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Was will das werden? Erster Theil

Friedrich Spielhagen: Was will das werden? Erster Theil - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleWas will das werden? Erster Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrun6. Auflage
year1895
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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VI.

Aber heißt, so hart aburteilen über diese Phase meines Lebens, nicht das Kind mit dem Bade ausschütten? Sind die Irrgänge der Jugend Irrgänge für die Jugend selbst, oder nicht vielmehr für uns, die wir die Jugend hinter uns haben und von dem erhöhten Standpunkte aus den geraden Pfad sehen, den wir hätten gehen müssen? Und auch gehen können? O ja, wenn wir eben nicht jung gewesen wären! Und den wir wahrscheinlich schon um deshalb nicht gehen durften, weil wir sonst alle die Erfahrungen nicht gesammelt hätten, von deren Höhe wir mit so weisem Kopfschütteln auf jene Irrgänge herabblicken, in welchem die Dornen uns so tiefe Wunden rissen, daß uns die Narben bei bösem Gemütswetter noch heute schmerzen. Und in denen so viel blaue Wunderblumen blühten, die das dankbare Herz nicht vergißt und nie vergessen kann, weil ihr Duft geblieben ist und uns noch heute in der Erinnerung berauscht!

Nein, gute, herzige Adele, meine Liebe zu dir war keine geschminkte Lüge! Was du darin gefehlt hast, du hast es gut gemeint; und es kann dir daraus kein Vorwurf gemacht werden, daß du in der sicheren Reinheit deiner Liebe die Gefahr nicht sahst, in welcher der Unwissende von Anfang an schwebte, und in die er sich so fürchterlich verstricken mußte. Und mein Fehl – vielleicht soll die Moral es mit gewissen Dingen nicht schwerer nehmen, als es die Natur zu thun scheint; ich meine, uns nicht mit der Verantwortung für etwas belasten, das erst zum Verbrechen wird, wenn die Binde fällt, mit der die Natur, als sie uns in das Leben entließ, unsere Augen umhüllte.

Dennoch fehlte es mir an Warnungen nicht, die meine Leidenschaft hätten stutzig machen sollen; aber ich kann der Natur nicht die Ehre geben, daß sie es gewesen wäre, von der die Warnungen ausgingen.

Ich hatte Adele in letzter Zeit wiederholt weniger heiter gefunden, als sonst; dann hatten sich diese ernsten Stimmungen vertieft und waren häufiger aufgetreten; zuletzt kamen ganze Tage, in denen ich kaum einmal das alte liebe herzige Lachen von ihren Lippen hörte. Ich drang geraume Zeit vergeblich in sie, mir zu sagen, was es sei? Aber endlich hatte ich sie einmal in Thränen gefunden, und der Anblick mich so außer mir gebracht, daß sie, um mich zu beruhigen, halb wider Willen, wie mir schien, meinem Drängen nachgab. Sie wollte sich von ihrem Gatten scheiden lassen. Mit dem Gedanken hatte sie sich schon längst getragen; es waren auch bereits einleitende Schritte geschehen, denen sie aber keine Folge geben konnte, weil sie sich die Freiheit mit der Hingabe ihres ganzen mütterlichen Vermögens erkaufen sollte. Der Mann, dessen Namen sie führte, wollte es billiger nicht thun. Dann aber wäre ihr nur geblieben, was sie der Güte des Herzogs verdankte: die Villa und was er ihr sonst im Laufe der Jahre geschenkt – genug, daß sie damit standesgemäß hätte weiter leben können – in der Möglichkeit der Ungnade des Herzogs. Vielmehr in der Gewißheit dieser Ungnade. Der Herzog hatte sich dem Scheidungsprojekt gegenüber schwankend gezeigt, indem er anfangs nichts davon hören wollte, dann eine halbe Einwilligung gab, die er heute vormittag, als Adele auf endliche Entscheidung gedrungen, ganz zurückgezogen hatte. Das war der Grund ihrer Thränen gewesen, die nun reichlich wieder hervorbrachen, als sie mir am Abend im Wäldchen, dem Orte unsrer ersten denkwürdigen Unterredung und seitdem meinem Lieblingsplatz, diese Mitteilungen machte.

