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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VIII.

Am andern Morgen war der Herzog bereits fort, und das Ränzelchen, das er mir noch herübergeschickt, mit dem Bemerken, er habe es selbst als junger Mensch durch den Wald getragen, hatte Holzbock, den ich zu Hause lassen wollte, sorgfältig gepackt, als mir ein Briefchen von Adele gebracht wurde:

»Lieber, Trauter! Sei gut und komme sofort zu mir! Ich habe Dir etwas mitzuteilen, wozu ich gestern nicht den Mut hatte, und woran das Glück meines Lebens hängt. Das Du in Deiner Hand hast, die viel mächtiger ist, als Du ahnst. Ich darf dem Papier nicht mehr anvertrauen, wie ich Dich denn auch bitte, niemand wissen zu lassen, daß Du zu mir gehst. Aber so viel mußte ich schreiben, weil ich fürchte, daß Du mir zürnst und auf eine nicht unterstrichene Bitte nicht kommen würdest.«

Ich fand in meinem Herzen nicht die Kraft, ihr jetzt schon wieder unter die Augen zu treten; ich fühlte, daß ich mich verraten würde. So nahm denn der Bote, ihr alter treuer Diener, die Antwort zurück:

»Ich kann nicht kommen. Der Herzog schickt mich auf acht Tage in den Wald. Der Befehl ist bündig; ich muß gehorchen. Auch würde ich jetzt, wo die Leute auf mein Fortgehen warten, ohne Aussehen zu erregen, Dich nicht besuchen können.«

Nach einer halben Stunde brachte der Mann ein zweites Billet:

»Nun wohl! Es ist vielleicht besser so. Im Walde wirst Du Deine Liebe zu mir wiederfinden. Halb, wie sie jetzt ist, kann ich sie nicht brauchen: sie würde das Geheimnis, das ich ihr anzuvertrauen habe, nicht verstehen. Also Dein ganzes Herz! Deine volle Liebe! Und: auf Wiedersehen in acht Tagen.«

Im Walde wirst du deine Liebe wiederfinden! Aber hatte sie mich denn verlassen selbst in dem schauderhaften Moment, als ich den fremden Mann in ihren Armen sah? Und ob mein Herz in Eifersuchtsqualen zuckte, war es nicht wieder die Liebe zu ihr, aus der ich den Mut schöpfte, dem Herzog zu trotzen und für die Tochter an sein Vaterherz zu appellieren, wenn ich auch den Vaternamen nicht aussprechen durfte? Dann erst, als dieser Appell kein Echo in seinem egoistischen Herzen fand, hatte ich an mich selbst gedacht, und, da ich sie nun doch einmal nicht zu retten vermochte, wenigstens mich selbst zu retten gesucht.

Es war mir mißlungen: er hatte mich nicht weggejagt; hatte mir zum Lohn für meine unerhörte Keckheit die Wange gestreichelt, wie ein Lehrer einem lieben Schüler, fast wie ein Vater seinem Sohn, dem er nicht zürnen kann trotz alledem. Und wenn ich mich so entwaffnen und wieder in Ketten schmieden ließ, so war es nicht sowohl, weil mir der Mut zu weiterem Widerstande gebrochen war, sondern weil ich schon in demselben Moment fühlte und wußte, was Adele mir heute morgen schrieb: daß meine Hand in der That viel mächtiger sei, als ich irgend geahnt; daß ich dem Herzog sagen mochte, was ihm kein anderer zu sagen wagte; und also auch nicht daran verzweifeln durfte, ihn für die Geliebte umzustimmen, wenn auch der erste Angriff abgeschlagen war.

Nein, ich brauchte nicht in den Wald zu ziehen, um meine Liebe wiederzufinden, meine ganze und volle Liebe; nur daß sie im Walde, mir selbst zu einem Wunder, dessen sanfter Gewalt ich nicht widerstreben mochte, ein anderes Antlitz zeigte.

