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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VIII.

Viel zu früh für die beiden Glücklichen, die sich einander mit Fragen bestürmten, auf welche selten eine Antwort folgte, kamen Graf Pahlen und Adalbert aus dem Nebengemach.

Verzeihen Sie die Mystifikation, sagte der Graf, mir mit einem herzlichen Lächeln die Hand reichend; ein so scheuer Vogel, wie Sie, will vorsichtig behandelt sein; und um die Ueberraschung wäre es wohl geschehen gewesen; wenn ich Ihnen meinen wahren Namen genannt hätte.

Er wäre dann gar nicht gekommen! rief Adele, mich von neuem umarmend.

Wenigstens hat er mit seinen alten Freunden gründlich Versteckens gespielt, sagte Adalbert.

Wie wär's, Adele, wenn Du uns ein Glas Thee oder Punsch zurechtmachtest? sagte der Graf. Es plaudert sich dabei doch besser, und ich meine, wir, wie wir hier sind, haben einander gar viel zu erzählen.

Adele war sogleich bereit und eilte geschäftig ab und zu, während der Graf Zigaretten anbot, von denen auch Adalbert nahm zu meiner Verwunderung – er hatte früher das Tabakrauchen verabscheut. Ich erinnerte ihn daran; er zuckte die Achseln. Variatio delectat, sagte er; ich fürchte, Du wirst mich auch sonst sehr verändert finden.

Ich fand es in der That, wenigstens soweit es sein Aeußeres betraf. Gestern, wo ich ihn nur von ferne sah, mußte mir das entgehen; und auch heute sah ich ihn eigentlich jetzt zum erstenmale, da mich vorhin die Ueberraschung zu einer ruhigen Betrachtung nicht hatte kommen lassen. Er schien um zehn, ja um noch mehr Jahre gealtert zu sein. Die früher jugendlich feinen Züge waren stärker geworden und trotzdem schärfer, die weiße Stirn steiler und breiter; die Brauen zogen sich dunkler über den grauen Augen, die durchdringender blickten, während die dünnen Lippen, welche jetzt ein kurzgeschorener Schnurrbart beschattete, sich, sobald er schwieg, fester aufeinander schlossen: alles in allem ein Gesicht, wie es einem geborenen Herrscher zukam, und in das ich doch bei aller Bewunderung, nicht ohne bange Wehmut blicken konnte: es lag auf der imperatorischen Großheit ein so tiefes, hoffnungsloses Weh, besonders wenn er, was freilich selten genug geschah, lächelte: es war dann, wieder Scheideblick der Sonne über einem erhabenen Meer, von dessen anderer Seite schon die Nacht heraufzieht.

Ich hütete mich, meine Beobachtungen laut werden zu lassen, ja, vermied es, ihn weiter prüfend anzublicken; wurde freilich dann auch von Adele, die jetzt mit dem Samowar wieder ins Zimmer kam, ganz in Anspruch genommen. Auch mit ihr war eine große Veränderung vorgegangen, aber, womöglich, noch zu ihren Gunsten, trotzdem ihre frühere reizende jugendliche Fülle und Frische verschwunden war. Die Gestalt war schlanker, das Gesicht schmaler und blasser, auch der helle Silberklang ihrer Stimme hatte sich vertieft; aber sie war mir nie so schön und vornehm erschienen damals als Châtelaine in ihrer prächtigen Villa, umgeben von all den tausend kostbaren Brimborien einer eleganten Dame, wie jetzt in dieser dürftigen, alles Luxus und Komfort entbehrenden Mansardenwohnung, an deren ungedecktem Theetisch sie nun hausfraulich waltete mit einem Schürzchen über der dunklen völlig schmucklosen Kleidung.

