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Was will das werden? Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Zweiter Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IV.

Nicht aus dem Weg und wahrlich auch nicht aus der Stimmung, die man wohl zu solchen Versammlungen mitbringen muß. War dies, was ich da eben durchlebt, nicht auch wieder ein Stück des sozialen Jammers, von dem die Welt, wie sie ging und stand, erfüllt war? Ein von Haus aus edelgesinnter, großherziger Mensch, wie Ulrich Vogtriz, der ein Mädchen, das ihm – ich zweifelte nicht daran – ihr alles gegeben und das er – woran ich ebensowenig zweifelte – liebte, dennoch zu heiraten rundweg verweigerte, weil er es mit seinen Begriffen von Standesehre nicht vereinigen konnte! Ein Mädchen wiederum, so schön, so begehrenswert und auch, trotz ihrer Gefallsucht – wollen sie denn nicht alle gefallen? – ein gutes Mädchen, das dem Moloch dieser Standesehre geopfert wird! Um der Not ihrer Familie weiter geopfert, zur Ehe gezwungen zu werden mit einem, wie ich jetzt fürchten mußte, sehr wenig achtbaren und ganz gewiß gründlich unliebenswürdigen Manne. Oder, daran verzweifelnd, sich ehrbar durchs Leben zu bringen, in eine Laufbahn gedrängt wurde, in der ihrer, die ein wirkliches Talent nicht einzusetzen hatte, im Ausnahmefalle ein glänzendes und in dem sehr wahrscheinlichen das bare nackte Elend harrte! Elend also, was der schaudernde Blick sah, sobald man von dieser Welt der scheinbaren Ordnung und Sitte ein Stückchen nur der Oberfläche abstreifte, auf welcher das Auge der Zufriedenen, Satten haften bleibt, die nicht weiter sehen können oder – wollen! Nein, guter Brinkmann, so einfach, wie du meinst, steht es mit der Rechnung des Lebens denn doch nicht. Oder aber, wenn die Dummheit alles Uebels Wurzel ist, so wäre erst zu untersuchen, wie tief man am Baum der Menschheit bis zu dieser faulen Wurzel hinabdringen kann; ob sie am Ende nicht doch noch verbesserungs- und heilungsfähig ist, auf daß der Baum reichere, labendere Früchte bringe, nicht so viel solche, wie die, von denen ich mein junges Leben hindurch schon so manche gekostet – und jetzt eben wieder – Früchte, aschetrocken und todesbitter!

Aschetrocken und todesbitter – sie hatten alle den Geschmack auf der Zunge, die Hunderte, von denen ich das große Lokal, in welches ich mich mit noch ein paar anderen Nachzüglern mühsam gedrängt, bis auf den letzten, möglicherweise benutzbaren Platz erfüllt fand. Sie standen auf Stühlen und Tischen; dennoch gelang es mir, einige Schritte weit vorzudringen, wo ich denn freilich in fürchterlicher Enge bleiben mußte und es nur meiner Länge verdankte, wenn ich über die Köpfe der anderen von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Rednerbühne am anderen Ende des Saales hatte, welche selbstverständlich abermals ein Tisch war. Mein Nachbar teilte mir flüsternd mit, daß bereits zwei Redner, die er mir nannte, zur Tagesordnung: »die Ursachen der heutigen Geschäftskrise« gesprochen – ausgezeichnet! An dem, der jetzt das Wort habe, »scheine nicht viel zu sein«. Die Meinung mochte von der Mehrzahl der Anwesenden geteilt werden; es war eine Unruhe in der Versammlung, welche von Minute zu Minute wuchs und die ohnehin nicht starke Stimme des Redners oft völlig übertönte. Was ich dann zwischendurch verstand, wollte mir freilich so uneben nicht erscheinen. Der Mann suchte klar zu stellen, daß der Gründungsschwindel mit seinen Folgen allerdings die erste und vorzüglichste Veranlassung der momentanen Handels-Kalamität und der verhängnisvollen Stockungen auf dem Arbeitsmarkte sei; daß aber die Arbeiter selbst durch die unaufhörlichen Strikes, für welche sie den Moment schlecht wählten und welche sie infolgedessen mit dem nötigen Nachdruck nicht durchführen könnten, das Uebel nur vergrößerten. Die Strikes seien eine furchtbare Waffe in den Händen des Arbeiters, aber man müsse sie auch zu handhaben wissen; sonst kehre sich die Schneide gegen den, der die Waffe führe und erleichtere dem schon überstarken Gegner den Sieg.

