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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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IX.

Ich hatte hier die höchste rauhe Höhe des Waldgebirges überschritten, das nun nach Norden schroffer zur Ebene absank. Mit der Form der Berge hatte sich auch der Wald verändert. Laubholz drüben, Nadelholz hüben, hochragender Wald, zwischen dessen schlanken Stämmen das Wild aus weiterer Ferne sichtbar wurde, und durch dessen Wipfel es einförmiger und feierlicher rauschte, daß es fast wie das Rauschen meines geliebten Meeres klang.

Und daß es mit der Stimmung zusammenklang, die jetzt in meiner Seele obwaltete. Nicht mehr die weiche Friedenssehnsucht, die mich ganz erfüllt hatte, als es noch galt, mich aus den wilden Herzensstürmen zu retten; eine stille gefestete Entschlossenheit jetzt, das Rettungswerk zu vollenden und das letzte Glied der Kette durchzufeilen, welches mich noch an den Herzog fesselte.

Zwar noch einen Versuch wollte ich machen, ihn zu Adeles Gunsten umzustimmen. Mißlang der Versuch – und ich hatte wenig Hoffnung, daß er gelingen werde – nun, so mußte mir Adele Freiheit geben, mich loszuringen aus einer Lage, in die ich nicht gehörte: nicht nach meiner Geburt, Erziehung, nach meinen Ueberzeugungen; und nicht nach der Begabung, welche ich schließlich als die einzige in mir fand, für die zu leben sich für mich der Mühe des Lebens verlohnen könne.

In dem letzteren war ja freilich der Herzog mit mir einverstanden, und er hatte wiederholt auf das Verhältnis Karl Augusts zu Goethe hingedeutet, um mir nahe zu legen, daß ich bei ihm an der rechten Stelle sei. Ich hatte schwache Stunden gehabt, in welchen mir ein Vergleich einleuchtete, der mir jetzt völlig absurd bis zur Tollheit erschien. Wie hatte ich jemals wagen können, mein kleines Licht mit dem unermeßlichen zu vergleichen, das wie die Sonne der Poesie selbst war! Und wenn der Liebling aller Götter und Grazien dennoch nicht immer die Kraft besessen, nur an ihren goldenen Tischen speisen zu wollen, und von irdischer Kost auf Fürstentafeln nicht immer ungestraft genossen hatte – wie durfte ich hoffen, meine so viel schwächere Seele unter so viel ungünstigeren Verhältnissen stark und rein zu erhalten? War ich beim Himmel kein Goethe, so war der Herzog beileibe kein Karl August, der, in seiner Fürstlichkeit sicher ruhend, neidlos den Genius schalten ließ; dankbar für die ihm zugeteilte Mäcenatenrolle; nimmer daran denkend, um die Gunst der Muse zu werben in Wette mit dem Genius. Aber mein Herzog! Daß er mir meine poetischen Versuche korrigierte – wieviel ich auch darunter gelitten, und wie weit er mich auch dadurch von der Bahn abgedrängt hatte, – es mochte hingehen. Wäre nur nicht das Büchlein da in meiner Tasche gewesen! in das ich keinen Blick mehr zu werfen wagte aus Furcht, mein Widerwille gegen diese Art zu dichten möchte sich in Haß gegen den Dichter verwandeln.

Denn das erschien mir als des Dichtens innerster Kern, daß der Dichter, wie weit und reich und bunt er auch sein Gewebe wirke, und wie er sich auch an der Lust des Fabulierens berausche, wahrhaftig in sich selbst sei und bleibe. Daß er an seine Ideale treu und ehrlich glaube; daß er kein falscher Priester sei, der in tönenden Worten den Preis der Gottheit verkündet, die ihm selbst eine Schimäre ist.

Wie aber durfte der Mann von Freiheit singen, der um sich her nur »Lemuren« hatte, weil er sie haben wollte? Wie von Gleichheit, er, der gebietende Herr über Schranzen- und Bedientenseelen? Von Brüderlichkeit er, der unten in seinen Schlössern wohnlich und wohlig hauste, während »oben auf dem Walde« das hauslose bare nackte Elend zum erbarmungslosen Himmel schrie? Wo blieb die fürstliche Vatersorge, deren er sich rühmte, nur daß die dummen Menschen seine besten Absichten mißdeuteten und unausführbar machten? Wo das Christentum, zu dessen Wesen er sich nachdrücklich bekannte, wie tief er auch »das Brimborium des Dogmenkrams und der Kultusformen« verachte? Nun, wenn das Wesen des Christentums nicht Liebe und Erbarmen war, was war es dann? Und aus den hohlen Augen der Hungernden da oben blickte seine Liebe! in ihren zerbröckelnden Jammerhütten wohnte sein Erbarmen!

