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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VII.

Ich weiß nicht, wie ich in das Schloß und auf mein Zimmer zurückgekommen bin, wo Holzbock ängstlich meiner harrte. Der Herzog hatte bereits zweimal anfragen lassen, ob ich noch immer nicht zu Hause sei; er wünsche mich noch heute abend auf eine Stunde zu sprechen.

Holzbock war davongeeilt, die Nachricht von meiner Rückkunft hinüber gelangen zu lassen. Ich machte mich in aller Eile ein wenig zurecht. Es war durchaus nichts Seltenes, daß der Herzog mich so auf meinem Zimmer besuchte, besonders des Abends, wenn er drüben fürstliche oder andere besonders vornehme Gesellschaft bei sich gesehen hatte, zu der ich niemals gezogen wurde. Ich hatte manchmal das wunderliche Gefühl gehabt, als wolle er mich dann für eine Entbehrung, die freilich nur in seinen Augen eine sein mochte, in den meinen nur eine Wohlthat war, durch eine besondere Gunst entschädigen. Jedenfalls war er niemals munterer und liebenswürdiger als in solchen Stunden, in denen es mir wahrlich oft schwer fiel, mich daran zu erinnern, daß der Mann da vor mir auf dem Sofa, der so endlos Zigarren rauchte, die ihm im Eifer der Rede immer wieder ausgingen, und dazu Wasser mit Kognak nippte (nur um sich die Zunge zu erfrischen, denn er war im Essen und Trinken die Mäßigkeit selbst) – daß dieser Mann, der über Gott und die Welt seine Gedanken mit dem höchsten Freimut eines Künstlers oder Gelehrten aussprach, ein Herzog und gebietender Herr sei.

So waren mir diese Besuche immer ein kleines Fest gewesen; heute sah ich seinem Kommen schaudernd entgegen. Er pflegte unter zwei Stunden nicht zu gehen, und ich fühlte mich zum Tode erschöpft, wollte ich auch an meinen Seelenzustand gar nicht denken. Es würde eine fürchterliche Qual werden, besonders wenn er, was ich zuletzt am Thomas Münzer unter seiner Einwirkung, fast nach seiner Angabe geschrieben, zu hören verlangte. Ich wußte, daß ich nicht die Kraft dazu haben würde. Sollte ich nicht versuchen, mich mit Unwohlsein zu entschuldigen? Es wäre keine Lüge gewesen; aber bei Hofe darf man ja nicht unwohl sein, sobald der Dienst es anders verlangt. Und da kam auch schon Holzbock atemlos zurück: Hoheit folge ihm auf dem Fuße.

Es währte in der That nur noch wenige Minuten, als ich bereits seinen schweren und etwas unregelmäßigen raschen Schritt hörte. Einen Blick auf mein geisterhaft blasses Gesicht im Spiegel, einen zweiten nach dem Tisch vor dem Sofa, wo die Kognak- und Sodawasser-Karaffen mit dem Glase auf dem silbernen Präsentier-Teller und daneben die Zigarrenkiste mit dem Aschbecher zwischen den beiden dreiarmigen Leuchtern regelrecht standen, und er trat herein, während Holzbock, der ihm die Thür geöffnet, und der Kammerdiener, der ihn hierher begleitet, auf dem Korridor blieben; er liebte es, die kleinen Dienste, die etwa im Laufe eines solchen Abends nötig wurden, sich von mir leisten zu lassen. So mischte ich ihm denn, als er in seiner Sofaecke Platz genommen und sich das Kissen unter den Arm geschoben hatte (die Lehne war ihm etwas zu niedrig) sein Glas; bot ihm die Zigarre, deren Spitze bereits abgeschnitten sein mußte, und setzte mich auf seinen Wink ihm gegenüber, im Kampfe mit einer halben Ohnmacht, die mich für den Rest des Abends das Schlimmste fürchten ließ.

O dieser Abend! Wie oft habe ich später seiner denken müssen mit Schaudern des Entsetzens, in Erinnerung der Qualen, die ich während desselben erduldet, und tiefster Wehmut, eingedenk, daß es der letzte war, welchen ich mit ihm verleben durfte, der, wie er von sich zu sagen pflegte, etwas Besseres verdient hätte, denn als Fürst geboren zu sein, und dessen Andenken mir ewig teuer bleiben wird – trotz alledem!

Ich erinnere mich nicht genau, worüber er im Anfang sprach: ich sollte meinen, es waren Theaterangelegenheiten, die ihm gerade jetzt viel Aerger bereiteten. Einige tüchtigere Kräfte hatte man verloren, weil der Etat mit den immer sich steigernden Gageanforderungen nicht Schritt halten konnte; ein paar neue Engagements waren nur als Notbehelfe zu betrachten; die trostloseste Saisonstand in Aussicht, wenn man sich nicht Knall und Fall entschloß, die so schon ein kümmerliches Dasein fristende Oper ganz und gar aufzugeben, was wieder des lieben Publikums wegen sein Bedenkliches hatte. Es war ein Glück für mich, daß diese Dinge seit Wochen das ständige Thema der Kavaliertafel gewesen waren; so mochte ich denn meine zerstreuten Ja und Nein so ziemlich an den richtigen Stellen angebracht haben. Dabei hatte ich doch den Eindruck, daß der Herzog selbst zerstreut war und weniger bündig und zur Sache sprach, als sonst seine Weise, während er mit noch besonderer Hast rauchte, und ich ihm, ebenfalls gegen die Gewohnheit, schon nach den ersten Minuten sein Glas zum zweitenmale hatte füllen müssen.