Der Redner, ein schon älterer Mann, dem es offenbar heiliger Ernst um die Sache war, für die er eintrat, und der sich durch die Zwischenrufe der Gegner und die im Saale wachsende Unruhe nicht aus der Fassung bringen ließ, wollte seine Sätze durch das Beispiel einer Strikebewegung erhärten, welche gerade jetzt in Brünn eingeleitet war und in unsern Kreisen viel von sich reden machte. Aber schon vermochte man nur noch einzelnes, bald gar nichts mehr zu verstehen vor dem ohrenbetäubenden Lärm, der durch den Saal toste. Man stampfte mit den Füßen, man gestikulierte mit den geballten Fäusten; man pfiff, johlte, schrie, brüllte aus Leibeskräften. Vergebens, daß der Vorsitzende eine Glocke schwang, die keinen Klöpfel zu haben schien; vergebens auch, daß der anwesende Polizeileutnant neben den Vorsitzenden trat und vermutlich die Versammlung mit Auflösung bedrohte, falls sie fortfahre, sich auf diese Weise selbst zwecklos zu machen.

Ich hatte das widerliche Schauspiel längst satt und war in Begriff mich zu entfernen, als ganz plötzlich der ungeheure Lärm einer tiefen Stille wich, welcher alsbald ein donnerndes, nicht endenwollendes Bravo folgte.

Und dann wieder tiefe Stille über all den Hunderten, welche, die Hälse reckend, sich auf den Fußspitzen hoben, die Gesichter, aus denen die Augen glühten, nach der Rednerbühne gewandt.

Und nun eine Stimme, deren heller, metallner Klang den weiten Raum bis in die fernste Ecke füllte und mir das Herz erbeben machte.

Konnte er es sein? Adalbert?

Als ob dies nicht der Ort, wo ich ihn wiederfinden mußte, nicht hätte suchen müssen, wenn ich ihn wiederfinden wollte! Er war, wie er jetzt, zur Einleitung, mit wenigen knappen Worten mitteilte, mehrere Wochen auf Reisen gewesen – im Interesse selbstverständlich der Sache, für die zu leben es sich überhaupt des Lebens verlohne, und für die er auch heute zu zeugen gekommen sei.

Einige Enthusiasten schrieen hier bravo, wurden aber sofort von allen Seiten zur Ruhe gezischt; man wollte sich kein Wort des Mannes entgehen lassen.

Nun trat er in sein Thema ein: den Nachweis, daß es thöricht sei, irgend eine besondere Erscheinung unsers sozialen Lebens, und läge die Schädlichkeit derselben noch so klar vor Augen und könne noch so evident nachgewiesen werden, im Sinne des Vorredners zur Ursache oder auch nur einer der Ursachen der augenblicklichen Kalamität zu machen; ja, daß man von einer solchen im eigentlichen Verstande gar nicht sprechen könne, nicht, weil ihre Existenz fraglich, sondern deshalb, weil sie keine augenblickliche, vorübergehende, vielmehr eine permanente sei, die genau so lange dauern werde wie die Gesamtheit der Zustände, aus denen sie mit der Notwendigkeit der Folge zur Ursache hervorgehe. Sich an die besondere Erscheinungsform des Allgemeinübels, wie Ueberproduktion, Strikes oder dergleichen, halten und vermeinen, durch die Abmilderung derselben etwas gewonnen zu haben, heiße den ärztlichen Pfuschern gleichen, welche der Krankheit beikommen zu können wähnen, wenn sie den Symptomen nur kräftig zu Leibe gehen. So verhalte es sich zum Beispiel mit dem modernen Militarismus.

Hier erhob sich der beaufsichtigende Beamte und verlangte, daß dem Redner das Wort entzogen werde, der nicht zur Sache spreche. Er werde keine Abweichung von der Tagesordnung dulden, am wenigsten Angriffe auf die Armee. Wenn Redner in der angefangenen Weise fortfahre, werde er die Versammlung auflösen.

Durch die Menge ging ein Brausen, wie von einem heranziehenden Sturm, der aber sofort wieder tiefer Stille wich beim ersten Ton der hellen stählernen Stimme von dem Rednertisch.

