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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VI.

Nicht Zufall ist es, wenn ich in diesen Aufzeichnungen jetzt erst ausführlich auf sie zu sprechen komme, der in der Herzensgeschichte eines jeden gutgearteten Menschen der erste Platz gebührt. Ich bin um dies Kapitel herumgeschlichen, wie ich oft um ihr Zimmer schlich; und habe jetzt wieder gezögert, die Feder dazu anzusetzen, wie ich immer erst mein Herzklopfen überwinden mußte, bevor ich zögernden Fingers an ihre Thür pochte. O dreimal glückselig ihr, die ihr eine Mutter habt, die euch liebt, und wenn sie bös auf euch ist und euch schilt (wie ihr es gewiß verdient), euch erst recht liebt! Und habt ihr sie nicht mehr, die hehre Göttin eurer Kinderzeit, die liebereiche, helfende, rettende, tröstende, beste Freundin eurer spätern Jahre – glückselig auch dann, die ihr das Höchste doch einmal befaßt und nun zu ihm ausschaut als zu dem strahlenden Leitstern für den Rest eures Lebens!

Meine Mutter, ach! sie hatte mich nie gescholten, aber sie hatte mich auch nie geküßt. Ihr wißt ja nicht, was Furchtbares in dem Worte liegt für ihn, der es von sich sagen muß. Das heißt, eine Pflanze sein, die nie ein Sonnenstrahl traf; das heißt, als ein Krüppel geboren sein; das heißt, kein glückliches Kind gewesen sein, kein fröhlicher Knabe; das heißt, die Anwartschaft erhalten haben auf ein Leben jenseits der Schranken, innerhalb derer es sich gut wohnen und friedliche Hütten bauen läßt!

Betrat ich dann aber auf ihr leises Herein! das Zimmer, so sah sie mich, von ihrer Stickerei oder ihrem Buche aufblickend, an, nicht eigentlich unwillig, aber gewiß auch nicht gütig, sondern mit jener fürchterlichen höflichen Gleichgültigkeit, die dem, welcher liebevoll und nach Liebe sich sehnend, herantritt, das Herz zuschnürt, auf ihn fällt, wie Mehltau auf eine junge Pflanze. Auch hatte ich längst die traurige Klugheit gelernt, mir die Beschämung, abgewiesen zu sein, dadurch vor mir selbst zu verschleiern, daß ich nie kam außer mit einem bestimmten Auftrage, etwa vom Vater, oder unter einem Vorwande, den ich mir vorher sorgfältig ausgedacht und einstudiert hatte, um ihn möglichst unbefangen vorbringen zu können. Hatte ich dann mein Gewerbe ausgerichtet, nickte sie zu – wiederum mit jener grausam gleichgültigen Höflichkeit; – und warf ich noch einen scheuen Blick zurück, bevor ich die Thür schloß, sah ich sie bereits wieder über ihre Stickerei oder ihr Buch gebeugt. Selten, sehr selten, daß sie dann noch einmal die Augen hob und mit ihrer leisen Stimme fragte: Möchtest Du noch etwas, Lothar? und ich mit einem gestammelten: Nein, Mama! doch nicht, Mama! mich eilig hinausdrückte.

Nein Mama! doch nicht, Mama! – Großer Gott, ich wußte ja, daß sie das, wonach meine Seele schrie, nicht gewähren konnte oder wollte!

Warum nicht?

Ich zermarterte mein Gehirn nach diesem fürchterlichen Warum. Ich flehte Gott an in heißen Gebeten, er möge mir es offenbaren. Aber mein Gehirn fand keine Antwort und mein Flehen keine Erhörung. Oder das, was mir auf Stunden und Tage eine Antwort, eine Lösung des Rätsels schien, mußte ich doch bald wieder kopfschüttelnd als unzutreffend oder unzugänglich aufgeben und fahren lassen. Ich hatte mir dann vielleicht einreden wollen, ich sei ein böser wilder Knabe, an dem eine Mutter kein Wohlgefallen haben könne. Aber die Hoppschen Rangen waren noch viel böser und wilder, und wurden doch von ihrer Mutter gescholten und geküßt nach Herzenslust. Oder vielleicht war ich häßlich, und häßliche Kinder wurden von ihrer Mutter nicht geküßt; zum Beispiel Emil: ich hatte nie gesehen, daß er von seiner Mutter geküßt wurde. Das hielt, soviel ich mich erinnere, eine geraume Zeit vor. Dann fragte ich einmal Emil, während mir die Wangen brannten und die Kehle mir wie zugeschnürt war – so ganz aus dem Stegreif –: ob ihn seine Mutter manchmal küsse? und der gute Emil erwiderte unbefangen: ja, oft! So war es auch damit nichts: ich mochte nicht schön sein; aber so häßlich wie Emil war ich sicher nicht.