Wir saßen nebeneinander auf der Bank. Ihr schönes Haupt war auf meine Schulter gesunken; ich hatte den Arm um ihren Leib gelegt, bebend vor Wonne und doch nicht wagend, sie fester an mein pochendes Herz zu ziehen, in dem bitteren Gefühl, daß es nicht Liebe sei, was mir diese Gunst gewährte, nur der Schmerz, der bei mir, wenn nicht Hilfe, so doch Trost suchte. So bemühte ich mich denn, die Weinende zu trösten: der Herzog werde nicht unerbittlich sein; was sie bitte, sei ja doch nur ihr gutes Recht, das ihr der Herzog um so weniger vorenthalten könne, als gerade er es gewesen, der sie, die Unschuldige, Unerfahrene, von jedem Rat, jeder Fürsorge anderer Verlassene, durch seine Autorität, durch seinen Machtspruch in diese unerträgliche Lage getrieben habe.

Das ist es ja eben, sagte sie, ihren Kopf von meiner Schulter hebend und sich die Thränen trocknend. Er sieht nichts Unerträgliches in meiner Lage. Er begreift nicht, weshalb ich nicht so weiter leben könne, leben wolle, wie bisher. Ich habe ihm erwidert, das Märchen, daß Trümmnau seiner Gesundheit wegen Jahr aus Jahr ein in Monako spielen müsse – denn weiter thut er da unten nichts – könne doch nicht ewig aufrecht erhalten werden. Er müsse doch einmal zurückkommen, und was dann? – Dann ist es so wie früher, erwiderte er; ihr lebt ebenso nebeneinander. – Nein, sage ich, es ist nicht so wie früher, denn ich bin nicht mehr, wie ich früher war. Wenn ich jenes gräßliche Nebeneinanderhergehen damals ertrug – heute, nachdem ich jahrelang unbehelligt habe leben dürfen, heute, nachdem ich über so vieles anders denke, als ich damals gedacht habe, ertrüge ich nicht mehr, was ich jetzt als eine Unanständigkeit und eine Schmach empfinde.

Hast Du ihm das gesagt? rief ich. Ja; erwiderte sie nach einigem Zögern. Und er will Dich dennoch zu dieser Schmach zwingen?

Er hat die Achseln gezuckt und gesagt, die Sache sei nicht so schlimm, wie ich sie mache; und wenn da wirklich ein Opfer von meiner Seite zu bringen wäre, so glaube er, dies Opfer beanspruchen zu dürfen.

Aber das ist ja doch die abscheulichste Tyrannei, rief ich empört; und einen Menschen zu tyrannisieren, dazu hat keiner das Recht, er sei auch, wer er sei, und stehe zu dem Betreffenden in einem Verhältnisse, in welchem er wolle. Dann freilich bleibt Dir nichts übrig, als der Gewalt mit Gewalt zu trotzen. Du bist seine Sklavin nicht. Wenn er Dir das Recht eines freien Menschen verweigert, so holst Du es Dir an einer anderen Stelle – sein Herzogtum ist Gott sei Dank nicht Deutschland. Und wenn Du dies alles hier zurücklassen und mittellos in die Fremde müßtest, ich gehe mit Dir, und wäre es bis ans Ende der Welt. Ich will für Dich arbeiten, daß mir das Blut aus den Nägeln spritzt; ich will für Dich betteln, wenn es sein muß.

Und stehlen und morden, nicht wahr? Du Wilder, Du – lieber Kerl!

Sie hatte mir beide Hände auf die Schulter gelegt, mich, durch Thränen lächelnd, anblickend; und so gab sie mir einen herzlichen Kuß. Ich taumelte von meinem Sitze auf. Sie war zu gleicher Zeit aufgestanden und sagte, meinen Arm nehmend:

Komm! laß uns ein wenig promenieren! Wir haben uns da beide in eine Aufregung hineingesprochen, welche die Sache am Ende wirklich nicht verdient. Denn darin muß ich ja dem Herzog recht geben: so eilig ist es nicht. Wenigstens amüsiert sich Trümmnau vorläufig noch ganz gut in Monte Carlo und wird sich auch weiter amüsieren, vorausgesetzt, daß der Herzog fortfährt, ihm seine Spielverluste zu decken. Manchmal wünsche ich freilich, Trümmnaus Ansprüche steigerten sich derart, daß sie der Herzog beim besten Willen nicht mehr befriedigen könnte, und es dann, so oder so, zur Entscheidung käme. Daß sich der Herzog in der letzten Stunde gegen mich entscheiden sollte, kann ich mir nicht denken. Dazu ist er zu gutmütig und hat mich auch viel zu lieb.