Der Samowar sang sein trauliches Lied; aus den Zigaretten der beiden Herren stieg der bläuliche Rauch zu der niedrigen Zimmerdecke und hüllte uns alle in eine behagliche Wolke; munter schwirrte das Gespräch um den runden Tisch, wohl von keinem so gewürdigt und so eifrig gepflegt, wie von mir. Als der Neuling des kleinen Kreises, in welchem jeder die Schicksale, Gedanken und Strebungen des andern längst kannte, war ich, so wie so, vor der Hand der Mittelpunkt des gemeinsamen Interesses; und mir war es Bedürfnis und Lust, mich endlich einmal wieder frei vor freien hochgebildeten Menschen aussprechen zu dürfen. Hatte ich doch dieses Glück so lange Jahre entbehren, in meinen Schauspielerkreisen immer erst selbst das Gespräch auf höhere Gegenstände lenken müssen, um nur zu bald inne zu werden, daß keiner mich verstand, der Horizont keines über die klägliche Enge des Metier hinausging. Hier ging der Horizont soweit Gedanken von Menschen reichen, die sich von keinem Vorurteil einschränken, sich von keiner hergebrachten Meinung imponieren lassen. Dieses wonnige Gefühl, diese erhebende Gewißheit erfüllten mich gänzlich und ließen mich mein Innerstes erschließen rücksichtsloser, als ich es vielleicht vor mir selbst je gewagt hatte. Und freilich, wie hätte ich sonst meinen irren Lebenslauf für die Hörer verständlich und begreiflich erzählen können? verständlich und begreiflich machen können, warum ich die goldenen Ketten, in denen mich der Herzog fesseln wollte, zerreißen mußte, um, da ich als Dichter durchzudringen verzweifelte, den Versuch zu machen, ob ich als Schauspieler nicht ein Etwas wenigstens von meinen künstlerischen Jugendidealen retten könne? Wie ich dann endlich – leider so spät – begriffen, daß diese Sorte Kunst nichts anderes sei, – für mich, den Talentlosen, wenigstens, – als das traurigste Handwerk, ein geschäftiger, seelentötender, herzentnervender, heilloser Müßiggang, welchem ich entsagte, um ein ehrlicher Handwerker zu werden, der, wenn er den Leib placken muß, doch die Seele frei erhält und ein Herz, das für die Not der Armen schlagen darf, nicht in müßiger Sympathie, sondern als lebensvoller, mitfühlender, mitagierender Teil des Teils, der im Grunde genommen so ziemlich die ganze Menschheit einschließt.

Dem Redseligen war vollste Teilnahme geschenkt worden; Adele, neben der ich saß, hatte den Blick nicht von mir gewandt; bei Schilderungen von Situationen, in denen es mir besonders mißlich ergangen, wie bei denen meiner Hamburger Abenteuer, waren ihre lieben Augen feucht geworden, und sie hatte mir innig die Hand gestreichelt. Ich hatte die Liebkosung ebenso erwidert, längst befreit von der qualvollen Sorge, die mir im Anfang meiner Erzählung doch noch das Herz bedrückt: es könne in ihrer Seele eine Ahnung, vielleicht die Gewißheit davon sein, daß ich sie einst mit einer anderen, ach, so ganz anderen Liebe geliebt. Aber sie spottete so heiter über meine Kurzsichtigkeit, ein Verhältnis nicht durchschaut zu haben, das für niemand sonst bei Hofe und in der Stadt ein Geheimnis war, zum Erstaunen des Herzogs, der geneigt gewesen, mich in meiner Naivität für den größten Schauspieler der Welt zu halten, bis er sich wohl überzeugen mußte, daß meine Unbefangenheit ganz echt war, und er mich gerade deshalb nur noch mehr geliebt hatte.