Freilich, wie konnte es mir auch beikommen, meine Mutter und ihr Thun und Lassen nach anderen Müttern und ihrem Thun und Lassen beurteilen zu wollen? Ist doch, oder sollte doch jedem Kinde seine Mutter eine Gottheit sein, die keine anderen Gottheiten neben sich hat; und meine Mutter war ein so besonderes Wesen, daß sie mir nichts ihr Aehnliches, geschweige denn ihresgleichen zu haben schien. Alle Göttinnen des griechischen Olymp, dessen Glanz jetzt zum erstenmale die verwunderten Knabenaugen traf – mochte es nun die großäugige Hexe sein, oder die strenge Pallas, oder die holdlächelnde Kypris – sie erschienen mir wohl in besonderen Gewanden und mit verschiedenem Ausdruck, aber im Grunde waren es doch nur ein wenig veränderte Abbilder meiner Mutter. Und hörte oder las ich in der Geschichte von einer hohen Frau, welche die Herzen der Männer entflammt und ihren Mut zu kühnen Thaten begeistert – so war es wiederum meine Mutter. Und die Dichter mochten ihre Herzensköniginnen mit braunen oder blonden Locken schmücken, aus dunkeln oder blauen Augen schmachten lassen – es war und blieb immer meine Mutter.

Wie wäre es auch anders möglich gewesen! hatte ich doch in Wirklichkeit keine schönere Frau gesehen; und wenn das für meine kleine Welt von damals nicht viel bedeuten will – die große Welt, soweit ich sie später kennen lernte, – hat mir eine schönere nicht gezeigt.

Keine wenigstens, deren Züge von Liebreiz so – darf ich sagen: durchsüßt gewesen wären? – es klingt läppisch – ich fühle es wohl – und doch weiß ich kein anderes Wort, den Zauber wiederzugeben, der von diesem Antlitz ausging. Es hätte, trotzdem sich in dem dunkeln Haar schon einzelne silberne Fäden zeigten, das eines bildschönen Mädchens sein können, welches eben zur Jungfrau heranreift, und deren Herzensreinheit noch von keinem leisesten Anhauch dieser Welt getrübt ist, – wären die Augen nicht gewesen. Sie und sie allein schienen gelebt und – erlebt zu haben; sie und sie allein schienen zu wissen, daß es eine böse Welt gibt, auf die man nur mit trüber Gleichgültigkeit oder bitterer Verachtung blicken soll; und eine andere Welt, zu der man ausschauen darf in flammender Begeisterung, in glutvoller Liebe, in brünstiger Sehnsucht. Ich hatte wenigstens den Abglanz dieser Glut gesehen, ein- oder zweimal, als ich trotz meiner gewöhnlichen Vorsicht allzuschnell in ihr Zimmer trat, und sie, von dem Betschemel, auf welchem sie gekniet hatte, sich erhebend, mir gegenüber stand mit jenen Augen, vor welchen eben die Glorie der Himmel aufgethan gewesen war, und über die nun rasch der dichte Schleier fiel, den Kindesliebe nicht zu lüften vermochte.

