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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VII.

Ich besaß von meiner Theaterzeit her noch einen guten und kleidsamen Anzug, welchen ich für heute abend herausgesucht hatte, um Lamarque nicht in Verlegenheit zu bringen, wenn er sich an der Seite eines einfachen Handwerkers in einem eleganten Kaffee sehen lassen müßte.

Bis zu dem fast am entgegengesetzten Ende der Stadt gelegenen Lokal hatte ich einen langen Marsch, war aber doch der Erste auf dem Plan und hatte Muße, mich in meiner stillen Ecke an Tage zu erinnern, die nun schon so lange hinter mir lagen und die, auch nur ähnlich, für mich nie wiederkehren würden. War es, daß das Lokal wesentlich dem glich, in welchem die Kavaliere des herzoglichen Hofes zu verkehren pflegten; war es nur die Situation, – das Verweilen in einem stattlichen Gastraum, desgleichen mein Fuß seit jener Zeit kaum jemals und während der letzten Monate ganz sicher nicht wieder betreten hatte – meine Phantasie schwebte von Bild zu Bild, die alle aus jener Zeit in meiner Erinnerung blühten – frisch, als wären sie gestern erst entstanden; und von denen mir doch eines das so weitaus teuerste war. Wo weilte sie jetzt, die Liebe, Gute, Schöne? Wenn doch einmal die Gestalten meiner alten Freunde in meinem neuen Leben wieder auftauchen sollten, warum nicht auch ihre holde Gestalt? sie, die ich jetzt mit einer besseren Liebe lieben würde als damals: die Schwester, Wahlverwandte und Genossin in demselben Schicksal; sie, die sich, wie ich, mit Aufopferung von allem, was die künstlerisch angelegte Seele entzückt und dem für das Schöne aufgeschlossenen Sinn Balsam ist, losreißen mußte, wie von einem Zauber der Hölle, um des höchsten Gutes teilhaftig zu werden, ohne welches alle andern Erdengüter Staub und Asche sind.

Seltsam! habe ich mit den Kleidern von ehemals den Menschen von ehemals angezogen? Hat der alte Dichter recht mit seinem ›Naturam expellas‹? und ist es deine Natur, ein Träumer und Nachtwandler zu sein? Die Menschen und Dinge zu betrachten von einem Standpunkte, wo sie in anderen Proportionen und in anderer Beleuchtung erscheinen, als welche die Wirklichkeit des Tages ihnen giebt? Ist all dein redliches Streben, aus dir einen ehrsamen Handwerker zu machen, doch vergebens, weil du nun einmal von Haus aus ein Künstler bist? Oder ist das nur wieder das Spuken des alten Hochmutsteufels, der sich herauswagt, weil du deine sichere Burg mit ihrem soliden Leim- und Holzgeruch verlassen hast, um für eine Stunde einmal wieder Billardbälle klappern zu hören und den Rauch türkischer Zigaretten einzuatmen? Beim Himmel, er soll mir nichts anhaben, der schnöde Teufel, und käme er auch da in der zierlichen Gestalt, mit dem leichten Schritt und dem gewinnenden Lächeln Joseph Lamarques!

Er hatte, mich umarmend, auf jede Backe geküßt und hielt jetzt meine beiden Hände gefaßt, während seine schwarzen Feueraugen jede Linie meines Gesichtes zu mustern schienen. Das Resultat mochte ihn nicht befriedigen; er schüttelte kaum merklich den Kopf.

Ich bin inzwischen ein alter Kerl geworden, sagte ich lachend.

Damit hat es keine Not, erwiderte er; man sieht nur, daß Sie lange keine Komödie gespielt haben. Aber wie sollten Sie nach dem, was mir Ihr Bote von Ihrem Leben der letzten Monate erzählte! Ist denn das wirklich alles wahr?

Da ich nicht weiß, was er Ihnen erzählt hat!