Schwere, düstere Gedanken, als ob sie aus den schwarzen Wolken gekommen wären, welche sich über dem Walde zusammenzogen, und unter deren Druck die Tannen ihre hohen Wipfel zu beugen und im vielverschlungenen Geäst zu stöhnen und zu knarren begannen. Und nun große, warme Tropfen, vereinzelt erst, dann dichter und dichter, daß der Wanderer auf der Landstraße sich unter die vorspringenden Nadeldächer an der Wegseite drückte, die auch bald keinen Schutz mehr vor dem jetzt in Strömen herniederrauschenden Regen gewährten. Im tiefen Forst hatte ich zu wiederholten Malen ein Unwetter gern über mir sich austoben lassen, hier zerstörte die Landstraße mit ihrem grauen Staube, der sich alsbald in rinnende Schmutzwasser verwandelte, die Poesie des Regensturms. Auch hatte ich vorhin an dem einen Ende einer Schneise, welche die Landstraße durchschnitt, ein Haus liegen sehen, das seitdem allerdings wieder verschwunden war, in dessen Nähe ich mich aber, wenn mein Ortssinn mich nicht trog, befinden mußte. So entschloß ich mich, weiter zu gehen, und erblickte nach ein paar hundert Schritten das gesuchte Haus: ein ziemlich ausgedehntes niedriges Gebäude auf einer Waldblöße, die den Scheitel des Berges zu bilden schien, welchen ich bereits seit einer Stunde emporstieg.

Triefend langte ich auf der Schwelle an, zusammen mit einem halben Dutzend Personen, die irgend wo anders her aus dem Walde kamen, – ich hatte bis zu diesem Moment keine von ihnen wahrgenommen. Es mußten sich hier viele Wege kreuzen: die weite niedrige Gaststube war bereits halb gefüllt, als wir eintraten, und immer noch kamen neue Nachzügler, triefend, wie wir; denn das Unwetter wütete weiter, ja gebärdete sich immer toller. Obgleich es eine halbe Stunde zuvor heißer heller Nachmittag gewesen, war es jetzt dunkel, wie beim Einbruch der Nacht; und das Heulen des Sturmes vernahm man nur zu deutlich durch die klappernden Fenster, gegen die Guß auf Guß prasselte und klatschte.

Nur zu deutlich, denn in dem weiten Raum, trotzdem längst jede Bank und jeder Stuhl besetzt war, und so manche, die keinen Platz mehr gefunden, sich an den wenigen freien Stellen zwischen den Tischen zusammendrückten, herrschte eine Stille, die das jeweilige, murmelnd geführte Gespräch zwischen ein paar Benachbarten nur noch bänglicher zu machen schien. Offenbar kannten einander die wenigsten, die hier der Zufall zusammengetrieben; auch waren sie augenscheinlich von den verschiedensten Berufen, wie sie im Wald und auf der Landstraße ihr Wesen treiben: ein paar Forstläufer mit dem Jagdzeug und den Hunden, die sich unter die Tische drückten; Holzhauer, Wegeknechte, alte Frauen und selbst Kinder; Botengänger, Tabulettkrämer, Handwerksburschen; und so mancher verkommene Gesell, dessen Heim im Sommer der Wald sein mochte und im Winter ein Arbeits- oder Krankenhaus.

