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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VI.

Der nächste Morgen fand mich, wie jeder vorhergegangene, bei der Arbeit, aber zum erstenmale wollte die Arbeit nicht flecken, und mein Mitgeselle Konrad Trütschler durfte zum erstenmale mit einem Schein von Recht den »gelernten Tischler« gegen den »Bönhasen« ausspielen. Er war auch sonst in übler Laune. Warum ich nicht, wie ich versprochen, gestern abend nach der Versammlung auf ihn gewartet habe? Nun sei er meinetwegen in das Gedränge vor dem Lokal geraten, und ein Schutzmann habe ihn notiert, trotzdem er »keinen Ton gesagt.« Ueberhaupt die Versammlung! In der einer gegen die Strikes und ein anderer für die Armee sprechen dürfe! Es sei ein Skandal, den er im »Volksstaat« oder im »Neuen Sozialdemokrat« denunzieren werde. Ob ich schon einmal bei den Christlich-Sozialen gewesen sei? da sei es eigentlich viel hübscher, und als Redner müsse er denn doch den Prediger Renner viel höher taxieren als den hochnasigen Herrn »von« Werin. Die Art kenne er! Junker bleibe Junker und damit basta. Wenn er einmal ans Regiment komme, den Herrn »von« Werin ließe er zuerst baumeln. Das sei gewiß.

So schwätzte der thörichte Mensch, während Otto, lässig arbeitend, halb zuhörte, halb vor sich hin träumte, und ich ungeduldig die Rückkehr Weißfischs erwartete, den ich mit einem Billet an Lamarque gesandt hatte.

In Angelegenheiten Christinens, von der ich heute morgen mit der ersten Ausgabe einen Brief erhalten, welcher noch gestern abend geschrieben war. Sie sei, als sie nach Hause gekommen, von ihrer Mutter mit der Nachricht empfangen worden, daß Herr Kunze dagewesen und erklärt habe, mit seiner Geduld zu Ende zu sein. Zwei Tage wolle er noch warten. Habe er dann Christinens Jawort nicht, werde er die Sache als abgebrochen betrachten, und die Familie möge zusehen, wie sie ohne ihn fertig werde. Die Mutter habe sie bös angelassen, als sie sich geweigert, und der Vater ihr gedroht, sie, im Fall sie bei ihrer Weigerung beharre, ohne Gnade zum Hause hinauszuwerfen. Sie zweifle nicht, er werde seine Drohung buchstäblich wahr machen. Nun habe sie sich ja freilich überzeugt, daß sie ihr Verhältnis mit Herrn von V. abbrechen müsse und dazu sei sie auch fest entschlossen; aber ebenso, ins Wasser zu gehen, bevor sie sich zwingen lasse, Herrn Kunze zu heiraten. Ich möge also keinen Augenblick verlieren, mein Versprechen von gestern abend einzulösen und mich für sie bei Herrn Lamarque zu verwenden. Sie habe gestern vergessen, mir zu sagen, daß auch die Putzmacherin, bei der sie bisher gearbeitet, ihr gekündigt habe, jedenfalls auf Antrieb des Herrn K., der recht gut wisse, daß ihr damit das letzte Mittel einer anständigen Existenz entzogen sei.

Ich hatte diesen kummervollen, in der Eile fast unleserlich geschriebenen, durch reichliche Thränenspuren halb verwischten Brief kaum entziffert, als Herr Kunze in die Werkstatt schickte, mich fragen zu lassen, ob ich einen Augenblick für ihn Zeit habe zur Besprechung einer Angelegenheit, die »auch für mich nicht ohne Interesse sei«. Das letztere sollte sich in der dann folgenden Unterredung, die über eine Stunde dauerte, in für mich peinlichster Weise bewahrheiten.

Ich hatte den Mann bis gestern abend für einen Ehrenmann durch und durch gehalten; heute lieferte er mir den Beweis, daß ich in der Einsicht und Befolgung seiner Trau-schau-wem-Maxime allerdings ein trauriger Stümper war. Er wolle und müsse das Mädchen haben und damit basta. Ob sie ihn liebe oder nicht, sei ihm ganz gleich. Seine erste Frau habe ihn auch nicht geliebt; aber gehorcht habe sie; das sei die Hauptsache; und wie man diese Hauptsache zustandebringe, dafür habe er seine untrüglichen Mittel. Christinens Eltern habe er »völlig im Sack«; es handle sich einzig und allein darum, daß das Mädchen erst einmal ja gesagt. Und dazu müsse ich helfen. Ich wisse, er sei ein vorsichtiger Mann, und so habe er sich die Mühe nicht verdrießen lassen, mich gründlich zu beobachten und sich zu überzeugen, daß ich nicht, wie er anfangs gefürchtet, um Christinens willen, die vielleicht schon früher meine Geliebte gewesen, nach Berlin gekommen sei, sondern um allen Ernstes meinem Schwachkopf von Bruder zu helfen. In diesem letzteren, sonst aussichtslosen Unternehmen habe er mich bekanntlich sehr wirksam unterstützt und sei auch ferner erbötig, dies in noch ausgiebigerer Weise zu thun, selbstverständlich unter einer Bedingung: daß ich eben meinen ganzen Einfluß daransetze, ihm das Mädchen zu verschaffen. Er habe sich von der Bedeutsamkeit dieses meines Einflusses überzeugt. Wenn der alte Trunkenbold von Vater noch vor einem Menschen Respekt empfinde, so sei es vor mir, habe ihm Frau Hopp gesagt, und daß Christine von jeher zu mir, als »zu einem höheren Wesen aufgeblickt«, seien Herrn Hopps eigene Worte. Wie ich das fertig gebracht, werde ich wohl besser wissen als er, und darüber und über einiges andere, was damit in Zusammenhang stehe, ihm wohl noch eines schönen Tages reinen Wein einschenken müssen, wenn wir gute Freunde bleiben wollten, denn er sei ein vorsichtiger Mann und seine Maxime sei: Trau-schau-wem? Vorläufig halte er sich an die Thatsache meiner Autorität in der Hoppschen Familie und frage nun, ob ich, in anbetracht der Hilfe, die er mir im Geschäft geleistet habe und weiter leisten, oder aber entziehen und in das Gegenteil verkehren werde, – je nachdem, – meinen Einfluß zu seinen Gunsten anwenden wolle, oder nicht? –

