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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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V.

Durch diese Straßen eilte ich nun heimwärts in einer Aufregung, die wohl erklärlich ist, wenn man bedenkt, in welcher Weltabgeschiedenheit, mein selbst vergessend, einzig der nächsten Aufgabe lebend, ich alle diese Wochen verbracht hatte, um mich auf einmal in die große Arena geschleudert zu sehen, in welcher die Massenkämpfe der Menschheit ausgefochten werden. Denn dies war es, was sich mir zuerst unabweislich aufdrängte: daß ich, jedem sonstigen Wunsch meines Herzens, jeder noch so tief gewurzelten Neigung meines Geistes, jedem liebsten Spiel meiner Phantasie schroff entsagend, hierher gekommen war, mich, wie Professor von Hunnius es gewollt, als Soldat in diesen Kampf zu stürzen, und – die große Sache doch wieder klein aufgefaßt hatte, als Privatmensch, der, mag der Donner der nahen Schlacht noch so laut grollen, Zeit und Muße findet, seines Gärtchens zu warten. Was war ich neben Adalbert! Ich hatte ihm das Uebergewicht des kräftigeren, umfassenderen Geistes, der glänzenderen Begabung von jeher neidlos zugestanden. Diese Vorzüge fielen zweifellos bei seiner Leistung heute abend schwer ins Gewicht; aber sie erklärten doch keineswegs völlig die gewaltige Wirkung seiner Rede; vor allem nicht den treuherzigen Glauben, welchen seine Zuhörer ihm entgegenbrachten, und der sie selbst dann nicht völlig verließ, wenn sie ihn, wie es heute mehr als einmal der Fall gewesen, ganz offenbar nicht verstanden. Sie glaubten eben an ihn und durften, mußten an ihn glauben, weil er an seine Sache: an die Möglichkeit glaubte der endlichen Befreiung des Menschengeschlechtes aus den Banden knechtischer Gesinnung, in die – es sich selber schlägt. Das war das Zeichen, unter dem er stritt und siegte. Das war die Quelle, aus der er die Hammerkraft schöpfte, mit der jedes seiner Worte diese Bande traf. Großer Gott, was war ich neben diesem! Ein Knabe neben einem Manne! Einer, der nie den Mut haben würde, auf seine Ziele loszuschreiten, ohne nach rechts oder links zu blicken; der immer ängstlich erwägen würde, ob die Mittel zum Zweck auch skrupellos loyal, nicht das eine oder das andere irgend eine zarte Seele beleidigen dürfte! Himmel, mit welchen Trugschlüssen, mit welchen Sophismen hatte der Mann heute operiert, wenn er sah, – und sein Falkenauge irrte sich nie – daß er so schneller und sicherer seine Hörer dahin bringen könnte, wohin er sie haben wollte!

Ein geborener Heerführer, zu dessen Fahne sie in hellen Haufen strömen, und der es versteht, aus Gesindel Soldaten zu machen. Er brauchte die Kunst! Was für Menschen waren es gewesen, die meisten seiner Zuhörer! Ich wollte sie nicht schelten; ich wußte jetzt, daß sie nicht anders sein konnten, aufgewachsen, wie sie es waren, in materiellem Elend, ohne geistige und sittliche Pflege, von früher Jugend an keuchend unter dem Joch einer unerbittlichen seelenlosen, seelenmörderischen Arbeit. Aber würden sie jemals anders werden? er und seinesgleichen je das Joch brechen, die Sklaven der Arbeit zu freien Menschen machen? Oder sah die Einfalt des braven Droschkenkutschers doch weiter als die Genialität des kühnen Demagogen? Würde je für ihn die fürchterliche Stunde kommen, wo er sich mit dem Weisen von Ferney sagen müßte: es ist alles vergebens; und du verläßt die Welt so dumm und so schlecht, wie du sie gefunden? Wahrlich, wie ich ihn kannte, diese Stunde, sollte sie ihm kommen, es würde seine letzte sein, denn er würde sie zu seiner letzten machen.