Es wird schon wahr sein; wenigstens stimmt es mit dem, was Sie mir damals von Ihren Zukunftsplänen vorphantasierten. Ich hielt es für Phantasien. Wie konnte ich glauben, daß Sie aus einer so wunderlichen Grille blanken baren Ernst machen würden! Und Ihre Poesien? Ihre Dramen! Ihr Thomas Münzer in erster Linie! Das war doch ein famoses Stück trotz alledem – ich meine trotz einiger Längen und dramatischer, vielmehr theatralischer Unmöglichkeiten. Und mit dem sich bei nur einigermaßen guter Besetzung ein Erfolg erzielen ließe, und vielleicht ein großer.

Wollten Sie es etwa zur Aufführung am X.-Theater annehmen, Herr Regisseur?

Zweifellos! Abgemacht!

Und er streckte mir über das Tischchen, an welchem wir unterdessen Platz genommen, die Hand entgegen.

Sie sind toll! rief ich mit einem Lachen, das mir nicht von Herzen kam.

Gar nicht, erwiderte er. Ich brauche ein neues Stück, in dem viel Handlung, Massenwirkung, Scenenwechsel, Dekorationsspektakel – kurz ein Stück wie Ihr Münzer, das mir dazu die Möglichkeit gewährt, mich – in der Titelrolle natürlich – dem Publikum von einer Seite zu zeigen, von der es mich eigentlich noch gar nicht kennt. Seit Wochen geht mir das im Kopf herum, und hätte ich Ihre Adresse gewußt, beim Himmel, ich würde nicht auf Ihren Boten bis heute morgen gewartet haben. Also ich bekomme den Münzer?

Nicht eine Zeile!

Auch nicht, wenn es die Bedingung sine qua non ist, unter der ich mich verpflichten will, Ihre junge Protegé auch meinerseits zu protegieren?

Seit wann sind Sie denn –

Ein Jude geworden? Lieber Freund, glauben Sie, ich hätte es so weit gebracht, wenn ich nicht von Hause aus einer wäre?

Lassen wir den Scherz beiseite, Lamarque! Mit der Angelegenheit des armen Mädchens ist es mir bitterer Ernst; und ich weiß, daß Sie um unsrer alten Freundschaft willen auch ohne den Münzer für die Unglückliche thun werden, was in Ihren Kräften steht. Sie haben sie jetzt gesehen, gesprochen. Glauben Sie, aus ihr eine Schauspielerin machen zu können?

In Lamarques lebhaften Zügen zeigte sich ein entschiedener Unmut. Er erwiderte trocken:

Man kann aus jedem hübschen und nicht dummen Mädchen, wenn keine gute, oder gar große, so doch eine Schauspielerin machen. Hübsch genug ist die junge Dame, und dumm scheint sie gar nicht zu sein.

So wäre also nur noch die Frage, ob Sie sich ihrer annehmen wollen. Kommen Sie, Lamarque, seien Sie gut! Ich – ich gebe Ihnen auch den Thomas Münzer.

Top! rief Lamarque mit einem blendenden Lächeln, mir abermals die Hand entgegenstreckend, in die ich mit einem sehr schlechten Gewissen die meine legte. – Wann kann ich das Manuskript haben?

Wann Sie wollen. Und nun sagen Sie mir aufrichtig, wie haben Sie Christine Hopp gefunden? Hat sie Talent?

Zuerst eine Frage, die sehr indiskret scheint, die ich aber doch beantwortet haben möchte aus verschiedenen Gründen. Ist das Mädchen Ihre Geliebte?

Nein. Aber was hat das mit der Sache zu thun?

In schauspielerischen Dingen sind die Sachfragen auch fast immer Personenfragen – das sollten Sie doch wissen. In diesem Falle befreit mich Ihr offenherziges Nein von allen möglichen und unmöglichen Rücksichten, die ich sonst Ihrethalben hätte nehmen müssen, zum Exempel gleich bei der Beantwortung Ihrer Frage, die sie nun klipp und klar haben sollen. Ja, das Mädchen hat Talent, – zweifellos, und ich glaube bestimmt: ein sehr bedeutendes, das aber, wie jedes Talent, nur gedeihen kann, wenn es imstande ist und die Kraft hat, sich mit Hintenansetzung aller übrigen Interessen ganz seinen Aufgaben zu widmen. Begreifen Sie jetzt die Berechtigung meiner indiskreten Frage?