So saßen und hockten sie neben- und durcheinander, und der rundliche Wirt und seine Leute hatten wenig zu thun. Kaum daß hier und da vor einem der Schweigsamen ein Glas Bier stand, welches so lange vorhalten zu sollen schien wie das Unwetter. Man durfte wohl annehmen, daß die andern sich aus traurigen Gründen selbst diesen kärglichen Genuß versagen mußten. – Und wie nun mein Blick wieder und wieder diese schweigsame Versammlung in dem düsteren Raum durchlief, glaubte ich mich plötzlich die Jahrhunderte zurückversetzt in die Zeit meines »Thomas Münzer«, als der »Bundschuh« durch das Land ging, und »der arme Konz« sich zusammenrottete, ob es nicht doch geschehen könne, daß man sich der Dränger und Peiniger erwehre und das neu verkündete himmlische Evangelium zu einer irdischen Wahrheit mache. Wie hatte der Herzog gesagt: »die Zeit kommt nicht wieder; der Bauer ist jetzt zu klug, um sich auf eine Revolution einzulassen, bei der er nur verlieren könnte; und der letzte Vagabund hat es jetzt besser, als der bestsituierte Bauer von damals?« Nun, er hatte wohl nie – und wie sollte er auch? – eine Gesellschaft gesehen, wie diese hier. Sie würde ihn gelehrt haben, daß »der arme Konz« mit nichten gestorben war, sondern noch heute umging in seinem Walde und auf der Landstraße, von der sein Fiskus den Zoll nahm. Dies waren dieselben Jammergestalten, dieselben verkümmerten, vor der Zeit gealterten Gesichter, dieselben dumpfen grollenden Mienen, dieselben stumpfen Augen, die nur vom Widerschein brennender Burgen und Klöster aufleuchten mochten, oder vor grausamer Lust, wenn sie den Ritterleib am Bauernspieß verzucken sahen. Und da waren auch die dornigen Knittel, die ihre Dienste thun mochten, bis man es zu einer Hellebarde brachte; und die Aexte, die ihr Werk besser verrichteten, als das beste Schwert. Nein, nein, Herr Herzog, es steht nicht alles ganz so gut in der Welt, wie du glaubst, und andere glauben machen möchtest! das Elend nur, welches hier in diesem engen Raum zusammengepfercht ist, wiegt so schwer, daß es deine ganze Herrlichkeit in die Luft schnellt; und doch ist's nur ein Tropfen in dem Meer von Elend, das über die ganze Erde sich breitet und steigt und steigt –

Ein neuer Ankömmling unterbrach meine düsteren Meditationen.

Es war ein junger Bursch, etwa in meinem Alter, oder doch nur um weniges älter, der mich in seiner langen überschlanken Gestalt flüchtig an mich selbst erinnerte. Ich hoffte, daß die Aehnlichkeit nicht weiter ging, denn er hatte ein nicht gerade unschönes, aber durch den trotzig brutalen Ausdruck widerwärtiges Gesicht. Seine Kleidung bestand in einer braunen Joppe, bis zu der die langen Stiefel beinahe hinaufreichten und in einem Jägerhut mit Spielhahnsfeder, von dem er beim Hereintreten das Wasser so ungeniert abschwenkte, daß ich, der ich in der Nähe der Thür saß, auch mein Teil davon bekam. Zu den Jägern konnte er nicht gehören, trotzdem sie ihn wohl zu kennen schienen: sie steckten, als er ins Zimmer kam, die Köpfe zusammen, von Zeit zu Zeit finstere Blicke auf ihn werfend, während er sich an einem nahen Tische ohne viel Umstände Platz gemacht, ein Glas Bier mit lauter Stimme gefordert und mit seinen Nachbarn, den Fuhrleuten, ein Gespräch begonnen hatte, wiederum laut genug, daß es bei der sonst herrschenden Stille wunderlich auffiel.

Ich weiß nicht, weshalb meine Aufmerksamkeit dem jungen Menschen zugewandt blieb, der sonst nichts Anziehendes für mich hatte; vielleicht war es nur, weil er sich so geflissentlich bemerkbar machte; und es schien, als ob ihn die Gegenwart eines Fremden, wie ich, noch besonders dazu reize. Er ließ sich ein zweites Glas Bier geben und begann noch lauter zu schwadronieren, zum Ergötzen der Fuhrknechte, wie es schien, und zum Aerger der Forstleute. Mich widerte sein Gebahren an; und da das Unwetter nachzulassen begann, überdies die Luft in der Wirtsstube unerträglich wurde, verließ ich dieselbe und stellte mich unter das Vordach an der Hausthür. Der Wirt, der drinnen abkömmlich war, gesellte sich zu mir. Ich fragte ihn nach dem jungen Menschen und erfuhr, derselbe sei ein Bauersohn weiter oben auf dem Walde. Von der Mutter, die früh gestorben, besitze er ein kleines Erbe, aber habe sich darüber mit dem Vater entzweit, der, zum zweitenmale verheiratet, übrigens ein ordentlicher, tüchtiger Mann sei.