Ich wußte jetzt, daß meine Mutter Katholikin war. Es gab sehr wenige Katholiken in unserer streng protestantischen Stadt, so wenige, daß sie kein eigenes Gotteshaus hatten, sondern sich mit einem kleinen Betsaal, der möglichst zu einer Kapelle umgeschaffen war, begnügen mußten. Den Gottesdienst und die Seelsorge in der kleinen Gemeinde leitete ein Geistlicher, den innerer Drang oder oberer Befehl mutig oder doch standhaft auf diesem verlorenen Posten ausharren ließ. Er war selbstverständlich auch der Beichtiger meiner Mutter und kam, deucht mir, jetzt öfter als sonst zu ihr, immer in der Abenddämmerung, wo er dann, dunkel und lautlos, wie der Schatten der Nacht, durch das stille Haus die schmale steile Treppe hinaufhuschte. Doch war ich ihm auch ein und das andere Mal draußen begegnet und hatte mit scheuen Augen auf ihn geblickt: ein bereits älterer Mann, so erschien er mir, obgleich er noch in den Dreißigern stand, – der den langen dürren Leib bis an den mit einem schmalen weißen Streifen umgebenen Hals in den schwarzen Rock geknöpft hatte, unter welchem eben nur ein wenig von den schwarzwollenen Strümpfen und den plumpen Schnallenschuhen hervorsah. Er hatte ein scharfgeschnittenes bartloses Gesicht, das ganz blutleer zu sein schien, und trug den aristokratisch feinen kleinen Kopf immer tief gebeugt. Auch war er von Adel: ein Herr von Ruver, aus einem alten niederrheinischen Geschlecht. Ich hatte eine große Scheu vor ihm, trotzdem er bei unseren flüchtigen Begegnungen immer sehr freundlich zu mir war, gelegentlich mir auch die schlanke, wohlgepflegte Hand reichte und ein paar Worte an mich richtete. Ich sollte später erfahren, daß es nicht an ihm gelegen hat, wenn ich nicht zu seiner Herde gekommen bin – meine Mutter wollte es nicht. Hätte sie doch fürchten müssen, mir im Himmel wieder zu begegnen und an die leidige Erde und den Erdenrest, den von sich abzustreifen ihr einziges Verlangen war, schmerzlich wieder gemahnt zu werden! Guter Gott, ich wollte ihr ja nicht im Wege stehen, weder hüben noch drüben; ich, der ich beglückt gewesen wäre, hätte sie mich nur still neben sich geduldet, mich satt zu schwelgen an ihrer Holdseligkeit; und der seine Anwartschaft auf den Himmel und seiner Seelen Seligkeit mit Freuden hingegeben haben würde für einen Kuß von ihrem geliebten Munde!

Nun freilich, da mir das brennende Verlangen ewig unbefriedigt blieb, erfaßte mich allmählich ein immer tieferes Grauen vor der katholischen Religion, in welcher ich die Ursache meines Leides zu erkennen glaubte. Vielleicht verbot sie den Müttern, ihre Kinder zu lieben und zu küssen, wie es andere Mütter dürfen: protestantische und jüdische, und heidnische in den Kauf, denn aus dem Altertum wurde doch von so mancher heroischen Liebe berichtet, die zwischen Mutter und Sohn gewaltet. Nicht zwischen erdgebornen Menschen nur! Hatte doch selbst Thetis, die göttliche, sich ihres unglücklichen Sohnes erbarmt! Ach, noch fühle ich die brennenden Thränen, die ich vergoß, als ich zum erstenmale las, wie sie, eilenden Schwungs der finsteren Flut entsteigend, sich zu dem Thränenbenetzten setzt und, ihn sanft mit der Hand streichelnd, die tröstenden mitleidigen Worte spricht: »Kind, was weinest du doch? was rühret dein Herz mit Betrübnis?«

Wieviel heiße Thränen hatte ich nicht schon vergossen in der Stille meines Kämmerleins, und die Thür hatte sich nicht aufgethan, und sie war nicht hereingeglitten, hatte sich nicht auf den Bettrand gesetzt und mitleidsvoll gefragt:

»Kind, was weinest du doch?«

Ja, die Religion verbot es ihr, die katholische, grausame, welche die Ketzer zu Tausenden verbrannt hatte und schöne Jungfrauen als Nonnen in ein dumpfiges Kloster sperrte, und wenn die Unseligen sich wieder hinaussehnten in die Sonne zu den Menschen, lebendig einmauerte.

War meine Mutter eine Nonne?