Machen Sie sich auch eines zurecht, sagte er plötzlich; Sie sehen erbärmlich aus. Ist Ihnen nicht wohl?

Doch, doch! stammelte ich, indem ich, meine Verlegenheit zu verbergen, hastig seinem Befehle nachkam und gierig ein paar Schlucke trank.

Wo sind Sie heute abend gewesen?

Ich setzte zitternd das Glas nieder. Der Ton der Frage war so anders, als in welchem er bisher gesprochen. Hatte er jetzt das Thema berührt, zu dem die Theatermisere nur das Präludium gewesen?

Nun?

Bei Frau von Trümmnau! brachte ich noch eben heraus.

Sie sagen das so zögernd und mit solcher verzweifelnden Miene. Was hat's denn da gegeben?

Was es da gegeben? War mir der Kognak zu Kopf gestiegen? Was es da gegeben? Es fehlte nur ein Kleines, und ich hätte laut aufgelacht. Wunderliche Dinge hatte es da gegeben, fürwahr! und die auch ihn sehr interessieren würden, wenn ich sie ihm nur sagen dürfte!

Es schien ihn nicht zu überraschen, daß ich mit der Antwort zögerte, wenigstens stahl sich, wie mir schien, eine gewisse Verlegenheit in den Blick, den er gespannt auf mich gerichtet hielt.

Ich will es wissen; sagte er kurz und scharf.

Und als selbst jetzt meine Antwort nicht kam:

Mein Gott, wozu diese Heimlichthuerei, wo es nichts verheimlichen gibt! Sie hat sich über mich beklagt; sie hat mich einen Barbaren, einen Tyrannen und so weiter gescholten. Und Sie haben ihr darin sekundiert. Als ob ich das alles nicht wüßte!

Nun, wenn er das alles wußte, hatte es freilich keinen Sinn, mit der Wahrheit zurückzuhalten, soweit dieselbe überhaupt mitteilbar war.

Ja, Hoheit, sagte ich, ungefähr so ist es gewesen; und ich leugne nicht, daß ich Frau von Trümmnau recht geben mußte

So! rief er eifrig, sich emporrichtend und die ausgegangene Zigarre an dem Licht der Kerze von neuem entzündend; – recht geben mußte! Das ist denn freilich sehr bequem, wenn man die Medaille nur von der einen Seite sieht. Oder hätte sie Ihnen auch die andere gezeigt? Hätte sie Ihnen wirklich gesagt, welches der eigentliche Grund ist, weshalb sie geschieden sein will? Heiraten will sie von neuem – das ist das Lange und Kurze von der Sache.

Das wußte ich freilich nicht; sagte ich mit einem bösen Lächeln, das der Eifrige glücklicherweise nicht sah.

Aber so ist es, rief er; und wen? Einen Russen, einen Herrn von Pahlen – Sie werden durch Renten von ihm gehört haben. Ich danke unterthänigst! Soll ich sie vielleicht nach Rußland ziehen lassen? Der Mann ist Offizier – ein ganz verdienstvoller, gebe ich zu, muß ich zugeben; und ein besonderer Günstling des Kaisers, der nicht daran denkt, ihm den Abschied zu bewilligen, an den er selbst übrigens ebensowenig denken kann, da er arm ist wie eine Kirchenmaus. Nun, und Frau von Trümmnaus Vermögen geht in der Scheidung bei Heller und Pfennig an Herrn von Trümmnau. Das ist sicher. Und die Herrschaften sitzen da vis-à-vis de rien. Soll ich die Herrschaften etwa noch ausstatten zum Lohn dafür, daß sie wider meinen Willen heiraten?

Es wird Hoheit kaum etwas anderes übrig bleiben; sagte ich.

Er blickte mich an, sprachlos über meine Kühnheit. Ich aber war entschlossen, für Adele einzustehen, mochte daraus kommen, was wollte.

Ich meine nur, fuhr ich fort; daß Hoheit doch gewiß Frau von Trümmnau nicht unglücklich machen wollen. Und wie kann sie anders als unglücklich werden und sein, wenn sie gezwungen ist, Frau von Trümmnau zu bleiben, während sie jenen andern Herrn liebt, und dieser sie?

Ach was, Liebe! rief er. Das redet man sich ein und redet man sich auch wieder aus. Zu dem ersteren haben sie genau fünf Wochen Zeit gehabt, zu dem letzteren schon fünf Jahre.

Die denn doch noch nicht eben viel geholfen zu haben scheinen; warf ich ein.

So geben wir noch ein paar Jahre zu. Die werden wohl Hilfe bringen, vorausgesetzt, daß sie sich unterdessen nicht wiedersehen. Ich wüßte nicht, wie sie das anstellen sollten. Frau von Trümmnau wird nicht wagen, etwas gegen meinen ausgesprochenen Willen zu unternehmen; und ich werde schon dafür sorgen, daß der Herr keinen Urlaub und keinen Paß ins Ausland bekommt.