Ich reichte dem klugen energischen Manne stumm die Hand.

Damit ist nun gar nicht gesagt, daß sie nicht einen anderen liebt, fuhr er fort, und, offen gestanden, ich hatte und habe die Ueberzeugung: dem Mädchen rumort eine Liebe in Kopf und Herzen; aber, gilt diese Liebe nicht Ihnen, macht sie mir schon weniger Skrupel.

Warum?

Um des Schauspielers feine bartlose Lippen zuckte ein schalkhaftes Lächeln.

Sie erlauben, daß ich, um Ihre mir bekannte Bescheidenheit nicht zu verletzen, diese Frage unbeantwortet lasse. Sehen Sie, Sie werden schon rot, also: Passons là-dessus! Im übrigen: die Sache ist abgemacht. Ich nehme das Mädchen als meine Schülerin unter meine spezielle Protektion und komme, um auch den Punkt zu erledigen, für alle Kosten auf. Auch für die, welche es voraussichtlich machen wird, sie aus ihrem augenblicklichen Verhältnisse zu lösen. Sie müssen nämlich wissen, daß die Inhaberin des Putzgeschäftes, die ihr gestern gekündigt hatte, heute wieder anderes Sinnes geworden ist und eine so schöne und geschickte Person unter keiner Bedingung weglassen will, was ich ihr ja soweit auch nicht verdenken kann. Wir werden also eine Pression üben, eventuell die Frau mit Geld abfinden müssen. Auf jeden Fall will ich die Sache noch heute abend mit dem Substituten unsers Theater-Anwaltes besprechen, den ich gebeten habe, mir hier ein Rendezvous zu geben. Ich wundre mich, daß er nicht schon hier ist. Der Mann ist sonst die Pünktlichkeit selbst. Nun, er wird schon kommen. Und eh' ich's vergesse: wer um aller Heiligen willen, ist denn der Mensch, den Sie mir da heute morgen geschickt haben? Ich bin aus dem Kerl nicht klug geworden; so viel ist sicher, daß er in seinem Leben schon mit allen Hunden der Welt gehetzt ist.

Ich weiß eigentlich nicht, ob ich es Ihnen sagen darf, da er es Ihnen selbst nicht gesagt hat; erwiderte ich lächelnd. Es ist der, von dem ich Ihnen damals ein gut Teil erzählt habe: mein ehemaliger Lehrer, Weißfisch.

Der Schauspieler schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn.

Daß ich darauf nicht selbst verfallen bin! rief er. Ich werde wirklich mit jedem Tage dummer! Freilich Schwarzbach, wie er sich nannte, und Weißfisch! Als ob ich von Hause aus Lamarque hieße! Also das ist der famose Weißfisch! Nun begreife ich, weshalb der Mensch mit allen Theaterdingen Bescheid wußte, als hätte er sein Lebtag auf den Brettern gestanden! Ich habe es ihm auf den Kopf zugesagt, während er hartnäckig dabei blieb, er habe nur in besseren Tagen ein lebhaftes Interesse an diesen Dingen genommen, ohne jemals vom Metier gewesen zu sein.

Und darin hat er ja nicht eigentlich gelogen, erwiderte ich. Schauspieler ist er wirklich höchstens ganz vorübergehend gewesen. Aber das Theaterwesen freilich kennt er durch und durch. Und wenn Sie ihn irgendwie an Ihrem oder einem anderen Theater unterbringen können – als Inspizient, Sekretär, Souffleur, Deklamiermeister – er kann das alles, ist das alles – so würden Sie sich einen Gotteslohn verdienen an dem armen Kerl, dem es furchtbar schlecht geht; und mir nebenbei einen großen Gefallen erweisen, der ich gegen den Mann Schulden der Dankbarkeit habe, welche abzutragen mir meine Verhältnisse nur in einem sehr beschränkten Maße verstatten.