Und wie nun so meine Gedanken bei ihm weilten, dem ich die höchsten Weihestunden meiner Jünglingsjahre verdankte, erfaßte mich jählings eine unendliche Sehnsucht nach ihm. Ich konnte nicht begreifen, wie ich es über mich gebracht hatte, seinen Namen hundertmal im Adreßbuche zu lesen und ihn nicht einmal aufzusuchen; vorhin mich begnügt hatte, seine geistvollen Züge mir aus der Ferne durch den Dämmer der schwülen tabaksraucherfüllten Luft des weiten Raumes mühsam zusammen zu suchen, nicht seiner am Ausgang des Saales geharrt hatte, ihm die Hand zu drücken. Die schlanke kühle Hand! Er mochte sie sich ja nie drücken lassen, auch nicht von mir, den er doch in seiner Weise geliebt hatte! Nein, es war besser so. Folgen konnte ich ihm auf seinem steilen Pfade nicht; so mochten unsre Wege getrennt bleiben, wie ich wünschte und hoffte, daß sich der meine und der Schlagododros nie kreuzen möchten. War ich kein kühner Steiger, wie der eine meiner alten Freunde, – ich wollte gern des adligen Mutes entbehren, mit dem sich der andere in die Tiefe stürzte. Ich wollte meinen ebenen Weg, wie ich ihn mir vorgezeichnet, so weiter gehen, ohne Tausende vielleicht glücklich, aber auch ohne eine Menschenseele so unglücklich zu machen, wie ich die arme Christine vor ein paar Stunden gesehen hatte.

Vor ein paar Stunden? Ja, war denn das alles im kurzen Laufe eines einzigen Abends vor sich gegangen? hatten ein paar Stunden genügt, die Vergangenheit, welche ich für immer begraben wähnte, zur Gegenwart zu machen, die mit gieriger Hand in mein Leben greifen wollte? Dem Dienst, den Christine von mir heischte, durfte ich mich ja keinesfalls entziehen; mit einem dritten der sorgsam gemiedenen Freunde, mit Lamarque, mußte ich also sicher wieder anknüpfen, wenn sie sich nicht zu der Heirat mit dem alten Holzhändler entschloß. Und wer konnte wissen, wohin dieser eine erste Schritt aus dem engen Kreis meines kleinbürgerlichen Lebens mich führen würde?

Ich stand vor diesem Gedanken, der für mich etwas seltsam Erschreckendes hatte, jäh still – zum erstenmale in dem Laufschritt, mit welchem ich aus dem Versammlungslokal fürbaß geeilt war – um auch sofort die tiefste seelische und physische Erschöpfung zu empfinden. Seit einem frühen Mittag hatte ich keinen Bissen gegessen, keinen Trunk gethan – und es ging stark auf elf. Die Zunge klebte mir am Gaumen. Ich befand mich freilich bereits in der Nähe unserer Wohnung, aber dort würde alles längst zu Bett sein, und ich hatte gesagt, daß man mir das Abendbrot nicht aufzuheben brauche. Dicht vor mir hing eine rote Laterne über einem jener Keller, in welchem »der gemeine Mann« zu verkehren pflegt. Ich stieg die paar Stufen hinab und fand in einem zweiten stilleren Raum hinter dem noch sehr belebten »Billardzimmer« in einer Ecke ein Plätzchen, wohin mir der verschlafene Kellnerjunge Butterbrot und ein Glas Bier brachte.

Ich setzte das zur Hälfte geleerte mit einem tiefen Atemzuge hin.

Wohl bekomm's! sagte eine Stimme hinter mir.

Ich wandte mich, nur, um mich zu überzeugen, daß mich meine überreizten Nerven geäfft hätten, und fuhr von meinem Sitze auf.

Sie irren sich nicht, sagte der Mann; ich bin es wirklich. Glaub's gern, daß Sie den Weißfisch, wie er da vor Ihnen steht, schwer erkennen. Habe ich doch selbst Mühe gehabt, meinen gnädigen Herrn aus dem Kostüm herauszuschälen.

Er lächelte; aber in seinen hellen Augen flackerte es unruhig. Er war offenbar in Zweifel, wie ich diese Begegnung nehmen würde; und wirklich war meine erste Regung, ihn anzuherrschen, daß er sich seines Weges trollen möge. Dann hatte eine zweite Regung die erste verdrängt: der Mann da vor mir, dessen früher sorgsam glattrasiertes oder mit einem Künstlerschnurrbart kokett ausgestattetes Gesicht ein struppiger Vollbart bis fast in die Augen umstarrte; dessen langer, sonst so wohlgepflegter, wohlgekleideter Leib in einem bis zur Schäbigkeit dürftigen Anzuge stak – er war zweifellos arm, vielleicht in Not – ich konnte es nicht über das Herz bringen, ihn von mir zu jagen.