Ich mußte abermals sehr an mich halten, um gegenüber dieser pompösen Sicherheit in Erinnerung der zärtlichen Scene, die ich vor einer Stunde mit meinen Augen gesehen, nicht in ein tolles Gelächter auszubrechen. Was da drüben in der verschwiegenen Villa vor sich ging – er und ich, wir hatten ja beide die Kosten zu zahlen. Nur daß ich sie schon mit brennenden Thränen der Scham, mit wütender Verzweiflung bezahlt hatte und weiter würde bezahlen müssen, und, es zu thun und zu entsagen und Großmut zu üben, entschlossen war; und sie bereits übte, indem ich für die Glücklichen bei dem Tyrannen sprach, der die eigene Tochter in Sklavenketten hielt, wie seine ganze Umgebung – mich eingeschlossen! Oder hätte ich sonst da stillgesessen, meinen Zorn in mich hineinwürgend, anstatt ihm ins Gesicht zu sagen, wie ich dachte?

Was fehlt ihr hier? fuhr er nach einer Pause fort, in welcher er heftig vor sich hin geraucht hatte; sie hat alles, was sie nur wünschen mag und tausendmal mehr Annehmlichkeiten des Lebens, als sie je in Petersburg haben würde, oder gar in irgend einem Raubnest da hinten am Kaukasus, wohin den Herrn jeden Tag der Dienst rufen kann. Aber es ist immer die alte Geschichte. Verständige Leute, die die Welt kennen, wollen euch jungen Leuten, die ihr die Welt nicht kennt, das Leben schicklich einrichten, und ihr schreit über Tyrannei, sträubt euch gegen das Joch, und wäre es noch so sanft, noch so sehr zu eurem Heil; werft es womöglich ab und lauft in die Welt hinein, wo ihr das Glück zu finden hofft und nichts als Unheil findet, respektive anrichtet. – Da ist mir noch in diesen Tagen eine seltsame Affaire zu Ohren gekommen, die so recht eine Illustration eines solchen jugendlichen Frevels ist und Sie auch interessieren wird. Sie kennen ja die Familie Vogtriz? Natürlich. Wir sprachen gelegentlich einmal über den Major von Vogtriz; und Weißfisch hat mir so manches über die Herrschaften berichtet, bei denen Sie ja im vorigen Sommer zum Besuch waren zugleich mit dem Kammerherrn, der sich übrigens bitter bei mir beklagt, daß ich ihm den Weißfisch entführt habe, wie er sich auszudrücken beliebt. Apropos: sehen Sie den Mann jetzt noch öfter – den Weißfisch?

Weißfisch – die Familie Vogtriz – der Kammerherr – wo kam das alles auf einmal her? Ich blickte verwundert auf; aber ich konnte seine Mienen nicht deutlich sehen – er hatte sich eben in eine gar zu dichte Tabakswolke gehüllt.

Nein, antwortete ich auf die letzte Frage; Hoheit schienen es nicht zu wünschen.

Ich wünsche es in der That nicht; erwiderte er. Auf seinem Theatersekretärposten, den ich ihm auf seinen Wunsch gegeben habe, richtet er nur Dummheiten an, und ich habe gegründete Ursache, anzunehmen, daß er mich bei einer früheren wichtigen Gelegenheit arg düpiert hat. Nein, nein! es ist ganz gut, daß Sie sich den Schelm fern halten, den ich übrigens wegzuschicken entschlossen bin. Aber um auf die Affaire, auf die ich hindeutete, zurückzukommen. Ist Ihnen damals in Nonnendorf – so heißt es ja wohl? – von einem Vogtriz gesprochen, einem jüngeren Bruder des Vaters der jetzt lebenden älteren Vogtriz: des Majors, des Herrn auf Nonnendorf und, ich glaube, ein dritter Bruder lebt als Präsident oder desgleichen in Berlin? Jener Onkel also, ein übrigens noch blutjunger Mann, der hier in Europa nicht gut that, war nach Amerika gegangen, vermutlich dahin geschickt worden, wie so viele adlige Thunichtsguts; hatte aber dort wider alles Erwarten eine Fortüne gemacht durch eine Heirat mit der einzigen Tochter eines der reichsten New-Yorker Bankiers. Scheint indessen der rechte Hans im Glücke gewesen zu sein, da er nichts Eiligeres zu thun hatte, als ein halbes Jahr nach der Hochzeit zu sterben. Die junge Frau folgte ihm, wiederum ein halbes Jahr später, nachdem sie einem Kinde das Leben gegeben, dessen Geburt ihr eben selbst das Leben kostete. Hatten Sie von diesen Dingen in der Familie wirklich nichts gehört?

Nur im allgemeinen, erwiderte ich, nicht in diesen Details.

Die ich eben auch nur aus den amerikanischen Zeitungen kenne, fuhr er fort. Sie wissen, daß ich diese, ebenso wie die englischen, stets mit Interesse verfolge; sie sind jetzt voll von der Sache, besonders natürlich die amerikanischen. Ein Fall, in welchem es sich um viele Millionen handelt, ist eine nationale Angelegenheit. Uebrigens hätten Sie die Geschichte nur bis zu diesem Punkte von den Vogtriz hören können, die, wie aus dem weiteren Verlauf hervorgeht, zu der amerikanischen Familie, in welche ihr Verwandter geheiratet, wohl von Anfang an kaum in nähere Beziehung traten und jedenfalls später mit derselben außer allem Konnex gekommen sind. Aber wo war ich stehen geblieben?

Bei der Geburt des Kindes, erwiderte ich, dessen düstere Zerstreutheit nun doch der Teilnahme an dem Geschicke dieser Menschen gewichen war, von denen ich zuerst in den guten Schlagododro-Tagen gehört hatte: von dem Freunde in dem Ahnensaale der Vogtriz vor dem Bilde jenes seines Großonkels. Ich hatte demselben ja ähnlich sein sollen, obgleich ich es nicht finden konnte und eine Aehnlichkeit höchstens darin sah, daß der junge Mann, wie ich, weder Glück noch Stern gehabt.