So sprach sie, schon wieder indem alten herzigen Plauderton; ich hörte stumm und verdrossen zu. Wenn die Sache so stand; wenn sie sicher war, daß der Herzog, mochte er sich jetzt noch so sehr sträuben, zuletzt nicht Nein sagen werde, weshalb dann diese Sorge und Angst? weshalb dann diese Verzweiflung, diese heißen, an meiner Brust vergossenen Thränen? Auch sonst hatte der Herzog so unrecht nicht: sie konnte warten, bis der Herr Gemahl da unten rebellisch wurde. Es hatte ja gar nicht den Anschein – sie gab es ja selbst zu – daß das so bald eintreten würde. Und wenn es eintraf und er zurückkam: seine Zimmer in dem großen Hause standen immer unbenutzt; sie betrat dieselben nie; sie brauchte sie auch hernach nicht zu betreten. Sie mochten so »nebeneinander hinleben«, wie der Herzog sagte; was ging ihr dabei an ihrer Freiheit verloren? Und was an Freiheit sie bei der Scheidung gewinnen mochte, wem immer es zu gute kam – ich war es sicher nicht. Wäre ich unsinnig genug gewesen, je daran zu zweifeln, der Kuß vorhin hätte mich eines anderen belehren müssen. Ich hatte keine Erfahrung in diesen Dingen, bedurfte derselben aber auch nicht. Ich wußte, wie sie mich geküßt hatte, und wie ich sie geküßt haben würde, hätte ich gedurft.

Und dazu kannst Du mehr, als irgend ein anderer; sagte sie.

Wozu?

Du bist verzweifelt unaufmerksam: den Herzog umzustimmen. Du darfst ihm jetzt schon sagen, was ihm keiner sonst sagen darf. Und diese Deine Macht über – Dein Einfluß, wenn Dir das besser klingt, auf ihn, muß immer noch wachsen. Ja, ich hoffe mehr; ich hoffe, und das ist mir ein gar lieber Gedanke, daß die Zeit kommt, wo Du mich für ihn entbehrlich machst, mich bei ihm ersetzest, und mehr als das. Was er braucht, ist ein Freund. Eine Freundin, eine Frau, und wäre sie zehnmal gescheiter und geistreicher, als ich arme unwissende, dumme Person, kann dem Geistreichen nicht folgen, wo er es am meisten braucht, am dringendsten verlangt, um nun seine Einsamkeit und Verlassenheit erst recht und sich doppelt unglücklich zu fühlen.

Weil er sich unglücklich fühlen will, rief ich; weil er aufhören müßte, sich als Herzog zu fühlen in dem Augenblicke, wo er sich nicht mehr einsam und verlassen wüßte; und deshalb sorgfältig darüber wacht, daß dieser Augenblick doch nur niemals komme! Und ich soll das Kunststück fertig bringen, das Du Dir nicht zutraust? Ich versichere Dich, daß ich nicht um ein Haarbreit mehr Einfluß auf ihn habe, als Renten oder irgend einer von den anderen; sogar weniger, als sie, weil ich nicht so klug bin, wie sie, und mit Ja und Nein und Nein und Ja Fangball spielen kann, wie sie.

Das glaubst Du ja selbst nicht; sagte Adele; aber ich habe Dich mit meinen albernen Geschichten aufgeregt und werde mich ein andermal besser vorsehen. Jetzt gehst Du nach Haus und schreibst eine Scene in Deinem Münzer, so eine, in der es recht fürchterlich über die armen Fürsten hergeht. Einen Handkuß erlaube ich Dir heute auch nicht mehr. Du bist unartig gewesen! Geh!