Der Wirt sagte das letztere in einer Weise, als wolle er damit zu verstehen geben, daß er dem Sohne dasselbe Lob nicht erteilen könne. Ich machte eine dahinzielende Bemerkung. Der Wirt lächelte, räusperte sich, kam aber nicht zu einer Antwort, da jetzt eine ganze Anzahl der Gäste auf einmal aus dem Zimmer unter das Vordach trat, nach dem Wetter auszuschauen, dessen Ungestüm sich ausgetobt zu haben schien. Es regnete freilich noch immer ziemlich stark; doch war das für die meisten kein Hindernis, sofort aufzubrechen; andere zögerten noch ein wenig und faßten dann denselben Entschluß. Es dauerte nicht lange, so war die Wirtsstube zur Hälfte geleert; dann folgten auch die Zaghafteren; zuletzt war, wie ich durch das Fenster bemerken konnte, kaum noch jemand drinnen, außer den Fuhrknechten und dem jungen Menschen, die jetzt näher zusammengerückt waren und ihre Unterhaltung fortsetzten, in welcher der junge Mensch das große Wort führte.

Ich hatte dem Aufbruch der Leute, die hier der Regensturm so plötzlich von allen Seiten zusammengetrieben, und die nun nach allen Seiten eben so plötzlich wieder auseinander stoben, mit Interesse zugeschaut. Es war, als ob Tauben einzeln, zu Paaren und haufenweise einen geöffneten Schlag verlassen, nur daß das ein lustiges Bild ist, und dies der armen, frierenden, verregneten Menschen, die sich und ihren Packen Elend so weiter in den Regen schleppten, alles in allem recht traurig war.

Auch ich hatte jetzt meine leichte Tasche wieder umgehangen und wollte eben das Haus verlassen, als der Wirt abermals zu mir trat. Ob ich nicht das gänzliche Aufhören des Regens abwarten wolle? ob ich noch weit für heute habe? Ich hielt es nicht für nötig, ihm zu sagen, daß mir der Herzog sein Lustschloß Bellevue am Fuße des Gebirges zum Ziel meiner Wanderung bestimmt hatte, sondern nannte einen bekannten Ort in der Nähe desselben. Dahin könne ich eine Stunde früher gelangen, wenn ich einen Richtweg verfolge, der gerade von diesem Punkte anfange, um tiefer unten wieder auf die Landstraße zu treffen. Derselbe sei nicht zu verfehlen, wenn man nur die ersten Abzweigungen und Kreuzungen der Pfade hinter sich habe. Ob er mir bis dahin das Geleit geben solle?

Ich nahm das Anerbieten dankend an. Er mochte mich für einen Studenten halten, der einen Ausflug in die Berge gemacht habe; wenigstens mußte ich das aus seinen weiteren Fragen schließen, die ich denn auch in diesem Sinne, wenn auch mit einiger Unbestimmtheit, beantwortete. Dann war er, ich weiß nicht wie, auf jenen jungen Menschen zu sprechen gekommen, welchen ich mittlerweile schon fast vergessen hatte. Er habe vorhin meine Frage, wes Geistes Kind der Heinrich Rodig sei, nicht beantwortet; es seien gar zu viele Leute in der Nähe gewesen; und von dem Heinrich, oder »Heinz«, wie sie ihn überall nennten, rede man am liebsten unter vier Augen. Denn er sei ein gar wilder Gesell, der mit jedem Händel anfange, und mit dem niemand gern sich in solche einlasse: sein Nickfänger sitze ihm verdammt locker in der Tasche. Darum hätten auch die beide Forstläufer, als die Klügeren, bald das Feld geräumt; sie hätten freilich noch besondere Ursache, nicht mit dem Heinz anzubinden.

Ich meine, Herr Wirt, unterbrach ich den Geheimniskrämer, Sie sagen mir; wenn es anders Ihre Absicht ist, lieber ganz offen und auf einmal, was es mit dem jungen Menschen für eine Bewandtnis hat.

