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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IX.

Nein, der nächste Morgen fand mich nicht übermütig, aber die Götter thaten, als wäre ich es, und versuchten auf mancherlei Weise, mir zu schaden und, wollte das nicht gehen, mich wenigstens zu schrecken.

Das letztere durch die Erkrankung der beiden jüngsten Kinder meines Bruders, bei denen zugleich über Nacht der Scharlach ausgebrochen war. In einem kleinen, ärmlichen Haushalt, wie der unsere, gab das immer, auch wenn vorläufig von Gefahr nicht die Rede war, eine empfindliche Störung und einen Arbeitszuwachs, der, obgleich er im Grunde nur die Schwägerin traf, von Otto als ein ihm besonders widerfahrenes Mißgeschick beklagt wurde. Wo nichts sei, da habe bekanntlich der Kaiser sein Recht verloren; aber das Unglück noch lange nicht. Nun, ihm sei es gleich; er sei auf alles gefaßt.

Er war es nicht einmal, als eine Stunde später unser Mitgeselle Knall und Fall von der Arbeit lief. Dieser Brave hatte binnen vierundzwanzig Stunden die Umwandlung von einem wütenden Sozialdemokraten in einen fanatischen Christlich-Sozialen vollständig durchgemacht. Er war gestern abend in der Versammlung beim Pastor Renner gewesen; Pastor Renner hatte ihm die Augen geöffnet: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen; Innungszwang und keine Steuern mehr für die unteren Klassen, das sei von jetzt sein Programm, und der Teufel solle ihn holen, wenn er je wieder bei einem sozialdemokratischen Meister einen Hobel anrühre.

Damit war der Biedermann, nachdem er vorher weislich einen Streit mit dem gutmütigen Otto vom Zaun gebrochen, zur Werkstatt hinausgestürmt.

Laß ihn laufen, Otto, sagte ich; der Mensch ist nicht unersetzlich, und, bis er ersetzt ist, werden wir zwei für drei arbeiten.

Otto sagte gar nichts, dafür seufzte er alle paar Minuten so herzbrechend, daß man hätte lachen müssen, wenn die bodenlose Schwäche des Mannes für mich nicht von so trauriger, schwerwiegender Bedeutung gewesen wäre. Der Fortgang des Geschäfts, welcher sich jetzt so gut anließ, das Wohl der Familie, die durch mich zum erstenmale eine Art von Behagen kennen gelernt hatte – es ruhte alles auf mir. Was sollte daraus werden, wenn ich auch nur auf acht Tage arbeitsunfähig wurde? Ich dachte schaudernd an meinen Arm, der mich schon ein paarmal infolge von Ueberanstrengung heftig geschmerzt hatte. Ein Krüppel! Es hatte mich blutige Thränen gekostet, als es mich damals verhinderte, in den Kampf gegen den Erbfeind zu ziehen. In diesem Kampfe um Haus und Herd würde keiner für mich eintreten; hier war ich einfach unersetzlich, und die Schlacht mußte ohne mich verloren gehen.

Ich gestehe, daß diese melancholischen Betrachtungen mir die freudigen und erhebenden Erlebnisse der letzten Tage wie mit einem grauen Schleier zudeckten; und ich förmlich erschrak, als gegen zehn Uhr Weißfisch, diesmal in der Werkstatt selbst, erschien und mich daran erinnerte, daß ich zu meinen häuslichen und geschäftlichen Pflichten andere, keineswegs leicht zu erfüllende übernommen hatte. Zwar das Manuskript des Thomas Münzer hatte ich schon zurechtgelegt und konnte es jetzt Weißfisch übergeben, mit der Bitte, es Herrn Lamarque zu überbringen. Aber mit diesem Kaufpreis von Lamarques Protektion Christinens war die Rechnung mit den Hopps ja keineswegs beglichen. Gab es jemand, der den Zorn des Vaters, den Jammer der Mutter beschwichtigen, beide mit der neuen Wendung in dem Geschick der Tochter aussöhnen konnte, so war ich es; und zwar mußte das auf der Stelle geschehen; aber wie hätte ich heute von der Arbeit fort gedurft! Ich klagte Weißfisch meine Verlegenheit; Weißfisch wünschte, daß mich einmal eine größere treffen möchte, nur, damit er imstande sei, mir seine Ergebenheit und hoffentlich auch seine Anstelligkeit zu beweisen. Er habe die Bekanntschaft der Hopps bereits damals in meiner Heimatstadt gesucht und gemacht – eine ganz intime Bekanntschaft in anbetracht der kurzen Zeit, die er darauf verwenden konnte – und wenigstens die von H. H., den er wiederholt in Kneipen getroffen, hier erneuert. Ich solle ihn nur machen lassen. Und auf dem Wege könne er uns gleich einen neuen Gesellen besorgen. Es liefen so viele arbeitssuchend in der Stadt herum. Um Mittag hoffe er, mit seinen Kommissionen fertig zu sein, und werde sich dann abermals die Ehre geben.