Ein Antlitz voll stiller, wehmutsvoller Melancholie, das wundersam harmonierte mit der ahnungsvollen, aus Licht und Schatten mystisch gewobenen Dämmerung in den hohen Waldeshallen; dem feierlichen Rauschen des Windes durch die Wipfel zu meinen Häupten; dem süß-leisen Gesang der Vögel; dem Kinderlied, das die Quelle murmelte, sich den Weg zu kürzen zwischen bemoostem, farrenkrautüberwuchertem Gestein; dem großen glänzenden Auge des Rehs, das in der Lichtung friedlich äste und, nach dem nahen Wanderer furchtlos aufblickend, zu fragen schien: Was willst du hier in unserm Frieden, du friedloser Mensch?

Ja, gib mir Frieden, heilige Waldesruhe! Laß mich teilhaben, du stilles Waldesleben, an deinem seligen Genügen, deinem frommen Verzichten auf alles, was du nicht selbst bist, nach anderem trachtet, als das ewige Gesetz will, welches du in dir trägst! Siehe das zarte Vergißmeinnicht an der Quelle: es will sich nicht zur Höhe der schmiegsamen Farrenbüschel über ihm heben; die Farrenbüschel bescheiden sich, unter dem straffen Weißdornstrauch zu wehen; der Weißdornstrauch will sich nicht messen mit der schlanken Birke; die Birke läßt gern der Buche ihre trotzige Kraft; das Reh stutzt, wie jetzt die Krähe auf der Buchenkrone ruft und folgt gehorsam dem Warner, aber neidet ihm nicht die sichere Freiheit da oben im luftigen Revier!

Und mein Gebet wurde erhört, und der Friede kam über mich.

Nicht auf einmal. Allmählich, tiefer, erquicklicher, mit jedem neuen Morgen, wenn ich nach nächtiger Rast im waldumragten Försterhause, von meiner Lagerstatt am schwälenden Kohlenmeiler fürbaß zog in das grüne Revier, auf ein Streckchen begleitet von dem Förster, dem Köhler, damit ich auch den rechten Pfad nicht verfehle durch die Wildnis.

Denn ich suchte die Wildnis und tauchte in die Oede, und ging ich einmal vollständig in die Irre, mir war es recht. Mochten Weg und Steg doch verschwinden, wenn sich mir dafür die Pforte zum Allerheiligsten des Waldes aufthat, wo, während mein Fuß lautlos über den schwellenden Moosteppich glitt, ich das Atmen des großen Pan zu vernehmen glaubte und die stille Antwort des Uralten auf die bange Frage des klopfenden jungen Menschenherzens.

Ach, mein junges Herz hatte noch gar viel zu fragen, jetzt, nachdem der wilde Kampf in meiner Brust geschlichtet war, und die mahnenden Stimmen vernehmbar wurden, die sein Lärmen übertönt hatte!

Mein Leben der letzten Monde, das wie ein einziger rosiger Traum an mir vorübergeglitten, begann sich in Wochen und Tage zu sondern, die vor mich traten ernsten Antlitzes und Auskunft begehrten, was ich mit ihnen begonnen? Ich, der Sohn des Sargtischlers, der schon als Knabe seine bitteren Thränen geweint hatte, daß er das kärgliche tägliche Brot nicht mit seiner Arbeit verdiente; dessen Sinnen und Trachten, sobald er so viel Einsicht in das Menschentreiben gewonnen, darauf gestanden, sich frei zu machen beides: von der Güte der Befreundeten und von dem Mitleid der Fremden; der eben darum keine Erholung gekannt hatte, als in der Arbeit, und heimlich lächeln mußte, wenn ihn die Lehrer als Muster des Fleißes hinstellten, ohne zu ahnen, wie scharf die Skorpionen waren, mit denen der Fanatismus des Stolzes und des Dranges nach Unabhängigkeit ihn zur Arbeit geißelten! Wohin der Stolz? wohin der Drang? Seine Tage vertändeln an der Schürze eines schönen Weibes; seine Stunden verzetteln in Geschwätz mit müßigen Kavalieren über tausend und eine nichtsnutzige Kleinigkeit; zu Roß, zu Wagen, auf der Jagd junkerlichen Sport treiben; sich anrühmen lassen, wie herrlich man doch zu aller und jeder ritterlichen Uebung veranlagt sei, und diesen billigen Ruhm mit langen Thorenohren einsaugen; an üppiger Tafel hinter der Flasche sitzen, die immer wieder erneuert werden muß, und sich Geschichten erzählen lassen, und zu Geschichten lachen, von denen die Seele sich abwendet, wenn auch die Wange zu erröten verlernt hat – heißt das Arbeit? Und was man so nennen möchte, was ist es wieder, als abermals Tändelei, nur jetzt nicht mit einer schönen, zu Scherz und Neckerei allzeit aufgelegten Frau, der leicht zu gefallen ist, sondern mit der ernsten Muse, der man jede Gunst mit heißem Mühen abringen muß?