Der Mann hatte augenscheinlich nur auf diese Aufforderung gewartet.

Nun, erwiderte er eifrig, Ihnen will ich es wohl sagen. Sie sind ein Fremder, und übrigens weiß man ja auch nichts Gewisses; und ich sage nur, was die andern sagen, die auch nicht mehr davon wissen. Wer es aber allein wissen könnte, ist tot; das ist eben die erste Frau von dem alten Rodig, die Mutter von dem Heinz. Nun hübsch genug war sie, das kann ich selbst bezeugen; und daß unser Herzog gern da oben vorsprach bei den Hirschjagden und auch sonst auf dem Hofe, der ein bißchen einsam und eigentlich schon im Walde liegt – das kann man dem Herrn ja nicht verdenken, und ist ja auch nichts dagegen einzuwenden; und vielleicht ist nichts weiter an der ganzen Sache, als daß die junge Frau – denn jung war sie noch und lustig dazu – nachdem sie so ein vier oder fünf Jahre kinderlos geblieben – aber so etwas kommt ja doch auch sonst vor, und kräht kein Hahn danach. Wenn nur nicht, als dann die schöne Ursel – so nannten sie sie hier herum alle – bald darauf starb, für das Kind ein Stück Geld dagewesen wäre, von dem niemand recht weiß, wo es hergekommen sein soll, denn außer ihrer Schönheit hatte die Ursel nicht viel in die Ehe mitzubringen gehabt. Nun, sehen Sie, Herr, davon hat nun die Rederei ihren Anfang genommen, als ob man nicht auch noch in der Ehe erben könnte, ohne daß man den Leuten auf die Nase zu binden brauchte, von wem. Der Herzog kann's ihr ja auch geschenkt haben, obgleich er sonst nicht just splendabel ist, weil er doch so oft in dem Hause vorgesprochen hat, und von Bezahlen ist natürlich nie die Rede gewesen. Deshalb sage ich kein unebenes Wort gegen eine Frau, die tot ist und sich nicht mehr verteidigen kann; und die Leute würden wohl auch des Redens müde geworden sein, wenn der Heinz ein Mensch wäre, wie die anderen, und nicht dafür sorgte, daß die Mäuler nicht stille stehen. Aber er treibt es eben ein bißchen arg. Gut thun hat er schon als Junge nicht gewollt; dann hat er sich mit seiner Stiefmutter verzankt und dann auch mit seinem Vater, der sonst ein friedlicher Mensch ist, bis er zuletzt aus dem Hause mußte. Nun ist er bald hier, bald da, und wo er hinkommt, ist ein Kreuz und ein Elend. Denn mit den Männern beginnt er aller Orten Streit und Zank, und was die Weiber sind, besonders die jungen und hübschen, die haben erst recht keine Ruhe vor ihm. Dazu hat er sich auf die Jägerei geworfen, obgleich er kein Jäger von Profession ist und überhaupt keine Profession hat. Das heißt: man sagt ihm das so nach, weil er ganze Tage lang im Walde liegt. Mit der Flinte hat ihn noch keiner getroffen, außer, wo er sie zu Recht tragen durfte auf der Jagd bei Bekannten, davon er viele hat, obgleich es just nicht immer die besten sind. Aber gleich und gleich gesellt sich gern. Und wenn ihn auch einmal ein Waldläufer oder Förster getroffen haben sollte, wo sonst weiter kein Mensch zugegen war, so ist er ihm gewiß aus dem Wege gegangen und hat hernach reinen Mund gehalten, denn daß der Heinz sich nicht gutwillig geben würde, weiß jeder; und daß er seinen Mann nicht fehlt, auch. Und zum dritten: er gilt nun doch einmal nicht als seines Vaters Sohn; und die Förster denken, was willst du deine Haut dabei zu Markte tragen und hinterher womöglich noch in den Teufel seine Küche geraten? Da hat denn der Heinz, sozusagen, freies Spiel; und alle Welt wundert sich nur, wie lange er's noch treiben wird. So fortgehen kann es auf die Dauer nicht.

Nun aber der Heinz selbst?

Was meint der Herr? fragte der Wirt zurück.

