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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VIII.

So war denn das große Problem auf eine für mich völlig unerwartete Weise gelöst, und wirklich kam von jenem Abend an nach dieser Seite eine gewisse Beruhigung über mich. Die Ritterthaten im Dienst der unbekannten Herzenskönigin waren für die Zukunft unnötig geworden; an Stelle der glänzenden Träume war die bescheidene Wirklichkeit getreten; die in so viel Gedichten angeschwärmte Geliebte hatte sich in eine Schwester verwandelt. Denn das war mir Jettchen geworden: eine Schwester und Freundin, von der ich wußte, daß sie in ihrer bescheidenen Weise an meinem Wohl und Wehe herzlichen Anteil nahm, und auf die ich deshalb einen Teil des Vertrauens und der Liebe übertrug, welche ich bis dahin ausschließlich dem guten Vater entgegengebracht hatte. Daß ich in diesem Verkehr, wo ich im Grunde immer nur Rat heischte und das kluge Mädchen Rat erteilte, viel mehr der Empfänger als der Geber war, bemerkte ich nicht. Ich sah für jetzt und später in dem allen eine Art von Herablassung meinerseits und wurde in diesem Hochmut durch das schüchterne Kind bestärkt, welches jede Gutthat in Worten und Werken, die sie mir erzeigte, als eine Ehre darstellte, welche ich ihr erwies.

Wie dem aber auch sein mochte, ich hatte nun eine Schwester, die nicht meine Schwester war, wie ich einen Vater hatte, der nicht mein Vater war; und von denen ich doch nur Liebes und Gutes empfing, das einzige Gute und Liebe, das mein liebebedürftiges Herz als solches anerkennen wollte: ein kostbarer Besitz, an dem ich mir nicht rühren lassen durfte, es sei auch, von wem es sei.

Und nun mußte jener feurige Prediger, zu welchem ich seit zwei Jahren in die Konfirmationsstunde ging, gerade an dieses mein Heiligstes rühren und mit ach! wie rauher Hand! Da ich ihm auch später auf meinem wirren Lebenswege begegnet bin, als er und ich andere geworden waren, ist es mir nicht leicht, mir sein Wesen von damals zu vergegenwärtigen – ich sehe ihn eben zu deutlich, wie er heute ist. Und, ich meine, er war damals der bessere Mann, trotzdem mir durch ihn viel Leid angethan ist. Denn er that es mir in jener Zeit aus seiner Ueberzeugung heraus, zur Rettung meiner Seele, die er auf dem Wege, welchen ich trotzig gehen wollte, verloren sah.

Er war aber damals noch ein junger Mann, der Pastor Nenner, wenn auch natürlich nicht in meinen so viel jüngeren Augen, mittelgroß, schlank mit einem von nächtlichen Studien bleichen Gesicht, das oft die tiefste Abspannung und Erschöpfung zeigte, bis es sich im Feuer der Rede wieder belebte, und die trüben Augen unter den buschigen Brauen zu glänzen und zu glühen begannen. Wie er selbst von seinem nichts weniger als dumpfen Verstande jedes Opfer forderte, welches der Glaube erheischte, so schenkte er seinen jungen Zuhörern nichts – nicht die Forderung der Entsagung von einem Wissen, das Stückwerk ist; nicht die Furcht vor dem Teufel, der umgeht wie ein brüllender Leu, wen er verschlinge. Nun schienen ja die übrigen Knaben, welche größtenteils aus der armen und rohen Bevölkerung der Hafengasse stammten, weiches Wachs in seinen starken Händen zu sein. Oder bestanden ihre Seelen auch nur aus jenem Stoff, von welchem der Dichter sagt, daß er »breit und nicht stark« werde, man mag ihn treten, wie man will. Jedenfalls waren sie keine Fauste, wenn sie sich auch weder vor Hölle noch Teufel fürchteten und von Skrupeln und Zweifeln irgend welcher Art völlig frei wußten. Sie saßen geruhig da, es mochten sich über ihnen die Himmel, öffnen oder zu ihren Füßen der Abgrund gähnen; sagten ihre Artikel und Sprüche auf schlecht und recht und beantworteten die Fragen des eifrigen Lehrers je nach ihrer Fähigkeit, das Gehörte zu reproduzieren, aber immer in seinem Sinne, das heißt, in dem Sinne, von welchem sie wußten oder mutmaßten, daß es der seine sei.