Und die nur dem sich gnädig zeigt, der an sie glaubt, an ihre Hoheit und Reinheit; und deshalb an sich selbst glauben und sich vertrauen darf. Nicht dem, der an ihr vorüber nach dem Beifallslächeln der Menge schielt, oder, schlimmer noch eines Einzelnen, der sein Belieben für den Willen und Befehl der Muse selbst ausgibt, und, indem er uns zu seinem Willen zwingt, den hehrsten Kultus in schnöden Götzendienst verwandelt.

Das aber war die Sünde gegen den heiligen Geist. Und dieser Sünde hatte ich mich schuldig gemacht, in Vergleich zu der all jene anderen federleicht wogen. Auch wußte ich, daß ich jene von mir würde stäuben können, wie Federn; daß es mich nichts kosten würde, mein Sybaritenleben von jetzt mit der dunklen Enge und Dürftigkeit von ehemals zu vertauschen; daß ich leichten Herzens aus dem Fürstenschloß ziehen würde, wenn – er mich ziehen ließ!

Aber wenn er es nicht that? Wenn ich nun doch nicht die Kraft fand, die Kette zu zerreißen, an der er mich hielt; die Kette, die ich hinter mir her schleifte durch das raschelnde Laub, und die an mir erklirrte, wenn ich mich am Rand der Quelle in das nickende Gras warf? O, ich fühlte jetzt erst, wie fest diese Kette war! mit wie starker Hand er sie hielt, er, der es mir angethan! Durch seine Güte das eine, durch seine Würde das andere Mal, durch seine geistreiche Sicherstelligkeit zu allen Zeiten. Man sagte von ihm, – wie oft hatte ich es gehört! – er sei unwiderstehlich und könne bezaubern, wen er wolle. Nun, mich hatte er bezaubert; und gewiß nicht weniger deshalb, weil ich sah, daß er mich bezaubern wollte. Mich, den armen, hergelaufenen Jungen, der ihm, dem Verwöhnten, Welterfahrenen, auf den höchsten Höhen des Lebens Wandelnden nichts, nichts auf der Welt zu bieten hatte! Und der mich doch gehalten, als wäre ich ein Fürstenkind, und höher, viel höher: als einen, der seinem Herzen teuer war, und den er liebte! Mein Gott, man streichelt einem trotzig-ungezogenen Knaben nicht die Wangen, wenn man ihn nicht liebt!

Und ich sollte diese Liebe nicht nehmen dürfen, auch wenn ich nichts gethan, sie mir zu verdienen? Wodurch hatte ich denn die Liebe des Vaters verdient und sie doch genommen! Konnte denn das einen Unterschied machen, daß von den beiden, die mich so beschenkten, der eine ein Herzog, und der andere ein Sargtischler war? Herzog oder Sargtischler – ein Herz zu verschenken, hatten sie doch beide nur. Hier war der Sargtischler just so reich wie der Herzog. Wo lag denn da der Unterschied?

Da lag er: der eine hatte nichts von mir verlangt, als wieder Liebe. Und das hieß schon zu viel gesagt. Der Vater wußte nichts von Spinoza, aber die Gottesliebe Spinozas war das Atmen seiner Seele; und seine Menschenliebe war nach dem Bilde seiner Gottesliebe: »wenn ich dich liebe, was geht es dich an!« war wie der Sonne Licht, das nicht sagt: bete mich an, so will ich dir scheinen! wie der Quelle Wasser, das nicht spricht: gib mir deine Seele, so will ich dich tränken!