Ich meine, hält er selbst sich denn –

Natürlich hält er sich dafür, unterbrach mich der Wirt. Warum sollte er nicht? Es halten sich noch manche dafür.

Aber das ist doch schändlich, rief ich; so ohne jeden vernünftigen Grund, bloß aus Freude am Skandal den Herzog zu verdächtigen!

Wie man's nehmen will, erwiderte der Wirt; die Leute reden ja viel mit und ohne Grund. Die Sache ist eben, der Herzog ist nicht beliebt. Er gilt für einen harten Herrn, der für den kleinen Mann kein Herz hat und auch sonst nicht für das Land sorgt, immer bloß für sich, wie in der Domänensache, wo er auch nicht gefragt hat, was ist gut für den Fiskus, sondern was ist gut für deine Tasche? – So, nun kann der Herr nicht mehr fehlen. Jetzt noch an die tausend Schritte immer geradeaus durch den Wald. Dann kommen der Herr heraus, zusammen mit dem Bache, den Sie verfolgen bis zur Mühle. Wenn Sie den Müller von mir grüßen und ein bißchen Zeit dran wenden wollten, der könnte Ihnen auch eine Geschichte erzählen, die so vor ein Jahrer neunzehn oder zwanzig bei ihm passiert ist. Ja, ja, lieber Herr, es hat seine Gründe, wenn die Leute nun mal partout nicht gut von Hoheit denken und reden mögen. Aber ich darf den Herrn nicht länger aufhalten.

Der gesprächige Mann verabschiedete sich, ohne mir einen andern Dank zu verstatten, als das Versprechen, ihn gelegentlich wieder zu besuchen. Ich hatte die größte Mühe gehabt, bei seinen Erzählungen scheinbar unbefangen zu bleiben. Nun, da ich wieder allein war, beschleunigte ich meinen Schritt, als könne ich so den bösen Dingen entrinnen, die ich soeben gehört, und die hinter mir her krächzten, wie Raben hinter dem weidwunden Wild, das ja nun doch bald zusammenstürzen und verenden muß. Vergebens, daß ich mir sagte, diese Aufregung, die mir jetzt die Thränen in die Augen trieb und jetzt die Zähne aufeinander knirschen ließ, und der ich wieder in wilden Worten, welche ich in den Wald hineinrief, Luft zu machen suchte – sei doch ganz thöricht und sinnlos. Wußte ich denn nicht schon von lange her – aus des Kammerherrn, aus Weißfischs Munde – daß der Herzog kein Heiliger sei? Hatte er selbst sich je für einen solchen ausgegeben? Was war denn nun so anders geworden? Und doch und doch! Ich konnte die schauderhafte Empfindung nicht los werden: der wüste junge Gesell mit der plump-prahlerischen frechen Miene und Gebärde, der Wirtshausheld, der Zechbruder der Fuhrknechte, der Landstreicher, der Wilddieb – das ist der Bruder der vornehmen Dame, die du geliebt hast! Hätte ich doch sagen können: er ist es nicht; das ist ja alles nur wüstes Gerede von Leuten, denen es in ihrem Elend ein trauriges Behagen macht, die Erdengötter hinterrücks mit Schmutz zu bewerfen! Aber wie jetzt das Bild des jungen Menschen vor meinem inneren Auge stand, als hätte er da selbst vor mir gestanden auf dem Waldwege: in seiner Miene, vor allem in dem Blick seiner harten Augen war ein etwas, das an den andern mahnte. Und hatte der andre nicht die unglückselige Geschichte, die an der Mühle gespielt hatte, noch an dem letzten Abend auf das Tapet gebracht, als wolle er mich vorbereiten auf das, was ich hier oben zu hören bekommen würde? Und blieb die Geschichte nicht gräßlich, auch wenn der Müller wirklich die Unglückliche und ihr Kind gerettet hatte!

Ach, sollte ich denn jetzt erst erfahren und empfinden, wie teuer er mir gewesen war, jetzt, wo ich mit allen Kräften danach rang, mich von ihm loszumachen, und, als könnte das meiner eigenen Anstrengung nicht gelingen, sie nun von allen Seiten kamen, mir zu helfen!