Ihre Verhältnisse? rief Lamarque. Was wissen Sie von Ihren Verhältnissen? Die werden Sie erst kennen an dem Tage, an welchem ich Ihren Thomas Münzer auf die Bühne bringe. Sie haben nie Vertrauen zu sich selbst gehabt, und dieser eine Fehler verdirbt alle Ihre übrigen prachtvollen Qualitäten. Würde Sie verderben, wenn es nicht noch andere Leute gäbe, die Gott sei Dank besser wissen, was von Ihnen zu halten ist. Zum Exempel eben Ihr Schwarzbach-Weißfisch. Ich will es Ihnen nur gestehen: ich habe den Mann, der ja augenscheinlich in schwerem Dalles war und so offenbar in und an ein Theater gehörte, eindringlich gefragt, ob ich nach dieser Seite nichts für ihn thun könne? Und was hat er mir geantwortet: Er sei mir sehr dankbar und wolle es auch nicht für alle Zeit verreden. Vor der Hand und bis auf weiteres betrachte er sich im persönlichen Dienste seines »gnädigen Herrn« – beim Styx, so hat er gesagt! Und als ich ihn darauf hin doch wohl ein wenig verwundert anblickte, fügte er, den großen Ludwig vom Gendarmenmarkt wirklich meisterhaft kopierend, hinzu: »die Zeit ist aus den Fugen. Schmach und Gram, daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam!« Aber verzeihen Sie, da ist der Doktor. Bleiben Sie sitzen! Ich hole ihn her. Sie werden einen interessanten Mann an ihm kennen lernen.

Lamarque hatte sich rasch erhoben und eilte elastischen Schrittes zwischen den Tischen durch nach dem vorderen Raum, in welchen die Eingangsthür von der Straße führte, und wo sein scharfes Auge den Eingetretenen bemerkt haben mußte. Ich bog mich wieder über mein Punschglas mit brennender Stirn. Sollte er nun doch in Erfüllung gehen, der Traum meiner Jugend, den ich zuerst geträumt in der kleinen Giebelstube, vor dessen Fenster der kahle Kornelkirschbaum stand, da oben in der dunklen Hafenstadt? Der Traum, den ich für immer ausgeträumt zu haben glaubte? Sind wir Menschen denn wirklich »ein Spiel von jedem Druck der Luft?« Aber durfte ich nein sagen, als er es so von mir forderte? Muß man nicht, wenn bessere Einsicht und Mitleid im Streit liegen, der sanfteren Stimme folgen? Muß man es nicht, so mußte ich es. Das ist die Konsequenz und Charakterfestigkeit der kleinen Leute; zu einem Adalbert wird man freilich auf diese Weise nicht. –

Hier bin ich wieder, lieber Lorenz. Darf ich die Herren miteinander bekannt machen: Herr Referendar Doktor Adalbert von Werin, Herr Lothar –

Weiter kam Lamarque nicht: ich hatte mich, einem unwiderstehlichen Drange folgend, Adalbert in die Arme gestürzt, nicht wie vorhin der Schauspieler mich umarmt hatte: bühnenmäßig, sondern im heißen Drange eines Herzens, das von Rücksichten auf Zeit und Ort nichts weiß. Adalbert war bei diesem Wiedersehen, das für ihn ein in jeder Weise unvorbereitetes war, kaum weniger bewegt als ich; Lamarque stand da, mit den schwarzen Augen, die ganz starr geworden waren, von dem einen auf den anderen blickend.

Nun, sagte er, das ist ja wie in einem dritten Akt, bloß daß wir es so echt doch nicht herausbringen.