Denn er hat Dich geliebt, sagte Adele, wohl noch mehr als mich: als sein besseres, reineres, höheres Selbst. Das mag Dir auch die Katastrophe erklären, in welcher er so kleinlich erscheint und doch nur bejammerungswürdig ist. Er glaubte, in seinen Gedichten sein Höchstes gegeben zu haben. Und dies Höchste verworfen, von Dir verworfen zu sehen, um dessenwillen er stolz auf seine Leistung war, nach dessen Lob und Anerkennung er gebangt hatte, wie ein Schüler nach einem guten Wort des Meisters – das machte ihn rasend und würde auch andere Leute so gemacht haben, die keine Herzöge sind. Aber, Lothar, ich wundere mich schon lange, daß Du kein Wort von Deiner Mutter sprichst. Du kannst uns hier doch voll vertrauen. Alexei ist natürlich längst unterrichtet, und ich hielt es für unnötig, Deinem Freunde ein Geheimnis aus Deiner Abstammung mütterlicherseits zu machen, nachdem ich ihm nicht verschwiegen hatte, daß wir Geschwister sind. Es ist doch undenkbar, daß es Dir selbst ein Geheimnis geblieben wäre, wenn Du auch vorhin von dem Hauptmotiv Deines verunglückten Auswanderungsplanes, ich meine: von dem Wunsche, Dich wieder mit Deiner Mutter zu vereinigen, ich weiß nicht weshalb, geschwiegen hast.

Ich erschrak. Ich hatte geglaubt, daß der Herzog selbst Adelen – gerade Adelen – gegenüber den Schleier nicht gelüftet von einem Verhältnis, in welchem er eine so traurig unritterliche Rolle spielte. Und nun wußte sie, nun wußten die Freunde, wovon ich gehofft, daß es mit den zunächst Beteiligten ins Grab gehen werde!

Und er hat den Mut gehabt, Dir das zu sagen? fragte ich in meiner Verwirrung.

Er mußte wohl, erwiderte Adele; wenigstens war es kaum zu vermeiden, als es sich darum handelte, Dich zu nobilitieren. Die Mutter des Barons von Hochheim durfte keine, wenn auch noch so schöne und liebenswürdige Schauspielerin, sie mußte eine vornehme Dame gewesen sein. Ich hatte dafür zu sorgen, daß das in den adligen Kreisen her umkam; ja, ich sollte im Notfalle vor einer Namensnennung nicht zurückschrecken. Nun, und der Herzog wußte recht gut, wie schwer mir die Lüge wurde. Da zog er es denn doch vor, mir die Wahrheit zu sagen, mir allein; wie er auch allein, nach seiner Versicherung, die Familienverhältnisse Deiner Mutter kannte. Möglich, daß Weißfisch, als wir endlich herausbrachten, daß Du Dich nach Hamburg gewandt hattest, und er Dir nachgeschickt wurde, geheime Instruktionen mitbekommen hat, um sich nötigenfalls der Mitwirkung des amerikanischen Konsuls und anderer Behörden versichern zu können. Aber durch Dein spurloses Verschwinden wurde das alles hinfällig. Ueberdies ist der Mann verschollen, und so hast Du nichts mehr von ihm zu fürchten.

Er ist wieder aufgetaucht, erwiderte ich; und erzählte, wo und wie ich gestern abend Weißfisch gefunden.

Adele verfärbte sich und warf einen ängstlichen Blick auf ihren Gatten, der lächelnd die Achseln zuckte.

Die Sache scheint mir sehr ernsthaft, sagte Adele; dieser Mann ist, soviel ich weiß, der einzige, der mich hier kennt, und der Dich, sobald er Dich mit mir zusammensähe, sofort rekognoszieren würde.

Was hätte er davon? sagte der Graf. Jemand, der sozialdemokratische Versammlungen frequentiert, ist wohl für unsereinen nicht fürchterlich.

Ueberdies, fiel ich ein, haßt er den Herzog, der ihn weg gejagt hat; ich glaube mich auch sonst für den Mann verbürgen zu können.

Und ich teilte seine Aeußerung von gestern abend betreffs Adelens mit, hinzufügend, daß ich dessenungeachtet und trotz der fast hündischen Anhänglichkeit, welche der Mann für mich an den Tag lege, die nötige Vorsicht nicht aus dem Auge lassen werde.