Richtig, sagte der Herzog, bei der Geburt des Kindes, der Heldin dieser nach den Zeitungen wahrhaftigen Geschichte. Sie wuchs aber in dem Hause der Großeltern auf, die außer jener Tochter eben keine Kinder hatten, und deren Abgott sie natürlich war und blieb, trotzdem sie schon früh eine Neigung zu Extravaganzen an den Tag gelegt zu haben scheint. Mit sechs Jahren – immer den wahrhaftigen Zeitungen folgend – war sie bereits ihren Großeltern entlaufen, um mit einer braunen Zigeunerin, die es ihr angethan – es wimmelt in New-York von solchem Gesindel, das an den Straßenecken singt oder sonstige brotlose Künste treibt – ich habe oft, als ich drüben war, meinen Spaß daran gehabt – kurz, mit einem solchen Weibe war die Kleine davongelaufen, für die Hexe, die sie »so gejammert«, mit dem Teller zu sammeln; und wenn die Person, was oft geschah, zu betrunken war, die Zotenlieder derselben mit ihrer hellen unschuldigen Kinderstimme zu singen. Die Polizei hatte ihre liebe Not, die kleine Vagabundin wieder einzufangen. Als sie knapp zwölf Jahre zählte, kam statt der Zigeunerin irgend eine verrückte religiöse Sekte an die Reihe, die es ihr wiederum »angethan;« und diesmal war der Fall insofern ernster, als sie mit der ehrenwerten Gesellschaft von New-York fortgezogen und verschwunden war, bis sie, ich weiß nicht wo, endlich entdeckt und zu ihren Großeltern zurückgebracht wurde, die natürlich abermals ein Freudenkalb schlachteten. Dann scheinen sie Ruhe vor den Emanzipationsgelüsten der jungen Miß gehabt zu haben; aber mittlerweile war sie achtzehn Jahre alt geworden und besann sich darauf, daß sie endlich nach der extravaganten Seite etwas Entscheidendes thun müsse. Dies bestand denn darin, daß sie sich in einen Schauspieler verliebte – einen strolling actor – dessen unrühmliche Bekanntschaft sie in einem Seebade gemacht hatte, und den sie heiraten zu müssen erklärte, ob mit, ob ohne Einwilligung der Großeltern. Die dann zu einem sehr mißlichen Verteidigungsmittel griffen. Sie schickten nämlich den jungen Herrn in den fernsten Westen mit einer Entschädigungssumme, die ganz anständig gewesen sein wird, aber nur ein paar wilde Nächte in den Spielhöllen von San Francisko – dem San Francisko von damals! – vorhielt, worauf denn der arme Teufel ohne einen Pfennig in der Tasche, dafür aber mit einer Revolverkugel im Leibe an einem schönen Morgen von dem Straßenpflaster, oder aus dem Straßenschmutz aufgehoben und in ein Hospital, oder desgleichen gebracht wurde. Leider hatte er noch Leben genug, an die Miß in New-York einen Brief zu diktieren, den diese kaum empfangen hatte, als sie auch schon auf dem Wege nach San Francisko war mit einer nicht unbedeutenden Summe – der Erbschaft irgend einer reichen Tante – die sie stets selbst verwaltet und längst für alle Eventualitäten bereit gehalten hatte. Sie gelangte unangefochten bis an das Ziel ihrer Reise, die freilich insofern resultatlos ausfiel, als sie den jungen Mann bereits als Leiche fand. Von dem pompösen Begräbnisse, das sie ihm bereiten ließ, verschwand sie in der zusammengelaufenen Menge in dem Augenblicke, als der bekümmerte Großvater, der ihr nachgeeilt war, auf dem Plane erschien. Verschwand und blieb verschwunden. Wie das möglich gewesen trotz der sofort angestellten Recherchen, die bei den Mitteln des alten New-Yorker Bankier sicherlich mit großem Nachdruck betrieben wurden, darüber wissen selbst die sonst allwissenden Zeitungen keine Auskunft zu geben. Die Vermutung ist, daß sie sich längere oder kürzere Zeit in einem der selbst für die Polizei unzugänglichen »camps« der Goldgräber verborgen gehalten und sich dann auf einem ostindischen Dampfer heimlich – trotz aller Ueberwachung der Häfen – eingeschifft hat.

Der Herzog schwieg und zündete sich eine neue Zigarre an. Ich mischte ihm ein drittes Glas und sagte: Die Geschichte kann doch nicht zu Ende sein, Hoheit.

Weshalb nicht?

Weil ich sonst nicht wüßte, weshalb sich die Zeitungen mit derselben beschäftigen sollten, gerade jetzt, nachdem doch eine, wie mir deucht, geraume Zeit darüber verflossen ist. Oder ist der Bankier etwa jetzt erst gestorben, und man weiß nicht, wohin mit den Millionen?

Ein flüchtiges Lächeln zog über das Gesicht des Herzogs.

Sieh, sieh! sagte er. Nun, die Vermutung macht Ihrem Scharfsinn alle Ehre. Sie ist nämlich richtig. Der alte Bankier Gilmore – oder hatte ich den Namen schon genannt? –

Nein, Hoheit.