Und diesen Menschen hatte ich der armen Christine gestern abend noch als Gatten empfehlen können! Das brennende Schamgefühl, die Verzweiflung des Mädchens bei dem gräßlichen Gedanken nicht gewürdigt zu haben, beherrschte mich für den Augenblick ganz. Ich mußte mich in ihren Augen wieder ehrlich zu machen suchen. Um Zeit zu gewinnen, murmelte ich etwas von meinem Entschluß, alles thun zu wollen, wozu ich mich als Freund Christinens, der ich in der That sei, nach den soeben empfangenen Mitteilungen verpflichtet fühle. Das Schielauge schien in dieser Erklärung nicht ganz den »reinen Wein« zu sehen, wie ihn die Vorsicht liebt; aber ich bat, mich für diesmal zu entschuldigen; ich sei in der Werkstatt nicht länger abkömmlich.

In dieser meiner Not und Bedrängnis war mir nun Weißfisch als ein willkommener Helfer erschienen. Ich hatte ihn vor der Thür der Werkstatt getroffen, in die er sich nicht hinein gewagt, nachdem er von Anna gehört, daß ich drüben bei Herrn Kunze sei. Ohne Zweifel hatte er, indem das eine Wort das andere gab, von meiner Schwägerin noch mehr gehört, das heißt wohl so ziemlich alles, was ihm in Beziehung auf mich und meine dermaligen Verhältnisse zu wissen irgend wünschenswert sein konnte. Wenigstens fiel mir nachträglich ein, daß er sich bei mir nach nichts erkundigte, über nichts verwundert war, sondern alles als etwas ihm längst Bekanntes und Geläufiges hinnahm. Wußte er doch selbst den Namen des kleinen Säbelbeins, der das Frühstück in die Werkstatt trug! Für den Moment war ich viel zu erregt, um darauf achten zu können. Ich bemerkte nur, daß das Aussehen des Mannes weniger verwildert, vor allem auch sein Anzug sauberer und ordentlicher war, als gestern abend, und würde auch dies schwerlich beachtet haben, wenn es mir nicht für meine Absicht willkommen gewesen wäre. Der Bote, den ich zu meinem theatralischen Freunde schickte, durfte nicht gar so banditenmäßig auftreten, und ich hatte sofort beschlossen, daß Weißfisch dieser Bote sein solle. Wer wäre zu einer solchen Mission geeigneter gewesen, als der Kluge, Vielgewandte, um so mehr, als ich weder Zeit noch Ruhe fand, Lamarque mein Anliegen in einem ausführlichen Briefe vorzutragen, er aber doch in großen Zügen wissen mußte, um was es sich handelte, und es deshalb notwendig war, den Boten so weit einzuweihen, daß er etwa wünschenswerte Auskunft mündlich erteilen könne.

Das mochte gegen neun Uhr gewesen sein; jetzt ging es bereits stark auf Mittag, und Weißfisch war noch immer nicht zurück. Meine Unruhe hatte den höchsten Grad erreicht. Wenn er Lamarque nicht fand, oder dieser ihn heute nicht sprechen konnte, so ging ein kostbarer Tag verloren, und für die hereindrohende Entscheidung blieb nur noch der morgende, der leicht ebenso resultatlos verlief. In meiner arbeitswidrigen Stimmung hatte ich ein kostbares Brett völlig verschnitten zu großem Ergötzen des »gelernten Tischlers« und nicht minderer Bestürzung Ottos, der darüber so tief und anhaltend seufzte, als sei ihm von Stund an der gänzliche Ruin des Geschäftes nur noch eine Frage der allernächsten Zeit. Endlich watschelte Rudolfchen in die Werkstatt, »draußen sei einer, der Onkel Lothar zu sprechen wünsche«. Es war natürlich Weißfisch.