Aber, fuhr ich fort, dabei habe ich noch immer nicht gesagt, weshalb ich so beharrlich von meiner Mutter geschwiegen habe, ebenso wie es mir jetzt, nachdem die Rede auf diesen wundesten Punkt meines Lebens gekommen, und es kein Geheimnis mehr zu bewahren gibt, ein Bedürfnis ist, mich Dir und den Freunden offen darüber auszusprechen. Ja, ich kenne die Familienverhältnisse meiner Mutter vollkommen. Der Herzog hatte mir noch am letzten Abend unsers Beisammenseins, offenbar, um mich zu prüfen, wie weit ich etwa schon von dem wahren Sachverhalt unterrichtet sei, oder um mich eventuell auf das Kommende vorzubereiten, die wahre Geschichte meiner Mutter erzählt und nur, jedenfalls durch meine heftige Ablehnung erschreckt, die Identität der amerikanischen Dame mit der ehemaligen Schauspielerin bis auf weiteres verschwiegen. Diese Identität aber, obgleich ich auch so schon an derselben kaum noch zweifeln konnte, mußte für mich zweifellos konstatiert werden durch die Erzählungen der Müllersleute, denen meine Mutter wohl im Ueberschwang ihres erträumten Glückes alles gesagt hatte, und die den Sohn an der Aehnlichkeit mit der Unseligen auf den ersten Blick erkannten. Dennoch, liebe Adele: nicht der Wunsch, mit meiner Mutter wieder vereinigt zu sein – wie hätte der auch in mir aufkommen können, da das Gegenteil von Einigkeit stets zwischen ihr und mir bestanden! – nein, eher der Rachegedanke, vor sie hintreten und sagen zu dürfen: Das hast Du an mir gethan! war eines der Motive, die mir den Weg nach Amerika wiesen. Eines und das bald gänzlich hinter dem anderen zurücktrat: mich drüben all der Fesseln, die mich hier drückten, entschlagen, auf freiem Boden frei ausleben zu können. Es ist nun anders gekommen, aber deshalb bin ich kein anderer geworden. Im Gegenteil: dieser Freiheitsdrang ist nur in mir gewachsen zur vollen, mich ganz erfüllenden Leidenschaft, der ich auf meine Weise gerecht zu werden suche. Auf eine sehr bescheidene, ich gebe es zu, die sich kläglich genug ausnimmt im Vergleich zum Beispiel mit den agitatorischen Leistungen und Erfolgen dieser Herren hier. Es muß sich eben jeder nach seiner Decke strecken, und ich habe, durch traurige Erfahrungen gewitzigt, herausgefunden, daß meine Decke nun einmal nicht länger ist. Ja, ich habe resigniert, voll und ganz. Der Gedanke der Möglichkeit, die mir heute erst wieder näher gelegt wurde, doch noch als Dichter zu reüssieren, erscheint mir schon jetzt wieder völlig kindisch, wenn er mich auch auf einen Augenblick erregen konnte; und fratzenhaft bis zum Grausen die andere Möglichkeit, daß irgend ein abscheulicher Zufall meine Abstammung mütterlicherseits von den Vogtriz ans Licht brächte. Und ich sollte denken, wenn sonst niemand, müßtest Du, Adele, und Du Adalbert, müßten Sie, Herr Graf, diese meine Empfindungen verstehen und würdigen können.

Zu meinem Erstaunen fand die kleine Rede nicht den Beifall, auf den ich gehofft hatte. Adele lächelte verlegen, wie mir schien; Adalbert blickte starr vor sich hin, und gar der Graf schüttelte leise den Kopf. Ich sah ihn erstaunt fragend an.