Also, der alte Bankier Gilmore ist gestorben, nachdem ihm seine Gattin schon ein paar Jahre vorausgegangen; und man hat in der That, kurze Zeit wenigstens, nicht gewußt, wohin mit den Millionen, oder doch mit dem größten Teile derselben. Der alte Herr hatte nämlich ein Testament hinterlassen des Inhalts, daß, im Falle seine geliebte Enkelin. Miß Arabella Vogtriz – denn das war ihr legitimer Name, – noch lebe und sich bis zu einer bestimmten Frist melden würde, ihr zwei Drittel der Hinterlassenschaft auszuliefern seien, wenn sie unvermählt geblieben; dagegen das Ganze, wenn sie sich vermählt und Nachkommenschaft habe. Wiederum dieser Nachkommenschaft ein Drittel, wenn sie selbst inzwischen gestorben wäre. Der Rest im ersten Falle sollte für bestimmte wohlthätige Stiftungen verwandt werden, und das Ganze, falls keiner jener Fälle einträte, also, wenn weder sie – sei es nun mit, sei es ohne Nachkommenschaft – noch betreffende Nachkommen ohne sie als Erben bis zu jener Frist ihre Ansprüche geltend machten. Dieses seltsame Testament war nach dem Willen des Testators in allen Hauptzeitungen der Erde, wenigstens der Hauptsache nach, veröffentlicht worden, und es währte dann in der That auch nur wenige Wochen, als bereits – nun raten Sie einmal!

Sich die Erbin meldete? sagte ich auf gut Glück.

Bravo! aber nun: mit oder ohne Nachkommen?

Im Interesse meiner Nonnendorfer Freunde hoffe ich das letztere, erwiderte ich. So bleibt für sie doch die Aussicht, wenn nicht auf einen reichen Onkel, so doch auf eine reiche Tante aus Amerika.

Nun, diese Aussicht haben sie freilich, sagte der Herzog. Es hat allerdings vorher noch einen scharfen Rechtshandel gegeben, da man die Reklamantin natürlich nicht ohne weiteres als legitimiert gelten lassen wollte. Aber sie muß doch ihre Idendität so überzeugend nachgewiesen, oder, was auf dasselbe herauskommt, so gute Rechtsbeistände gehabt haben – jedenfalls haben ihr die zuständigen zwei Drittel, die nebenbei noch immer die erfreuliche Summe von fünf oder sechs Millionen Dollars betragen, ausgeliefert werden müssen. Nun, was sagen Sie?

Daß Hoheit die Geschichte, wie alle, die ich von Hoheit noch zu hören bekommen, meisterhaft erzählt haben.

Danke unterthänigst. Aber ist das alles?

Der Herzog blickte mich so gespannt an – mit Augen, die wieder einmal den starren gläsernen Glanz hatten –

Was können Hoheit sonst noch meinen? fragte ich verwundert.

Ist Ihnen denn bei der Geschichte wirklich nicht ein einziges Mal der Gedanke gekommen, daß die Heldin derselben – Ihre Mutter sein könnte?

Hoheit belieben zu scherzen.

Ganz und gar nicht. Sie haben mir mitgeteilt, was Ihnen Ihr Adoptiv-Vater gelegentlich von dem Vorleben Ihrer Mutter erzählt hat. Das stimmt ja nun freilich in keiner Weise mit den Erlebnissen der Heldin meiner Geschichte. Aber kann Ihnen Ihr Adoptiv-Vater nicht aus immerhin ehrenwerten Gründen die Wahrheit verschwiegen und anstatt derselben ein Märchen aufgetischt haben?

Das ist unmöglich, Hoheit; erwiderte ich. Dazu war der Vater nicht der Mann. Aus seinem Munde ist nie ein unwahres Wort gegangen.

So mag es für ihn Wahrheit und doch ein Märchen gewesen sein, – dann von der Erfindung Ihrer Frau Mutter selbstverständlich. Ich bemerke dazu, daß in den Zeitungen über die Erlebnisse der Miß Vogtriz in den Jahren, welche zwischen ihrem Verschwinden vom amerikanischen Schauplatz und ihrem Wiedererscheinen auf demselben liegen, nichts verlautet, wir also Freiheit haben, diese lange Intervalle nach Belieben – ich meine so auszufüllen, wie wir müssen, wollen wir sie – Ihre Mutter – ins Spiel bringen.

Aber weshalb wollen Hoheit das? rief ich.

Nun, mein Gott, erwiderte er lebhaft, das ist doch am Ende leicht begreiflich. Ich glaube Ihnen ausreichende Beweise gegeben zu haben, daß ich mich für Sie interessiere, Ihr Bestes will; Ihnen eine Position im Leben zu verschaffen wünsche, die den Aspirationen entspricht, zu welchen Sie Ihre schönen Talente berechtigen. Leider wird die bloße Berechtigung des Talentes heutzutage selten anerkannt, jedenfalls leichter anerkannt, wenn es die irdische Basis eines soliden Vermögens hat, und das Talent selbst kann sich ganz anders frei und fröhlich entfalten. Der Satz lautet im Original:
Leider wird die bloße Berechtigung des Talentes heutzutage selten anerkannt, jedenfalls leichter anerkannt, und das Talent selbst kann sich ganz anders frei und fröhlich entfalten, wenn es die irdische Basis eines soliden Vermögens hat.
Die Passage mag durch einen Satzfehler entstellt sein. Der Sinn jedenfalls ergibt sich erst durch die im Text vorgenommene Umstellung. – Anm. d. eBook-Hrsg.
Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht gewähren: ich bin selbst ein armer Mann. Und da reizt mich – ich gestehe es gern – der Gedanke, es Ihnen auf diese Weise zu verschaffen. Ich gebe zu, die Kombinationen, welche ich da in Ihrem Interesse gemacht, beruhen nur auf Möglichkeiten, – Unwahrscheinlichkeiten, wenn Sie wollen; aber es wäre wahrhaftig nicht das erste Mal, daß die anfangs unwahrscheinlichsten Möglichkeiten sich nachträglich in die erfreulichsten Wirklichkeiten verwandelten.