Wirklich kam er schon gegen mittag zurück. Der neue Geselle, ein kreuzbraver Kerl, Sozialdemokrat selbstverständlich, werde morgen mit dem frühesten antreten. Was das übrige betreffe –

Ich fragte Otto, ob er nicht inzwischen zu Tisch gehen wolle; ich werde in einigen Minuten nachkommen. Otto legte seufzend den Hobel weg und verließ die Werkstatt; Weißfisch lächelte, rieb sich nach alter Gewohnheit, die ich jetzt zum erstenmale wieder bei ihm bemerkte, ein paarmal sanft die Hände und berichtete.

Es sei alles nach Wunsch, ja fast darüber hinaus glatt und glücklich gegangen. Herr Lamarque habe ihm in seiner Freude über das Manuskript – einer sehr berechtigten Freude! – sofort eine größere Summe eingehändigt, dieselbe zum Arrangement der Angelegenheiten Fräulein Christinens, zu welchem er – Weißfisch – sich erboten, à discretion zu benutzen. Einen Teil dieser Summe habe er bei der Brotherrin Fräulein Christinens gelassen gegen einen Revers, in welchem die Dame auf jedes weitere Anrecht an ihre bisherige Gehilfin verzichtete. Darauf habe er sich stehenden Fußes mit dem Fräulein in einen Wagen gesetzt und dasselbe in einer Chambre garnie bei einer sehr anständigen Familie in unmittelbarer Nähe des Theaters vorläufig für einen Monat, den er vorausbezahlt, eingemietet, mit der Weisung an das Fräulein, das Quartier bis auf weiteres nicht zu verlassen. Dann erst habe er sich zu Hopps begeben und auch dort mit Hilfe einiger Ueberredungskunst, einiges baren Geldes und vor allem dadurch, daß er meine Autorität ins Treffen geführt, einen nicht ganz leichten, aber vollständigen Sieg davongetragen.

Weißfisch verbeugte sich, und fragte, ob ich sonst noch einen Auftrag für ihn habe. Ich dankte ihm für seine Bemühungen; er versicherte, daß, zu danken, einzig und allein ihm zukomme, und ging, nachdem er um die Erlaubnis gebeten; morgen wieder vorsprechen zu dürfen, wo er sich verstatten werde, mir betreffs der scenischen Einrichtung des »Münzer«, welchen er, von unsrer gemeinsamen Zeit her, genau kannte, einige Vorschläge zu machen, die ihm über Nacht eingefallen seien, und die er von zwingender Wichtigkeit halte.

Mein freiwilliger Diener konnte sich nicht rühmen, daß ich ihm heute ein »gnädiger« Herr gewesen war, wie er mich, sobald wir allein waren, unweigerlich nannte. Ich hatte die Warnung Adeles und mein Versprechen, gegen den Vielgewandten auf der Hut zu sein, nicht vergessen, und mich gegen ihn kühler und gemessener gehalten, als der Eifer des Mannes zu verdienen schien. Wie langer Zeit würde ich bedurft haben, um ins Werk zu setzen, wozu für ihn wenige Stunden hingereicht hatten! Und welche große Sorge war mir damit vom Herzen genommen, freilich nur, um einer anderen, kaum minder großen Platz zu machen! Herr Kunze rechnete bei seiner Bewerbung um Christine fest auf meinen Beistand und hatte mit sehr unzweideutigen Worten zu verstehen gegeben, daß er seine geschäftlichen Beziehungen zu uns nach meinem Verhalten in dieser Angelegenheit regeln werde. Nun hatte Weißfisch, wie er selbst sagte, von meiner Autorität in dem Hoppschen Lager den ausgiebigsten Gebrauch gemacht. Es war kein Zweifel, daß die Hopps wiederum, sich gegen Herrn Kunze zu entschuldigen, diesen Umstand ins Treffen führen, das heißt, mich diesem Ehrenmann gegenüber vollständig blosstellen und seiner Rache ausliefern würden. Leider hatte er Handhaben genug, einem derartigen Gelüst vollste Befriedigung zu gewähren. Aber, wenn ich es recht überlegte, wäre diese Gefahr auf keine Weise zu vermeiden gewesen. Auch wenn Weißfisch von mir geschwiegen hätte, meine Stellung zur Sache mußte alsbald zur Sprache kommen; war es doch schon nicht ganz loyal von mir gewesen, daß ich dem Trau-schau wem-Manne nicht sofort bei unsrer gestrigen Unterredung »reinen Wein« eingeschenkt hatte! Nur die Rücksicht auf die ohne mich hilflose Familie mochte entschuldigen, wenn ich es nicht gethan. Aber, wie weit meine Opferfreudigkeit und Opferfähigkeit auch gingen – an meiner Ehre und Selbstachtung mußten sie ihre Grenzen finden. Und vielleicht nahm der Mann Vernunft an und ließ Billigkeit walten. Ich konnte mir freilich nicht verhehlen, daß dies Vielleicht auf bedenklich schwachen Füßen stand.

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