Die hellen Augen hatten mir das alles längst vom Gesichte abgelesen.

Darf ich? sagte er, die Lehne eines zweiten Stuhles, der an dem Tischchen stand, berührend.

Ich nickte; er nahm Platz. Die Augen waren jetzt auf mein Butterbrot gerichtet mit einem Blick, den ich früher vielleicht nicht verstanden hätte.

Nehmen Sie! sagte ich.

Er griff hastig zu und murmelte, wie zur Entschuldigung seiner Gier: ich habe heute noch nichts gegessen.

Genieren Sie sich nicht; sagte ich: ich lasse mehr kommen.

Der Kellnerjunge brachte das Bestellte. Er aß und trank, ohne aufzublicken, ohne ein Wort zu sprechen; und mit jedem Bissen, den er hinunterschlang, jedem Schluck, den er that, schwand etwas von der Feindseligkeit, die ich anfangs gegen ihn empfunden. Beruht doch die Heiligkeit der Gastfreundschaft zum guten Teil auf dem Lustgefühl des Wohlthuns, das selbst die grimme Kraft des Hasses bändigt. Und dann, hatte ich auch volle Ursache, den Mann zu hassen, der schon meiner Mutter und später mir so viel des Leides bereitet – wäre mir ohne ihn so manche Stunde geworden, an die ich doch nur mit schmerzlichem Sehnen zurückblicken konnte – trotz alledem?

Er hatte seinen Hunger gestillt, that noch einen kurzen Zug aus dem Glase, welches ich ihm bereits zum zweitenmal hatte füllen lassen, und sagte, das lange Schweigen brechend:

Ich will es nur gestehen: ich stand da – er wies mit dem Daumen über die Schulter nach der Stadt zurück – während der ganzen Zeit in Ihrer Nähe und hätte Sie wohl ansprechen können; aber ich wagte es nicht. Bin Ihnen auch schon auf dem langen Wege gefolgt, bis ich Sie hier hineingehen sah und mir den Mut faßte. Verzeihen Sie meine Dreistigkeit! Aber wenn man jemand, den man so –

Er fuhr sich über die Augen und murmelte: Gleichviel!

Sie würden es mir doch nicht glauben. Ich wollte auch nur sagen: wenn man jemand, den man sich in Amerika verschollen, vielleicht rot dachte, nun leibhaftig vor sich sieht, – noch dazu so, – und es hätte alles so anders, so ganz anders kommen können!

Lassen wir das, sagte ich mit Nachdruck. Es hat im Gegenteil so kommen müssen, und ich bin zufrieden, daß es so gekommen ist – für mich. Daß ich Sie freilich dabei um Ihre Hoffnungen und Aussichten, und wie ich annehmen muß, ins Elend gebracht habe, thut mir leid. Ich meinte, ein Mann von solchen Gaben würde sich immer zu helfen wissen.

Jawohl, erwiderte er, da helfe sich einer, der sich zwischen zwei Stühle setzt! Mit dem Kammerherrn hatte ich es gründlich verschüttet; er hat mich nicht einmal angenommen, als ich es wagte, mich wieder bei ihm zu melden, nachdem der Mohr bei dem – nun, Sie wissen ja, bei wem, – seinen Dienst gethan hatte und zum Teufel gehen konnte. Als ob es meine Schuld gewesen wäre, daß er nicht die Kunst verstand, Sie zu halten; meine Schuld, daß Sie sich auf und davon machten; meine Schuld, daß all meine Mühe, meine – ich darf wohl sagen – verzweifelten Anstrengungen, Ihrer wieder habhaft zu werden, Sie zurückzubringen – lebend oder tot, lautete der Auftrag – vergeblich waren.

Zum Beispiel in Hamburg, schaltete ich, wider Willen lächelnd, ein!

Ah! sagte er gedehnt. Sie haben mich gesehen! Nun verstehe ich, weshalb Sie nicht wieder in den Gasthof zurückgekehrt sind und lieber Ihre Sachen in Stich gelassen haben, um gleich an Bord gehen zu können. Das erfuhr ich freilich erst am folgenden Abend. Da war es zu spät, und die Jagd war aus. Das Schiff – Cebe hieß es – war längst auf offener See, und bis nach Chili reichte selbst seine Macht nicht.