Mit mir hatte er einen schwereren Stand. Nicht als ob in meiner Seele nicht jenes Streben gewohnt hätte, sich »dem Höheren, Unbekannten vertrauensvoll hinzugeben«, und das wir mit dem Dichter »fromm sein« nennen. Es wohnte mir sogar in einem vielleicht nicht gewöhnlichen Maße bei, und er erkannte es auch willig an. Aber ich hatte mich spät und nach langen bangen Bedenken zur Konfirmation entschließen können, stand in Begriff nach Prima versetzt zu werden, war ein guter Grieche und Lateiner, und der Herr Pastor meinte, meine religiöse Empfindung, das sei im besten Falle die Frommheit der Heiden. Keinesfalls die echte christliche Frömmigkeit, der Glaube nicht, der Berge versetzen könne, und das noch viel Schwerere vollbringe, uns bis an die Pforten des Himmels zu tragen. Die sich freilich nur dem öffneten, der die Liebe habe. Und die doch eben wieder ohne den Glauben nicht die rechte Liebe sei, abermals nur die Liebe, wie sie etwa auch ein weiser Heide empfinden mochte: ein Sokrates, ein Platon; und die bei all ihrer relativen Würdigkeit an Wert unter der wahren christlichen so weit stehe, wie böhmisches Glas unter dem echten Diamanten. Ich vermochte nicht einzusehen, was doch der Glaube mit der Liebe zu schaffen habe; ich kannte solche, die jenen Glauben, von dem der Herr Pastor spreche, nicht hätten und die doch die Liebe selber seien, und kannte wieder solche, die des Glaubens voll und dabei lieblos seien wie ein Stein.

Es war nicht das erste Mal, daß wir so aneinander gerieten, natürlich nicht vor den anderen Konfirmanden, sondern nach der Stunde, oder zu einer besonderen, die er mir anberaumt hatte, um mir gewisse Fragen, die ich während des Unterrichts gestellt, gewisse Zweifel, die ich bescheidentlich geäußert, ausführlicher zu beantworten, gründlicher zu beseitigen, als es dort geschehen könne. So war es auch heute. Die Konfirmation sollte in kurzem sein. Mein Geburts- und Taufschein waren nicht zu beschaffen gewesen. Der Pastor hatte darüber wegsehen zu wollen erklärt, aber es müsse zu einer Entscheidung kommen, ob meine Seele in ihrem dermaligen Zustande verharren dürfe, oder eine Wandlung in ihr vorzugehen habe, bevor ich zur Einsegnung, welche nun schon so lange hinausgeschoben, endlich würdig und reif sei.

Ich dachte aber, indem ich so hartnäckig auf der Möglichkeit einer derartigen glaubenlosen Liebe bestand, an den Vater, von dem ich, obgleich er mit mir nie von diesen Dingen gesprochen, zweifelte, daß er jenen Glauben habe, und an Jettchen Israel, die ihn doch, als Jüdin, in dem Sinne des Pastors gewiß nicht hatte.

Und ich dachte an eine, die ihre Tage in Beten und Fasten verbrachte und sich wochenlang nicht darum kümmerte, ob ihr Kind lebte oder tot war.

Nein, Herr Pastor, wiederholte ich: der Glaube hat mit der Liebe nichts zu schaffen.

Er ging vor dem armen Sünder, der, die flachen Hände zwischen den Knieen zusammengeklemmt, auf seinem Stuhle saß, mit raschen ungleichmäßigen Schritten in dem großen, von dem Schein einer Studierlampe mäßig erhellten Zimmer hin und her, bald die blutlosen Finger ringend, daß sie krachten, bald mit denselben durch das starre kurzgeschorene Haar fahrend; jetzt leise flüsternd, jetzt Unverständliches vor sich hinmurmelnd.

Plötzlich blieb er mitten im Gemache stehen und rief, die beiden Arme in gewaltsamer Bewegung nach oben schleudernd:

Schweigen Sie! Ich darf das nicht hören, und ich will's nicht hören! Wer bist Du, der Du ein Herz hast, Dein Ohr zu verschließen gegen die sanfte Stimme, die da sprach: kommt her zu mir alle! der Du wagst, Dich aufzulehnen gegen die Autorität der Evangelisten und Apostel: eines Johannes, eines Paulus; gegen das Beispiel all der heiligen Männer, die früher und später, ihrem Meister folgend, die Kraft ihres Glaubens durch den Märtyrertod besiegelt haben? Und wenn Du, wie ich fürchte, bereits genascht hast von jener greulichen Irrlehre, die in dem Buche der Bücher nicht Gottes Wort sieht, sondern ein profanes Werk, an dem man deuteln und kritteln kann, und mit den Thoren sprichst: dies scheint erwiesen und jenes nicht – sieh mich an, der ich kein Evangelist und kein Apostel und kein Heiliger bin, sondern ein sündiger Mensch, wie Du, und gezweifelt habe, wie Du, und der ich mich losgerungen habe von Zweifel und Teufel und von der Hölle, die mich schier verschlingen wollte, durch die Kraft des Gebetes! Und der ich Dich losringen will durch des Gebetes Kraft. Auf die Kniee! nieder, nieder auf die Kniee!