Die Wirklichkeit spielt sich eben ohne Proben ab, erwiderte Adalbert heiter. Ich glaube wahrhaftig, Lothar, es ist das erste Mal, daß wir unsren gegenseitigen Empfindungen einen so theatralischen Ausdruck gegeben haben. Aber wie kommst Du hierher? Bist Du auch –

Wollte Gott, er wär's auch, oder noch, oder wieder, oder wie Sie sonst wollen! rief Lamarque lachend. Aber nun darf ich die Konfidenzen, die Ihnen beiderseitig auf der Zunge prickeln, nicht länger aufhalten. Vergessen Sie nicht, Lothar: Punkt zehn Uhr morgen früh habe ich das Versprochene; es ist dieselbe Stunde, in welcher ich unsre junge Schützlingin erwarte, den Kontrakt mit ihr abzuschließen. Auf Wiedersehen, meine Herren!

Der Schauspieler schüttelte uns die Hände und eilte davon, offenbar mit der Schlußscene und seinem Abgange sehr zufrieden. Adalbert schien sein Fortgehen kaum zu bemerken. Er hatte sich in den Stuhl geworfen, auf welchem vorhin Lamarque gesessen, und den Kopf in die Hand gestützt; aber ohne den Blick von mir zu wenden, der ich ihm nun gegenüber Platz genommen.

»Dies wär' kein Wunder, wundersüchtig Volk?« murmelte er. Mein Gott, wie wird sich Maria freuen! und die Mutter! und –

Er brach jäh ab und erhob sich schnell, einen Herrn zu begrüßen, der sich, offenbar Adalbert suchend, dem Tisch genähert hatte. Die beiden standen ein paar Schritte seitab, eifrig und leise miteinander sprechend, wobei mich ein paarmal der Blick des Fremden streifte. Ich mochte ihm ungelegen da sein; aber er war mir ebensowenig gelegen gekommen: ein schlanker, hochgewachsener Herr, der noch größer gewesen sein würde, wenn er sich nicht ein wenig gebückt gehalten hätte, und den ich nach dem schneeweißen kurzgeschorenen Haar und eben solchem Vollbart für einen älteren, ja alten Mann hätte nehmen müssen, nur daß die Festigkeit der Züge des männlich schönen Gesichtes gar nicht zu dieser Annahme paßte und noch weniger der Glanz der braunen Augen, während, so oft er zu mir herüberblickte, die Lider sich von denselben flüchtig hoben. Ich war eben im Begriff, Adalbert zu sagen, daß er mir eine Zusammenkunft zu gelegener Zeit geben möge, und war zu dem Zweck bereits aufgestanden, als die beiden zu mir herantraten.

Erlaube mir, lieber Lothar, sagte Adalbert, daß ich Dir hier einen sehr intimen Freund von mir vorstelle: den Kapitän Edgar Smith, der sich sehr freut, Dich kennen zu lernen, von dem ich ihm schon gar viel erzählt habe.

Und erlauben Sie mir, sagte der Kapitän in fließendem Deutsch, aber etwas fremdländischem Accent, indem er mir zu gleicher Zeit in englischer Weise herzhaft die Hand schüttelte, Sie zu bitten, mir mit unserm Freunde in meiner nahgelegenen Wohnung die Ehre zu erweisen. Ich vertrage nicht gut die Luft in einem öffentlichen Lokal.

Er hatte die letzten Worte mit einem Lächeln gesagt, das eine besondere Bedeutung haben mußte; und wirklich flüsterte mir Adalbert zu: wo die Wände Ohren haben.

Sie sind sehr gütig, erwiderte ich, aber –

Kein Aber, sagte Adalbert; auch für mich ist die Akustik solcher Räume nicht sehr zuträglich, und ich möchte Dich doch gern ungestört sprechen nach den langen Jahren.

Ich stehe zu Ihrer Verfügung, meine Herren, sagte ich.