Wie? rief die Stimme; will man mich hindern, die Großthaten unsrer Armee zu feiern durch Aufzählen der Opfer, welche die notwendige Bedingung und Voraussetzung jener Großthaten sind? Entferne ich mich von der Tagesordnung, wenn ich nachzuweisen suche und nachweisen werde, daß man die Ursachen unsrer heutigen Geschäftskrise freilich zum Teil in jenen notwendigen Opfern zu suchen hat, eben darum aber auch diese Geschäftkrise ein Notwendiges ist, welches man, wie andre Notwendigkeiten, ertragen muß, solange man den modernen Staat will, den nicht zu wollen, ich noch mit keiner einzigen Silbe erklärt habe?

Es war der grausamste Hohn – jedes Wort, das da ohne den leisesten Anflug von Ironie, in dem ruhigsten, sachgemäßesten Tone gesprochen wurde. Der Beamte wußte das zweifellos so gut wie die Versammlung, durch die ein Rauschen des Einverständnisses ging; aber es mochte ihm die Geistesgegenwart und die Gewandtheit fehlen, um die geschickte Parade des Gegners auf der Stelle zu durchkreuzen; oder er wartete auf eine ihm passendere Gelegenheit, die schwerlich ausbleiben konnte – jedenfalls setzte er sich wieder, dem Redner die Freiheit lassend, bis auf weiteres seine Gedanken zu entwickeln.

Und nun eine Verherrlichung der Thaten der Armee im Kriege, ihres wohlthätigen Wirkens im Frieden, indem sie das Reich, welches nur durch sie zu einem einigen geworden sei, durch ihr bloßes Dasein nach außen schütze und ihm so die Möglichkeit gewähre, sich innerlich zu entfalten, zu kräftigen – eine Verherrlichung, so schwunghaft, so scheinbar jeden Widerspruch von vornherein entwaffnend, so ganz aus dem Pathos eines echten Soldatenherzens heraus, daß die Versammlung denn doch in ihrer Mehrzahl offenbar stutzig wurde, und es der ganzen Autorität derer, welche ihren Mann kannten, bedurfte, das wachsende Mißvergnügen der Kurzsichtigen nicht zum lärmenden Ausbruch kommen zu lassen.

Und dann im Handumdrehen die andere Seite der Medaille. Zuerst in einzelnen Blitzen, wie von einem Metallschild, der hin und her bewegt wird: die paar Dutzend Opfer, welche die Uebungs- und Manövermärsche gerade diesen Sommer erfordert hätten – ob man denn glaube, sich eine leistungsfähige Truppe von dem Tanzboden holen zu können? – Die berüchtigten Säbelaffairen zwischen harmlosen, unbewaffneten Zivilisten und eben so harmlosen, allerdings bewaffneten Soldaten – ob man denn die Stirn habe, dem Soldaten zuzumuten, seine Waffe, seinen Stolz und seine Zier, zu Hause zu lassen, wenn er zu Biere gehe! Und so vom Kleinen zum Großen, bis aus dem Metallspiegel Zug um Zug ein entsetzliches, schlangenumringeltes Gorgohaupt herauswuchs zum Entzücken der Hörer, durch deren atemlose Massen nur von Zeit zu Zeit frenetischer Beifall fieberhaft zuckte, zur Verzweiflung des Beamten, der gegen eine scheinbar streng sachgemäße, in jedem Punkte sich auf offizielle Zahlen und Daten stützende Darstellung keinen begründeten Widerspruch fand, bis er endlich bei einer Wendung, die harmloser war, als hundert vorhergegangene, zu der längst beschlossenen Auflösung schritt.

Und schließlich die herkömmlichen wüsten Scenen, das Schreien und Toben, das Drängen und Schieben, Gedrängt- und Geschobenwerden einer hundertköpfigen, sanatasierten Menge, die widerwillig ein Lokal verläßt; von den aufs äußerste gereizten Beamten mit Gewalt dazu gezwungen wird – wüste Scenen drinnen, denen andere noch wüstere auf der Gasse folgen, wo sich beim Flackerschein der Laternen Weiber und Buben in den Haufen der Tumultuanten mischen, Schutzleute ihre Rosse in die dunklen Massen spornen, irgend einen herauszugreifen, der leicht nicht der schlimmste, vielleicht nur zufällig in die Masse geraten ist, – bis mich, der ich mich mühsam aus dem Chaos gerettet habe, in den vom Schauplatz entfernteren Straßen wieder das hergebrachte allabendliche Treiben der Großstadt empfängt.

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