Und doch hätten Sie mich noch vier, ja acht Wochen später in Hamburg finden können; sagte ich. Ueberhaupt bin ich gar nicht fortgekommen, weder damals, noch später.

Er blickte mich mißtrauisch an und sagte:

Sie spielen mit mir und haben es doch gar nicht nötig. Lieber wollte ich mir diese Hand und den Kopf abhacken lassen, ehe ich Sie an ihn verrate – ich meine: irgendwie gegen Sie für ihn Partei nehme. Einmal und nie wieder!

Ich wüßte auch nicht, welchen Vorteil Sie sich dabei versprechen könnten; erwiderte ich trocken. Sein Dank dürfte so gering sein, als der meine.

Der Ihre! rief er; ich muß es glauben. Aber der seine! Ach, gnädiger Herr, Sie wissen, Sie ahnen ja nicht, wie lieb er Sie gehabt hat! Als Sie fortgelaufen waren – verzeihen Sie! – da hat er geschäumt wie ein angeschossener Eber und geweint wie ein Kind. Ja, bei Gott, geweint und geschluchzt vor diesen meinen Augen; ich hätt' es nie für möglich gehalten. Und als ich zurückkam ohne Sie, da fehlte nicht viel, er hätte mir eine Kugel vor den Kopf geschossen. Und, »aus meinen Augen, Sie Lump, Sie« – nun, Sie kennen ihn ja! Ich hab' ihm den Lump und die anderen Ehrentitel nicht vergessen. Und als vor einem Jahre Frau von Trümmnau es gemacht hatte, wie Sie, und hernach in London sein sollte, und er sich dann doch des Mannes erinnerte, den er mit Schimpf und Schande fort und ins Elend gejagt, da habe ich ihm geantwortet: Ein Lump, Hoheit, eignet sich nicht zu einer so delikaten Mission. Da müssen Hoheit schon selber gehen. – Ja, und wenn die gnädige Frau hier in Berlin wäre und ich wüßte Straße und Nummer – ich bin nicht viel mehr als ein Bettler; aber eine Million könnte er mir bieten, auf die Folter könnte er mich legen, er kriegte keine Silbe aus mir heraus, der – verzeihen Sie: er hat mich zu schlecht behandelt.

Der Mann saß da, an den Lippen nagend, mit nervösen Fingern auf die Tischplatte trommelnd, während die Augen auf mich stierten, als gelte der Haß, den sie sprühten, mir und nicht dem anderen. Und wäre dieser Haß denn unberechtigt gewesen? Mochte er auch aus völlig selbstischen Gründen jene schlimme Intrigue damals eingefädelt und fortgeführt haben – er hatte immer seine ganze Existenz dafür aufs Spiel gesetzt und – das Spiel verloren. Andere, hätte er für sie dasselbe gethan, wie für mich, würden es ihm hoch gedankt und reich gelohnt haben. Ich durfte den Undank so weit nicht treiben, ihm, nachdem er indirekt durch mich ruiniert war, jede Teilnahme zu versagen.

Es thut mir aufrichtig leid, sagte ich, daß Sie dadurch in so mißliche Umstände geraten sind. Ich will Ihnen gern helfen, soweit ich kann. Wir sprechen gleich darüber. Vorher noch eines. Es ist nicht meine Sache, seine Rechtfertigung Ihnen gegenüber zu führen; aber ich erinnere mich mit Bestimmtheit, er war mit Ihnen unzufrieden, bevor er ahnen konnte, daß ich ihn verlassen würde. Sie hätten ihn in einer wichtigen Angelegenheit, die mit mir in Beziehung stehe, schlecht bedient. Ich habe eine Vermutung, was es gewesen ist. Es interessiert mich, es bestimmt zu wissen. Besinnen Sie sich!

Er richtete den Blick, den er an der niedrigen, rauchgeschwärzten Zimmerdecke hatte schweifen lassen, zögernd auf mich und erwiderte:

Schlecht bedient? hm, hm! Und in Beziehung auf Sie? Daß ich nicht wüßte!

Vielleicht helfe ich Ihrer Erinnerung nach, wenn ich sage, daß die betreffende Angelegenheit nach meiner Ueberzeugung weniger in Beziehung zu mir, als zu meiner Mutter stand?