Und ich ging, Wut und Verzweiflung im Herzen, mir zuschwörend, daß ich niemals wieder ihre Schwelle überschreiten wolle. Und dem Herzog schreiben wolle, zum Fürstendiener sei ich nun einmal nicht geschaffen, und zu einem Spielzeug halte ich mich für zu gut. Er solle sich ein anderes suchen und –

Das glaubst Du ja selbst nicht; hörte ich in Adelens ruhig klarer Stimme.

Nun gut: dazu hatte ich vielleicht nicht den Mut. Aber eine Scene im Münzer wollte ich schreiben und ihm zu lesen geben, die mir den Absagebrief ersparen sollte!

Das glaubst Du ja wieder nicht; sagte die klare Stimme.

Nein, ich glaubte es wieder nicht. Er würde mich deshalb so wenig fortjagen, wie er es gethan trotz aller ähnlichen Veranlassungen, die ich ihm bereits gegeben, und bei denen er nie den Herzog herausgekehrt hatte, sondern immer der großherzige geistreiche Mann und freundliche Berater geblieben war.

Oder log ich mir vielmehr das jetzt vor, und legte mir die Dinge zurecht, wie sie liegen mußten, und sah die Personen, wie ich sie sehen mußte um Adeles willen? Und wie sie nicht lagen und nicht aussahen, sobald ich Adele aus der Rechnung ließ, die dann auf keine Weise mehr stimmte?

Aber was war denn ich für sie, die mir alles war und die Angel, in der sich für mich diese ganze höfische Welt drehte, – was war ich für sie? Ein Nichts, ein Pudel, mit dem man spielt und den man ins Wasser schickt, wo es für einen selbst zu tief wird; ein lieber Junge im besten Fall, bei dem man sich ruhig ausweinen kann, weil er ja doch geduldig stillhält, und dem man hernach zur Belohnung einen Kuß gibt. Einen Kuß, mit dem man eben – liebe Jungen küßt, nicht bloß im Abendschatten verschwiegener Bäume, nein! vor aller Welt küssen dürfte, vor den Augen auch des Mannes, den man liebt, und der ja besser weiß, wie ihre Küsse brennen, ihre wahren Küsse!

So in den Alleen, den verschlungenen Gängen des Parkes, über den bereits die Nacht herabsank, irrte ich ohne Rast und Ruhe. Schon ein paarmal war ich nahe am Schlosse gewesen und immer wieder umgekehrt in den Park hinein auf ihre Villa zu, bis ich das Licht aus den Fenstern schimmern sah. Arme, unglückselige Motte, ich! Als ob ich mir nicht schon die Flügel so arg verbrannt hätte! Was wollte ich denn noch? Ihre Verzeihung erbetteln? Nun, die würde sie mir wohl gewähren und, wenn ich gar sehr bettelte, noch einen Kuß! den ich ihr diesmal zurückgeben wollte! Einen Kuß! den ersten und – letzten! das wußte ich! So hatte ich sie doch einmal geküßt, einmal an mein Herz gedrückt –

Nein, nein! auf diesem Wege lag Wahnsinn! Zurück, Unglücklicher, wenn du noch einen Funken von Stolz in dir hast! wenn du dich nicht auf ewig verachten und hassen sollst, wie du dich ihr verächtlich und hassenswert gemacht hättest!

Und bereits wieder – zum zehntenmal vielleicht – angesichts der Villa, kehrte ich um wie einer, der ein Verbrechen begehen will, und den plötzlich der Mut zur That verläßt. In halber Sinnlosigkeit war ich so schon eine Strecke fortgerannt, bevor ich merkte, daß ich nicht den Weg zum Schloß, sondern zur Stadt eingeschlagen hatte. Die Wege glichen sich freilich sehr, und der eine war so einsam wie der andre. Es war ja auch ganz gleich, wohin ich ging. An arbeiten war doch nicht zu denken. Der Herzog, der morgen in der Frühe auf acht Tage nach Berlin wollte und in sehr ungnädiger Stimmung war, (er war es immer, wenn er nach Berlin mußte,) hatte für heute abend jede Gesellschaft abgesagt. Ich hatte eine dunkle Erinnerung an ein Rendezvous, das ich mir mit Renten und dem Leutnant von Brink in einem Restaurant der Stadt gegeben. Also zur Stadt!