Ich hatte, während der Herzog so sprach, meinen Sitz ihm gegenüber verlassen und war gegen alle Etikette in peinlichster Erregung im Zimmer auf und ab geschritten. Bei seinen letzten Worten wandte ich mich wieder zu ihm und rief:

Wenn nun aber diese Wirklichkeit für mich keine erfreuliche; wenn ich trotz aller Zweifel, die mir in bösen Stunden kommen wollten, mich immer wieder daran festgeklammert habe wie an einen letzten Rettungsanker, daß meine Mutter, was sie auch an mir gefehlt haben mag, doch ihrem Gatten, meinem Vater, ein treues und liebendes Weib gewesen ist; wenn die Vorstellung der bloßen Möglichkeit, jene amerikanische Abenteurerin könnte meine Mutter sein, und ich müßte mir meinen Vater, der Himmel mag wissen wo, suchen, mich mit schauderndem Abscheu erfüllt; ja, wenn ich diesen Vater, er sei auch wer er sei, der dann meine Mutter so tief unglücklich gemacht hätte, daß sie mich, ihr Kind, hassen konnte, – wenn ich den Mann im voraus hassen müßte als meinen ärgsten Feind, und das Schicksal bitten müßte, es möchte mich vor dem Gräßlichen bewahren, ihm im Leben jemals zu begegnen –

Genug! unterbrach mich der Herzog mit rauher gebieterischer Stimme, indem er sich in den Hüften aufreckte und mir einen finsteren Blick zuwarf; – setzen Sie sich!

Ich that, wie er geheißen, voll bittersten Grolles, daß ich gehorchen mußte, während es in meiner Seele nach Freiheit schrie aus dieser goldenen Sklaverei, deren hohnvollen Gegensatz zu dem Schwur, den ich am Sarge des Vaters gethan, ich nie annähernd so tief empfunden, als in diesem Augenblick.

Er rauchte ein paar Sekunden still vor sich hin, dann sagte er in dem ruhig vornehmen Ton, welcher ihm in jedem Moment zu Gebote stand:

Sie sind über Gebühr aufgeregt. Ich wiederhole: was ich da gesagt und angedeutet, das sind Kombinationen, wie sie ein Kopf, der nicht ohne alle Phantasie ist, zusammenzuwirken liebt; und die Sie, der Poet, welcher mit dergleichen ex officio hantiert und noch viel grausere Dinge alle Tage ausheckt, unsereinem, – noch dazu, wenn die Absicht die beste von der Welt ist – doch nicht gleich gar so sehr verübeln sollte. Uebrigens kann ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung sagen, daß ich, wenn ich mich aufs Phantasieren lege, mir die europäische Episode im Leben der schönen Amerikanerin noch ganz anders auszufüllen vermag; und ich muß mich wundern, daß der Herr Poet nicht von selbst darauf verfallen ist. Oder hätten Ihnen Renten und die anderen Herren wirklich niemals von der schönen Miß Wilson erzählt, die vor einer Reihe von Jahren hier an meinem Theater sang und spielte und mit ihrem Kinde den Tod im Wasser suchte?

Wieder blickte er mich mit starr gläsern forschenden Augen an; ich schlug die meinen nicht nieder. Ich war empört. Wie konnte er, er es wagen, auf diese gräßliche Geschichte auch nur anzuspielen?

Ich habe davon gehört; erwiderte ich, lange zuvor: schon von dem Kammerherrn.

Ah! sagte der Herzog mit einem Lächeln, das mir seltsam gezwungen schien, dem Kammerherrn! Da kann ich mir freilich denken, wie er sie erzählt hat! Nun, das mag er mit seinem Gewissen ausmachen. Und da ich keine Ursache habe, ihm das zu erleichtern, habe ich ihn bis heute in dem Glauben erhalten – und gedenke es auch ferner zu thun – daß die Geschichte jenen tragischen Ausgang nahm, mit dem er sie Ihnen erzählte.

Hatte sie denn einen anderen? fragte ich verwundert.