Ah! sagte er, zu Ihrer Frau Mutter! Ja so! Aber was kann ich dafür, daß Ihre Frau Mutter seine Einladung, ihn mit ihrem Besuche zu erfreuen und Sie ihm persönlich zuzuführen, ausschlug und lieber in die weite Welt ging?

Sie hatten ihr diese Einladung persönlich überbracht – von Nonnendorf aus?

Ganz gewiß von Nonnendorf aus. Nachdem mich Ihre frappante Aehnlichkeit mit Ihrer Frau Mutter, die ich ja als junge Dame so gut gekannt, zuerst auf die rechte Spur gebracht und ich dann durch das Bild, das ich – das ich in Ihrer Kommode fand, die Gewißheit erlangt und Hoheit von meiner Entdeckung in Kenntnis gesetzt hatte, lief umgehend der Befehl für mich ein, alles zu versuchen, Ihre Frau Mutter zu bestimmen, sie möge ihm nur noch ein einziges Mal eine Zusammenkunft gewähren. Ich bin überzeugt, hätte Ihre Frau Mutter sich dazu entschließen können, es wäre alles anders gekommen. Ihre Frau Mutter war noch eine so wunderschöne Dame, ich möchte sagen, fast schöner als damals. Ich weiß, er würde Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt haben, sie nie wieder von sich zu lassen. Ich sagte es ihr; ich beschwor sie; ich fand nur taube Ohren. Dann, als Ihre Frau Mutter geflohen war – so muß ich es ja wohl nennen – brannte er nur um so mehr, Sie zu haben, bis ich es war, der sich erlaubte, ihn darauf aufmerksam zu machen, ob es nicht schicklicher sei, der Sache vor den Augen der Welt ein Mäntelchen umzuhängen. Die Komödienspielerei war dieses Mäntelchen. Sie sollten in das Theaterpersonal aufgenommen werden; er wollte Sie sich von Zeit zu Zeit kommen lassen, sehen, ob er Gefallen an Ihnen fände und so weiter. Nun, er hatte gleich am ersten Abend ein solches Gefallen an Ihnen gefunden, daß es zu dem Undsoweiter gar nicht kam, und wir uns die Komödie mit der Komödie hätten sparen können. Es ging ja alles so wunderbar, so selbst über mein höchstes Erwarten und Hoffen. Alle Welt war darüber einig, daß er von dem Augenblicke ein anderer Mensch geworden war. Um den Finger hätten Sie ihn wickeln mögen. Er that ja, was er Ihnen nur an den Augen absehen konnte, und mehr als das. Hatte er Ihnen doch auf der anderen Seite vom Walde in der schönsten Gegend, nicht weit von Bellevüe, ein herrliches Gut ausgesucht, das früher den von Hochheims gehört, mit einem wundervollen alten Schloß, daß Sie da dichten könnten nach Herzenslust – hat er mir selbst gesagt. Und ich bin drüben gewesen, mir Ihr Arbeitszimmer anzusehen und die Bibliothek, weil ich doch Ihren Geschmack am besten kannte. Und Sie sollten Baron von Hochheim werden – denn die alte Familie ist längst erloschen – es war alles fertig: Schenkungsurkunde, Adelsbrief – unterschrieben – ich habe es mit diesen meinen Augen gesehen – und ich kann Ihnen sagen, daß er in seinem Leben nichts gethan hat, worüber sich alle Welt so gefreut haben würde, denn da war keiner von den Herren Kavalieren bis zu dem letzten Diener und ich glaube, keiner in der Stadt und im ganzen Lande, der Ihnen nicht wohl wollte und Ihnen Ihr Glück von Herzen gegönnt hätte – und das alles, alles nun dahin – dahin!

Der wunderliche Mann hatte es mit so offenbar aufrichtiger Empfindung gesagt; ich konnte mich einer tiefen Bewegung nicht erwehren. Es war mir zum erstenmale unwiderleglich zu Gemüte geführt, was ich bis dahin hartnäckig von mir gewiesen: daß ich dem Herzog, als ich mich von ihm losriß, einen schweren Seelenschmerz bereitet; ich, der ich niemand geflissentlich weh thun konnte. Und dann, wie ich nun so dasaß, den Kopf aufgestemmt, vor mir die Reste des kärglichen Abendbrotes auf dem unsauberen Tische, wollte die Erinnerung wiederkommen jener halkyonischen Tage, in denen ich von goldenen Tafeln gespeist hatte, auf Wolken dahingetragen, wie die seligen Götter –

Mußte es denn sein?