Ich wußte, daß sie ihre Nachtwachen und ihre Fasten mit grausamer Strenge hielt; daß sie nur geistliche Bücher las, nur geistliche Lieder sang; daß selbst die Teppiche und Tücher, an denen sie in den freien Stunden stickte, für Kirchen und Kapellen bestimmt waren. Aber Nonnen lebten doch nur in einem Kloster, und gesetzt auch, sie durfte draußen leben, weil wir in unserer Stadt und in unserer Provinz, soviel ich wußte, vielleicht im ganzen preußischen Lande (was ich nicht wußte) keines hatten – Nonnen durften doch nicht verheiratet sein, was doch die Mutter war! und durften gewiß keine Kinder haben, und ich war doch ihr Kind! Und wenn ich nicht das Kind des alten guten Mannes da hinten in der Werkstatt, wenn er nur mein Stiefvater, wie er an jenem Morgen zu dem Major gesagt hatte, – einen wirklichen Vater mußte doch jeder Mensch haben – soviel wußte ich nun mittlerweile auch – wer aber war dann mein Vater gewesen?

Hier hätte ja nun scheinbar nichts näher gelegen, als daß ich mich mit dieser Frage vertrauensvoll an meinen Stiefvater gewandt hätte; in Wirklichkeit lag nichts ferner – wenigstens für mich. Es war mir einfach unmöglich. Er hätte es wahrlich nicht um mich verdient. Er, der mich, solange ich denken konnte, mit der rührendsten Sorgfalt gehegt und gepflegt – noch in meiner letzten schweren Krankheit, – der nie, nie einen unfreundlichen Blick, ein rauhes Wort, immer nur Liebe und Güte und herzlichen Zuspruch für mich gehabt hatte; ja, dessen Liebe zu mir auf Kosten der Liebe zu seinen beiden rechten Kindern von Jahr zu Jahr gewachsen war – ihn hätte ich fragen sollen: wer war der Mann meines Traumes mit den blitzenden Augen, vor dem meine Mutter und ich auf den Knieen gelegen in jener Nacht, in die er uns hinaustrieb aus dem goldschimmernden Raum mit den geheimnisvollen Gesichtern und Gestalten unter die flimmernden Sterne, die plötzlich vor dem klappernden Berge in dem Fürchterlichen erloschen, das ganz schwarz war und sauste und brauste?

Ich hätte ebensowohl ein kleines Kind mißhandeln, ein hilfloses Tier quälen können, als ihn mit der Frage angehen, wenn ich ihn, der emsig weiter schaffte, auf meinem alten Kinderplatze in der Werkstatt sitzend, still beobachtete, oder er mir jetzt, für einen Moment rastend, mit dem schwermütigen Lächeln um den guten Mund und in den treuen blauen Augen freundlich zunickte:

Ist es gut gegangen in der Schule, Kind?

Ja, Vater, aber mit der Mathematik wird es immer schlimmer.

Und ich erzähle ihm getreulich all meine Schulleiden und Freuden. Und daß ich einen großen Respekt vor unserem Ordinarius Herrn von Hunnius habe, der in Wirklichkeit ein Böhme sei, von dem die Jungen aber sagten, daß er von den Hunnen abstamme, und der auch wie ein Hunne aussehe mit seinen wirren krausen Locken und seiner aufgestülpten Nase, aber Latein spreche, wie Wasser, und bei dem man tüchtig was lernen könne, wenn man nur aufpasse. Und von Ulrich von Vogtriz, der neu hinzugekommen und mit seinen sechzehn Jahren so groß und stark sei wie ein Mann. Sei aber sonst ein guter Junge trotz seiner Täppigkeit. Es sei auch noch ein Vogtriz gekommen, aber älter als Ulrich und gleich nach Prima, und beide seien von der Ritterakademie auf der Insel und Neffen des Majors und bei dem Direktor selbst in Pension.

So mochte ich stundenlang sprechen, ohne daß der gute Vater je müde geworden wäre zuzuhören. Im Gegenteil: wie er des Kindes treuer Hüter und bester Spielgesell gewesen war, indem er dem schweifenden Triebe erst die feste Richtung, den zerflatternden Phantasieen Form und Gestalt gab, so nahm er jetzt denselben innigen Anteil an allem, was der Knabe erlebte und erstrebte, und sein einziger Kummer war, daß er mir bei den Exerzitien und den vertrackten Exempeln nicht mehr so ausgiebig helfen könne, als beim Bogenschnitzen und Drachenkleben oder bei dem Bau des Kaninchenpalais oder der Errichtung des Vogelhauses. Und wenn ich früher gemeint hatte, daß er trotz aller Teilnahme an meinem Wohl und Wehe doch für die brennende Frage meines jungen Lebens kein Verständnis habe, so war ich mittlerweile eines andern belehrt worden. Darüber belehrt worden, daß ich an dem Treuen auch in dem Leide meines jungen Lebens einen Gefährten habe, dessen weiches Herz sich in diesem Leide verzehrte, wie die Kerze in der Flamme.