Wir verließen zusammen das Lokal. Adalbert hatte meinen Arm genommen – er hatte das früher nie gethan – und der Kapitän ging vor uns auf dem schmalen Trottoir, mit aufgeschlagenem Paletotkragen, Kopf und Schultern etwas gesenkt, wie vorhin. Ich mußte mich wundern, daß mir plötzlich die Erinnerung des Abends kam, als ich im einsamen mondbeschienenen Park jenem Wanderer begegnete, der dann in Adeles Villa verschwand. Es war offenbar so gar nichts da, was die bittersüße Reminiscenz hätte heraufbeschwören können, außer etwa, daß jemand mit langen Schritten vor mir herging, dem ich folgte, ohne zu wissen, wohin er sich wenden würde.

Der Herr ist ein Engländer? fragte ich Adalbert.

Wenigstens war seine Mutter eine Engländerin; erwiderte er.

Aber auch der Name ist englisch?

Adalbert antwortete etwas, das ich nicht verstand: in der engen Straße war ein entsetzliches Wagengerassel; auf dem schlüpfrigen Trottoir drängten eilende Menschen, die jetzt, da es wieder zu regnen begann, die Schirme aufspannten; wir mußten einander loslassen. Ich verwünschte den Kapitän, dessen Dazwischenkunft mich um ein trauliches Beisammensein mit Adalbert gebracht hatte; ich war böse auf Adalbert, der so leicht in den Wunsch des Fremden willigen konnte, ohne auch nur den Versuch zu machen, uns von der lästigen Gegenwart desselben zu befreien.

Da sind wir, sagte Adalbert.

Der Kapitän war in ein Haus getreten, das trotz der späten Stunde noch offen stand, – ein sehr wenig vornehmes Haus, dessen Flur, in welchem man zur Linken durch ein Glasfenster in einen Branntweinladen sah, sich nach hinten auf einen Hof öffnete, wohin der Kapitän uns voranschritt mit einem kurzen: take care! Die Warnung war nicht unangebracht. Auf dem Hof herrschte beinahe völliges, und auf der steilen Hintertreppe, die wir nun hinaufzuklimmen begannen, völliges Dunkel, bis der Kapitän ein Wachskerzchen anriß, welchem er noch ein zweites folgen lassen mußte, bevor wir den dritten Stock erreichten und vor einer Thür standen, die er mit einem Schlüssel aufsperrte. Wir traten hinter ihm ein. Auf dem kleinen Flur brannte ein Lämpchen, dessen Dämmerlicht nackte weißgetünchte Wände erkennen ließ mit ein paar niedrigen dunklen Thüren, deren eine jetzt von innen geöffnet wurde. Eine weibliche Gestalt stand in derselben. Der Kapitän sagte ein paar Worte in einer mir unbekannten Sprache, worauf die Gestalt in das Zimmer zurücktrat, ohne die Thür wieder zu schließen. Er wandte sich an mich und sagte: Wollen Sie die Güte haben, einige Minuten bei meiner Frau zu verweilen? Ich habe noch ein paar Worte mit unserm Freunde zu sprechen.

Damit öffnete er eine zweite Thür, in welcher er mit Adalbert verschwand, mich so auf dem Flur allein lassend. Ich mußte wohl oder übel der erhaltenen Weisung Folge leisten und betrat das Zimmer der Dame, welche in dem mäßig großen Gemach an dem Sofatisch, auf dem eine Lampe brannte, stand, den ihr angekündigten Fremden erwartend.

Entschuldigen Sie, gnädige Frau, sagte ich. Ich kam nicht weiter. Die Dame stieß einen leichten Schrei aus und tastete, einen Schritt zurücktretend, hinter sich nach der Tischplatte. Im nächsten Moment aber hatte sie sich mir entgegengestürzt und an meine Brust geworfen: Lothar, mein geliebter Bruder!

Adele!

Sie hing an meinem Halse, weinend vor Aufregung und Freude. Ich dankte Gott, daß ich sie reinen Sinnes an mein Herz drücken durfte.

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