Plötzlich stand ich still. Auf dem immer noch völlig verlassenen Wege kam mir jemand sehr raschen Schrittes entgegen. Es mochte Renten sein, der es eilig hatte, mich von Frau von Trümmnau abzuholen. Mit meinem schlechten Gewissen wollte ich aber gerade jetzt nicht von daher kommen; lieber mochte er sich dort sagen lassen, daß ich bereits seit einer Stunde fort sei. Dies und was es sonst noch war, ging mir durch die Seele, und in demselben Moment hatte ich mich, der ich so schon hart am Rande des Weges schritt, an den dicken Stamm eines Baumes gedrückt, bereit, im Falle Renten mich doch bemerken sollte, einen Scherz aus der Sache zu machen. Aber der da kam, bemerkte mich nicht; und es war nicht Renten. Als der Mann ein wenig an mir vorbei war, hatte ich in dem Dämmerschein des Mondes, der eben jetzt durch die Wipfel zu scheinen begann, seine Gestalt hinreichend deutlich gesehen. Es mußte ein Fremder sein. Ich kannte ja so ziemlich jeden in der kleinen Stadt; und auch die Tracht war anders gewesen, wenigstens kein sommerlicher Promenadenanzug, eher ein Reisekostüm. Vor einer Viertelstunde hatte der Eilzug auf der großen Linie von Norden nach Süden die Stadt passiert. Jemand, der so schnell ging, wie der Fremde, konnte sehr wohl die Strecke vom Bahnhof durch die Stadt auf dem kürzeren, ja auch um die Stadt herum auf dem längeren durch den Park zurückgelegt haben. Was aber suchte er hier, wo auf herzoglichem Terrain kein Haus mehr lag, nur noch Adeles Villa?

Der Fremde war in so geringer Entfernung von mir, daß ich seine Gestalt noch immer deutlich unterscheiden konnte, stehen geblieben, vermutlich unsicher über den Weg, der gerade an dem Punkte sich kreuzte. Links lief die Fahrstraße nach dem Schlosse, das, in weiterer Entfernung, von der Stelle unsichtbar, hinter den Bäumen lag; rechts führte eine Abzweigung der Fahrstraße eben nur noch bis zur Villa; und die konnte man von da aus sehen, zumal jetzt, wo ihre weiße Fronte der Mond bescheinen mußte, und zum Ueberfluß die Lampe in Adeles Salon brannte. Der Fremde wandte sich nach rechts.

Mein Herz, das, ich wußte selbst nicht warum, heftig geschlagen hatte, stand plötzlich still vor einem Gedanken, der mich durchzuckte, wie ein Blitz, der vom nächtlichen Himmel fährt und für einen Moment Tagesklarheit über die dunkle Welt streut. Nur für einen Moment, gerade lange genug, um, was bare Tollheit schien, für mich zu einer schauerlichen Möglichkeit, zur grausamen Gewißheit zu machen. Sie war so seltsam aufgeregt heute abend gewesen; hatte mich, trotz meiner flehentlichen Bitte, nur noch eine Viertelstunde, nur noch fünf Minuten bleiben zu dürfen, ganz gegen ihre Gewohnheit so unbarmherzig weggeschickt, vor mir war sie sicher und ebenso vor dem Herzog, der sie nach der Scene am Vormittag heute abend gewiß nicht mehr besuchen würde. Da mochte sie in aller Heimlichkeit den empfangen, um dessenwillen sie sich scheiden lassen wollte. Und dem ihre Thränen geflossen waren, die sie dann so schnell wieder getrocknet hatte, weil sie wußte, daß er auf dem Wege zu ihr war; sie ihn trotz alledem binnen einer Stunde in ihren Armen halten würde: den Russen, den Herrn von Pahlen!