Freilich, erwiderte der Herzog; denn, sehen Sie nicht, mein höchst scharfsinniger Herr Poet, daß, wenn das nicht der Fall gewesen wäre, ich doch nicht eine Affaire, die hier ein so jähes Ende fand, weiter spinnen und mit der famosen amerikanischen Geschichte kombinieren könnte? Nun, so will ich Ihnen denn sagen, was außer mir und einem zweiten bis jetzt kein Mensch weiß. Dieser Zweite aber ist der Müller, zehn Minuten von meinem Bellevue, welcher die Unglückliche samt ihrem Kinde aus dem Wasser gezogen hat und ihr, nachdem er sie noch zwei Tage in seiner Mühle vor aller Welt verborgen gehalten, zur Flucht behilflich gewesen ist. Das letztere wiederum vor aller Welt geheim, außer vor mir, der ich meine Gründe hatte, der Aermsten die Verborgenheit zu gönnen, nach der sie ein unwiderstehliches und mir sehr begreifliches Verlangen trug. Auch ich hätte mich täuschen lassen, wie jedermann, und an das Märchen von der Unauffindbarkeit der Leichen geglaubt, nur daß man einem alten Jäger, Vogelsteller und Fischfänger wie mir nicht so leicht ein Märchen aufbindet; und ich dem Müller auf den Kopf zusagte, wie sich die Sache verhielt. Er ist ein alter zäher Mensch und war der Dame sehr ergeben; aber seinem Herzog gegenüber wagte er denn doch nicht, mit der Wahrheit zurückzuhalten, was ihm nebenbei auch nichts geholfen haben würde. Nun aber paßt alles – was, wie ich Ihnen herzlich gern zugebe, auf Ihre Mutter gar nicht paßt, – à merveille auf meine Sängerin; und ich könnte Ihnen mit den Teilen, die ich in der Hand habe, eine Geschichte konstruieren, die, wenn sie nicht wahr ist, – was ich nicht behaupte – doch auf gute Erfindung und logische Konstruktion einigen Anspruch machen dürfte. Indessen, Sie sind nun heute abend einmal für meine poetischen Leistungen nicht empfänglich; und Sie haben mir dadurch völlig den Mut genommen zu einer anderen kleinen Ueberraschung, die ich für Sie vorhatte, und die ich nun in petto behalte. Also sprechen wir von etwas anderem. Wie steht es mit dem Münzer?

Ich blickte erschrocken auf. Er war heute wirklich fürchterlich. Was wollte er nun wieder von meinem Münzer in dem Augenblick, wo ich mit ganzer Seele bei der letzten Geschichte war, die mich ganz anders interessierte, als der beleidigende Unsinn, in welchen er vorhin den Namen meiner Mutter gemischt hatte. Der Münzer war ein Thema, wie er es für die Stimmung, in der ich mich befand, übler nicht hätte wählen können.

Schlecht steht es, sagte ich nach einer unschicklich langen Pause. Ich kann, je weiter ich komme, mich um so weniger mit der Auffassung Eurer Hoheit befreunden. Behielten die Fürsten nicht nur recht, wie sie es ja leider in Wirklichkeit gethan haben, sondern hatten auch recht, wie Hoheit meinen, – während sie nach meiner Ansicht nur deshalb obsiegten, weil sie im Besitz der Macht und Gewalt waren, und hier, wie auch sonst, Macht vor Recht ging – dann habe ich, offen gestanden, auch keine Freude mehr an dem Werke, das sich mir unter den Händen zu einem Lobgesang für die Fürsten verwandelt, aus einem Mene Tekel für sie von der Hand der von ihnen gemordeten Freiheit.

Das thut mir aufrichtig leid, erwiderte der Herzog, jetzt wieder ganz in seinem alten freundlich gütigen Tone; ich hatte geglaubt, daß meine Ansicht, als die historisch richtige, auch in dem Drama, soll es anders ein wirklich historisches und nicht ein bloßes Phantasma sein, zur Geltung kommen müsse. Ich gebe auch die Hoffnung noch nicht auf. Denn nach dem, was Sie mir eben gesagt, muß ich schließen, daß Sie mich keineswegs völlig verstanden haben; und so möchte ich mir erlauben, von dem schlecht unterrichteten Poeten an den besser zu unterrichtenden zu appellieren. Dazu ist freilich heute nicht mehr die Zeit.

Er warf über die Breite des Zimmers einen Blick nach der Stutzuhr auf dem Kamin, von der trotz der Entfernung und der mangelhaften Beleuchtung seine falkenscharfen Augen Stunde und Minute abzulesen vermochten.

Der Tausend! schon so spät! rief er. Also nun – Ende gut, alles gut: ein paar hübsche Gedichte!

Es war ihm fast schon zur Gewohnheit geworden, daß er sich bei diesen Zusammenkünften ein oder das andere Gedicht, welches inzwischen bei mir entstanden, vorlesen ließ, um seine Bemerkungen daran zu knüpfen, die manchmal zu förmlichen ästhetisch-poetischen Exkursen wurden. Ich pflegte mir zu dem Zweck ein paar Sächelchen zurechtzulegen, von denen ich hoffen durfte, daß sie ihm gefallen würden. Heute stand mein Sinn ganz anders. Es war wie eine Tollheit über mich gekommen, ihm zu widersprechen, ihn zu reizen, ja mehr: ihn zu zwingen, den störrisch-widerspenstigen Menschen fortzuschicken, fortzujagen, womöglich noch in dieser Stunde, auf der Stelle.

Ich hätte Eurer Hoheit nur eines aufzuweisen, erwiderte ich, scheinbar ruhig, trotz des furchtbaren Herzklopfens, das mir den Atem zu benehmen drohte; und ich fürchte, Eure Hoheit würden das eine keineswegs hübsch finden.

Da ich bei Ihnen sicher sein darf, daß es nicht de mauvais genre ist – ein genre, das, wie Sie wissen, ich ein für allemal nicht goutiere – heraus damit! Wo steckt es?

Ich kann es Eurer Hoheit auswendig sagen; erwiderte ich.

Desto besser. Ist es lang?

Nein.

Also!