Verzeihen Sie, sagte er, wenn ich bei aller Würdigung Ihrer Gefühle mich zu Ihren Anschauungen nicht ganz bekennen kann. Bei Freund Adalbert müßte es konsequenterweise der Fall sein, aber er mag hernach für sich selber sprechen. Sie haben da nämlich einen Kardinalpunkt berührt, über den er und ich uns durchaus nicht einigen können. Ich bin der Meinung, daß die Revolution, – die grundmäßige Umgestaltung der Verhältnisse, in denen wir leben und leiden, – von unten her, von dem Volke nicht ausgehen kann. Die träge Masse vermag sich nicht aus eigener Kraft zu heben; sie wird immer gehoben werden müssen und kann nur gehoben werden von denen, welche im Vollbesitz der Bildung sind, die Mittel derselben kennen und – was freilich die conditio sine qua non ist – diese Mittel auch anzuwenden verstehen und anzuwenden willens und entschlossen sind. Revolutionen von unten, wie die Jacquerie, die Bauernkriege, selbst noch die Erhebung des tiers-état 1789, oder heutzutage der irischen Land-Liga, oder unser kosmopolitischer Sozialdemokratismus werden immer unterdrückt, zertreten, zerschmettert werden und sich dann in ihr Gegenteil verwandeln und eine mehr oder weniger wüste Reaktion im Gefolge haben, solange sich nicht die gebildeten Klassen an der Erhebung beteiligen; das heißt selbst revolutioniert sind und die Sache, wie denn das ja nicht anders sein könnte, in die Hand nehmen. Deshalb mein beständiger Refrain: revolutionieren wir, wenn es möglich ist – und wenn es nicht möglich ist, hilft alles Revolutionieren nichts – die oberen Klassen: den Adel, die Offiziere, das Beamtentum, die oberen Zehntausend der Gelehrsamkeit, der Kunst und, nicht zum wenigsten, des Reichtums. Begnügen wir uns nicht, Außenwerke zu erobern und zu zerstören, an welchem dem Feinde nichts liegt, oder die er doch mit einem einzigen kühnen Ausfall zweifellos wieder in seine Hände bringen wird. Dringen wir, versuchen wir zu dringen in seine Hochburg, sei es mit Gewalt, sei es – was sich, wie die Dinge liegen, als praktischer erweisen wird – durch List, wie die Griechen in Ilion eindrangen. Dann und dann erst kann, dann aber wird auch Troja fallen, und der Leidenskrieg der Menschheit, wenn nicht ein Ende – an das ich nicht glaube – aber doch einen vorläufigen Abschluß haben, mit dem wir zufrieden sein dürfen. Deshalb noch einmal: laßt meinetwegen die Soldaten, wie sie sind, aber revolutioniert mir die Offiziere! Das revolutionierte Regiment mit reaktionären Offizieren wird gegen mich marschieren, das reaktionäre Regiment mit revolutionierten Offizieren für mich. Und eben deshalb: ich sehe kein Heil weder für unsere Sache, noch für ihn selbst darin, daß unser Freund hier, mein lieber Schwager, so weiter Bretter sägt und hobelt; aber sehr bin ich dafür, daß er mit seinen Gesinnungen, seiner Ueberzeugungstreue und seinem Opfermut die Millionen seiner Mutter erbt und, als ein großer Mann, der er dann in den Augen seiner Vogtrizschen Verwandten sein wird, das Lager derselben stürmend nimmt und uns unter anderen den Oberst von Vogtriz als Gefangenen zuführt.

Mein Gott, wie kommen Sie gerade auf den? rief ich erschrocken.

Der Graf lächelte; Adalbert antwortete für ihn: Er hat im Reichstag die Militärvorlage als Regierungskommissar zu verteidigen gehabt und – schlecht verteidigt – im Sinne des Meisters selbstverständlich. Wenigstens gibt man ihm schuld, daß es wesentlich durch seine Konzilianz zu dem Kompromiß des Septennats mit den sogenannten liberalen Parteien gekommen ist – eine traurige Abschlagszahlung, wie Du Dir denken kannst, für die Anbeter des rocher de bronze, alias der Omnipotenz der Bajonette in dem Staate der moralischen Eroberungen. Auch soll seine Stellung infolgedessen schwer erschüttert sein; die Kreuzzeitung warf ihn heute schon ganz ungeniert zu den Toten. Und die Toten, mußt Du wissen, reiten in jenen Regionen besonders schnell. Du brauchst also, wenn Du Deinem Idol – er war es wenigstens einst – zufällig begegnest, Dich nicht zu wundern, wenn einige der reaktionären Farben, in welchen er sonst strahlte, etwas eingedunkelt sein sollten. Schiller hat nicht umsonst die »drei Unzufriedenen« in seine revolutionäre Fiesko-Liste gebracht, wenn auch die richtigen Verrinas, sobald ihnen etwas contre cœur passiert, immer wieder »zum Herzog gehen« – was sich unser lieber Graf als Beitrag seiner Theorie der Revolutionen von oben gefälligst merken möge.