Ein sonderbarer Zufall hatte mir diese Entdeckung gebracht.

Neben der Werkstatt nach dem Wohnhause zu war ein kleines Gelaß, das seinen einzigen Eingang nach der Werkstatt hatte und von oben durch ein schräg gestelltes Fenster sein kümmerliches Licht empfing. Es hatte keine Dielen, sondern einen von Alter zermürbten, in wirren Spalten klaffenden Estrichfußboden und war, wenn schon im Sommer kühl, so im Winter bitter kalt, denn der kleine Kanonenofen in der Ecke wurde selten oder nie geheizt. In der anderen Ecke, unter dem schrägen Fenster im Dache, stand ein altes Stehpult, dessen Klappe man aufheben mußte, um zu dem darunter befindlichen Kasten zu gelangen. An diesem Pult besorgte der Vater seine wenigen Schreibereien. Sonst war nur noch Platz für einen ebenfalls alten Schrank, in welchem seine paar besseren Kleider hingen (die er kaum jemals anzog), einen großen Koffer voll allerlei Kram, und ein niedriges schmales Gurtenbett mit einer durchgelegenen Seegrasmatratze, über welche eine wollene Decke gebreitet war, die der Vater einst als überschüssiges Exemplar einer Pferdedecken-Lieferung vor langen Jahren von Nachbar Hopp – das Hoppsche Zeichen »H. H.« schmückte in jetzt halb verblichenen großen roten Buchstaben den einen Zipfel – für ein Billiges erstanden hatte. Die drei gekalkten Wände (die vierte nach der Werkstatt zu war nur ein bretterner Verschlag) entbehrten jeglichen Schmuckes, man hätte denn die drüberhin zerstreuten Feuchtigkeits-Flecke, in denen ich bald – je nach der Laune – Drachen und sonstige Ungeheuer, oder die vielgezackten Ufer vom Meer umfluteter, von der Brandung umtoster Robinson-Eilande sah, als solche nehmen wollen. Ein armseliges, trauriges Gemach, das ich dennoch kaum jemals ohne ein Gefühl betrat, welches ich mir damals nicht recht klar machen konnte: jenes Gefühl zugleich ehrfürchtiger und neugieriger Scheu, mit welchem, glaube ich, gutgeartete Kinder immer das Zimmer des Vaters betreten, und in das sich bei mir nur noch eine Empfindung des Mitleids mischte, oder, wenn das zu viel ist: des Bedauerns, daß der gute Vater es nicht einmal, daß er es lange nicht so gut hatte, wie ich. Denn war mein Kämmerchen unter dem Dache auch nicht minder klein, es hatte doch blaue Tapeten mit zahllosen kleinen Blumen, in denen man bei einigem guten Willen Rosen und Rosenknospen erkennen konnte, ein handgroßes Spiegelchen über der Kommode, auf der meine kleine Bibliothek in Reih und Glied stand, und vor dem Fenster einen Kornelkirschbaum, der unten längst ausgegangen war, aber auf den obersten Zweigen im Spätfrühling noch Blätter trieb und manchmal sogar Knospen, nur daß die Früchte nie reif und selbst von den Spatzen als zu bitter verschmäht wurden. Das Gemach hinter der Werkstatt nun gar mit dem Zimmer zu vergleichen, welches (nebst einer daran stoßenden Schlafstube) den oberen Stock des Hauses ausmachte und von der Mutter bewohnt wurde, kam mir niemals in den Sinn. Es verstand sich für mich von selbst, daß sie für ihr Teil so viel Raum hatte, wie die übrige Familie, selbst zur Zeit, da die Großmutter noch lebte und die Brüder im Hause waren, zusammengenommen; und wenn ich über ihre Schwelle nicht in ein klösterlich einfach ausgestattetes niedriges Zimmer mit drei kleinen gardinenverhängten Fenstern, sondern in einen prachtvollen Königssaal oder meinetwegen auch in einen hohen, von magischem Dämmerlicht durchfluteten Kirchenraum getreten wäre – es würden in meinen anbetenden Augen die rechten Räume für die Einzige, Unvergleichliche gewesen sein.