Er lehnte sich in die Sofaecke zurück. Ich holte noch einmal hastig Atem und rentierte, ohne zu stocken und ohne die Augen von ihm zu verwenden, der die seinen, als aufmerksamer Hörer, halb eindrückte:

Serves them right!

Nie neidet' ich dem Hirschen seine Schnelle;
Nie wünscht' ich mir des Löwen wucht'ge Krallen;
Und selbst im Traum ist mir nicht eingefallen,
Zu prunken in des Panthers buntem Felle.
Den Armen war ich stets ein Gutgeselle;
Auch mied' ich nicht des Reichen Marmorhallen;
Wenn fromme Leute zu den Tempeln wallen,
Verengt' ich ihnen nie die heil'ge Schwelle.
So laß' jedwed Geschöpf ich gerne gelten.
Nur ein's, gesteh' ich, macht mein Herz beklommen:
Der Herrscher Existenz und sondre Rechte.
Und doch unbillig wär's, darob zu schelten,
So lang' neun Zehntel, die zur Welt gekommen
Sich wohlig fühlen als gebor'ne Knechte.

Bravo! rief der Herzog.

Ich starrte ihn erschrocken an.

Das ist vortrefflich, fuhr er lebhaft fort; alles rund und klar, mit schönem Rhythmus der wohlgebauten Verse, die in vollen Reimen rein ausklingen. Auch das scheinbar harmlose Vorspiel der ersten Strophe, das sich dann in der zweiten schon vertieft, bis in der dritten das Thema schnell und kräftig einsetzt, um in der vierten mit nicht minder kräftiger Ironie abgethan zu werden – es ist wirklich mit das beste, was Sie in letzter Zeit gemacht haben. Und wie apropos der Inhalt zu unserm abgebrochenen Gespräche über den Münzer! Ja, cher ami, merken Sie denn gar nicht, welche Waffe Sie mir mit diesem Sonett gegen Sie in die Hand geben? Kann man die »Existenz der Herrscher« und ihre »sondren Rechte« fester stabilieren, als auf dem Umstand, daß neun Zehntel aller Geborenen geborene Knechte sind? Sie räumen das ja selber ein. Nun, und neun Zehntel, die ohne Herrscher nicht leben können, werden doch wohl das eine Zehntel, das ohne dieselben fertig werden zu können glaubt, majorisieren dürfen! Dagegen kann der eingefleischteste Demokrat nichts einzuwenden haben. Ich gebe Ihnen mein Wort: in dem Augenblicke, wo die Sache umgekehrt liegt, und unsre neun Zehntel Ihre neun Zehntel geworden sind, bin ich der erste, der den, welcher seine fürstlichen Herrlichkeiten auskramen wollte, aufs Schaffot oder ins Irrenhaus schickt. Bis dahin –

Er brach ab, hielt, nachdenklichen Blickes, die ausgegangene Zigarre in das Licht, und fuhr dann, leiser und mehr mit sich selbst, als zu mir sprechend, fort:

Bis dahin, fürchte ich, wird noch viel Wasser bergab laufen. Ich sage: fürchte, denn im Grunde meines Herzens gehöre ich zu Ihrem ein Zehntel; und wäre ich nicht auf einem Thron geboren, würde ich ein fanatischer Revolutionär geworden sein, ja auch auf dem Thron, wäre der Thron hoch genug gewesen, daß sich das Revolutionieren der Mühe verlohnt hätte. Dennoch habe ich es versucht. Was ist mein Lohn gewesen? Des Thoren Lohn, der zusehen muß, wie nun hinterher Schlauere jene neun Zehntel, die ich aus ihrer stumpfen Lethargie wecken und zur Freiheit begeistern wollte, mit dem Mohnsaft von Macht und Ruhm nur noch tiefer einlullen; und den Sklaven ihre Ketten vergolden, damit die dummen betrogenen Teufel nicht auf den Einfall kommen, zu versuchen, ob es sich ohne Ketten nicht doch am Ende besser leben läßt. Ah bah!

Er hatte die Zigarre in den Aschbecher geschleudert und sich erhoben.

Da schwätzt man die Mitternacht heran, und ich muß morgen so früh heraus! Ich möchte Sie eigentlich mitnehmen, um Sie auf andre Gedanken zu bringen; aber an dem leidigen Berlin würden Sie auch keine Freude haben. Ich will Ihnen einen anderen Vorschlag machen. Laufen Sie einmal, während ich weg bin, in meinen lieben Bergen herum! Das wird Ihnen gut thun. Sie sehen verzweifelt blaß und angegriffen aus. Sie können ja den Holzbock mitnehmen, oder Sie gehen auch meinetwegen allein. Aber gehen Sie! Und kommen Sie wieder mit roten Wangen und mit Augen, die fröhlich in die Welt und nicht in jedem, der das Unglück hat, als Fürst geboren zu sein, gleich einen Tyrannen sehen, zumal, wenn er es so herzlich gut gemeint, wie Ihr unterthänigster Diener mit Ihnen – Sie Brausekopf, Sie!

Er hatte mir bei den letzten Worten die Wange sanft mit der Hand gestrichen, die er mir nun mit kräftigem Drucke reichte.

Dann war ich allein, verstört auf die Thür blickend, durch die er gegangen war.

So mag ein Gefangener auf die Thür blicken, die der Kerkermeister hinter sich abgeschlossen. Der dumme Teufel hatte wirklich versucht, die goldenen Ketten abzustreifen. Für diesmal war es ihm nicht gelungen.

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