Wie ich nicht geholfen sein wollte. Nein, dessen bedurfte es nicht. Es war eine Schmach für mich, mich daran zu klammern. Was ich thun wollte, mußte ich thun, nicht seinethalben, weil er nicht der gute, edle Mann war, für den ich ihn gehalten, sondern um meinetwillen, um des Schwures willen, den ich am Sarge des Vaters geleistet: »Nie will ich dein vergessen, du Armer, Verlassener! Und will der Sache der Armen und Verlassenen treu bleiben, bis mein Herz stillsteht, wie deines!«

Und den ich mir wiederholt hatte Wort für Wort, als ich da oben »auf dem Walde« aus dem verfallenen Hause trat, darin er geboren, der Sohn des Nägelschmiedes, der Abkömmling des Schachers, den sie auf den Hirsch gebunden, und die Meute zerrissen hatte. In seinem Walde, im Walde seiner Ahnen! über dem Gott Vater thronte in den Strahlen der aufgehenden Sonne mit den barmherzigen Engeln! Gott mußte wissen, warum er seine Sonne aufgehen ließ über solchen Greuelthaten, und die Engel mochten sie auslöschen mit ihren Thränen aus dem Schuldbuche des Frevlers. Aber ob ein halbes Jahrtausend darüber vergangen war – er war der Sproß jenes Frevlers, wie der Sargtischler der Sproß des Schächers. Und des Sargtischlers Sohn nun, da er dies wußte, durfte fürder nicht von seiner Gnade leben, und wäre auch alles anders gewesen, als es war.

Schneller als ich gedacht, war ich an die Stelle gekommen, die mir der Wirt bezeichnet hatte. Aus dem Walde heraustretend, blickte ich hinab auf ein allmählich sich erweiterndes Thal, durch das sich ein Bach schlängelte, der mit mir aus dem Walde kam, und an dessen Rande der Fußpfad weiter lief. Vorerst durch sanft absinkende Wiesen bis zu einer Stelle, wo aus Baum und Busch die Dächer eines Gehöftes blickten – die Unglücks-Mühle jedenfalls, von welcher der Wirt gesprochen. Ueber das Gehöft schweifte der Blick in die Ebene – nicht allzuweit, denn die Sonne, welche im Untergehen war, sandte ihre rötlichen Strahlen darüber weg, alle Einzelheiten in Glast hüllend und mir die Augen blendend, daß ich erst jetzt einen Giebel des Schlosses wahrnahm, rechter Hand unterhalb der Mühle und jenseits des Baches, aus massiven welligen Baumgruppen ragend, während linker Hand die einförmige Mauer der Forstlisière, den Senkungen des Terrains folgend, zur Ebene hinabstieg, bis sie sich in dem rötlichen Flimmer verlor.

Da stand ich denn oben und schaute, auf meinen Wanderstab gebogen, in die entzückende Landschaft, wie in ein Bild, das mir in seinem Rahmen noch einmal all die Herrlichkeit zeigen zu wollen schien, in der ich so lange geschwelgt hatte, und die nun zu Ende ging – für mich zu Ende ging und für immer. Ja, es war herrlich gewesen, und ich schämte mich der Thränen nicht, die mir, im Gedenken daran, jetzt stromweis über die Wangen liefen. Aber »Und scheint die Sonne noch so schön« – wer hat dich zuerst gesungen, du Kinderweisheitswort, das doch das ganze Menschenlos in sich faßt: seines Glückes helle Seligkeit und sein dunkles Weh – den unaussprechlichen Schmerz der Trennung von den Lieben und ach, von der Liebe, die unsers Lebens Sonne war, und mit der, wenn sie nun doch verlöschen will, das Leben gern verlöschen mag!

Als ich wieder ausschaute, glühte eben noch der Rand der Sonne über dem Horizonte. Bläuliche Schatten deckten schon die Ebene und zogen das Wiesenthal herauf; jetzt erblich auch die Glut, die noch in den Tannenwipfeln rings um mich her gebrannt hatte. Nur ein Bogenfenster im Schloßgiebel schimmerte, vom letzten Strahl der Sonne schräg getroffen, – wie ein Leuchtturmlicht.

Ein warnendes Licht, kein gastliches! Denke dessen, du einsamer Schiffer! Oder du zerschellst an dem Felsen, vor welchem es dich warnen wollte!

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