Er brachte gute Kunde, die er mir mit dem gehaltenen Ernst und der gewissenhaften Umständlichkeit eines treuen, streng geschulten Dieners ausrichtete, kaum daß sich die hellen Augen jezuweilen ein diskretes Lächeln verstatteten. Er habe Herrn Lamarque in seiner Wohnung getroffen, als derselbe im Begriff gewesen, zur Probe zu gehen, wohin er ihn dann begleitet, um ihm unterwegs und hernach hinter den Kulissen in gelegentlichen Pausen der Probe, bei welcher Herr Lamarque die Regie gehabt, die betreffenden Mitteilungen zu machen. Infolgedessen habe sich der komplizierte Auftrag, wie ich vielleicht gütigst zugeben werde, nicht so schnell erledigen lassen. Er brauche wohl kaum zu sagen, daß Herr Lamarque, sobald er (Weißfisch) nur meinen Namen genannt, wie elektrisiert gewesen und sich bereit erklärt habe, was nur immer in seinen Kräften stehe in der fraglichen Sache zu thun.

Um die Sache möglichst zu expedieren, fuhr Weißfisch fort, glaubte ich noch ein übriges thun zu sollen. Der Schwerpunkt der Frage schien mir darin zu liegen, ob die junge Dame sich überhaupt zu dem Metier qualifiziere. Ich fragte deshalb Herrn Lamarque, ob ich ihm noch heute dieselbe zuführen dürfe? Es würde ihm nichts lieber sein, erwiderte er; wir einigten uns auf die Stunde vor dem Anfang des Theaters. Ich begab mich nun in das Geschäft, in welchem Fräulein Hopp arbeitet, ließ die junge Dame herausrufen – ich mache mein Kompliment, gnädiger Herr, eine remarquable Beauté! – verständigte mich mit ihr und werde sie heute Punkt sechs Uhr zu Herrn Lamarque begleiten, in einem geschlossenen Wagen selbstverständlich. Ich bin überzeugt, daß das Resultat der Prüfung ein günstiges sein wird. In jedem Fall bittet Herr Lamarque um die Ehre und das Vergnügen, Ihnen darüber mündlich Bericht erstatten zu dürfen, und schlug zu diesem Zwecke eine Entrevue in dem Theaterkaffee in der X-Straße – ganz dicht bei dem Theater – vor. Ich glaubte, im Interesse der Sache, ohne erst Ihre Erlaubnis einzuholen, Herrn Lamarque Ihr gütiges Erscheinen zur bestimmten Stunde zusichern zu sollen.

Weißfisch verbeugte sich und fragte, ob der gnädige Herr noch sonst Befehle für ihn habe? Ich erwiderte, wider meinen Willen über den närrischen Menschen lachend, daß ich ihn ein für allemal bäte, diese Possen in Zukunft zu lassen. Im übrigen sei ich ihm für seine Bemühungen, durch die er mir einen großen Dienst erwiesen habe, aufrichtig dankbar. Zu dem Rendezvous würde ich mich selbstverständlich einfinden.

Die Dankbarkeit und zwar die alleraufrichtigste, innigste, erwiderte Weißfisch, kann in einem gewissen Verhältnisse immer nur auf meiner Seite sein.

Er zog den Hut – die Unterredung hatte auf dem Hofe stattgefunden – und entfernte sich mit langen bedächtigen Schritten. Ich blickte ihm nach im Bann einer seltsam gemischten Empfindung. Mit dem Erscheinen dieses Mannes hatte mein Leben vor sechs Jahren eine andere Wendung genommen. Damals war ich noch ein halber Knabe gewesen und bildsames Wachs in seiner geschickten Hand. Jetzt fühlte ich mich ein Mann, stark genug, jeden unliebsamen Eingriff in mein Leben abwehren zu können. Und von einem Eingriff konnte vorläufig nicht die Rede sein: in allem, was hier geschah, war ich die bestimmende Kraft; er der Ausführer meines Willens. Die Zusammenkunft mit Lamarque hatte ich nicht gerade gewollt und wäre derselben gern überhoben gewesen. Aber einmal war sie, wie die Dinge lagen, unvermeidlich, und dann war Lamarque derjenige meiner alten Freunde, mit dem wieder zusammenzutreffen, am wenigsten verfänglich schien. Er war mir ein braver Kamerad gewesen auf einer kurzen Strecke meines Lebensmarsches, nicht mehr; nicht ein Herzbruder, wie Schlagododro, nicht einer jener Ausnahmemenschen, wie Adalbert, denen gegenüber nur die bange Wahl bleibt, ob man sie begeistert lieben oder von Herzensgrund hassen will, und die in keinem Falle über den Horizont unsers Lebens ziehen können, ohne ihre Feuerspur zurück zu lassen.

So suchte ich mir das dunkle Gefühl der Unruhe weg zu reden, das mir trotz alledem im Busen blieb, und in welchem ich nach kurzsichtiger Menschenweise den Schatten nicht erkannte, den die kommenden Ereignisse vor sich her in unsre Seele werfen.

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