Adalbert hatte das in einem müden Ton gesagt, und über sein bleiches Gesicht zitterte wieder das melancholische Lächeln. Auch erhob er sich nach den letzten Worten und erklärte, noch von gestern her, wo er nach der Versammlung mit der Elite seiner Zuhörer in einer greulichen Kneipe bis drei Uhr habe beim Biere sitzen müssen, tödlich erschöpft zu sein. So war ich ebenfalls gezwungen aufzubrechen. Adele nahm schwesterlich zärtlichen Abschied von mir und verpflichtete mich, am nächsten Abend wiederzukommen. Der Graf leuchtete uns – diesmal mit einer Laterne – die steilen Treppen hinab und über den Hof durch den Flur zum Hause hinaus, nachdem er uns an der Thür gute Nacht gesagt, trotz der Laterne in seiner Linken, vom Scheitel bis zur Sohle der vornehme und gegen mich noch besonders höflich-freundliche Kavalier.

Wir machten schweigend ein paar Schritte auf der dunklen, einsamen Gasse, durch welche ein Regensturm heulte.

Unsre Wege trennen sich gleich hier, sagte Adalbert, stehen bleibend; ich wohne ganz in der Nähe – und er nannte mir Straße und Nummer, während ich mich schämte, zu sagen, daß ich dieselben schon längst aus dem Adreßbuch kannte.

Auch ich hoffe, Dich natürlich recht bald zu sehen, fuhr er fort, wenn ich auch morgen abend nicht zu Deiner Schwester kommen kann. Und, was ich sagen wollte, ich denke, Du erinnerst Dich daran, daß auch ich eine Schwester habe, die Dich herzlich liebt, und in deren dunkles Leben Du einen Sonnenstrahl bringen würdest. Sie wohnt mit meiner Mutter zusammen. Und nun lebe wohl und auf Wiedersehen!

Er schlug den Rockkragen in die Höhe und wandte sich, ohne mir diesmal die Hand gereicht zu haben, wie er das ja auch in der Maienzeit unsrer Freundschaft auf der Schule nicht zu thun pflegte. Wollte er damit ausdrücken, daß wir soweit als möglich wieder die Alten sein wollten?

Soweit als möglich? wie weit?

Ich grübelte darüber nach, während ich nun meinen einsamen Weg nach der sehr entfernten Wohnung fortsetzte. Wie gestern abend mit leidenschaftlicher Bewunderung, so gedachte ich heute seiner mit innigster Teilnahme. Großer Gott, war diese, wie es schien, hoffnungslose Schwermut der ganze auf ihn gefallene Anteil jenes Wohlergehens, welches er anderen zu bereiten mit der vollen Kraft seiner starken Seele strebte? Das konnte mich wahrlich um das wenige Glück, das ich mir errungen hatte, bange machen; geschweige denn um das viele, große, das mir an diesem Tage aus der Götter Schoß zugefallen. Der Freund, den ich in thörichter Bangigkeit hatte meiden wollen; die Schwester, nach der ich mich, ohne es mir einzugestehen, alle diese Jahre herzlich gesehnt und die jemals wiederzusehen ich aufgegeben hatte! Das war schon schier zu viel auf einmal für den Glückentwöhnten. Aber die Götter rächen ja nur den Uebermut. Sie sollten scharf ausspähen müssen, bis sie den Tischlergesellen darauf ertappten!

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