So war des anderen Liebe nicht. Sie wußte unheimlich genau, wie wohl ihre Wärme that; und gab keinen Tropfen als dem, den sie erquicken wollte. Und wollte keinem wohlthun und keinen erquicken, er hätte denn zuvor sein Opfer gebracht; und nicht um ein kleinstes mehr, als dieses Opfer wert schien. Die Herren seiner nächsten Umgebung – nun ja, es waren keine großen Geister; aber er hatte sie sich doch zu seinem Umgang gewählt; sie waren ihm aufrichtig ergeben, schwärmten für ihn in ihrer Weise – durfte er sie dann so gründlich verachten, wie er es that? Sie hinter ihren Rücken seine »Lemuren« nennen, die ihm mit der stumpfen Hacke ihrer Dummheit, mit dem hölzernen Spaten ihrer Unwissenheit ein peinvoll langsames Grab tieften? Und wenn er mit mir eine Ausnahme machte, war es nicht, weil ich ein wenig mehr gelernt hatte, als jene? vielleicht nur die Keckheit besaß, mein kleines Licht ohne Scheu leuchten zu lassen, und er sich über diese ungewohnte Keckheit amüsierte? Aber hatte ich ihm jemals ernsthaft widersprochen? nicht in dem Augenblicke nachgegeben, wenn ich bemerkte, daß ein Widerspruch ihn empfindlich reizte, sichtbar kränkte? Würde er es auch nur ertragen können, wenn ich ihm offen meine Meinung über seine Gedichte sagte?

Ich hatte das schön gebundene Büchlein in der Reisetasche gefunden, in die er es, wie mir Holzbock berichtete, mit eigener Hand gelegt. Wiederholt hatte er davon gesprochen, daß, bevor er sie drucken ließ (selbstverständlich nur für den kleinen Kreis Auserwählter), er mir die Gedichte zur Durchsicht, zur Kritik geben wolle. Ich dürfe unbedenklich streichen, was mir nicht gefallen würde. Er hatte es nicht gethan. Ich wußte von Adele, daß er jene Auswahl nun selbst vorgenommen; die Kritik selbst geübt habe; mit dem Resultat sehr zufrieden sei und sich schon im voraus des Eindrucks freue, den die Sammlung, nachdem sie so auf die Hälfte ihres zuerst geplanten Umfanges gebracht, gerade auf mich machen werde. Jedenfalls sollte die Ueberreichung des Büchelchens die Ueberraschung sein, die er mir an jenem Abend zugedacht, und von der er dann doch gesagt, daß er sie lieber in petto oder – in der Tasche behalten wolle. Vielleicht war ihm die erregte Stimmung, in die wir uns hineingesprochen, nicht als der rechte Augenblick erschienen, um im Glanze des Poeten vor den Ueberraschten hinzutreten.

Wie dem auch sein mochte: ich führte das Büchelchen in meiner Reisetasche mit mir; und wiederholt, wenn ich im Forst am murmelnden Bach auf dem Moosteppich zu Füßen der schattenden Buche Rast machte, hatte ich es hervorgenommen und darin zu lesen versucht. Ich war niemals weit gekommen. Hier störte mich ein unreiner Reim; dort ein übel gebauter Vers; hier ein hinkender Vergleich; dort ein schiefes Bild; hier die Flüchtigkeit, dort die Weitschweifigkeit, mit der das Thema behandelt war; und nicht selten war es das Thema selbst, das auch für ein harmloses Lied doch gar zu dürftig schien; ein anderes Mal wieder einen Umfang und eine Bedeutung hatte, die es auf die dürre Heide der Spekulation, aber nicht in das blumige Reich der lyrischen Muse wiesen. Nicht als ob sich bei allen diesen Mängeln der reiche und vielgewandte Geist des Mannes verleugnet hätte! Auf jeder Seite, ja fast in jedem Gedichte war seine Spur unschwer zu finden; aber zum Dichter gehört eben mehr als bloß gewandt und geistreich sein, und – der Mann war kein Dichter. In der schlichten Prosa des Vaters, wenn er mir, dem lauschenden Knaben, selbsterfundene Märchen erzählte oder später, was sein klares Kinderauge aus Wald und Flur oder dem Menschentreiben in Dorf und Stadt herausgeschaut, oder er an sich selbst erlebt und erfahren, – um, ach! jede Erfahrung mit seinem Herzblut zu bezahlen, – in dem allen war tausendmal mehr Poesie, als in diesen anspruchsvollen Versen. Deshalb, weil in allem das warme Herzblut des besten, liebevollsten der Menschen pulsierte; und in der Brust des Fürsten von Gottes Gnaden schlug kein Herz; und so konnte er kein Dichter von Gottes Gnaden sein.