Er hatte, meinen Arm packend, mich vom Stuhle zu sich auf die Kniee gerissen mitten im Zimmer auf die nackten Dielen und begann zu beten mit lauter, fast schreiender Stimme, während ich, halb aus Schauder vor dem Feuereifer des Mannes, der mir wie Wahnsinn erschien, halb voll Unwillen über den Zwang, der mir offenbar angethan wurde, – denn er hielt mich während der ganzen Zeit fest am Arm gepackt, außer ein paarmal, wo er in höchster Ekstase die Hände zusammenkrampfte – wohl oder übel neben ihm auf den Knieen verharren mußte. Endlich ließ er mich los, indem er sich zugleich erhob und nach seinem Arbeitssessel schwankte, in welchem er, wie gebrochen, zusammensank.

Ich stand wieder auf den Füßen in einiger Entfernung von ihm, zitternd an allen Gliedern, nun von dem Anblick des fast Ohnmächtigen, der doch seine letzte Kraft für mich hingegeben hatte, zum erstenmal während dieser sonderbaren Scene wirklich gerührt. Ich bin überzeugt, er hätte mich jetzt für ein einziges gütiges Wort haben können. Ich darf sagen, ich wartete nur auf das Wort, das mir die Brücke schlagen sollte von dem Unglauben, den ich frei geäußert, zu dem Glauben, welchen ich jetzt, da ich mir wie ein Gefangener und Gefesselter erschien, bekennen sollte.

Und plötzlich schnellte er, einer sich bäumenden Schlange gleich, aus dem Sessel auf und rief mit heiser zischender Stimme:

Was stehst Du, wie der Feigenbaum an dem Wege, da der Herr wieder in die Stadt ging und ihn hungerte? Und fand nichts daran, denn allein Blätter. Weißt Du, was der Herr zu ihm sprach? weißt Du es?

Er war unmittelbar vor mir, mich mit glühenden Augen anstarrend. Ich stand in dumpfem Schweigen. Er schrie, indem er mich an beiden Schultern ergriff und bei jedem Worte schüttelte: Weißt Du, was weiter geschrieben steht im selbigen Verse?

Ich wußte es, aber verharrte in meinem Schweigen, nicht aus Trotz, denn ich fühlte mich bis ins Innerste erschüttert, nur daß mir die Zunge wie gelähmt war.

So vergingen ein paar bange Sekunden. Endlich vermochte ich zu stammeln: Lassen Sie mir Zeit!

Jetzt oder nie! schrie er. Ja, oder nein?

Ich wollte Ja sagen, und wieder versagte die Zunge mir den Dienst. Er murmelte etwas durch die Zähne – es mochte der Fluch des Herrn sein, den auszusprechen er sich doch wohl scheute, – und stieß mich von sich. Ich wankte nach der Thür. Aber bevor ich dieselbe erreichte, stand er wieder vor mir, mir den Weg vertretend, nicht mehr der eifrige zornige Priester, der trotz alledem mein Freund war – ein anderer Mann, den ich mir zum Feinde gemacht hatte, und dessen feindliche Gesinnung schon aus seinem Auge schielte, bevor er noch die zuckenden Lippen öffnete, um in bitterem Hohne zu sprechen:

Und nun geht es hin, das Produktlein modernen Aufklärichts, in seines Vaters Werkstatt, des glaube- und kirchelosen Mannes, sich die Särge anzusehen, in welchen die Toten ihre Toten begraben, sie, die auch einst erwachen werden, aber in der Hölle, und wird daselbst sein Heulen und Zähneklappen. Oder in das Haus nebenan zu schleichen, wo die Abkömmlinge derer wohnen, die den Herrn gekreuzigt haben, auf daß sie weiter tanzen können um das goldene Kalb. Geh! Du bist des einen und der anderen wert!

Er hatte mir Raum gegeben; ich wankte aus dem Zimmer, aus dem Hause und fand mich auf der Gasse, ohne zu wissen, wie ich dahin gekommen war, es erst bemerkend, als der Nachtwind, der rauh vom Meere herauf kam, mir um die heiße Stirn, die glühenden Wangen strich, daß es mich schüttelte wie im Fieber.

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