Ich zuckte zusammen und starrte dem Manne, der das aus meiner Seele herausgesprochen hatte, erschrocken in das bärtige Gesicht. Er fuhr, mich mit den hellen Augen fixierend, bedächtig fort:

Und wenn es sein mußte – ich meine, wenn Sie in jenem Momente nicht anders handeln konnten – muß es denn so bleiben? Ich spreche, glauben Sie es mir, nicht für ihn, den ich hasse und dem ich jede Kränkung gönne; nur für Sie, an den ich mein Herz gehängt habe von der ersten Stunde, als ich Sie in Nonnendorf sah und auch gleich beschloß, daß Sie fortan mein Herr sein sollten, dem ich zu allen Ehren und allem Reichtum und aller Lust der Welt verhelfen wollte und um ein Haar verholfen hätte, ja, schon verholfen hatte, und den ich nun da vor mir sehe – ja, ich weiß nicht, was Sie jetzt sind; das aber weiß ich, so wahr ich lebe: es kostet Sie nur ein einziges Wort, und Sie sind wieder, was Sie damals waren: ein Herzogssohn und mein gütiger, gnädiger Herr.

Er hatte meine Hände, die ich auf den Tisch hatte sinken lassen, ergriffen und wollte sie an seine Lippen ziehen. Ich stieß den Versucher mit einer Heftigkeit zurück, der ich mich doch im nächsten Augenblick schämte.

Sie fragen, was ich jetzt bin, erwiderte ich; Sie sollen es morgen erfahren, wenn Sie mich besuchen wollen. Jetzt aber sagen Sie mir erst, wovon, wie Sie leben, damit ich eher weiß und bis morgen überlege, wie ich Ihnen helfen kann.

Der Mann blickte grollend vor sich nieder.

Wie ich lebe? sagte er dumpf: nun, wie ein Hund. Wovon ich lebe? nun, wovon die Hunde leben, die man auf die Straße gejagt hat, bevor sie der Schinder abfängt. Ich habe es auf alle Weise versucht, mich ehrlich durch die Welt zu bringen: es will mir nicht und nichts gelingen. Sie wissen: was Rechtes habe ich nicht gelernt und verstehe ich nicht. Als Kammerdiener nimmt mich keiner ohne Empfehlungen; man läßt mich auch in dem Anzuge schon gar nicht mehr vor. Hab's auch mit Komödienspiel versucht – die alte Geschichte: sobald ich auf den Brettern stehe, stolpre ich über meine eigenen Beine und die Leute pfeifen mich aus. So lebe ich denn von der Hand in den Mund: heute von Abschreiben, morgen von Teppichklopfen – was weiß ich! Und das Schlimmste ist, daß ich in all dem Elend dick und stark bleibe, als fräße ich mich aus der fettesten Herrenküche alle Tage dreimal dudelsatt. So mache ich sogar als Bettler Fiasko.

Sie sollen nicht betteln gehen, sagte ich, solange ich ein Stück Brot mit Ihnen zu teilen habe. Aber freilich, Sie müssen auch arbeiten wollen als ein ehrlicher Mann. Von dem allen morgen. Für heute abend –

Und ich gab ihm das wenige Geld, das ich bei mir hatte. Er wollte es anfangs nicht nehmen, that es dann aber doch. Ich nannte ihm meine Wohnung und schärfte ihm noch einmal ein, daß er mich morgen zu einer bestimmten Stunde aufsuchen solle. Wir waren die letzten im Lokal gewesen; der brummige Wirt, der bereits alle Gasflammen gelöscht hatte, außer der, unter welcher wir gesessen, geleitete uns hinaus. Wir standen auf der dunklen menschenleeren Gasse. Ich reichte Weißfisch die Hand; er wandte sich der Stadt zu; ich schlug den Weg nach meiner Wohnung ein, körperlich tief ermüdet, in dem aufgeregten Geist all die sonderbaren Ereignisse wälzend, die mir dieser Tag gebracht hatte, der erste, an welchem ich das stille arbeitsfrohe Heim, das ich mir gegründet, verlassen, um sofort von dem Strudel des Lebens erfaßt zu werden. Aber ich tröstete mich mit der Hoffnung, daß mich der Strudel nicht fortreißen, das Leben nicht mehr von mir haben solle, als ich ihm gewähren könne, ohne mich selbst preiszugeben.

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