Es war aber an einem Sonnabend-Nachmittage im Winter. Ich saß bei dem Vater in der Werkstatt und erzählte ihm von der ersten Konfirmationsstunde, die ich heute morgen bei Pastor Renner, dem neuen Prediger an der Johanneskirche, gehabt hatte. Ich war in großem Eifer, denn, was ich da gehört, hatte mein Innerstes gar mächtig aufgeregt. Der Pastor, schien es, hatte die jungen Seelen gleich scharf angreifen wollen und von der Nachfolge Christi gesprochen, in die wir jetzt alles Ernstes zu treten hätten, und den Bedingungen, unter denen diese Nachfolge, an welcher das Heil unsrer Seele hange, einzig möglich sei. Daß zu den ersten dieser Bedingungen das Aufgeben der irdischen Schätze gehöre, – dagegen hatte der Fünfzehnjährige nichts einzuwenden, dem die Erinnerung an seine weißen Kaninchen längst schattenhaft geworden war, und der die Grabstätte der vermauserten Dohle, der letzten Bewohnerin des Vogelhauses, unter den Haseln auf dem Wall mit Sicherheit nicht mehr anzugeben vermochte. Aber der Pastor hatte auch von einem Besitz gesprochen, auf welchen jenes Wort von dem Rost und den Motten nicht gemünzt, der im Gegenteil an und für sich höchst wünschenswert, ehrwürdig und heilig sei und dennoch anfange, zweifelhaft und bedenklich zu werden, sobald es sich um den Ruf handle, dem wir folgen müßten. Und mit dem die Stimmen derer, die wir auf Erden am meisten liebten, nicht oder doch nicht immer im Einklang seien: die Stimme des Vaters, der Mutter, der Brüder, der Schwestern. Denn es stehe geschrieben: »Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist meiner nicht wert. Und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist meiner nicht wert.«

In meinem trefflichen Gedächtnisse hatte ich alles, wie es der beredte Geistliche in feuriger Rede vorgetragen, treulich behalten; den angeführten Spruch hatte ich auch schon vorher gekannt. Und während ich nun, ohne es zu wollen und zu wissen, des Geistlichen Ton und Sprechweise nachahmend, das Gehörte recitierte, klopfte mein Herz wieder vor Zweifel und Unwille.

Und das kann ich nicht glauben, rief ich; und das ist auch nicht für uns; das ist bloß für die Katholiken.

Wieso für die? fragte der Vater, ruhig weiter arbeitend.

Weil die einander überhaupt nicht lieben dürfen.

Das habe ich nie gehört; erwiderte der Vater kopfschüttelnd; das kann auch nicht so sein.

Und doch ist es so, rief ich, denn, wenn es nicht so wäre, wenn sie einander lieben dürften, wie ich Dich liebe und Du mich liebst, weshalb –

Ich hatte jäh abgebrochen; der Vater schaute ein wenig erstaunt auf.

Nun? fragte er.

Sollte ich es ihm sagen, mein trauriges Geheimnis? Aber wie durfte ich es, wenn er es nicht einmal ahnte? seine blauen Kinderaugen mich so ruhig freundlich anblickten?

Aber plötzlich ging eine Veränderung in seinen Augen vor; ich sah es deutlich. Der freundliche Blick wurde trüber und ernst, irrte verlegen ab und wandte sich dann wieder auf mich mit einem Ausdruck halb des Schreckens und halb des Mitleids, während ich mit brennenden Wangen dasaß und starren Augen, aus denen Thränen brechen wollten.

Die sonderbare Scene wurde durch einen Kunden unterbrochen, der in die Werkstatt kam, eine Rechnung zu fordern, nach welcher er schon mehrmals vergeblich geschickt habe. Der Vater bat um Entschuldigung: er habe gerade in den letzten Tagen so viel zu thun gehabt; die Rechnung solle sofort ausgeschrieben werden. Aber der Mann, der sehr laut sprach und heftig gestikulierte, hatte keine Zeit zu warten; habe auch noch zu Herrn Hopp zu gehen, von dem man ebenfalls keine Rechnung bekommen könne; wolle in einer Viertelstunde wieder kommen. Damit war er davon gestürzt.