Seltsam! Ich konnte die beiden Gestalten in meinen Gedanken nicht mehr so weit sondern, daß ich nicht der anderen hätte gedenken müssen, sobald ich an die eine dachte. Und zu meinem Erstaunen sah ich, wie mit jedem Tage das Bild des Fürsten neben dem des Mannes aus dem Volke verblaßte, wie ein Werk der Schule neben dem des Meisters. Ja, beim Himmel, wenn Größe der Gesinnung die Vornehmheit, Reinheit des Herzens den Adel macht, wie tief stand die Hoheit unter der Niedrigkeit, der Herzog unter dem Sargtischler! An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Wohin der Sargtischler seine verstümmelte Hand legte, da waren Früchte der Liebe emporgequollen, eine Wunde geheilt, ein Schmerz gelindert. Hier, in diesen Bergen, diesen Thalen, über denen des Anderen mächtige Hand schaltete, waren seltsame Früchte zu schauen von der Liebe zum Volk, der Barmherzigkeit mit den Armen und Elenden, die er doch so gern und mit so pomphaften Worten im Munde führte! Denn ich war jetzt aus den reicheren Breiten am Fuße und den noch immer wohl angebauten Strichen zwischen den lang sich streckenden Hängen des Gebirges heraus in Regionen gelangt, wo entweder schier undurchdringlicher Wald die Kämme bedeckte und die Schluchten füllte; oder da, wo der steinige Boden dem Walde keine Nahrung mehr bot, sich der Mensch angesiedelt hatte und der Wüstenei seinen kümmerlichen Unterhalt abzuringen suchte: armselige, aus Feldsteinen, wenig Holz und viel Lehm zusammengeklebte Hütten, umgeben von steineübersäeten Oeden mit einem Stück dürren Hafers hier, einem bißchen Kartoffeln da; die Hütten selbst schwarz von Alter und Rauch, mit vergilbten Scheiben in den viereckigen Fenstern (und oft mit einer alten Zeitung oder einem Lappen statt der Scheiben); vor der Thür, wenn es hoch kam, ein paar umfriedete Quadratfuß, die mit ihrem Küchenkraut und ein paar Sonnenblumen ein Gärtchen darstellen sollten; an der Giebelwand ein oder zwei Ställchen mit dem Hof, auf dessen Dung und zertretenem Stroh Schweine, Hühner und Kinder einträglich sich umtrieben. Halbnackte Kinder, wenn es zum besten war; ich hatte aber auch schon mehr als ein gänzlich nacktes gesehen, und mich der armen Würmer willen des heißen Sonnenscheins gefreut, wie arg er mich auch auf meiner Wanderung belästigt hatte. Und die erwachsenen Personen, wie sie eben aus diesen krankhaft abgemagerten oder aufgedunsenen Kindern mit den stumpfen Augen werden konnten: dürftigste Gestalten von lange vor der Zeit gealterten Männern und Weibern, alle mit dem stumpfen dumpfen Ausdruck des Hungers und der Hoffnungslosigkeit in den gelben verwelkten Gesichtern.

So war ich wieder in eine dieser Ortschaften gekommen, die man nur zum Hohn ein Dorf nennen mochte. Es war womöglich noch trostloser als die bisherigen, wenn es gleich weniger alt und verfallen schien. Ich hörte dann auch von einem, den ich ansprach, daß es erst vor fünf Jahren gänzlich abgebrannt gewesen sei bis auf ein Haus, das nur hätte mit abbrennen sollen, denn es sei das allerälteste und wohl schon viele hundert Jahre alt. Ich wollte mir eine solche Merkwürdigkeit nicht entgehen lassen; und das Männlein führte mich in eine Art Seitengasse, in der nur noch zwei oder drei Häuser standen, von denen das letzte das verschonte war. In der That ein seltsames Haus – wenn man dies anders so nennen konnte – von einer Baufälligkeit, daß man nicht begriff, wie es zusammenhielt, und das doch mit seinen tief durchgebogenen Balken, die an den hervorstehenden Enden Spuren von Schnitzwerk zeigten, und dem windschiefen Giebel über der zweigeteilten Thür, und dem steinernen Treppchen mit seinen ausgetretenen Stufen, welches zu der Thür hinaufführte, etwas Ungewöhnliches, ja Ehrwürdiges hatte.

