigen Bruder nicht umsonst so gemacht, daß – vorausgesetzt, er ist artig und zieht die Stirn nicht wie jetzt in so häßliche Falten – ihm ein Frauenherz so leicht nicht widerstehen kann, am wenigsten das Herz einer Mutter.

Die Gute hatte sich so in Eifer geredet, sie mußte erst einmal wieder frischen Atem schöpfen. Ich wußte, daß jetzt sie es war, die da unmögliche Dinge träumte; aber es klang alles so treu und lieb – ich hatte nicht das Herz, sie aus ihrem Traum zu wecken.

Und dann, fuhr sie fort, wenn wir mit der Mama fertig sind – nein, fürchte nichts: ich sehe wohl, daß es mit Dir und dem Herzog nicht geht, obgleich es jammer-jammerschade ist – Ihr gleicht einander in so vieler Beziehung, und ich glaube, das ganze Unglück kommt daher, daß Ihr euch zu ähnlich seid – also: wenn wir die Mama für uns haben, und Du in der Gesellschaft die Stellung einnimmst, die Dir von Gottes- und Rechtswegen gebührt, dann gehen wir mutig auf das Hauptziel los. Mein Gott, sie ist ja dann schon so etwas wie Deine Cousine, und ihr Vater, den Du so vergötterst, eine Art von Onkel. Da kann man ohne weiteres wieder anknüpfen, ja muß es, wenn man nicht geradezu ungezogen sein will. Im übrigen verlasse ich mich wieder auf ein gewisses Paar blauer Augen, das, seitdem ich es nicht gesehen, noch viel blauer und schöner geworden ist – die echten Vogtrizschen Augen – sie sollen ja, habe ich mir sagen lassen, alle so schöne Augen haben, Fräulein Ellinor selbstverständlich die schönsten.

Aber nun bist Du doch mit Deinem Programm zu Ende, sagte ich mit einem Lächeln, das mir nicht von Herzen kam.

Vollständig, sagte sie, ihr Schürzchen glatt streichend – (ich glaube, es war ein russisches: mit weißem Grunde, über und über in einem wunderlichen Muster rot und blau benäht); – nun kannst Du reden, aber vernünftig, wenn ich bitten darf.

Also vernünftig, sagte ich. Nehmen wir also an: Dein souveräner Wille ist geschehen: ich bin kein armer Tischler mehr, sondern flaniere unter den Linden und klappre mit dem Golde in meinen Taschen. Dann –

Dann heiratest Du Ellinor, ganz richtig.

Die vielleicht, oder wahrscheinlich, oder ganz bestimmt seit Jahr und Tag verheiratet ist.

Fällt ihr gar nicht ein, rief Adele lachend.

Ein freudiger Schrecken durchzuckte mich, dessen ich mich doch im nächsten Augenblick schämte. Was ging es mich an!

Ich weiß es von Fräulein von Werin, sprach Adele eifrig weiter. Du mußt nämlich wissen, daß, seitdem wir vor drei Monaten hierher kamen – Alexei hatte schon vorher mit Deinem Freunde in Verbindung gestanden – sie stehen ja alle miteinander in Verbindung – mir ist es schleierhaft, wie sie in dem Menschenozean einander finden – ich auch die Bekanntschaft der Damen Werin gemacht habe und wenigstens mit Maria befreundet bin. Wir sehen uns nicht oft, aber wir sehen uns doch. Durch sie weiß ich von den Vogtriz, zu denen sie allerdings eigentlich kein rechtes Verhältnis mehr hat, nur daß Ellinor sie ab und zu noch besucht. Verheiratet ist Ellinor nicht, so viel ist sicher. Das Nähere kann Dir freilich nur Maria sagen, die Du ja jetzt sobald als möglich aufsuchen wirst. – Da ist Alexei! Wo kommst Du denn schon so früh her?

So früh? sagte der Graf lachend, Adele auf die Stirn küssend und mir die Hand reichend. Ei, meine Liebe, das könnte mich eifersüchtig machen, selbst auf einen sonst hochverehrten Schwager.

Des Grafen Liebenswürdigkeit konnte den Zauber nicht wiederherstellen, den sein Kommen gebrochen hatte. Ich blieb noch eine kleine Weile, während er von den politischen Tagesereignissen einen Bericht gab, dem Adele und ich nur ein halbes Gehör schenkten. Nur einmal horchte ich auf, als er sagte, daß sich das Gerücht von der Ungnade, in welche der Oberst von Vogtriz gefallen, zu bestätigen scheine. Man ginge sogar so weit, ihm eine gewisse militärische Broschüre zuzuschreiben, die heute ausgegeben sei und mit ihrer scharfen Polemik gegen das herrschende System viel Staub aufwirbele. Adele unterdrückte nur mit Mühe ein leises Gähnen; auch ich empfand plötzlich schwer die Müdigkeit, welche ich bereits mitgebracht hatte. Wir schieden, nachdem mir Adele das Versprechen abverlangt, welches ich ihr denn auch, halb schon träumend, gab, daß ich den Besuch bei den Damen Werin nicht länger als unumgänglich hinausschieben wolle.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.