Als hätte das alles nicht in meinem dunklen Herzen, sondern mit Flammenschrift vor mir auf der schwarzen Waldwand gestanden, war es der eifersüchtigen Seele aufgegangen tausendmal schneller, als Worte es auszusprechen vermögen. Aber ob ich das war, der da hinter dem Fremden her unter den breiten Kronen der Bäume am Rande des Weges hinhuschte, ob ein Gespenst meiner selbst – ich hätte es nicht zu sagen gewußt, so ganz waren alle meine Sinne nur bei der schwarzen Gestalt, die, jetzt im Schatten, daß sie fast verschwand, jetzt deutlich im Licht des Mondes vor mir auf dem Wege hinglitt, – immer vor mir her, – nun an der Mauer, die das Villawäldchen von der Fahrstraße schied; nun an dem höheren eisernen Gitter längs der Bosketts; nun an dem niedrigeren des Vorgartens und, an der Gitterthür angelangt, sich nicht weiter bewegte. Jetzt der Ton der Klingel, sehr vorsichtig, sehr leise – einmal, zweimal. Die Thür sprang auf (sie wurde vom Hause aus geöffnet); – die Gestalt glitt durch die Thür; durch den Vorgarten, in welchem sie aber erst wenige Schritte auf die Verandatreppe zu gemacht hatte, als das Licht im Salon plötzlich sich bewegte – in den nach dem Hintergarten gelegenen zweiten Salon: ich hatte ganz deutlich die Verbindungsthür auf- und zugehen sehen. Inzwischen war die Gestalt durch den Vorgarten bis zur Verandatreppe gelangt. Hier verlor ich sie hinter dem Geflecht des wilden Weines, mit dem die Treppe überrankt war; erblickte sie aber sofort wieder, als sie zwischen den Veranda-Säulen hinglitt und durch die offene Thür in den jetzt dunklen Salon trat. In demselben Moment hatte ich mich über das Gitter in den Garten geschwungen, mich nach rechts schlagend, wo mir die Bosketts Schutz gewährten. Hier hielt ich still, nicht aus Scham – ich empfand keine, auch nicht die leiseste Regung – nur, um das hämmernde Herz ein wenig zur Ruhe kommen zu lassen und zu überlegen, wie ich bis zu den Fenstern des hinteren Salons gelangen könne, in den Adele geflüchtet war, dort in größerer Sicherheit den Liebsten zu empfangen. Die Entfernung war nur gering; aber die Blumenbeete boten keine Deckung und den Zugang zu der Thür bildete ein sanft aussteigender Rasenplatz, durch welchen ein mit Blattpflanzen in Vasen besetzter Kiespfad bis zur Thürschwelle führte. Die Thür, hier von Holz, war zu; und das war ein Vorteil für den Heranschleichenden, der nun die Wahl hatte zwischen den beiden Fenstern, je einem zu Seiten der Thür, die freilich, da der Rasenplatz nach rechts und links schärfer abfiel, bereits in ziemlicher Höhe über dem Erdboden lagen. Ich würde, den Fuß auf die schmale Mauerplinthe setzend, mich an dem Fenstersims emporziehen müssen.

Aber das letzte Schamlose wurde mir Gott sei Dank erspart. Die Thür in beiden Flügeln wurde von innen aufgestoßen, und sie traten auf die Schwelle. Es mochte sie nicht geduldet haben in dem verschlossenen Raum, die Glücklichen; sie mochten die keusche Nacht und die reinen Sterne haben anrufen wollen zu Zeugen ihres Glückes.

Und so standen sie, – die beiden Gestalten scharf abgezeichnet auf dem helleren Hintergrunde des Zimmers, – in die Nacht hinein, zu den Sternen aufblickend; sie den Kopf an seine Schulter lehnend, wie vorhin auf die meine; er den Arm um ihren Leib schmiegend, wie ich es vorhin gethan. Und nun hob sie das Antlitz, in welchem ich ihre Augen glänzen zu sehen meinte, zu ihm empor; er senkte das seine, sie ganz umschlingend, wie sie ihn.

Die Thür war geschlossen und nur der Lampe Licht dämmerte durch die Fenster, als der Unselige in dem Schatten der Bosketts wieder die brennenden Augen aufzuheben wagte. Und dann schleppte er sich aus dem Garten unter der Doppellast seiner Verräterschuld, die er jetzt in schauerlichster Klarheit ermessen konnte, und seines Leides, dessen grauenhafte Tiefe ihm unermeßlich schien.

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