Aber der Anblick, trotzdem man heute nach seinesgleichen wohl weit herum in deutschen Landen vergeblich suchen möchte, war doch nichts Neues für mich. Dies hier und die Umgebung, die reinlicher, aber womöglich noch dürftiger war, als bei den andern Häusern, hatte ich doch schon gesehen! Das monotone gleichmäßige Pochen, das aus der offenen Hausthür zu kommen und mit einem schwälenden Feuerchen in dem Halbdunkel des Flurs in Verbindung zu stehen schien, an welchem eine gekrümmt sitzende Person irgend etwas schaffte – ich hatte es doch schon gehört, aber wo? im Traum?

Und auf einmal fuhr es mir durch die Seele: nein, nicht in einem Traum: in der Erzählung des Vaters von seinen Kinderjahren; von dem Leben der armen Nägelschmiede, deren einer sein Vater gewesen, wie dessen Väter, die alle gewohnt hätten in dem alten zerfallenen Hause mit der Esse auf dem Flur, auf welchem das Feuer nicht ausging!

Warum sollte dies nicht das Haus seiner Erzählung, sein Geburtshaus sein? Alt und verfallen war es genug. Und war ich doch oben »auf dem Walde«! Ich hatte den Vater nie gefragt, wo ich das zu suchen habe »oben auf dem Walde«. Aber warum sollte es hier nicht sein? Es mußte hier sein.

Mein Begleiter hatte mich verlassen. So stieg ich denn das Treppchen hinauf und trat in den Hausflur.

Die dunkle Gestalt schaute auf und nickte, als ich fragte, ob ich hereinkommen dürfe; fuhr aber alsbald mit ihrer Arbeit fort, die darin bestand, daß sie mit einem Hammer ein Stückchen an der Spitze glühendes Eisen auf einem winzigen Amboß zu einem Nagel klopfte, desgleichen bereits fertig neben seinem Schemel ein ganzer Haufen auf dem Estrich-Fußboden lag – jedenfalls das Produkt seines morgendlichen Fleißes. Es war ein alter Mann in schäbiger Kleidung, aus dessen geschwärztem, abgemagertem Gesicht ein paar gerötete Augen so hilflos blickten, wie das Feuer auf der Esse, das nur um ein weniges aus seiner grauen Aschenhülle aufglimmte, wenn der Mann, es anzuschüren, oder auch nur nicht ausgehen zu lassen, mit dem Fuß einen kleinen Blasebalg in Bewegung setzte.

Aus dem Alten war nichts herauszubringen; er murmelte Unverständliches auf meine weiteren Fragen; ich mußte ihn für stumpfsinnig oder schwerhörig halten. Daß er das letztere sei, bestätigte eine alte, aber doch ein wenig intelligenter aussehende Frau, die jetzt aus der Stube rechter Hand auf den Flur trat. Ich fragte sie, ob dies das Haus sei, in welchem eine Familie Namens Lorenz sonst gewohnt hätte? – Ja, sonst! erwiderte die Alte, der Letzte ist bei dem Brande vor fünf Jahren umgekommen, als er ein Kind rettete, das ohne ihn verbrannt wäre. Er hatte keine Kinder und keinen Anhang. So hat mein Alter sich hier festgesetzt. Denn wir waren auch abgebrannt, und mein Alter und der Lorenz waren die einzigen Nägelschmiede. Früher waren hier alle Nägelschmiede; aber nach dem Brande haben sie's nicht wieder aufgenommen und suchen sich so durchzuhelfen. Mein Alter ist aber schon zu alt, um noch umzulernen. So ist er denn dabei geblieben; und sie lassen uns hier, weil keiner sich mehr in dem Hause zu wohnen getraut; und wenn es uns mal über dem Kopfe zusammenfällt und uns totschlägt, so schadet es auch nichts.