Ich hatte mich bereits auf einen Wink des Vaters in die Kammer begeben, die Rechnung zu schreiben. Ich besorgte dies Geschäft jetzt öfter. Es war einfach genug: »Ein Sarg mit Zuthaten so und so viel«, je nach der Größe, bloß daß die Särge der Armen immer ein gut Teil billiger waren.

In der Kammer war es bereits dämmerig, indessen noch hell genug, um schreiben zu können. Aber in meiner Erregung verdarb ich ein paar Blätter und mußte nach reinem Papier in dem Kasten des Stehpultes suchen. Ich fand nicht sogleich welches, und als ich hastig und ungeschickt weiter kramte, kam mir, ich weiß nicht wie, ein kleiner Gegenstand in die Hände, desgleichen ich noch nicht gesehen hatte, wenigstens nicht so schön und kostbar: ein oblonges goldnes Kapsel-Medaillon mit einem verschlungenen Namenszuge auf der einen und einem in Email ausgeführten Wappen auf der anderen Seite. Habe ich die Feder absichtlich berührt, ist es von selbst aufgesprungen, ich wüßte es nicht mehr zu sagen. Ich weiß nur, daß mich ein jäher Schrecken durchzuckte, als ich in dem Bilde der Dame, welches es enthielt, meine Mutter erkannte. Nicht auf den ersten Blick, denn ich hatte sie nie anders als in einem schwarzen Kleide gesehen, das ihre zierliche schlanke Gestalt bis an den Hals umschloß, während ein schwarzer Spitzenschleier das braune gescheitelte Haar bedeckte und, unter dem Kinn leicht geschürzt, das köstliche Oval des blassen anmutigen Gesichts einrahmte. Und hier sah ich sie mit freiem, eigentümlich an den Schläfen bauschig toupiertem Haar, welches im Nacken zusammengenommen war, aber nicht so fest, daß nicht ein paar flatternde Locken sich rechts und links über die runden Schultern auf den Busen gestohlen hätten; um den Hals eine Perlenschnur, Perlengehänge in den zierlichen Ohren; das holde Antlitz, das ich niemals auch nur hatte lächeln sehen, ganz durchglänzt von Heiterkeit, die sich doch wieder in den strahlenden braunen Augen zu konzentrieren schien; die rosigen Lippen des entzückenden Mundes leise geöffnet und auch wieder gerundet wie zu einem zärtlichen Kuß.

Es mußte ein Maler ersten Ranges gewesen sein, der in dieses kleine Rund diese Welt von Anmut und Schönheit zu bannen verstanden hatte; aber davon wußte meine junge Seele ja nichts, sowenig wie von der Welt, zu deren Vorrechten es gehört, in dem Glanz und Zauber solcher Anmut und Schönheit zu schwelgen, sich zu berauschen, zu rasen, solange bis – ach! ich wußte ja nichts, als daß meine Mutter so wonnig hatte lächeln können, und diese strahlenden Augen mir nie geglänzt hatten, diese holden Lippen mich niemals hatten küssen wollen!

Und nun brachen die Thränen, deren ich mich vorhin nur noch eben enthalten, in Strömen aus meinen Augen; und, mir das Taschentuch gegen das Gesicht drückend, daß der Vater mein Schluchzen nicht hören möge, weinte ich, über das Pult gebeugt, das Medaillon in der herabhangenden krampfhaft geschlossenen Linken.

Ich hatte ihn nicht kommen hören und sehen, aber ich fühlte plötzlich, daß der Vater neben mir stand. Ohne aufzublicken und nur noch heftiger weinend, hielt ich ihm das Medaillon hin. Er nahm es mir schweigend aus der Hand. Ich blickte empor. Seine Augen ruhten auf mir schmerzensreich, mitleidsvoll.

Sie hat mich nie geküßt! schrie ich und stürzte mich an seinen Hals.

Er drückte mich fest an seine Brust, die sich krampfhaft hob und senkte. Und dann brach aus der treuen verschwiegenen Brust ein Stöhnen, das mich erschreckte. Ich wollte mich aus seinen Armen lösen; aber er preßte mich nur noch heftiger an sich. Ich sollte die Thränen nicht sehen, die der verlassene, liebekranke Mann auf das Haupt des verlassenen, liebekranken Knaben weinte.

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