Haben Sie denn keine Kinder?

Gott sei Dank, nein!

Ich blickte der Alten in die hohlen Augen, und ein Schauder durchrieselte mich. Es war so aus tiefstem Herzen gekommen, das fürchterliche: Gott sei Dank, nein!

Die Thür zu der Stube hatte sie offen gelassen. Ob ich einen Blick hineinwerfen dürfe? – Gern. –

Die Thür so niedrig – ich mußte mich bücken, um einzutreten; die durchgebogenen Balken der Decke so dicht über mir – ich berührte sie beinahe mit dem Scheitel. Ein Spinnrad in der Nähe des Fensterchens mit den vergilbten Buzzenscheiben; ein Tischchen, auf dem das gesponnene Garn lag; ein Schränkchen mit ein paar thönernen Tellern und Kannen – alles von großer Sauberkeit. Ein sorgfältig gemachtes reinliches breites Bett unter einer Art von Betthimmel, zwischen dem und der Decke noch gerade Raum blieb, für ein Bild in braunem, wurmstichigen Rahmen – ich hätte wohl kaum erkannt, was es darstellte, hätte ich es nicht gewußt und hätte es nicht so oft vor meiner Seele gestanden: Der hochbeinige Hirsch, auf den sie den Schächer gebunden haben; hinter ihm her die Meute; vor ihm der Wald, über dem die Sonne aufgeht; in den Sonnenstrahlen Gott Vater und seine Engelscharen!

Sah ich das alles? glaubte ich nur, es noch zu sehen auf dem rauchgeschwärzten Bilde? Ich weiß es nicht; ich hatte mich auf einen Schemel, der mitten in der Stube stand, gesetzt und weinte – weinte, wie ich nie geweint, seitdem ich ein Kind gewesen.

Die verwunderte, ratlose Frau trippelte auf und ab und rief ihren Alten, ob er nicht wisse, was dem fremden jungen Herrn fehle? Ich ermannte mich und beruhigte, noch immer mit meinen Thränen kämpfend, die guten Leute. Ich sei der Pflegesohn von einem Lorenz, der auch hier in dem Hause geboren sei, einem Bruder des letzten Insassen, der in dem Brande umgekommen.

Das war ein Erstaunen! Selbst der halbtaube Alte, als ihm die Frau die seltsame Mär ins Ohr geschrieen, wachte ein wenig aus seiner Stumpfheit auf. Eiha, der Lorenz, der Sargtischler! Ja, das sei ein guter Mann gewesen! der habe dem Bruder hier oben auf dem Walde immer zu Ostern und Michaelis regelmäßig Geld geschickt. Viel sei's just nicht gewesen; aber er habe selbst wohl nimmer viel gehabt. Und was der Lorenz gewesen, der Nägelschmied, der hab' es immer weiter gegeben an die, die noch ärmer waren. Denn auch er habe ein gutes Herz gehabt, wie alle Lorenz, sonst hätte er nicht sein Leben gelassen, um ein halbjähriges Wurm zu retten, das hernach doch gestorben sei – am Scharlach.

Ich hätte das Bild gern mit mir genommen; aber eine abergläubische Furcht hielt mich zurück, den Wunsch auch nur zu äußern. Ich meinte, das Haus müsse zusammenstürzen, wenn ich das Bild von dem Platz nähme, wo es nun gehangen wohl so lange, als das Haus stand. Nein, da sollte es nun auch bleiben und untergehen mit dem Hause!

Und wenn es untergegangen – ein Abbild blieb. Solange ich lebte, würd' es in meiner Seele bleiben. Solange mir ein Herz in der Brust schlug, das schneller pochte, wann immer ich eine Kreatur leiden sah, würde ich des Bildes gedenken mit dem Hirsch, auf den sie den Schächer gebunden, hinter dem die Meute herjagte, dem Walde zu, über welchem in Strahlen der aufgehenden Sonne Gott Vater thronte mit seinen heiligen Engelscharen!

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